Die Welt widerfährt uns

Die rechte Hand von Joe McCarthy und der Trumps. Michel Foucault in Hamburg. Navi Pillay. Raphael Glucksmann.  Magazine

Literaturbeilagen

Wir haben alle Kritiken der Zeitungen aus den Beilagen im Oktober 2026 ausgewertet. Sämtliche Notizen finden Sie hier.

Die Dialektik von Schweigen und Benennen

"Schweigen über Verbrechen ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe", sagte Philippe Sands in seiner Friedenspreisrede - und schien die Leerstellen in der eigenen Rede gar nicht zu bemerken. Von Thierry Chervel

EIN WORT GIBT DAS ANDERE

Das Anekdotische entlastet doch enorm

28.10.2026.
Roberto Simanowski macht den Auftakt einer Ringvorlesung der Humboldt-Universität zum Thema Künstliche Intelligenz. Es ist das Anliegen des Redners, sein Publikum vor Hybris wie vor Koma zu bewahren: Wir sollten uns nicht souveräner fühlen, als wir - als naturgemäß naive Nutzer -  nun einmal sind und der Serendipity unseres Lebens immer wieder Chancen geben. Der tägliche Gang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit ist das, was der Medienforscher am dringlichsten empfiehlt.
Von Elke Schmitter. Mehr...

IM KINO

Biermann sang weiter

25.10.2026. Jens Meurers "Biermann" ist ein Film für FreundInnen des titelgebenden Sängers geworden und für alle, die es noch werden wollen. Filmisch gibt sich die Dokumentation alle Mühe, seiner Hauptfigur und Hauptattraktion keine Konkurrenz zu machen. Von Fabian Tietke. Mehr...

IM KINO

Silbern statt faulig

25.10.2026. Kein Bewusstsein, aber immerhin noch einen Hauch von Modebewusstsein haben die Untoten in Tina Romeros "Queens of the Dead". Allzu viel Horror sollte man sich von dem Film der Tochter des Genregroßmeisters George A. Romero nicht erwarten - als queere Zombiekomödie hingegen macht er jede Menge Spaß. Von Lukas Foerster. Mehr...

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Weltrettungsfuror

28.10.2026. Die FAZ vertieft sich begeistert in die Schriften des jungen Walter Benjamin. Die FR findet in Rebecca Solnits Buch "Höllenparadies" ihren Glauben an die Menschheit wieder. Die NZZ ist hingerissen davon, wie Mircea Cartarescu in seinen frühen Gedichten die "Melancholie des sterbenden Jahrhunderts" auszudrücken wusste. Die SZ studiert interessiert die Essays von Italo Calvino, die die Innovationen der KI-Sprachmodelle vorwegnehmen. Die Welt sucht mit Eva Illouz nach den Ursprüngen des neuen Antisemitismus.  Mehr...

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Geschmackvolle Geschmacklosigkeiten

28.10.2026. Der Tagesspiegel begegnet in Ulrike Ottingers Film "Die Blutgräfin" einer blutdurstigen Isabelle Huppert mit Wiener Charme. Die FAZ lernt in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wiesbaden endlich die vom Nachkriegskanon ignorierten "Blauen Reiterinnen" kennen. Die Welt freut sich, dass Madame Nielsen mit gleich zwei Inszenierungen ans Wiener Volkstheater zurückkehrt. KI ist keine Gefahr für Schriftsteller, glaubt ebenfalls in der Welt der italienische Autor Paolo Giordano, aber sie schadet ihrem Ruf.  Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Zwischen all den Entgleisungen

28.10.2026. Der FAZ graust beim Blick ins außenpolitische Programm der Studentischen Liste in Serbien - insbesondere mit Blick auf den Kosovo. Gebt die in Belgien gesicherten russischen Staatsfonds zur Unterstützung der Ukraine frei, fleht Garri Kasparow in der Welt. Auf Zeit Online schildert der Politikwissenschaftler Alexander Gertz indes den Überlebenskampf ukrainischer Soldaten. In der NZZ sieht Pascal Bruckner Frankreich kurz vor dem Bürgerkrieg. Ebenfalls in der NZZ mahnt Richard C. Schneider Israel, dass Sicherheit mit den moralischen Grundlagen des Landes vereinbar bleiben müssen.   Mehr...

MAGAZINRUNDSCHAU

Die großen modernen Dinge

27.10.2026. Die London Review of Books erinnert an den Ursprung der Proteste in Frankreich: Ratten, Kakerlaken und kaputte Toiletten in Schulen. Mit den Kuchenstücken von Wayne Thiebaud wartet sie auf Zeugen. In Eurozine beobachtet die französische Dichterin Carolyn Forché, wie die Kriege in der Ukraine und in Gaza die Sprache zerstören. Die Minderheiten in Russland lassen sich die Freiheit ihrer Sprachen indes nicht nehmen, weiß die Novaya Gazeta Europe. Im Dlf seufzt Barbara Sichtermann: Sex ist im feministischen Diskurs zum Sündenpfuhl schlechthin geworden. Und Newlines kostet blauen Wein aus Syrien. Mehr...

MIND THE GAP

Tanzt du auch die Texte, KI?

26.10.2026. Übersetzen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: Im vierten Teil dieser Kolumne schreibt Eva Profousová: "Ab der ersten Seite merke ich einem Buch seine Haltung an: Gibt es sich kämpferisch? Besserwisserisch? Schwatzt es um den heißen Brei herum oder nennt die Dinge beim Namen? Sprudelt es vor Ideen über oder will es mich nur belehren? Horchst du auch in den Text hinein, KI? Von Eva Profousová. Mehr...

INTERVENTION

Putins feuchter Traum

19.10.2026. Die Gewalt in Frankreich ist weder Ausdruck mangelnder Integration bestimmter Bevölkerungsgruppen, noch soll sie eine Unzufriedenheit mit der französischen Politik artikulieren. Sie soll die jetzt schon herrschende Polarisierung in Frankreich zum Exzess treiben und die Fünfte Republik als Ganzes kippen. Europa würde mit in den Abgrund rutschen. Von Thierry Chervel. Mehr...

FOTOLOT

Dieser Rausch der Formen

15.10.2026. Wer durch die Neue Nationalgalerie schreitet, und sich mit Maurizio Cattelans peinlich vordergründigen, in Ihren Effekten wohlkalkulierten Skulpturen und Rauminstallationen konfrontiert sieht - der Papst liegt am Boden, Hitler ist auf den Knien, das Pferd hängt von der Decke und kann somit nicht durchs nachgebildete Brandenburger Tor traben -, kann nur den Kopf schütteln. Sicher, Cattelans Arbeiten haben einen gewissen Humor, der in Wahrheit jedoch nicht über Pennälerwitze hinaus geht. Aber es gibt ein Gegengift, in Berlin selbst: Leute, erinnert euch an Brassai, den Fotografen der Pariser Nacht - und noch viel mehr, ausgestellt in der Galerie Berinson. Von Peter Truschner. Mehr...

BÜCHERBRIEF

Mit Gogol und Charms

12.10.2026. Ein Dorf kann ganz gewöhnlich deutsch sein und doch überwältigend: aber nur wenn es von der Buchpreis-Gewinnerin Shida Bazyar wie in ihrem Roman "Die Lücken" porträtiert wird. Die Kritiker bewundern ihr Spiel mit den Identitäten. Dora Kapralovas kleines Juwel "Die Mariborhypnose" und Jachym Topols barocker Unbildungsroman "Die Hölle gibt es nicht" vertreten würdig den tschechischen Buchmesseschwerpunkt. Manuela Müller schickt eine aufwühlende Reportage aus Sachsen, wo die Jugend wieder Hakenkreuze malt. Und eine Biografie wirft ungemütliches Licht auf den Spiegel-Gründer-Rudolf Augstein. Mehr...

INTERVENTION

Die Dialektik von Schweigen und Benennen

11.10.2026. Philippe Sands beklagte in seiner Friedenspreisrede das Schweigen über Verbrechen Israels, die er aber selber gar nicht benannte. Er kritisierte die deutsche Regierung, forderte, dass sie Palästina anerkenne und Israel sanktioniere. Die "Staatsraison" nannte er rassifiziert. "Schweigen - und Schweigen über Verbrechen - ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe", sagte er - und schien die klaffenden Leerstellen in der eigenen Rede gar nicht zu bemerken. Von Thierry Chervel. Mehr...

TAGTIGALL

Homerika

05.10.2026. Ihre ausführliche Kritik an Christopher Nolans Film "Die Odyssee" beendete die britische Altphilologin und Homer-Übersetzerin Emily Wilson sinngemäß mit der Bemerkung, dass sie Nolan trotzdem sehr dankbar sei. Schließlich trage er auf seine Weise dazu bei, dass die Odyssee auch in Zukunft gelesen werde. Tatsächlich gibt es in jüngerer Zeit eine gewisse Renaissance: einige Dichterinnen haben sich Homers Werken auf neue Weise zugewandt. Hier ein paar Fundstücke. Von Marie Luise Knott. Mehr...

ESSAY

Uneinsehbare black box

01.10.2026. Rachel Szors und Yuval Abrahams Dokumentarfilm "Naza", der in Venedig mit Applaus überschüttet und mit einem Preis bedacht wurde, ist allein in Berlin in zehn Kinos angelaufen. In diesem Film wird unter anderem behauptet, Israel sei bereit, 500 tote Zivilisten als "Kollateralschäden" zu akzeptieren, wenn es gelinge, bestimmte Hamas-Führer zu töten. Nur ist kein einziges Ereignis überliefert, wo eine solche Anzahl von Toten von den Israelis in Kauf genommen wurde. Abrahams Berufung auf den Guardian als ein Institut, das seine Aussagen überprüfe, ist nicht stichhaltig. Von Daniel Rotstein. Mehr...

WO WIR NICHT SIND

Stimmt meine Frisur, dann stimmt mein Leben

28.09.2026. Zwei Reporterinnen verfallen dem Kongo: Judith Raupp erzählt in "Morgen gehe ich einkaufen, wenn der Markt noch steht" von ihrem Leben in Goma im Osten Kongos. Zwischen Kriegszügen, Vulkanausbrüchen und Epidemien scheinen wunderbare Momente der Freundschaft auf, des Miteinanders - und der Extravaganz. Und die britische Reisereporterin Sophy Roberts folgt den Spuren einer belgischen Expedition, die 1879 für Leopold II. indische Elefanten in den Kongo bringen sollte. Von Thekla Dannenberg. Mehr...

ESSAY

Postmortale Unschuldsvermutung

21.09.2026. Neulich atmete die deutsche Öffentlichkeit auf. Endlich schien der Anschlag auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in München im Jahr 1970 geklärt. Sieben Bewohner, Holocaust-Überlebende, sind bei diesem Anschlag ermordet worden. Nachdem sich eine Zeugin vom Hörensagen gemeldet hatte, identifizierte die Polizei einen Rechtsextremisten, der vor einigen Jahren gestorben ist. Aber es gibt erhebliche Zweifel an seiner Täterschaft - vor allem der von der Polizei dargestellte Tathergang ist extrem unplausibel. Denn direkt vor seinem Anschlag mit einem zwanzig Kilo schweren Benzinkanister soll der Täter außerdem noch versucht haben, einen Juwelierladen in der Nähe auszurauben. Eine Rekonstruktion. Von Wolfgang Kraushaar. Mehr...

TASCHENBÜCHERBRIEF

Taschenbücherbrief: Wie in einem Fiebertraum

04.09.2026. Der neue Taschenbücherbrief ist da! Und da ist viel Schönes dabei: Jonas Lüscher geht auf einen atemlosen Trip durch die Länder und Jahrhunderte. Fiona Sironic jagt im vom Klimawandel ausgetrockneten Wald im Jahr 2050 Dinge in die Luft. Leon Engler blickt in das Gesicht des Wahnsinns. Volker Weiss entlarvt die Geschichtsklitterung der Rechten. Und Perlentaucherin Alice Fischer empfiehlt Jakob Heins berauschte DDR-Satire "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste".   Von Alice Fischer. Mehr...

IN EIGENER SACHE

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

18.12.2025. Der Perlentaucher hat inzwischen 110.543 Rezensionsnotizen zu 67.013 Büchern. Wir spiegeln die qualifizierte literarische Öffentlichkeit dieses Jahrhunderts. Zuverlässige Information ist gerade in unzuverlässigen Zeiten wichtig: Wir machen seit dem dem 15. März 2000 eine tägliche Feuilleton-Presseschau. 500.000 verschiedene Menschen besuchen den Perlentaucher monatlich mindestens einmal. Besonders danken möchten wir 2.000 unter ihnen, die uns monatlich mit einem  freiwilligen "Abo" unterstützen.  Von Thierry Chervel. Mehr...