Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2019 - Film

Besprochen werden Edward Nortons Verfilmung von Jonathan Lethems Roman "Motherless Brooklyn" (SZ) und Lone Scherfigs "The Kindness of Strangers" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2019 - Film

Netflix macht die Kinos kaputt. Behaupten Kinobetreiber. David Steinitz hat für die SZ nun den einen Kinobetreiber ausfindig gemacht, der das völlig anders sieht: Thomas Kuchenreuther betreibt in München das ABC und das Leopold und freut sich über ausverkaufte Vorstellungen der Netflix-Filme "The Irishman" und "Roma". Dass das parallele Online-Angebot die Zahl der verkauften Tickets senkt, kann er anhand der eigenen Bilanz nicht nachvollziehen, ebenso wenig wie die Tiraden seiner Kollegen - stattdessen schwärmt er von den guten Konditionen: "Netflix überlässt uns einen Film gegen eine Abgabe von 35 Prozent pro Kinoticket. Das ist viel weniger, als klassische Verleihe nehmen. Ich verdiene an einem Netflix-Film mehr Geld. ... Kürzlich startete 'Le Mans 66', ein sehr guter Film. Der lief nur leider nicht so gut wie erhofft, deshalb hätte ich ihn gerne aus der Hauptschiene rausgenommen, um stattdessen den Netflix-Film 'Marriage Story' zu spielen. Aber 'Le Mans 66' ist ein Film des Fox-Studios, das wiederum von Disney aufgekauft wurde. Da wurde gesagt, wenn ich den nicht im Hauptprogramm weiterspiele, nehmen sie mir den Disney-Film 'Die Eiskönigin 2' weg - und auf den kann wiederum ich nicht verzichten."

Weiteres: Für die FR porträtiert Susanne Lenz die  Filmemacherin Annekatrin Hendel, die gerade ihren Porträtfilm "Schönheit und Vergänglichkeit" über den Berghain-Türsteher und Fotografen Sven Marquardt in die Kinos gebracht hat. Lory Roebuck annonciert in der NZZ die Zürcher Aufführung des Films "Midnight Traveller", in dem Fatima Hussain und ihr Ehemann Hassan Fazili ihre Flucht aus Afghanistan dokumentieren. Marco Koch wirft im Filmforum Bremen einen Blick in die Film-Blogosphäre. Besprochen werden eine Maximilian-Schell-Ausstellung im Filmmuseum in Frankfurt (FR).
Stichwörter: Netflix, Kino

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2019 - Film



In der FAZ porträtiert Nora Sefa die kosovarische Künstlerin und Filmemacherin Lendita Zeqiraj, deren Film "Aga's House", der von der Gewalt gegen Frauen im Krieg und deren Folgen handelt, gerade in Prishtina gezeigt wurde: "'Die Gewalt, die ich beschreibe, ist noch immer allgegenwärtig', sagt sie. Insbesondere die Kriegsvergewaltigungen seien kaum aufgearbeitet worden. ... Die noch immer stark in der kosovarischen Mentalität verankerten traditionellen und patriarchalen Strukturen ertrügen eine von einem befeindeten Soldaten vergewaltigte Frau nicht, die in der Folge gar ein Kind zur Welt bringt. Für manche gelte eine solche Frau als entwürdigt. Bis heute würden viele Frauen daher aus Scham und Angst vor Stigmatisierung schweigen - 'als hätten sie sich schuldig gemacht', sagt Zeqiraj. 'Einem kriegsversehrten Soldaten wird hingegen ein Denkmal gebaut', erklärt sie erbost."

Beim am Samstag verliehenen Europäischen Filmpreis hat sich Giorgos Lanthimos' "The Favourite" (unsere Cannes-Kritik) mit insgesamt acht Auszeichnungen schlussendlich als großer Jury-Favorit entpuppt, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel, der das fast ein bisschen schade findet: "Die Preisflut täuscht über die Vielfalt des europäischen Kinos hinweg, wenn auch der Erfolg für Lanthimos hochverdient ist." FR-Kritiker Frank Junghänel fehlte das Lametta: "So stark der diesjährige Filmjahrgang war, so schwach die Präsenz der Sieger. In allen Hauptkategorien fehlten die Preisträger." Die von Dietrich Brüggemann künstlerisch umgesetzte Verleihung wirkte auf tazlerin Jenni Zylka "jünger als in den letzten Jahren, strotzen - trotz Herzog, Wenders und Konsorten - vor juvenilem Elan vor und hinter der Kamera. Dazu klangen sie auf eine unangestrengte Art politisch." Wie Wim Wenders herumblödelt und Werner Herzog, ausgezeichnet für sein Lebenswerk, dann doch zumindest für einen Moment eine kleine Träne der Rührung im Augenwinkel versteckt, ist allerdings, zumindest im zweiten Fall, sehenswert:



Besprochen werden der neue, an dieser Stelle zwischen 22 und 6 Uhr in der ungekürzten Version online stehende "Polizeiruf 110"-Krimi von Dominik Graf (ZeitOnline, FAZ, NZZ, Berliner Zeitung) Olivier Nakaches und Éric Toledanos "Alles außer gewöhnlich" (Freitag), Fernando Meirelles' "Die zwei Päpste" (SZ), Noah Baumbachs Netflix-Film "Marriage Story" mit Scarlett Johansson und Adam Driver (online nachgereicht von der FAZ) und neue Heimmedien, darunter eine DVD von Rolf Thieles "Labyrinth der Leidenschaften" (SZ).
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Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2019 - Film

Power: Verena Altenberger im neuen Polizeiruf 110 von Dominik Graf (BR)

Am Sonntag läuft ein neuer, von Dominik Graf gedrehter "Polizeiruf 110"-Krimi, über den Josef Schnelle für den Filmdienst mit dem Regisseur gesprochen hat. Im Mittelpunkt des neuen bayerischen Polizeirufs, der dem Produktionszyklus mit Matthias Brandt folgt, steht mit der Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) eine Frau - was gut zum Spätwerk Grafs passt, das vor allem von Frauen bevölkert ist. Woran das liegt, weiß er selbst nicht so genau: "Ich bin eigentlich überhaupt nicht genderaffin; ich halte nichts davon, dass man jetzt unbedingt über Frauen erzählen muss. Das ist nicht mein Anliegen. Dennoch sind die Hauptfiguren meiner Filme seit zehn Jahren fast nur noch Frauen. Das verblüfft mich selbst. Vielleicht bewegen mich die Frauen ja doch mehr. Vielleicht haben sie uns schon immer mehr bewegt, und meine Generation hat das nur noch nicht kapiert."

Allerdings Obacht: Am Sonntagabend zeigt das Fernsehen aus Rücksicht auf die zarten Seelen der Jugend eine gekürzte Version mit Freigabe ab 12 Jahren. Eine gnädigerweise auch Erwachsenen zugestandene Version ab 16 läuft erst in der Montagnacht um 00:35 und täglich ab 22 Uhr in der Mediathek.

Wenn man ihn für Filme als Schauspieler engagiert, ist Werner Herzog, der sich mit solchen Auftritten seine eigenen Filme finanziert, in der Regel auf finsterste Bösewichte abonniert: "Ganz anders als im richtigen Leben", sagt der bayerische Kino-Berserker im Welt-Interview, anlässlich des Europäischen Filmpreises, der ihm heute Abend für das Lebenswerk verliehen wird. "Meine Frau würde ihnen bestätigen, dass ich ein kuscheliger Gatte bin."

Besagte Verleihung des Europäischen Filmpreises wird von der anhaltenden MeToo-Kontroverse um Roman Polanski überschattet, wie Andreas Busche im Tagesspiegel berichtet. Für Deutschland nominiert ist unter anderem Nora Fingscheidts "Systemsprenger" über ein eskalierendes Kind (unsere Kritik). Mit dessen Darstellerin Helena Zengel hat sich Gunda Bartels für den Tagesspiegel getroffen. Besprochen wird Markus Schleinzers "Angelo" über Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert aus Afrika nach Wien verschleppt wurde (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2019 - Film

Szene aus Mizoguchis "Street of Shame", 1956

Das Berliner Kino Arsenal ehrt den japanischen Meisterregisseur Kenji Mizoguchi mit einer großen Retrospektive. Seine bekanntesten Filme - meist in der japanischen Vergangenheit angesiedelt - sind die für sein Gesamtwerk eher untypischen, schreibt Lukas Foerster im Tagesspiegel: Üblicherweise spielen Mizoguchis Filme "in Städten und in oder nicht allzu weit entfernt von der Gegenwart; und sie erzählen Geschichten von Frauen. Von Prostituierten, Geishas und Schauspielerinnen, von den Härten weiblicher Biografien am unteren Ende der sozialen Stufenleiter, wo Sexarbeit und Bühnenentertainment, als zwei Formen der Monetarisierung von Körpern, kaum voneinander zu trennen sind. ... Gerade heute, wo weibliche Rollenbilder mit Handlungsmacht eingefordert werden, als würden imaginäre Lösungen auf der Leinwand die realen Probleme beseitigen, lohnt es sich, ein Werk zu entdecken, das die Bedingungen weiblicher Hilflosigkeit ins Bild setzt. Das Leid, von dem die Filme erzählen, ist systemisch."

Auch Robert Wagner schreibt auf critic.de über die Melodramen Mizoguchis, in denen "das Individuum gegen die Gesellschaft steht, die Moderne gegen die Tradition, die Freiheit gegen die Pflicht, die Aussicht auf Glück gegen eine Welt, in der ein solches nicht möglich ist. ... Bei dieser Konzentration auf Stil und Leid sollte jedoch nicht der Witz unter den Tisch fallen, der ebenfalls in Mizoguchis Filmen steckt. Anders als bei Ozu ist dieser nicht versöhnlich und verspielt. Garstig ist Mizoguchis Witz, bitter, fatalistisch und … implizit. Dem Erhabenen und Eleganten seiner Filme haftet dadurch etwas Giftiges an. Das teilweise esoterische Leiden erhält so einen Bruch, der verhindert, dass die Schönheit ins Triste umschlägt." Arte hat einen Videoessay über Mizoguchi online:


"Ich habe die Tendenz, Städte romantisch zu filmen", räumt Woody Allen im Standard-Interview über seinen neuen, in der SZ auch von Fritz Göttler hymnisch besprochenen Film "A Rainy Day in New York" (hier bereits mehr dazu) ein. "Das New York von Spike Lee ist natürlich anders. Ich sehe es idealisiert. Mit den Farben und dem Licht, das ich auswähle, kann der Stadt selbst ein Regentag nichts anhaben. Das würden viele anders sehen. Sie würden darüber fluchen, dass sie keine Taxis bekommen."

Weiteres: In Mannheim diskutierten Betreiber kommunaler Kinos über die Zukunft ihrer Branche, berichtet Daniel Kothenschulte in der FR. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Filmemacher Alain Tanner zum 90. Geburtstag. Vinzenz Hediger schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser.

Besprochen werden Marco Tullio Giordanas Drama "Nome di donna" über einen Fall sexueller Belästigung in den 90ern (Tagesspiegel, FAZ), Markus Schleinzers "Angelo" über einen afrikanischen Jungen, der im 18. Jahrhundert nach Wien verschleppt wird (Zeit) und die Serie "Dolly Parton's Heartstrings" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2019 - Film

Manchmal scheint hier auch die Sonne: "A Rainy Day in New York" von Woody Allen

Woody Allens Filme kann man insbesondere nach den im Zuge von #MeToo wieder laut gewordenen Vorwürfen aus den Neunzigern nicht mehr schauen, ohne sich zu diesem übergeordneten Diskurs zu verhalten, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Allens neuer Film "A Rainy Day" (mehr dazu bereits hier und dort) besteht vor diesem Hintergrund aber ohne weiteres als "scharfer Kommentar zum Zeitgeist, zum grassierenden Puritanismus in den westlichen Gesellschaften. ... Allen erzählt sarkastisch von den Gepflogenheiten seiner Branche. Die Männer entlarven sich in ihrer lächerlich-pompösen Art bald selbst. Und andererseits sind die Frauen hier nie besser als die Männer. Zugleich ist 'A Rainy Day in New York' natürlich - oder auch zum Teil wegen der gegenwärtigen Debatten um Anstand, Moral und Politik unserer Geschlechterbeziehungen - ein sehr oft witziger Film."

"Wunderbar gelungen" findet auch Manuel Brug in der Welt diesen Film - "einer seiner schönsten Filme seit Langem" -, den man zu seinem Bedauern ja gar nicht loben dürfe, was angesichts Brugs überaus schwärmerischer Kritik und den Kritiken seiner Kollegen allerdings wenig plausibel wirkt. Denn auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält diesen Film für einen großen Wurf im oft durchwachsenen Spätwerk des Regisseurs. Gescholten wurde der Film hier und da allerdings dafür, wie er die junge Elle Fanning als naive Fan-Journalistin hinstellt. Ist das "nun ein frauenfeindliches Klischee? Oder ist es nicht eher die männliche Unterhaltungsprominenz, die hier als Gockel vorgeführt wird? Was wurde Marilyn Monroe nicht zu Lebzeiten für den überwiegenden Teil ihrer Filmrollen kritisiert. Doch ebenso wenig wie ihre Blondinen bei Billy Wilder bloße 'Dummchen' blieben, bedient Fannings Rolle lediglich ein Vorurteil. Sie ist wunderbar, und wer ihr die Distanz, die sie dieser Rolle beigibt, nicht zutraut, ist selbst ein Frauenfeind."

Außerdem: Im Filmdienst spricht Anthony McCarten über sein Drehbuch zu dem (im Tagesspiegel und in der Welt besprochenen) Film "Die zwei Päpste", in dem es um ein Treffen zwischen Josef Ratzinger und den amtierenden Pontifex Jorge Mario Bergoglio geht. Außerdem unterhält sich der Filmdienst mit Simon Jaquement über dessen Film "Der Unschuldige". Oliver Geyer besucht für die Zeit in Bielefeld den Sammler Frank Becker, der analoge Filmrollen sammelt: 120.000 hat er bis jetzt, das größte private Filmarchiv Deutschlands.

Besprochen werden Cédric Le Gallos und Maxime Govares queere Schwimmbad-Komödie "Die glitzernden Garnelen" (Sissymag, taz), Mati Diops auf Netflix veröffentlichter Cannes-Favorit "Atlantique" (Filmdienst, mehr dazu bereits hier), Martin Scorseses "The Irishman" (Filmbulletin), Marco Tullio Giordanas Drama "Nome di donna" über einen Fall sexueller Belästigung in den 90ern (taz), Gustav Hofers und Luca Ragazzis Dokumentarfilm "Dicktatorship" über italienischen Machismo (FR), die italienische Komödie "Alles was du willst" von Francesco Bruni (taz), die Wiederaufführung von Paul Schraders "Mishima" (Sissymag), die britische DVD von King Hus restauriertem "The Fate of Lee Khan" aus dem Jahr 1973 (taz), Sydney Pollacks rekonstruierter Dokumentarfilm "Amazing Grace" über eine Studioperformance von Aretha Franklin (Jungle World, unsere Kritik hier), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Schönheit und Vergänglichkeit" über Sven Marquart, den Türsteher des Berghains (SZ), Éric Toledanos neue französische Komödie "Alles außer gewöhnlich" (SZ), "Le Jeune Ahmed" der Brüder Dardenne, der bei uns noch keinen Starttermin hat (NZZ, Filmbulletin, Kinozeit), Noah Baumbachs Scheidungsfilm "Marriage Story" und Bernhard Sallmanns Doku "Havelland Fontane" (beide Perlentaucher).
Stichwörter: Allen, Woody, Netflix

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2019 - Film

Jungfräulichkeit und 80er - wie schön, dass sie vorbei sind! Szene aus "Auerhaus"

Ein wenig schade findet es Richard Kämmerlings in der Welt, dass Neele Vollmars Verfilmung von Bov Bjergs Überraschungsbesteller "Auerhaus" über eine subkulturell angehauchte Dorf-WG in den 80ern neben verzeihlichen Kürzungen gerade beim Thema Depression nicht so recht den Ton trifft. "Es ist ja eben nicht so, dass es sich bei dieser Krankheit um ein kaputtes Tretlager handelte, das sich einfach so reparieren ließe. ... Bov Bjerg gelingt es auf virtuose Weise, den Schmerz, die Schuld, die Trauer auszubalancieren mit einer Ahnung von Glück, das die kurze, so katastrophal endende Zeit im Auerhaus erst rückblickend, in der Erinnerung freisetzen kann. Im Film scheint der ganze Sinn des Lebens allein darin zu liegen, seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Als Botschaft bleibt: eine seltsame Zeit, diese Achtzigerjahre, wie gut, dass sie vorbei sind!" Dlf Kultur hat mit der Regisseurin gesprochen.

Selbstbewusste Frauen: Woody Allens "A Rainy Day in New York"

Woody Allen bleibt mit "A Rainy Day in New York" (mehr dazu bereits hier) seiner filmischen Motivlage ziemlich treu, meint Maria Wiesner in der FAZ. Doch biete er "eine interessante Variation des Dauerthemas 'angeknackste Seelen in schwierigen Konstellationen', bei der sich die Frauenfiguren überraschend emanzipieren." Pygmalion-artige Erzählungen gibt es in Allens zwar Werken zuhauf, doch in der Figur der Chan gibt es in diesem Film eine selbstbewusste Ausnahme, die gegenüber der männlichen Figur "unbeeindruckt bleibt von seinen klugen Sprüchen und ihm vor Augen führt, dass er es sich als Opfer seines Privilegs, mit zu viel Geld geboren zu sein, sehr bequem gemacht hat und anderen dafür die Schuld gibt, dass er ambitionslos durchs Leben wankt". Auch Vittorio Storaros Kamerarbeit findet Wiesner exzellent.

Jeff Bridges wird 70. Ohne weiteres hätte der Mann in jungen Jahren den Weg gehen können, den Robert Redford und Richard Gere gegangen sind, schreibt Matt Sayles in der NZZ. Aber "der Ausnahmeschauspieler hat das scheinbare Nichtstun zur Kunstform erhoben. ... In einer Welt aus Starkult und Figuren, die größer als das Leben sind, pflegt Bridges auf und jenseits der Leinwand eine Jedermann-Persönlichkeit. Durchschnittlich ist an diesem Schauspieler aber rein gar nichts." Dietmar Dath schwärmt in der FAZ in wonniger Erinnerung an Bridges' werkdefinierende Arbeit in "The Big Lebowski": "Gebt ihm einen verratzten Bademantel und einen Klecks Bartunkraut am Kinn, schon kann er sich in seine eigene Legende legen wie in eine Hängematte", denn dann ist er "'der Dude', wie John Wayne früher 'der Duke'; ein weicher Konsonant ersetzt in der Geschichte maskulinen Rollenverhaltens also einen harten, der ganze Unterschied dahinter besteht darin, dass John Wayne einer war, hinter dem man in Deckung geht, wenn geschossen wird, während Bridges eher einer ist, an den man sich auf der Couch anlehnt, wenn der Tag mal wieder viel zu lang gedauert hat." In der SZ gratuliert Fritz Göttler.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.12.2019 - Film

Elle Fanning in Woody Allens "A Rainy Day in New York"

Kann man einen neuen Woody-Allen-Film, wie jetzt gerade "A Rainy Day in New York", noch schauen, ohne dabei an die an ihn gerichteten, allerdings auch zumindest ziemlich strittigen Vorwürfe zu denken, die minderjährige Stieftochter sexuell missbraucht zu haben? Das fragt sich jedenfalls Christiane Peitz im Tagesspiegel - hat aber irgendwann von dem Film gehörig die Nase voll, in dem es vor allem um junge Frauen geht, die ältere Männer anhimmeln: "Selbst wenn der Fall je geklärt werden und er unschuldig sein sollte: Figuren wie die dumme Blondine oder sich 'hochschlafende' Frauen haben in dieser Vielzahl nichts auf der Leinwand zu suchen. Jedenfalls nicht in einer Romanze. ... Diesmal ist es umgekehrt: Das Werk kontaminiert die Wahrnehmung des Künstlers. Woody Allen hat sich in die Trotzecke manövriert."

Weiteres: Elisabeth Bauer berichtet in der taz vom Andrei-Tarkowski-Filmfestival Zerkalo in Iwanowo. Claudia Bröll stellt in der FAZ das Labia Theatre in Kappstadt vor, das als "ältestes unabhängiges Programmkino in Südafrika" bezeichnet wird. Rainer Knepperges liefert auf New Filmkritik eine neue Ausgabe seiner Bild/Text-Collagen-Reihe "Auge und Umkreis". Besprochen werden Sam Levinsons HBO-Serie "Euphoria", für ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt die passende Serie zur Opioid-Krise in den USA, die Netflix-Serie "The Spy" mit Sacha Baron Cohen (NZZ) und "Hustlers" mit Jennifer Lopez (SZ).
Stichwörter: Allen, Woody, Netflix

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.12.2019 - Film

Anlässlich der Veröffentlichung von Harun Farockis gesammelten Texten aus den Jahren von 1976 und 1985 hat das CrimeMag dessen ursprünglich 1982 veröffentlichten Essay über Charles Laughtons einzige Regiearbeit "The Night of the Hunter" online gestellt. Artforum veröffentlicht die traditionelle Jahresbestenliste von Trashpapst John Waters. Auf der Spitzenposition: "Climax" von Gaspar Noé.

Besprochen werden Mariko Maniguchis Debütspielfilm "Mein Ende. Dein Anfang." (taz), Roger Eggers' Kunsthorrorfilm "The Lighthouse" (Standard, Freitag, mehr dazu hier), der rekonstruierte Aretha-Franklin-Konzertfilm "Amazing Grace" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), der CIA-Thriller "The Report" mit Adam Driver (taz) und Jens Rostecks Biografie über Jeanne Moreau (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.11.2019 - Film

Die BBC hat bei Kritikerinnen und Kritikern nachgefragt und eine Liste der 100 besten Filme von Filmemacherinnen zusammengestellt. Gut gemeint, aber doch vergeigt, meint Daniel Kothenschulte im Monopol-Magazin angesichts des "erschreckend konservativen" Ergebnisses. Die Liste verfestigt den verzerrten Eindruck, "Filme von Frauen hätte es bis vor einigen Jahren kaum gegeben", denn zahlreiche wichtige von Frauen gedrehte Klassiker fehlen auf der Liste, manche Pionierin taucht erst weit hinten in der Liste auf, der Experimentalfilm fehlt quasi völlig. "Noch "nicht einmal die wichtigste Hollywood-Regisseurin der 30er-Jahre, Dorothy Arzner ('Christopher Strong'), hat es in den Poll geschafft. Wenn das Vorurteil, Frauen hätten in der Filmgeschichte lange keine Rolle gespielt, noch auf eine Bestätigung gewartet hat, dann kommt die BBC-Liste gerade recht. Als einzige Regisseurin ihrer Zeit kommt ausgerechnet Leni Riefenstahl zu Ehren. Stets waren es britische Kritiker, die seit den 60er-Jahren ihr Andenken hoch hielten und die Diskussion über den Kunstwert filmischer NS-Propaganda am Leben hielten."

Rüdger Suchsland geißelt in seiner Artechock-Kolumne den "kulturellen Populismus", der im deutschen Filmbetrieb Raum greift: Was sich vordergründig egalitär gibt, ist in Wahrheit nur zynische Anti-Intellektualität, bei der lediglich wütenden Leserbriefschreiber nach dem Mund geredet werde: "Solche kulturellen Wutbürger bestätigen die kulturellen Populisten, jene Patriarchen in den Fördergremien, den Sendern und unter den Festivalmachern, die per jahrelanger Gehirnwäsche ihr Publikum dem eigenen Unbewusstseinsstand angepasst haben. Fixiert ans Immergleiche verlangt das Publikum heute genau dieses. Das nennt man dann den Wunsch des Publikums. Er wird durch die Algorithmen der Streamingdienste perfektioniert werden, so weit, dass, wie heute schon über weite Strecken, immer der gleiche Film entsteht."

Weiteres: Im Filmdienst-Blog stellt Matthias Dell das Erfurter Projekt "Kino in der DDR" vor, das sich der DDR-Alltagsgeschichte widmen will. Besprochen werden Mariko Minoguchis Debütfilm "Mein Ende. Dein Anfang." (critic.de), Sydney Pollacks rekonstruierter Dokumentarfilm "Amazing Grace" über die Live-Aufnahmen eines Aretha-Franklin-Albums (SZ, unsere Kritik hier), Roger Eggers' "Der Leuchtturm" (Tagesspiegel, online nachgereicht aus der FAZ, mehr dazu bereits hier), Markus Schleinzers "Angelo" (critic.de) und die deutsche Netflix-Weihnachtsserie "Zeit der Geheimnisse" (Presse).