9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Für das Tanzen auf der Straße

04.10.2022. In der Berliner Zeitung blickt Slavoj Zizek voller Bewunderung auf die Proteste im Iran: "Frau, Leben, Freiheit" ist nicht #MeToo. Hubertus Knabe studiert für die FAZ alte Stasi-Dokumente über Wladimir Putins Dresdner Zeit. Das Interesse am Stierkampf lässt in Spanien deutlich nach, beobachtet die taz. Im Observer meldet Kenan Malik Zweifel an der Idee des "Gemeinwohls" an.

Russland schrumpft

01.10.2022. Mit Brimborum feierte Wladimir Putin gestern seine Schein-Annexionen von Gebieten, die er noch nicht mal erobert hat, und befleißigte sich in einer "bizarren Rede" einer postkolonialen Rhetorik. Dieser Schein wahrt nicht mal den Schein, konstatiert Anne Applebaum in Atlantic. Oksana Sabschuko ist im Standard zuversichtlich, dass Russland zerfällt. Alexei Nawalny entwickelt in der FAS Perspektiven für Russland als parlamentarische Demokratie. Zeit online führt außerdem ein sehr instruktives Interview mit dem Politologen Angelo Bolaffi über Italien nach den Wahlen.

Wirklich synergetisch

30.09.2022. Die russische Mobilisierung ist bereits so etwas wie das Eingeständnis einer Niederlage, sagt Garri Kasparow im Tagesspiegel. Zum Tod von Mahsa Amini erklärt Annalena Baerbock im Bundestag, dass Islamismus nichts mit Religion zu tun habe. hpd.de erzählt unterdessen, wie das iranische "Moralministerium" seine Vorstellungen durchsetzen will: Mit Digitalisierung und Peitschenhieben. Der BND der frühen Jahren hat systematisch SS-Männer in seine Reihen aufgenommen, berichtet die SZ. Gruner und Jahr wird nun endgültig abgeschafft, melden die Zeitungen

Zehn Minuten Zeit zu packen

29.09.2022. Ausgesprochen samtpfötig findet Gilda Sahebi in der taz die "feministische Außenpolitik" Annalena Baerbocks gegenüber den iranischen Mullahs. Die Schauspielerin Sibel Kekilli will sich in der Zeit nicht mehr von westlichen Feministinnen über das Kopftuch belehren lassen. Irina Rastorgujewa erzählt in der FAZ, wie junge Männer in Sachalin eingezogen werden. Und die Berliner Zeitungen verabschieden sich schon mal von der Regierenden Bürgermeisterin.

Einige Elemente dieser Angstpolitik

28.09.2022. Bahman Nirumand erzählt in der NZZ , wie die iranische Revolution die Frauen verriet. Ayaan Hirsi Ali kritisiert in Unherd die Iran-Politik der Biden-Regierung. Wie faschistisch ist der Postfaschismus, fragt Durs Grünbein in der SZ. Sehr kritisch setzt sich die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert in der FAZ mit einer Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zur Neudefinition der Suizidhilfe auseinander.

Dass es an der Zeit ist, keine Angst mehr zu haben

27.09.2022. Putins Magie steckt in seiner Fähigkeit, Macht und Stärke auszustrahlen - der Westen darf nicht drauf reinfallen, mahnt der russische Autor Dmitry Glukhovsky in der Berliner Zeitung. Ebenfalls in der Berliner Zeitung prangert Michael Wolffsohn nach der Documenta den immer gesellschaftsfähigeren Antisemitismus links der Mitte an. Die taz hat einen Trost in den italienischen Widrigkeiten: Die italienische Rechtskoalition hat nicht wirklich die Mehrheit. Bei newlinesmag.com schreibt Hassan Hassan den Nachruf auf den spirituellen Führer der Muslimbrüder Yusuf al-Qaradawi, der als gemäßigt galt und Selbstmordattentate pries.

Ein bestimmter Kipppunkt

26.09.2022. Italien hat gewählt, und zwar rechts. Die Kommentatoren hoffen, dass der Geldsegen aus Brüssel die wahrscheinliche neue Premierministerin Giorgia Meloni schon bändigen wird. Der Faschismus war in Italien nie weg, mahnt Zeit online. Zaghaft fragen die Kommentatoren, ob die iranischen Proteste nach dem Tod Mahsa Aminis das Zeug haben, die Ajatollahs zu stürzen. In der FAZ erzählt die Historikerin Ricarda Vulpius  die lange Geschichte der russischen Ukraine-Obsession.

Eine Reihe furchtbarer Fehlentscheidungen

24.09.2022. Nur zwei Themen heute. Mahsa Amini und der Krieg gegen die Ukraine, nach der Mobilisierung in Russland. In der taz attackiert Masih Alinejad westliche Politikerinnen, die sich im Iran mit Kopftuch zeigten, auch Claudia Roth. In der SZ beschreibt Shida Bazyar das "systemlose System" de Zwangs, das den Frauen im Iran auferlegt ist. In Foreign Affairs resümiert Lawrence Freedman Wladimir Putins komplettes Versagen. Die Mobilisierung wird am Kriegsgeschehen wenig ändern, meint Stefan Kornelius im Leitartikel der SZ.

Ellisons Stolz auf den Jazz

23.09.2022. Mobilisierung heißt, dass der Krieg in Russland angekommen ist: Bis zu 25 Millionen Russen sind Teil der Reserve der Armee, berichtet der Spiegel. In der FAZ erklärt die Russland-Expertin Sarah Pagung, warum sie Putins jüngste Atomdrohung für einen Bluff hält. Perlentaucherin Marie-Luise Knott spricht  in der Welt über Hannah Arendt und Ralph Ellison. Die taz fragt, was die erste weibliche Premierministerin Italiens für die Frauen bedeuten würde.

Aus der Angststarre lösen

22.09.2022. Die Zeit bringt neue Details über den gewaltsamen Tod von Mahsa Amini, die sterben musste, weil ihr Kopftuch locker saß. Auch in Russland wurde gestern Abend demonstriert. Die taz und Timothy Snyder auf Twitter lesen die Nachricht von der Teilmobilisierung als Putins Eingeständnis einer Schwäche: Auf dem Terrain ist die Ukraine eindeutig überlegen, analysiert die FAZ. In der Zeit beschweren sich Harald Welzer und Richard David Precht, dass der Mainstream nicht ihrer Meinung folgt.