Perlentaucher-Autor

Thierry Chervel

Thierry Chervel, geboren 1957, hat in Berlin Musikwissenschaften studiert. Er war Redakteur bei der taz (Film, Musik, Tagesthemen), freier Autor bei der FAZ und anderen Zeitungen, Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung in Paris und Redakteur auf der Berliner Seite der Süddeutschen. Thierry Chervel ist Mitbegründer des Perlentauchers. Er hat auch an der Website für seinen jüngst verstorbenen Vater Marc Chervel mitgearbeitet.
Bücher von Thierry Chervel finden sie hier.
Rubrik: Berlinale Blog - 21 Artikel - Seite 1 von 2

Wagner Mouras Film "Marighella", Apologie des Terrorismus zum Abschluss Berlinale 2019

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2019 Als krönender Abschluss dieses Berlinale-Wettbewerbs war Zhang Yimous Film "One Second", eine Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution, geplant. Endlich, so stand zu hoffen, kehrt Zhang zu den großen Filmen seiner Anfangszeit zurück, die man als politische Kritik am Regime lesen konnte. Aber der Film wurde sang- und klanglos abgesetzt. Die chinesischen Behörden hatten ihn in letzter Minute nicht freigegeben. Die Berlinale schützt in einer dürren viersätzigen Pressemitteilung technische Probleme bei der Postproduction vor. Mag sein, dass man Zhang Yimou nicht gefährden will, bestimmt aber sollen die chinesischen Behörden nicht vergrätzt werden, mit denen man auch künftig vertrauensvoll zusammenarbeiten möchte. Die Berlinale hat eine lange Geschichte politischen Lavierens. Von Thierry Chervel

Fassade für die Liebe: "Elisa y Marcela" von Isabel Coixet (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2019 Copyright: Netflix. Es ist period pictures ja nicht vorzuwerfen, dass sie aktuelle Obsessionen auf die Vergangenheit zurückprojizieren. Isabel Coixet erzählt in dieser "pelicula original de Netflix" die Geschichte eines lesbischen Liebespaars um 1900, das gehörig in Schwierigkeiten geriet, weil sich eine der beiden - Elisa - als Mann ausgegeben hatte, um die andere - Marcela - zu heiraten und so eine Fassade für ihre Liebe zu schaffen. Von Thierry Chervel

Mit der Erde verbinden: Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber" (Wetbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Es kann sein, dass dieser Film ein Meisterwerk ist. Jedenfalls beschleicht mich beim Sehen das Gefühl, dass er eines sein möchte. Vielleicht ist es aber auch so, dass man als ein über Sechzigjähriger nicht über einen solchen Film schreiben sollte. Es bedrängen einen zu viele Referenzen, die vielleicht nicht mal gemeint sind: Der Esel am Anfang, der mit der späteren Handlung nichts zu tun hat, das ist doch Bresson, oder? Die tonlos von Schülern vorgetragenen "Hamlet"-Szenen erinnern mich an Stunden der Qual mit Straub und Huillet. Die Schauspieler, die sich ins Gestrüpp legen, als sei es das eigentlich ersehnte Bett: ganz klar Tarkowski, nur dass er die entsprechenden Bilder aparter Weise am liebsten bei Schneeregen arrangierte. Die Tonnen des Ungesagten: Antonionis incommunicalibità. Von Thierry Chervel

Huis Clos vor Bergkulisse: Emin Alpers "Kiz Kardesler - A Tale of Three Sisters" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Es vergeht im Grunde keine Berlinale, in der nicht ein elegischer türkischer Autorenfilm vor Bergkulisse die archaischen Verhältnisse in Zentralanatolien anprangert. Auch "Kiz Kardesler" (Tale of Three Sisters) ist so ein Film, der mit den Lebensverhältnissen von 99 Prozent der Kinogänger nichts zu tun hat - was ja nichts Schlechtes sein muss. Gleich vorn im Vorspann prangen auch die Signets von ZDF und Arte. Die Allgemeinmenschlichkeit solcher Sujets ist immer bestens kompatibel mit den Förderkriterien. Fast fragt man sich, ob eine urbane Komödie das größere politische Risiko wäre. Von Thierry Chervel

Ein größerer Rhythmus: François Ozons "Grâce à Dieu" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2019 Alexandre sieht genauso aus, wie Pariser, die froh sind, nicht in der Provinz leben zu müssen, sich den Lyonnaiser Bourgeois vorstellen: brav gescheitelt, mit Barbour-Jacke, fünf Kindern, darunter nur einem Töchterchen, einer hübschen Frau, und gutem Auskommen. Alexandre ist einer, der - gibt es das wirklich noch? - seine Mutter siezt. Alexandre geht jeden Sonntag zur Messe, und seine Kinder, die vorher brav Klavier üben, gehen brav mit. Alexandre glaubt wirklich noch dran. Und seine Frau, die ihn den ganzen Film über nach Kräften unterstützt, glaubt auch dran und ist Lehrerin am katholischen Gymnasium. Von Thierry Chervel

Der Mann mit dem zweiten Gesicht: "Twarz" von Malgorzata Szumowska (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.02.2018 Dass Malgorzata Szumowska am Ende für Jacek kein ganz überzeugendes Bild findet, kann man ihr nicht übel nehmen. Ihr Programm ist ambitioniert, und sehr vieles davon löst sie ein. Vielleicht wäre gerade ein zu zeichenhaftes Bild noch weniger überzeugend. Am Ende steckt Jacek also seinen Kopf in die Jacke und tanzt allein auf einem Feld herum. Von weitem sieht er aus wie ein kopfloser Mann. Von Thierry Chervel

Die die Dosentomaten ernten: Markus Imhoofs Doku "Eldorado" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.02.2018 Die Goldfolie, auf die die Anfangstitel projiziert werden, sagt im Grunde schon alles: Dieses Gold, in das die Flüchtlinge eingepackt werden, wenn sie unterkühlt sind, ist das einzige, das der Goldene Norden ihnen geben wird. Markus Imhoofs Haltung ist allerdings weder anklägerisch, obwohl er eindeutig für die Flüchtlinge Stellung nimmt, noch sarkastisch, obwohl er den Zynismus der europäischen Politik am Ende in aller Klarheit offenlegt. Von Thierry Chervel

Oper ist Aufopferung! Lav Diaz' "In Zeiten des Teufels" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 20.02.2018 Sie singen langsam, und sie singen alles dreifach. Von Anfang an zwingt dieser Film die Zuschauer in einen extrem gemächlichen Rhythmus. Die Philippinen sind ja nicht gerade das Land der großen Ströme - aber vielleicht sind es schon die Tropen, die diese Langsamkeit nahelegen. Lav Diaz erzählt die Zeit der Verfolgung angeblicher Kommunisten unter Ferdinand Marcos als eine Oper. Irgendwo fiel das Wort "Rockoper", aber das wäre bei weitem übertrieben. Lärm wird in diesem Film nicht gemacht: Sie singen a cappella, manchmal zu mehreren, selten mit Ansätzen zu homophoner Mehrstimmigkeit. Es ist häufig ein Singsang, aber nicht rezitativisch, durchaus metrisch und mit Reim und Strophen. Von Thierry Chervel

Dieses innere Pulsieren: Katharina Muecksteins "L'Animale" (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2018 Dieser berückende Kontrast ließe sich in Lehrfilmen für Friseure verwenden. Steckt Mati ihre Haare hoch - und das tut sie fast immer - dann sieht sie ein bisschen aus wie ein Samurai. Ihre Gesichtszüge haben fast etwas Grobes, sie strahlt Kraft aus, und die braucht sie auch, wenn sie mit den Rüpeln aus der Nachbarschaft Motocross übt und ihre Brutalität abfedern muss, in die sie zuweilen aber auch kräftig einsteigt. Von Thierry Chervel

Die üblichen Anfechtungen: Cedric Kahns "La Priere" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2018 In der Geschichte des französischen Kinos ist der Katholizismus ein bedeutender Unterstrom, auch wenn er von außen wenig wahrgenommen wird. Aber Robert Bresson, Alain Cavalier, Maurice Pialat sind erzkatholische Regisseure und haben Filme gemacht, die nicht nur von Religiosität durchdrungen sind, sondern sie auch predigen. Bressons "Au hasard Balthazar" ist vielleicht der überwältigendste Film dieser katholischen Tradition, ein Monument des Leidens und des Mitleids. Von Thierry Chervel

Aus der Vintage-Boutique: Benoit Jacquots "Eva" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2018 Einen solchen Film hätte man zuletzt vielleicht Anfang der Siebziger drehen können, zur Zeit der Chabrols und Sautets. Es gab ihn ja auch schon mal, Joseph Losey hat James Hadley Chases Roman zum ersten Mal im Jahr 1962 verfilmt. Jeanne Moreau spielte seinerzeit die Luxusnutte. Und damals, als noch nicht alles, was wir über Sex nicht mehr hören wollen, längst ausgesprochen war, lag er noch richtig in seiner Zeit. Von Thierry Chervel
Stichwörter