Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Für mich ist es Brudermord

07.12.2019. In der SZ bereitet uns Olga Neuwirth auf ihr Opus summum vor: ihre Oper "Orlando", die morgen in Wien Premiere hat. Die Dresdner Juwelen sind noch weg, aber der Kunstraub von Gotha hat einen Abschluss gefunden: nach 40 Jahren sind die fünf gestohlenen Gemälde wieder aufgetaucht, berichtet der Dlf. Im Interview mit dem Filmdienst erklärt Regisseur Dominik Graf, warum sein neuer Ermittler im Polizeiruf 110 eine Frau ist. Und Handke.

Alleine zum Apfel

06.12.2019. Kurz vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke kocht die Diskussion noch einmal hoch: Im Tagesspiegel erinnert der Historiker Ludwig Steindorff Handke daran, dass gerade Milošević der Totengräber des Vielvölkerstaats war. In der SZ sekundiert die Historiker Marie-Janine Calic. Die NZZ wundert sich über die eigenartige links-rechte Konstellation, die Handke bis heute verteidigt. Die NZZ stellt die mexikanische Architektin Tatiana Bilbao vor. Die SZ erliegt der Schönheit und Wollust von Baldung Griens Hexen. Der Tagesspiegel empfiehlt wärmstens eine Berliner Retrospektive mit Werken von Kenji Mizoguchi.

Spritz Me with Your Love

05.12.2019. Die Filmkritiker von Artechock, Welt und FR liegen Woody Allen zu Füßen und versichern: Elle Fanning ist so wenig ein dummes Blondchen wie Marilyn Monroe. In Monopol erklärt die Künstlerin Heba Y. Amin, warum sie ein pyramidenförmigen Denkmal für den Nazi-Piloten Hans-Joachim Marseille in der ägyptischen Wüste für ihre Ausstellung in Solingen nachgebaut hat. Die Münchner Abendzeitung fragt, warum die Handke-Debatte fast nur im Internet stattfindet. Die Zeit treibt mit Stefanie Schranks neuem Musikalbum durchs All.

Jenes dialektische Licht

04.12.2019. Wie diskrimierend ist die Avantgarde?, fragt die NZZ. Macht die Aufhebung von Unterschieden in der Kunst nur gute Laune oder auch Sinn?, fragt die Welt. Warum um Kunstpreise wetteifern?, fragt der Guardian und freut sich über gleich vier Turner-Preisträger. Die FR lauscht verzückt der Nagelgeige in Georg Caspar Schürmanns "Getreuer Alceste". Außerdem feiern die Feuilletons den allseits verehrten Jeff Bridges, der das scheinbare Nichtstun zur Kunstform erhob.

Das Zauberwort heißt: Kombiniere!

03.12.2019. Dem David Lynch der Renaissance begegnet die FAZ in der großen Hans-Baldung-Auisstellung in Karlsruhe.  Die FR feiert Gabriel Faurés Oper "Pénélopé" in der feinnsinnigen Inszenierung von Corinna Tetzel und Dirigentin Joana Mallwitz in Frankfurt. Der Tagesspiegel sucht im neuen Woody-Allen-Film vergeblich junge Frauen, die keine älteren Männer anhimmeln.  Und in der Kontroverse um Peter Handke distanzieren sich die ersten Berater von der Schwedischen Akademie.

Der kämpferische Einsatz seiner Kräfte

02.12.2019. Mariss Jansons ist tot. Die Feuilletons trauern um den "aufrichtigsten, integersten und empathischsten" Dirigenten der Welt. In der Londoner Ausstellung "Eco-Visionaries" fragt der Guardian: Wo bleibt die Wut?  Der Tagesspiegel erkennt auf den Grundsatz: Im Zweifel gegen Handkes Zweifel. Und die SZ verfolgt in Mannheim mit bitterem Vergnügen wie Leonie Thies  Herrn R. Amok laufen lässt.

Wirr und fesselnd ist das Leben

30.11.2019. Mit Kleists "Hermannschlacht" am Wiener Burgtheater plante Martin Kusej den Skandal: Die verdrängte Sexualität von Burschenschaftlern reißt die TheaterkritikerInnen allerdings nicht aus den Stühlen. Die FR kann das Gerede von Identität nicht mehr hören, schon gar nicht in Bezug auf den sächsischen Juwelenraub. Artechock hat die Nase voll von den Populisten im deutschen Filmbetrieb, die immer den gleichen Film fördern. Die SZ schaut entsetzt aus den Plexiglas-Fenstern des berühmten Chelsea-Hotels und nimmt mit Henrike Naumann auf dem Obersalzberg Platz. Der Tagesspiegel macht es sich lieber in indischem Art Decó gemütlich.

Feuchtfröhlich kosmisch

29.11.2019. In Sachen Klimaschutz ist in der Kulturwelt noch einiges zu tun, stellen die Feuilletons bei ihrer Bestandsaufnahme fest. Die SZ lernt im Münchner NS-Dokumentationszentrum, wie man mit High Heels und zeitgenössischer Kunst deutsche Erinnerungskultur aufmischt. ZeitOnline stellt den besten Rapper Deutschlands vor: OG Keemo. Die NZZ erkennt, wie Algorithmen Kunst vom Dreck des Menschlichen befreien. Und die FAZ erfährt: Mit Raubkunst kann man in der Türkei auch Heroin bezahlen.

Mit den Augen spazieren gehen

28.11.2019. In der Zeit gibt der serbische Schriftsteller Bora Cosic Peter Handke Nachhilfe in serbischer Geschichte. Auch Geschichte der Gegenwart hat Handkes Texte noch einmal ausführlich gelesen.Der Tagesspiegel zieht eine Lehre aus dem Dresdner Juwelenraub: Jetzt wissen wir nämlich, wie sich die Menschen in ehemaligen Kolonien fühlen. ZeitOnline zieht mit Henning Gronkowski durch das Berliner Nachtleben und lernt, wie unattraktiv Penisse sind. Die SZ fiebert dem Turner Prize entgegen. Und die FAZ trifft den van Gogh von Bottrop.

Geballte Ladung ins Gesicht

27.11.2019. In der NZZ wartet Peter Handke auf seinen Sokrates. In der Zwischenzeit plaudert er mit René Scheu über Pilze. Die Filmkritiker ziehen sich mit Willem Dafoe und Robert Pattinson auf einen Leuchtturm zurück und balancieren auf der Klinge des Wahnsinns. taz und SZ suchen verzweifelt das Theater der Zukunft. Die NZZ springt mit Igor Lewits Beethoven der Apokalypse entgegen. Und der Juwelenraub hält die Feuilletons weiter in Atem: Dabei war es nicht der erste Angriff auf den Kronschatz, weiß die Welt.