Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Redundanzen des Rauschs

10.12.2018. Zum Saisonbeginn an der Scala erleben NZZ und FAZ die spektakuläre Premiere von Verdis "Attila" als  Demonstration des bürgerlichen Mailands gegen das populistische Rom. Der Standard erlebt bei der Premiere von Johannes Maria Stauds und Durs Grünbeins Oper "Die Weiden" in Wien die Verkarpfung der Menschen. Die SZ fängt mit dem Kollektiv "Slavs and Tatars"   Textschmetterlinge. Und in der Welt schunkeln die Beastie Boys zu James Last.

Voller Trotz und Euphorie

08.12.2018. Die SZ sieht im belgischen "Afrikamuseum" mit Schrecken, wie man die eigene Kolonialgeschichte als Erfolgsgeschichte deutet. Die taz verabschiedet endgültig das Etikett des "weiblichen Schreibens". In der Zeit ist Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman not amused über Pernille Fischer Christensens Film "Astrid". Im Monopol-Magazin spricht Nobuyoshi Araki über seine Bondage-Fotos. Und die Popkritiker trauern um Buzzcocks-Sänger Pete Shelley.

Garten, Stille, Wohnzimmer - der komplette Albtraum

07.12.2018. Pilzgespräche und John Cage: Die Theaterkritiker hören mit Vergnügen (und Engelsgeduld), wie Christoph Marthaler in Zürich mit "44 Harmonies from Apartment House 1776" der Vernunft Kontra gibt. In München hat Kaspar König die Arbeit der Künstlerin Cana Bilir-Meier kritisiert, die ihm und dem ganzen Kunstbetrieb jetzt Rassismus vorwirft. In der NZZ würdigt Sibylle Lewitscharoff das glanzvolle Schreiben der Gertrud Leutenegger. Im Standard reagiert Benjamin Stuckrad-Barre höchst allergisch auf jede Form von Idylle.

Fast ganz ohne Bosheit

06.12.2018. Der Guardian meldet, dass kubanische Künstler aus Protest gegen ein neues Zensurgesetz in den Hungerstreik getreten sind. Die taz empfiehlt Ultra-Hetero-Regisseur Gaspar Noé eine Tanztherapie. Neue musikzeitung und FAZ amüsieren sich prächtig in Axel Ranischs überdrehter Inszenierung der Prokofjew-Oper "Die Liebe zu den drei Orangen". Die SZ möchte selbst entscheiden, ob sie den des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Dirigenten Daniele Gatti noch hören will.

Unergründlich geschichtete Erlebniswelt

05.12.2018. Als schönsten Film des Jahres preisen Tagesspiegel und FAZ Alfonso Cuaróns "Roma", der in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Leider ist er kaum in einem Kino zu sehen, weil Netflix dem Kino an die Kehle möchte, wie die Welt schreibt. Die Nachtkritik berichtet entsetzt, dass in Tirana das Albanische Nationaltheater abgerissen werden soll. Der Standard sieht die moderne Kunst vor lauter Punschständen nicht mehr. Der Guardian jubelt über den gestern verliehenen Turner-Pries für die schottische Transgender-Künstlerin Charlotte Prodger.

Ich war jung, ich konnte und wollte es sportiv

04.12.2018. In der Welt taucht Cecilia Bartoli ohne Sauerstoffgerät in Vivaldi-Arien. Die SZ freut sich über den neue politischen Video-Realismus der Turner-Preis-Kandidaten. Die taz weiß: Wer in Kinshasa dazugehören möchte, trägt nicht Yves Saint Laurent, sondern Comme des Garçons, Yohji Yamamoto oder Issey Miyake. Außerdem verachtet sie ein letztes Mal die Menschheit mit den Schlachtenbildnern von Slayer. Das Schweizer Architekturmuseum in Basel feiert die städtische Verdichtung mit einer Grillparty im Innenhof, die NZZ macht lieber die Fenster zu.

Was so abgeht in den Köpfen

03.12.2018. Die SZ lernt in der Ausstellung "Megalopolis" im Leipziger Grassi-Museum, dass Kunst aus dem Kongo eigentlich immer noch in europäischen Museen endet. Außerdem erahnt sie das prohetische Potenzial von Ezra Pound. Die FAZ meint: Die Bibliothek der Zukunft steht in der Wüste von Katar. Politik als Rhetorik beobachten taz und Tagesspiegel in Marie Wilkes Dokumentarfilm "Aggregat". Die NZZ will nur eine Diva verehren, die ihr ernsthaft mit Liebesentzug drohen kann.

Surrealisierung des Alltags

01.12.2018. Blutiger Slapstick, Abziehbilder der Trivialpsychologie, angepinselte kunstreligiöse Weltabgewandtheit, entlarvte Machtgier - die Theaterkritiker kauen am Ergebnis eines Macbeth, an dem Shakespeare, Heiner Müller und Michael Thalheimer feilten. Die NZZ studiert die Kunst der Blöße im antiken Griechenland. Die taz porträtiert den japanischen Synthie-Folk Komponisten Haruomi Hosono. Die FAZ denkt über die neunziger Jahre in der russischen Literatur nach.

Ins metaphysische Fatum verliebt

30.11.2018. Unerhörte Perspektiven findet der Tagesspiegel in einer großen Kölner Ausstellung amerikanischer Kunst aus 300 Jahren. Die SZ begeistert sich für die Vertikal-Wälder eines Münchner Blumengroßhändlers, der das neue Kairo begrünen will. Im Standard kokettiert Lars von Trier mit der Popularität seiner Filme. Die Zeit erklärt einem FAZ-Kritiker, wie man Martins Walsers Gedichte richtig liest. Die taz hört das neue Album des Rappers Anderson Paak.

Mr. Raffinesse

29.11.2018. Die Filmkritiker entwickeln steile Thesen, um Lars von Triers Künstler-Killer-Film "The House that Jack Built" verreißen und gleichzeitig gut finden zu können. Die SZ spaziert begeistert durch eine Psychiatrieruine im belgischen Melle und lernt: So geht neue Architektur. Die nachtkritik erkundet, was in Ostdeutschland aus der Theater-Initiative #RefugeesWelcome wurde. In der FAS versichert Jean-Michel Jarre: Computer sind nicht seelenlos, die können Musik.