Radikaler Optimismus

Frisch für Sie zusammen- gestellt, liebe Leser: die aktuellsten, besten und umstrittensten Bücher in diesem Herbst.

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Doppelbelichtung

21.11.2017. Die NZZ ist hin und weg von Lucia Berlins klugen und sinnenfreudigen Stories "Was wirst Du tun, wenn du gehst". Die SZ folgt Asne Seierstads "Zwei Schwestern" mit klopfendem Herzen nach Syrien in den Kampf für den IS. Die FAZ rühmt Ljudmila Ulitzkajas Roman "Jakobsleiter", der die Geschichte ihrer jüdischen Familie in den Anfangsjahren der Sowjetunion erzählt. Außerdem meint sie in Richtung Leo Steinbeis Zorn: "Mit Rechten reden" gut und schön. Aber doch nicht so selbstverliebt und mit so rechten Argumenten.

MAGAZINRUNDSCHAU

Freak der Freaks

21.11.2017. In der NYRB empfiehlt Timothy Garton Ash den Deutschen, mit ihren Rechten zu reden. Im New Yorker erklärt Peter Schjeldahl seine Frustration mit Leonardo da Vinci. Im New York Magazine überlegt Rebecca Traister, wo genau wir in der Missbrauchs-Debatte gerade stehen. In Eurozine zupft Maurice Earls den Briten schon die Mohnblume aus dem Knopfloch. Micromega beglückwünscht den Zentralrat der Ex-Muslime. Gentlemen's Quarterly erzählt, warum Putin William Browder hasst.

MEDIENTICKER

Naive Künstler & ein unliebsamer Sponsor

21.11.2017. Aktualisiert: Türkei: Cumhuriyet-Online-Chef zu Haftstrafe verurteilt - Digitale Überholspur: Springer & Porsche gründen einen Startup-Accelerator - Medienkonzentration & investigativer Journalismus in Tschechien - Trump-Grätsche, um CNN zu schaden: Klage der US-Regierung gegen Time-Warner-Übernahme durch AT&T - Uploadfilter: Bedrohung für Wikipedia - Interview mit Peter Nadas über seinen Roman "Aufleuchtende Details" - Peking: Rüstungskonzern finanziert China-Ausstellung +  #Jamaika jetzt #Neinmaika: So lief es wirklich ab & Die Tränen der Kanzlerin.

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Die impliziten Loyalitäten

21.11.2017. Nicht tragisch, ja demokratietheoretisch sogar zu begrüßen, findet der Parteienforscher Niko Switek in der SZ  das Scheitern der Jamaika-Verhandlungen. Schade, dass aus Jamaika nichts wird, meint Thomas Schmid in der Welt. Gut, dass nichts draus wird, rufen die Salonkolumnisten. Eine Minderheitenregierung wäre reine Romantik, meint das Verfassungsblog.  Einen Tag vor dem Urteil gegen Ratko Mladic erinnert AFP an das Massaker von Srebrenica.  Und nach Lektüre von NZZ und Zeit online fragt sich: Wie schlimm wird AI?

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Die B-Seite zum Soundtrack der Moderne

21.11.2017. Die Berliner Zeitung singt beim Berliner Offshore Festival mit Virginie Despentes eine Ode auf die Hässlichen, Fetten und Armen. Die SZ erlebt im Palazzo Strozzi, wie mit der Gegenreformation Bilder von weltlichen Frauen aus der Kunst verschwanden. In der FAZ beklagt Lukas Bärfuss die Verfilzung des Schweizer Literaturbetriebs. Die Welt wundert sich einmal mehr über die Naivität der Popkultur. Die NZZ preist die Architektur des Südtiroler Rationalisten Armando Ronca. Außerdem entscheidet sich in Brüssel, ob Mediatheken national begrenzt bleiben.

IM KINO

Über Dokumentarfilme richten

17.11.2017. Die beiden wichtigsten deutschen Festivals für Dokumentarfilme, das Dok Leipzig und die Duisburger Filmwoche treffen sich, ihrer unterschiedlichen Ausrichtung zum Trotz, in den Diskursen, die sie in die Öffentlichkeit tragen. In Leipzig sorgt dafür ein womöglich distanzloser Film über Pegida, in Duisburg das Porträt eines sich weltoffen gebenden Imams. Und eine Diskussion im Anschluss an Romuald Karmakars "Denk ich in Deutschland in der Nacht" zeigt, dass ein langsamer, humorvoller Film über elektronische Musik die Gemüter bisweilen stärker erhitzen kann als Auseinandersetzungen um Rechtspopulismus oder den Islam.
Von Frédéric Jaeger.

BÜCHER DER SAISON

Radikaler Optimismus

06.11.2017. Tristan Garcia will "intensiv leben". Annie Ernaux, die von den deutschen Feuilletons entdeckt wird, und Peter Nadas machen ihm vor, wie das geht - "Die Jahre" und die "Aufleuchtenden Details" gehören zu den Romanen der Saison, die bleiben. Im Sachbuch geht ein Gespenst um, der Kommunismus. Durchs politische Buch kreuzen die Flüchtlinge, durchs Kinderbuch rollt ein grüner Stachelball. Hier sind sie, die Bücher der Herbstsaison 2017.

Literaturbeilagen

Wir haben die Buchmessenbeilagen aus dem Herbst 2017 ausgewertet. Unsere Notizen zu den besprochenen Romanen, Kinder-, Sach- und politischen Büchern finden Sie hier.

ESSAY

Nur mit Genehmigung des Instituts für Zeitgeschichte

18.10.2017. Schon 1963, zwei Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe, erwarb der Droemer Knaur Verlag die deutschen Rechte für Raul Hilbergs Standardwerk "Die Vernichtung der Juden in Europa". Die Veröffentlichung scheiterte nicht zuletzt aufgrund negativer Voten der Institution, die für die Aufarbeitung der Geschichte gegründet worden war. Erst 1982 brachte ein winziger linker Verlag die deutsche Übersetzung des Werks. Von Götz Aly.

MORD UND RATSCHLAG

Herzlos für Europa

13.10.2017. John Le Carré zaubert aus seiner Schublade noch einen George-Smiley-Roman. "Das Vermachtnis der Spione" ist ein Prequel zum "Spion, der aus der Kälte kam", eine wunderbare Reminiszenz an jene Zeit des Kalten Krieges, als der Kampf um den Anstand in Geheimdiensten noch nicht verloren war. Von Thekla Dannenberg.

VIRTUALIENMARKT

Die ganze und die halbe Revolution

09.10.2017. Kindle und Iphone feiern in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag. Aber während mittlerweile die halbe Menschheit ihren Alltag mit dem Smartphone organisiert, hat sich bei elektronischen Büchern nur ganz wenig getan. Dass das Potenzial von Vertretern der Traditionsbranchen gebremst wurde, schadet am Ende dem Buch selbst. Von Rüdiger Wischenbart.

MELDUNGEN

Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro

05.10.2017. "Was vom Tage übrig blieb" ist inzwischen ein fast sprichwörtlicher Titel. Mit Kazuo Ishiguro hat einer der prominentesten Autoren Britanniens den Literaturnobelpreis bekommen. Einige Links.

FOTOLOT

Die umgekehrte Jacke

04.10.2017. Versuche, die Transzendenz mit negativen Figuren zu beschreiben, gibt es seit dem Mittelalter. Die Negative des Neuropsychologen und Fotografen Hennric Jokeit versuchen wie mit einem Röntgengerät den Stützapparat der Dinge, der Objekte zu erfassen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass auf seinen Aufnahmen so viele Bauwerke sind, aus denen sich Archiformen herausschälen, die ursprünglichen Strukturen, auf die die Welt sich gründet. Ein Versuch, die Negative zu lesen. Von Eugenijus Alisanka.