Prachtvolle Discomeduse

Mit Bunin in die Revolution, mit Paul Klee zum Gedicht und mit Balzac zur Malerei. Arno Widmann räumt Bücher vom Nachttisch.

Social-Media-Monster

Bloomberg über Facebook, der New Yorker über die digitalen Esten, Patrik Ouředník über Multikulti. Die Magazinrundschau

Plädoyer für die Fantasie

Eine Muse in Georgien, eine Schwurjungfrau in Albanien, Biografien von Ingeborg Bachmann und Wolfgang Hilbig. Bücherbrief

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Mehr Baudelaire als Böll

16.12.2017. Die FAZ lässt sich von Josiah Ober Demokratie erklären. Außerdem liest sie neue Bücher über Stefan George. Die FR liest einen unromantischen, aber wahrhaftigen "Liebesroman" von Ivana Sajko. Die Welt lernt bei Julia Encke die verletzliche Seite von Michel Houellebecq kennen. Die SZ fragt mit Ina Hartwig "Wer war Ingeborg Bachmann?" und freut sich über eine Irmgard-Keun-Werkausgabe. Die taz ergründet mit Mark Fisher "Das Seltsame und das Gespenstische".

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Genießen und strafen

16.12.2017. In der NZZ beklagt Pascal Bruckner den repressiven Charakter des neuen Feminismus. In der New York Times erklärt die Strafrechtlerin Shanita Hubbard, wie schwarze Frauen in den USA lernen, dass sexuelle Gewalt sekundär ist. In der FR seziert der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi das postfaktische Denken muslimischer Communities. Die taz fürchtet, dass Deutschland in Sachen Antisemitismus keinen Import nötig hat. Außerdem erinnert Eugen Ruge in der taz daran, welch Befreiung es für DDR-Bürger war, Deutsche sein zu dürfen.

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Aus dem Bauhaus ausgebüxt

16.12.2017. In der taz verrät die iranische Musiklehrerin Charuk Revan, wie sie sich mit Black Metal emanzipiert hat. Die FAZ sehnt sich nach einer neuen Künstlergruppe, die der Kunst zur Emanzipation vom Markt verhilft. Die Kritiker werfen mit Regisseur Ersan Mondtag einen düsteren Blick in die Altenpflege. Welt und Deutschlandfunk Kultur erproben neue Wohnmöglichkeiten. Und die Literarische Welt fragt: Was bleibt übrig von Heinrich Böll?

ESSAY

Gegen die Zerstörung des Rechtsstaats in Polen

15.12.2017. Ausgerechnet Ungarn und Polen, ehemals Vorreiter im Aufbau des Rechtstaats nach dem Sieg über den Kommunismus, sind jetzt Vorreiter im Abbau des Rechtsstaats. Der polnischen Regierung scheint besonders an der Abschaffung der Gewaltenteilung gelegen zu sein. Eine Rede für das Erbe Czeslaw Milosz' und der mitteleuropäischen Dissidenz - gehalten vor der möglichen Entscheidung der EU, ein Rechtsstaatsverfahren gegen Polen einzuleiten. Von Ulrike Ackermann.

MEDIENTICKER

Der gemalte Film

15.12.2017. Aktualisiert: Metadatensammlung: Wegweisendes Urteil gegen den BND - Brief an den WDR-Intendanten: Redakteure sind von ihrem Boss enttäuscht - Filmwirtschaft: Disneys Deal mit "21st Century Fox" - Unesco-Weltbericht: Künstler werden am häufigsten angegriffen - Religion & Kapitalismus: Friedrich Wilhelm Graf über die protestantische Arbeitsethik - Theater-Nachtkritiken aus München - Nein heißt Nein: Theresia Enzensberger über #MeToo - Piketty-Studie: Einkommens-Ungleichheit so groß wie 1913 - Disco als Lebensgefühl: "Saturday Night Fever" wird vierzig.+ Hörfunk-Tipps für das Wochenende.

INTERVENTION

Warum erst so spät?

14.12.2017. Wieso wurde dieser islamistische Anschlag nicht verhindert, wieso der Typ nicht festgenommen oder abgeschoben, wieso der Platz überhaupt nicht gesichert, warum wurden die Opfer nicht benannt und ausreichend entschädigt? Ein paar einfache Fragen zum Berliner Anschlag vor einem Jahr - Fragen, die ich hier schon vor einem Jahr stellte. Von Eva Quistorp.

IM KINO

Zärtlicher Abschied

13.12.2017. In Rian Johnsons "Star Wars: Die letzten Jedi" sind alle Figuren mit einer Schattenseite ausgestattet. Dennoch setzt sich im Zweifelsfall das Prinzip Milchkuh durch. "Meine schöne innere Sonne" von Claire Denis mit der hinreißenden Juliette Binoche begibt sich auf den Spuren Roland Barthes' auf eine Flanerie durch die Wege des Liebens und Begehrens. Die Botschaft des Films aber wird von Gérard Depardieu ausgesprochen.
Von Janis El-Bira, Patrick Holzapfel.

MAGAZINRUNDSCHAU

Social-Media-Monster

12.12.2017. Bloomberg erzählt, wie Facebook Rodrigo Duterte half, die Wahlen auf den Philippinen zu gewinnen. Auf Lidove noviny erklärt der tschechische Autor Patrik Ouředník, warum Multikulturalismus in Europa so schlecht funktioniert. In der London Review of Books erzählt der Anwalt William Carter von seiner Suche nach Ölfässern in Libyen. In Magyar Narancs erklärt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, warum man die Systeme Orban und Kadar vergleichen, aber nicht gleichstellen kann. Der New Yorker bewundert die Vorwärtsgewandtheit der Esten.

BÜCHERBRIEF

Plädoyer für die Fantasie

11.12.2017. Attila Bartis erinnert mit kalter Schönheit und surrealem Glanz an eine Jugend im sozialistischen Ungarn. Zurab Karumdize streift mit der femme fatale und Munch-Muse Dagny Juel durch Georgien. Elvira Dones schickt uns mit einer Schwurjungfrau in die albanische Provinz der Achtziger. Scott Anderson erklärt, wie die arabische Welt aus den Fugen geriet. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Dezember.

FOTOLOT

Keine Romantik. Nirgends

05.12.2017. Wer auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, kennt den unsentimentalen Blick der Landwirte auf ihren Alltag und die Nüchternheit, mit der sie ihre Arbeit verrichten und sich selbst und ihre nähere Umgebung wahrnehmen. Über den Fotoband "Corbeau", Anne Golaz' Darstellung des Landlebens in der französischen Schweiz. Von Peter Truschner.

ESSAY

Das Schinkenbrot

23.11.2017. Multikulturalismus ist laut Kenan Malik die Idee, dass Menschen "nicht trotz ihrer Unterschiede gleich, sondern wegen dieser Unterschiede verschieden" zu behandeln seien. Er liefert in einem neuen Buch einige der besten Argumente gegen diese Ideologie. Von Thierry Chervel.

INTERVENTION

Die Berlinale muss wieder Experimentierfeld werden

23.11.2017. Das Problem an der Berlinale ist nicht die Anzahl der Filme, sondern die Indifferenz, mit der sie präsentiert werden. Es wäre schön, wenn das Festival mit dem Abgang von Dieter Kosslick 2019 wirklich die Chance für einen Neuanfang nutzt statt ihre diskursfeindliche Betriebsamkeit weiter zu pflegen. Von Lukas Foerster.

IM KINO

Über Dokumentarfilme richten

17.11.2017. Die beiden wichtigsten deutschen Festivals für Dokumentarfilme, das Dok Leipzig und die Duisburger Filmwoche, treffen sich trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung in ihren Diskursen. In Leipzig sorgt dafür ein Film über Pegida, in Duisburg das Porträt eines sich weltoffen gebenden Imams. Und eine Diskussion im Anschluss an Romuald Karmakars "Denk ich an Deutschland in der Nacht" zeigt, dass ein Film über elektronische Musik die Gemüter stärker erhitzen kann als jeder Populismus. Von Frédéric Jaeger.

ESSAY

Nur mit Genehmigung des Instituts für Zeitgeschichte

18.10.2017. Schon 1963, zwei Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe, erwarb der Droemer Knaur Verlag die deutschen Rechte für Raul Hilbergs Standardwerk "Die Vernichtung der Juden in Europa". Die Veröffentlichung scheiterte nicht zuletzt aufgrund negativer Voten der Institution, die für die Aufarbeitung der Geschichte gegründet worden war. Erst 1982 brachte ein winziger linker Verlag die deutsche Übersetzung des Werks. Von Götz Aly.