Herzlos für Europa

John Le Carré zaubert aus seiner Schublade noch einen Smiley-Roman. Mord und Ratschlag von Thekla Dannenberg

Die ganze und die halbe Revolution

Während die halbe Menschheit ihren Alltag mit dem Smartphone organisiert, hat sich bei E-Books nur ganz wenig getan. Das schadet der Branche und dem Buch. Von Rüdiger Wischenbart

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Das Klima aus Furcht und Zustimmung

16.10.2017. Die SZ liest noch einmal Alban Nikolai Herbsts Roman "Meere", der nach langem Verbot nun ganz legal von einer sadomasochistischen Liebesbeziehung erzählt. Mit Begeisterung hört sich die FAZ durch die Mammut-Edition "Der Kreis des Zauberers", die siebzehn Stunden Aufzeichnungen von Thomas Mann und seiner Familie versammelt: etwa Erika Manns Bericht von den Nürnberger Prozessen etwa oder Klaus Manns Interview mit Hermann Göring. Hingerissen lauscht sie auch Peter Simonischeks Lesung von Heimito von Doderers "Strudlhofstiege".

MEDIENTICKER

"Narrativ intrinsische Dystopie"

16.10.2017. Aktualisierung: Feindbild Algorithmus: Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages erkennt "Bedarf" an einer Regulierung der Algorithmen - Onlinehandel: Manipulierte Kundenbewertungen - Komplett skrupellos, ohne Moral: Mark Zuckerberg im Image-Tief - Hinter die Fronten. Reporterin interviewt IS-Strategen - Hans Hoff über Modewörter - Messe-Nachlese: Dialog unmöglich & LSD auf der Buchmesse + Vor 40 Jahren erschien Michel Foucaults "Überwachen und Strafen".

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Kulturelle Konfliktachse

16.10.2017. Aktualisiert: Im Tagesspiegel fordert Neil MacGregor mehr enzyklopädische Museen weltweit. Bei der Buchmesse kam es zu Tumulten, als linke Gegendemonstranten eine Veranstaltung des Antaios-Verlags stören wollten. Aber es wäre falsch gewesen, diesen Verlagen keinen Stand zu geben, meinen SZ und Welt. Wie es wirklich zugeht, wenn man von Rechtsextremisten bedroht wird, erzählt die Autorin Manja Präkels im Interview mit der FR. Was heute "links" und "rechts" ist, ist heute längst nicht mehr so leicht zu sagen wie in den gloriosen Zeiten der großen Volksparteien, schreibt der Politologe Arnim Schäfer in der FAZ.

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Gehalt und Gewalt und Leidenschaft

16.10.2017. Frankreich war als Gastland geladen, gekommen war Europa, resümiert die NZZ die Frankfurter Buchmesse. Die FAZ quittiert den Friedenspreis für Margaret Atwood mit einem gemütlichen Lächeln. Die Welt lernt in einer Londoner Ausstellung, dass Oper eine Anti-Brexit-Kunst ist. Die Nachtkritik bewundert, wie Pinar Karabulut in Köln die Leidenschaft von "Romeo und Julia" in Eiseskälte erstrarren lässt. Und die SZ geht mit Sol Calero ins Nagelstudio.

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Der sympathische Fatalismus

14.10.2017. Die taz wirft mit Elnathan Johns Roman "An einem Dienstag geboren" einen Blick in die Koranschulen Nigerias. Von Arlie Russell Hochschild lässt sich sich ins ebenfalls deprimierende Kernland der amerikanischen Rechten führen. Die FAZ nimmt eine Auszeit in Sven Regeners "Wiener Straße". In der FR preist Otfried Höffe die Gelehrsamkeit Pierre Bourdieus und legt auch Staatstheoretikern seine soziologischen Vorlesungen ans Herz. Und nicht einmal ein toter Immobilienhai im Meer kann der FR das herbschöne Bild vermiesen, das Tanguy Viel von der bretonischen Küste zeichnet.

MORD UND RATSCHLAG

Herzlos für Europa

13.10.2017. John Le Carré zaubert aus seiner Schublade noch einen George-Smiley-Roman. "Das Vermachtnis der Spione" ist ein Prequel zum "Spion, der aus der Kälte kam", eine wunderbare Reminiszenz an jene Zeit des Kalten Krieges, als der Kampf um den Anstand in Geheimdiensten noch nicht verloren war. Von Thekla Dannenberg.

MAGAZINRUNDSCHAU

Die besten Jahre unseres Lebens

10.10.2017. In der New York Times fragt Thomas Chatterton Williams Ta-Nehisi Coates, warum Weiße auch im negativen Sinne immer etwas Besonderes sein sollen. Carlo Ginzburg erklärt in der New York Public Library, wie er Jude wurde. Der Merkur kreist um Exoplaneten. Die Paris Review erinnert an die sowjetische Kampffliegerin Lilja Litwjak. Hospodarske noviny würdigt den tschechischen Dichter František Listopad. In Film Comment erklärt Regisseur Todd Haynes, warum man in New York keine Spur der Siebziger mehr findet.

VIRTUALIENMARKT

Die ganze und die halbe Revolution

09.10.2017. Kindle und Iphone feiern in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag. Aber während mittlerweile die halbe Menschheit ihren Alltag mit dem Smartphone organisiert, hat sich bei elektronischen Büchern nur ganz wenig getan. Dass das Potenzial von Vertretern der Traditionsbranchen gebremst wurde, schadet am Ende dem Buch selbst. Von Rüdiger Wischenbart.

MELDUNGEN

Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro

05.10.2017. "Was vom Tage übrig blieb" ist inzwischen ein fast sprichwörtlicher Titel. Mit Kazuo Ishiguro hat einer der prominentesten Autoren Britanniens den Literaturnobelpreis bekommen. Einige Links.

FOTOLOT

Die umgekehrte Jacke

04.10.2017. Versuche, die Transzendenz mit negativen Figuren zu beschreiben, gibt es seit dem Mittelalter. Die Negative des Neuropsychologen und Fotografen Hennric Jokeit versuchen wie mit einem Röntgengerät den Stützapparat der Dinge, der Objekte zu erfassen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass auf seinen Aufnahmen so viele Bauwerke sind, aus denen sich Archiformen herausschälen, die ursprünglichen Strukturen, auf die die Welt sich gründet. Ein Versuch, die Negative zu lesen. Von Eugenijus Alisanka.