9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ein bisschen Kakophonie

25.11.2020. In France inter wundert sich Jean-Marc Four über das horizontale Machtgefüge in Deutschland, das die Coronakrise dennoch bewältigt, während Emmanuel Macron im französischen Fernsehen von oben herab die Schließung von Skistationen ansagt. PolitikerInnen (besonders, aber nicht nur grüne) wollen die Innenstädte grüner machen. Nein, ruft Claudius Seidl in der FAZ: Wir wollen Lärm, Chaos und Vereinzelung. Auch Europäer wurden versklavt, erinnert Beat Stauffer in der NZZ. In der FR warnt Wilhelm Heitmeyer vor den Zwiebelmustern des Rechtsextremismus. Und Klaus Heinrich ist gestorben.

Kaum Spuren hinterlassend

24.11.2020. Die SZ erklärt, warum es für arme spanische Kinder ein Nachteil ist, dass das Spanische jetzt "Kastilisch" heißt. Die taz fragt, warum sich Jens Spahn schlicht weigert, Konsequenzen aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe zu ziehen. In der NZZ geißelt Ayaan Hirsi Ali die Ideologie der kulturalistischen Linken. Perlentaucher Thierry Chervel lehnt die von der Bundesregierung geplante Subvention von Zeitungen  als " eine krasse Wettbewerbsverzerrung" ab. Medien wie die FAZ lassen sich dagegen gern nicht nur vom Staat, sondern auch von Google unter die Arme greifen, berichtet die taz.

Die Stampfmühle der Bahnkreise

23.11.2020. In der SZ erklärt der polnische Journalist Konstanty Gebert, warum die Rechtsstaatlichkeitsforderung der EU für Kaczynski gefährlicher ist als für Orban.  Nick Cohen spießt in seiner Observer-Kolumne den Churchill-Kult Boris Johnsons auf. Bei Emma kritisiert Necla Kelek die Islamkonferenz von Innenminister Seehofer, die mit säkularen Muslimen schon gar nicht mehr sprechen will. Die Armenier haben in dem Krieg in der Region Bergkarabach viele Kirchen und Kulturdenkmäler verloren, berichtet die taz. Die New York Times erklärt, wo man Gesichter kaufen kann, die garantiert echt aussehen, es aber nicht sind.

Frauenrechte zum Beispiel

21.11.2020. Die SZ ermittelt weiter zu Rechtsextremismus in der Polizei. Die Anwältin Seda Basay-Yildiz, die von der Gruppe "NSU 2.0" bedroht worden war, wohnt inzwischen an einem unbekannten Ort, und diese gesperrte Adresse wurde von den Tätern neu aufgespürt. Falls die rechtsextremen "Grauen Wölfe" verboten werden sollten, könnte der "Zentralrat der Muslime" ein Problem bekommen, so die Ruhrbarone. In der Welt erklärt Caroline Fourest, warum die identitäre Linke in falschen Mustern denkt. In der taz erklärt die Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer, wie Terrorprävention funktionieren müsste. Im Spiegel fragt Swetlana Alexijewitsch, warum die Welt angesichts der Gewalt des Lukaschenko-Regimes schweigt.

Schulen mit zwei Ausgängen

20.11.2020. Viktor Orbans Regime ist korrupt. Nun will er mit Polen ein Veto gegen den neuen EU-Haushalt einlegen, der Rechtsstaatlichkeit verlangt. Soll er doch, meint George Soros im Tagesspiegel. Die taz erinnert an das Abkommen von Dayton, das vor 25 Jahren zwar den Bosnienkrieg beendete, aber keinen Frieden schloss. In der Welt ist der Germanist Magnus Klaue  nicht einverstanden mit Christian Drostens "Pandemischem Imperativ", der da lautet: "Handle stets so, als seiest du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an." 

Es ist vielleicht nicht gut für Amerika

19.11.2020. Es gibt viele Probleme mit dem Humboldt-Forum, aber eines ganz besonders: Wir kriegt man die Kunstwerke rein, geschweige denn raus? Die Weltkulturen müssen durch ein Eigenheimgaragentor passen, fürchtet die SZ. Der Journalismusprofessor Jay Rosen fragt in seinem Blog: Was machen die amerikanischen Medien nach dem "Trump Bump", der sie so prächtig profitieren ließ? Die Zeit schildert, wie die AfD zunächst rudern musste, um eine Position zu Corona zu finden und wie sie sich jetzt an die Coronaleugner hängt. Es gibt keine "Religionen", meint der Religionshistoriker Daniel Dubuisson in Le Monde, schon der Begriff sei eine imperialistische Erfindung.

Verifizierungsebenen

18.11.2020. Le Monde staunt über den im Internet zirkulierenden Film, "Hold-up", der Verschwörungstheorien über Covid 19 verbreitet und auf ein begeistertes Publikum stößt. Die SZ warnt vor der  KI-Technik der "Deepfakes", die vor allem als Waffe gegen Frauen verwendet werde. In der taz hofft Tuba Isik, Professorin am Berliner Institut für Islamische Theologie, mit dem Hinweis auf die "einst ambigue Kultur des Islam" selbst heikle Themen wie Homosexualität an ihrem Institut bewältigen zu können. Die FAZ greift einen Streit zwischen der New York Times und Emmanuel Macron auf.

Bedenkliche Diskurs-Koalition

17.11.2020. Die ungarische Regierung will einen europäischen Rechtsstaatsmechanismus boykottieren. Macht nichts, meint die SZ: lange können die sich das nicht leisten. Der Tagesspiegel skizziert den Klassengegensatz von Fest und Frei in der deutschen Klassikmusikszene: Sollten die Festen die Freien nicht unterstützen? Im Guardian erklärt Kwame Anthony Appiah, warum die Formel von der "gelebten Erfahrung", auf die sich Politiker in den USA gern berufen, um ihre Authentizität zu unterstreichen, nichts aussagt. Der Spectator ist traurig, weil die Kolumnistin Suzanne Moore den Guardian verlässt.

Wie ein Déjà-vu

16.11.2020. Es gibt gute Nachrichten zu Corona, schreibt Zeynep Tufekci im Atlantic, und dennoch steht Amerika und auch Europa vorher noch ein "verheerender Anstieg" bevor. Dänemark benutzt einfach die NSA, um seine eigenen Staatsbürger zu überwachen, berichtet Zeit online. In der FAS erklärt der französische Politologe Hugo Micheron, wie ein islamistisches Umfeld die Stimmung in vielen Stadtteilen in Frankreich oder Belgien drehte. Twitter ist schlimm, aber "es kommt auch darauf an, wie Journalisten über das berichten, was Trump auf Twitter von sich gibt", gibt die Kommunikationswissenschaftlerin Whitney M. Phillips in Zeit online zu bedenken. 

Zahl oder Kopf, ich gewinne immer

14.11.2020. In der taz beschreibt Selim Nassib, wie der Islamismus mit Hilfe der Linken Europa unfreier macht. Die SZ geht in der Berliner Gropiusstadt in den Glücksunterricht. In der Welt ruft Paul Auster dazu auf, die Hakenkreuze aus den Südstaaten zu entfernen. Im Perlentaucher beschreibt Marina Scharlaj, wie der Sexismus der belarussischen Politik die Frauen dort auf die Straße trieb. Die NZZ erblickt die moderne Swissness in großen Rechenzentren in Appenzell. Und in der FR diagnostiziert Olivia Mitscherlich-Schönherr Corona-Fatigue.