Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2022 - Film

Das Recht der Frauen auf ihren Körper: "Call Jane"

Gerade jetzt, da in den USA dem Recht auf Abtreibung immer mehr Steine in den Weg gelegt werden, tut ein Film wie Phyllis Nagys "Call Jane" not, findet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Der Film zeigt den Kampf der Frauen, die in den Sechzigern das Recht auf Abtreibung überhaupt erst erstritten haben. Aber anders als andere Filme zum Thema Abtreibung liegt der "Fokus nicht auf der Einsamkeit, der Gefährdung und Verzweiflung betroffener Frauen. Sondern auf der Solidargemeinschaft der denkbar unterschiedlichen Aktivistinnen, zu denen auch eine Nonne gehört. Die Rolle und die Macht der Kirche bei der Abtreibungsfrage wird gleichwohl nicht thematisiert. ... So verquer es klingen mag: Phyllis Nagy hat ein Feel-Good-Movie mit gehörigem human touch über ein kompliziertes, lange tabuisiertes Sujet gedreht." Doch "das macht nichts. Es kann gar nicht genug Publikumsfilme geben, gar nicht genug Popularität für das unverbrüchliche Recht der Frauen auf ihren Körper."

Besprochen werden Emily Atefs "Mehr denn je" mit Vicky Krieps (Zeit), Tim Burtons Serie "Wednesday" (TA) und die Serie "The Bear" (54books).
Stichwörter: Abtreibung USA, Nagy, Phyllis

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2022 - Film

Besprochen werden James Grays "Zeiten des Umbruchs" (Filmfilter, mehr dazu bereits hier), Guillermo del Toros Animationsfilm "Pinocchio" (Tsp, unsere Kritik), Rian Johnsons Krimi "Glass Onion" mit Daniel Craig (FAZ), Sebastián Lelios auf Netflix gezeigte Verfilmung von Emma Donoghues Bestseller "Das Wunder" (NZZ), eine Arte-Doku über Jamie Lee Curtis (FR), sowie die Serien "The English" (FAZ), "The English Game" (Zeit) und "A Friend of the Family" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2022 - Film

Sebastian Seidler nimmt im Filmdienst Luca Guadagninos "Bones and All" zum Anlass, um über Kannibalismus als filmische Metapher nachzudenken. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Rosa von Praunheim zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden James Grays "Zeiten des Umbruchs" (Standard, mehr dazu hier), Frances O´Connors Biopic über Emily Brontë (SZ, mehr dazu bereits hier), Yvan Attals MeToo-Drama "Menschliche Dinge" mit Charlotte Gainsbourg (Standard), Don Halls Disney-Animationsfilm "Strange World" (critic.de) und die Amazon-Serie "Fair Trade" (FAZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2022 - Film

Lässt in beengten Situationen die Flamme lodern: "Emily" 

In "Emily" erzählt Frances O'Connors das (kurze) Leben der "Wuthering Heights"-Schriftstellerin Emily Brontë - für FAZ-Kritiker Andreas Kilb ein "unvergesslicher" Film: "Selten schafft es ein Film, seine Heldin zu ergründen, ohne ihr Geheimnis anzutasten. Dass das in 'Emily' gelingt, ist nicht zuletzt Emma Mackey zu verdanken, die aus dem Drama einer einsamen Seele das Panorama einer vereinsamten Epoche macht." Für tazlerin Jenni Zylka steckt in diesem Film viel zu viel an Weltschmerz-Romantik, die dann auch noch "einer vorhersehbaren Dramaturgie" folgt. Dass der Film darüber hinaus den Kenntnisstand der Brontë-Forschung zugunsten von Liebelei-Spekulationen übergeht, tut das übrige: "O'Connor rührt im Ekstase-Topf, und schickt ihre Lovebirds nach einigen amourösen Eifersüchteleien in einsame Hütten, wo sie sich ihrer geknöpften und gebundenen Kleidungsschichten entledigen und übereinander herfallen. ... Immerhin: Die Flammen der verbotenen Liebe lodern hoch." Außerdem hat Frankfurter Allgemeine Quarterly ihr Gespräch mit der Hauptdarstellerin Emma Mackey online nachgereicht.

Alice Diops "Saint Omer"

Im Perlentaucher empfiehlt Nikolaus Perneczky Alice Diops "Saint Omer", der am 30. November im Berliner Kino Arsenal in einer Diop-Werkschau und später auch beim Berliner Festival Around the World in 14 Films zu sehen ist, bevor der Film im Frühjahr 2023 auch regulär im Kino läuft. Diops Film umkreist eine Kindsmörderin und den Prozess, der gegen sie gemacht wird. "Bevor sie mit 'Saint Omer' ihren ersten Spielfilm realisierte, war Alice Diop Dokumentaristin. Der Film inszeniert den Prozess als Gegenstand einer Recherche, wie sie Diops eigenem Film vorausgegangen sein mag. Die Inszenierung lädt ein zur genauen Beobachtung, zum Abwägen des vielstimmigen Chors, der um die Anklagebank versammelt ist, orchestriert von einer Richterin, der man das Bemühen um Verstehen und Empathie durchaus glaubt. Das Drehbuch (mitgeschrieben von Goncourt-Preisträgerin Marie NDiaye) registriert das Ringen der Justiz um Objektivität, aber auch rassistische Vorurteile und Übergriffe."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte (FR) und Josef Grübl (SZ) verneigen sich vor Rosa von Praunheim, der heute 80 Jahre alt wird. Besprochen werden Rian Johnsons Krimikomödie "Glass Onion" (Tsp, ZeitOnline), Guillermo del Toros Animationsfilm "Pinocchio" (Zeit, unsere Kritik), Luca Guadagninos "Bones and All" (Welt, unsere Resümees hier und dort), die Serie "Wednesday", für die Tim Burton vier Folgen inszeniert hat (ZeitOnline) und Clara Sterns in Österreich anlaufender Debütfilm "Breaking the Ice" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2022 - Film

Szene aus James Grays "Armageddon Time - Zeiten des Umbruchs"

Breit besprochen wird James Grays "Armageddon Time - Zeiten des Umbruchs": Die Geschichte eines jüdischen Jungen, der Künstler werden will und auf jener Privatschule landet, aus der Donald Trump hervorgegangen ist, trägt autobiografische Züge. Andere Regisseure blicken nostalgisch auf die Zeit ihres Heranwachsens zurück, schreibt Philipp Stadelmaier auf ZeitOnline, Gray hingegen erzähle "nicht die Geschichte eines angehenden Künstlers und späteren Filmemachers, sondern die Geschichte der Desillusionierung eines ganzen Landes." Denn "die Schule ist Hort einer weißen Elite aus Anhängern von Robert Reagan, der sich damals für die US-Präsidentschaft bewirbt. Jessica Chastain verkörpert diese Kaste eiskalt, als Maryanne Trump (Donalds Schwester) hält sie vor der Schülerschaft eine flammende Rede darüber, wie harte Arbeit zu Erfolg führe. Das für die eigenen Privilegien blinde Individuum ist alles, die Gesellschaft ist nichts. 'Armageddon Time' beobachtet die historische Zementierung jener Ungleichheit und sozialen Kälte, die Donald Trump als Präsidenten überhaupt erst möglich machen."

Verärgert ist Alan Posener von der Welt, dass ein Großteil der jüdischen Figuren von einem nichtjüdischen Cast gespielt wird: "Natürlich können und sollen Nichtjuden Juden spielen, wie Juden Nichtjuden. Aber Anthony Hopkins kann es nicht. Wenn er in seinem walisisch eingefärbten Shakespeare-Englisch dem Enkel eintrichtert, immer gegen den Rassismus aufzutreten - 'heute sind es die Schwarzen, morgen rammen sie dir das Messer in die Rippen' -, so wirkt das wie aufgesagt, nicht wie eine spezifisch jüdische Erfahrung. Einer Erfahrung, nach der, anders als der Film suggeriert, die amerikanischen Juden in ihrer Mehrheit immer gehandelt haben, nicht nur in ihrem Wahlverhalten." Ein "ergreifendes Drama" sah tazler Tim Caspar Boehme. Nicht ganz zufrieden ist Tagesspiegel-Kritiker Simon Rayß: In dem Film "stehen sich Mainstream-Konvention und Arthouse-Ambition unversöhnlich gegenüber".

Außerdem: Mit der von vielen dringend geforderten Novellierung der Filmförderung ist wohl auch bis 2025 nicht zu rechnen, berichtet Helmut Hartung in der FAZ. Derweil werden in Berlin mehr Filme denn je gedreht, berichtet Susanne Messmer in der taz. Michael Meyns spricht in der taz mit der Regisseurin Mareike Wegener über ihr Spielfilmdebüt "Echo". Für die Zeit spricht Patrick Heidmann mit Luca Guadagnino über dessen neuen, in der FR besprochenen Film "Bones and All" (mehr zu Film bereits hier und dort). Albrecht Selge ergründet für das VAN-Magazin, warum Fatih Akin sein Xatar-Biopic "Rheingold" nun ausgerechnet nach einer Wagner-Oper benannt hat. In der taz legt Fabian Tietke dem Berliner Publikum die Werkschau Alice Diop im Kino Arsenal ans Herz. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl Ulrich Seidl zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Guillermo del Toros Animationsfilm "Pinocchio" (Perlentaucher, SZ), Eva Webers Porträtfilm "Merkel - Macht der Freiheit" (Freitag), Elene Naverianis georgisches Filmdrama "Wet Sand" (Tsp) und der Disney-Animationsfilm "Strange World" (FR). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Stichwörter: Gray, James, Biopic, Diop, Alice

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2022 - Film

Auf der Suche nach Nahrung im amerikanischen Hinterland: "Bones and All"

Wenn Luca Guadagnino mit "Bones and All" seine jungen Hauptdarsteller Taylor Russell und Timothée Chalamet in den Achtzigern als Kannibalenpärchen ins Herzland der Vereinigten Staaten ziehen lässt, dann geht es da nicht nur um New-Hollywood-Romantik, sondern das mit dem Herz hat schon seinen doppeldeutigen Hintersinn, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Trotzdem ist in Guadagninos Liebesgeschichte nie eine spekulative Freude an der Grenzüberschreitung spürbar. Der Kameraschwenk auf ein Arrangement von Familienbildern, auf denen das Opfer zu sehen ist (während auf der Tonspur Knochen knacken), vergegenwärtigt selbst im Moment des Todes die moralische Dimension ihrer Tat." Der Film ist "auch eine Zeitreise", verrät Bert Rebhandl im Standard, was "nicht zuletzt der Soundtrack verrät: von Joy Division bis New Order. Denn das ist Guadagnino ja auch: ein Pop-Enzyklopädiker, der sich nimmt, was ihm gerade passt, oder der immer das Pop-Zitat findet, das tatsächlich gerade passt. Hipsterkino auf der Suche nach wahren Gefühlen." Für die taz bespricht Arabella Wintermayr den Film.

Ziemlich schäbig findet es Suan Vahabzadeh in der SZ, dass der sonst als moralisches Gewissen und Elder Statesman Hollywoods auftretende Morgan Freeman sich für einen Auftritt in Katar hergegeben hat. Der Geldbetrag, der dafür geflossen ist, dürfte groß genug gewesen sein, um Bedenken auszuhebeln. Zugleich lädt Saudi-Arabien, wo Kinos lange verboten waren, plötzlich internationale Superstars auf ein neues Festival. Das Land "ist der neueste heiße Markt für Filme, und das zählt. Dort werden derzeit Hunderte Kinos gebaut, und die ersten Änderungen an Hollywood-Filmen für diesen Markt hat es schon gegeben, aus dem ersten 'Black Panther' wurde rasch eine Kuss-Szene herausgeschnitten. ... Darin besteht vielleicht die eigentliche Enttäuschung des Zuschauers: Hollywood ist ja nicht zufällig liberal - das alte Hollywood, die amerikanische Filmindustrie, wurde mehrheitlich von Geflüchteten und Geächteten gegründet, deren Erfahrungen die Grundlage waren für die Haltung, die ihre Filme der Welt entgegensetzten. Kino und Autokratie passen nicht zusammen, was dabei rauskommt, ist höchstens Propaganda."

Die unter Pseudonym arbeitende chinesische Journalistin Franka Lu nimmt die bizarre Geschichte von Li Ruijuns Armutsdrama "Return to Dust" - gezeigt auf der Berlinale, von der chinesischen Kritik zunächst gefeiert, dann schlagartig aus dem Verkehr gezogen - zum Anlass, auf ZeitOnline über die aktuelle Lage des chinesischen Kinos zu schreiben: Von der Armut im Land will dieses nämlich kaum etwas wissen. Die "Unterhaltungsindustrie richtet ihre Produkte in erster Linie an das urbanisierte China, an Konsumentinnen und Konsumenten mit wachsendem Wohlstand: mit glamourösen Großstadtliebesgeschichten, Amouren zwischen Kaisern und ihren Frauen, Fantasyfilmen, Thrillern, Sci-Fi- und Kriegsfilmen. Aus Publikumsträumen wird dort die vermeintliche Realität, die sich die Leute herbeisehnen. Die Filmkritikerin Mao Jian hat einen alarmierenden Trend bei chinesischen Filmen und Fernsehfilmen beobachtet: Die Storys sind in der Regel unglaublich konservativ. In vielen der beliebtesten Filme sehen die Reichen und Mächtigen, überhaupt Menschen mit hohem sozialem Status, hervorragend aus und verhalten sich tugendhaft, während die Armen und Marginalisierten unvernünftig, hässlich und sogar verachtenswert erscheinen. Unter dem Einfluss dieser Sorte populärer Kultur nimmt unter der jüngeren Generation das Mitgefühl für die Benachteiligten geradezu folgerichtig ab. Arm und hässlich zu sein, das wird zunehmend als moralischer Defekt betrachtet."

Weitere Artikel: Die Berlinale widmet Steven Spielberg ihre nächste Hommage, meldet Andreas Kilb in der FAZ. Besprochen werden Alejandro G. Iñárritus "Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten" (Jungle World), Eva Webers Dokumentarfilm "Merkel - Macht der Freiheit" (ZeitOnline), der Disney-Animationsfilm "Strange Worlds" (Standard), Johannes Hartmanns und Sandro Klopfsteins Schweiz-Groteske "Mad Heidi" (ZeitOnline) sowie die Justizserie "Reasonable Doubt" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2022 - Film

Die SZ meldet, dass die iranischen Schauspielerinnen Hengameh Ghaziani und Katayoun Riahi verhaftet wurden, weil sie in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch ablegten. Ghaziani hat ihr "Vergehen" auf Instagram öffentlich gemacht und dazu geschrieben: "Vielleicht wird das mein letzter Post sein. Von diesem Moment an, was auch immer mit mir passiert, wisst ihr, dass ich wie immer bis zum letzten Atemzug bei den iranischen Menschen bin."

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Die FAS hat ihr Gespräch mit dem italienischen Autorenfilmer Luca Guadagnino online nachgereicht, dessen in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnete Kannibalen-Teenieromanze "Bones and All" diese Woche bei uns in den Kinos startet. Guadagnino spricht über sein Kino der Außenseiter und den Begriff der Schönheit, der für seine Filme zentral ist. Und dann all dies Blut? "Ich sehe darin keinen Widerspruch." Denn "Blut ist Teil unserer Natur, eine ultimative, intime Basis unserer Existenz. Das Kino beschäftigt sich ja nicht nur mit dem Sichtbaren, sondern auch dem Unsichtbaren. Im Film trage ich eine Sache, die innen ist, nach außen. Auch Schönheit ist die Möglichkeit, etwas zu sehen, das von vielen nicht gesehen wird." Denn "das Kino beschäftigt sich mit unserem Unterbewusstsein. Wenn jemand, der von jeder Seite hört, er müsse perfekt sein, Billy Wilders Meisterwerk 'Manche mögen's heiß' sieht und lernt, dass niemand perfekt ist, ist das genauso mächtig, wie wenn man sich auf einem Platz mit vielen Leuten in die Luft sprengt. Das Kino hat diese Sprengkraft."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel empfiehlt Till Kadritzke dem Berliner Publikum die Werkschau Alice Diop im Kino Arsenal. Daniel Kothenschulte (FR), Didier Péron (Tsp) und Patrick Straumann (NZZ) schreiben zum Tod des Autorenfilmers Jean-Marie Straub (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden die Satire "The Menu" mit Ralph Fiennes (NZZ) und der Disney-Animationsfilm "Strange World" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2022 - Film

Der Autorenfilmer Jean-Marie Straub ist gestorben und folgt damit seiner 2006 verstorbenen Ehefrau und Filmpartnerin Danièle Huillet nach. "Straub-Huillet", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ, "war im europäischen Kino des 20. Jahrhunderts ein meist ehrfürchtig, manchmal auch höhnisch ausgesprochenes Kürzel für einen Anspruch an künstlerisches Arbeiten, der in den subventionierten Wohlstandskinematographien Frankreichs und Deutschland am Ausgang ihrer jeweiligen Wirtschaftswunder wie Fundamentalismus wirken mochte." Als "Verfechter einer klassischen Kultur" arbeiteten die beiden "an einem Kino, das auch noch lange nach den 1945 überwundenen Faschismen im Zeichen einer unverbrüchlichen Résistance stand" und für einen "Materialismus, der marxistisch geprägt war, immer aber auch darauf beruhte, wie Licht auf die Filmemulsion traf und sich der Ton in den Mikrofonen verfing, die dem Medium Film zu seiner Leiblichkeit verhalfen. ... Straub gab dabei immer den proletarischen Intellektuellen, zur Zigarre und einem starken Getränk gab er in seinem zeitlebens stark französisch klingenden Deutsch so etwas wie einen Jean Gabin des linken Kinos."

Der Bildungskanon war für Straub-Huillet essenziell, doch ihre "Filme sind jeder gewöhnlichen Vorstellung von Literatur-'Verfilmung' konträr", schreibt Fritz Göttler in der SZ, und zwar "auf eine entschiedene, konsequente, aber durchaus spielerische Weise, durch eine Lust am Text, aus der sie entstanden, und die sie beim Zuschauen vermitteln. Sie haben Achtung vor dem Text, reagieren sorgfältig auf seine Schwingungen und Rhythmen. Sich aufmachen zu Bildern, die Bilder vor der Sprache sind, hat Frieda Grafe das beschrieben, 'keine Abbilder, sondern etwas Konzentrierteres, auch durchaus Monströses, das sich gegen die herrschende realistische Logik richtet, die mit dem bürgerlichen Denken zu eng verhandelt ist'." Entsprechend "kam die bürgerliche Filmkritik der Sechziger überhaupt nicht klar mit dieser Vorstellung vom Kino."

Außerdem: In der Welt erinnert Hanns-Georg Rodek daran, wie Hollywood-Begründer Carl Laemmle Juden aus Deutschland vor den Nazis rettete und sich dafür mit den US-Einwanderungsbehörden herumschlagen musste. Besprochen werden Christopher Roths und Jeanne Tremsals "Servus Papa, See You in Hell" über die Otto-Muehl-Kommune (FAS), Tilman Königs Dokumentarfilm "König hört auf" über seinen Vater Lothar König, der sich im Osten engagiert Neo-Nazis entgegen stellt (online nachgereicht von der FAZ), Edward Bergers auf Netflix gezeigte Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues" (NZZ) und Florian Sigls Fantasyfilm "The Magic Flute - Das Vermächtnis der Zauberflöte" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2022 - Film

Die "Zukunft der Kritik" wird an diesem Wochenende auf einem Symposium in Bonn und am kommenden Wochenende auf dessen Fortsetzung in Berlin diskutiert. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland, der kommendes Wochenende in Berlin mitdiskutiert, macht sich auf Artechock bereits vorab Gedanken zu einem Berufsstand in der Dauerkrise: "Man will keine Kritik. Denn Kritik stört den Fluss. Den Fluss des Gesellschaftlichen, das Dauer-Geplapper in Medien und Portalen ... Das politische Missverständnis, dass Demokratie etwas mit Beteiligung zu tun habe, die keinen Preis hat, sondern aus einem natürlichen Anrecht folgt, führt zum kulturellen Missverständnis, dass aus ähnlich natürlichem Anrecht jeder voraussetzungslos mitquatschen und miturteilen könne, und dass jedes Urteil, jede Wertung gleichviel wert sei. Denn ein Kanon oder die Vorstellung einer qualitativen Hierarchie innerhalb der Kunst gilt als 'privilegiert', denkfaul und womöglich faschistisch."

Weiterhin dokumentiert Artechock eine Notiz von Elfriede Jelinek, über die gerade Claudia Müllers Porträtfilm in die Kinos gekommen ist (mehr dazu hier und dort). "Ich hatte mich eigentlich vor diesem Film gefürchtet, denn ich nähere mich dem Ende des Lebens, und nun würde eine Filmemacherin das Buch vom Anfang her aufschlagen", schreibt die Schriftstellerin. "Aus dem Archiv kamen die Ausschnitte, liefen vor meinen Augen dahin und sind wieder verschwunden, ohne Wunden in mir. Den Schnitten, die schon da waren, wurde kein neuer Streifen Mahd und keine neue Mullbinde hinzugefügt. Das ist wirklich wie ein Wunder. Den Film hat eine Frau gemacht, die mich vorher gar nicht persönlich gekannt hat. Das ist das Erstaunlichste daran. Und dass ich einmal Orgel spielen konnte, dass ich ein Instrument ganz gut gemeistert habe, das ist eine Entdeckung für mich, obwohl ich es selbst gewesen bin, die da gespielt hat."

Außerdem: Ridal Carel Tchoukuegno erklärt auf ZeitOnline, warum das fiktive Land Wakanda aus dem Marvel-Blockbuster "Black Panther" realer ist als man zunächst denken würde: "Stellenweise" gleiche der Film "einem metaphern- und actionreichen Dokumentarfilm". Nora Moschuering berichtet auf Artechock in einem epischen Longread von einem Symposium in München zur Lage der Filmkultur.

Besprochen werden Alejandro González Iñárritus autiobiografischer Film "Bardo" (Artechock, Zeit), Lena Karbes Dokumentarfilm "Black Mambas" über Frauen, die in Südafrika Jagd auf Wilderer machen (SZ), Eva Webers Dokumentarfilm "Merkel - Macht der Freiheit" (taz), die deutsche Mystery-Serie "1899" (Presse) und Quentin Tarantinos Filmbuch "Cinema Speculation" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2022 - Film

Erst Corona, dann das aus dem Lockdown nicht mehr zurück kommende Publikum, schließlich die davon galoppierenden Energiekosten und die Inflation, die Leute aufs Geld achten lässt: Das Kino geht den Bach runter, stellt David Steinitz in der SZ fest. Doch ausgerechnet deutsche Produktionen, die für gewöhnlich eher die unteren zwei Drittel der Jahresbilanz andicken, erweisen sich gerade als bemerkenswert stabil oder übertreffen sogar Erwartungen, muss er im weiteren feststellen. "Um deutsche Kinofilme noch öfter und noch nachhaltiger zum Erfolg zu führen, wird spätestens zum Jahreswechsel aber auch die Politik gefragt sein - genauer gesagt Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Ihre Vorgängerin Monika Grütters hat die Novellierung des Filmfördergesetzes erfolgreich so lange vor sich hergeschoben, bis sie nicht mehr im Amt war, und auch Roth hätte die Sache in ihrem Haus durchaus schon mit mehr Tempo voranbringen können. Nun wird es wohl 2023 - und es gibt viel zu tun. ... Andere Länder, vor allem Frankreich, zwingen mächtige Streamingdienste wie Netflix oder Disney+ längst gesetzlich zu mehr Investitionen in die heimische Branche. Ein Modell, das sich viele Filmschaffende auch in Deutschland wünschen würden, um die lokale Industrie zu stärken."

Besprochen werden Alejandro González Iñárritus auf Netflix gezeigter Film "Bardo" (SZ), Karoline Herfurths Komödie "Einfach nur was Schönes" (Welt), die deutsche Netflix-Serie "1899" (FAZ), Mark Mylods Krimi "The Menu" (Tsp) und die Amazon-Serie "Mammals" mit James Corden (TA).
Stichwörter: Kinokrise, Filmförderung