Vulgär funkelnd

Fernanda Melchors Reigen des Grauens, Colson Whitehead, Jachym Topol und Rachel Carsons Ökobibel. Bücherbrief

BÜCHERSCHAU DES TAGES

In präziser Prosa

15.06.2019. Ehrfürchtig liest die SZ Michel Foucaults asketisch gelehrsamen Text "Die Geständnisse des Fleisches", der postum als vierter Band von "Sexualität und Wahrheit" herausgekommen ist. Dlf und DlfKultur feiern die traumhafte Leichtigkeit, mit der Jose Eduardo Agualusa von der "Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer" erzählt. Die NZZ feiert Ursula LeGuins brillanten "Erdsee"-Zyklus, auch wenn er der Sci-Fi-Autorin selbst später nicht feministisch genug war. Die Welt liest staunend die Autobiografie des blinden Galeristen Johann König. Die taz lässt sich vom Astrobiologen Lewis Dartnell erklären, "wie die Erde uns erschaffen hat". Und die FAZ verschlingt Pferdebücher. Mehr...

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Ein Reigen weiterer kleiner Köpfe

15.06.2019. In der SZ kritisiert Horst Bredekamp eine "extreme Ethisierung der Kultur". Auch René Pollesch hält in der SZ nicht viel von politischer Korrektheit, wenn sie nur als "Marketingtool" dient. Ein Verlag ist kein Gleichstellungsbeauftragter, entgegnet die Literarische Welt jenen, die sich über den geringen Frauenanteil in Rowohlts Herbstkatalog ereifern. Die Musikkritiker lauschen in Bruce Springsteens neuem Album einem Melancholiker, der sich nach dem Trump-Schock in die innere Migration zurückgezogen hat. Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Der Markt der Anmut

15.06.2019. Peter Schäfer, der Direktor des Jüdischen Museums, tritt zurück: taz und FAZ sind irgendwie einig, dass BDS-freundliche Tweets politisch nicht auf Linie sind. In der NZZ denkt Pascal Bruckner über die zunehmende Grausamkeit der Liebe nach. Als karlsruhisch provinziell entlarvt die Welt den Hochmut der Intellektuellen gegen Jürgen Habermas. Im Guardian fragt Fintan O'Toole, warum die Briten eigentlich so auf dem Gefühl der Demütigung herumreiten. Mehr...

MEDIENTICKER

Der neue Sheriff heißt Zivilgesellschaft

14.06.2019. Aktualisiert: No women, no news: Frauenstreik in der Schweiz - Digitalpakt: Milliarden-Verschwendung - Sachsen-Anhalt steigt bei Facebook aus -  Warum Michel Foucault immer noch aktuell ist & Der vitale Rationalismus des Jürgen Habermas - Google muss keine Mail-Überwachung ermöglichen - Quoten-Boost für Rezo bei Böhmermann - Haus der Geschichte: nur noch westdeutsche Folklore? - 50 Jahre Verlag der Autoren + Als Marcel Proust sich duellierte & Jacques Offenbach zum 200. Geburtstag+ Wochenend-Hörfunk-Tipps. Mehr...

IM KINO

Raub, Liebe und Besitz

13.06.2019. Agent M träumt seit ihrer Begegnung mit einem sußersüßen Außerirdischen davon, einer der "Men in Black" zu werden. Regisseur F. Gary Gray hat daraus ein buntes Allerlei angerührt, das zeigt: Auch Diversität kann ganz schön langweilig sein. Luis Ortega romantisiert und respektiert den Freiheitsdrang seines "Schwarzen Engels", des Serienmörder Carlos, bei dem alles Rhythmus und Musik wird. Von Nicolai Bühnemann, Michael Kienzl. Mehr...

BÜCHERBRIEF

Vulgär funkelnd

11.06.2019. Fernanda Melchor entwirft bei flirrender Hitze einen mexikanischen Reigen des Grauens, Colson Whitehead erzählt drastisch, aber verhalten-poetisch vom Rassismus in einer Besserungsanstalt im Florida der Sechziger, Jachym Topol schickt eine kuriose Gruppe Glücksritter quer durch Osteuropa und Rachel Carsons Ökobibel "Stummer Frühling" scheint aktuell wie nie zuvor. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats Juni. Mehr...

FOTOLOT

Sichtbarkeitskriterium

11.06.2019. Mona Kuhn muss selbst geahnt haben, dass irgendetwas an der Art, wie sie die für ihr Werk wichtigen Elemente - Licht, Raum, Schönheit, Nacktheit - zusammenführt und arrangiert, zu glatt geht. Ihr neues Buch "She disappeared into Complete Silence" ist die großartige Bewältigung dieses Problems. Von Peter Truschner. Mehr...

MAGAZINRUNDSCHAU

In Gold, Silber und Elfenbein

11.06.2019. Tablet schildert das Dilemma der weißen Linken in den USA. La vie des idees präsentiert ein großes Dossier zum grassierenden Begriff der "Rasse". Stephen Holmes und Ivan Krastev analysieren in Eurozine die Angst vor der Diversität in Osteuropa. In Magyar Narancs sieht Agnes Heller schwarz für die ungarische Akademie der Wissenschaft. Die New York Review of Books liest, wie das Königreich Kongo einst Portugal die Zähne zeigte. Der Film-Dienst möchte an das Archivmaterial der Öffentlich-Rechtlichen. Mehr...

VIRTUALIENMARKT

Dystopien auf allen Ebenen

02.06.2019. In den letzten Monaten manifestierte sich ein Paradigmenwechsel, der die Mitte - in Gestalt der traditionellen Parteien in Deutschland oder Österreich, aber auch in Gestalt der Buchbranche - recht alt aussehen lässt. Sie ist umstellt von entfesselten Rechten und einer "Generation Z", die sich plötzlich politisch betätigt. Von Rüdiger Wischenbart. Mehr...

FOTOLOT

Die Wichtigkeit biometrischer Daten

20.05.2019. Louisa Clement, die gerade im Sprengel Museum ausgestellt wird, gehört zu den exzeptionellen jüngeren Fotograf*innen in Deutschland. Sie arrangiert Puppen und reflektiert mit ihnen die voranschreitende Anthropotechnik, manchmal mit etwas zu viel Geschmack. Von Peter Truschner. Mehr...

VOM NACHTTISCH GERÄUMT

Unendliche Folge von Metamorphosen

14.05.2019. Wir haben keine Ahnung davon, wie ein Denken ohne Sprache beschaffen sein könnte, aber wir ahnen, dass es das gibt: mit George Steiner. "Im Grau der Zeitung vor mir schaue ich zum Ufer der Giudecca", mit Cees Nooteboom. Susan Sontag schien sich, nachdem sie den Krebs zweimal überwunden hatte, für unsterblich zu halten, aber dann starb sie doch: mit Katie Rolphe. Und vieles mehr! Von Arno Widmann. Mehr...

IN EIGENER SACHE

Der Perlentaucher braucht Ihre Unterstützung

08.11.2018. Wir Perlentaucher sind überzeugt, dass das Netz ein Feuilleton braucht. Wir halten an einer Idee von Kunst fest, die ihren Anspruch nicht aufgibt, und wir wollen eine offene, auch polemische Debatte. Ort dieser Offenheit ist für uns das Internet. Aber es wird immer schwieriger, sich von Werbung zu finanzieren. Mehr...