9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Welcher Schüler träumt davon?

26.10.2026. Ja, Antizionismus ist Antisemitismus, hält die jüdische Historikerin Dina Porat im taz-Gespräch fest. In der FAZ senden Saba-Nur Cheema und Meron Mendel ein Stimmungsbild aus Israel kurz vor den Wahlen. Könnten die linken Israelis im Ausland, die nun zum Wählen zurückfliegen, das Zünglein an der Waage sein, fragt die SZ. Sergei Gerasimov schildert in der NZZ das Ausmaß der Zerstörungen von ziviler Infrastruktur in der Ukraine durch russische Bomben. Der Politologe Alexander Reisenbichler wägt in der SZ Vor- und Nachteile von Enteignungen ab.  

Konkreter Plan zur Destabilisierung

24.10.2026. Heute ist wieder Demo in Paris. Aber es ist fraglich, ob es zur Revolution kommt - die Demoroute wurde laut Le Parisien an den Rand der Stadt verlegt. Handelt es sich um eine neue Art der Jugendproteste, fragt Eva Illouz in der SZ. Der Standard erklärt, was für Europa auf dem Spiel steht. Zeit online beleuchtet die geschickt agierende Marine Le Pen. In der taz hofft die Philosophin Nancy Fraser auf eine linke Gegenhegemonie.

Fatal ist mir das Lumpenpack

23.10.2026. Es kommt nicht darauf an, die Gewalt zu verurteilen, sondern sie zu verstehen, schreibt Edouard Louis in Libération. Sein Artikel wird diskutiert - Louis spricht sich in einem TV-Interview sehr deutlich für Gewalt aus. Die taz erklärt deutschen Jugendlichen, die jetzt auch demonstrieren wollen, sie müssten sich nicht von Gewalt distanzieren, weil die eh vom Staat ausgehe. Es sind Hunderttausende AfD-Mails geleakt worden - wird es nun einfacher, die Partei zu verbieten, fragen Zeit und taz. Ebenfalls in Zeit online fragt der Ökonom Dominic Rohner, ob sich KI verstaatlichen lässt.

Die Wärme des Lebensgefühls schwindet

22.10.2026. Der Ökonom Tom Krebs plädiert in der FAZ für eine geplante Marktwirtschaft und Preiskontrollen zum Beispiel bei Strom. Der Zukunftsforscher Daniel Dettling hofft in der taz auf eine neue Partei für die radikale Mitte. Die Zeit sieht eine Europadämmerung heraufziehen, angesichts der mauen Zukunftsaussichten der jüngeren Generationen. Die Medien sind sich über die französischen Unruhen noch recht uneins: Geht es um "Free Europe", "Free Palestine" oder "Free Gucci"? Und: Die Zeitungen verabschieden Alice Schwarzers Emma.

Eine Sache zum Sterben

21.10.2026. In Frankreich haben sich die Demonstrationen gegen die Schulpolitik inzwischen in wahre Gewaltausbrüche verwandelt. Die meisten französischen Bürger haben den Staat längst aufgegeben, meint der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel in der NZZ. BHL vermisst in der SZ bei den Demonstranten diesen mächtigen Drang in die Zukunft, der die 68er ausgezeichnet habe. Und alle geben Emmanuel Macron eine Mitschuld an den Ausschreitungen, denn: Wenn die Franzosen nichts zum Träumen haben, neigen sie zum Pessimismus, zum Defätismus, bringt es der Soziologe Jean Viard in der SZ auf den Punkt. Außerdem: Alice Schwarzer stellt die Emma ein, zumindest im Print, wie sie bei Zeit online annonciert.

Hinweise auf ein gezieltes Vorgehen

20.10.2026. FAZ, SZ, Perlentaucher und andere Medien denken über die Gewalt in Frankreich nach: Eins ist klar, die Integration ist gescheitert, konstatiert die FAZ, die SZ macht sich Sorgen um den Einfluss der organisierten Kriminalität. In Berlin wollen SPD und Grüne mit der Linkspartei regieren, nun fragen die Zeitungen: Will die Linkspartei auch? In der NZZ versucht der amerikanische Autor Gal Beckerman zu ergründen, was ein Dissident ist. 

Äußerst gefährlich für die Demokratie

19.10.2026. Die schockierende Gewalt bei den Demonstrationen in Frankreich wird die Medien in Frankreich und Europa noch länger beschäftigen - in Le Point weigert sich der  Philosoph Pierre-Henri Tavoillot, Plünderungen als Ausdruck eines berechtigten Zorns zu bezeichnen. Der Staat selbst wird in Frankreich attackiert, stellt die SZ fest. In der FAZ erklärt der Historiker Krisztián Ungváry, warum die "unblutige Revolution" in Ungarn 2026 in einer Linie mit Ungarn 1956 zu sehen ist. Die gescheiterte Hinrichtung einer Mörderin in den USA zeigt die Absurdität von Todesstrafe überhaupt, sagt die Anwältin Sandra Babcock in Zeit online.

Noch heimtückischer und noch perverser

17.10.2026. In einem von der SZ veröffentlichten Briefwechsel träumen der russische Schriftsteller Michail Schischkin und der ukrainische Verfassungsrechtler Gennadiy Druzenko von einer Zeit nach dem Krieg. Claus Leggewie überlegt in der taz, wie die CDU noch zu retten ist. In der SZ sieht Herfried Münkler den mündigen Bürger in der Krise. Die FAS beobachtet, wie Marine Le Pen und Jean-Luc Melenchon den Hass auf Deutschland schüren. Die Rede vom "Tech-Faschismus" verschleiert die wahren Gefahren, warnt in der FAS die Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla.

Der Teufel zitiert gern aus den Evangelien

16.10.2026. Politikerinnen beweisen heute, dass sie kräftig stänkern können: Vanessa Emde von links, Alice Weidel von rechts. Nur Navi Pillay setzt sich in Le Monde für die Rechte einzelner ein. Wenn schon Antifaschismus, dann richtig, meint Pascal Bruckner in Le Point, denn es gibt zwei Prätendenten für einen neuen Faschismus in Frankreich. Mit ihrem Spaß am Barrikadenbau zeigen auch migrantische Jugendliche, wie gut sie sich in die französische Revolutionsfolklore integriert haben, konstatiert Thomas Chatterton Williams in Atlantic. Könnte "Digitale Demokratie" helfen, fragt die SZ.

Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung

15.10.2026. Die Zeit empfiehlt wärmstens die Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im DHM über koloniale und nationalsozialistische Gewalt. Die SZ überlegt, was ein Ende der Russland-Sanktionen, wie von BSW und die AfD gefordert, konkret bedeuten würde. Friedensverträge gelten in Russland nur so lange, wie sie nützlich sind, erinnert der estnische Völkerrechtler Lauri Mälksoo in der FAZ. Der Religionskritiker Hamed Abdel-Samad erklärt in der Zeit, warum er im Libanon viel freier lebt als in Deutschland. Und: NZZ, Zeit, taz und Welt schreiben zum hundertsten Geburstag Michel Foucaults.
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