9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dynamik des Widerspruchs

24.06.2017. Zum Jahrestag des Brexit-Referendums schwankt der Guardian zwischen Hoffnung und Resignation. Die FAZ erinnert daran, dass die vom IS zerstörte Al-Nuri-Moschee in Mossul einst eine Kirche verdrängte und schon im 12. Jahrhundert zum Dschihad aufrief. Der Bundestag fordert die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten zum Schutz von Journalisten, freut sich der Tagesspiegel. Und die NZZ erklärt, warum Jörg Baberowski als rechtsradikaler Rassist bezeichnet werden darf, ohne einer zu sein.

Ein Lehrstück in Selbstgerechtigkeit

23.06.2017. Der Bundestag hat den Staatstrojaner losgelassen. Und zwar auf "fast betrügerische Weise", schreibt Heribert Prantl in der SZ. Im Guardian bekennt Timothy Garton Ash seinen Schmerz über das Chaos in Britannien ein Jahr nach dem Brexit-Votum. Le Monde stellt die Bewegung der "Entfaster" vor, die in Tunesien während des Ramadan öffentlich zu Mittag isst. Nach dem Debakel um die Ausstrahlung des Films "Auserwählt und und ausgegrenzt" fragt Caroline Fetscher im Tagesspiegel, ob eine Debatte über Antisemitismus in Deutschland überhaupt möglich ist.

Deutlich eins reinwürgen

22.06.2017. Die Ausstrahlung des Films "Auserwählt und ausgegrenzt" und die Diskussion darüber gerieten zur hochnotpeinlichen Angelegenheit, meint Spiegel online - so etwas muss wohl passieren, wenn man einen Film zugleich zeigen und sich von ihm distanzieren will. Erstmals äußern sich in Télérama auch französische Stimmen zu dem Film: Das Magazin hat ausschließlich scharfe Kritiker gefunden. Jörg Baberowsiki darf laut einem Gerichtsurteil als rechtsextrem bezeichnet werden. Anlass für Wolfgang Benz, im Tagesspiegel nachzutreten.  Seyran Ates' liberale Moschee ist nun laut Zeit online auch Gegenstand einer Fatwa der Al-Azhar-Universität in Kairo - "im Klartext: todeswürdig".

Irgendwie gelblich

21.06.2017. Zadie Smith betrachtet für Harper's Dana Schutz' Gemälde "Open Casket" und fragt sich, ob ihre Kinder schwarz genug sind. In der Berliner Zeitung sucht Dirk Baecker einen Weg aus der Krise der Demokratien. Heute wird sich nach der Rede der Königin vor dem britischen Parlament zeigen, ob Theresa May regieren kann - die Brexit-Entscheidung erscheint der FAZ als Höhepunkt einer langen Krise.  Und es läuft die Doku "Ausgegrenzt und auserwählt" in der ARD. Seit sechs Monaten hat die Anstalt nicht mit ihm geredet, beklagt der Filmemacher Joachim Schröder in der FAZ.

Einen besseren Start konnte es nicht geben

20.06.2017. Die Kreuzdebatte greift zu kurz - das ganze Humboldtforum ist eine von political correctness und Neukolonialismus gelenkte  Fehlkonstruktion, meint Philipp Oswalt im Tagesspiegel. Der Belfaster Schriftsteller Paul McVeigh kann es in der Welt kaum fassen, dass Theresa May mit der Partei der Protestanten paktiert. Ein düsterer Fall von massivem Kindsmissbrauch erschüttert Argentinien - und bringt laut Le Monde auch den heutigen Papst in Bedrängnis. Vegetarier leben in einem Paradox, meinen die Kolumnisten.

Die Totalität aller Information

19.06.2017. Emmanuel Macron hat jetzt auch im Parlament die absolute Mehrheit: Pierre Rosanvallon fällt in Le Monde beim Blick auf den Wahlkampf die starke Personalisierung auf - bei mangelnden Experimenten in der Form. Was ist das für eine Umweltpolitik, die Hochhäuser in Dämmstoff aus Erdölprodukten einpackt, fragt die FAZ. Sechs Professoren warnen in der NZZ vor einer neuen Religion: dem Transhumanismus. Mashable analysiert neue Zahlen zur Internetwerbung: Google und Facebook haben inzwischen einen Anteil daran von siebzig Prozent.

Das schlechte Gewissen der Demokratie

17.06.2017. Helmut Kohl ist tot. Bettina Gaus erinnert daran, wie die deutsche Linke den Kanzler unterschätzte. Bei Emma.de erklärt Necla Kelek, warum sie Lamya Kaddors Aufruf zur Ramadan-Demo wenig glaubwürdig findet. Bei hpd.de erklärt Mina Ahadi, warum es so wichtig war, einen "Zentralrat der Ex-Muslime" zu gründen. Und die Diskussion hat geholfen: Die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" wird nun doch in der ARD gezeigt.

Unter verdächtigen Umständen

16.06.2017. Der Großbrand im Grenfell Tower ist ein Fanal und ein Symbol für die Behandlung der Armen in einer Metropole, die nur noch Superreiche will, schreibt Brendan O'Neill im Spectator. Die islamistischen Terroristen stammen meistens nicht aus den muslimischen Gemeinden, sondern von ihren Rändern, betont Olivier Roy in Le Monde. Buzzfeed präsentiert eine Recherche über mysteriöse Todesfälle in London, die auf die Sphäre der russischen Geheimdienste und Mafia verweisen. Die Zeit warnt vor Staatstrojanern auf der Suche nach Bagatelldelikten.

Belastende Aussagen

15.06.2017. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen vermutet Ahmad Mansour Gründe der politischen Korrektheit hinter der Weigerung von Arte und WDR, die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" zu senden. In Frankreich hat die Debatte um den Film bisher überhaupt kein Echo - trotz des Mords an einer jüdischen Ärztin, der die Frage aufwirft, ob Antisemitismus in dem Land massiv verdrängt wird. In der New York Times hält Kenan Malik ein deutliches Plädyoer für "Kulturelle Aneignung".

Kleine Gegenwelten

14.06.2017. Das Interesse an der Antisemitismusdoku "Auserwählt und ausgegrenzt" war groß - aber die Meinungen über den Film sind geteilt. Arte will aber nicht gegen die Veröffentlichung durch bild.de klagen und begrüßt, dass die Zuschauer, denen der Sender den Film verweigerte, sich nun ein Bild machen konnten. In der Zeit kritisiert Seyran Ates die Islamkonferenz. "Der Kommunismus ist machbar", verkündet der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright in der Berliner Zeitung. Allerdings nur im Kapitalismus.