Perlentaucher-Autor

Thomas Groh

262 Artikel

Thomas Groh, geboren 1978, lebt seit 1997 in Berlin, dort Studium der Film-, Kultur-, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Humboldt und Freien Universität. Seit 2001 freier Autor für die Online-Filmmagazine f-lm.de und jump-cut.de sowie seit 2002 für die Filmzeitschrift "Splatting Image", einzelne Beiträge für "Telepolis" und "Jungle World". Weitere Texte, Notizen und Hinweise veröffentlicht er auf seinem Blog http://filmtagebuch.blogger.de 
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Anarchy in the UK: Meryl Streep ist 'The Iron Lady' (Wettbewerb Sonderführung)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2012

Good girls go to heaven, bad girls kommen ins Irrenhaus. Zumindest heißt ein alter Konservativer Margaret Thatcher (Meryl Streep) entsprechend willkommen, als sie erstmals Abgeordnete das Parlament betritt: "Welcome to the madhouse!" Repräsentative Demokratie als Nervenanstalt: Es wird geschrien, gekreischt, gestampft, geklopft. Und spätestens mit Thatchers Regierungsantritt 1979 als Premierministerin scheint das Land ringsum ohnehin in Flammen aufzugehen, während Punks defätistisch ihre Liebe zur 'Eisernen Lady'
bekunden. Von Thomas Groh

Lebenszeichen: Werner Herzogs Blick in die 'Death Row' (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2012

"Ich will eins von vornherein klarstellen", sagt Werner Herzog dem zum Tode verurteilten James Barnes gleich direkt ins Gesicht, "ich bin kein Befürworter der Todesstrafe. Aber das muss nicht heißen, dass ich dich mag." Barnes zuckt kurz, versteht aber offenbar umgehend, was Sache ist, dass es hier nicht um eine Empathieshow geht. "Okay", sagt er kurz, verständig. Wie viele andere Figuren in Herzogs dokumentarischem wie fiktionalem Oeuvre wirkt auch Barnes fahrig, unergründlich, als würde ein Wille in ihm rumoren, der ihm diese Welt zu klein werden lässt. Mit einem Unterschied: Weder will Barnes Weltmeister im Skispringen werden, noch ein Schiff über einen Berg ziehen. Barnes sitzt wegen einiger bestialischer Morde - dass es wohl noch weitere gibt, die ihm bislang nicht angelastet werden konnten, schimmert zudem überdeutlich durch - in der Death Row, im Todestrakt des amerikanischen Gefängnissystems, und wartet auf einen Hinrichtungstermin, den er offenbar durch immer neue Geständnisse, deren Gehalt ermittelt werden müssen, hinauszögern will: Salamitaktik, um den Justizbetrieb auf Trab zu halten.
Von Thomas Groh

Duvall auf Acid: Billy Bob Thorntons 'Jayne Mansfield's Car' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2012

"Manchmal muss man einen Film eben etwas anders verpacken, um seine Botschaft an den Mann zu bringen", sagt Billy Bob Thornton in der Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsbeitrag "Jayne Mansfield's Car" und weiter: "Man könnte zwar einen Film gegen Krieg drehen und diesen dann "Anti-War" nennen, dann schauen ihn aber eben auch nur jene, die eh schon gegen Krieg sind."
Von Thomas Groh

Flirrendes Gespensterhaus: Guy Maddins 'Keyhole' (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2012

Jeder, der es ernst meint mit der Berlinale, wird diesen Zustand kennen: Nach einigen Tagen blenden die Filme ineinander über, eine leicht fiebrige Müdigkeit überfällt einen im Kino, das Gefühl für Zeit, die Fähigkeit, einem Plot zu folgen, wird fragil: Stattdessen Lichtreflexe, denen man mit den Augen folgt. Wenn man so will hat Guy Maddin mit "Keyhole" den Film zu diesem Zustand gedreht: Doppelbeleuchtungen, schummriges Licht, oft totes Schwarzweiß, ein Soundtrack, der so wabert wie es im Innern eines betrunkenen Seemanns nachts auf Deck klingt, eine assoziative Montage, die die Geschehnisse nicht so sehr in Zeit anordnet, sondern die Dinge aufeinander schichtet. Sitzt man selbst dazu berlinale-übernächtigt im dunklen Kino, geht man dazu ganz eigene Korrespondenzen ein. "Im Kino zu schlafen, heißt dem Film vertrauen", lautet ein Satz in Rudolf Thomes "Berlin Chamissoplatz". Bei Guy Maddins "Keyhole" kann man einschlafen, wieder aufwachen oder ganz in den Schwebezustand zwischen Traum und Diesseits-Verankerung eintauchen, den schwere Augenlider im Kinosaal markieren – der Film verzeiht einem diese Schwäche ohne weiteres, ja, er wattiert einen gleichsam ein, vielleicht will er das sogar so.
Von Thomas Groh

Am Meer ein Gefängnis: Christian Petzolds 'Barbara' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012 "At last, I am free - I can hardly see in front of me!", singen Chic über die präzise gesetzte Schwarzblende, mit der Christian Petzold seinen neuen Film "Barbara" enden lässt. Ein Auftakt übertönt das Schwarz, ein Knoten, auf den "Barbara" kontinuierlich hingearbeitet hat, ist mit einem Mal gelöst - der Film, der zwar unweit der Meeresküste spielt, doch eigentlich ein Gefängnis beschreibt, öffnet sich schlagartig zu der weltumarmenden Weite, die nur der Soul der 70er Jahre auf diese Weise in Klang gegossen hat. Von Thomas Groh

Beim Barte des Führers: Nazi-Ufos in Timo Vuorensolas 'Iron Sky' (Panorama Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012

Kommen zwei Nazis nach 72 Jahren nach New York und finden ein Pornoheft. Sagt der eine: "Die entwickeln sich ja wie unsere Weiber. Aber da unten haben sie keine Haare, wie die Mädchen seh'n die aus." Sagt der andere: "Und wenn sie da Haare haben, seh'n die aus wie der Bart unseres geliebten Führers!" Oder aber: Greifen Nazis vom Mond völlig krass die Erde an. Die Leute in der UNO so voll am Abstreiten, keiner ist's gewesen. Meldet sich Nordkorea: "Wir sind's, wir sind's gewesen!" Alle anderen voll so am Ablachen: "Als ob!!"
Von Thomas Groh

Tierbeobachtungen: 'Bestiaire' von Denis Côté (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012

Anfangs schaut man Kunststudenten über die Schulter: Wie sie mit mal schnellen, mal vorsichtigen Strichen ein ausgestopftes Tier abzeichnen, das in ihrer Mitte steht. Dasselbe Tier, unterschiedliche Bilder. Wo das Tier herstammt, sieht man im späteren Verlauf in "Bestiaire", wenn Denis Côté bei einem Erkundungszug durch den
Parc Safari in Quebec auch die taxidermische Abteilung in den Blick nimmt. Dieser ist zugewandt, aber gerade insoweit interesselos, dass sich eine Sphäre zwischen Emphase und kritisch-analytischer Distanz aufbaut. Ganz ohne Kommentar oder ersichtlichen Eingriff in das Geschehen zeigt Côté, was in dem Safari-Erlebnispark geschieht: Tierfütterung, Tierbehandlung, gesunde Tiere, kranke Tiere, verkrüppelte Tiere. Mittendrin dann bald, selbst ein bisschen wie possierliche Tiere: mal jauchzende, mal interessiert um sich schauende, fotografierende Parkbesucher, die irgendwann wieder im Auto sitzen, womit der Film dann schließt. Ein etwas rigoroseres Strukturkonzept - man wäre bei James Benning. Ein etwas genauerer Blick auf die Arbeitsabläufe im Park - man wäre bei Frederick Wiseman. Zwischen diesen beiden Protagonisten des vorsichtig beobachtenden Dokumentarfilms - überdies keine Unbekannten im Internationalen Forum - richtet sich Denis Côté gut und für den Zuschauer mit Gewinn ein. Von Thomas Groh

Big in Berlin: Shah Ruhk Khan in 'Don - The King is Back' (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2012

Es ist eine Szene wie aus einem alten Serial: Der Held steht inmitten in einer ausweglosen Situation, diverse Gewehrläufe sind auf ihn gerichtet, zwei, drei coole Sprüche - "Wo finde ich hier eigentlich ein gutes italienisches Restaurant, wenn ich mit euch fertig bin?" - sowie einen spektakulären Kampf einer gegen alle unter allerlei Verrenkungen und Zweckentfremdungen später bleibt dem Held nur noch, sich den Staub von der Kleidung zu klopfen und das Feld, auf dem sich die zuvor noch aufrechten Bösewichte nun in der Horizontalen stapeln, mit einem schelmischen Grinsen zu verlassen.
Von Thomas Groh

Risse im Mädchentraum: Benoit Jacquots 'Les Adieux à la Reine' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2012

So nahe wie die junge Dienerin Sidonie (Léa Seydoux) kommt an Marie Antoinette (Diane Kruger) im Hofstaat von Versailles sonst nur Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen), die lesbische Maitresse der Königin. Wohl jeden Morgen, darf man mutmaßen, findet dieses intime, zärtlich alberne Spiel zwischen der Vorleserin Sidonie und der Monarchin statt: Die Dienerin um Form und Haltung bemüht, wie alles steif und zugerichtet ist an diesem Hof, Marie Antoinette, als erste und - beinahe - einzige in diesem Film, körperlich ausgelassen, verspielt, fast kindisch herumtollend, wenn Sidonie ausgesucht Frivoles aus der Königlichen Bibliothek vorliest. Dass Sidonie das Spiel genießt, die küssbar nahe Präsenz von Marie Antoinettes Gesicht an ihrem eigenen, die gelegentlichen Berührungen, ist ihr sichtlich an jeder Geste, jeder mimischen Regung abzulesen. Weit mehr ist da, von ihrer Seite wenigstens, im Spiel, wenn beide Liebesdialoge aus galanten Romanen aufsagen.

Es ist eine in sich ruhende, selbstzufriedene Welt: Das Geschmeiß an den äußeren Schlossmauern ist morgens rasch weggejagt, selbst noch kleinere Protokollfehler - Sidonie leiht sich eine teure Uhr, um morgens nicht zu verschlafen - werden offenbar gütig übersehen. Versailles als Mädchentraum: Nicht so sehr, wie vor ein paar Jahren im Von Thomas Groh

Berlinalewettbewerb ohne Helden: Der sonnengebräunte Hintern des Klaus Lemke.

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2012 Gerade war Doris Dörrie unter viel Blitzlichtgewitter über den Roten Teppich gelaufen: Galavorführung zur Berlinale-Eröffnung. Ein bisschen hatte sie vor dem Festival geschimpft, wie avantgardistisch und unkommerziell doch die Berlinale sei und wie froh sie deshalb sei, dass ihr neuer Film nicht im Wettbewerb, sondern in der Resterampe-Sektion "Berlinale Special" zu sehen ist. Auf den Roten Teppich verzichtet sie dann aber doch nicht, den empfindlichen Minusgraden zum Trotz. Von Thomas Groh