Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Und dann wird geklatscht. Immer.

21.10.2021. Die FR bewundert die verteufelte Coolness, die Clint Eastwood noch als 91-Jähriger in seinem neuen Film "Cry Macho" ausstrahlt. Die FAZ begreift in Donaueschingen, dass Herrschaftskritik auch eine Strategie der Dominanzsicherung sein kann. Van fremdelt eher mit den französischen und alemannischen Algorithmusfetischisten, die die Lautsprecher knuspern lassen. Dass auch Unbestimmtheit zu menschlicher Wahrheit führen kann, lernen nachtkritik und die SZ in der Münchner Uraufführung von Anne Habermehls Stück "Frau Schmidt fährt über die Oder". Die Literaturkritiker beugen sich über den neuen Asterix-Comic, der Michel Houellebecq in die Ukraine schickt.

Gut zureden und drucken

20.10.2021. Übersatt, aber glücklich feiern die KritikerInnen von SZ bis Presse Wes Andersons Pralinenschachtel von einem Kinofilm "The French Dispatch". Die taz berichtet vom Filmfestival Fespaco in Ouagadougou, wo es vor allem um die beklagenswerte Lage der afrikanischen Filmindustrie ging. Die FAZ macht sich mit Kara Walker in der Frankfurter Schirn an eine Archäologie schwarzer Identität. Der Standard entschwebt mit Lee Morgan in den siebten Jazzhimmel.

Jene wundersame Künstlichkeit

19.10.2021. Antje Ravik Strubel erhält den Deutschen Buchpreis. Die FAZ feiert die Entscheidung auch als Auszeichnung für herausfordernde Literatur. In ihrer Dankesrede betont sie: "Rávik und ich sind Schriftstellerinnen, nicht Schriftsteller." Die SZ feiert die Wiederentdeckung der Surrealistin Toyen, der jede Anbiederung fremd war, was ihr die Kunstgeschichte wohl leider mit dem Vergessen heimzahlte. In der taz spricht die Band Kabul Dreams über die unerträgliche Lage in Afghanistan. FR und Standard trauern um die Sopranistin Edita Gruberova, die Königin der Koloraturen.

Zerkratzt und bearbeitet

18.10.2021. Die KritikerInnen strahlen vor Glück in Pink und Schwarz nach der Eröffnung von Münchens neuem Volkstheater. Wunderschön ist es geworden, versichern sie. Allerdings müssen sie jetzt auch fürchten, dass die Meinung über die Liebe gesiegt hat. In der FR wirft die indigene Autorin Joanna García Cherán einen kritischen Blick auf Frida Kahlos Umgang mit der Tehuana-Kultur. Die SZ versinkt bei den Donaueschinger Musiktagen in einer unendlichen Symphonie. In der FAZ erinnert sich Ilija Trojanow daran, wie er lernte, Tsitsi Dangarembga zu übersetzen. ZeitOnline und Jungle World begeben sich mit Todd Haynes in das queere Universum von The Velvet Underground.

Unsere Suche nach Ägypten

16.10.2021. Ein Akt später Wiedergutmachung: Das Whitney Museum zeigt abstrakte Kunst, die es nie gesammelt hat - von Frauen. Auch im Marbacher Literaturarchiv sind Frauen enorm unterrepräsentiert. Über eine Wiedergutmachung denkt Leiterin Sandra Richter im Interview mit der Welt nach. Die FAZ besucht im Museum Folkwang eine Ausstellung über kulturelle Aneignung im Tanz. Die Junge Welt hört New Orleans in Mahlers Fünfter, wenn Teodor Currentzis sie mit dem Music-Aeterna-Orchester spielt.

Stets löst sich das Feste auf

15.10.2021. Der Tagesspiegel feiert die Geburt des Kinos im Musée d'Orsay. Die NZZ staunt in der Fondation Louis Vuitton über den historischen Dialog von Meisterwerken der klassischen Moderne aus Europa und Russland. Die SZ erinnert sich an die Zeit, als Verlage noch Mut zu Debatten hatten. Die FAZ bewundert zur heutigen Eröffnung das neue Volkstheater in München. Zeit online hört Rap ohne Bullshit von Neromun. Wird Literatur ein Inselphänomen wie Jazz? Der Schriftsteller Tijan Sila fürchtet es auf Facebook.

Das kleine Oktoberfest der Avantgarde

14.10.2021. In der FAZ feiert die afghanische Künstlerin Kubra Khademi triumphale weibliche Nacktheit. In der Zeit erzählt Gregor Schneider von ursprünglichsten Ich-Erfahrungen. Scheinmoralisch finden NZZ und Zeit die Entscheidung Sally Rooneys, ihr neues Buch nicht von einem israelischen Verlag übersetzen zu lassen. Superhelden waren immer schwul, deklariert die Welt. Die taz schwärmt von Christophe Honorés Film "Zimmer 212", der ein Herz für den intellektuellen Boulevard zeigt.

Kein böses Wort mehr

13.10.2021. In der Irish Times versichert Sally Rooney, dass sie ihren Roman sofort ins Hebräische übersetzen ließe, wenn sich dies im Einklang mit den Boykott-Regeln gegen Israel der BDS-Bewegung bewerkstelligen ließe. In der SZ versichert Nele Pollatschek, dass Abdulrazak Gurnah nicht nur politisch, sondern auch literarisch interessant ist. Außerdem erlebt die SZ die Poesie Alban Bergs, indem sie sich mitten in den Klang setzt. Die taz hört den Sound Charlie Parkers in den Bildern Lee Friedlaenders.

Dass das Böse das Normale sein könnte

12.10.2021. Forward.com nimmt konsterniert zur Kenntnis, dass Sally Rooney verbietet, ihre Romane ins Hebräische zu übersetzen. Auf ZeitOnline beklagt sich der östereichische Autor Elias Hirschl über den Niedergang der Wiener Seifenoper. Die taz springt jubelnd in einen Tümpel aus Blut und Sperma, den ihr Pinar Karabulut und Sivan Ben Yishai in den Münchner Kammerspielen bereiten. Die FAZ übt sich mit Juri Pimenow in der optimistischen Antizipation der Zukunft. Und die NZZ versucht, Goyas kühlen Blick in die menschlichen Abgründe auszuhalten.

Die überaus ergiebige Praxis der Aneignung

11.10.2021. So hingerissen wie verstört kommen taz, SZ und Nachtkritik aus der Performance von Angélica Liddell, die sie als Europas wütendste Theaterkünstlerin verehren. In der NZZ versucht Sergej Lebedes die russische Zeit wieder aufzutauen. Critic. de lässt sich auf dem Underdox-Festival von Norbert Pfaffenbichlers Bilderfluten umspülen. Der Standard erlebt in der Wiener Albertina die Wiederkehr der unintellektuellen Achtziger.