Er blickt, sitzt und wartet

Elia Suleimans "Vom Gießen des Zitronenbaums" und "Go Trabi Go 2" von Wolfgang Büld und Reinhard Klooss. Im Kino

Zwischen Folie und Amour

Maren Kames zündet ein Feuerwerk mit Gedichten, Dorota Maslowska rappt über Warschauer Platten- bauten. Bücherbrief

Nicht auf Dauer angelegt

Für Berlin war das Kunst- und Fotojahr 2019 eher ein trauriges. Aber Hoffnung gibt es auch. Peter Truschner

IM KINO

Gemeinsamer Nicht-Ort

22.01.2020. Gavroche heißt jetzt Issa: Ladj Ly liefert mit seinem vulkanischen Banlieue-Drama "Die Wütenden" die moderne Version von Victor Hugos großem Aufstandsroman "Les Misérables". Taika Waititis neuen Film "Jojo Rabbitt" muss man nicht unnötig problematisieren: wenn der Film eine Sache richtig gut macht, ist es seine eigene Blödheit hinter der frischen Brise gut gemachter Unterhaltung zu verstecken. Von Thekla Dannenberg, Patrick Holzapfel. Mehr...

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Gegen das literarische Geschäft

22.01.2020. Dlf Kultur freut sich über pointierte Seitenhiebe gegen den Literaturbetrieb in Sigrid Nunez' Roman "Der Freund". Die FAZ begegnet Sozialwissenschaft at its best mit den Aufsätzen Marie Jahodas über "Arbeitslose bei der Arbeit". Die FR feiert die Erinnerungen der "scheuen und schönen" Brigitte Fassbaender. Die NZZ versenkt sich in George Perecs Dreiecksgeschichte um einen Erzähler, einen größenwahnsinnigen jugoslawischen Philosophen und seine Geliebte und das Attentat von Sarajevo. Mehr...

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Sie sind wirklich sehr rüde

22.01.2020. Malis Rapper sind Rebellen, stellt die NZZ klar, keine Griots, die den Herrschern Loblieder singen. Die taz wagt sich vor ins "Hereroland". FAZ und Welt erleben an der Pariser Oper das Ballett "Streik gegen die Rentenreform". Standard, FAZ und Welt vergnügen sich prächtig mit Taika Waititis poppiger Nazi-Clownerie "Jojo Rabbit", nur ZeitOnline mag nicht mitlachen. Und der Guardian hört betroffen von Ai Weiwei, dass die Deutschen noch immer alle Nazis sind. Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Umgebaute Begriffe von Staatlichkeit

22.01.2020. In der Zeit online plädiert der Schweizer Forscher Urs Niggli  für Bio-Landwirtschaft - mit Gentechnik. Ilija Trojanow rät in der taz, in Fragen des Klimawandels nicht auf Optimisten zu hören. Die Ruhrbarone fragen, warum die europäischen Grünen die Erdogan-nahe SETA-Stiftung und ihren Begriff von "Islamophobie" so mögen. In der SZ warnt Katajun Amirpur vor Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Irans. Und Netzpolitik warnt: Clearview verstößt nicht unbedingt gegen den europäischen Datenschutz. Mehr...

MAGAZINRUNDSCHAU

Wow, das ist ein Verb

21.01.2020. The Nation recherchiert im korruptionsgeplagten Haiti. Im New Statesman wundert sich John Gray nicht über die Wahlniederlage Labours. In Elet es Irodalom beschreibt der Dichter Gábor Kálmán sein Leiden beim Schreiben von Prosa. Harper's erlebt in Brasilien den Heiligen Krieg zu evangelikalen Christen konvertierter Drogengangster. Cosmopolitan erzählt, wie Amish-Gemeinden den sexuellen Missbrauch von Kindern verschleiern. Die New York Times begibt sich vor die Linse der Lieblings-Überwachungskameras amerikanischer Bürger. Mehr...

FOTOLOT

Palast fürs betuchte Klientel

20.01.2020. Letztlich hatte man gehofft, dass die von Wolfgang Ullrich skizzierte "neue Adelsgesellschaft der Kunst", in der sich die Spitzen von Kunst, Politik und Wirtschaft die Ressourcen diskret untereinander aufteilen, doch nicht so weit gehen würde, den langjährigen deutschen Topverdienern der Fotografie in NRW ein Fotoinstitut zu spendieren und 83 Millionen an Steuergeld zukommen lassen. Offensichtlich umsonst. Von Peter Truschner. Mehr...

INTERVENTION

Mit Vehemenz

17.01.2020. Der Westen, hört man oft, könne anderen Kulturen nicht "seine Werte aufzwingen" und solle daher aufhören, andersartige politische Systeme zur Demokratie "bekehren" zu wollen. In Wirklichkeit aber sind es autoritäre Regimes wie die des Iran, Chinas und Russlands, die ihrer eigenen Bevölkerung ebenso wie anderen Völkern mit Gewalt ihre "Werte" aufzwingen. In diesen Ländern regen sich Demokratiebewegungen, die der Westen nicht im Stich lassen sollte. Von Richard Herzinger. Mehr...

VORGEBLÄTTERT

Marion Messina: Fehlstart

16.01.2020. Marion Messina erzählt in ihrem Debütroman von einer jungen Jurastudentin, die dem elterlichen Arbeitermilieu in der französischen Provinz entflieht und an der neoliberalen Realität scheitert. Mit Wut, Witz und soziologischer Schärfe zerlegt Messina Paris und die Illusionen einer resignierten Generation. Lesen Sie hier einen Auszug aus Messinas Roman "Fehlstart". Mehr...

IM KINO

Er blickt, sitzt und wartet

15.01.2020. Elia Suleiman ist in seinem Film "Vom Gießen des Zitronenbaums" seine eigene - stumme - Hauptfigur, die in Nazareth, Paris und New York von Palästina träumt. Wolfgang Büld und Reinhard Klooss mischen den DDR-Klischees in "Go Trabi Go 2 - Das war der wilde Osten" noch etwas Kapitalismusgroteske bei. Von Nicolai Bühnemann, Ekkehard Knörer. Mehr...

BÜCHERBRIEF

Zwischen Folie und Amour

13.01.2020. Maren Kames zündet ein poetisches Feuerwerk mit David Bowie und Friedrich Schiller, Dorota Maslowska rappt rhythmisch, rau und unbändig über das Leben in Warschauer Plattenbauten, Tim Flannery entfaltet ein funkelndes Panorama der ersten 100 Millionen Jahre Europa und Ulrich Pfisterer erdet Raffael. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats Januar. Mehr...

FOTOLOT

Nicht auf Dauer angelegt

08.01.2020. Für Berlin war das Kunst- und Fotojahr 2019 eher ein trauriges. Namhafte Galerien haben geschlossen, die musealen Institutionen erschöpfen sich in Routine, die Art Berlin schließt ihre Tore, der Kunstmarkt ist hier quasi inexistent, in der ganzen deutschen Kunstszene  gibt es einen Trend zu Musealisierung und Bürokratisierung, vorangegetrieben durch eine mutlose Kulturpolitik, die die größten Summen nur mehr in Gebäude und festes Personal investiert. Aber es gibt Grund zu Optimismus: Es kann nur besser werden. Von Peter Truschner. Mehr...

INTERVENTION

Peter Handke: Fossil und Pionier

19.12.2019. In Wahrheit ist das Gerede von der unberührbaren Autonomie des Ästhetischen Ausdruck einer Untertanenmentalität. Deren Vertreter werfen sich ersatzweise vor dem großen Schriftsteller in den Staub, für den die moralischen Standards von Normalsterblichen nicht gelten sollen. Rückblick auf die Debatte um Peter Handke, die den literarischen Geniekult deutscher Prägung endgültig diskreditierte. Von Richard Herzinger. Mehr...

FOTOLOT

Wenn man sich nur traut

17.12.2019. Über Lisa Barnard, eine Fotografin auf der Jagd nach Gold. Über "Rosetta", einen Kometen und Xavier Barral, einen zu jung verstorbenen Verleger. Und über einen Fotografen, der selbst einschlug wie ein Komet, Masahisa Fukase. Drei Fotobücher zu Weihnachten. Mehr...

ESSAY

Glücksversprechen

08.12.2019. Nicht nur, dass es in vielen dieser Geschichten schneit. Bei Posy Simmonds, Chris Ware, Max Cabanes und Riad Sattouf mischen sich einige Welten, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie können dazu beitragen, das Weihnachtsfest unterhaltsamer zu gestalten. Eine Comic-Kolumne Von Stefanie Diekmann. Mehr...

INTERVENTION

Keine Sucht nach uns

02.12.2019. Eine "Widerstandssäule" mit der Asche ermordeter Juden? Bei mir lösen die Philipp Ruchs Aktionen stets eher einen physischen Widerwillen aus. Mich stört die Nekrophilie, das Kapern realer Leichen für ästhetische Zwecke. Man könnte es die Gunther-von-Hagenisierung der allerjüngsten Avantgarde nennen. Von Thierry Chervel. Mehr...

ESSAY

So müssen wir es kitten

20.11.2019. Man (und frau) kann der Sprache Gewalt antun. Und eine gewalttätige Sprache kann zu physischer Gewalt führen. Die ins Extrem getriebene Genderisierung und Political Correctness in der Sprache und die sprachliche Enthemmung, die auf Verletzung, ja Vernichtung einer Person zielt, sind Komplementärphänomene. Zu bekämpfen sind beide im Namen der Zivilität. Von Jochen Hörisch. Mehr...

ESSAY

Niemandsrechte mit Ewigkeitsklausel II

18.11.2019. Individualrechte sind, Eigentums- und Freiheitsrechte voran, als Mittel der Selbstbehauptung Einzelner gegen andere, gegen Gemeinschaft, gegen Gesellschaft und gegen Ansprüche des Staates ausgelegt. Da kommt so schnell keine Achtung für das Gemeinsame auf. Wer die Klimakrise bewältigen will, muss die Systemfrage stellen. Die Idee der "Commons" weist den Weg: Mieten oder pachten ja, besitzen nein. Von Daniele Dell'Agli. Mehr...

ESSAY

Handkes Serbien

07.11.2019. Peter Handke war schon vor dem Nobelpreis ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller. Aber ein Tag im Leben Handkes war doch besonders: Am 8. April 2013 erhielt er in Belgrad gleich drei Auszeichnungen. Die Preise, seine Laudatoren und die Autoren und Politiker, die ihn auszeichneten, erlauben einen unheimlichen Blick auf Handkes Serbien. Von Vahidin Preljevic. Mehr...

ESSAY

Die Spur des Irrläufers

25.10.2019. Man soll Peter Handke bitte genau lesen, sagen Eugen Ruge und Thomas Melle. Gut, dann sei er hier nochmal gelesen und in den Kontext gestellt. Vielleicht schauen die Handke-Verfechter dann auch mal aus ihrer Lektüre auf und nehmen die Fakten zur Kenntnis. Handke idolisierte die gleichen rechtsextremen Kriegsverbrecher wie später Andres Breivik und Brenton Tarrant. In einer extremistischen Postille relativierte Handke noch im Jahr 2011 den Genozid von Srebrenica. Von Alida Bremer. Mehr...