Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2017 - Film


Das gab's nicht einmal, das kommt stets wieder: Bullyparade in bekannter Manier (Bild: Warner Bros.)

Michael Herbig brüht nochmal seine "Bullyparade" auf (worüber Hanns-Georg Rodek mit ihm und seinen Kompagnons Christian Tramitz und Rick Kavanian ein Gespräch in der Welt geführt hat). Georg Seeßlen winselt in der Zeit um den Gnadenschuss angesichts dieser stählernen "Ideen-Resterampe". Ein Anlass für den Kritiker, auf grundsätzliche Probleme des deutschen Humors zu sprechen zu kommen: Den gebe es nämlich nur in Form eines Regionalhumors. Damit müsse die deutsche Filmkomödie erstens "regionale Lachkulturen in ein nationales Genre überführen" und zum anderen "auf den Comedy-Fundus des deutschen Fernsehens zurückgreifen. ... Wir lachen, wie es scheint, am liebsten über das, worüber wir schon einmal gelacht haben. Und über das, worüber schon unsere Eltern gelacht haben. Die erfolgreichsten deutschen Filmkomödien der Gegenwart sind pointentechnisch tief in den sechziger Jahren verwurzelt oder zitieren Witze und Schauspieler dieser Zeit, wie es auch in der Bullyparade geschieht."

Noel Murray spricht in der New York Times mit David Lynch über die Dreharbeiten des "Twin Peaks"-Comebacks. Dabei geht es vor allem um die spezifische Klangwelt dieser Serie. "Ich liebe den Klang von Elektrizität", sagt der Regisseur. "Ich liebe den Wind. Ich liebe so vieles am Klang. Ich sage immer, Kino, das ist Klang und Bild, vereint im Fluss der Zeit. ... Manchmal speisen wir hunderte von Tonspuren in den Mix ein. Und wir versuchen beim Mix wirklich, alles richtig zu balancieren. Damit das Zeug richtig zur Geltung kommt, genau die richtige Lautstärke hat, in der Lautstärke variiert. Eine wirklich verdammt verzwickte Angelegenheit." Die Ambientspuren der Serie sind jetzt auch als Album erschienen. Daraus eine gespenstische Klangprobe:



Weiteres: Nach dem überraschenden Tod von Viennale-Chef Hans Hurch übernimmt Franz Schwartz die Interims-Leitung des Festivals, meldet der Standard. Außerdem philosophieren Markus Metz und Georg Seeßlen bei "Essay und Diskurs" auf Deutschlandfunk über "die Welt als Serie".

Besprochen werden Terry Georges vor Kulisse des Genozids an den Armeniern spielende Romanze "The Promise" (Tagesspiegel, hier ein Gespräch in der Berliner Zeitung mit Hauptdarsteller Christian Bale), das Familiendrama "Das Gesetz der Familie" mit Michael Fassbender (Standard), Marco Bellocchios "Träum was Schönes" (FR, mehr im gestrigen Efeu) und Ute Wielands Jugendfilm "Tigermilch" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2017 - Film



Mit "Träum was Schönes" hat der Altmeister des italienischen Kinos, Marco Bellocchio, Massimo Gramellinis autobiografischen Roman gleichen Namens verfilmt. Es geht um einen Journalisten, der sein Leben lang unter dem frühen Tod seiner Mutter leidet. Ganz gelungen findet ihn Bert Rebhandl in einer online nachgereichten FAZ-Filmkritik nicht. Aber ihm zeigt sich dafür, "was aus Fassbinder in Deutschland vielleicht hätte werden können, hätte der nicht seine Projekte so intensiv in wenigen Jahren durchpeitschen müssen. Die Absichten des späteren Fassbinder und von Bellocchio sind jedenfalls vergleichbar, und sie sind nach wie vor relevant für das europäische Kino im Ganzen: ein Versuch, mit populären Formen intellektuell zu arbeiten". Die Virtuosität des Films bedingt auch dessen Scheitern, stellt Ekkehard Knörer in der taz fest: "Dass die Form, was an der Erzählung übers Fassbare drängt, durch gekonnte Episodenhaftigkeit, durch flüssige Montage und auch im Detail durch elegant-bewegliche Auflösung der einzelnen Szenen in letzter Instanz immer bändigt, ist am Ende die Schwäche des Films." Der Filmemacher "spannt eine sich wandelnde Subjektivität in einem filmischen Raum auf", erklärt Sebastian Markt im Perlentaucher.

In der NZZ schreibt Claudia Wirz über die Entwicklung der chinesischen Filmindustrie, die im internationalen Blockbustergeschäft mittlerweile tüchtig mitmischt - wenn auch nicht immer nur zum Guten: "Dass sich Hollywood zunehmend fernsteuern lässt, sorgt in den USA für Unruhe. China entwickle sich zu einer Welt-Filmpolizei, meint neben anderen die in New York tätige Filmwissenschafterin Ying Zhu."

Weiteres: Fabian Tietke empfiehlt in der taz eine dem exil-afrikanischen Regisseur Med Hondo gewidmete Reihe im Kino Arsenal in Berlin.

Besprochen werden King Hus wiederaufgeführte Martial-Arts-Klassiker "Ein Hauch von Zen" und "Die Herberge zum Drachentor" (Perlentaucher, Philipp Stadelmaier verspricht in der SZ "fünf Stunden Kino-Glückseligkeit"), Terry Georges vor Kulisse des Genozids an den Armeniern spielendes Drama "The Promise" (taz, Welt) und Ute Wielands Coming-of-Age-Film "Tigermilch" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2017 - Film

Für die SZ unterhält sich Catrin Lorch mit dem chinesischen Filmemacher Wang Bing, der gerade in Locarno für seinen Dokumentarfilm "Mrs Fang" mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde. Nicht nur erfahren wir, dass er seine konzentrierten Dokumentarfilme mit einer kleinen, handlichen Digital-Kamera dreht ("die Linse ist das wichtigste"), sondern auch, wie sein Status in China ist: Dort zirkulieren seine Filme "als Raubkopien. ... Die Raubkopierer sind der einzige Kanal für unabhängige und illegale Filmemacher. Ich bin ja immer noch ein Underground-Filmemacher - und das Web oder Streaming fallen als Möglichkeit in China aus." Und weiter: "Es gibt in China eine ganze Menge Künstler, die unbekannt sind - aber dennoch ein großes Publikum finden."

Weiteres: Im Freitag unterhält sich Matthias Dell mit dem Dokumentarfilmemacher Gerd Kroske, dessen filmische Aufarbeitungen der DDR derzeit auch in den USA auf Interesse stoßen. Anlässlich des Kinostarts von Terry Georges "The Promise", einer vor Hintergrund des Genozids an den Armeniern angesicedelte Liebesgeschichte (hier Susan Vahabzadehs Besprechung in der SZ), beschäftigt sich Amin Fasanefar in der SZ mit der Darstellung Armeniens in der Filmgeschichte.

Besprochen werden die Verfilmung von Stefanie de Velascos Roman "Tigermilch" (ZeitOnline) und eine Marlene-Dietrich-Ausstellung in der National Portrait Gallery in Washington, die sich mit der Dietrich vor allem als Gender-Rollen sprengende Ikone befasst (NZZ).


Und weil's so schön ist: Hier besingt sie in einer phantastisch sitzenden Marineuniform die Schultern von John Wayne:



Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2017 - Film

Emine Yildirim bringt im Filmdienst ihre Artikelreihe über das Türkische Kino zum Abschluss. In der aktuellen Folge geht es um die Entwicklungen des türkischen Films seit dem Putschversuch im vergangenen Jahr und den daraus resultierenden Repressalien. Yildirim zeichnet ein pessimistisches Bild: Insbesondere die großen Festivals im Land - lange Zeit ein Hort für den kritischen Filmnachwuchs - stünden zusehends unter Druck. Sponsoren ziehen sich zurück, Festivalkomitees werden geschasst. "Die Stadtverwaltung von Antalya wiederum schaffte den 53 Jahre alten nationalen Wettbewerb ab - mit der Begründung, man wolle das Filmfestival 'internationaler' machen und zur Cannes-Konkurrenz aufbauen. Einige sorgfältig ausgewählte türkische Filme sollen im internationalen Wettbewerb gezeigt werden, womit eine handverlesene Gruppe türkischer Filmemacher eine Plattform bekäme. Eine Katastrophe: Der nationale Wettbewerb war bislang eine wichtige Institution des türkischen Filmschaffens. In einer Atmosphäre, in der unabhängige Filme kaum eine Chance auf einen regulären Verleih haben, bedeutet seine Abschaffung die Ausschaltung einer zentralen Plattform des türkischen Films."

Weiteres: Im critic.de-Podcast resümieren Lukas Foerster, Frédéric Jaeger und Hannes Brühwiler das Filmfestival von Locarno. Im Filmdienst spricht Michael Ranze mit Schauspielerin Gillian Anderson, die in "Der Stern von Indien" eine Hauptrolle spielt. Auf kino-zeit.de macht sich Patrick Holzapfel Gedanken über den Trend zur Wiederaufführung großer Klassiker. Passend dazu bespricht Holger Römers im Filmdienst die Wiederaufführung von King Hus Martial-Arts-Epos "A Touch of Zen".
Stichwörter: Türkisches Kino, Türkei

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2017 - Film


Still aus Wang Bings "Mrs. Feng"

In den teils euphorischen Kritiken hat es sich bereits angekündigt, dass Wang Bings "Mrs. Fang", ein intimer, ursprünglich für die Documenta produzierter Dokumentarfilm über das Sterben einer an Alzheimer erkrankten Frau, zu den Highlights des Festivals von Locarno zählt: Jetzt hat die Jury um Olivier Assayas nachgezogen und Film samt Regisseur mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. Wenn Ihnen der Name Wang Bing nichts sagt, erfahren Sie das Allerwichtigste in aller Kürze aus Bert Rebhandls kleinem Porträt im Standard. Dass man dem Film, in dem das Gesicht der sterbenden Frau mehrere Minuten in Großaufnahme zu sehen ist, mit auch mit Nachfragen nach dem dokumentarischen Ethos begegnen kann, belegen Susanne Ostwald (NZZ) und Daniel Kothenschulte (FR) in ihren Festivalresümees. Lukas Foerster neigt diesbezüglich in der taz zu einem eindeutigeren Urteil: "Schwer zu sagen, warum das nicht für einen Moment obszön oder auch nur aufdringlich wirkt. Vielleicht, weil sich der Film gleichzeitig für die physischen und sozialen Bedingungen des Sterbens interessiert. Er zeigt die Verwandten der Sterbenden, wie sie sich in aufmerksamer Fürsorge im Zimmer der Frau drängen; und er begleitet sie auch gleich mehrmals bei Angelausflügen, deren beiläufige Alltäglichkeit einen Gegenpol bilden zur intimen Konzentration am Krankenbett." Die Auszeichnung gehe "völlig zurecht" an den chinesischen Filmemacher.

Für Dominik Kamalzadeh vom Standard besticht Locarno auch weiterhin als Festival der Entdeckungen: Insbesondere "Valérie Massadians roh-poetisches Drama 'Milla' um den Daseinskampf einer 17-jährigen Frau" und Ilian Metevs "3/4" hebt er hervor. Anke Leweke vom Tagesspiegel begegnete bei dem Filmfestival vielen Männern auf Sinnsuche.

Weiteres: Auf  Movieaachen.de unterhält sich Alex Klotz mit dem 90-jährigen Filmemacher Bruno Sukrow, der im Rentenalter den Computer für sich entdeckt hat und seitdem seine Vorliebe für naive Groschenroman-Stoffe mit Animationsprogrammenen filmisch umsetzt - ein klassischer Fall von "Learning by Doing": "Das Programm kann natürlich wesentlich mehr wie ich, das ist ein Problem. Wenn ich alles das könnte, was das Programm kann, dann könnte ich auch sagen: So ist das Leben! Ist nicht alles gelogen." Jenni Zylka spricht im Tagesspiegel mit den Filmemachern Uli Edel und Ute Wieland über Wielands Film "Tigermilch", für den sie sich von Edels "Christiane F." inspirieren ließ. Adrian Daub resümiert auf ZeitOnline die bislang gesendeten Episoden der neuen Staffel von "Game of Thrones". Felix Stephan freut sich in der Welt über filmfriend.de, das neue Streamingangebot der Berliner Bibliotheken.

Besprochen werden "Blood Orange" mit Iggy Pop (SZ), die Serie "Fleabag" (Freitag), Cédric Klapischs "Der Wein und der Wind" (SZ) und die BBC-Serie "New Blood", die das ZDF leider nur im On-Air-Betrieb versendet (FR, FAZ).

Außerdem: David Lynch ist mit der MacDowell-Medaille ausgezeichnet worden. Hier seine ziemlich fantastische Dankesrede:


Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2017 - Film


Zarte Bildsprache: Astrid Johanna Ofners "Abschied von den Eltern".

Endspurt in Locarno, heute werden die Leoparden vergeben. Susanne Ostwald spekuliert in der NZZ über die Jury-Entscheidungen. Die Nebensektion "Cineasti del Presente" schien "dem Hauptwettbewerb dieses Jahr überlegen", resümiert Dominik Kamalzadeh im Standard. Hier stach Astrid Johanna Ofners Verfilmung von Peter Weiss' autobiografischer Erzählung "Abschied von den Eltern" heraus, sagt er: Die Regisseurin habe die Geschichte "auf so behutsame Weise auf die Leinwand gepinselt, dass man ihr mit gespannten Sinnen folgt. ... Ofners zarte, assoziative Bildsprache lässt den von Zweifeln erfüllten Worten den Raum, den sie zum Atmen brauchen. Zugleich fügt sie ihnen eine Welt hinzu, in der sie Nachhall finden. Das Überdeutliche ist Ofner dankenswerterweise zuwider."


Visuelle Miniaturen: Wang Bings "Mrs Fang".

Wang
Bing erschafft in seinem Dokumentarfilm "Mrs Fang", der das Sterben einer Frau begleitet, Miniaturen, die "mit zum visuell Schönsten zählen", was man auf diesem Festival sehen konnte, schwärmt Lukas Foerster im Cargo-Blog. Auf kino-zeit.de berichtet Patrick Holzapfel unter anderem von seinem Problemen, den Wünschen seiner Redaktion nach Aktualität nachzukommen, wo er doch viel lieber über die Tourneur-Retrospektive schreiben möchte: "Es ist Tourneur, der sich in meinen Gedanken und Gefühlen festhält, wogegen viele aktuelle Filme in mir verschwinden, nachdem ich sie gesehen habe." Im Deutschlandfunk Kultur unterhält sich Patrick Wellinski mit Todd Haynes, der in Locarno mit dem Ehren-Leoparden ausgezeichnet wird. Urs Bühler widmet sich in der NZZ den kulinarischen Genüssen, die mit einem Festivalbesuch einher gehen. Außerdem tadelt er das Ticketsystem.

Weiteres: Der Netflix-Serie "Atypical" über einern Schüler mit Asperger mangelt es an Feingefühl, schreibt Lina Muzur im "10 nach 8"-Blog auf ZeitOnline. In Russland läuft die orthodoxe Kirche Sturm gegen Alexej Utschitels historischen Film "Matilda", meldet Barbara Oertel in der taz. In der Welt befasst sich Hanns-Georg Rodek mit der neuerdings wieder in den Nachrichten auftauchenden pazifischen Insel Guam als Filmschauplatz.

Besprochen werden Nico Sommers Komödie "Lucky Loser" (Tagesspiegel) und der neue "Planet der Affen"-Film (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2017 - Film


Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht... : Georg Friedrich (re.) und Tristan Göbel in Thomas Arslans "Helle Nächte" (Bild: Schramm Film / Marco Krüger)

Mit "Helle Nächte" erzählt der Berliner Regisseur Thomas Arslan sein Drama abermals mit minimalistischen Mitteln: Ein Vater (Georg Friedrich) und ein Sohn (Tristan Göbel) ziehen, voneinander entfremdet, durchs norwegische Hinterland unter der Mitternachtssonne. "Arslans Kino ist nichts für Träumer", stellt Daniel Kothenschulte in der FR fest. Ursula März von der Zeit sah einen "Film über zwei Vollprofis des Schweigens". Christiane Peitz lobt im Tagesspiegel "die feinfühlige Kamera von Reinhold Vorschneider": Sie "porträtiert die beiden in ihren Einsamkeitsblasen, vermittelt physische Nähe und emotionale Distanz mit gezielten Schärfen und Unschärfen." Bernhard Blöchl lobt in der SZ insbesondere den Schauspieler Georg Friedrich, der für seine Leistung n diese Film bei der Berlinale auch mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde: Der Mann spreche "schon mit seiner ganzen Persona jeder Idee der Vorhersehbarkeit Hohn. In Friedrich-Filmen kann alles passieren. Der Mann hat Kühle und Verletzlichkeit im Blick, oft ist er eine Art Reaktionsbeschleuniger, der Katalysator überraschender Wendungen in der Handlung."

Eine schöne Beobachtung macht Bert Rebhandl in der FAZ: Für ihn hat Arslans sprödes Roadmovie vor karger Landschaft auch mit unserem digitalen Informationszeitalter zu tun: "Mit jeder Einstellung wird Michael und Luis  eine Eigenschaft, ein Motiv, eine Andeutung hinzugefügt. Der Film sammelt (und präsentiert) Daten. ... Das erklärt vieles und lässt aber doch auch wieder alles offen. Eine Figur in einem Erzählfilm geht niemals in einem Algorithmus auf, aber ausgerechnet in 'Helle Nächte', einem lakonischen Roadmovie in der erhabenen Natur Skandinaviens, stößt man auf diese Spannung zwischen dem, was im vollen Sinn einen Menschen ausmacht, und dem Komplex an Informationen, aus denen man in Erzählungen unwillkürlich auf Charaktere 'hochrechnet'."

Mit Wang Bings "Mrs. Fang" hat Patrick Holzapfel von kino-zeit.de beim Filmfestival Locarno endlich ein großes Highlight im Festival entdeckt: "Der Film zählt bisher zum absolut Besten in Locarno, weil er sich im Gegensatz zu vielen anderen Filmen hier nicht selbst als Kunst definiert, sondern schlicht etwas filmt, was er sieht. In diesem Fall eine sterbende Frau und ihre Familie, die sie in den Tod geleitet." In der NZZ berichtet Susanne Ostwald weiter vom Festival: "Viele der gezeigten Werke sind in erster Linie selbstreferenziell, und man kann freilich fragen, ob sich die Filmemacher nicht eher der Beschreibung und Analyse drängender Gegenwartsfragen oder geschichtlicher Aufklärung widmen sollten." Aber was, außer die Berlinalisierung von Locarno, wäre damit gewonnen?

Besprochen werden der in Locarno gezeigte "Mann aus dem Eis" mit Jürgen Vogel als Ötzi (bloßes "Steinzeitspektakel", winkt Patrick Holzapfel auf kino-zeit.de ab), Gurinder Chadhas "Der Stern von Indien" über die Teilung von Indien und Pakistan (Welt), Ceyda Toruns Dokumentarfilm "Kedi" über die Katzen Istanbuls (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), das Biopic über die Sängerin Dalida (Tagesspiegel, Welt, unsere Kritik hier), Jonathan Nossiters "Der Wein und der Wind" (Tagesspiegel) und die Verfilmung von Stephen Kings "Dunkler Turm"-Saga (Standard, FR, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2017 - Film


Jürgen Vogel als Ötzi in "Der Mann aus dem Eis" (Bild: Amourfou Film)

In Locarno hatte Felix Randaus Film "Der Mann aus dem Eis" Premiere, der über die letzten Tage des "Ötzi" spekuliert: Jürgen Vogel spielt darin das berühmteste Todesopfer der Jungsteinzeit. Rudolf Neumaier staunt in der SZ über den Aufwand, der für diesen Film betrieben wurde: Unter anderem hat man einen Sprachwissenschaftler verpflichtet, der das "Urkauderwelsch" der Figuren entworfen hat. Viele Worte werden aber eh nicht gemacht, die Akteure sprechen eher mit ihren Körpern: "Die Art des Gehens wird zum Ausdruck von Stimmungen. ... Jürgen Vogel, 49, schleppt sich sehr glaubhaft über Stock und Stein. Stapfte er nur eine Nuance lockerer durch den Wald, sähe er schnell aus wie eine von diesen Auffi-Auffi-muas-i-aufn-Berg-Komödianten aus Wolfgang Ambros' Watzmann-Musical - doch stark wie ein Haflingerhengst hält Vogel seine Spannung. So spielt man Bergabenteuer-Helden."

In der FR resümiert Daniel Kothenschulte den bisherigen Festivalverlauf und stellt fest: "Kein Festival hat ein so unvorhersehbares Programm wie Locarno - und dabei doch ein stärkeres Profil als etwa die Berlinale - denn beliebig ist hier gleichwohl nichts." Locarno versinkt im Regen, berichtet Patrick Holzapfel in seinem Festival-Logbuch auf kino-zeit.de. Urs Buehler von NZZ genießt die poetische Leere, wenn das Publikum den Piazza Grande verlassen hat. Es sei denn, Vanessa Paradis geistert durchs Pressezelt, dann hat er nur noch Augen für sie. In der FAZ würdigt Verena Lueken Jacques Tourneur, dem das Festival in diesem Jahr die Retrospektive widmet.


Glaube an die Popmusik: Lisa Azuelos Biopic "Dalida"

Große Begeisterung bei Lukas Foerster vom Perlentaucher über Lisa Azuelos Biopic "Dalida" über die gleichnamige Chanson-Sängerin. Wer es ihm gleichtun will, müssse allerdings eine gewisse Bereitschaft mitbringen, sagt er: Man müsse "für die Dauer des Films an die Popmusik glauben. Und zwar, das kommt erschwerend hinzu: an Popmusik in ihrer banalen, sentimentalen, uncoolen Spielart. An tränenseligen Mainstreampop, an mechanisch erzeugte, dick aufgetragene Gefühle, an Tränen, die in Strömen fließen, weil sie in Strömen fließen sollen. Man sollte daran glauben, dass Musik manchmal genau so sein muss, weil sie nur so etwas zu fassen bekommt vom Leben in der modernen Welt." Unter diesen Voraussetzungen aber werde "Dalida" richtig groß.

Weiteres: Die seit Januar angekündigte, sechsteilige Westernserie "The Ballad of Buster Scruggs" der Coenbrüder ist bei Netflix gelandet, meldet DWDL.

Besprochen werden Thomas Arslans "Helle Nächte" (taz), der Dokumentarfilm "David Lynch - The Art Life", der den Filmemacher Lynch als bildenden Künstler in den Vordergrund rückt (NZZ), "Der Stern von Indien" mit Hugh Bonneville (taz, SZ), der auf DVD veröffentlichte Animationsfilm "Die Rote Schildkröte" von Michael Dudok de Wit (taz), Ceyda Toruns Dokumentarfilm "Kedi" über die Katzen von Istanbul (taz), Mika Taanilas und Jussi Eerolas Dokumentarfilm "Return of the Atom" über das Dorf Eurajoki im Zeichen des Aufbaus eines Atomkraftwerks (SZ), Nikolaj Arcels von der Kritik weitgehend in die Tonne gekloppte Verfilmung von Stephen Kings Fantasy-Epos "Der Dunkle Turm" (NZZ, Standard, Tagesspiegel, Welt, taz, online nachgereicht von der FAZ) und die norwegische Serie "Lifjord" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2017 - Film


Richtig verrückt: Jacques Tourneurs Kriegsfilm "Days of Glory" mit Gregory Peck.

Beim Filmfestival in Locarno ist Lukas Foerster auch weiterhin am ehesten in der Jacques-Tourneur-Retrospektive anzutreffen. Im Cargo-Blog berichtet er von seinen neuesten Wiederentdeckungen: Tourneurs Kriegsfilm "Days of Glory" etwa hat ihn "verzückt wie lange nichts mehr im Kino". Die minimalistisch-künstlichen Sets skizzieren "eine klaustrophobische Welt, aber auf eine wattierte Art. Terror ruft sie nicht deshalb hervor, weil sie zu eng ist, weil man beim Versuch, sie zu beherrschen, auf materielle, unüberwindbare Grenzen stößt; eher hat die gesamte Welt etwas von einem Provisorium, von einer Skizze, die nur vorübergehend begehbar ist. Weil man nie genau sagen kann, wie weit man seinen Schritten trauen darf, wählt man automatisch einen bedachten, leicht sedierten Bewegungsmodus. Die gesamte erste Stunde besteht aus Stillstellungen, Verzögerungen und poetischen Abschweifungen (die sowjetischen Streitkräfte scheinen mindestens zur Hälfte aus verkannten Dichtern zu bestehen), und wenn am Ende der Krieg doch noch selbst ins Bild tritt, dann wird der Film erst richtig verrückt."

In seinen Kurzkritiken auf critic.de lobt Frédéric Jaeger das Festival für seinen Mut zum Experimentellen. Susanne Ostwald von der NZZ hat unterdessen bislang "viel gutes Erzählkino" gesehen. Patrick Holzapfel von kino-zeit.de lauscht den Vögeln am Morgen und begibt sich dann zu Milo Raus "Kongo-Tribunal", über den er hier Näheres schreibt: "Das Kino wird hier als Gerechtigkeitsmaschine verstanden." Urs Bühler wirft für die NZZ einen Blick auf die Modernisierungsstrategien des Festivals, das nicht nur seine Spielstätten saniert hat, sondern auch vermehrt Werbeprospekte auf Social Media verteilt.

Weiteres: Für die Berliner Zeitung spricht Dieter Osswald mit der Filmemacherin Ceyda Torun über ihren (auf ZeitOnline besprochenen) Dokumentarfilm "Kedi", der den Katzen von Istanbul gewidmet ist. Barbara Schweizerhof kann sich an "Game of Thrones" kaum sattsehen, wie sie im Freitag berichtet. Hanns-Georg Rodek schreibt in der Welt zum Tod des langjährigen Godzilla-Darstellers Haruo Nakajima.

Besprochen werden eine Ausstellung über Tanz und Film im Filmmuseum Potsdam (SZ) und die Stephen-King-Verfilmung "The Dark Tower" von Nikolaj Arcel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2017 - Film



Lukas Foerster schickt an Cargo eine Notiz vom Filmfestival in Locarno, wo ihn die Jacques Tourneur gewidmete Retrospektive im Nu darüber hinweg tröstet, dass sein Lieblingskino umgestaltet wurde. Als Wiederentdeckung  unbedingt ans Herz legen kann er Tourneurs Kriminalfilm "Phantom Raiders" von 1940. Dieses kostengünstig erstellte B-Movie "spielt fast durchweg in einer Handvoll enger Sets, die durch Jalousien und Ventilatoren dynamisiert werden; die terroristische Verschwörung, bei der immerhin mehrere ausgewachsene Ozeandampfer draufgehen, wird erst durch ferngesteuerte Radarwellen in Gang gesetzt, und anschließend von Nick Carter, der den ganzen Film über darauf besteht, sich eigentlich im Urlaub zu befinden, durch ferngesteuerte Kommunikationsroutinen lahm gelegt. Das ist natürlich Unsinn um seiner selbst Willen, sozusagen the genius of the system im Leerlauf - aber gerade dieser Leerlauf hat es mir angetan. Zumindest vermisse ich im gegenwärtigen Kino wenig mehr als die gewissermaßen interesselose geistige Wendigkeit und inszenatorische Raffinesse von Filmen wie 'Phantom Raiders'." Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Film.

Bei Tourneurs "Stars in my Crown" tropft es lässig durch die Kinodecke, beobachtet Patrick Holzapfel von kino-zeit.de, der glücklicherweise einen Platz hinter dem betroffenen Sessel saß. Frédéric Jaeger betrachtet in seinen Kurzkritiken vom Festival unterdessen Männermuskeln aller Art.

Weiteres:Katrin Doerksen schreibt auf kino-zeit.de über das Motiv des Manic Pixie Dream Girls. Mariam Schaghaghi spricht für die Berliner Zeitung mit dem Schauspieler Hugh Bonneville über dessen Leben und Schaffen. Tobias Sedlmaier (NZZ), Daniela Pogade (Berliner Zeitung) und Kia Vahland (SZ) gratulieren Dustin Hoffman zum Achtzigsten.
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