Das Rascheln des Rivalen

Charles Simic über Czeslaw Milosz, Sergei Lebedew über Yuri Dmitriew, Tablet über Mohamed Merah. Magazinrundschau

Radikaler Optimismus

Frisch für Sie zusammen- gestellt, liebe Leser: die aktuellsten, besten und umstrittensten Bücher in diesem Herbst.

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Das flanierende Denken

20.11.2017. Die SZ bespricht aktuelle Bücher zur Türkeikrise: Bei Inga Rogg liest sie die Vorgeschichte von Erdogans Siegeszug nach, mit Hasan Cobanli reist sie in ein "Erdoganistan" voller amüsanter Anekdoten. Mit Heinrich Gerlach begibt sie sich auf eine "Odyssee in Rot" und erhält einen platischen Eindruck der historischen Tatsachen in Stalingrad. Die FAZ bespricht Hörbücher: Mit David Foster Wallace und 1400 Laiensprechern erlebt sie 79 Stunden "Unendlichen Spaß".

MEDIENTICKER

Literaturkritik = Literaturkampf

20.11.2017. Aktualisiert: Politikberatung: Wie sich der politische Journalismus verwandelte - Ausverkauf: Die SZ & ihre chinesischen Propagandaanzeigen - NDR, WDR & SZ: "Paradise Papers"-Daten nun frei zugänglich - Eine für alle: Einzelkämpferin im Lokaljournalismus - Türkei: Berichten unter Repressionen & schwere Zeiten für die Kunstszene - Marokkos Medienlandschaft: Der Staat behält die Schlüsselrolle - Theater-Nachtkritiken aus Berlin, Hamburg, Weimar & Wien + Vienna Art Week: Kunst & Emotionen im Technik-Zeitalter.

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Zwischen den Backen eines Schraubstocks tanzen

20.11.2017. In der SZ wiegelt Wolf Prix Nachfragen zu unwürdigen Arbeitsbedingungen auf Großbaustellen mit dem Verweis auf die Machtlosigkeit von Architekten ab. Im Standard erzählt Jette Steckel, wie sich das Theater prostituiert. Beschämt erlebt der Standard danach ihre Ibsen-Inszenierung "Ein Volksfeind" am Burgtheater. Die FAZ schaut hinter die Kulissen der Affäre von Henry Kissinger und Ingeborg Bachmann. In der SZ denkt Herbie Hancock über die Kreativität von Androiden nach. Und alle trauern um Malcolm Young.

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Zahlreiche Pyramidenzellen in der III. Schicht

20.11.2017. Klimakatastrophe in der Politik - Jamaika ist untergegangen. Die Welt zitiert aus Christian Lindners Begründung  für den Verhandlungsausstieg. Die NZZ sucht in Lenins Hirn nach einer materialistischen Erklärung des Psychischen überhaupt. Die Ken-Jebsen-Fraktion hält in ihren  Medien an einer Preisverleihung für den Journalisten im Babylon-Mitte-Kino fest. Die FAZ staunt: Sibylle Le­witscharoff, El­ke Schmit­ter und "ein Mit­glied die­ser Re­dak­ti­on" sollten bei einer proputinistischen Veranstaltung auftreten.

IM KINO

Über Dokumentarfilme richten

17.11.2017. Die beiden wichtigsten deutschen Festivals für Dokumentarfilme, das Dok Leipzig und die Duisburger Filmwoche treffen sich, ihrer unterschiedlichen Ausrichtung zum Trotz, in den Diskursen, die sie in die Öffentlichkeit tragen. In Leipzig sorgt dafür ein womöglich distanzloser Film über Pegida, in Duisburg das Porträt eines sich weltoffen gebenden Imams. Und eine Diskussion im Anschluss an Romuald Karmakars "Denk ich in Deutschland in der Nacht" zeigt, dass ein langsamer, humorvoller Film über elektronische Musik die Gemüter bisweilen stärker erhitzen kann als Auseinandersetzungen um Rechtspopulismus oder den Islam.
Von Frédéric Jaeger.

MAGAZINRUNDSCHAU

Das Rascheln des Rivalen

14.11.2017. In der New York Review of Books erkennt Charles Simic mit Czeslaw Milosz die Tragik des polnisches Dichters. In Eurozine folgt Sergei Lebedew dem unheimlichen Instinkt des Gulag-Forschers Yuri Dmitriew in den Norden. Tablet fragt, warum die muslimischen Opfer des Attentäters Mohamed Merah so allein dastehen. In 168 ora wünschen sich Lilla Sárosdi und Arpad Schilling ein Ungarn, in dem Taten Konsequenzen haben. Le Monde diplomatique beobachtet Geparden bei der Jagd auf Nilpferde. The Atlantic lernt von Liu Cixin die Ohren im dunklen Wald zu spitzen. Und der New Statesman weiß, wer sich Fötenzellen in die Pobacken spritzen ließ.

BÜCHER DER SAISON

Radikaler Optimismus

06.11.2017. Tristan Garcia will "intensiv leben". Annie Ernaux, die von den deutschen Feuilletons entdeckt wird, und Peter Nadas machen ihm vor, wie das geht - "Die Jahre" und die "Aufleuchtenden Details" gehören zu den Romanen der Saison, die bleiben. Im Sachbuch geht ein Gespenst um, der Kommunismus. Durchs politische Buch kreuzen die Flüchtlinge, durchs Kinderbuch rollt ein grüner Stachelball. Hier sind sie, die Bücher der Herbstsaison 2017.

Literaturbeilagen

Wir haben die Buchmessenbeilagen aus dem Herbst 2017 ausgewertet. Unsere Notizen zu den besprochenen Romanen, Kinder-, Sach- und politischen Büchern finden Sie hier.

ESSAY

Nur mit Genehmigung des Instituts für Zeitgeschichte

18.10.2017. Schon 1963, zwei Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe, erwarb der Droemer Knaur Verlag die deutschen Rechte für Raul Hilbergs Standardwerk "Die Vernichtung der Juden in Europa". Die Veröffentlichung scheiterte nicht zuletzt aufgrund negativer Voten der Institution, die für die Aufarbeitung der Geschichte gegründet worden war. Erst 1982 brachte ein winziger linker Verlag die deutsche Übersetzung des Werks. Von Götz Aly.

MORD UND RATSCHLAG

Herzlos für Europa

13.10.2017. John Le Carré zaubert aus seiner Schublade noch einen George-Smiley-Roman. "Das Vermachtnis der Spione" ist ein Prequel zum "Spion, der aus der Kälte kam", eine wunderbare Reminiszenz an jene Zeit des Kalten Krieges, als der Kampf um den Anstand in Geheimdiensten noch nicht verloren war. Von Thekla Dannenberg.

VIRTUALIENMARKT

Die ganze und die halbe Revolution

09.10.2017. Kindle und Iphone feiern in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag. Aber während mittlerweile die halbe Menschheit ihren Alltag mit dem Smartphone organisiert, hat sich bei elektronischen Büchern nur ganz wenig getan. Dass das Potenzial von Vertretern der Traditionsbranchen gebremst wurde, schadet am Ende dem Buch selbst. Von Rüdiger Wischenbart.

MELDUNGEN

Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro

05.10.2017. "Was vom Tage übrig blieb" ist inzwischen ein fast sprichwörtlicher Titel. Mit Kazuo Ishiguro hat einer der prominentesten Autoren Britanniens den Literaturnobelpreis bekommen. Einige Links.

FOTOLOT

Die umgekehrte Jacke

04.10.2017. Versuche, die Transzendenz mit negativen Figuren zu beschreiben, gibt es seit dem Mittelalter. Die Negative des Neuropsychologen und Fotografen Hennric Jokeit versuchen wie mit einem Röntgengerät den Stützapparat der Dinge, der Objekte zu erfassen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass auf seinen Aufnahmen so viele Bauwerke sind, aus denen sich Archiformen herausschälen, die ursprünglichen Strukturen, auf die die Welt sich gründet. Ein Versuch, die Negative zu lesen. Von Eugenijus Alisanka.