Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2018 - Film

De facto ist die deutsche Filmförderung eine Wirtschaftsförderung. Dies aber macht sie "europarechtlich problematisch", schreiben der Medienrechtsanwalt Jascha Alleyne und der Festivalleiter und Filmhistoriker Lars Henrik Gass im Freitag. Denn auch wenn die EU nicht per se zwischen kommerziellem und kulturellem Film unterscheidet, muss der kulturelle Aspekt zwingend sein. In Deutschland jedoch ist Kultur Ländersache - die auf Bundesebene beschlossene Filmförderung ist somit zwingend mit dem Ziel wirtschaftlicher Nachhaltigkeit angelegt. Doch "gegen einen auch nur erahnbaren 'nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg' des deutschen Films spricht, dass die Rückzahlungsquote der als Darlehen ausgereichten Fördermittel generell weit unter zehn Prozent liegt. ... Das FFG wird faktisch nach dem Grundsatz einer 'wirtschaftlichen Erfolgsorientierung' ausgelegt, obwohl diese erkennbar weder gegeben ist noch eingefordert wird. Man müsste also ein Vertragsverletzungsverfahren bei der EU-Kommission initiieren, um einen supranationalen Aushandlungsprozess anzustrengen. In dessen Verlauf würden die Zielvorstellungen und die Praxis von Filmförderung neu diskutiert werden müssen - also die Kriterien für Kultur und Wirtschaftlichkeit ebenso wie die ihrer Herstellung."

Für die FR porträtiert Daniel Kothenschule Carlo Chatrian, den bisherigen Leiter des Filmfestivals in Locarno, der heute aller Wahrscheinlichkeit nach offiziell als neuer künstlerischer Leiter der Berlinale bekannt gegeben wird: Er "ist das denkbar deutlichste Gegenmodell zu Dieter Kosslick. Ein zurückhaltend, aber hoch seriös auftretender Filmliebhaber und Filmvermittler, ein Cinephiler mit Herz und Verstand."

Besprochen werden Chloé Zhaos "The Rider" (Freitag, Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Stanislaw Muchas Dokumentarfilm "Kolyma" (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), Dominic Cookes Verfilmung von Ian McEwans Roman "Am Strand" (SZ, Tagesspiegel), Martin Sulíks "Dolmetscher" mit Peter Simonischek (Standard) und die Doku-Serie "Wild Wild Country" über die Geschichte des Bhagwan (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2018 - Film

Dass Monika Grütters morgen Mittag Carlo Chatrian, den bisherigen Leiter des Filmfestivals in Locarno, der Öffentlichkeit als neuen Berlinale-Direktor präsentieren wird, daran herrscht im Feuilleton keine Zweifel mehr. Die Vorfreude ist enorm: Eine "willkommene Entscheidung", zitiert Fréderic Jaeger in der Berliner Zeitung den Regisseur Christoph Hochhäusler und damit einen der Unterzeichner des im vergangenen Jahr an Grütters gerichteten Filmemacher-Appells: Schließlich habe sich Locarno unter der Ägide Chatrians zu einem "Mekka für Filmliebhaber" gemausert. Und: Es wird wohl auf eine Doppelspitze hinauslaufen, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock: "Den kaufmännischen Teil der Direktion soll eine Frau übernehmen, deren Name am Freitag bekanntgegeben wird." Von Chatrian verspricht er sich einiges, zumal dieser "von außen kommt. Denn in der deutschen Filmszene hat er keine Feinde, aber auch keine falschen Freunde, denen er irgendetwas schuldig ist, oder sich verpflichtet fühlen muss. Das gleiche gilt auch für die Berlinale selbst, wo die unter Kosslick knapp zwei Jahrzehnte lang fröhlich erstarrten Strukturen dringend frischen Wind brauchen, und auch Chatrian nicht darum herumkommen wird, unbequeme Entscheidungen zu treffen."

Auf ZeitOnline nennt Andreas Scheiner Chatrian einen "Anti-Dercon. Glamour bringt er keinen mit, der Introvertierte mit den Locken ist ein Cineast wie aus dem Drehbuch. ... Chatrian geht nicht mit der Mode, er will Wegbereiter sein, ein Entdecker." Auch SZ-Kritiker David Steinitz hält diese Entscheidung für eine gute. In der FR blickt Frank Junghänel zurück auf das publizistische Genre Kosslick-Kritik.

Schönes Pferd, schöner Mann: Szene aus Chloé Zhaos "The Rider"

Vom existenziellen Drama des Rodeo-Reiters, der kein Rodeo-Reiter mehr sein kann, erzählt Chloé Zhaos semi-dokumentarischer, von der Kritik begeistert aufgenommener Film "The Rider". Der Film, schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher, "ist ein moderner Western, aber einer, der ganz vom Pferd her gedacht ist. Das Pferd ist, was vom Western übrig ist. Schon die ersten Bilder des Films sind Pferdebilder: golden glänzendes Fell und wehende Mähne in Großaufnahme, geschmeidige Bewegungen, bildschirmfüllend. Der Blick in ein Pferdeauge. Dann wacht Brady auf, sein eigener Körper glänzt auch, bläulich vor schwarzem Hintergrund. Der Menschenkörper hat seine eigene Schönheit (und Zhaos Film hat einen Blick für diese Schönheit, für Bradys Schönheit; es gibt, das zeigen diese Bilder eindrücklich, viel zu wenig Filme von Frauen über Männerkörper), aber die Schönheit und vor allem die Ganzheit der Pferdekörper ist für ihn unerreichbar." Der Film ist "im wundervollen Abendlicht der blauen Stunde gedreht", schwärmt Philipp Bühler in der Berliner Zeitung und stimmt Werner Herzog aus vollem Herzen zu, der die Regisseurin Chloé Zhao als "neue, bedeutende Stimme im amerikanischen Kino" gewürdigt hat.

Weitere Artikel: Für die NZZ spricht Geri Krebs mit Shirin Neshat über ihren Film "Auf der Suche nach Oum Kulthum". Jenni Zylka wirft für die taz einen Blick ins Programm des Jüdischen Filmfests in Berlin. In der Spex blickt Diana Weis auf 20 Jahre "Sex and the City" zurück. In der Textreihe "100 Deutsche Lieblingsfilme" auf Eskalierende Träume erinnert André Malberg an Jürgen Goslars Kriminalfilm "90 Minuten nach Mitternacht" von 1962. Und die New Filmkritik veröffentlicht Rolf Aurichs ursprünglich für eine Neuauflage von Hartmut Bitomskys Buch "Die Röte des Rots von Technicolor" vorgesehenes Nachwort (inklusive einer Publikationsnotiz des Autors).

Besprochen werden Stanislaw Muchas Dokumentarfilm "Kolyma", an dessen liebenswert skurrilen Protagonisten taz-Kritikerin Barbara Wurm einen Narren gefressen hat (eine weitere Kritik in der SZ), Gary Ross' Gaunerinnenkomödie "Ocean's 8" (Perlentaucher, ZeitOnline, Standard, FAZ, Welt), die zweite Staffel der Serie "Queer's Eye" (FAZ) und eine neue, von Arte online gestellte Doku über Leni Riefenstahl (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2018 - Film

Offiziell soll die neue Berlinale-Leitung ja erst am kommenden Freitag bekannt gegeben werden. Doch seit gestern verkünden RBB und Bild: Carlo Chatrian, der Leiter des Filmfestivals Locarno, macht offenbar das Rennen - und damit, wie zuvor befürchtet, kein Funktionär aus dem Apparat, sondern tatsächlich eine cinephile Persönlichkeit. Chatrian hat als Filmkritiker angefangen, sich seine Position in Locarno über zahlreiche Retrospektiven erarbeitet und dem Festival schließlich ein neues künstlerisches Profil verliehen, wie IndieWire schreibt: "Unter seiner Leitung wurden in Locarno unter anderem Hong Sang-Soos 'Right Now, Wrong Then', Lav Diaz' 'From What is Before' und Albert Serras 'The Story of Mr. Death' mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. Europäische Cinephile attestieren dem Festival unter Chatrain ein hohes Festivalprofil - eine Qualifikation, die er nun mit nach Berlin bringt. ... Die Herausforderungen, denen er sich nun in Berlin stellt, sind allerdings beängstigend: Nicht nur konkurriert er bei der Filmauswahl mit Cannes, sondern muss ein Programm von rund 400 internationalen und europäischen Premieren, eine ziemlich genau hinschauende Presse und eine Industrie jonglieren, die den Großteil des Festivals lieber auf dem Europäischen Filmmarkt verbringt, als sich dem Festivalprogramm selbst zu widmen."

Auch Christiane Peitz vom Tagesspiegel scheint in einer ersten Notiz sehr angetan: "Festivalbeobachter schätzen Chatrian für seine große Filmkenntnis, seine engen Kontakte zu Independent-Filmern, er soll sehr gut vernetzt sein." Und: Einen Twitter-Account befüllt Chatrian auch mit cinephilen Notizen - was für ein schöner Kontrast zur film- und gegenwartsfernen Onkeligkeit eines Dieter Kosslick. Wir warten gespannt auf Freitag bis zur offiziellen Bekanntgabe.

Weitere Artikel: In einer großen, mit wunderbaren Youtube-Fundstücken angereicherten Recherche erinnert Rajko Burchardt auf Moviepilot an die Glanzzeiten bundesdeutscher Jugendschutzzensur, als der Horrorfilm und die damals noch junge Videothekenkultur einige Wallungen hervorriefen. Ein Klassiker aus dieser Zeit: Die Fernsehreportage "Mama, Papa, Zombie" (1984), in der sich die damalige Hysterie schon bündelt:



Besprochen werden die israelische Serie "Fauda" (NZZ), Chloé Zhaos Rodeo-Milieustudie "The Rider" (Berliner Zeitung), Hanna Laura Klars Dokumentation "Ich friere auch im Sommer" über Alexandra Kluge (FR), die Gaunerinnen-Komödie "Ocean's 8" (Tagesspiegel, SZ, FAZ), restaurierte Editionen von G.W. Pabsts "Westfront 1918" und "Kameradschaft" (Tagesspiegel) und die in den 70ern spielende Serie "Caught" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2018 - Film

Besprochen werden Chloé Zhaos halbdokumentarischer Film "The Rider" (taz) und Sabine Michels "Montags in Dresden" (Berliner Zeitung).
Stichwörter: Zhao, Chloe

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2018 - Film

Besprochen werden die zweite Staffel der Amazon-Serie "Goliath" (FAZ) und ein Bildband mit Stanley Kubricks Fotografien (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2018 - Film

Toni Collette in "Hereditary"
Ziemlich toll findet Dominik Kamalzadeh im Standard Ari Asters Debüt, den Horrorfilm "Hereditary", der schon in den USA die Augen zahlreicher Genrefans zum Glänzen gebracht hat. Der zum Subgenre des Familienhorrorfilms zählende Film verlangt insbesondere der Hauptdarstellerin Toni Collette in seinem klaustrophobischen Setting einiges ab: "Man fühlt sich an die Familienturbulenzen in Filmen von John Cassavetes erinnert, wobei Ari Aster auch gegenläufige Genrezutaten einstreut. ... Die Kamera von Pawel Pogorzelski bezieht eher aus der Weite, aus einer gewissen Gleichgültigkeit des Blicks ihre Kraft. Egal, ob man den Film politisch verstehen will oder nicht, das Böse hat im US-Horror wieder neue Kraft. Wie schon in anderen neueren Produktionen wie 'It Follows' oder zuletzt 'A Quiet Place' werden die Räume enger. Der Rückzug des Lebens misslingt."

Besprochen werden außerdem Wim Wenders' Papst-Doku (FAZ) und die Verfilmung von Julian Barnes' Roman "Vom Ende einer Geschichte" (Tagesspiegel),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2018 - Film

Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Shirin Neshat über ihren Film "Auf der Suche nach Oum Kulthum" (unser Resümee hier). Und Hanns-Georg Rodek unterhält sich für die Welt mit Shahrbanoo Sadat, Afghanistans einziger Regisseurin, deren Film "Wolf and Sheep" diese Woche in die Kinos kommt.

Besprochen werden eine Ausstellung über Chris Marker und 1968 in der Cinematheque Francaise in Paris (Standard), Ari Asters Horrorfilm "Hereditary" (FR, Tagesspiegel), Raymond Depardons Psychiatrie-Dokumentarfilm "12 Tage" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Wim Wenders' Film über den Papst (ZeitOnline, FR, SZ), Chloé Zhaos "The Rider" (Zeit) und die von Arte online gestellte BBC-Serie "Three Girls" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2018 - Film

Sehr frustrierend findet NZZ-Kritikerin Susanne Ostwald die aktuellen Verfilmungen von Ian McEwans "Am Strand" und Julian Barnes' "Vom Ende einer Geschichte", die als Romane von einer emotionalen Komplexität leben, die fürs Kino allerdings glattgebürstet wurde: "Beide Filme hätten ihrem Publikum die essenzielle Irritation der Seele, welche die Romane bewirken, zumuten sollen, statt danach zu trachten, es mit falschen Tönen und vordergründigen Kniffen im Drehbuch zu versöhnen."

Weitere Artikel: Für die SZ spricht Martina Knoben mit Raymond Depardon und dessen Ehefrau und Produzentin Claudine Nougaret über deren gemeinsamen (hier von Philipp Stadelmaier besprochenen) Psychiatrie-Dokumentarfilm "12 Tage" (unsere Kritik hier). Dazu passend schreibt Patrick Holzapfel im Filmdienst über Raymond Depardons Kino. Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Filmreihe "Europa und das Meer" im Berliner Zeughauskino. Andreas Busche sondiert im Tagesspiegel Netflix' momentane Strategien: Der Streamingdienst befinde sich nach einer Phase der Disruption nun in der Lage der Konsolidierung.

Besprochen werden Anna Carolin Renningers und René Frölkes Dokumentarfilm "Aus einem Jahr dre Nichtereignisse" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Ari Asters Horrorfilm "Hereditary" (critic.de), Rob Greenbergs Komödie "Overboard" (taz), Wim Wenders' Porträtfilm "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" (taz) und die von Arte online gestellte BBC-Mini-Serie "Three Girls" über die Reihe von sexuellen Missbräuchen und Vergewaltigungen im englischen Rochdale zwischen 2003 und 2012 (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2018 - Film



Nach "San Clemente" (1982) und "Urgences" (1988) wendet sich Raymond Depardon mit seinem neuen Dokumentarfilm "12 Tage" erneut der Psychiatrie zu - diesmal allerdings nicht im rohen Stil des Direct Cinema, erklärt Patrick Holzapfel im Perlentaucher, sondern in der klaren Bildsprache von zehn Gesprächsdokumentationen zwischen Patienten und Richtern. Gelungen ist Depardon "ein erstaunlicher Film über rhetorische Logik", schreibt Holzapfel: "Die Patienten besitzen, wenn es um ihre Freiheit geht, selbst bei schwerwiegenden Erkrankungen und wenn sie sonst eher Unzusammenhängendes von sich geben, große Klarheit. ... Man folgt ihren gedanklichen und intuitiven Wendungen, man hört zu, sieht zu, versucht zu verstehen und tatsächlich offenbart sich durch mögliche Vorurteile und widersprüchliche Passagen hindurch eine Argumentation, der man in ihrer Verletzlichkeit mehr folgen kann, als den Regeln des Staates. Depardon zeigt, dass Logik auch aus Notwendigkeit und Empathie entstehen kann."

Freitag-Kritikerin Esther Buss erfährt in diesem Film viel darüber, "wie porös die Grenzen zwischen Verrücktsein und Normalität mitunter sind." Und Tim Caspar Boehme hat sich für die taz ausführlich mit dem Filmemacher unterhalten, der sich über die porträtierten Patienten sehr hingerissen, aber auch sehr werbeträchtig äußert: "Es ist erstaunlich, sie alle sagen großartige Sachen. Sie sind wie Poeten in ihrem Bemühen, sich auszudrücken und mit dem, was sie zu sagen haben, ernst genommen zu werden. Was sie sagen, sind echte Wahrheiten."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel plaudert Christiane Peitz mit Wim Wenders über den Papst, über den der Regisseur ein enthusiastisches Porträt gedreht hat (hier Bert Rebhandls Besprechung im Standard).

Besprochen werden James Bennings auf DVD veröffentlichter Film "11x14" (critic.de), ein Bildband mit Stanley Kubricks Fotografien (Welt), Ron Sheltons "Das ist erst der Anfang" (Perlentaucher), Ritesh Batras Verfilmung von Julian Barnes' Roman "Vom Ende einer Geschichte" (SZ) und die zweite Staffel der Serie "The Good Fight" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2018 - Film

Monica Vitti in Michelangelo Antonionis "Deserto Rosso"


Schön melancholisch berichtet Thomas Steinfeld in der SZ von seinem Besuch einer Ausstellung im italienischen Rovigo über die Filme, die seit den 40ern unter der Regie von unter anderem Luchino Visconti und Michelangelo Antonioni in der Po-Ebene entstanden sind. Die Entscheidung für diese karge Region hatte handfeste Gründe: "Wie aus der Geschichte gefallen ist diese Gegend". Auf aufwändige Kostüme und Kulissen verzichteten die Filme, dafür modulierten sie die Silhouetten ihrer Figuren vor diffusem Hintergrund umso klarer heraus: "Manchmal sind es die Männer, die so im Schattenriss dastehen, gleichsam von ihrer eigenen Vereinzelung überwältigt. Häufiger aber sind es die Frauen. Für eine Weile sind sie deutlich, ja überdeutlich zu erkennen, vor dem Wasser, vor dem Nebel, vor einem weiten, aber unklaren Horizont. Dann sind sie verschwunden, als wären sie nie dagewesen. Seltsam, und bemerkenswert, dass diese Ausstellung für diese Art des Aufbäumens vor dem Nichts eine Form gefunden hat."

Allein in dieser Woche starten sechs Dokumentarfilme in den deutschen Kinos - boomt die Gattung also? Nicht, wenn es um die Vertriebsbedingungen geht, denn die sind allemal ungünstig, wie René Martens auf ZeitOnline festhält: Längst greifen auch die Programmkinos als angestammte Spielstätten vermehrt auf Mainstream-Ware zurück, was den dokumentarischen Formen im Kino das Forum raubt. Außerdem mischt Netflix mittlerweile mit und positioniert sich als Geldgeber-Konkurrenz zu den Fernsehsendern: "Die Budgets, die der Streamingdienst zur Verfügung stelle, seien um ein Vielfaches höher als das der hiesigen Fernsehsender", hat Martens erfahren. Hinzu kommt die Behäbigkeit des öffentlich-rechtlichen Apparats, der die Mittel oft nur zögerlich fließen lässt: "Netflix locke dagegen damit, dass man schnell entscheide und zugesagtes Geld flott überweise, sagt Produzent Christian Beetz. Die behäbigen Strukturen der Öffentlich-Rechtlichen könnten folglich Produzenten 'in die Arme von Netflix' treiben."