Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2017 - Film

Ein Jahr, drei Festivals, drei Filme, alle mit der neuen Lebensgefährtin Kim Min-hee - es läuft für Hong Sang-Soo, stellt Dominik Kamalzadeh im Standard fest. "The Day After", der zweite Film dieser Quasi-Trilogie "ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie Hong - darin Verwandter von Meisterregisseur Eric Rohmer -, archetypische Begehrensmuster zu philosophischen Etüden über die Zerrissenheit seiner Figuren weiterspinnt." Dass der Regisseur sich auch mit diesem Film treu bleibt, zeigen auch die drei Clips aus dem Film, die auf Youtube stehen: In allen dreien sitzen ein Mann und eine Frau am Tisch - im dritten fehlen auch die typischen Bierflaschen nicht - und reden.



David Steinitz erzählt in der SZ die Geschichte der Besetzungscouch - und verweist dabei auch Kenneth Angers berüchtigten, genüsslich Skandale auswälzenden Klassiker "Hollywood Babylon" auf seinen Platz: Hier werde die Casting Couch "zum Mythos, zu einer anrüchigen, aber durchaus branchenüblichen Institution, die von Männern und Frauen gleichermaßen als Mittel zum Zweck benutzt wird. Das mag in manchen Fällen natürlich zutreffen, doch zeigen gerade die Vorwürfe gegen den Produzenten Harvey Weinstein, dass es sich bei der Couch auch schlicht und einfach um ein verharmlosendes Synonym für Missbrauch handeln kann."

Im Freitag befasst sich Isabella Reicher mit den "recaps", den kurzen Sequenzen vor neuen Serien-Episoden, die die bisherigen Geschehnisse zusammenfassen: Diese Form der filmischen Mini-Zusammenfassung sei dank des Wandels im Rezeptionsverhalten vom Aussterben bedroht - und wandere vor allem im englischsprachigen Raum ab ins Internet, wo die wöchentliche Kolumne zu neuen Episoden populärer Serien mittlerweile ein eigenes journalistisches Genre bildet.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "78/52", der Schnitt und Schnitt und Stich für Stich die berühmte Duschszene aus Alfred Hitchocks "Psycho" seziert (Standard), die neuen Folgen von "Curb Your Enthusiasm" mit Larry David (FR), der Tennisfilm "Borg/McEnroe" (ZeitOnline) und der Thriller "Der Schneemann" mit Michael Fassbender (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2017 - Film

Für die Spex hat sich Ester Cara mit Annett Busch und Tobias Hering zusammengesetzt, die eine Berliner Ausstellung über das Schaffen und Wirken des Filmduos Huillet/Straub kuratiert haben. Für Busch ist das Gespann mit seiner filmischen Askese und dem formalen Rigorismus "Punk drei Schritte weitergedacht. Eine ziemlich komplexe und zugleich radikal einfache Provokation." Und für Tobias Hering sind sie "radikal auch deswegen, weil sie etwas ganz einfaches mit den Grundelementen des Kinos machten."

Besprochen werden die laut Renate Stih glänzend kuratierte Schau "Bestiale" über Tiere im Kino im Filmmuseum Turin (taz) und Na Hongjins Horrorfilm "The Wailing" (SZ) sowie zwei Berliner Ausstellungen sowie eine Retrospektive zum Schaffen Harun Farockis (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2017 - Film

Um David France' Netflix-Doku über das Leben der schwarzen New Yorker Trans-Ikone Marsha P. Johnson ist eine heftige Debatte entflammt, die Eva-Maria Tepest in der taz zusammenfasst und historisch kontextualisiert: So erhebe die von Armut betroffene Reina Gossett Vorwürfe, dass der Film ihre Recherchen zu einem eigenen Film über Johnson ausbeute - dabei geht "es um mehr als Urheberschaft", erklärt Tepest. "Es geht um die Frage, inwieweit sich eine weiße Kulturindustrie das Schaffen Schwarzer und queerer Künstler*innen aneignet und verkauft."

Weiteres: Für den Freitag spricht Behrang Samsani mit der Schauspielerin Eva Manhardt, die in den 70ern in zwei Filmen des im deutschen Exil arbeitenden, iranischen Regisseurs Sohrab Shahid Saless mitgespielt hat. Die Academy hat Harvey Weinstein ausgeschlossen, meldet Tobias Kniebe in der SZ. David Steinitz gratuliert in der SZ dem Komödienregisseur David Zucker zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Dominik Grafs gestern im Ersten gezeigter RAF-Tatort "Der rote Schatten" (ZeitOnline, NZZ, FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2017 - Film

40 Jahre Deutscher Herbst - zum Jahrestag gönnt sich das Erste am kommenden Sonntag einen von Dominik Graf inszenierten "Tatort" zum Thema. Der Filmemacher perspektiviert darin den Fall der Toten von Stammheim mit einer auf zwei Zeitebenen erzählten Geschichte neu. Das wird zu Kontroversen führen, verspricht Markus Ehrenberg im Tagesspiegel. Denn Graf tische einiges auf: "Verschwörungstheorien, 'Tagesschau'-Szenen von den RAF-Morden an Buback und Schleyer, Fake-Doku-Bilder, Liebe zwischen V-Mann und Terroristin, der Verfassungsschutz, der Delikte eines Ex-Mitarbeiters deckt, eine Staatsanwältin (Carolina Vera), die mit jüngeren Männern schläft und sich damit angreifbar macht. Formal ist das natürlich vom Feinsten. Ein Cineasten-Krimi im True-Crime-Modus."

Oliver Jungen lobt in der FAZ "die hysterisch verunsicherte Atmosphäre der siebziger Jahre, in der alle Seiten einander belauerten und sich jede Untat zutrauten", die Graf und sein Team hier erzielen. Besonders gefällt ihm, dass es Graf im Bezug auf den linken Terrorismus gelinge, "ein ungeschöntes Porträt seiner hässlichen Fratze abzuliefern: Nichts, aber auch gar nichts ist hier glorios am roten Terror, sondern alles schmutzig, korrupt und ausweglos."

Weiteres: Der Weinstein-Skandal weitet sich aus: Nun sieht sich auch der Vizepräsident von Amazon Studios, Roy Price, mit dem Vorwurf sexueller Belästigung konfrontiert, meldet Kurt Sagatz im Tagesspiegel. Im BR2-Feature erklimmen Markus Metz und Georg Seeßlen den Gipfel des Bergfilms.

Besprochen werden neue Honecker-Komödien (Freitag), der Science-Fiction-Film "What Happened to Monday" mit Noomi Rapace (Standard), Denis Villeneuves "Blade Runner 2049" (Freitag) und die deutsche Groß-Serie "Babylon Berlin" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2017 - Film

Ach, sieh an: Über die in den 20ern spielende, auf Volker Kutschers Gereon-Rath-Krimis basierende Groß-Serie "Babylon Berlin", von den Feuilletons im rhetorischen Überbietungsdruck hochgejazzt, kann man also auch nüchtern schreiben. Barbara Schweizerhof macht es im Freitag vor: "Im Herzen" bleibe die von Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten umgesetzte Serie zwar "ein Krimi, und zwar ein Fernsehkrimi der typisch deutschen Art, wie er das Programm seit Jahren dominiert. ... 'Babylon Berlin' verhandelt weniger die Weimarer Zeit als Epoche der gefährdeten Demokratie, als Nährboden des kommenden Faschismus, sondern die Inszenierung sucht vielmehr Anschluss an die großen kulturellen Mythen von damals, an das Berlin von Doktor Mabuse und 'M - Eine Stadt sucht einen Mörder', an 'Caligari' und 'Cabaret' mit ein bisschen 'Viktor und Viktoria' mit drin." Doch "sind es genau die Momente, die frei sind von der Überdeterminierung durch Historie, Mythos oder Filmgeschichte, in denen man die Serie zu genießen beginnt. Sie ist übrigens sehr unterhaltsam."

Angenehm unaufgeregt auch Claudia Schwartz in der NZZ, der in der Serie vor allem auch ins Auge sticht, wie wenig das Nachwende-Berlin sich auf das Berlin der 20er reimt - obwohl genau diese angebliche Parallele immer wieder beschworen wurde. "'Babylon Berlin' macht gerade in seiner Zeichnung der Proletarierarmut, der Kriegsversehrtheit der Menschen, der antidemokratischen Kräfte auch deutlich, wie falsch diese Assoziation war. Die Gegenwart ist nicht wie die Vergangenheit und umgekehrt; auch Analogien zwischen der Weimarer Republik und der AfD, wie sie bereits im Vorfeld der feierlichen Berliner Kinopremiere geäußert wurden, verkennen den historischen Kontext. Ob es dem filmischen Werk gelingt, diesen auszudifferenzieren, wird sich weisen."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek plaudert in der Welt mit Jörg Schüttauf, der in der (etwa im Tagesspiegel besprochenen) Komödie "Vorwärts immer" in einer Doppelrolle Erich Honecker spielt.

Besprochen werden Michael Hanekes "Happy End" (FR, Tagesspiegel, Zeit), Na Hong-jins Horrorfilm "The Wailing - die Besessenen" (FR), Matthias Heeders und Monika Hilschers Dokumentarfilm "Pre-Crime" (Tagesspiegel) sowie Marieke Schroeders Dokumentarfilm "Schumanns Bargespräche" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2017 - Film

Alexej Utschitels Film "Mathilde" über die Liebschaft zwischen dem letzten russischen Zaren Nikolaus dem Zweiten und der Primaballerina Matilda Kschessinskaja hat in Russland den Unmut der Religiöskonservativen erregt, erzählt Alice Bota im Aufmacher des Zeit-Feuilletons. Die Empörung hat Folgen: In Utschitels Filmstudio "flogen Molotowcocktails; in Jekaterinburg bretterte jemand mit einem mit Gasbehältern beladenen Transporter in das Kino, das 'Mathilde' zeigen wollte; zwei Autos vor der Kanzlei seines Anwalts brannten aus, versehen mit dem Schreiben: 'Brennt für Matilda'." Zahlreiche Kinos nehmen den Film deshalb aus dem Programm. Daneben versichert Hauptdarsteller Lars Eidinger, dass er nicht zur Premiere nach Moskau kommen kann, nachdem er im Netz denunziert wurde: "Ich kämpfe nicht. Das ist mir viel zu gefährlich."

In ihrer Dokumentation "Pre-Crime" befassen sich Matthias Heeder und Monika Hielsche mit der Wirkmacht von Algorithmen, die die Wahrscheinlichkeit von Verbrechen in bestimmten Gegenden vorab errechnen sollen. Für die SZ hat Juliane Liebert mit Heeder über den Film gesprochen. Insbesondere ein junger Schwarzer in Chicago steht im Vordergrund des Films, der "nie ein wirkliches Verbrechen begangen hat", aber dennoch in den Datenbanken als als potenzieller Täter geführt wird. Und das in allererster Linie, weil "sein Freund ermordet wurde, ein halbes Jahr, bevor wir da waren. Das hat ihn in diesem Punktesystem nach oben katapultiert. Und zwar ausschließlich vor dem Hintergrund, dass er mit jemandem befreundet war, der Opfer eines Mordes wurde." Patrick Beuth findet den Film auf ZeitOnline unterdessen zu "einseitig".

Weiteres: Die Feuilletons leisten brav ihren Anteil, um Tom Tykwers, Achim von Borries' und Hendrik Handloegtens Serie "Babylon Berlin", die auf Volker Kutschers im Berlin der 20er spielender Krimireihe basiert, zum Großereignis hochzujazzen. In der FAZ ist heute Andreas Kilb an der Reihe: Nichts weniger als "triumphal" sei die Serie, danach sehe "die Ikonografie des 20. Jahrhunderts im filmischen Medium anders aus". Für die NZZ plaudert René Scheu mit Moritz Bleibtreu. Unter anderem geht es um den Wandel in der Filmförderung: "Die öffentliche Hand will heutzutage Kultur fördern und trotzdem Bares sehen."

Besprochen werden Michael Hanekes Bourgeoisie-Satire "Happy End" (NZZ, taz, Welt), Noah Baumbachs auf Netflix veröffentlichte Komödie "The Meyerowitz Stories" (Tagesspiegel), Ronny Trockers Südtiroler Gebirgshoffilm "Die Einsiedler" (taz), Janus Metz Pedersens Sportlerfilm "Borg/McEnroe" (NZZ), Na Hong-jins Horrorfilm "The Wailing" (taz) und der vom Ersten online gestellte Fernsehfilm "Zuckersand" über eine Kindheit in der DDR (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2017 - Film

Der Fall Harvey Weinstein lässt Bert Rebhandl im Standard über die "Ambivalenz eines Missverhältnisses zwischen Macht, Geld, Wahrheit und Recht" nachdenken: Es werde "nicht nur eine ganze Reihe von 'settlements' offenbar, sondern es wird auch wieder einmal deutlich, dass es eine ganze Industrie gibt, die mit der heiklen Balance der 'power dynamics' beschäftigt war." Christiane Peitz ärgert sich im Tagesspiegel über Weinsteins Reaktion, der sich zwar reuig zeige, dabei aber auf die 60er und 70er verweist, in denen er nun einmal aufgewachsen ist: Darin schwinge "der Chauvinismus einer lange als fortschrittlich geltenden Libertinage mit, die sexuelle Befreiung mit dem Recht auf Übergriffigkeit gleichsetzt".

Unterdessen kriegt die Geschichte um Weinstein einen neuen Dreh: Gestern veröffentlichte der New Yorker eine Reportage von Ronan Farrow, in der zahlreiche Frauen, darunter die Schauspielerin Asia Argento, davon berichten, von Weinstein nicht nur sexuell belästigt, sondern darüber hinaus auch vergewaltigt worden zu sein. In einem Gespräch mit The Daily Beast hat sich nun mit George Clooney endlich auch einer der schweigsamen Nutznießer Weinsteins zu Wort gemeldet: "Wir müssen alle viele achtsamer sein und nach Warnsignalen Ausschau halten", fordert er. "Früher haben die Leute solchen Anzeichen nicht ausreichend Beachtung geschenkt. Jetzt müssen wir das. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir solchen Leuten soviel Angst einjagen sollten, damit sie sich anders verhalten."

Schwenk nach Europa: Für Philipp Stadelmaier von der SZ liegt im Titel "Happy End" des neuen Michael-Haneke-Films auch ein Abschied des Regisseurs von seinem eigenen Kino. Hanekes Filme handeln Stadelmaier zufolge oft vom Zuschauen, von der Verführung zum Voyeurismus und der Kritik daran durch Schock. Zwar konfrontiere Haneke "seine Zuschauer immer noch mit ihrer Rolle - aber eher, um zu testen, ob sie eigentlich frühere Haneke-Filme gesehen haben. ... Irgendwann sieht man den Clip eines Youtubers, der Kinderbilder von sich zeigt und sich mit schriller Stimme darüber lustig macht. Dieser abgestumpfte Bursche lässt sich schwerlich von einem Haneke schockieren. Er ist der Zuschauer seiner eigenen Bilder. Keiner braucht mehr das Kino und seine Meister."

Weiteres: Im Tagesspiegel spricht Susanne Ehlerding mit Norbert G. Suchanek, der in Berlin das Uranium Film Festival gegründert hat, bei dem es "darum geht, Aufmerksamkeit schaffen, das Thema unter die Leute zu bringen und zu zeigen, dass Atomkraft mit Uran zusammenhängt." Besprochen werden die auf TNT ausgestrahlte Science-Fiction-Serie "Colony" (FAZ) und die auf ZDFNeo gezeigte Serie "Sylvia's Cats" (FR, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2017 - Film

Auf Facebook verabschiedet sich Terry Gilliam vom französischen Schauspieler Jean Rochefort, den er ursprünglich als seinen Don Quixote besetzen wollte. Besprochen wird Alain Gomis' "Félicité" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2017 - Film



Im Freitag lobt Jan Künemund Alain Gomis' kongolesisches Drama "Félicité": Erstaunlich sei, "wie konsequent der Film seine Bilder aus sozialen Verhältnissen herausarbeitet und sie gleichzeitig durchgängig ambivalent macht." Zu sehen gibt es jedoch "keine Zupoetisierung eines trostlosen Alltags, keine Verzauberung der Verhältnisse. Jedes Bild beharrt darauf, mehrdeutig gelesen werden zu können. Gomis öffnet für seine Heldinnen und Helden (...) selbstgemachte Schwellenfreiräume." Hier unsere Kritik von der Berlinale, wo der Film den Silbernen Bären gewann.

Jan Fehses Komödie "Unter deutschen Betten" mit Veronica Ferres hat in SZ-Kritiker Philipp Bovermann definitiv keinen Freund gefunden: "Der Film ein Lehrstück für alles, was an deutschen Komödien blöd ist: schriller Hupsala-Humor, der keinem wehtut, großzügige Ignoranz gegenüber der Außenwelt."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek spricht in der Welt mit Michael Haneke über dessen neuen Film "Happy End". Jenni Zylka denkt auf ZeitOnline über Actionheldinnen nach und die Frage, ob deren Häufung auf der Leinwand nun aus feministischen Gründen zu befürworten sei. Urs Buehler zieht in der NZZ Bilanz nach dem Filmfest Zürich. "Verdientermaßen" wurde dort die Regisseurin Kirsten Tan für ihren Film "Pop Aye" ausgewiesen, schreibt Susanne Ostwald ebenfalls in der NZZ.

Besprochen werden der Trickfilm "My Little Pony" (FAZ) und die Ausstellung "Alles dreht sich... und bewegt sich - der Tanz und das Kino" im Filmmuseum in Potsdam (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2017 - Film

Für die Berliner Zeitung spricht Christina Bylow ausführlich mit Michael Haneke über dessen neuen Film "Happy End", der von der Begegnung einer bürgerlichen Familie in Calais mit Migranten erzählt. Ihm gehe es mit dem Film nicht um Flüchtlinge, sagt Haneke, sondern "um unsere Haltung dazu. Ich kann gar keinen Film über Migration machen, weil ich darüber viel zu wenig weiß. Ich habe nicht mit Migranten gelebt. Natürlich werden dauernd irgendwelche Fernsehfilme über irgendwelche Themen gemacht, bei denen die Regisseure keine Ahnung haben, aber im Fernsehen werden eh nur Klischees abgehandelt. ... Wenn ich über das heutige Leben etwas sagen will, dann muss ich es auch wirklich kennen und nicht nur davon gelesen haben. Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Journalismus. Der Journalist muss recherchieren, zusammenfassen und auf den Punkt bringen, sprich, er vereinfacht die Dinge. Kunst muss sie verkomplizieren, auffächern und in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar machen."


James Franco (re.) als Tommy Wiseau in "The Disaster Artist"

Großes Vergnügen hatte FAZ-Kritiker Marco Schmidt beim Besuch des Filmfestivals in San Sebastián, wo James Francos "The Disaster Artist" mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet wurde: Der Film erzählt die Dreharbeiten zu Tommy Wiseaus "The Room", einem Drama von 2003, das krachend gescheitert ist und sich seitdem zu einem Kultfilm unter Trash-Liebhabern entwickelt hat. Francos Film darüber entpuppt sich als liebevolle Hommage: "Er imitiert nicht nur brillant Wiseaus skurrile Manierismen, sondern lässt auch seine Unsicherheit und Verletzlichkeit durchschimmern; er verspottet ihn nicht platt als talentlosen Verlierer, sondern nimmt ihn und seine Künstlerträume durchaus ernst." Weniger ernst nimmt ihn der Nostalgia Critic in dieser ausführlichen Video-Besprechung:



Jenni Zylka freut sich in der taz über den Detail- und Ausstattungsreichtum der Großserie "Babylon Berlin", die ab 13. Oktober hinter der Paywall von Sky und erst in einem Jahr im freien Empfang der (diverse Millionen beisteuernden) ARD zu sehen sein wird. Basierend auf einem Kriminalroman von Volker Kutscher entwift die Serie vom Berlin der 20er Jahre "ein rundum atmosphärisches Sittenbild, in das man am liebsten einsteigen würde (...), nicht, weil es damals so schön war, sondern um endlich zu erleben, wie es sich anfühlte."

Karoline Meta Beisel und Katharina Riehl haben für eine große Reportage im Buch Zwei der SZ unterdessen herausgefunden, warum das deutsche Fernsehen oft zum Erbarmen hasenfüßig erscheint, wenn es um Qualitätsserien geht, sodass sich jetzt alle Hoffnungen auf "Babylon Berlin" legen müssen: Netflix und Co. gestatten ihren Autoren und Regisseuren große Freiheiten - "diese Freiheit ist kein Selbstzweck: Ein TV-Anbieter, der neue Abonnenten gewinnen will, muss mit seinen Programmen auffallen; für das Geschäftsmodell von ARD und ZDF, das ja letztlich keines ist, reicht es auch, wenn eine gewisse Zahl an Zuschauern jede Woche über 'In aller Freundschaft' oder einer 'Soko' einschläft."

Weiteres: Der Standard hat bei Filmschaffenden Erinnerungen an prägende Erlebnisse im Österreichischen Filmmuseum eingeholt, dessen Leiter Alexander Horwath jetzt seinen Posten verlässt. Thomas Schacher hat sich für die NZZ beim Filmfest Zürich die Finalisten für den besten Soundtrack angehört. Susanne Ostwald fragt sich in der NZZ zudem, wie sich das Filmfest Zürich künftig besser profilieren könnte. Thomas Stillbauer berichtet in der FR vom Frankfurter Jugendfilmfestival Lucas. Für die SZ spricht Johanna Adorján mit Denis Villeneuve über dessen "Blade Runner 2049" (hier unsere Kritik).

Besprochen werden Tarik Salehs Thriller "Die Nile Hilton Affäre" (Tagesspiegel), die Italo-Mafiaserie "Suburra" von Netflix (ZeitOnline), Adrian Goigingers "Die beste aller Welten" (Freitag) und Alain Gomis' "Felicité" (Jungle World).
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