Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Harte Arbeit am Bewusstsein

27.03.2017. Die Feuilletons bilanzieren die Leipziger Buchmesse, die ihnen bei drückender Themenlage  erstaunlich aufbruchswillig erschien. Die NZZ lernt in Basel mit Iannis Xenakis' "Oresteia" der Demokratie zu misstrauen. Die Nachtkritik erlebt Kleists "Zerbrochenen Krug" in Hamburg in seinem ganzen Schrecken. In der FAZ bangt Alexander Horwath um das analoge Filmerbe. Und die taz lauscht der Zufallssinfonie des Experimentalmusikers Alvin Lucier.

Gar nicht fraulich

25.03.2017. Wie soziale Kontrolle funktioniert, lernt die Presse in einer großen Spitzweg-Wurm-Ausstellung. Der Standard lernt es in Catalanis "La Wally". Im Irak zeigen die neuen Effendis, wie man den Spießern mit Haaröl und extravaganten Westen eine lange Nase dreht. Der Freitag unterhält sich mit dem Psychologen und Autor Red Haircrow über das deutsche Winnetou-Bild vom Indianer. Die taz hört Gewalt mit Wucht. Die Welt lässt sich von der Literaturzeitschrift Das Wetter ins Zeitalter der Ultraromantik führen.

Erotik des Wissens

24.03.2017. Sehr einverstanden sind die Kommentatoren in Leipzig mit der Verleihung der Buchmesse-Preise an Barbara Stollberg-Rilinger, Eva Lüdi Kong und Natascha Wodin. Auch Leyla Dakhlis Laudatio auf Mathias Énard und dessen Dankesrede kommen gut an. In Berlin liegen die Kritiker den Philharmonikern und ihrem designierten Chefdirigenten Kiril Petrenko zu Füßen. Und alle gratulieren Martin Walser zum Neunzigsten.

Mit Ukulele und Trompeten

23.03.2017. Was ist das Fällen eines Holzkreuzes gegen das Fällen Tausender von Bäumen, fragt sich die nachtkritik in Warschau. Ganz große und hoch aktuelle Oper erlebt die FAZ mit Busonis "Doktor Faust" in Dresden. Die NZZ erkennt in Lyon mit Berghaus, Müller und Grüber, wo die Latte bei Operninszenierungen hängt. Die Filmkritiker setzen sich Daniel Espinosas Monstern aus. Und heute beginnt die Leipziger Buchmesse: Der Tagesspiegel denkt über Literatur im postfaktischen Zeitalter nach.

Stetiger Fluss der Energie

22.03.2017. Die Berliner Volksbühne kündigt an, ihr Wahrzeichen, den Räuberzinken, abzubauen, um es ja nicht Chris Dercon in die Hände fallen zu lassen. Das Rad ist unser und also die Rache?, fragt der Tagesspiegel. Der Standard erkennt in Moskau das Kontinuum in der europäischen Kunst. NZZ und taz feiern den französischen Autor Mathias Enard, der heute den Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Und große Trauer herrscht über den Tod der großen amerikanischen Choreografin Trisha Brown.

Die Leisetreter unter den Exklusiven

21.03.2017. Die taz bewundert die recycelten Collagen des chinesischen Baumeister Wang Shu. Die SZ erklimmt mit Jarvis Cocker und Chilly Gonzales die melodischen Wendeltreppen des Chateau Marmont. Im Literaturgespräch mit dem Freitag erklärt Zoë Beck, warum Donald Trump keinen guten Stoff hergibt. In der NZZ empfiehlt auch Thomas Stangl eher höfliches Ausweichen. Und auf SpOn beklagt Frederic Jaeger die Überalterung des Festivalbetriebs.

Bedrückend dionysisch

20.03.2017. In der Wiener Burg-Inszenierung von Aischylos' "Orestie" sehen Standard und Nachtkritik das schwarze Blut von Bürgern die Bühne hinunterrinnen. Der NZZ schallt aus Frankfurts Altstadt ein Aufschrei nach verlorener Heimeligkeit entgegen. Die FAZ bringt ein Zehn-Punkte-Papier gegen Schinkels Bauakademie. Die SZ hätte Sebastiano del Piombo gern vor der Freundschaft Michelangelos bewahrt. Im Standard erlebt die Schauspielerin Taraneh Alidoosti den Iran auf einmal richtig punkig. Und alle trauern um Chuck Berry: Be good!, ruft Barack Obama ihm nach.

Der Sound der unbarmherzig summenden Mücken

18.03.2017. Plattensammlungen werden endlich zum Forschungsgegenstand von Ivy-League-Universitäten, freut sich die SZ. Felix Mitterers verhinderte Robinsonade "Galápagos" im Theater an der Josefstadt lässt die Kritiker ratlos zurück. Bei den Nominierungen für den Deutschen Filmpreis finden die Kommentatoren Licht und Schatten. SZ und Welt gratulieren Martin Walser zum Neunzigsten. Und in der Welt weiß David Wnendt: Mit Ambitionen kommt man beim Tatort-Dreh nicht weit.

Daran gewöhnt man sich irgendwann

17.03.2017. Nonsense, Poesie, Dramatik und Pathos erlebt die Nachtkritik mit Alexander Giesches "White Out" in Luzern. Die taz stellt den afroamerikanischen Komponisten Julius Eastman und seine organische Musik vor. Matthias Schweighöfers Amazon-Serie "You Are Wanted" fällt bei der Kritik weitgehend durch. Die NZZ preist Walt Whitmans erst vor kurzem entdeckten Roman "Jack Engle" als virtuosen Genre-Mix. Außerdem erklärt sie, warum im Koreanischen Ironie nicht möglich ist.

Das schöne Pathos der Siebzehnjährigkeit

16.03.2017. Die Presse freut sich über Jakob Lena Knebls respektlose Neuordnung der Sammlung im Wiener Mumok. In der FR graust es den Schriftsteller Iván Sándor davor, dass Imre Kertesz' Nachlass in Ungarn verwaltet werden soll. Die SZ hört Christiane Rösingers Lieder ohne Leiden in gewohnt knatschiger Och-nö-Tonlage. Die nachtkritik fragt, warum Gläubige auf deutschen Bühnen immer als Deformierte beschrieben werden. Die Filmkritiker lieben Altmeister Andre Techine für seine hinreißenden 17-Jährigen.