Magazinrundschau

Grundstück, Kanone, blanke Augen, Gradara

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
08.04.2008. Die New Left Review stellt das einflussreichste intellektuelle Magazin Chinas vor. Outlook India fände es peinlich, den Dalai Lama peinlich zu finden. Die Generation "1.000 Euro" hat es ins italienische Kino geschafft, meldet Caffe Europa. In Nepszabadsag erklärt der Philosoph Gaspar Miklos Tamas, die Tage der antisemitischen Journalisten seien vorbei. Folio begeistert sich für die Kompositionen des Elektroingenieurs William Sethares. Vanity Fair nimmt den Chemie-Konzern Monsanto auseinander. Die Weltwoche empfiehlt eine Kulturgeschichte des abendländischen Geschlechtslebens.

New Left Review (UK), 01.04.2008

Dushu ist das wichtigste und einflussreichste intellektuelle Magazin Chinas. Seit 1979 fand darin die Auseinandersetzung mit westlicher Theorie vom Strukturalismus bis Habermas und Derrida statt (mehr hier). Nun ist eine sechsbändige - chinesische - Ausgabe mit den wichtigsten Texten von 1996 bis 2005 erschienen, einer Zeit, in der die Autoren der Zeitschrift ihre Kritik am wirtschaftlichen Liberalisierungskurs der Kommunistischen Partei verstärkten. Zhang Yongle stellt die Bände vor und zeichnet in seinem Artikel "Keine verbotenen Bezirke für die Literatur?" sehr ausführlich die bewegte Geschichte des Magazins nach: In der Umorientierung von Dushu seit Mitte der Neunziger "spiegelte sich die dramatische ideologische Kluft wider, die seither die kritischen Intelligenz spaltet, als viele der Autoren der Zeitschrift begannen, die Entwicklung in China zu kritisieren. Das war ein höchst kontroverser Standpunkt, der bald als der einer 'neuen Linken' oder gar als 'postmodern' gebrandmarkt wurde. Beide Bezeichnungen waren stark negativ konnotiert: es war seit den Siebzigern beinahe ein Skandal, wenn ein Intellektueller als 'links' (im Gegensatz zu 'liberal') bezeichnet wurde, da die Mehrheit der Intelligentsia zum Opfer der ultralinken Politik der Kommunistischen Partei geworden war. Postmodern war aber noch seltsamer, denn wie konnte man als Intellektueller das Ideal westlicher Modernisierung in einer dem Fortschritt so sehr hinterherhinkenden Gesellschaft wie China kritisieren?"
Stichwörter: Derrida

Outlook India (Indien), 14.04.2008

Die Präsenz des Dalai Lama in Indien ist eine sehr heikle Angelegenheit für die - wirtschaftlich ganz hervorragenden - Beziehungen zu China. "Ist er ein Problem für Indien?" fragt der Titel. Anjali Puri sieht vor allem die Bedeutung, die die Frage für das indische Selbstverständnis hat: "Der Wissenschaftler Srikanth Kondapalli meint: 'Es hat etwas zu bedeuten, dass der Dalai Lama, als er China verlassen musste, nach Indien kam.' Er glaubt, dass die indische Zivilgesellschaft, ohne dass es so deutlich gesagt würde, auf seiner Seite ist: 'Es könnte nie zu einer Demonstration gegen den Dalai Lama kommen.' Geht es dabei noch um etwas anderes, jenseits der Politik? Schließlich zeigt unsere Umfrage, dass 73 Prozent der Befragten ihn als geistigen, nicht als politischen Führer sehen... Könnte es sein, dass wir uns selbst peinlich wären, wenn er uns peinlich wäre?"

Zum selben Thema erklärt der Bollywood-Superstar Aamir Khan ("Lagaan"), der einer der indischen Fackelträger sein wird: "Wenn ich am 17. April die Fackel übernehme, dann nicht, um China zu unterstützen. Vielmehr werde ich es mit einem Gebet in meinem Herzen für das Volk von Tibet tun, und für alle Völker auf der Welt, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen sind."
Stichwörter: Bollywood, Dalai Lama, Tibet

Caffe Europa (Italien), 07.04.2008

Nicht nur in Berlin wird über das neue Prekariat diskutiert, sondern auch in Italien. Nach dem Abschluss des Studiums gelingt es vielen jungen Akademikern nicht, eine feste Stelle zu bekommen, Gelegenheitsjobs und Zeitverträge werden zur Regel. Endlich hat auch das Kino diese "Generation 1.000 Euro" entdeckt, stellt Paola Casella freudig fest. Am populärsten ist Paolo Virzis Film "Tutta la vita davanti", der laut Casella die schleichende Entwürdigung des prekären Arbeitnehmers recht gut illustriert. "Das einzige, was man Virzi vorwerfen könnte, ist die Schilderung des Call Centers in Science-Fiction-Manier als kubrickschen Ort. So können sich die Zuschauer, die nicht der Generation 1.000 Euro angehören, noch vormachen, dass hier nur von Extremformen erzählt wird, und nicht von der Realität der meisten Jungen (und nicht mehr so Jungen): Anwälte, Ärzte, Journalisten, Postboten, Ministerialangestellte."

Giampaolo Pansa, italienischer Schriftsteller und Journalist, macht im Gespräch mit Elisabetta Ambrosi das verlotterte Bildungssystem für die verlotterten Sitten verantwortlich. "Zuallererst müssen man an allen Fakultäten die Studentenzahl auf ein bestimmtes Maß beschränken, nicht nur an den Wirtschaftsschulen, sondern an allen Hochschulen. Die philosophische Fakultät in Modena zum Beispiel dürfte nicht mehr als vierzig Studenten im Jahr zulassen. Die anderen bleiben draußen. Zweitens müsste man strengstens überwachen, wie sich die Angestellten benehmen. Es darf keine Tändeleien zwischen Studenten und Dozenten geben!"
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Archiv: Caffe Europa

New Yorker (USA), 14.04.2008

Jeffrey Toobin setzt sich mit der nächsten Stufe in Guantanamo auseinander und fragt sich, was nach der von allen Seiten geforderten Schließung des Gefangenenlagers mit den Häftlingen geschehen wird. "Von den derzeit rund 275 Gefangenen in Guantanamo sind etwa 60 für eine Verlegung anerkannt, sofern Länder gefunden werden können, die sie aufnehmen. (Ein komplizierter Punkt angesichts der Tatsache, dass die Vereinigten Staaten nicht imstande waren, Übergaberegelungen zu treffen, insbesondere mit dem Jemen. Andere Häftlinge geben an, dass sie in ihren Heimatländern gefoltert werden würden; Fälle von Algeriern und Tunesiern sind derzeit noch vor dem Federal Court in Washington anhängig.) Bei den verbleibenden Gefangenen erwartet [der Brigadegeneral Thomas W.] Hartmann, dass nur für sechzig oder achtzig von ihnen ausreichend Beweise vorliegen, um Anklage erheben zu können. Kurz: Es gibt über 130 Häftlinge, für die die Verwaltungsbeamten keinen Plan haben, abgesehen von unbestimmter Haftdauer ohne Verhandlung."

Weiteres: Ian Parker schildert erschöpfend die Mühe, die hinter dem unangestrengten Charme von George Clooney steckt. Zu lesen sind außerdem die Erzählung "The Lie" von T.C. Boyle und Lyrik von Emily Moore und Michael Longley. Louis Menand bespricht Nicholson Bakers neuen Roman "Human Smoke". Peter Schjeldahl führt durch eine Retrospektive des japanischen Künstlers Takashi Murakami im Brooklyn Museum. Gary Giddins hörte ein Konzert von Ornette Coleman in der Town Hall. Und Anthony Lane sah im Kino Martin Scorceses Stones-Film "Shine a Light".

Nur im Print: Jane Kramer über Israel und Palästina und eine Reportage über die sonderbaren Kandidaten für das Bürgermeisteramt in London.
Archiv: New Yorker

Nepszabadsag (Ungarn), 05.04.2008

"1967 haben die jüdischen Journalisten Israel beschimpft, und heute beschimpfen sie die Araber. Und die Fidesz. Und uns. Weil sie uns mehr hassen, als wir sie. Sie sind unsere 'Anlass-Juden', deren bloße Existenz uns veranlasst, antisemitisch zu sein...", schrieb der Publizist Zsolt Bayer am 19. März in der Tageszeitung Magyar Hirlap. Der Philosoph Gaspar Miklos Tamas nimmt das zum Anlass, diese Art von Publizistik in den Orkus zu weisen: "Die judenfeindliche Hetze in Ungarn befindet sich heute - als Teil der allgemeinen Dekadenz - auf einem viel niedrigeren Niveau als früher. Während der einstige Antisemitismus, und war er noch so ekelhaft, mit den 'Schicksalsfragen' des Vaterlandes verbunden war, ist er heute Teil der schrecklichen und zugleich jämmerlichen Krise des verfallenden demokratischen Politisierens. Man trifft auf erbärmliche Logiken: Der Vorwurf des Antisemitismus sei ein 'Ablenkungsmanöver' der Regierung. Dabei lenken gerade jene von den brennend aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen ab, die gegen Juden hetzen. Platte und kurzlebige Aufmerksamkeit kann damit noch erzielt werden, ihre Zeit ist aber längst vorbei. Deshalb ist es für unsere antisemitischen Kollegen soweit, den Beruf zu wechseln - falls sie noch etwas an Talent besitzen."
Archiv: Nepszabadsag

London Review of Books (UK), 10.04.2008

Elif Batuman erklärt mit Blick auf aktuelle Comic-Neuerscheinungen die Attraktivität von Super- und auch neueren Comic-Helden: Ihr Doppelcharakter ist das, was uns fasziniert. "In einem Essay über Superman hat Umberto Eco die Superhelden-Comics grundsätzlich als Amalgam von 'mythopoetischen' und 'romanhaften' Narrativen beschrieben: Superman ist gleichzeitig ein episch-ewiger Held, der außerhalb der Zeit existiert (der Mann aus Stahl) und ein 'konsumierbarer' romantisch-romanhafter Held (Clark Kent), der Woche für Woche älter wird. Diese zwei Heldentypen korrespondieren mit der Doppelnatur des Comic-Mediums als Hybrid aus Worten und Bildern."

Weitere Artikel: Der Bürgerrechtsanwalt Gareth Peirce vergleicht die Lage der Muslime in Großbritannien als neue argwöhnisch beobachtete Gruppe mit der ihrer "Vorgänger", der Nordiren. Einigermaßen skeptisch wägt John Lanchester die Alternativen bei der Londoner Bürgermeisterwahl: Ken Livingstone scheint ihm verbraucht, aber den "Clown" Boris Johnson kann er sich auch nicht in diesem Amt vorstellen.

Besprochen werden Cuss Sunsteins Buch "Worst-Case Scenarios" und die Ausstellung zu Pompeo Batoni in der National Gallery.

Folio (Schweiz), 07.04.2008

Luca Turin ist so begeistert von den Klangexperimenten des Elektroingenieurs William Sethares, dass er sie gleich als Revolution tituliert. Sethares unterteilt die Oktave mal in 13, mal in 19 Töne und hat dafür Kompositionen geschrieben, die sich erstaunlich "harmonisch", aber auch reichlich sphärenharmonisch ausnehmen. Noch faszinierter ist Turin von Verzerrungen der Obertonskalen, die ziemlich verstimmt klingen: "Als ich es zum ersten Mal hörte, bekam ich einen Schreck, wie in dem Film 'Der Exorzist', als das kleine Mädchen plötzlich mit einer Männerstimme spricht. Es gibt kein Musikinstrument, das diesen Klang hervorbringen könnte. Hier wurden die Gesetze der Physik auf den Kopf gestellt, und der Untergang der Welt schien nahe."

Das ganze neue Heft von NZZ Folio ist den Sinnen gewidmet - hier der Inhalt.
Archiv: Folio

Times Literary Supplement (UK), 05.04.2008

Der Schriftsteller (und Baronet) Ferdinand Mount hat John Styles' Geschichte der Kleidung im 18. Jahrhundert "The Dress of the people" geradezu verschlungen und ihr unter anderem entnommen, dass Großbritanniens Arbeiterschaft schon immer so gut gekleidet war, dass die Aristokratie um die Distinktion fürchten musste. "'Die Müllerin, die sich wie eine Herzogin kleiden wollte' wurde von Neil McKendrick als eine treibende Kraft der Industriellen Revolution ausgemacht. Doch durch das gesamte Jahrhundert wurde der modische Aufstieg gedeckelt, angefangen bei Defoe, der meinte, Dienstmädchen sollten in Uniform gesteckt werden, um ihren Extravaganzen ein Ende zu setzen, bis zu dem Londoner Magazin, das sich 1783 beklagte, dass 'jedes Dienstmädchen seine eigenen Baumwollkleider habe, eigene Baumwoll-Strümpfe, während ehrliche Stoffe aus Leinen und Wolle, die ihrem Stand viel angemessener wären, in unseren Geschäften modern.'"

Außerdem: Der norwegische Islamismus-Experte Thomas Hegghammer bilanziert, wie falsch das wenige Wissen ist, das wir tatsächlich vom Dschihadismus und von al-Qaida haben ("Fürs Protokoll: Bin Laden war niemals ein Playboy in Beirut, er war ein scheuer und frommer junger Mann.")

Europa (Polen), 05.04.2008

Der Streit um die Ratifizierung des Lissaboner Vertrags hat bei einigen Kommentatoren in Polen die Hoffnung auf eine Rückkehr ideologischer Auseinandersetzungen aufkommen lassen. Der Philosoph Jerzy Szacki winkt ab: "Es gibt in Polen keine soziale Kraft, die die liberale Modernisierung aufhalten oder gar etwas Wesentliches an ihrem Charakter ändern könnte. Etwas mehr oder weniger Autoritarismus, etwas mehr oder weniger Religiosität (real oder zum Schein); aber letztendlich läuft es fast auf das Gleiche hinaus, früher oder später. Der Spielraum ist begrenzt, weil wir nun mal sind, wo wir sind."
Archiv: Europa

Economist (UK), 05.04.2008

Seit 2004 erstellt Amazon eine Bestseller-Liste der in seinen Online-Shops in den USA, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Frankreich und Japan am häufigsten gekauften Romane. In diesem Monat ist, wie der Economist meldet, das erste Mal ein deutsches Buch "der meistverkaufte Roman der Welt" - nämlich Charlotte Roches "Feuchtgebiete". Hier die Top Ten mit einem kurzen Roche-Porträt.
Archiv: Economist
Stichwörter: Amazon, Kanada, Charlotte Roche

Elet es Irodalom (Ungarn), 04.04.2008

Die UNESCO empfiehlt, im alten jüdischen Viertel Budapests jeden weiteren Abriss einzustellen, um das Weltkulturerbesiegel der benachbarten Andrassy ut nicht zu gefährden. Wird aber durch den bloßen Schutz der Häuser der Charakter eines Stadtviertels gewahrt? Auf diese Frage antwortet der in Frankreich und den USA lebende Stadtplaner und Architekt Attila Batar im Interview mit Julia Cserba: "Natürlich müssen sich die Beschützer des jüdischen Viertel darüber im klaren sein, dass das kulturelle Erbe, das sie erhalten und wiederbeleben wollen, die einstigen 40-50 Gebetshäuser und über 100 religiöse, kulturelle und Jugendinstitutionen endgültig verschwunden sind. Das damalige gesellschaftliche Gewebe kann ebensowenig wiederhergestellt werden, wie auch die einstigen Bewohner nicht mehr zurückgesiedelt werden können. Die große Aufgabe besteht jetzt darin, das, was von diesem kulturellen Erbe noch existiert, zu bewahren, indem wir die Denkmäler der Vergangenheit, die noch gerettet werden können, schützen - natürlich mit dem Bewusstsein, dass die Vergangenheit nicht mehr zurückgeholt werden kann. Aber ich halte es für sehr wichtig, dass die Menschen an ihre Geschichte erinnert werden."

La vie des idees (Frankreich), 04.04.2008

Anlässlich des Erscheinens des zweiten Bandes seiner 1997 begonnenen Studie über Nazideutschland ("Die Jahre der Vernichtung 1939 - 1945") in Frankreich, unterhalten sich der Historiker Saul Friedländer und sein französischer Übersetzer Pierre-Emmanuel Dauzat in einem ausführlichen Gespräch über die Sprache der Henker und die Sprache der Opfer. Über letztere, Jiddisch, sagt er: "Es gibt heutzutage Ansätze, es wiederzubeleben, es wird an Universitäten in den USA gelehrt und es gibt Jiddisch-Kurse und nicht mal wenige Studenten, die es lernen wollen. Doch diese Bestrebung ist ein wenig artifiziell, denn diese Sprache ist im Wortsinn eine tote Sprache geworden. Man vergisst immer, dass die Nazis nicht nur Millionen Menschen umgebracht haben, sondern auch eine Kultur vernichtet haben, eine Kultur und die Worte, um diese zu sprechen. Sie haben alles zusammengerafft, was sich in jüdischen Museen und Archiven finden ließ, um es an einem bestimmten Ort zu versammeln - was ein weiteres Beispiel für ihren Wahnwitz ist -, um also etwas von einem Volk zu bewahren, das sie selbst vernichtet haben, vorsätzlich vernichtet, mit den Menschen, der Lebensform, der Kultur. Anschließend gründen sie in Prag ein Museum für das, was zusammengetragen werden sollte. Man verstehe die krankhafte Logik dieses Systems! Aber Jiddisch als Kultur, als Lebensweise, ich kann es nur wiederholen, ist von Nazideutschland vernichtet worden."
Stichwörter: Jiddisch, Nazideutschland

Espresso (Italien), 04.04.2008

Umberto Eco guckt mal wieder Fernsehen, dabei stößt er auf die bei allen Wahlkampfverdrossenen besonders beliebte Quizshow "Die Erbschaft", bei der die Kandidaten unter Anleitung des braungebrannten Carlo Conti einen Begriff suchen müssen, der zu jedem von fünf vorgegebenen Begriffen passt. Eco langweilt sich schnell und zieht den Schwierigkeitsgrad ein wenig an. "Ich schlage vor, dass im Finale nach "Grundstück, Kanone, blanken Augen, Gradara und Chaos gefragt wird. Die Lösung wäre Erbpacht. Conti könnte erklären, dass die Erbpacht ja das Recht auf die Nutzung eines fremden Grundstücks ist, die Zahlung einer Pacht beinhaltet (eine andere Bedeutung von 'canone', Anm. des Übers.), dass 1561 Josepe Ochipinti ('occhi pinti') vom Grafen von Modica 88 Tagwerk Land in Candicarao erhalten hat, dass im 18. Jahrhundert der Paspt das Schloss von Gradara an die Herren von Pesaro als Erbpacht vergab und dass Pirandello in Caos geboren wurde, von seinen Ahnen als Erbpacht erworben. Das war einfach."
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco, Kanon

Guardian (UK), 04.04.2008

Beinahe hätte es "The Enchantress of Florence" nicht gegeben, erzählt Salman Rusdie in einem langen Gespräch. Denn während er noch an diesem von seiner Frau Padma Lakshmi inspirierten Roman schrieb, eröffnete diese ihm, sie wolle sich scheiden lassen. "'Es war, als würde eine Atombombe in ihrem Wohnzimmer explodieren, während Sie versuchen zu arbeiten', sagt er. 'Anfang letzten Jahres hatte ich wirklich Angst, es würde nichts mehr werden mit dem Buch.' Der größte Teil des Gesprächs dreht sich dann um die Islam-Debatte. "'Meine Instinkte sind absolut linksliberal, aber wir leben in einer sehr merkwürdigen Welt, die sich verändert hat. Und wenn Martin [Amis], Ian [McEwan] und ich das sagen, heißt es, wir seien konservativ. Aber', erklärt er nachdrücklich, 'wir sind nicht konservativ.' Es ist der einzige Moment, in dem er Verärgerung zeigt."

In einem sehr empfehlenswerten amerikanischen Blog werden dem Leser 3 Quarks täglich verabreicht. Hier fanden wir den Hinweis auf diesen Artikel im Guardian: In Frankreich wird, wie Jon Henley berichtet, heftig über eine vom Aussterben bedrohte Form der Interpunktion gestritten: das Semikolon. Autoren wie Philippe Djian wären es gerne, und zwar lieber heute als morgen, los. Andere fürchten den Untergang des kultivierten Französisch: "Für Sylvie Prioul, Redakteurin beim Nouvel Obs und Autorin von 'La Ponctuation ou l'art d'accommoder les textes', ist das schrittweise Verschwinden des ; vor allem eine natürliche Konsequenz der in Frankreich zu beobachtenden bedauerlichen Tendenz, unter dem schädlichen Einfluss des sich unaufhaltsam ausbreitenden Englisch, immer kürzere Sätze zu schreiben. 'Der kurze Satz hat das Todesurteil für das Semikolon unterzeichnet', meint Prioul. 'Die Leute mögen es nicht, die Autoren haben Angst vor ihm, Journalisten verwenden es kaum. Es geht verloren und das ist eine Schande."
Archiv: Guardian

Point (Frankreich), 03.04.2008

Bernard-Henri Levy hat im Netz den anti-islamischen Film "Fitna" des niederländischen Rechtspolitikers Geert Wilders gesehen und findet ihn schlicht "vulgär und nichtig". Dennoch sei er beiläufig durchaus nützlich. "Er ermöglicht in der aktuellen Debatte über den Islam zu unterscheiden, was nichtig ist und was nicht (...) Wenn dieser Film hassenswert ist, dann weniger, weil sein Schnitt im Prinzip abwechselnd Suren und Horrorbilder zeigt, sondern weil er behauptet, dass der Koran als solcher Quelle der Barbarei sei und obendrein, dass es keine andere Wahl als die Konfrontation mit ihm gebe. Ein guter Film über den Islam wäre einer, der im eigentlichen Sinn der Kritik stattdessen auswählte zwischen dem, was im Text oder den ihm folgenden Gebräuchen Quelle der Gewalt ist, und dem, was im Gegensatz dazu im Sinne des Friedens und der Erhebung der Seelen ist - jene Form der Arbeit also, weder mehr noch weniger, mit der Juden und die Christen in der Vergangenheit ihren eigenen heiligen Text untersucht haben. Moderater contra radikaler Islam? Islam der Aufklärung gegen jene Karikatur, die der fundamentalistische Islam darstellt? Genau. Die große Frage dieser Tage. Der einzige Zusammenprall der Kulturen, der zählt."
Archiv: Point

Al Ahram Weekly (Ägypten), 03.04.2008

Gamal Nkrumah sammelt erfreulich unterschiedliche Stimmen zu Geert Wilders Film "Fitna". Samir Farid, einer der führenden Filmkritiker in Ägypten, kritisiert das Diktat selbsternannter religiöser Autoritäten, denen es nur um die Macht gehe. "Meinungsfreiheit und Säkularismus waren einmal Kennzeichen unseres kulturellen Erbes. 1935 veröffentlichte ein ägyptischer Autor, Ismail Adham, ein Buch mit dem Titel 'Warum ich ein Apostat' bin. Niemand rief dazu auf, ihm den Prozess zu machen, oder forderte gar seinen Tod. Niemand nannte ihn einen Ungläubigen. Das war Meinungsfreiheit." Der islamische Wissenschaftler Gamal Qutb meint dagegen: "Der Film ist ein Affront gegen den Propheten Mohammed und den Islam. Wir haben das unveräußerliche Recht, die Werte des Islam und der montheistischen Religionen zu verteidigen. Im Westen mag man die Religion aufgegeben haben, wir im Osten halten ihre Heiligkeit hoch und ehren das Ansehen der alten Propheten; nicht nur des Propheten Mohammed, sondern auch Jesus, Moses und anderer Propheten."

Und: Nehad Selaiha resümiert das Monodrama Festival im Al-Saqia-Kulturzentrum.

Vanity Fair (USA), 01.05.2008

In einem vor Informationen strotzenden Report zeichnen Donald L. Barlett und James B. Steele nach, wie der Chemie-Konzern Monsanto mit seinem genetisch veränderten Saatgut und unbarmherzigen Prozess-Methoden den amerikanischen Getreidemarkt unter seine Kontrolle gebracht hat. Jetzt hat sich Monsanto den Milchmarkt vorgenommen. Mit Prozessen und Kampagnen zieht der Konzern gegen jeden zu Felde, der seine Milch mit dem Hinweis versieht, dass sie von Kühen stammt, die nicht mit dem Monsanto-eigenen Wachstumshormon rBGH hochgezüchtet wurden. "Hier scheint sich der Wind zu drehen, und zwar gegen Monsanto. Organische, rBGH-freie Milchprodukte werden beliebter. Supermarkt-Ketten wie Kroger, Publix oder Safeway nehmen sie begeistert auf. Auch Starbucks hat alle Milchprodukte verbannt, die von rBGH-behandelten Kühen stammt."

Philippe Sands hat recherchiert, dass das Foltern in Guantanamo nicht auf Initiative der Militärs, sondern der Regierung in Gang kam.
Archiv: Vanity Fair
Stichwörter: Folter

Weltwoche (Schweiz), 03.04.2008

Durchaus mit Interesse hat Julian Schütt eine Geschichte des abendländischen Geschlechtslebens der letzten fünfhundert Jahre gelesen, Robert Muchembleds "Die Verwandlung der Lust". "Das ist das Faszinierende an Muchembleds Geschichte über die Lust: Bei ihm dienen nicht allein die Libertins, die durch alle Zeiten hindurch ihre sexuelle Freiheit verteidigen, dem Fortschritt und der Moderne, sondern ebenso jene vielleicht minder mutigen Frauen und Männer, die den Geboten der Kirche und den Gesetzen der Herrscher gehorchen und ihre Energie in wirtschaftliche, politische, künstlerische Leistungen statt in ein erfülltes Intimleben investieren."

Weitere Artikel: Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm antwortet im Interview auf die Behauptung "Sie sind ein guter Schriftsteller, weil Sie sich nicht für sich selbst interessieren.": "Kann gut sein. (...) Ich interessiere mich nicht für mich selbst. Ich hätte Schwierigkeiten, mein Leben zu beschreiben, ich vergesse so viel." Urs Gehriger, Philipp Gut und Pierre Heumann berichten, wie gut den Mullahs in Teheran die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey gefällt. Schließlich hat die Weltwoche David Mamets Essay "Why I Am No Longer a 'Brain-Dead Liberal'" übernommen, auf Deutsch darf man ihn online nicht lesen, das Original steht hier.
Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Peter Stamm

New York Times (USA), 06.04.2008

Helene Cooper erzählt die unglaublich faszinierende Geschichte des Landes Liberia, einer Gründung befreiter amerikanischer Sklaven, die von weißen Philanthropen ins Abenteuer der Kolonialisierung getrieben wurden - sie selbst ist Nachfahrin eines der Gründer des Landes und arbeitet heute als diplomatische Korrespondentin der New York Times. Mit ihrer Mutter ist sie 1980 in die USA emigriert. Angefangen hat's mit Liberia um 1820, als die mit dem Schiff Elizabeth nach Afrika entsandte Truppe ehemaliger Sklaven in Westafrika anlandete: "Die Gruppe verbrachte fast zwei Jahre damit, die afrikanischen Könige und Stammeschefs zu überzeugen, ihnen Land zu verkaufen. Die Afrikaner waren nicht leicht zu überzeugen. Sie fürchteten - mit Recht, wie sich herausstellte - dass sich die schwarzen Amerikaner nach ihrer Niederlassung den Stammeschefs nicht fügen würden. Auch wollten die Afrikaner nicht, dass sich die neuen schwarzen Siedler in ihren Sklavenhandel einmischten. Aber die Kolonisierungsbewegung machte weiter. Die American Colonization Society sandte immer neue Schiffe und Siedler." (Hinweis an deutsche Verleger: Coopers Text ist ein Vorabdruck aus Coopers Buch "The House at Sugar Beach". Vielleicht sind die Rechte ja noch zu haben.)

Außerdem im Sonntagsmagazin: Arthur Lubow porträtiert den Pritzker-Preisträger Jean Nouvel. In der Sunday Book Review bespricht Fareed Zakaria Benazir Bhuttos nachgelassenes Buch "Reconciliation" (erstes Kapitel). Besprochen wird auch Jhumpa Lahiris neuer Erzählungsband (Auszug).