Perlentaucher-Autor

Ekkehard Knörer

378 Artikel

Ekkehard Knörer, geboren 1971 im Fränkischen, hat Englisch, Deutsch, Philosophie und Kulturwissenschaften studiert. Promotion zu "Witz und Ingenium in Rhetorik und Poetik des 17. und 18. Jahrhunderts", danach Postdoktorand am Graduiertenkolleg "Figur des Dritten" in Konstanz. Ekkehard Knörer ist Kulturwissenschaftler, Film- und DVD-Kritiker, u.a. für die taz (Kolumne "dvdesk"), war von1998 bis 2008  Herausgeber des Internet-Magazins für Film & Kritik Jump Cut, ab 2008 Redakteur bei der Filmzeitschrift Cargo. Ab 2000 war er Mitarbeiter des Perlentauchers, Autor der Krimi-Kolumne "Mord & Ratschlag" und der Film-Kolumne "Im Kino". Seit Oktober 2011 ist Ekkehard Knörer Redakteur des Merkur.
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Schweigt und brütet: Rafi Pitts in 'Shekarchi'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2010

Zu den erstaunlichen und manchmal gelinde verstörenden Erfahrungen, die man im Sturm eines Festivals macht, gehört die, dass beinahe jeder Film, so sehr man selbst unter ihm leidet, seine Freunde, Anhängerinnen und Fürsprecher findet. Ein besonders eklatanter Fall ist da für mich der vorgestern im Wettbewerb gelaufene Rafi-Pitts-Film "Shekarchi". Ich saß in meinem Cinemaxx-Sessel und konnte, je länger er dauerte, desto weniger fassen, was mir da zugemutet wird. Den Saal verließ ich im Bewusstsein, eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter mich gebracht zu haben. Die Lektüre der Kritiken, der Blick in den Kritikerspiegel belehrten mich dann - nun ja, nicht eines anderen, denn ich sehe den Film noch ganz genauso; ich bin jetzt aber doch um die Erkenntnis reicher, dass viele Kolleginnen und Kollegen in "Shekarchi" ein vollkommen respektables Werk sehen.
Von Ekkehard Knörer

Nur Geduld: Jean-Claude Caissys 'La Belle Visite'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2010 Kein Grand Hotel, aber ein Ex-Motel Abgrund ist das Altersheim, das Jean-Claude Caissy in seinem Dokumentarfilmdebüt "La Belle Visite" porträtiert. Der Abgrund, an dem es steht, ist so tief nicht, der Blick, den man hat, geht sehr großzügig sogar ins Weite, hinaus aufs Meer. Im Sommer können die Bewohner des Heims direkt vor ihrer Tür sitzen, die Sonne im Gesicht, nichts als den Ozean zwischen sich und dem, was hinterm Horizont kommt. Im Film ist allerdings das Wetter die meiste Zeit schlecht. Und so richtig Augen für Naturschönheiten haben die hier lebenden Menschen, dies der Eindruck, den Caissys Film vermittelt, ohnehin nicht. Von Ekkehard Knörer

Gott auf zwei Rädern: Koji Wakamatsus 'Caterpillar'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 16.02.2010

So abspannhaft nüchtern ist noch selten ein Vorspann über die Anfangsbilder eines Spielfilms getickert. Die Bilder, über die die Schriftzeichen laufen, sind Dokumentaraufnahmen von Kämpfen und Zerstörungen aus dem Zweiten Weltkrieg, allerdings nachträglich mit Kriegskampfkrach und Kriegsfeuerlärm synchronisiert. Vom Dokumentarfilmkriegsfeuerlärm schneidet in einer Art trockenem
Match Cut Koji Wakamatsu dann hinüber ins Spielfilmbild. Man sieht: eine Vergewaltigung hinter mit billigem Digitaleffekt in die Bilder kopiertem Feuer. Der Effekt und das Geschehen gehen eine Verbindung ein, aber sie ist sichtlich künstlich. In diesem extrem sachlich dissoziierten Dokumentarbild-Spielfilmübergang setzt Koji Wakamatsu die Parameter, an die er sich fortan konsequent hält. Von Ekkehard Knörer

Total kommensurabel: Banksys 'Exit Through the Gift Shop' im Wettbewerb

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2010 Banksy was here. Na, vielleicht auch nicht. Wer da ist, vor Start des Films, ist die Berlinale-Pressechefin Frauke Greiner. Sie kündigt eine kurze Filmbotschaft des englischen Künstlers an. Ton ab, Bild ab. Er sitzt da, mit Kapuzenjacke und schwarzem Gesicht und spricht mit technisch verzerrter Stimme zu uns. Macht Scherze und teilt mit, dass der nun folgende Film erstens durch und durch die Wahrheit erzählt und zweitens ganz gut sei, jedenfalls, wenn man die Erwartungen niedrig hält. Von Ekkehard Knörer

Miserabilismusporno erster Kajüte

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2010 Ich gebe, bevor ich hier als der Berliner Schlechte-Laune-Bär abgestempelt werde, zu Protokoll, dass mir die beiden Wettbewerbsfilme "My Name is Khan" (warum der außer Konkurrenz läuft, weiß der Kosslick) und "If I Want to Whistle, I Whistle" von Florin Serban auf ihre sehr unterschiedliche Weise jeweils sehr imponiert haben.



"Submarino" von Thomas Vinterberg allerdings hat das nicht. Der Film ist eine Zumutung, was noch kein Werturteil ist. Aber er ist mächtig stolz darauf, eine Zumutung zu sein, darauf, seine Figuren und seine Zuschauer so richtig tief in die Scheiße tunken zu können. Und dieser Stolz ist zum Kotzen. Dieser Stolz, und mehr noch die Tatsache, dass er dem Film aus jeder Pore entströmt, machen diese Geschichte zweier Brüder, denen "das Leben" (in Wahrheit natürlich das Drehbuch) nichts erspart, zum Miserabilismusporno erster Kajüte. Kurze, unvollständige Aufzählung des Elends, das sie und wir mit ihnen durchwaten: trunksüchtige Mutter, "Schuld" am Tod des kleinen Bruders, erst kaputte, dann abbe Hand, Drogensucht, lautes Radio des Nachbarn, Taufname per Telefonbuch, schwer pathologischer fetter bester Freund, Geldsorgen sowieso, Vollbart, Ex-Frau jetzt mit Baby eines anderen Mannes, Tod der Mutter, schwermütige Indie-Musik, Höllenfahrt mit Frauenchören, überfahrene Ehefrau, grisselgraue… Von Ekkehard Knörer

Schiere Erstreckung: Constantin Popescus 'Portrait of the Fighter as a Young Man'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2010 Ein Historienfilm in den Bergen, in den Wäldern, in Dörfern, im Gras, in den Feldern. Rumänien im Nachkrieg. Darum, dass dieser Nachkrieg nicht enden darf, dass eine Fahne hochzuhalten ist gegen das neue kommunistische Regime, darum geht es dem Fähnlein der bis an die Zähne bewaffneten Aufrechten, die den Guerillakampf in den Bergen bis zum letzten Tropfen ihres eigenen Bluts kämpfen. "Portrait of the Fighter as a Young Man", das Langfilm-Debüt des Regisseurs Constantin Popescu, beruht auf historischen Tatsachen. Die Guerilla-Truppen, von denen er erzählt, gab es tatsächlich und den Helden, dem der Film gewidmet ist, Ion Gavrila-Ogoranu, Anführer einer zusehends dezimierten Kämpfergruppe, gab es auch. Als seine Geschichte stellt sich der Film im Nachhinein dar, weil er nämlich als einziger bis ins Jahr 1976 (!) durchhielt. Von Ekkehard Knörer

Hipsterköpfiger Breloer: 'Howl' von Robert Epstein und Jeffrey Friedman im Wettbewerb

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2010

"Howl"
, der Film, ist natürlich totaler Quatsch, aber er hat ein, zwei Attraktionen. Quatsch ist er, weil nicht mehr als ein hochgepimpter Fernseh-Schulfilm, kleines ABC der Beat Generation, hipsterköpfiger Breloer. Ursprünglich als Doku gedacht, nun aber mit Spielszenen, die soviel Leben versprühen wie tote Katzen auf den Blechdächern von New York. Illustrationen für Bildstutzige: Der Dichter spricht und sein Gedicht kommt vor Gericht. Erklärungen für Literaturstutzige: Poesie lässt sich nicht in Prosa übersetzen, darum ist es Poesie. Szenenapplaus im Berlinale-Palast (echt!). Dazwischen, auch mal Schwarzweiß, die Liebe, die Fünfziger, aber alles mitgeschnitten aus Interviews und Protokollen. Quellenfetischismus, Geschichtsdummheit. Von Ekkehard Knörer

Der Wettbewerb: eine tiefinnere Liebe zum Kompromiss

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2010

Ein Filmfestival von der Größe der Berlinale ist immer vieles auf einmal. Ein Wirtschaftsunternehmen zuerst, das auf die Gunst von staatlichen Geldgebern und privaten Sponsoren angewiesen und von beiden darum zu einem gewissen Grad abhängig ist. Den Gönnern hat es etwas zu bieten, ein Renommee, das sich Stars auf roten Teppichen sehr viel eher als großer Filmkunst verdankt. Ein A-Festival wie die Berlinale ist zugleich ein Ereignis, auf das die machtvollen Interessen der nationalen Filmproduktion starken Druck ausüben. Man will eine Leistungsschau des im eigenen Land produzierten Kinos, also möglichst viele "eigene" Filme im Wettbewerb. Die Granden der Industrie, die in Deutschland gar keine, sondern ein stark fernsehgestützter Subventionsbetrieb ist, sitzen dem Festivalleiter unweigerlich im Genick. Dazu kommt ein längst globalisierter Verkaufsbetrieb mit den Filmverkäufern als einflussreichen Figuren, die jedes Festival in die Knie zwingen könnten, das sich den in Euro und Cent artikulierten Absichten allzu deutlich verweigert. Damit ist nicht der separat stattfindende Markt angesprochen, sondern insbesondere der Wettbewerb als Börse, die Aufmerksamkeitswerte handelt.
Von Ekkehard Knörer