Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Neuter ist das einzige Geschlecht

01.10.2022. Im Van Magazin ist die Komponistin Niloufar Nourbakhsh erleichtert, dass die Demonstrantinnen im Iran auch von Männern verteidigt werden. In Simbabwe wurden die Autorin Tsitsi Dangarembga und die Journalistin Julie Barnes zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, weil sie bei einer friedlichen Demonstration Reformen gefordert hatte, berichtet Intellectures. Der Tagesspiegel freut sich über eine Compilation mit Soul und Funk aus dem Fundus des DDR-Labels Amiga. taz und SZ entdecken mit Begeisterung an den Münchner Kammerspielen die genderfluide Surrealistin Claude Cahun. Die FAZ freut sich über die späte Würdigung der Malerin Martha Jungwirth in der Kunsthalle Düsseldorfer.

Unverschämter Glamour

30.09.2022. Die SZ besucht den Jazzmusiker Abdullah Ibrahim im Chiemgau, das von der Kalahari weniger weit entfernt ist als man glaubt. monopol ersetzt in Prag den eisernen Vorhang im Kopf durch einen Vorhang aus Tonbändern Gregor Hildebrandts. Im Interview mit der Welt verbucht der Autor und dekonstruktive Feminist Thomas Meinecke die Warnungen einer englischen Universität vor seinem Roman "Tomboy" als akademischen Betriebsunfall.

Kontaktbasis für Publikum

29.09.2022. Der Tagesspiegel schwelgt in der Almancı-Popkultur, der Cem Kaya mit seiner Doku "Liebe, D-Mark und Tod" ein Denkmal gesetzt hat. Eher übergriffig als hollywoodkritisch finden die Filmkritiker Andrew Dominiks Marilyn-Monroe-Film "Blond". Der Tagesspiegel lässt sich von der brausenden Natur in den Bildern des amerikanischen Malers Winslow Homer überwältigen. Theoretisch interessant findet der Standard das neue Album von Björk.

So grau und real

28.09.2022. Der Guardian erkennt das Genie von Lucian Freud: Er schaute einfach hin und zeigte, was er sah. Die taz ahnt, dass Li Ruijuns sanftes Bauerndrama "Return to Dust" in China verboten wurde, weil er das Publikum zu sehr berührte. In der SZ wandelt Judith Schalansky durch die Bibliothek der Zukunft. Der Standard sieht Bully Herbig mit seiner Mediensatire "Tausend Zeilen" der Logik des Lügenreporters Claas Relotius ungut nahe kommen.

Frei und lustig

27.09.2022. Der SPD-Politiker Helge Lindh fordert in der SZ einen Documenta-Gipfel, um die Debatte zu Antisemitismus, Postkolonialismus und BDS aus der unguten Verklammerung zu führen. Die SZ erlebt außerdem im Münchner Volkstheater, wie "Pussy Sludge" Ströme von Erdöl aus ihrer Vagina fließen lässt. In der FAZ feiert der litauische Schriftsteller Marius Ivaškevičius den Mut  russischen Sängerin Alla Pugatschowa. Der Filmdienst denkt über den neuen deutschen Heimatfilm nach. Und die NZZ lernt im ehemaligen Berliner Frauengefängnis an der Berliner Kanststraße, wie der Blick gen Himmel gelenkt wird.

Das Überleben des listigen Hasen

26.09.2022. Tagesspiegel und Nachtkritik tauchen mit Luigi Nonos Flüchtlingsoper "Intolleranza 1960" an der Komischen Oper in die europäische Eiswüste. Der Tagesspiegel lernt auch auf der Biennale Istanbul, wie man einen Drachen zur Strecke bringt. Die FAS fühlt sich von Edward Bergers Bombast-Produktion "Im Westen nichts Neues" nicht an den Krieg erinnert, wie es der Regisseur gern hätte, sondern an andere Kriegsfilme. ZeitOnline und FAZ trauern um den Jazz-Saxofonisten Pharoah Sanders, der die Ästhetik eines Schreis kultivierte.

Zu verschwinden, das wäre immerhin etwas

24.09.2022. Die Documenta ist nun endlich zu Ende. Man hätte mehr mit Ruangrupa, statt über sie reden sollen, meinen die einen. Das hätte auch nichts genützt, erwidern die anderen. Die FR rät, sich zunächst mal bei "Onkel Wanja" in Frankfurt zu entspannen. Die taz lernt in Cem Kayas  Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod"  eine Menge über die türkische Diaspora in Deutschland und ihre Musik. Und die große Hilary Mantel ist gestorben: Sie war "die glänzendste historische Autorin nicht nur ihrer Zeit", da sind sich die Kritiker einig.

Sie hängen dich am Himmel auf

23.09.2022. Am Wochenende geht die Documenta zu Ende. Was bleibt? Vordemokratische Haltungen, die sich als links gerieren und das Autonomiekonzept von Kunst nur noch gelten lassen, um sich Immunität für politische Aussagen zu sichern, resümieren SZ, Welt und Berliner Zeitung. Die FAZ beglückwünscht die Potsdamer zu Hasso Plattners neuem Museum Minsk. Die taz lässt sich im Kino in Michael Krügers geistige Welten einführen. Im Interview mit der NZZ erklärt der Filmregisseur Luca Guadagnino, worum es im Kino nicht geht: Um Bilder. Die taz porträtiert die Londoner Rapperin Enny.

Alle Farben echter Not

22.09.2022. Schockiert, gebannt und musikalisch überwältigt verfolgt die NZZ am Grand Théâtre de Genève das Schicksal von Jacques Halévys "La Juive". Der FR missfällt die falsche Glätte von Francois Ozons Fassbinder-Hommage "Peter von Kant", für die taz beschreibt er hingegen akkurat die hässlichen Auswüchse des Showbusiness. Die SZ kann mit einem Gestus des heimlichen Größenwahns gut leben, wenn er sich so virtuos äußert wie beim Jazzgitarristen Julian Lage. Die Zeit fragt, warum an allen großen deutschen Bahnhöfen weiße Kästen mit Schießschartenfenstern stehen. 

Helle Schlangenlinien über dunklem Grund

21.09.2022. Die Shortlist für den Buchpreis kann mit ihrem gesellschaftspolitischen Blick nur die taz erfreuen, FAZ und Tagesspiegel gähnen: zu viel Etabliertes, zu wenig Ästhetik. Der Guardian horcht auf, wenn William Kentridge in der Royal Academy Südafrikaner zu chinesischen Revolutionsopern tanzen lässt. Die FAZ folgt Rosa Loy in ihre allein von Frauen bevölkerten Traumwelten. Die NZZ erlebt in Basel, wie Christoph Marthaler Webers "Freischütz" entstaubt.