Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Glaubt nicht den Erwachsenen

05.11.2026. Zeit und Welt werden in Andrei Swjaginzews Chabrol-Remake "Minotaurus" Zeuge, wie gut sich im korrupten Russland Putins ein Mord vertuschen lässt. Die FAZ spürt in einer Hamburger Ausstellung dem Unheimlichen in den Gemälden des Dichters Joachim Ringelnatz nach. backstage classical freut sich über drei selten gespielte Rachmaninow-Opern, die Dmitri Tcherniakov in Zürich zu "großem Musiktheater" verbindet. Und alle trauern um den großen Dirigenten Herbert Blomstedt und um Janosch, dessen Geschichten "einer ganzen Republik das Herz wärmten", wie die Welt schreibt. 

Schwarzmarkt der Hochkultur

04.11.2026. In der taz erzählt Alice Brauner, weshalb sie in ihrem Drehbuch zu Marcus Rosenmüllers Film "Block 10" die Sterilisationsexperimente an Frauen in Auschwitz in ihrer ganzen Drastik darstellt. Die FAZ erklärt, wie sich Chinesen mit europäischen Opern für höhere Aufgaben qualifizieren. Claus Leggewie lässt sich in Stuttgart von Burkhard C. Kosminski und Elfriede Jelinek das hierarchisch und patriarchal geprägte Verhältnis zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger zeigen. Und alle trauern um Andreas Neumeister, den musikalischsten der Popliteraten.

Spektrale Vexierspiele

03.11.2026. Die SZ lernt in Berlin dank der Shieveh Theater Company aus Teheran Theater als Überlebensmittel kennen. Die FAZ sehnt sich nach einem Kino, das statt biederer Repräsentationspolitik wieder Identitätsverwirbelung betreibt. ZeitOnline würdigt den verstorbenen Techno-Pionier Juan Atkins, der elektronische Musik als ein Signal aus der Zukunft verstand. Die NZZ ärgert sich derweil über ein Bob-Dylan-Konzert in Zürich, bei dem der Sänger mehr krächzt als singt. Und die taz amüsiert sich mit Max Slevogt in Berlin.

Mit tausend Fragen vermintes Feld

02.11.2026. Immerhin machen die Jugendproteste die trostlosen Innenstädte wieder zu politischen Orten, meint die SZ. Die NZZ lauscht mit Ryuichi Sakamoto im Hamburger Bahnhof den Erdbeben auf einem alten Klavier. Die SZ ist sich noch nicht so ganz sicher, was sie von den neuen Plänen für Goethes Wohnhaus in Weimar halten soll. Der Standard geht der Frage nach, weshalb die Neue Rechte so viel Tolkien liest. FAZ und FR erkennen in Frankfurt dank Luise Voigt die Aktualität von Hans Fallada. Und alle trauern um die Filmproduzentin Regina Ziegler.

Nahes wird fern, und Fernes wird nah

31.10.2026. Die FAZ stellt Gonçalo M. Tavares vor, einen der meistübersetzten Autoren Portugals, der durchaus Chancen auf den Literaturnobelpreis hat. Die Welt wird von Hito Steyerl in Hamburg von einer braunen Flutwelle aus KI-Slop weggespült. Artechock erzählt die legendäre Zensurgeschichte von Ken Russels kleruskritischem Klassiker "The Devils". Und FAZ und SZ vergnügen sich in München, wenn Tobias Kratzer einen kleinen Siegfried zum Mann werden lässt.

Keime für spätere Meisterwerke

30.10.2026. Der Standard bewundert in der Wiener Albertina Werke von über 130 teils vergessenen Künstlerinnen. Artechock fragt sich mit Blick auf die gigantische KI-generierte Mikrodrama-Industrie in China, ob die klassische Filmproduktion bald wirtschaftlich überflüssig wird. Die taz erlebt in Göttingen mit Schirin Khodadadian hautnah das Grauen der Anschläge aufs Bataclan. Die FAZ entdeckt im spanischen Faro Santander doch noch einen Funken David Chipperfield. Und alle trauern um Elke Sommer und Patrick Stewart.

Zynisch und aus Blei gegossen

29.10.2026. Die FAZ schwelgt in München in der Farbpracht des katalanischen Jugendstils. In der Zeit erklärt Hito Steyerl, was sie unter "Slow Facism" versteht. Ebenfalls in der Zeit erinnert Volker Weidermann an Botho Strauß' maßgebliche Rolle für die Neue Rechte. Jens Meurers Wolf-Biermann-Porträt fällt bei den Filmkritikern durch: Der Film ist formal eine Gurke, meint der Perlentaucher. Und die Agenturen melden, dass Jafar Panahi vom iranischen Regime erneut in Abwesenheit verurteilt wurde.

Geschmackvolle Geschmacklosigkeiten

28.10.2026. Der Tagesspiegel begegnet in Ulrike Ottingers Film "Die Blutgräfin" einer blutdurstigen Isabelle Huppert mit Wiener Charme. Die FAZ lernt in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wiesbaden endlich die vom Nachkriegskanon ignorierten "Blauen Reiterinnen" kennen. Die Welt freut sich, dass Madame Nielsen mit gleich zwei Inszenierungen ans Wiener Volkstheater zurückkehrt. KI ist keine Gefahr für Schriftsteller, glaubt ebenfalls in der Welt der italienische Autor Paolo Giordano, aber sie schadet ihrem Ruf. 

Teutonische Zärtlichkeit

27.10.2026. Die FAZ bewundert in Berlin, wie Lovis Corinth Grobianismus und Feingefühl zu verbinden wusste. Helmut Böttiger bricht in einer in der taz abgedruckten Preisrede eine Lanze für eine Literaturkritik, die Mehrdeutiges zulässt. Mehr Jelinek-Content, und zwar ganz vorzüglichen, liefert derzeit das Kabinetttheater Wien, freut sich der Standard. Die Metal-Band Kreator möchte nicht mit digitalen Creators verwechselt werden, teilt Sänger Mille Petrozza ZeitOnline mit.

Wie eine Kartoffel, zugänglich für alle

26.10.2026. Christine Wunnicke wurde mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet, die FR freut sich, dass sie in ihrer Preisrede Büchner in die Gegenwart bringt. Joachim Lottmann ist tot: Die Kritiker trauern um einen unvergleichlichen Autor, für den Leben und Literatur untrennbar waren. Warum Kunst wie eine Kartoffel sein muss, lernt die SZ von Jörg Immendorff in Düsseldorf. Milo Raus Wagner-Inszenierung in Berlin fällt bei den Kritikern glatt durch - zu viel Selbstdarstellung, zu wenig gute Musik.
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