Im Kino

Bildspuckmaschine

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer, Nikolaus Perneczky
20.10.2010. Immer noch auf der Suche nach dem Guten im Kapitalismus: Oliver Stone, in dessen "Wall Street"-Fortsetzung das Geld niemals schläft. Edgar Wright schickt in "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" seinen Helden als Avatar seiner selbst in den Videospielkampf gegen die Ex-Lover der Frau, die er begehrt.

Oliver Stones "Wall Street" muss etwas richtig gemacht haben. Auch wer den Film nicht gesehen hat, erinnert sich an ihn, oder genauer an seinen machiavellisch-charismatischen Bösewicht Gordon Gekko (Michael Douglas). An Gekkos Gelfrisur, hellblaue Maßhemden und Hosenträger, an sein zigarrenbewehrtes Haifischlächeln, an sein Motto: "Greed is, in lack of a better word, good." "Wall Street" hatte den Stil der Yuppies vielleicht nicht erfunden, jedenfalls aber derart dingfest gemacht, wie nach ihm vielleicht nur noch Brett Easton Ellis' "American Psycho". Und er hatte den Zeitgeist auf seiner Seite: Welcher bessere Zeitpunkt, um den Schergen des Finanzkapitals ein Denkmal zu setzen, als 1987? Auch filmisch wusste Wall Street zu glänzen, mit derselben Slickness und Politur, die das Gebaren seiner Figuren auszeichnen.

Aber Oliver Stone wäre nicht Oliver Stone, hätte sein Film keinen ausgeprägten Hang zum populistischen message movie. Womit wir bei dem wären, was "Wall Street" alles falsch gemacht hat. Wie er auf allen ihm zur Verfügung stehenden Registern das schaffende gegen das raffende Kapital ausspielte, war von einer solchen Borniertheit, dass das ansonsten überzeugende Sittenporträt daran Schaden nahm. Eine in ihrer raffinierten Verschränkung von Charakteren und Starpersonae einschlägige Figuration dieses sozialreaktionären Archetyps: Charlie Sheen als Gekkos Protege Bud Fox muss sich am Ende zwischen Michael Douglas' luftigem Börsenhai und seinem eigenen Vater entscheiden, einem authentischen Gewerkschaftsfunktionär, dem Sheens leiblicher Vater Martin das erdige Timbre leiht. Gekkos/Douglas' Lob auf die Gier kontert der mit dem Ratschlag: "Stop going for the easy buck and produce something with your life." Abspann.


Über zwanzig Jahre später legt Stone nun nach. "Wall Street - Money Never Sleeps" heißt sein neuestes Opus, anstelle der obligaten Nummer 2 also ein Untertitel, der das Geld, indem er ihm die Weihen einer schlaflosen Subjektivität zueignet, zum eigentlichen Protagonisten des Dramas kürt. Wiederum ist Stone sichtlich darum bemüht, den Zeitgeist in kräftige Bilder und Worte zu bannen, die uns keinen Gemeinplatz und kein visuelles Klischee schuldig bleiben, von chinesischen Investoren, die über die Geschicke einer amerikanischen Investmentbank entscheiden, über Splitscreen-Anordnungen, die der Verbreitung eines fingierten Gerüchts nachgehen, bis zur New Yorker Skyline ohne Twin Towers, in deren Verlauf sich das Zickzack flatterhafter Börsenkurse einschreibt. Da kommt einiges zusammen, und widerwillig stellt man fest, das es Stone schon wieder gelungen ist, einen Stil wenn nicht zu prägen, so doch in feste, vielleicht allzu feste Formen zu gießen.

Diesmal ist es der zu gleichen Teilen von Ehrgeiz und Idealismus getriebene Nachwuchsbroker Jake Moore (Shia LaBeouf), der in Gekkos (wieder: Michael Douglas) Fänge gerät. Mit der absichtsvollen Eindimensionalität von Charlie Sheens Bud Fox, dem hier ein kurzer, abgeklärter Auftritt vergönnt ist, hat dieser Jake Moore aber nichts mehr gemein. Stattdessen soll er uns mit der Vorstellung versöhnen, dass es auch unter den Börsianern einige Aufrechte gibt, die Investitionen nicht unter dem unnachgiebigen Druck des Profitkalküls, sondern aus hehren - in diesem Fall, der Zeitgeist will es so: grünen - Motiven tätigen. In einem Interview mit der Zeit bringt Stone diese Einschätzung auf den Punkt: "Die Wall Street könnte der Motor für einen funktionierenden, humanen Kapitalismus sein." Freilich gibt Stone seinem Strahlemann einen skrupellosen Gegenspieler, den Investor Bretton James (Josh Brolin), an die Hand. Aber was die beiden dann aufführen - nur soviel: es kulminiert in einem Motorradrennen - ist ein ziemlich fußlahmer Tanz. Nebenbei, und seltsam unverbunden, entfaltet sich ein Familiendrama um Moore, seine Freundin Winnie (Carey Mulligan) und deren Vater Gordon Gekko. Der ist zu Beginn, nachdem er die Haftstrafe für Insidergeschäfte abgesessen hat, die sich am Ende des ersten Teils anbahnt, ein Schatten seines früheren Selbst. Weil das Drehbuch andere Pläne mit ihm hat, wird es ihm bis zum versöhnlichen Schluss verwehrt bleiben, zur alten Form aufzulaufen.


Da gibt es nichts zu beschönigen: Indem Stone den einstigen Popanz auf Menschenmaß zurechtstutzt, beraubt er sich seines prime asset. In seinen besten Momenten war Gekko das, was Marx als eine "Charaktermaske" bezeichnet hat: "[E]s handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen." An die Stelle solcher Personifikation tritt in "Wall Street - Money Never Sleeps" die menschelnde Personalisierung systemischer Zwänge, worunter nicht nur die Glaubwürdigkeit seiner Kapitalismusanalyse leidet, sondern auch und vor allem der Spannungsbogen. Weil der Film die Struktur, die das Handeln der Akteure definiert, zugunsten individueller Verantwortlichkeit herunterspielt, geben Gier oder Güte der Spekulanten den Ausschlag, wohin die Reise geht. Wie eine Figur handelt, hängt vom Mischverhältnis dieser beiden Charaktere ab: Für einen Film, dem es um Drama plus Gegenwartsdiagnose zu tun ist, ist das etwas dürftig.

Nikolaus Perneczky

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Der Name: Ramona, eine Telefonummer, darunter siebenmal: x. Scott Pilgrim ist glücklich: Die Frau seiner Träume hat ihn erhört. Aus dem siebenmal x macht er sich erstmal nix. Er ahnt nicht, dass sich darin die Handlungsblaupause für die Abenteuer verbirgt, die er einen ganzen Film lang abzuarbeiten hat wie der Held eines früheuzeitlichen Romans (irgendwo ist da im Hintergrund beim Briten Edgar Wright sicher ein Spurenelement Resterinnerung an John Bunyans christlich-allegorische "Pilgerreise") - oder eben, das ist die viel offensichtlichere Referenz, wie der Avatar eines Videospiels. Siebenmal nämlich wird im Laufe des Films Scott Pilgrim zum Avatar seiner selbst und muss halbvirtuelle Kämpfe bestehen gegen die Ex-Freunde (Ex-FreundInnen, um genau zu sein) seiner genrehalber geliebten Ramona mit ihren flott wechselnden Haarfarben.

Avatar seiner selbst: Soviel Spaltung muss sein. "Scott Pilgrim vs. The World" schickt seinen Helden auf eine Reise durch eine multimedial angereicherte Wirklichkeit. Ein Comic liegt dem ganzen zugrunde, was man an viel in die Bilder hineingeschriebenen Kiss-Kiss-Bang-Bangs auch hinter die Ohren geschrieben bekommt. Eine eigentlich sinnlose Verdopplung, denn man liest ja genau das, was man, anders als im Medium Comic, gleichzeitig hört. Eine redundante Geste also, die nur eins signalisiert: Ich, lieber Betrachter, bin als Film ein Hybrid. Und das kann (und wird) "Scott Pilgrim" laut sagen. Neben den Comicsoundinschriften tritt ins Bild aber auch der videospielübliche Level- und Restleben- und Punktestand-Firlefanz.


Hybrid heißt: Es gibt fortwährende Medienwechsel (Film, Comic, Videospiel), dies allerdings nicht in der schön separierenden Eröffnung und Schließung mehr oder weniger realer Separaträume, sondern direkt als Inschrift von Wörtern und Bildern in der Oberfläche des Filmbilds. Das verliert so seine Stabilität. Von einem Raum in den anderen purzeln die Figuren, im Splitscreen werden sie beliebig gruppiert, der Regisseur wird mit seinem Haupthelfershelfer, dem Cutter, zum VJ sich überstürzender Bilder. Aus der Vergangenheit tauchen die Exfreunde auf und in der Gegenwart muss Scott Pilgrim sie mit den Mitteln des Videospielvirtuosen bekämpfen. Adoleszenzliebesdrama meets vergleichsweise archaisches Videogame. (Alles beginnt, wie es sich gehört, mit Pacman-Vergleichen.)

Wer da eine Handlung wieder zusammenbuchstabiert, die im Film ständig auseinanderfällt, der lügt schon. Die Auf- nicht die Erzählung kommt dem Seheindruck nahe: Da ist Scott, der seine Beinahe-Irgendwie-Wasweißich-Freundin Knives mit Ramona betrügt. Da ist sein schwuler Mitbewohner Wallace mit ironischem Durchblick. Da ist die Band Sexbob-omb, deren klischeemäßig wie unbeteiligt am Instrument rumstehenden Bassisten Scott gibt. Da ist die Frau, der er seit einem Jahr nachtrauert. Da ist - irgendwie, irgendwo - auch Toronto als Spielort. Es gibt Dialoge, die sind millimetertief, aber jugendkulturanspielungsreich. All das (und noch viel mehr) ergibt aber kein ganzes Bild mehr, keine ganze Geschichte und keinen ganzen Film. "Scott Pilgrim" ist eine Bildspuckmaschine, die aus allen Rohren feuert und kaum mal eine Minute zur Ruhe kommt. Einen Spannungsbogen gibt es naturgemäß nicht: Ein Ex nach dem andern wird mit den Mitteln der Videospielkampfkunst besiegt. Der Film schaltet für diese Szenen einfach spezialeffektfreudig in den Videomodus um; dann wieder zurück.


Das Drehbuch hat Lüste und Launen, meist recht unmotiviert. Einmal etwa wird eine Dialogszene einfach so in den Sitcom-Modus inklusive eingespieltem Hintergrundlachen versetzt. Edgar Wright hat überhaupt eine Idee nach der andern, einfallsreich ist gar kein Ausdruck dafür. Ramona auf Schlittschuhen, die davongleitend den Schnee zum Schmelzen bringt. Liebe steht als rosa Wölkchenwort mitten im Bild. Immerzu Tempo, ein Ex nach dem andern, eine Frau neben der andern, Splitscreen, ein paar Takte heftiger Rockmusik, eine Todesvision (Endlevel) und am Schluss als Ramonas Ex/Nichtmehrex Jason Schwartzman: ein Rockstar in Weiß mit Namen Gideon. All sowas zaubert der Film im Stakkato aus dem Hut. "Scott Pilgrim" ist Filmegucken als Rezeptions-Multitasking auf einer Hybridscreenleinwand. Kino als Aufmerksamkeitsstörungssyndrom. Brutal zielgruppenorientiert. US-Einspiel sehr mäßig. Am Ende, natürlich, alles auf Anfang.

Ekkehard Knörer

Wall Street - Geld schläft nicht. USA 2010 - Originaltitel: Wall Street 2: Money Never Sleeps - Regie: Oliver Stone - Darsteller: Michael Douglas, Shia LaBeouf, Josh Brolin, Carey Mulligan, Eli Wallach, Susan Sarandon, Frank Langella, Charlie Sheen, Martin Sheen

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt. Kanada / USA 2010 - Originaltitel: Scott Pilgrim vs. The World - Regie: Edgar Wright - Darsteller: Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead, Kieran Culkin, Chris Evans, Anna Kendrick, Alison Pill, Brandon Routh, Jason Schwartzman