Fährte einer toten Seele

Tom Franklins Südstaaten-Groteske "Smonk" und Marcie Rendons "Am roten Fluss". Mord und Ratschlag von Thekla Dannenberg

Erschöpfte ligne claire

Marion Fayolle und Nick Drnaso setzen neue Akzente beim Comic-Festival in Angoulême. Von Stefanie Diekmann

AUSSER ATEM: DAS BERLINALE BLOG

Unterm Porzellanteint

17.02.2018. Gerade zum Drama der Mediokrität braucht es Talent: Benoit Jacquots Film "Eva". Wer leidet mehr? Und wer hat die Papiere? Christian Petzolds Wettbewerbsfilm "Transit" spielt im Hier und Heute. Zeigt, wie ein System aus Macht und Rechtfertigung zusammenbrechen kann: Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer". Führt ins Russland der frühen Siebziger: Alexey Germans Wettbewerbsbeitrag "Dovlatov". Begleitet Flüchtlinge auf dem Flughafen Tempelhof: Karim Aïnouz' Doku "Zentralflughafen THF". Vage, aber mit enormem Anspruch: Jumana Mannas "Wild Relatives" über Agrarwirtschaft. Lauscht dem Leben im Café: Hong Sangsoos "Grass". Gefangene der Vergangenheit: Marcelo Martinessis ältere Damen in "Las Herederas" im Wettbewerb. Der ruchlose Hundehasser Kobayashi hat die Herrschaft in Megasaki an sich gerissen: Wes Andersons Berlinale-Eröffnungsfilm"Isle of Dogs" erzählt von Freundschaft unter widrigsten Bedingungen.

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Mitleidlos komisch

17.02.2018. Die NZZ bespricht Romane über Migration und Afrika - unter anderem Aya Cissokos "Ma", die sie als "Brocken dunkler Energie" feiert. Die SZ lässt sich nicht täuschen: Clemens J. Setz' literarische Fantasie blitzt auch aus seinen "Bots" hervor.  Die FAZ bewundert Nathalie Azoulais Racine-Roman "An Liebe stirbt man nicht". Und die Welt lässt sich vom Journalisten, aber nicht vom Katholiken Martin Mosebach überzeugen.

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Vorzugsweise auf Abwegen

17.02.2018. Die FAZ bringt eine  Vorabdruck aus Martin Mosebachs neuem Buch "21" - er schildert sehr detailreich ein IS-Video, das die Enthauptung koptischer Christen zeigt. In der NZZ singt Felix Philipp Ingold ein Loblied aufs nomadische Lesen. In der Nachtkritik schildert Regisseur Sebastian Hartmann, der gerade in Moskau inszeniert hat, die Beklemmung in der russischen Kulturszene. Die taz porträtiert die kosovarische Choreografin Teuta Krasniqi.

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Ungehinderte Geld- und Ideologieströme

17.02.2018. Deniz Yücel ist frei - aber das zeigt auch noch einmal, wie unfrei die türkische Justiz ist, sagt Can Dündar in Zeit online.  "Atemberaubend" nennt die New York Times nach einer FBI-Anklage das Ausmaß und die Raffinesse russischer Einflussnahme im amerikanischen Wahkampf. Wieviel Chancen gibt es auf eine muslimische Demokratie, nachdem selbst Indonesien im schwarzen Loch des Islamismus verschwindet, fragt Marco Stahlhut in der FAZ. Die Basler Zeitung erkundet antisemitische Tendenzen in der Labour-Partei. Und Sibylle Lewitscharoff sagt in der NZZ, auch wenn sie an Jacob Taubes denkt, nicht #MeToo.

MEDIENTICKER

Heimat, eine Begriffszurichtung

16.02.2018. Aktualisiert: Deniz Yücel ist frei  - EU-Datenschutz & Verlage - Online-Handel: Amazon & das Markenrecht - Schweizer Buchmarkt: Negativtrend im Buchhandel - Schweizer TV: Roger Schawinski über die No-Billag-Debatte - Soziale Netzwerke: Facebook wird zum Seniorentreff - Künstlersozialabgabe:  Klage gescheitert - Theater-Nachtkritiken: "Familie Schroffenstein" in Wien & "Oradour" in München - Das andere Achtundsechzig oder die Geburtsstunde des modernen Feminismus + Hörfunktipps für das Wochenende.

AUßER ATEM: DAS BERLINALE BLOG

Voraussetzung für zukünftige Utopien

15.02.2018. Heute abend eröffnet Wes Andersons Animationsfilm "Isle of Dogs" die Berlinale 2018. Über 300 Filme werden in den verschiedenen Sektionen über zehn Tage hinweg gezeigt. Hat der einzelne Film da überhaupt noch eine Chance? Ein Blick ins übervolle Programm. Von Anja Seeliger.

MAGAZINRUNDSCHAU

Hausaufgaben für die linke Gehirnhälfte

12.02.2018. Bloomsberg plaudert mit nordkoreanischen Hackern. Wo sind die Autoren aus der Arbeiterklasse, fragt die Schriftstellerin Kit de Waal Im Guardian. Autor Javier Cercas denkt in El Pais Semanal über Kunst und correctness nach. Fotograf Jeff Wall propagiert im Believer das eigene Urteil in der Kunst. Im New York Magazine fragt Quincy Jones: Was kennen diese jungen Musiker eigentlich? In Eurozine hofft der Historiker Ferenc Laczó auf eine Europäisierung des Holocaustgedenkens.

ESSAY

Erschöpfte ligne claire

08.02.2018. Das Festival international de la Bande dessinée von Angoulême ist immer noch maßgeblich, trotz seines Sexismus (es bisher kaum Frauen mit den wichtigen Preisen ausgezeichnet worden) und trotz einer zu starken Tendenz zu frankophonen Comics. Einige der gerade ausgezeichneten Werke setzen dennoch neue Akzente in dieser Kunst, zum Beispiel Marion Fayolles "Les Amours suspendues" und Nick Drnasos "Beverly". Von Stefanie Diekmann.

TAGTIGALL

Der Stein der Zukunft

07.02.2018. Morgen geht die Ausstellung "Urbans Orbit" im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee zu Ende. In ihr versammelten Andreas Tretner und Marie Luise Knott Einblicke in den Nachlass des Übersetzers Peter Urban, der letztes Jahr vom Deutschen Literaturarchiv übernommen wurde. Einige Kisten darin geben Aufschluss über die Entstehung der zweibändigen deutschen Werkausgabe des russischen Avantgarde-Dichters Velimir Chlebnikov (1885-1922), der als unübersetzbar galt. Oskar Pastior, Paul Celan und andere wagten es dann aber doch. Von Marie Luise Knott.

IM KINO

Giftiges Lila

07.02.2018. Da uns die Neustarts der aktuellen Woche eher kalt lassen, wagen wir einen Blick auf andere Bereiche des Kinos. Bisher nur auf Festivals zu sehen ist Paul Schraders calvinistischer Neo-Noir "First Reformed". Immerhin auf BluRay zu erwerben gibt es Takashi Miikes meisterliche Schwertkampfapokalypse "Blade of the Immortal". Von Lukas Foerster, Michael Kienzl.

ESSAY

Die kritische Differenz

17.01.2018. Wolfgang Ullrich preist in seiner Bilanz des "Superkunstjahres" 2017 die Freiheit des Kunstmarktes gegenüber dem Moralismus der Kuratorenkunst - aber er meint die Freiheit des ökonomisch Erfolgreichen. Wer mehr Freiheit in der Kunst will, müsste mehr (und nicht weniger) über soziale Differenz sprechen, die sich an Kategorien von Ethnie, Geschlecht, und eben nicht zuletzt auch ökonomischer Teilhabe manifestiert. Eine Replik
Von Eva-Maria Troelenberg.

FOTOLOT

Eingeschriebene Abwesenheit

04.01.2018. Alec Soth ist weniger Klassiker geworden, als dass er vielmehr von Anfang an wie ein Klassiker an die Sache heranging. Seine Bilder von Außenseitern und sanft insistierenden Panoramen haben ebenso viel mit der Gegenwart des US-Heartlands zu tun wie mit Landschaften von Ruisdael bis Corot. Die Hamburger Ausstellung läuft noch bis zum 7. Januar. Von Peter Truschner.