Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

1472 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 148

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2018 - Film

Abschied vom Dienst: Matthias Brandt als Hanns von Meuffels in Christian Petzolds "Polizeiruf"-Krimi "Tatorte" (Bild: BR)

Sehr schade finden es die Feuilletons, dass am kommenden Sonntag mit der von Christian Petzold geschriebenen und inszenierten "Polizeiruf 110"-Episode "Tatorte" der von Matthias Brandt verkörperte TV-Ermittler Hanns von Meuffels und damit einer der interessantesten Fernsehkommissare nach sieben Dienstjahren und 15 TV-Filmen seinen Abschied nimmt. Die Meuffels-Filme waren ein Autoren- und Regie-Format, eingekauft wurden große Namen wie unter anderem Dominik Graf, Hermine Huntgeburth, Leander Haußmann, Jan Bonny, Hendrik Handloegten und eben Christian Petzold. "Autoren und Regisseure und Brandt selbst konnten sich kreativ austoben wie ein Zehner auf dem Fußballplatz", schreibt Jürn Kruse in der taz. "'Die Idee war, eine Figur sich entwickeln zu lassen, durch die Situationen, die sie erlebt, und nicht durch Vorgaben', sagt Brandt. So was ist eigentlich nicht mehr vorgesehen in der deutschen Fernsehkrimilandschaft."

Ursula Scheer würdigt in der FAZ Ermittler Meuffels als großen Melancholiker: "wer könnte stiller in das Schwarz der Seele eintauchen" als er. "Es ist ein würdiger Abschied, nuancenreich gespielt, feinsinnig inszeniert, mit anrührenden und komischen Momenten durchschossen. ... Es bleibt Raum für Schweigen. Mehr als die Dialoge sprechen ohnehin Blicke, Bilder und Klänge vom Innenleben der Figuren. Und das ist denn auch die Rettung für einen seelischen Einsiedler wie Meuffels: Dass er still Tatorte lesen kann, sogar die nur für ihn konstruierten. Und so einen Menschen findet, mit dem er sich ohne Worte versteht." Mit einer Träne im Augenwinkel verabschiedet sich auch Christian Buß auf SpiegelOnline von dieser wagemutigen Reihe: "Jeder noch so banal erscheinende Sprechakt öffnet hier einen doppelten Boden; jede eingeübte, aus anderen Krimis bekannte Rhetorik wird lustvoll gebrochen. ... Dieser 'Polizeiruf' über letzte Ermittlungen, lange Autofahrten und unendliche Sehnsucht ist Krimikunst in Vollendung".

Weitere Artikel: Den Standard-Lesern empfiehlt Bert Rebhandl die Retrospektive Axel Corti im Filmarchiv Austria. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb Liv Ullmann zum 80. Geburtstag. Im Juni war die Schauspielerin zu Gast im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt:



Besprochen werden Julie Cohens und Betsy Wests Filmporträt der Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg (Freitag, SZ), Alfonso Cuaróns "Roma" (critic.de, unsere Kritik hier), die Ausstellung "Kino der Moderne" in der Bundeskunsthalle in Bonn (Welt) und die Netflix-Serie "Future Man" (online nachgereicht von der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2018 - Film

2018 ist ein annus horribilis nicht nur fürs Kino allgemein, sondern auch fürs deutsche Kino im Besonderen, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Netflix bläst zum Totalangriff, die Zahl verkaufter Tickets ist um dramatische 15 Prozent eingebrochen, das Publikum vergreist und wenn es Tickets für Filme hiesiger Produktion kauft, dann in der Regel für keine guten: "Die deutschen Filme unter den Top 25 heißen 'Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer', 'Die kleine Hexe', 'Dieses bescheuerte Herz' und 'Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft' - fürwahr ein Triumph deutschen Kinoschaffens! Der angebliche Kinderfilm 'Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer' ist übrigens auch der 'drittälteste' Film der Top 25: 34% seiner Besucher waren über 50! Die werden sich gewundert haben..."

Weitere Artikel: Für Artechock hat Michael Hack das tscheschiche Dokumentarfilmfestival Ji.hlava besucht, wo es unter anderem "eine Reihe zum libanesischen Essayfilm  oder eine sorgfältig kuratierte Retrospektive zum Direct Cinema", aber auch viel Programm-Bläh zu sehen gab. Simon Hauck plaudert im Filmdienst mit Werner Herzog. In der Zeit trauert um Sigrid Neudecker um die NRD-Serie "Der Tatortreiniger", die Ende des Jahres eingestellt wird. Thomas Brandlmeier schreibt im Filmdienst über die Filme des österreichischen Stumm- und frühen Tonfilmregisseurs Joe May, die bei einem filmhistorischen Kongress in Hamburg aufgeführt und demnächst in Berlin zu sehen sein werden.

Besprochen werden Xavier Giannolis "Die Erscheinung" (critic.de, Tagesspiegel, mehr dazu hier), Rosa von Praunheims Goethefilm "Männerfreundschaften" (FR), Benedikt Erlingssons "Gegen den Strom" (Standard, Tagesspiegel), der von Frank Hentschel und Peter Moormann herausgegebene Band "Filmmusik - Ein alternatives Kompendium" (NMZ), der Animationsfilm "Spider-Man: A New Universe", an dem tazler Tilman Baumgärtel viel Freude hat, Lena Dunhams neue Serie "Camping" (für FAZ-Kritikerin Nina Rehfeld eine blanke Enttäuschung), die türkische Superhelden-Netflix-Serie "The Protector" (FAZ), die Netflix-Serie "Dogs of Berlin" (FR) und eine Ausstellung über Sergio Leone in der Cinémathèque in Paris (Welt). Dazu passend hat Arte derzeit einen Porträtfilm über den italienischen Western-Auteur online:

Stichwörter: Deutsches Kino

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2018 - Film

Hollywood-Filme mit Frauen in der Hauptrolle spielen mehr Geld ein als solche mit Männern in der Hauptrolle - auf dieses zugespitzte Ergebnis dampfen derzeit viele Medien eine Studie ein, die Susan Vahabzadeh, durchaus erfreut über die an sich gute Botschaft, in der SZ etwas differenzierter aufdröselt: "In allen Gruppen haben die Filme, die eine Hauptdarstellerin hatten, im Schnitt mehr eingespielt als jene, bei denen ein Mann zuerst genannt wurde. Insgesamt waren das 105, im Vergleich zu 245 männlich dominierten Storys. Ein knappes Angebot, das womöglich eine höhere Nachfrage schafft. Vielleicht würde sich bei gleichmäßiger Verteilung der Hauptrollen auch die Zuschauergunst gleichmäßig verteilen."

Szene aus Xavier Giannolis "Die Erscheinung"


Einem jungen Mann erscheint die Heilige Jungfrau Maria - und die Kirche glaubt es nicht, was einen Reporter auf den Plan ruft, um die Sache aufzuklären. Xavier Giannolis "Die Erscheinung" ist durchaus passabel geraten, meint Ekkehard Knörer in der taz: Zwar häuft der Regisseur "allerlei Plot- und Wunder-Zinnober" auf, aber "man langweilt sich beinahe zweieinhalb Stunden lang eher nicht. ... Der Film hält sich die Entscheidung in den oft sehr schönen Bildern des Kameramanns Eric Gautier offen. Er liebt das Gesicht seiner Heiligen im Wissen darum, dass sie womöglich doch keine ist. Die Unentschiedenheit in Sachen Wunder ist eher Stärke als Schwäche." Und Fritz Göttler hält in der SZ fest: "Giannolis Film ist nicht sozialkritisch, will nicht religiösen Rummel denunzieren."

Weitere Artikel: Für die NZZ hat sich Patrick Straumann zum Gespräch mit dem japanischen Regisseur Hirokazu Kore-eda über dessen neuen, von Philipp Meier besprochenen Film "Shoplifters" getroffen, der in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat. Ziemlich unheimlich findet SZ-Kritiker Jonas Lages die ursprünglich fürs Kino geplante, jetzt aber von Netflix aufgekaufte neue "Dschungelbuch"-Verfilmung, in der namhafte Schauspieler via Motion Capturing die Dschungeltiere verkörpern, was mitunter zu bizarren Wiedererkennungseffekten unter den digitalen Masken führt. Für die FAZ hat Marco Schmidt das in diesem Jahr erstmal vom ehemaligen Forumsleiter der Berlinale, Christoph Terhechte, geleitete Filmfestival in Marrakesch besucht.

Besprochen werden Alfonso Cuaróns "Roma" (Perlentaucher), Steve McLeans "Postcards from London" (critic.de, Perlentaucher), Rosa von Praunheims "Männerfreundschaften", in dem der Regisseur darüber spekuliert, ob Goethe schwul gewesen ist (SZ), Benedikt Erlingssons Ökothriller "Gegen den Strom" (critic.de), die neue Staffel der britischen Serie "Doctor Who", in der mit Jodie Whittaker erstmals eine Frau die Titelrolle übernommen hat (FR) und die Netflix-Serie "The Innocent Man", die auf John Grishams gleichnamigem Buch basiert (FAZ).
Anzeige

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2018 - Film

Arno Frank verabschiedet sich in der taz von der beliebten Comedyserie "Der Tatortreiniger" rund um die von Bjarne Mädel gespielte Titelfigur Schotty. Ende des Jahres wird die Serie eingestellt - weil die Drehbuchautorin Ingrid Lausund, die auch als Regisseurin und Autorin am Schauspielhaus in Hamburg arbeitet, das Format für auserzählt hält. Dass darüber die ganze Serie eingestellt wird, "ist ungewöhnlich deshalb, weil Angehörige dieser Zunft, in Deutschland zumal, noch immer als Mitschreiber betrachtet werden. Wer ausfällt, ist zu ersetzen. Lausund nicht. Schottys Mutter ist unersetzlich. Ungewöhnlich ist es auch deshalb, weil der 'Tatortreiniger' konstruktionsbedingt noch lange nicht von jener Formschwäche und Inhaltsleere angekränkelt ist, die bisher noch jede Sendung spätestens in der zweiten Staffel befällt. ... Dem 'Tatortreiniger' ist hoch anzurechnen, dass sein zeitiges Ende einem solchen Ermüdungsbruch der Loyalität vorbeugt."

Besprochen werden Benedikt Erlingssons Ökothriller "Gegen den Strom" (Berliner Zeitung) und ein neuer "Spiderman"-Animationsfilm (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2018 - Film

Die Initiative "Walk this Way" will europäische Filme sichtbarer und zugänglicher machen - zumal die Zahl europäischer Produktionen, die nie im Ausland laufen, durchaus beträchtlich ist, erklärt Muriel Joly im taz-Interview. Dass Filme, was Nationalgrenzen betrifft, weniger mobil sind als dies im Internetzeitalter nötig wäre, liege auch an den Beharrungskräften alter Rechtemärkte, erfahren wir: "Die Filme werden von Rechtehändlern Land für Land im Paket verkauft: also für Kino, DVD, und Online. Und wenn die Rechte für einen Film in einem Land keinen Abnehmer finden, ist es höchstwahrscheinlich, dass dieser Film dort überhaupt nicht zu sehen sein wird - weder im Kino, noch auf DVD oder auf Video-on-Demand-Plattformen. Niemand übernimmt nur die Onlinerechte, denn es würde erst einmal Geld kosten, die Filme zu untertiteln. Dabei bieten sich digital so viele Möglichkeiten: Ein Film müsste nur untertitelt werden und könnte auf vielen Märkten laufen. Ein günstiger und flexibler Weg der Verbreitung. Aber im Moment verhindert das eben noch sehr oft der Verkauf der Rechte im Paket."

Mitunter um sehr grundsätzliche Fragen der Filmsicherung geht es im Standard-Gespräch, das Dominik Kamalzadeh mit Frédéric Maire, dem Präsidenten der internationalen Vereinigung der Filmarchive (FIAF) und Chef der Cinémathèque Suisse, geführt hat: "Wir befinden uns am Beginn einer neuen Ära. Als der Tonfilm kam, hat es auch Jahre gedauert, bis sich ein System weltweit durchgesetzt hat. Es wird noch Jahre brauchen, bis es ein Format gibt, das in allen Ländern kompatibel ist. Die DCPs, die Digital Cinema Packages, die dieser Tage ins Kino gelangen, sind komprimiert. Würde man diese aufbewahren, behielte man nur eine schlechte Kopie. Um die originale DPX aufzubewahren, braucht man jedoch enorme Speicherleistung - und oft fehlt den Archiven dafür das Geld. Die Kluft, die es schon in der Erhaltung des analogen Films zwischen den Institutionen gab, wird dadurch noch größer. Deshalb ist die Lösung, bei der Erhaltung des Erbes auf Film als Material zurückzukehren, nicht die absurdeste Lösung. Weil dies Sicherheit bietet."

Weitere Artikel: Andreas Busche berichtet im Tagesspiegel vom Filmfestival in Marrakesch, das in diesem Jahr erstmals von Christoph Terhechte, dem ehemaligen Chef des Berlinale-Forums, geleitet wird und sich in diesem Jahr auf Anweisung der Politik wieder vermehrt dem Publikum öffnen soll. Besprochen werden Gaspar Noés "Climax" (Tagesspiegel, unsere Resümees hier und dort), eine DVD-Edition mit Fellini-Klassikern (Intellectures) und Želimir Žilniks "Das schönste Land der Welt" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2018 - Film

"Tret mich in den Magen, Kleines": Gaspar Noés "Climax"
Eher zwiespältig steht SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier zu "Climax" (hier unser erstes Resümee), dem neuen Wurf des französischen Skandalfilmers Gaspar Noé: "Noé träufelt einem LSD in die Augen, während er ihm unablässig Tritte in den Magen verabreicht. So steigert sich das Schocklevel des Films in der zweiten Hälfte von 'nervig' zu 'extrem'. LSD für die Augen - immer gerne. Die Tritte hätte man sich ersparen können." Friederike Horstmann winkt in der Jungle World gleichfalls ab: Der Regisseur "liefert einen ebenso fulminanten wie auch faden Film mit großartigen Tanz- und Kamerabewegungen ab, dessen Dialoge und Texteinblendungen höchst banal geraten und der auch die Redundanzen des Rauschs nicht ausspart."

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Ulrich Köhler über dessen Film "In My Room". Im Tagesspiegel empfiehlt Esther Buss dem Berliner Publikum die Werkschau Leo McCarey im Kino Arsenal.

Besprochen werden Steve McQueens "Widows" (Freitag, mehr dazu hier), die Netflix-Serie "Dogs of Berlin" (taz) und das auf Heimmedien veröffentlichte Mafiosi-Biopic "Gotti" mit John Travolta in der Hauptrolle (ein "Desaster", ächzt SZ-Kritikerin Sofia Gasl).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2018 - Film

Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman is not amused über Pernille Fischer Christensens gefeierten Film "Astrid", der die Kinderbuchautorin in jungen Jahren zeigt: "Ihr missfällt, dass aus der extrem schwierigen Zeit im Leben ihrer Mutter ein 'Wohlfühlfilm' gemacht worden sei", schreibt Katrin Hörnlein in der Zeit. Lindgren selbst habe sich über diese Zeit des Aufwachsens stets ausgeschwiegen. Der Film aber "gibt Antworten, die Lindgren selbst schuldig blieb. 'Niemand kann wissen, was meine Mutter damals gefühlt und gedacht hat', sagt Karin Nyman. 'Das kann nicht einmal ich mir vorstellen.' Der Film sei gewiss nicht schlecht, sie sehe ja, dass die Menschen ihn mögen. 'Aber er gibt nicht Astrids Realität wieder, als sie 18 Jahre alt war, weder ihre Erlebnisse noch die ihrer Umgebung.' ... Unbestritten, dass Astrid Lindgren in dieser Welt fehlt. Und ein Film wie Astrid mag ein Trost sein. Wer ihn aber ansieht, um sich ihr nahe zu fühlen, der ist besser beraten, zu ihren Büchern zu greifen."

Im Konfetti-Blog des Filmdiensts verbeugt sich Lukas Foerster tief vor der Sprachkunst des 2008 verstorbenen Filmkritikers Peter W. Jansen. Zwei Stilmittel macht er an einem Satz von Jansen über Kubricks "Lolita" fest: "Zunächst die Invertierung eines adverbial gebildeten Ausdrucks, eine Umdrehung, die nicht einfach eine Umkehrung ist, sondern eher als die Rekombination einer gegebenen semantischen Gesamtmenge beschrieben werden kann: Alle Elemente und auch Allusionen des Ausdrucks werden wiederaufgenommen, aber in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt. Anschließend folgen, in der grammatikalischen Form der Aufzählung, eine Reihe von Variationen des Ausgangsgedankens; der sprachgestalterische Freiheitsgrad wächst dabei sukzessive, gleichzeitig bewegt sich das Argument, gleichfalls schrittweise, vom allgemeinen zum Spezifischen."

Weitere Artikel: Harald Mühlbeyer spricht in epdFilm mit Filmemacherin May Spils, deren Kultfilm "Nicht fummeln, Liebling" von 1970 jetzt auf DVD veröffentlicht wurde. Für die Welt hat Elmar Krekeler Regisseur Christian Alvart, der für Netflix gerade die Serie "Dogs of Berlin" gedreht hat, auf dem Land besucht. Barbara Schweizerhof empfiehlt im Freitag Perlen auf Netflix, darunter Tamara Jenkins' "Private Life" und Nicole Holofceners "The Land of Steady Habits". Ronald Pohl vom Standard fällt aus allen Wolken angesichts der Meldung, dass das British Film Institute keine Filme mehr fördern will, in denen Bösewichte Narben tragen.

Besprochen werden David Robert Mitchells "Under the Silver Lake" (SpOn, unsere Kritik hier), Alfonso Cuaróns "Roma" (Freitag, mehr dazu hier), eine Wes-Anderson-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien (Filmdienst) und die Serie "Homecoming" mit Julia Roberts (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2018 - Film

Spiel mit Popkultur-Zitaten: David Robert Mitchells "Under the Silver Lake"


David Robert Mitchells Thriller "Under the Lake" legt zig Fährten, von denen er vielen nicht folgt - insbesondere ins Geflecht der Populärkultur vergangener Zeiten, erklärt Elena Meilicke im Tagesspiegel: Sie sah "einen nostalgischen Film", der "mit seinen im Nichts versandenden Schnitzeljagden lustvoll die Frustration von Zuschauererwartungen forciert". Wie eine Mischung aus David Lynchs "Mulholland Drive" und "The Big Lebowski" der Coens kommt der Film daher, zumal beide Vorbilder "Los Angeles als kino-mythologischen Schauplatz in Szene setzten und dem Noir-Genre Tribut zollten. 'Under the Silver Lake' oszilliert zwischen dem Versprechen tiefer Wahrhaftigkeit und dem Eingeständnis, bedeutungsloser Quark zu sein - aber vielleicht war Hollywood ja immer schon beides."

Mitchell greift eine Spur zu beherzt in die Vollen, meint Patrick Holzapfel im Perlentaucher: "Die Echos von Thomas Pynchon sind hörbar, aber schmelzen bald dahin in dieser oberflächlichen Sonne Kaliforniens. ... Der Blick über den Tellerrand des Nerddaseins hätte 'Under the Silver Lake' hier und da gut getan. Schließlich liegen im Hunger nach Geheimnissen und der Weltverschwörungsparanoia gesellschaftlich weit verbreitete Themen, aus denen heraus sich von zeitgenössischer Politik über Popkultur bis hin zu philosophischen Tendenzen so manches hätte ableiten lassen."

Besprochen werden außerdem Carlos Reygadas beim Berliner Festival "Around the World in 14 Days" gezeigter Film "Nuestro Tiempo" (Perlentaucher), Gaspar Noés "Climax" (FR, mehr dazu hier), Alfonso Cuaróns "Roma" (Standard, mehr dazu hier), Steve McQueens "Widows" (critic.de, FR, Zeit, mehr dazu hier). Pernille Fischer Christensens Biopic "Astrid" über Astrid Lindgren (ZeitOnline, Tagesspiegel, Welt), die Komödie "100 Dinge" mit Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer (SZ) und die Netflix-Serie "Dogs of Berlin" (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2018 - Film

Spielen im Dreck: Gaspar Noés "Climax"

Ein Tanzensemble geht in Klausur, feiert, trinkt Unmengen von Sangria, wird dabei unwissentlich auf Droge gesetzt, was den totalen Exzess zur Folge hat - et voilà: "Climax", der neue Skandalfilm von Gaspar Noé. In der taz fällt die Kritik von Dennis Vetter eher verhalten aus. "Nach seinen Ausflügen in die Tiefe und Verbindlichkeit des Qualitätskinos bei 'Love' und 'Irreversible', wendet sich Noé in 'Climax' begeistert einem ästhetischen Geschmiere zu, das jedoch nur während der Tanzszenen Kraft entwickelt und sonst frustrierend lieblos mit Figuren hantiert. Wenn getanzt wird, überträgt sich Noés schamlose Begeisterung für Gewalt, Exzess und Widerstreit in eine unerwartet entzückende Leichtigkeit. Tanz spielt hier mit Territorialdenken, mit dem Geben, Nehmen, Einnehmen, Aushebeln und Ablehnen von Körper und Raum. In den Gruppenchoreografien wirkt es, als könne sich Noé in diesem Film von seiner Grobschlächtigkeit als Ultra-Hetero-Regisseur endlich einmal befreien - bis die nächste Dialogsituation alle Hoffnung auf Befreiung wieder mit einer schablonenartigen Provokation verspielt."

Für Standard-Kritiker Bert Rebhandl entwickelt der Film in der ersten halben Stunde beträchtlich Power, ist "schlicht sensationell." Doch dann wird es blöde transgressiv: "Alles das, was vorher Verführung und vielleicht auch nur jugendlicher Leichtsinn war, jungenhafte Präpotenz oder androgyne Vieldeutigkeit, geht in dem labyrinthischen, finsteren Set verloren: 'Climax' wird letztlich zu einem Theater der Grausamkeit, und man wünscht sich vergeblich zurück zu der Energie der ersten halben Stunde." Für Dlf Kultur hat Patrick Wellinski mit Noé gesprochen.

Weitere Artikel: Carolin Weidner empfiehlt in der taz die Leo-McCarey-Retrospektive im Berliner Kino Arsenal. Knut Henkel stellt in der taz die Arbeit des Kino-Kollektivs "Erinnerung Wahrheit Gerechtigkeit" vor, das mit einer politischen Dokumentarfilmschau durch die Städte Mittelamerikas tourt. Für die Berliner Zeitung spricht Frank Junghänel mit Regisseur Christian Alvart, der für Netflix gerade die Serie "Dogs of Berlin" gedreht hat. Auch in den USA, wo Till Schweiger gerade sein US-Remake von "Honig im Kopf" lanciert, ist der Schauspieler und Regisseur wenig überraschend alles andere als ein Kritikerliebling, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. David Steinitz erklärt uns in der SZ, warum Tom Cruise uns in einem Twitter-Video erklärt, warum viele Kinofilme auf modernen Fernsehgeräten zunächst einmal so scheußlich aussehen wie Seifenopfern - sofern man eine bestimmte Werkseinstellung nicht ändert:




Besprochen werden Alfonso Cuaróns "Roma" (taz, Welt, SZ, mehr dazu bereits im gestrigen Efeu), Steve McQueens "Widows" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Standard, SZ, mehr dazu hier),  Pernille Fischer Christensens Biopic "Astrid" über die ersten Lebensjahre Astrif Lindgrens (NZZ), David Mitchells Thriller "Under The Silver Lake" (NZZ, FAZ), Vishal Bhardwajs auf DVD erschienene Bollywoodfilm "Auge um Auge" (taz) und die zweite Staffel der Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2018 - Film



Der schönste Film des Jahres läuft im Kino so gut wie gar nicht - nur in wenigen  Häusern und mit vereinzelten Spielterminen. Dabei ist die Filmkritik hingerissen von Alfonso Cuaróns schwarzweißem für Netflix gedrehten Kindheits-Erinnerungsfilm "Roma" (der nicht etwa in Italien, sondern im gleichnamigen Viertel in Mexiko-Stadt spielt) dennoch. Insbesondere Hauptfigur Cleo, gespielt von Yalitza Aparicio, begeistert Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz: "Eine kleine, korpulente, junge Frau aus dem Dorf, Analphabetin, manchmal wechselt sie vom Spanischen ins indigene Mixtec. Was immer geschieht, sie bleibt freundlich, kann mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen und strahlt eine innere Würde aus." Zu sehen gibt es im übrigen "kein nostalgisches Rückblenden-Schwarz-Weiß, sondern ein digitales, mit tausend Farben Grau und einer verblüffenden Plastizität."

"Wie viel Leben passt in einen Film", fragt sich Verena Lueken in der FAZ. "Und wenn es möglichst viel davon sein soll, worauf können wir stattdessen verzichten? Auf Farbe zum Beispiel. Auf Filmmusik. Auf eine verschachtelte Story, auf symbolische oder narrative Leuchtschriften auch." Beim Filmfestival in Venedig hat "Roma" den Goldenen Löwen gewonnen - mehr dazu hier und hier.

Dass Neflix den Film nicht in die Kinos bringt, ärgert Hanns-Georg Rodek in der Welt maßlos. Die meisten Kinos haben das Angebot, den Film eine Woche lang zeigen zu dürfen, dankend abgelehnt: "Dass Netflix dem Kino an die Kehle möchte, das ihn bei seiner Onlineverwertung von Filmen nur stört, haben inzwischen alle begriffen. Wir stehen an einer kulturellen Wasserscheide. Filme sollen auf die gleichen zwei simplen Bewertungskriterien gestutzt werden wie Burger und Pizzen: Wo bekomme ich sie am billigsten, und wie kann ich sie mir am bequemsten einverleiben? Und einigermaßen schmecken sollten sie auch, ist aber nicht entscheidend. Es geht um die Reduktion eines Kulturgutes auf die einfachsten konsumistischen Parameter unter Überbordwerfung sämtlicher Aspekte der Ästhetik und Rezeption."

Weitere Artikel: Im Welt-Interview verscherzt es sich Stefanie Bolzen mit Regisseur Steve McQueen, nachdem sie ihn fragt, ob es nicht auch ein bisschen rassistisch sei, dass in seinem neuen Film "Widows" die Weißen die Bösen seien.  Im Gespräch mit der Berliner Zeitung wirbt Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg für den Filmstandort Berlin.

Besprochen werden Pernille Fischer Christensens Biopic "Astrid" über die junge Astrid Lindgren (SZ, Dlf Kultur hat mit der Regisseurin gesprochen), David Robert Mitchells Thriller "Under the Silver Lake" (ZeitOnline) und Adam Price' von Arte online gestellte Serie "Die Wege des Herrn" (NZZ).