Perlentaucher-Autor

Daniele Dell'Agli

Daniele Dell'Agli wurde 1954 in Rom geboren, wuchs einige Jahre am Ätna auf, kam 1966 nach Hamburg, studierte von 1975 bis 1982 in Berlin Religionswissenschaft, Philosophie und Komparatistik. Magisterarbeit: "Abendländische Teleologie - Kritik einer Obsession" (unveröffentlicht). Nach Aufenthalten in Süddeutschland und der Schweiz lebt er zur Zeit als Schriftsteller und Übersetzer wieder in Berlin. Er schreibt Gedichte, Essays und Prosa sowie Features und Hörspiele für den Rundfunk. Gedichte erschienen unter anderem in der Neuen Rundschau, dem Literaturmagazin und Sinn und Form. Seine zeitdiagnostischen Essays beschäftigen sich mit Fragen der Literaturtheorie, Filmästhetik und Musikphilosophie sowie der Kulturanthropologie, Mentalitätsgeschichte und Religionswissenschaft.
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Für ein Protektorat auf Zeit

Intervention 18.09.2025 Israel wird von den meisten Regierungen der Welt die alleinige Last der Befriedung des Gazastreifens auferlegt. Statt selbst Vorschläge zu machen, ist es ihnen wichtiger, dem Antisemitismus in ihren Ländern ungeniert wieder freien Lauf zu lassen und neue geopolitische Allianzen auf Kosten Israels zu schmieden. Dabei wäre das Eingreifen einer multinationalen Streitmacht die einzige für Israel und die Palästinenser akzeptable Option. Dass so etwas möglich ist, zeigte das Eingreifen eine UNO-Truppe unter amerikanischer Führung 1990 in Kuwait. Von Daniele Dell'Agli

Die Steigerung von Sterben

Essay 09.04.2025 Dass man das Nichtsein, Nichtmehrsein noch steigern kann, ist nicht nur evolutionsbiologisch abgründig. Es fängt damit an, dass die deutsche Sprache für die Steigerung von sterben nur ein Präfix bietet, dessen Substantivierung den Anschein eines Prozesses erweckt, der sich endlos hinzieht, statt eines Endzustands. Was ausstirbt, lebt noch, Grund zur Sorge zwar, für Rote Listen etwa, aber noch nicht zu spät. Eine Meditation über (uns) Endlinge. Von Daniele Dell'Agli

Reif für die Responsivität

Essay 20.09.2024 Demokratie im Test: Warum Menschen oft irrational, manchmal sogar gegen ihre eigenen Interessen wählen, ist immer noch nicht hinreichend erforscht. Mit "kognitiver Dissonanz" ist das Phänomen jedenfalls nicht zu erklären. Schon eher mit den Paradoxien einer verweigerten Responsivität bei Regierenden und Regierten gleichermaßen. Diese wiederum zeugt vor allem von einem - schon im Grundgesetz angelegten - Unverständnis für den experimentellen Charakter von Demokratie. Von Daniele Dell'Agli

Erosionsprozesse

Essay 19.01.2024 Sowohl der Diskurs über die Menschenrechte als auch der über den Klimawandel weigert sich, den Elefanten im Raum zu benennen: die Demografie. Gerade in islamischen Ländern wie Pakistan und Ägypten - aber auch etwa im Gazastreifen - hat sich die Bevölkerung in den letzten siebzig Jahren versechs- oder siebenfacht. Gerade wenn man betont, dass die Prekarisierung menschlicher Existenz heutzutage nicht erst durch politische Repression, Ausbeutung, Krieg und Bürgerkrieg, sondern schon elementar durch den Klimawandel beginnt, muss das Demografieproblem ins Zentrum einer europäischen Migrationspolitik rücken. Von Daniele Dell'Agli

Und allgegenwärtig ist die Trauer

Essay 16.06.2023 Wenn Kriege, "Friedensmissionen", Terroranschläge und Antiterroreinsätze für die Zivilbevölkerung ohnehin nur als Medienereignis stattfinden, als tägliche Folge austauschbarer Standbilder, Archivaufnahmen und zensierter Informationshäppchen, bleiben nur Filme und Serien, die grausame Härte und desaströse Dynamik bewaffneter Auseinandersetzungen vorzuführen. Die im Feuilleton so gut wie gar nicht wahrgenommene Serie "SEAL Team" wirft immer wieder unerbittlich und jenseits aller Primetime-Bespaßung einen Blick auf die Realität von Krieg. Von Daniele Dell'Agli

Rückkehr des Ernstfalls

Essay 05.12.2022 Der Klimawandel mit all seinen Folgen lässt uns wieder auf den harten Boden der Realität aufprallen. Das Leitmotiv kultureller Selbstverständigung lautet nun nicht mehr "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" sondern: wieviel Infragestellung von Wirklichkeit können sich die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts noch leisten, ohne ihr Überleben zu gefährden? Dabei wird die Rückkehr des Ernstfalls sich nicht in einer Re-Essentialisierung sinnverwaister philosophischer Disziplinen erschöpfen. In der von allen Lebewesen geteilten  Atmosphäre gibt es nämlich nur Eine gemeinsame Welt. Von Daniele Dell'Agli

Reale Naherwartung

Essay 19.08.2022 Denis Newiak erzählt in "Blackout" vom Nutzen und Nachteil der Fiktion fürs Überleben: Er überprüft Filme und Serien auf Szenarien, die jederzeit real eintreten können, etwa die eines totalen Stromausfalls und seiner Auswirkungen auf das Funktionieren unserer Gesellschaft. Damit leitet er womöglich einen Paradigmenwechsel der Medientheorie ein. Aber andererseits können auch dytopische Serien und Filme einen Paradgmenwechsel gebrauchen: hin zu zukunftskritischen Realfiktionen. Von Daniele Dell'Agli

Klangvergessenheit

Essay 27.08.2021 Die Geschichte der Neuen Musik ist eine der Befreiung der Klänge. Was die Befreier aber nicht bedacht haben: Die Freiheit von den Form- und Strukturzwängen der Harmonielehre erweist sich als gleichbedeutend mit der Entsorgung von Affekten, Gedächtnisspuren und Assoziationsbahnen und damit von potenziellen Klangresonanzen jedweder Art. Man hatte gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und anschließend gehofft, für das Unerhörte, das man zu erforschen begann, würde sich irgendwann ein neuer Subjektraum mit neuen Gesten und Gefühlen von selbst einstellen. Claude Debussy beschritt den anderen Weg. Von Daniele Dell'Agli

Terra X antwortet nicht

Essay 01.10.2020 Es gibt hervorragende Tier-, Natur- und Georeportagen in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Aber warum muss jede Landschaft mit aufgedonnerten Streichertapeten zugekleistert, jede Spannungslücke mit psychagogischen Klangmodulen gefüllt und jedes Beute schlagende Tier von gezupften Bässen in einen Mörder verwandelt werden? Das entwertet nicht nur die Reportagen, sondern derealisiert auch unser Bild vom nichtmenschlichen Leben auf der Erde. Und es verschenkt die einzigartige Chance des virtuellen Tourismus. Von Daniele Dell'Agli
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