9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ignoranz und Bagatellisierung

14.06.2024. In der FAZ erklärt der Historiker Nicolas Roussellier, worauf die Macronsche Auflösung der Nationalversammlung hinauslaufen könnte: auf einen schwachen Ministerpräsidenten der extremen Rechten, dem eine wutentbrannte Linke gegenübersteht. An deutschen Unis kursieren im Kontext der Pro-Hamas-Proteste  weitere Professorenbriefe, diesmal fordern sie den Rücktritt von  Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, die FAZ berichtet. Eva Illouz wiederholt in der Berliner Zeitung ihre Kritik an der westlichen Linken - und an der israelischen Regierung.

Kommt einem bekannt vor

13.06.2024. Die Jugend ist nach rechts gerückt- in der SZ glaubt Heinz Bude, es sei an der Zeit, mehr über "Heimat" und die "Zugehörigkeit zur Gesellschaft" zu diskutieren. Die NZZ enttarnt Putins Mär von einem gescheiterten Friedensvertrag in Istanbul. In der FAZ versucht Matthias Platzeck den Wahlerfolg der Rechten im Osten zu erklären. In der Zeit streiten der Fluchtforscher Marcus Engler und der Migrationsexperte Gerald Knaus hitzig über die Abschiebung von Geflüchteten nach Ruanda. Das neue Konzerthaus in München wird nun doch nicht wie geplant realisiert - die SZ ist fassunglos.

Feiern, verdammen, hinterfragen

12.06.2024. Der Osten wird sich dem Westen nicht weiter angleichen, meint Steffen Mau bei Spon, zu stark wirken "Osttrotz" und "Oststolz". Die SZ (aber nicht die FAZ) erinnert an Frank Schirrmacher, der vor zehn Jahren gestorben ist. Auf Spon wirft der Historiker Martin Schulze Wessel seinem Kollegen Jörg Baberowski mangelnde Faktenkenntnis und Empathielosigkeit gegenüber der Ukraine vor. Im Tagesspiegel antwortet Peter R. Neumann auf die Frage, ob Sahra Wagenknecht links oder rechts ist: "Beides!"

Ich, privilegiert?

11.06.2024. Ist Sahra Wagenknecht eine Linke, eine Rechte? In Zeit online versenkt sich Anne Rabe in dies menschliche Vexierbild. In den Niederlanden unterwerfen sich die ersten Hochschulen Europas den Vorgaben von BDS, berichtet die taz. In Frankreich träumen Linke laut Le Monde angesichts des Neuwahlcoups von Emmanuel Macron von einer neuen "Volksfront". Gambia will sich "nicht länger von der westlichen Philosophie diktieren lassen was wir tun sollen" und Genitalverstümmelung wieder zulassen, berichtet die NZZ.

Faschistoid aufgeladen

10.06.2024. Diese Katastrophe muss jetzt verkraftet werden. Viele Staaten in Europa haben bei den EU-Wahlen einen Tritt mit dem Hufeisen bekommen. Deutlich ist das in Deutschland vor allem in den Neuen Ländern: In Sachsen haben Rechtsextreme und Populisten 49 Prozent. In Sachsen-Anhalt kommen die Parteien der Ampel zusammen auf so, naja, 14 Prozent. In Frankreich haben Rechtspopulisten und -extreme 37 Prozent, Linksextreme 10 Prozent, und Macron löst das Parlament auf. Unterdessen feiert die Hamas einen Propagandasieg nach der Befreiung von vier Geiseln durch Israel.

Etwas unangenehm Paternalistisches

08.06.2024. Das Verhältnis zwischen Orient und Okzident wird sich auch innerhalb der westlichen Demokratien entscheiden, schreibt Michael Kleeberg in der FAZ. In der FAS bestätigt Güner Yasemin Balci: Islamistische Bewegungen wurden auch in Deutschland zu lange ignoriert. taz und Zeit Online wundern sich darüber, wie gut sich deutsche Politiker mit rechten Regierungen verstehen. Jetzt drehen die Kritiker des Berliner Schlosses völlig durch, seufzt die Welt angesichts der neuen Initiative "Schlossaneignung". Die FAZ empfiehlt Claudia Roth ein bisschen mehr Mut zum Streit.

Die einen wie die anderen zündeln

07.06.2024. Die Direktoren von Berliner NS-Erinnerungsorten fordern die Berliner Universitäten auf, Antisemitismus auf ihrem Campus zu benennen. Der Westen ist so bedroht wie selten zuvor, auch von innen, warnt Heinrich August Winkler in der SZ. ZeitOnline erinnert Europas Konservative, die mit den Rechten anbändeln, derweil an die Geschichte. Der Vorsitzende der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon fordert die Abschaffung des "Gotteslästerungsparagrafen". In der NZZ gibt Dmitri Bykow die Hoffnung auf ein Ende des russischen Faschismus in den 2030er Jahren nicht auf.

Nicht frei erfunden

06.06.2024. In der Zeit verteidigt sich Claudia Roth und hält die Vorwürfe gegen ihr neues Konzept für Erinnerungskultur für absurd. Zeit Online ruft hingegen: Die deutsche Erinnerungskultur ist kein Instrument, bei dem man beliebig Module umstecken kann! Die AfD fordert in ihrem Wahlprogramm eine "Einheitskultur" und weiß dabei nicht zu sagen, was deutsche Kultur überhaupt ist, kritisiert die SZ. In der FAZ äußert sich Philippe Lazzarini zu den Vorwürfen gegen die UNRWA.

Das so sympathische westliche Denken

05.06.2024. "Wir erleben jetzt die Selbstabschaffung des Westens", sagt Michael Wolffsohn in der Berliner Zeitung mit Blick auf die antisemitischen Proteste. Im Tagesspiegel nennt der Historiker Moshe Zimmermann den Boykott israelischer Universitäten und Akademiker "nicht unbedingt antisemitisch", die SZ schildert derweil das Ausmaß des Boykotts. In der FAZ erinnert Dieter Lenzen, ehemals Präsident der FU, die Universitäten an ihre Rechtspflichten. Die NZZ setzt nach den Wahlen in Indien leise Hoffnung auf die gestärkte Opposition.

Weder jung noch integer

04.06.2024. taz und FAZ porträtieren die neue mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum, die von ihrem Vorgänger López Obrador das Problem der Gewalt erbt. Vergesst Belarus nicht, ruft fast verzweifelt Natalia Pinchuk, die Ehefrau des inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Ales Bjaljazki, in der FR. Gäbe es an den deutschen Unis Lehrstühle zur Geschichte der DDR und des Kommunismus, dann hätten wir auch weniger "DDR-Kitschbücher" wie die von Katja Hoyer und Jenny Erpenbeck, verspricht Ilko-Sascha Kowalczuk in der FAZ. In der SZ erinnert  Julian Nida-Rümelin an das Subsidiaritätsprinzip.