Blut durch die Finger

Isabelle Huppert in Paul Verhoevens grimmigem Thriller "Elle". Lasse Hallströms Edeltrash-Epos "Bailey". Im Kino

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Traumschloss der Empfindsamkeit

25.02.2017. Die FAZ staunt mit Josef H. Reichholf über die prächtigen "Symbiosen" von Faultieren und Clownfischen. Außerdem findet sie: Marina Abramovic performed besser als sie schreibt. Die SZ lauscht andächtig den antiken Sirenengesängen des Verglühens in Lukas Bärfuss' Obsessions-Novelle "Hagard". Die FR schnüffelt mit Gewinn in den Tagebüchern Paul Adenauers. Die taz flaniert mit Elliot Paul ein letztes Mal durch das Paris der kleinen Leute und mischt mit Tijan Silas Bosnien-Flüchtling die deutsche Provinz auf. Und die Welt bleibt lieber wach, um mit Zsuzsa Banks' "Schlafen werden wir später" den Briefroman wiederzubeleben.

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Ich will das Feuer sein

25.02.2017. Einen Angriff auf die demokatischen Ideale nennt die New York Times den Ausschluss etlicher Medien von einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Slate warnt davor, sich die Agenda von Trumps Strategen diktieren zu lassen. Auch die NZZ ahnt: Als rechter Leninist weiß Stephen Bannon Gelegenheit und Chaos für sich zu nutzen. Die FR glaubt, dass die USA auch ohne Trump den Mantel der globalen Führung hätten ablegen müssen. Und die FAZ fragt: Brauchen wir einen  Breitbandausbau für das menschliche Hirn?

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Das geduckte Leben im Underground

25.02.2017. Große Aufregung vor den Oscars: Die Welt fürchtet, dass Trump uns jetzt auch noch den Oscar für Toni Erdmann nimmt. Im Hollywood Reporter protestieren die Nominierten gegen Fanatismus und Nationalismus. Die SZ lässt sich bei Wolfgang Tillmans in London die Angst vor Chris Dercon nehmen. In der FAZ hat Yasmina Reza keine Lust auf Identitäten. FAZ, NZZ und nachtkritik.de applaudieren Stefan Bachmann, der den Wilhelm Tell in Basel rappen, haten und dissen lässt. NZZ und Standard finden Literatur in Ingeborg Bachmanns böse leuchtenden Traumbildern.

MEDIENTICKER

Perfide Petition

24.02.2017. Aktualisiert: BND soll Journalisten bespitzelt haben - Verlagslobby verleumdet Entwurf zum Wissenschaftsurheberrecht - Und morgen die ganze Türkei: Deniz Yücel über Erdogans Aufstieg - Google will  mit künstlicher Intelligenz bekämpfen - Nudging bei Facebook: Subtiles Stupsen gegen den Terror? - Bachmann Gesamtausgabe: Ein Gespräch mit den Herausgebern Irene Fussl & Hans Höller + Der tägliche Medien-Donald: CNN & New York Times dürfen nicht ins Weiße Haus.

IM KINO

Blut durch die Finger

22.02.2017. Die dezent zurückhaltenden Bilder von Paul Verhoevens Vergewaltigungs-Thriller "Elle" entpuppen sich als riesengroße Falle. Lasse Hallströms Hundereinkarnationsfilm "Bailey - Ein Freund fürs Leben" ist ein high-concept-Edeltrash-Epos, aber momentweise auch großes Kino. Von Nicolai Bühnemann, Lukas Foerster.

MAGAZINRUNDSCHAU

Dort leben die Unsichtbaren

21.02.2017. Harper's berichtet vom Treffen des World Congress of Families, auf dem sich westliche Schwulenfeinde von östlichen trösten ließen. In El Pais Semanal träumt Valeria Luiselli von maßgeschneiderten Landkarten. Die LARB trauert dem metaphysischen Abgrund der osteuropäischen Literatur hinterher. In Ceska pozice sieht der israelische Historiker Yuval Noah Harari schon die nächste große Ungleichheit voraus - die bioglogische. Wired sucht Wege aus der Krise des Journalismus.

VORGEBLÄTTERT

Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880 - 1945

15.02.2017. In seinem Buch "Europa gegen die Juden 1880 - 1945" stellt Götz Aly den modernen Antisemitismus als grenzüberschreitendes Phänomen dar. Ohne die Schuld der deutschen Täter zu mindern, zeigt er, wie Diskriminierung und Pogrome seit Ende des 19. Jahrhunderts vielerorts dazu beigetragen haben, den Boden für den Völkermord zu bereiten. Wir wählen als "Vorgeblättert" seinen Abschnitt über die Konferenz von Evian 1938 - wo die westlichen Länder über die Aufnahme verfolgte Juden verhandelten. Aly stellt sein Buch nächste Woche in Berlin vor.

AUßER ATEM: DAS BERLINALE BLOG

Verlassen und Verlassen-Werden - ein Festivalresümee

17.02.2017. Beziehungskrisen, aber vor allem ein Rückzug in die ästhetische Komfortzone prägen diesen Jahrgang. Liegt es daran, dass das Kino auf der Berlinale wirkte wie eine überalterte Kunst? Aber an den Rändern des Festivals plädieren einige Filme für einen absichtslosen Blick in die Welt. Und in Nebensektionen gab es die Filme, über die eigentlich gestritten werden sollte, Nicolas Wackerbarths "Casting" und Raoul Pecks "I am not your Negro" (Auf dem Bild: Bärenfavorit Aki Kaurismäki, Foto: Malla Hukkanen) Von Thomas Groh, Anja Seeliger.