Im Kino

Verwegener Wellengang

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Friederike Horstmann
11.03.2015. Zweimal postsowjetische Realitäten: Andrey Zvyagintsev inszeniert in "Leviathan" eine allegorische Tragödie vor eindrucksvoller Naturkulisse. Ivette Löckers "Wenn es blendet, öffne die Augen" porträtiert einfühlsam ein Junkiepaar aus St. Petersburg.


Eine eiskalte Luft weht einem um die Nase. Das spärlich fahle, arktische Licht, die schroffen Felsformationen und die starren, wie gefrorenen Einstellungen, das formt sich zu einer Welt, der man nicht ausgesetzt sein möchte. "Leviathan" unterhält eine spezifische Verbindung zu seinen Schauplätzen. Mit gravitätischen Panoramaeinstellungen wird die weite, wenig besiedelte Landschaft rund um den Barentsee im Nordwesten Russlands ins Bild gesetzt, wird ein unwirtlicher Lebensraum mit verhangenem Himmel, verwegenem Wellengang und steiniger Tundra gezeigt. In der tristen Topografie ist das Farbspektrum auf kühle Töne geschrumpft. Es überwiegen stumpfe Grau- und Brauntöne. Am Ufer der surrealen Seelandschaft liegen skelettöse Schiffswracks und riesige Walgerippe. Die Naturaufnahmen aus der nordrussischen Küstenprovinz, die Überreste und Ruinen künden von einer anderen Zeitlichkeit, die in größeren Abschnitten als menschlichen Lebensaltern denkt. Dieser Landschaft ist es gleichgültig, welches Schicksal ihre Bewohner ereilt.

Auf einem Geburtstagsausflug in rauer Natur trinken Männer aus randvollen Plastikbechern Wodka. Die Frauen drücken Grillfleisch auf Spieße. Aufgrund ihrer dabei präzis aufgeführten Bewegungen werden sie als "Augenweiden" betitelt. Die Umgangsformen sind ruppig, das Felsgeschiebe ist zerfurcht, der blaue Himmel verkühlt. Geredet wird wenig. Die Sätze sind kurz, knapp, kaliberartig. In aufgeplusterter Kleidung mit Camouflagemuster und Pelzkapuze schießen die Männer zunächst auf leere Flaschen. Dann sollen Politikerporträts als Zielscheiben fungieren: Breschnew, Lenin, Gorbatschow. Das letzte Porträt steht Kopf. Nur Orden sind erkennbar und keine Gesichtszüge. So ließe sich die Reihe fortsetzen: "Doch für gegenwärtige Herrscher ist es zu früh. Es fehlt die historische Perspektive. Lass sie noch etwas an der Wand hängen." An der Wand in einem Amtsgebäude hing wenige Szenen zuvor ein Bild Putins.

In beeindruckenden Bildern schildert "Leviathan" eine allegorische Tragödie, die unverhohlen Korruption, Willkür und Sanktionierungen durch Staat und Kirche zeigt. Mit Hilfe einer korrumpierten Justiz will ein autoritär aggressiver Bürgermeister, dessen paranoischer Gefahrensinn auch zu Gewalttätigkeit treibt, das attraktive, direkt am Barentsee gelegene Grundstück des Automechanikers Nikolai Sergejew in seinen Besitz bringen. Dass er sich schon allerlei bemächtigt hat, zeigen unvorteilhafte Großaufnahmen seines fleischig aufgeschwemmten Gesichts. Nikolai versucht sich gegen die Enteignung zu wehren, doch der Interessenkonflikt setzt eine Tragödie in Gang. Zum Schluss wird er nicht nur seinen Besitz, sondern auch seine Gesundheit, seine Frau und seine Freiheit verlieren.



Schon im Gerichtssaal wird spürbar, wie unwahrscheinlich ein Erfolg der Rebellion gegen die korrupte Staatsgewalt ist. Die Aussichtslosigkeit wird in der Bildgestaltung exekutiert: Eine Totale platziert die Richterin symmetrisch im Bildzentrum. Während ihres langen, monoton vorgetragenen Monologs, in dem sie Paragrafen aneinanderreiht, komprimiert ein langsamer Zoom den Bildausschnitt, bis die Kamera nur noch die Richterin fokussiert. Zum Schluss des Films wird ein ähnlich entschleunigter Zoom während der Predigt eines russisch-orthodoxen Priesters benutzt. Ein Schnitt aus dem Innenraum der Kirche zeigt einen kategorialen Sprung, eine Umwidmung des Gebäudes. Die neue Kirche wurde auf dem enteigneten Gelände errichtet.

Dass der staatlich geförderte "Leviathan" in Russland eine heftige Kontroverse auslöste und auf Ablehnung durch Staat und Kirche stieß, mag kaum verwundern. Doch neben der gesellschaftskritischen Aktualität scheint ein überhistorischer Anspruch unübersehbar. Manchmal wirkt "Leviathan" allegorisch überfrachtet. Doch der andeutungsreiche Titel und auch der explizite Verweis auf die biblische Geschichte Hiobs unterstreichen, was dem Film wichtig scheint: dass nicht nur in Russland Korruption und Willkür existieren.

Friederike Horstmann

Leviathan - Russland 2014 - Originaltitel: Leviafan - Regie: Andrey Zvyagintsev - Darsteller: Elena Lyadova, Vladimir Vdovichenkov, Aleksey Serebryakov, Roman Madyanov, Anna Ukolova - Laufzeit: 140 Minuten.

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Auf dem Küchenregal steht Lipton-Tee. Auf einer Kaffeetasse prangt die britische Flagge, popkulturell aufgehübscht. Auf einer weiteren Kaffeetasse steht "Nescafe". Wenigstens auf der Ebene marktversichernder Embleme sind der Westen und die Marktwirtschaft hier angekommen. Hier, das ist St. Petersburg, Russland. Genauer: Eine triste, heruntergekommene Plattenbausiedlung. Hier leben Schanna und Ljoscha - HIV-positiv, hepatitis-krank, heroinabhängig - in der beengten Wohnung von Ljoschas Mutter, die angesichts des realen Elends bei aller Herzensgüte die Sehnsucht nach geordneten Prä-Perestroika-Zeiten packt: Man hatte Arbeit und Familie - jetzt habe man bloß Freiheit, mit allen Konsequenzen.

Ivette Löckers sanft zurückgenommenes, interessiert beobachtendes Porträt ist nicht zuletzt auch ein Film darüber, was nach den großen Träumen und Sehnsüchten an Enttäuschung, Ernüchterung und langem Kater übrig bleibt: Die 90er Jahre, plötzlich ist da ein Freiheits- und Sehnsuchtsüberschuss, auch gekoppelt an Rockmusik und Drogen. Seit 20 Jahren hängt Schanna an der Nadel, das Junkie-Leben hat sie merklich gezeichnet. Ljoscha kümmert sich rührend um sie, auch an ihm sind Drogen und Krankheit nicht spurlos vorübergezogen. Wenn er alleine mit dem Kamerateam ist, schimpft er gerne, auch über Schanna, aber natürlich, sagt er, sind da noch Gefühle. Auch wenn er sie manchmal barsch zurechtweist, dass sie doch mal für fünf Minuten Ruhe geben möge.



Zwischen Löckers von vorab zurechtgelegten Thesen völlig freien Alltagsbeobachtungen geschnitten ist der Live-Auftritt einer russischen Rockband: In den Texten, vor einer begeisterten, stagedivenden Crowd in einem Club kraftvoll dargeboten, geht es um jugendliche Entfremdung, um Aufbruch, Fragen nach dem Sinn des Lebens, kurz: Teenie-Romantik, Teenie-Schmerz, Teenie-Sehnsucht. Man kann sich gut vorstellen, dass Schanna in den frühen 90ern ähnliche Musik gehört, sich ähnliche Gedanken gemacht haben könnte. Die sehnsuchtsvolle Rockmusik und der Alltag finden am Ende des Films in einer Montage zusammen: Erstere liegt über Impressionen eines Parkspaziergangs von Schanna und Ljoscha sowie der Arbeit der Mutter Ljoschas - mit, im übrigen, toll anzusehenden Falten im Gesicht, in das sich ein ganzes Leben eingeschrieben hat und aus dem doch, allen Entbehrungen zum Trotz, die reine, ungefilterte Lebensfreude lachen kann - als Schaffnerin in einer Tram.

Die fragile Schönheit und Zartheit des Films liegt gerade in der Beobachtung und Würdigung solcher Momente und Gesten am Rande. "Wenn es blendet, öffne die Augen" mag ein Film darüber sein, wie die Freiheitsversprechungen der unmittelbaren Nachwendezeit am Ende in den sozialen Kahlschlag an der Peripherie und deren Verwahrlosung gemündet sind. Doch mehr noch handelt es sich um einen Film, der sich zwar keinerlei Illusionen hingibt, sich aber doch den Reichtum gestattet, das Elend nicht als solches auszustellen, sondern auch in ihm nach verbliebenen Momenten des Glücks, nach Hoffnungsschimmern zu suchen. Dabei nicht ins diffus Gefühlige abzurutschen, sondern stets auch den Schmerz und die bittere Realität mitzudenken, ist das größte Verdienst dieses großartigen Films.

Thomas Groh

Wenn es blendet, öffne die Augen - Österreich 2014 - Regie: Ivette Löcker - Laufzeit: 75 Minuten. (Der Film ist ab dem 12. März eine Woche lang im Berliner Kino Krokodil zu sehen.)