Perlentaucher-Autor

Lukas Foerster

Lukas Foerster, geboren 1981 in Freiburg im Breisgau, studiert an der Freien Universität Berlin Filmwissenschaft und Japanologie . Seit 2005 arbeitet er als Filmkritiker für das Internetmagazin critic.de und seit August 2007 auch für den Perlentaucher. Weitere filmbezogene Texte veröffentlicht er auf seinem Blog Dirty Laundry.
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Will nichts, wagt nichts: Lee Yoon-kis 'Come Rain, Come Shine'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2011

Im Auto, auf dem Weg zum Flughafen, kündigt die Frau dem Mann die Ehe auf. Leider fliegt der Film dann nicht mit ihr fort, sondern kehrt ins gemeinsame Domizil zurück, bleibt am Boden, in jeder Hinsicht. Mit sinnloser Geduld verfolgt er die Minutiae der Trennung: Sie packt Geschirr in Plastikfolien, er packt es wieder aus. Sie blättert in einem alten Kochbuch, er macht Reservierungen in einem Restaurant. Er ist zuvorkommend, sie wirft ihm Selbstsucht vor. Manchmal springt die Kamera zurück und rückt Möbelstücke in den Vordergrund. Die Möbel, die Rückstände der Ehe blicken auf die Scheidungswilligen. Das ist aber auch schon die einzige formale Idee, die einzige Art, auf der sich der Film zu seinem Gegenstand verhält. Nach einer Stunde ein erster Höhepunkt: Der Mann rettet eine wirklich sehr niedliche junge Katze vor dem Regen. Ach ja: der Regen. Den gibt es schon im Titel, später in fast jeder Einstellung. Ebenfalls im Titel wird er aber auch schon wieder entschärft: der Sonnenschein wird zurückkommen, nur eben nicht in diesem in ewig kaltes bläuliches Licht getauchten Film.
Von Lukas Foerster

Eher gescheitert, mit einer Ausnahme: 'Drei Leben' von Christian Petzold, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2011 "Die Grenzen zwischen Kino und Fernsehen aufweichen" möchte die ARD, wenn sie das Fernsehprojekt "Dreileben" im Forum der Berlinale präsentiert. Das sagt zumindest ihr Vetreter vor der Pressevorstellung. Wenn das ausliegende Presseheft der Fernsehanstalt dann stolz offenlegt, dass fast alle größeren deutschen Filme des Festivals mit ihren Geldern (wenigstens) koproduziert wurden, darf man sich schon fragen, ob diese Grenze, soweit sie überhaupt noch existiert, nicht schon vor "Dreileben" ziemlich windelweich war. Von Lukas Foerster

Bromance im Leerlauf: Seyfi Teomans 'Our Grand Despair'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 16.02.2011
Die Zweierbeziehung der Liebe, meinte Georg Simmel, bedürfe eines/r Dritten, um in der Abgrenzung zu diesem ihre eigene Identität zu gewinnen. Im türkischen Wettbewerbsfilm "Our Grand Despair" sieht es für kurze Zeit so aus, als könnte das funktionieren. Am Ende aber hat der Film die Dritte wieder ausgeschieden, neue Identitäten sind nicht entstanden. Die Dritte ist Nihal, eine junge Frau, die nach dem Unfalltod ihrer Eltern bei zwei Freunden ihres Bruders unterkommt. Ihre Gastgeber, der Übersetzer Ender und der Ingenieur Cetin, sind erst vor kurzem zusammen gezogen. Ihre Beziehung aber war laut Ender schon immer "fast so etwas wie eine Romanze". Ein wenig ähneln die beiden mittelalten Männer in ihren gemütlichen, albernen Routinen den schwulen Nachbarn aus
"The Sarah Silverman Program" ("I'm so gay for you, dude"), allerdings schlafen Ender und Cetin zuhause in getrennten Zimmern, und selbst, wenn im Urlaub lautes Stöhnen aus dem Nachbarraum dringt, rücken sie ihre Betten nicht zusammen. Von Lukas Foerster

Minimalistisches Monument: Bela Tarrs 'The Turin Horse'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 16.02.2011

Ein Mann und eine Frau im Haus, ein Pferd im Stall. Das Pferd bekommt Wasser aus dem Brunnen, die Menschen essen Kartoffeln. Der Mann sitzt stumm vor seinem Teller und lässt seine Faust auf die Kartoffel knallen, bevor er sich sie, noch kochend heiß, in den Mund stopft. Genauso stumm und stumpf sitzt er auch vor den Holzscheiten, auf die er mit der Axt einschlägt, oder vor dem Gürtel, in den er Löcher sticht. Die Frau, die sich bei allem, was sie macht, ein wenig raffinierter anstellt als der Mann, die aber trotzdem nichts zu lachen hat, pustet auf die Kartoffeln, bevor sie sie verspeist. Als das Pferd vor den Wagen gespannt werden soll, bockt es.
Von Lukas Foerster

Enges Drehbuchkorsett: Asghar Farhadis 'Nader And Simin, A Separation'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2011
Für nicht wenige Beobachter war der iranische Beitrag "Nader And Simin, A Separation" bereits vor dem Festival der große Favorit für den goldenen Bären, hauptsächlich aufgrund der Causa Jafar Panahi, die sich die Berlinale etwas verspätet zueigen gemacht hat. Nachdem der neue Film Asghar Farhadis, eines in- und außerhalb seiner Filme politisch zurückhaltenden Kollegen Jafar Panahis, nun der Presse vorgeführt wurde, gibt es wenig Grund, diese Einschätzung zu revidieren. Besonders viel Schwung bringt "Nader And Simin" freilich dennoch nicht in den Wettbewerb.
Von Lukas Foerster

Von der Kontemplation zur Agitation: Thunska Pansittivorakuls 'Terroristen'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2011

"Thank to all the terrorists". Mit dieser Texteinblendung endet der vielleicht verstörendste Film des Festivals. Thunska Pansittivorakuls "Terroristen" sind die
"Rothemden", eine thailändische Protestbewegung, die sich 2006 formierte, nachdem ein Putsch den populären Präsidenten Thaksin Shinawatra aus dem Land gejagt hatte. Nach den Protesten der "Gelbhemden" (die im Film, und das werden ihm einige sicherlich, vielleicht nicht ganz zu unrecht, vorwerfen, gar nicht auftauchen) brachte ein zweiter Putsch 2008 eine konservative Regierung unter Führung Abhisit Vejjajivas an die Macht. Seither liefern sich die Anhänger Thaksins, die überwiegend den unteren sozialen Schichten Thailands entstammen, erbitterte, aber einseitige Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften und Armee. Um die 2000 Rothemden starben seit 2009, ihre Anführer sitzen längst im Gefängnis. Von Lukas Foerster

Barbiepuppe mit Feuerpenis: Kim Suns 'Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2011

Die Oddity der diesjährigen Berlinale fängt verhältnismäßig harmlos an, nämlich als Fernsehsitcom der banalsten Art. Ein tumber Vater und seine smarte Tochter streiten sich über Politik, die Mutter sorgt sich, die Kochschürze umgebunden, um den Familienfrieden. Dazu die Lacher des Publikums aus der Konserve, eingespielt meist in Momenten, die alles andere als komisch sind.
Von Lukas Foerster

Held ohne Anführungszeichen: Jose Padilhas 'Tropa de Elite 2'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2011

Wer die neuen Talente des Weltkinos entdecken möchte, der ist auf der Berlinale der Ära Kosslick eher fehl am Platz. Die interessanten jungen Regisseure der Gegenwart tauchen, soweit sie sich überhaupt auf Festivals bewegen, in Rotterdam oder im koreanischen Jeonju auf und machen sich dann auf den Weg nach Cannes oder Venedig. Berlin und leider inzwischen auch das Forum lassen sie meist links liegen. Zu den wenigen Ausnahmen dieser bedauerlichen Entwicklung zählt Jose Padilha, der einen großen Teil seines bisherigen Werkes in Berlin präsentieren konnte. Der Brasilianer dreht sowohl intelligente Dokumentarfilme ("Bus 174", "Garapa", Panorama 2009), als auch dynamische, reflektierte Blockbuster. Padilhas Kino setzt keine neuen Maßstäbe, aber es nimmt das politische Erbe des
Cinema Novo, des neuen brasilianischen Films der sechziger und siebziger Jahre, auf zwar populistische, aber deswegen nicht dumme Art auf. Von Lukas Foerster

Eine Archäologie von Gegenwart: Kelvin Kyung Kun Parks 'Cheonggyecheon Medley'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2011

Die Erinnerung an den Großvater des Regisseurs, der im Korea der Nachkriegszeit eine Maschinenfabrik aufgebaut hatte, ist ein Ausgangspunkt des Films. Die Fabrik war situiert in Cheonggyecheon, einem Stadtviertel Seouls. Die einst dort ansässige Schwerindustrie war ein wichtiger Motor der Modernisierung des Landes, inzwischen ist der Ort von der wirtschaftlichen und technologischen Progression des moderne High-Tech-Korea überholt und abgehängt worden. Die großen Betriebe sind verschwunden, doch immer noch gibt es zahlreiche kleine Metallwerkstätten in den engen Gassen. Oder zumindest gab es diese Werkstätten, als Kelvin Kyung Kun Park, ein junger Regisseur, der von der Kunst zum Kino gekommen ist, Cheonggyecheon aufgesucht hat. Inzwischen sind viele dieser Kleinstunternehmen wohl bereits Opfer eines urbanen Erneuerungsplans geworden und mussten modernen Appartmentkomplexen weichen (
Wikipedia weiß mehr). Die letzten Bilder des Films - konfuzianistische Rituale im unpersönlichen Weiß eines Neubaus - deuten diese Entwicklung an. Von Lukas Foerster

Grenzpornografisch, aber kompromisslos ehrlich: Joe Swanbergs Filme 'Silver Bullets' und 'Art History'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2011

Soviel Selbstreflektion findet man im Kino nicht alle Tage: In Joe Swanbergs "Silver Bullets" geht es um zwei unterschiedliche fiktive Filmdrehs, vor der Kamera zu bewundern sind sogar gleich drei Schauspieler, die im echten Leben eigene Filme drehen. In einer Nebenrolle taucht Larry Fessenden auf, ein Veteran des Independent-Kinos, dessen charakteristischer Quadratschädel auch schon bei Jim Jarmush, Martin Scorsese und Kelly Reichhardt mal kurz durchs Bild spukte. Im Zentrum stehen zwei andere, jüngere Filmemacher. Der Horror-Auteur Ti West ("The House of the Devil") spielt den Horror-Auteur Ben, der einen leicht prätentiösen Werwolfstreifen dreht und anschließend in einem Promo-Interview dessen komplexe Struktur erläutern möchte; sein Gesprächspartner fragt aber immer nur nach "Tits 'n Gore". Die Hauptrolle im Werwolffilm übernimmt Claire, deren Freund Ethan parallel einen anderen Film inszeniert. Ethans Rolle widerum spielt Joe Swanberg gleich selbst und Ethans Film sieht denn auch nach einem echten Swanberg-Film aus: narzisstisch und grenzpornografisch, intim und kompromisslos ehrlich, in vieler Hinsicht jenseits der Schmerzgrenze. Zu allem Überfluss spielt Ethan/Swanberg auch im Film des fiktionalen Ethan/Swanberg die männliche Hauptrolle. Und die weibliche übernimmt eine Freundin Claires, was natürlich für Ärger sorgt, erst recht, als Claire im Werwolfkostüm Ben gefährlich nahe…
Von Lukas Foerster

Rücksichtslos sichtbar: Takahisa Zezes 'Heaven's Story'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2011

Ein sanftes, zerbrechliches Monstrum von einem Film. 278 Minuten dauert Takahisa Zezes "Heaven's Story" und doch bekommt man das Ding nie wirklich zu fassen. Irgendwo zwischen hysterischem Charakterdrama, blutigem Rachethriller und Erzählexperiment, lyrisch, naiv, stellenweise wunderschön, stellenweise enervierend setzt es sich zwischen alle Stühle. Nahe liegt ein Vergleich mit einem anderen, fast genauso langen und ungleich lauteren, grelleren japanischen Monstrum, Sion Sonos "Love Exposure", vor zwei Jahren im Forum zu sehen und längst zum Kultfilm avanciert. "Heaven's Story" wird, obwohl handwerklich der bessere Film, derartige Reaktionen wohl eher nicht hervorrufen.
Von Lukas Foerster

Da capo

Im Kino 01.12.2010 Woody Allen feiert heute seinen 75. Geburtstag. Passend dazu kommt sein jüngstes Werk "Ich sehe den Mann deiner Träume" ins Kino, der eines auf jeden Fall ist: mit Naomi Watts, Josh Brolin, Anthony Hopkins und Freida Pinto eklatant gut besetzt. Ganz anderer Schauplatz: Mit logistischer Unterstützung von Tom Tykwer hat die Regisseurin Hawa Essuman in Nairobi den Spielfilm "Soul Boy" gedreht. Ein Projekt, auf dessen Fortsetzung man gespannt sein kann. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer