Im Kino

Kleinschrittiger Pragmatismus

Die Filmkolumne. Von Janis El-Bira, Thomas Groh
03.06.2015. Claude Lanzmann spricht in "Der letzte der Ungerechten" mit Benjamin Murmelstein, dem Judenältesten von Theresienstadt. In Daniel Espinosas "Kind 44" hört man stalinnostalgische Drehbuchseiten rascheln.


Zu Beginn steht Claude Lanzmann auf dem Bahnhof des Dorfes Bohušovice. Bis Juni 1943 wurden alle mit dem Ghetto Theresienstadt in Verbindung stehenden Züge hier abgefertigt. Von Bohušovice aus mussten die Gefangenen zu Fuß das Lager erreichen, während in ihrem Rücken vom selben Bahnhof schon die Transporte in die Vernichtungslager abgingen - "nach dem Osten", wie der offizielle Sprachgebrauch der Nazis euphemisierte. Lanzmann steht hier im Jahr 2013, bald 90-jährig, zwischen den Gleisen und liest und spricht gegen die lärmend einfahrenden Züge der tschechischen Eisenbahn an. Dann geht er einige Schritte über den Bahnsteig, hinaus aus dem Bild und wie hinein in den historischen Raum, den sein Film für die nächsten fast vier Stunden öffnen wird.

Immer wieder tritt Lanzmann in "Der letzte der Ungerechten" auf diese Weise hinter der Kamera hervor. Er bewegt sich, kaum vom Alter gebeugt, auch durch jene Orte der Erinnerung, die keine Gedenkstätte überbaut hat, die von keiner Infotafel an ihren geschichtlichen Platz verwiesen werden. Oft zeigt er dann auf einen unscheinbaren, grasüberwucherten Hügel, eine bröckelnde Mauer, einen Waldpfad. Lanzmann liest dazu aus Zeugenberichten, bis aus den Hügeln, Mauern und Waldwegen die Orte der Galgen, Massenerschießungen und Todesmärsche werden. Das ist und war schon immer etwas Anderes als die reine oral history, auf die seine Filme wegen der Dominanz langer Interviews manchmal verkürzt werden. Vielmehr wird das Zeugenwort konsequent vom Dokument zur Kunst verdichtet und der Künstler, Lanzmann selbst, denkt sich und sein Vorgehen darin mit, zeigt, erklärt und stellt sich aus.

In "Der letzte der Ungerechten" gelingt das auch deshalb so ungeheuer faszinierend, weil den Zusammenhalt des Films das lange Gespräch mit einem Mann bildet, der ebenfalls ein Meister der schonungslosen Ausdifferenzierung des eigenen Selbst ist. Der Mann ist Benjamin Murmelstein. In Theresienstadt war er der letzte "Judenälteste", also Inhaber eines von den Nationalsozialisten zwangsweise bestimmten Verwaltungsamtes für die besetzten Gebiete. Während alle seine Vorgänger in dieser Funktion ermordet wurden, hat Murmelstein die Shoah überlebt. Diese Tatsache und die Art, wie er seine Aufgaben versah, brachten ihm in der Nachkriegszeit großes Misstrauen bis hin zu offenem Hass ein. Denn Murmelstein hatte entschieden, dass nur das abwägende Paktieren mit dem Teufel ihn selbst und Hunderte anderer mit Glück vor dem sicheren Tod würde retten können.



"Der Judenälteste ist ein Karnevalsprinz", sagt er zu Anfang, "eine Spottgestalt." Und wie der Karnevalsprinz wusste auch Murmelstein, dass dieses Amt außergewöhnliche Freiheiten mit sich brachte. Er nutzte sie, indem er trickste, verhandelte und dort mit den Nazis an einem Tisch saß, wo er für sich und die anderen Gefangenen auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen und letztlich das Entkommen vor der Deportation "nach dem Osten" hoffen durfte. "Mit Toten kann man keine Propaganda machen", erklärt er. Entsprechend kurbelte Murmelstein den nationalsozialistischen Propagandaapparat selbst mit an und half bewusst, die Lüge vom "Modell-Ghetto" Theresienstadt aufrecht zu erhalten. Die schreckliche Logik im Vorhof zur Hölle: "Wenn sie uns zeigen wollen, können sie uns nicht umbringen."

Lanzmann hatte Murmelstein in den Siebzigern während der Arbeit an seinem epochalen Film "Shoah" (1985) eine Woche lang in dessen Wohnung in Rom besucht. Ursprünglich mit der Idee angereist, das Interview für "Shoah" verwenden zu können, kehrte er zurück mit der Einsicht, dass das Gespräch zu sehr aus dem Rahmen falle. Es ist ein Glücksfall, dass er es nun, rund fünfundzwanzig Jahre nach Murmelsteins Tod, zu einem eigenständigen Film erweitert hat, der nahtlos das Jahrzehnte alte Gespräch mit Bildern aus dem Heute verbindet. Nicht nur, weil es über Stunden in Bann hält, den enorm charismatischen, in Wort und Leib fülligen Murmelstein sprechen zu hören und zu sehen, sondern weil er und Lanzmann sich fortwährend bespiegeln, entgegensetzen, ergänzen. Lanzmann, dessen Stimme unverändert bebt vor Wut, wenn er vor der Festungsmauer des heutigen Terezín aus Zeugenberichten liest. Murmelstein, der im kleinschrittigen Pragmatismus des vorgeblichen Mittuns die Macht in der Ohnmacht gefunden hat, und dafür von den einen als Held gefeiert, von anderen als Kollaborateur verachtet wurde.

Indem sie gemeinsam Ambivalenzen offenlegen, verwandeln sich Lanzmann und Murmelstein immer weiter aufeinander hin, erscheinen wie Don Quijote und Sancho Panza und schließlich wie zwei Gesichter desselben widerständigen Künstlers. Keine Kunst mit Kompromissen, kein (Über)Leben ohne sie. Am Ende laufen beide Männer im letzten Sonnenlicht des Tages durch die Ruinen des Forum Romanum. Murmelstein spricht Lanzmann mit "lieber Freund" an und schiebt gleich schelmisch hinterher, er möge sich dadurch bitte nicht beleidigt fühlen, es sei schließlich bloß eine Floskel. "Das hoffe ich nicht", antwortet dieser sehr ernst.

Janis El-Bira

Der letzte der Ungerechten - Frankreich 2013 - OT: Le dernier des injustes - Regie: Claude Lanzmann - Laufzeit: 220 Minuten.

Der letzte der Ungerechten läuft noch einmal am 07.06. um 14:00 Uhr im Berliner Kino fsk
. Über weitere aktuelle Spieltermine des Films informiert critic.de.

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Leo Demidow - ein Löwe von göttlicher Kraft. Einen solchen Namen bekommt man nicht in die Geburtswiege gelegt, man bekommt ihn verliehen. So wie dieser Junge etwa, der in den frühen 30ern in der Ukraine "Holodomor", die Tötung durch Hunger, überlebt, bei einem treuen Sowjetsoldaten unterkommt und fortan diesen Namen trägt. Jahre später erträumen sich Tom Rob Smith (als Autor der Romanvorlage) und Daniel Espinosa (als Regisseur der Kinoadaption) Demidow, der nun von Tom Hardy gespielt wird, als einen der Soldaten, die am 2. Mai 1945 auf einer ikonisch gewordenen (und legendär retuschierten) Fotografie die Sowjetflagge auf dem Reichstag hissen. Hochdekoriert kehrt Demidow aus dem "Großen Vaterländischen Krieg des Sowjetischen Volkes" zurück, um in den letzten Tagen unter Stalins Herrschaft als Bluthund im sowjetischen Ministerium für Staatssicherheit vermeintliche Oppositionelle und Agenten des Kapitalismus von der Aussichtslosigkeit ihres Tuns zu "überzeugen". Dass dabei propagandistische "Wahrheiten" zum Zweck der Durchsetzung höherer Ideale überhaupt erst fabriziert werden und er die Funktion des Handlangers und Vollstreckers - wenngleich mit Herz, wenn es um Kinder geht - einnimmt, dessen ist er sich bewusst, doch ficht es ihn im Glauben ans System kaum an. Bis eines Tages der Sohn seines Freundes ermordet wird: Der Mord wird - wie 43 andere Kindsmorde zuvor auch - von oben vertuscht. Als ein Auswuchs kapitalistischen Wirtschaftens ist Mord im Arbeiterparadies weder möglich noch vorgesehen.

Wenn man so will, lässt sich dieser Leo Demidow mit seinem altsowjetischen Schneid als die sinnbildhafte Figur einer Ära begreifen: Geboren etwa zur Gründung der Sowjetunion und dem Beginn des stalinistischen Terrors, aufgezogen unter der schützenden Hand des Diktators, später als ruhmreicher Kriegsheld gefeiert, klaffen zum Ende der Ära Stalin massive Risse in seinen Überzeugungen. Ein westlicher Kriminalroman und im Zuge ein westlicher Unterhaltungsfilm erträumen sich ein nostalgisches Retro-Bild des einstigen geopolitischen und ideologischen Widersachers, und zumindest letzterer fährt dafür einiges an ästhetischem Aufwand auf: Merklich verliebt ist dieser Film in die Sowjetuniformen, in die Umgangsformen und asigen Hierarchien im Innern des bürokratischen Apparats, in den dekadenten, schmiergen Prunk der Stalinzeit, das triste russische Wetter, den Moloch der Fabriken und das Elend, das ringsum grassiert. Das einstige "Reich des Bösen" als von der Geschichte heimgesuchter Kino-Erlebnispark. Viel fehlt nicht zur endgültigen Fetischisierung.



Seine Serienmördergeschichte erzählt "Kind 44" leidlich spannend, wenngleich Tom Hardy, Gary Oldman (in der Rolle eines Sicherheitsbeamten in der Provinz, in die Demidow, der von der Kindsmordserie nicht lassen kann, bald strafversetzt wird) und Noomi Rapace (als Demidows Ehefrau) aus dem Stoff gutes Schauspielkino machen. Zumindest schlaglichtartig interessanter ist "Kind 44" als Erkundung von sozialen Beziehungen innerhalb sich zersetzender Machtgefüge: Die Zwänge, die zu Selbstdisziplinierung, Verschwiegenheit und zumindest der äußeren Performanz konformistischen Verhaltens führen, werden plastisch nachvollziehbar. Was allerdings nicht viel daran ändert, dass "Kind 44" in erster Linie Drehbuchkino ist: Auch durch den hohen Ausstattungsaufwand hindurch hört man noch das Papier rascheln, auf dem der Stoff entstanden ist.

Thomas Groh


Kind 44 - Tschechien, Großbritannien 2015 - Regie: Daniel Espinosa - Darsteller: Tom Hardy, Joel Kinnaman, Noomi Rapace, Xavier Atkins, Agnieszka Grochowska, Petr Vanek - Laufzeit: 137 Minuten.