Maigret verschwindet

Ein Hommage ist kein Trost: Georges Simenon erscheint nicht mehr bei Diogenes. Der Markt ist leer. Mord und Ratschlag

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Das Schimmern eines Käferrückens

18.08.2017. Die FAZ taucht in Japans Unterwelt und erfährt: Die Yakuza haben ein Nachwuchsproblem. Mit Albert Schlicht fragt sie: "Gehört der Islam zu Deutschland?" Die SZ lernt Christine Lavant in ihren "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" als Wiedergängerin von Dostojewski kennen, vor deren Gedichten man sich in Acht nehmen sollte. Die FR staunt über die Schamlosigkeit von Stefanie Sargnagel. Und die Welt verkündet: Nach zehn Jahren gibt es ein Wiedersehen mit Uwe Tellkamps Turmgesellschaft.

MEDIENTICKER

Begeisterungsschauspieler

18.08.2017. Aktualisiert: Schweizer Medienmacht: Christoph Blocher hat 800.000 Leser dazu gekauft - Schöngerechnet: Der Erfolg von Online-Werbung kann nicht seriös gemessen werden & Rückschlag für Medienunternehmen: Internet-Werbeblocker sind zulässig - Agentur Texte, für deren Veröffentlichung gezahlt wird - VG Wort-KMK-Streit um Vergütung: Digitale Semesterapparate für Unis gesichert - Monat der Poese: Lyriksommer 2017 + Die Begeisterung der Buchhändler: Buchhändlerisches Urteil über Bücher.

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Bloßes Rauschen

18.08.2017. In der SZ erzählt der aus Vietnam stammende US-Autor Viet Thanh Nguyen, wie ihn "Apocalypse Now" traumatisiert hat. Deutscher Humor steckt noch in den Sechzigern fest, meint die Zeit mit Blick auf aktuelle Filmkomödien. Eine Dokumentation über Robert Doisneau lüftet das Geheimnis des Kuss-Fotos, melden Tagesspiegel und art-Magazin. In der New York Times lauscht David Lynch dem Klang von Elektrizität. Und die NZZ besucht die Tankstelle der Zukunft.

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Cäsarenhafte Dekadenz

18.08.2017. Die New York Times hat einen sehr plausiblen Vorschlag für den Friedensnobelpreis: die Organisatoren der Regenschirm-Proteste, die ersten politischen Gefangenen Hongkongs. Die Volksrepublik China beweist unterdessen laut Reuters, dass man das Internet tatsächlich abschalten kann. Der Tagesspiegel erklärt, warum das Humboldt-Forum unbedingt mehr Provenienzforscher braucht. In der Berliner Zeitung rettet Jochen Hörisch die Medien. Netzpolitik kritisiert die Google-Wahlkampfhilfe für die Kanzlerin. In der Welt rauft sich Robert D. Kaplan die Haare - natürlich wegen Trump.

VOM NACHTTISCH GERÄUMT

Gespickt mit Manieren

17.08.2017. Ein kreisendes Etwas auf weißer Leinwand, die Kunst der Fuge mit Glatze, Ost-West-Konflikte in New York und deutsche Gepflogenheiten. Arno Widmann hat Bücher vom Nachttisch geräumt. Von Arno Widmann.

IM KINO

Materialisierte Gespenster

17.08.2017. In Marco Bellocchios eindrücklichem "Träum was Schönes" wird ein Journalist von einem Trauma heimgesucht, das seinen Ursprung in der Kindheit hat. Als re-release (wieder) zu entdecken: King Hus meisterliches wuxia "Dragon Inn", einen auch und gerade in seinen wirbelnden Luftsprüngen formvollendeten Film. Von Sebastian Markt, Nikolaus Perneczky.

MAGAZINRUNDSCHAU

Löwinnen, Schildmaiden und Walküren

15.08.2017. Die Europäer liegen am Strand, während die Amerikaner interessante Magazine machen. Beides ist schön. In Atlantic erzählt Kurt Andersen, wie die akademische Linke der Rechten die Munition für einen Kampf lieferte, der im Wahlsieg Trumps gipfelte. Harper's erzählt die Geschichte der weiblichen Seite von Rechts. Das New York Magazine untersucht den neuen Kulturstalinismus. Und Vanity Fair macht Wuuhuu!

MORD UND RATSCHLAG

Maigret verschwindet

14.08.2017. Graeme Macrae Burnet verbeugt sich mit seinem psychologischen Roman "Das Verschwinden der Adele Bedeau" ehrfurchtsvoll vor dem französischen Kriminalroman. Damit kann er aber nur wenig darüber hinwegtrösten, dass es Georges Simenons Romane nicht mehr auf Deutsch gibt. Der Diogenes Verlag hat die Rechte nicht mehr. Der Markt ist leergefegt. Von Thekla Dannenberg.

BÜCHERBRIEF

Momente heftiger Schönheit

09.08.2017. Arundhati Roy führt in ihrem zweiten Roman nach zwanzig Jahren in die anarchischen Ecken von Delhi. Aras Ören erinnert an deutschtürkisches Zusammenleben im Kreuzberg der Siebziger und Achtziger. Ivan Krastev erzählt mit Scharfsinn und Wärme von einem Europa in der Krise. Und Lutz Klevemann reist in die Geschichte Lembergs. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats August.

VORGEBLÄTTERT

Peter Mathews: Harro Harring - Rebell der Freiheit

09.08.2017. Harro Harring war als vogelwilder Rebell berühmt und scheiterte wie die Revolution selbst. Karl Marx hasste und verhöhnte ihn. Harring war ein Wegweiser in eine neue Zeit und starb doch vergessen und verarmt 1870 durch eigene Hand. In seiner Biografie lässt Peter Mathews die bewegte Geschichte des friesischen Freiheitskämpfers erneut aufleben. Wir dokumentieren außerdem die "Verbrüderungsacte" des "Jungen Europa", das Harring zusammen mit Giuseppe Mazzini gründete.

FOTOLOT

Ausschnitt urbanen Lebens

31.07.2017. Michael Wolf rückt scheinbar nebensächliche Details in den Vordergrund und gibtihnen dadurch eine symbolische Bedeutung innerhalb eines größeren Zusammenhangs - das macht ihn zu einem der bedeutendsten Fotokünstler der Zeit. In Arles ist eine Retrospektive zu sehen. Von Peter Truschner.

ESSAY

Zwischen Deko und Diskurs

17.07.2017. Ein Schisma vollzieht sich in der Kunst: Werke für Kuratoren, die das Distinktionsbedürfnis der Diskurseliten, und Werke für den Markt, die das der Oligarchen befriedigen, spalten sich soweit ab, dass der gemeinsame Begriff Kunst nicht mehr zutrifft. Sicher wird das Schisma nicht so ablaufen, dass aus dem kalten Krieg ein heißer Krieg wird. Im Gegenteil hat man sich, je weiter man auseinanderdriftet, umso weniger zu sagen. Schließlich nimmt man sich gegenseitig kaum noch wahr. Von Wolfgang Ullrich.