Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
17.10.2006. Im NRC Handelsblad blickt Ian Buruma auf larmoyante Neocons und fragt stirnrunzelnd: Wo bleibt die Debatte? In der Gazeta Wyborcza erklärt Neocon Norman Podhoretz den islamischen Fundamentalismus zum neuen Totalitarismus. Auch der Economist macht einen neuen Faschismus aus - in Putins Russland. In al-Sharq al-Awsat fordert der Historiker Abdesselam Cheddadi die arabische Welt auf, ihren Ibn Khaldun wieder zu lesen. Der Spectator sieht Südafrika in ernsten Schwierigkeiten. Express stellt die neue Philosophie vor, die eine alte ist. Der New Yorker rühmt deutsche Universitäten des 19. Jahrhunderts.

NRC Handelsblad (Niederlande), 12.10.2006

"Wo bleibt die Debatte?" fragt Ian Buruma in einer Streitschrift wider die "politische Orthodoxie" der Neocons in den Niederlanden und den USA. "Selten hat eine Gruppe Intellektueller in der amerikanischen Geschichte soviel Einfluss auf die Geschicke des Landes gehabt wie heute die Neokonservativen und ihre Organisationen. Sie haben Zugang zum Weißen Haus und Präsident Bush, zum Pentagon und zum Büro von Vizepräsident Cheney. Und doch verkaufen sie sich wie eine Randgruppe, die sich unter dem Joch politischer Korrektheit des sogenannten 'Liberal Establishment' windet. Dieser eigentümliche Maquis, eng geschart um markante Persönlichkeiten, verhält sich, als werde er permanent durch Feinde belagert. Es ist auch kaum ein Zufall, dass viele der Neocons - in Amerika aber auch hier in Holland - einst selbst Teil der extremen Linken waren: Trotzkisten, Maoisten et cetera. Denn auch dort herrscht der Geist einer unterdrückten Minderheit, die sich rüsten muss, um im Ernstfall den ersten Schlag auszuteilen. Der absolute Ton dieser Frischbekehrten, die plötzlich das Licht gesehen haben, erinnert ein bisschen an den eines ehemaligen Kettenrauchers, der nun keinen Rauch mehr erträgt."

Merijn de Waal war dabei, als ein gutgelaunter Al Gore seinen Film zur Klimakrise, "An Inconvenient Truth", in Amsterdam vorstellte. Schon lang nicht mehr der "steife, ungelenke, farblose Präsidentschaftskandidat", berichtete Gore von einem unerwarteten Fan aus dem republikanischen Lager: "'Letztens rief mich Arnold Schwarzenegger an. Er sagte zu mir (Gore imitiert einen deutschen Akzent): 'Ich verkaufe jetzt meinen Hummer.' Und er hat es getan!"

Weiteres: Anila Ramdas macht sich in seiner Kolumne Gedanken über Gandhis Lendenschurz und die politische Bedeutung von Kleidung, und Marie Jose Klaver zitiert in ihrem Weblog Raymond Spanjar, 29-jähriger Gründer der Social Network-Plattform Hyves (in Holland beliebter als Youtube oder Myspace), der gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Sprout eine potentielle Übername durch Google kommentierte: "1,65 Milliarden Dollar? Dafür tun wir?s nicht."

Gazeta Wyborcza (Polen), 14.10.2006

Was ist Neokonservatismus? Der Neocon Norman Podhoretz weiß die Antwort: "Es ist einfach ein neuer Konservatismus." Danach wird es aber etwas tiefgründiger. "Für mich war sogar Reagan zu weich, vor allem gegenüber den Kommunisten in Polen. Zugegeben: was den Totalitarismus angeht, so waren wir immer Falken. Den Kommunismus gibt es nicht mehr, aber wir glauben, wie Präsident Bush, dass der aktuelle Islamofaschismus ein direkter Nachfolger der totalitären Ideologien ist, die wir im Zweiten Weltkrieg bekämpft haben. Im eigenen Interesse und aus Idealismus sollten die USA den Kampf gegen diese totalitäre Bedrohung aufnehmen." Zum Vorgehen im Nahen Osten sagt Podhoretz: "Wir testen dort unsere neue Politik. Der Kampf gegen den Islamofaschismus kann 30 bis 40 Jahre dauern, ähnlich wie der Kalte Krieg. Wir säen jetzt, aber wissen nicht, was daraus erwachsen wird. Eines ist sicher: eine andere Ordnung ist möglich."

Weitere Artikel: Der Publizist und Schriftsteller Peter Lachmann zeichnet ein Porträt des Schriftstellers und Komponisten E.T.A. Hoffmann, der "ganz aus Widersprüchen bestand. Ein Künstler und Beamter, dessen Leben zwischen Deutschen und Polen genug Stoff für ein großes Schelmenepos liefern könnte", aber wundersamerweise noch nicht mit einem Denkmal in Warschau gewürdigt wird. Begeistert beschreibt Katarzyna Bik die Ausstellung "Industriestadtfuturismus", die passenderweise im berühmten realsozialistischen Industrievorort von Krakau, Nowa Huta gezeigt wird. Künstler entwerfen Zukunftsvisionen für zwei Arbeiterstädte, die in totalitären Systemen von Grund auf neu gebaut worden waren: das nationalsozialistische Wolfsburg und das stalinistische Nowa Huta.

New York Review of Books (USA), 02.11.2006

Berkeley-Philosoph John Searle beweist in recht eigener Logik, dass es Bewusstsein gibt, weil nicht bewiesen werden könnte, dass es das nicht gibt: "Bewusstein ist real und unauslöschlich. Es kann nicht als Illusion abgetan werden oder auf irgendein Phänomen reduziert werden. Warum nicht? Es kann keine Illusion sein, denn wenn ich bewusst die Illusion hege, ich sei bei Bewusstsein, bin ich bei Bewusstsein. Bewusstsein existiert subjektiv in dem Sinne, dass es nur von einem menschlichen oder tierischen Subjekt erfahren wird, und deshalb kann es nicht auf etwas Objektives oder ein Phänomen der dritten Person reduziert werden."

In einem Offenen Brief protestieren hundert chinesische Intellektuelle und "Netzbürger" gegen die Schließung der kritischen Website Century China vor einem Jahr: "Die Schließung von Century China ist ein weiteres Beispiel für die Unterdrückung der Freiheit durch die chinesische Regierung. Deshalb müssen wir scharfen und unnachgiebigen Protest erheben gegen den Missbrauch der Macht durch die Regierung."

Weiteres: Christopher de Bellaigue beobachtet den wachsenden Einfluss des schiitischen Islams in der arabischen Welt. Aryeh Neier verteidigt Human Rights Watch, das für seine Kritik an der israelischen Kriegsführung im Libanon seinerseits stark kritisiert wird. Die Autorin Joyce Carol Oates schreibt eine Hommage auf ihre kanadische Kollegin Magaret Atwood, an der sie besonders den "kalten, aber nicht mitleidslosen Blick" bewundert. Besprochen werden außerdem Karen DeYoungs Colin-Powell-Biografie "Soldier" und eine James-Stewart-Biografie von Marc Eliot, die gänzlich ohne Skandale und Affären auskommen muss.
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al-Sharq al-Awsat (Saudi Arabien / Vereinigtes Königreich), 11.10.2006

Vor 600 Jahren starb Ibn Khaldun. In Tunis geboren, in Kairo gestorben - doch seine soziologischen Schriften inspirierten vor allem europäische Denker. Der marokkanische Historiker Abdesselam Cheddadi, der seit über dreißig Jahren zu Ibn Khaldun forscht, sieht darin eine Ursache für die aktuellen Krise der arabischen Welt. Produkte des technischen Fortschritts könne man leicht importieren. "Eine Kultur aber", erklärt Cheddadi im Interview, "kann man nicht von irgendjemanden borgen." Weder die Suche nach einer vermeintlich authentischen Kultur im Vergangenen, noch der Import von Autobahnen biete eine Lösung. Nur "Kultur-Autobahnen" führten aus der Krise. Für Cheddadi ist Ibn Khaldun ist ein Anknüpfungspunkt, "ein Symbol für kühnes, rationales und von Dogmen befreites Denken. Wir müssen ihn heute zu einem Symbol für die Modernisierung unserer Kultur machen. Die Erneuerung einer modernen Kultur erfolgt im wesentlichen mit den Mitteln der Human- und Gesellschaftswissenschaften - und Ibn Khaldun war in der globalen Geschichte des Denkens ein Wegbereiter dieser Wissenschaften, er ist einer ihrer führenden Repräsentanten. Unsere vergangene Kultur bedarf einer neuen Betrachtung... Wir müssen unser kulturelles Erbe neu lesen, wir müssen unsere Schriften gründlich und mit modernen analytischen Methoden neu erforschen."

In Syrien beobachtet Lisas Hatahat ein wachsendes Interesse an traditioneller Musik - deutlich sichtbar in den zahlreichen Instituten, die Kurse in orientalischer Musik anbieten. Etwas irritiert nimmt sie daher die Aussage des Gründers der bekannten Musikschule Bayt al-Oud in Kairo, Naseer Shamma, zur Kenntnis: "Es gibt keinen Westen oder Osten in der Musik. Die Musik ist eine Welt mit unterschiedlichen Dialekten. Alles andere sind nur Labels. Die Kultur ist eins, und die Künste und Instrumente sind ähnlich. Das entscheidende ist, wo sich der Mensch selbst wiederfindet."

In Kairo beobachtet Muhammad Abu Zaid frustiert einen Streit unter Intellektuellen. Es geht um nichts weniger als das geistige Erbe Nagib Mahfus' und darum, wer zukünftig für ihn sprechen darf.

Spectator (UK), 13.10.2006

In seiner Titelgeschichte über Südafrika kann Rian Malan auch etwas Positives melden: "Es wird keinen Bürgerkrieg geben." Ansonsten aber sieht er schwarz: "Noch vor neun Jahren sah es es so aus, als könnte sich Südafrika mit seiner Friede-Freude-Eierkuchen-Art durchwursteln. Die Wirtschaft wuchs, wenn auch langsam. Die Züge fuhren, wenn auch nicht pünktlich. Wenn man die Polizei rief, kam sie manchmal. Wir dachten, unser Tisch sei relativ stabil und wir könnten ewig daran sitzen und Regenbogennationen-Ambrosia schlürfen. Fast über Nacht haben wir mit Bestürzung realisiert, dass vieles um uns herum faul ist. Fast die Hälfte unserer Provinzen und Gemeinden stehen vor dem Kollaps. Ein mörderischer Thronfolgestreit ist im regierenden ANC ausgebrochen. Unser Rechnungshof verbringt Berichten zufolge schlaflose Nächte über Milliarden, die nicht genau zugeordnet werden können. Die Weißen haben sich schon vor Jahren darüber beklagt, aber wenn Präsident Thabo Mbeki die 'nackte Tatsache' einräumt, dass seine Regierung von Glücksrittern infiltriert ist, die sich über das Geld des Volkes hermachen wollen - dann wissen wir, dass wir in ernsthaften Schwierigkeiten sind."

Allister Heath hat den französischen Philosophen Bernard-Henri Levy getroffen, der einmal mehr erklärte, dass Anti-Amerikanismus eine Form von Faschismus sei. Spannend fand Heath aber, was Levy über Multikulti in Großbritannien zu sagen hatte: "'Britische Bürger, älteren oder jüngeren Ursprungs, sollten sich zusammen an einen Tisch setzen und versuchen, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu schreiben. Es ist dringend. Wenn nicht, werden Sie überall Unruhen bekommen, so wie wir in Frankreich, aber Ihre werden noch schlimmer ausfallen.' Nach der Bemerkung zuckte Levy mit den Achseln und ich fragte mich zum ersten Mal in meinem Leben, ob wir besser dran wären, wenn unsere Intellektuellen ein bisschen mehr wie die in Frankreich wären."
Archiv: Spectator

Esprit (Frankreich), 01.10.2006

Marie Mendras schreibt für Esprit einen sehr kenntnisreichen, auf den 13. Oktober datierten Online-Kommentar über den Mord an Anna Politkowskaja. Sie warnt unter anderem davor, die sich jetzt verbreitende offizielle Version über die Täter zu glauben - demnach sei der Mord von streitenden tschetschenischen Fraktionen zu verantworten. "Diese Version hätte den doppelten Vorteil, dass man einerseits den Feind Nummer 1 auslöscht und den Mord andererseits den Tschetschenen gleich welcher Fraktion in die Schuhe schieben kann. (...) Es wäre unerträglich, wenn diese sich abzeichnende offizielle These vom russischen Publikum, das dem Fernsehen ausgeliefert ist, und den europäischen Regierungen, die es sich nicht mit Putin verderben wollen, geschluckt würde. Nein, Anna Politkowskaja ist kein Opfer einer Abrechnung unter Tschetschenen. Misstrauen wir angeblichen Schuldigen, die jetzt aus dem Hut gezaubert werden könnten. Der Mord an Anna Poltikowskaja ist eine politische Tat."

Auch das Editorial der Zeitschrift ist freigeschaltet, das sich in diesem Monat noch einmal mit den Unruhen in den Banlieues vor einem Jahr befasst.

Archiv: Esprit

Express (Frankreich), 12.10.2006

In regelmäßigen Abständen diskutiert man in Frankreich Stellenwert und Bedeutung der Philosophie. Anlass ist diesmal die Diagnose einer zunehmenden Popularisierung der Disziplin und ihrer Themen, in der "Puristen" bereits eine "Vulgarisierung" wittern. Ein Artikel untersucht diese Einschätzung und den "neuen Hunger nach Sinn und Orientierungspunkten" und stellt ein neues Buch des Philosophen und ehemaligen französischen Bildungsministers Luc Ferry vor: "Vaincre les peurs" (Odile Jacob). Ferry erklärt in einem Interview, weshalb dies für ihn nur eine "Rückkehr zur Normalität" ist, die alle die französischen Philosophen, die international so viel bekannter sind als er, für kurze Zeit untergraben hatten: "Der Charme der Dekonstruktion oder des Poststrukturalismus um Deleuze, Derrida, Foucault, die die sechziger und siebziger Jahre dominiert haben, lag in ihrem Avantgardismus, der sie zu einer Sache der Eliten machte. Dieses ultrakritische 68er-Denken wollte den Triumph der westlichen Tradition, den klassischen Rationalismus, dekonstruieren. Es ist esoterisch, absichtlich obskur, marginal aus Lust an der Sache, daher seine Verführungskraft."
Archiv: Express

Weltwoche (Schweiz), 12.10.2006

Vorausgesetzt, dass Nordkorea mit seinem Atomtest nicht nur geblufft hat, schreibt Christoph Neidhart zur Geburt der gruseligen Atommacht, läuft jetzt alles für Kim Jung Il: "Die Reaktionen der Welt können mit 'entschlossen ratlos' umschrieben werden. Gleichwohl dürfte Kim sich, wie so oft, verrechnet haben. China, einst Pjöngjangs letzter Verbündeter, will kein nukleares Nordkorea, zumal Japan, wenn Nordkorea A-Waffen bauen sollte, auch zur Nuklearmacht werden könnte. Mehr als ein halbes Jahr dürfte seine hochentwickelte KKW-Industrie für den Bombenbau nicht brauchen. Noch weniger kann China hingegen eine Implosion des nördlichen Korea wünschen: weniger wegen der Flüchtlingsströme, die kämen, wenn das verarmte Land, mit dem es eine lange, oft unwegsame Grenze teilt, kollabieren würde, eher wegen des Vakuums, das sich zwischen den Einflusssphären Südkoreas, Russlands, Japans und der USA auftäte."

Franziska K. Müller unterhält sich mit dem Wiener Evolutionsbiologen Karl Grammer, der erklärt, warum das Gerede von den inneren Werten völliger Humbug ist: "Wird eine Frau gesichtet, läuft beim Mann - ähnlich wie bei einer Waschmaschine - das immergleiche Programm ab. Unsere Feldstudien in Japan und Deutschland ergaben, dass Männer generell alle Frauen interessant finden, und ihre Chancen stufen sie durchwegs als besser ein, als sie in Wirklichkeit sind. Anschließend versuchen sie, die schönsten Frauen zu beeindrucken. Egal, ob das gelingt oder nicht: Männer glauben, sie seien die Jäger, in Wirklichkeit bestimmt jede Frau zu hundert Prozent selbst, ob und von wem sie sich erlegen lassen will."
Archiv: Weltwoche

New Yorker (USA), 23.10.2006

In einer wunderbaren Besprechung stellt Anthony Grafton eine Studie des Historikers William Clark über die Geschichte der Universitäten und des "akademischen Charismas" vor ("Academic Charisma and the Origins of the Research University"). Sie beginnt mit der Frage, weshalb sich Professoren in Zeiten des World Wide Web die Lehrtätigkeit überhaupt noch antun, und warum die Studenten, deren überwiegender Teil Lehrer werden will, jahrelang durch "aufreibende, hochspezialisierte Stoffe und Dissertationen" gehetzt werden. Jeder College- oder Universitätsprofessor habe doch schon einmal die Erfahrungen gemacht, "in einem muffigen Raum zu stehen, und eine Handvoll Teenager zu unterrichten, über denen eine fast greifbare Hormonwolke schwebt; oder in einer Institutssitzung zu hocken und dabei zuzuhören, wie die Kollegen ihre unterschiedlichen Berufsidentitäten ausagieren: die russischen Historiker verbreiten Trübsinn, die Germanisten fallen versehentlich über Polen her, die Asienwissenschaftler murren über westliche Ignoranz und mangelnde Höflichkeit, und die Amerikanisten äußern sich überrascht über die Vorstellung, dass es noch andere Kontinente gibt." Clark erzählt am Beispiel deutscher Universitäten, was akademisches Charisma einmal war.

Weitere Artikel: Dan Baum porträtiert die Morgensendung von Renan Almendarez Coello, dem "Cheerleader der Lateinamerikaner"; er erreicht als "El Cucuy de la Manana" über den Sender KLAX La Raza in der Region Los Angeles Millionen spanischsprachiger Radiohörer, die er allmorgendlich mit dem Schrei "Arriba! Arriba! Arriba! Arriba! Arriba! Arriba!"(Aufstehen!) weckt. Nick Paumgarten erzählt, wie der Casinobesitzer und Kunstsammler Steve Wynne ein Gemälde von Picasso, das er eigentlich zum Rekordpreis von 139 Millionen Dollar verkaufen wollte, mit dem Ellbogen rammte und dies als "Zeichen des Schicksals" wertete, es besser zu behalten. Aus dem Archiv wird noch einmal eine autobiografische Geschichte des neugekürten Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk abgedruckt, ergänzt um Porträts des türkischen Schriftstellers von John Updike und David Remnick. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Stairway to Heaven" von Aleksandar Hemon.

Besprechungen: "Hervorragend und subversiv" findet John Lahr den Monolog des Theaterstücks "Wrecks" von Neil LaBute. Anthony Lane stellt Sofia Coppolas Film "Marie Antoinette" vor, von dem er über weite Strecken den Eindruck hatte, "Paris Hilton hätte ihn gemacht"; außerdem einen weiteren Film zu Truman Capote, "Infamous" von Douglas McGrath, den der Kritiker auch den Zuschauern empfiehlt, die schon Bennet Millers "Capote" gesehen haben.
Archiv: New Yorker

The Nation (USA), 13.10.2006

In einer großen Afghanistan-Reportage beschuldigt Christian Parenti die Regierung des Präsidenten Karzai der Korruption und macht auch die Amerikaner für Missstände verantwortlich, die zum Wiederaufstieg der Taliban führen: "Fünf Jahre nach dem Sieg über die Taliban hat Kabul nur drei Stunden Strom am Tag und unsauberes Trinkwasser. Das Gesundheitssystem existiert nicht, beziehungsweise wird von Hilfsorganisationen aufrechterhalten, und den Grundschulen fehlen Lehrer. Die Regierung veranlasst so gut wie keine öffentlichen Arbeiten. Es gibt kein System der Nahrungssicherheit, keine Pläne für die Landwirtschaft, und auch die staatlichen Industriebetriebe erhalten so gut wie keine Unterstützung."
Archiv: The Nation
Stichwörter: Kabul, Gesundheitssystem

Tygodnik Powszechny (Polen), 15.10.2006

Was ist nicht über die junge Schriftstellergeneration in Polen geschrieben worden, nachdem Dorota Maslowska den renommierten NIKE-Preis erhalten hat! Michal Olszewski, selbst junger Literat, beschreibt den Alltag dieser Spezies eher nüchtern: "Kaum setzen einige Verlage bewusst auf junge Schriftsteller, geht die ewige Meckerei wieder los: dass die Bücher zu klischeehaft sind, vulgär, provinziell oder eine billige Art von Postmoderne repräsentieren. Wenn sich die Autoren nicht mit dem Jetzt beschäftigen, wird ihnen Eskapismus vorgeworfen, fangen sie damit an, betreiben sie angeblich Publizistik." Olszewski plädiert dafür, genauer hinzuschauen, und nicht nur Maslowska zu sehen, denn "es passiert hier etwas. Junge Literatur hat einen hastigen Rhythmus, der den Zeitgeist widerspiegelt, so als ob die Autoren in Anspannung leben und nach der Arbeit schreiben würden. Das ist neu!"

Und was meint Dorota Maslowska selbst? In einem sehr langen Interview mit dem Tygodnik vergleicht sie die Preisverleihung mit der Geburt ihres Kindes: "Eine große Erleichterung. Ich muss nichts mehr beweisen. Ich wurde immer für eine Pseudo-Schriftstellerin gehalten, und jetzt bin ich in der richtigen Schublade gelandet. Andererseits fühle ich die Schwere dieses Urteils: Alle sind beleidigt!"

Guardian (UK), 14.10.2006

Der Guardian druckt einen bislang unveröffentlichten Artikel der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja ab, in dem sie über ihre beklemmenden Arbeitsbedingungen klagt: "Vor einiger Zeit hat Wladislaw Surkow, der Stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung erklärt, dass es Feinde gibt, die man zur Vernunft bringen kann, aber auch solche, die unverbesserlich sind, und von denen müsse man die politische Bühne 'bereinigen'. Also wollen sie sie von mir und anderen wie mir bereinigen... Der Kreml hat mir den Zugang zu Informationen verstellt, denn die Kremlideologen meinen, dass dies die beste Möglichkeit ist, mein Schreiben unwirksam zu machen. Aber es ist unmöglich, jemanden aufzuhalten, der sich mit aller Entschlossenheit der Aufgabe verschrieben hat, die Welt um uns herum zu beschreiben. Mein Leben kann schwierig sein, und noch häufiger demütigend. Ich fühle mich mit siebenundvierzig Jahren nicht mehr jung genug, Zurückweisung um Zurückweisung zu erleben und immer wieder meinen Pariastatus vorgehalten zu bekommen, aber damit kann ich leben..."

Außerdem: John Gittings berichtet über seine eigenen Erfahrungen in Nordkorea, die ihn gelehrt haben, dass dort "das Wirkliche und das Unwirkliche, das Normale und das Anormale unlösbar miteinander verquickt sind", und dass man lernen müsse, diese verschiedenen Stränge voneinander zu unterscheiden. Und Richard Holmes bespricht als "Buch der Woche" Claire Tomalins neue Biografie von Thomas Hardy, die vor allem das schwierige Eheleben des englischen Klassikers darstellt und bleibende Eindrücke hinterlässt: "Wer könnte vergessen, wie Hardy, nur mit Kniestrümpfen bekleidet, Gedichte schreibt?"
Archiv: Guardian

Economist (UK), 13.10.2006

Angesichts des jüngsten Konflikts mit Georgien und des Mordes an Anna Politkowskaja hegt der Economist ernsthafte Sorge ob der Richtung, in die sich Russland derzeit zu bewegen scheint. "Auch die Geschichte liefert einen Begriff, der diese Richtung beschreibt (?), ein Wort, das die Paranoia und das Selbstbewusstsein, die Gesetzlosigkeit und den Autoritarismus, den Populismus und die Intoleranz sowie den wirtschaftlichen und politischen Nationalismus einfängt, die Putins Regieren kennzeichnen. Es ist ein allzuoft gebrauchtes und doch kontroverses Wort, vor allem in Russland. Noch ist es dort nicht angekommen, doch Russland scheint manchmal auf den Faschismus zuzusteuern."

Die am 7. Oktober ermordete Journalistin Anna Politkowskaja hatte dies vorausgesehen, schreibt der Economist im Nachruf und bedauert, dass gerade ihr Tod ihr Recht geben sollte. "Putins Regime ist zutiefst brutal und korrupt, sagte sie mit ihrer sanften, sachlichen Stimme. Er verkörpert die bösesten Dämonen der sowjetischen Vergangenheit, die nun in moderner Form zu neuem Leben erwacht sind. Hunderte haben sterben müssen, damit er an die Macht gelangt, und das war erst ein Vorgeschmack auf den Faschismus und den Krieg, die folgen sollten. Nun erscheint ihr Pessimismus weniger extrem." Politkowskaja selbst habe ein ums andere Mal die kleinste Form des Widerstandes beschrieben: "Angesichts eines KGB-Offiziers als Präsident, ist das Mindeste, was du tun kannst, manchmal zu lächeln, um den Unterschied zu zeigen zwischen ihm und dir."
Archiv: Economist

Foglio (Italien), 14.10.2006

Ugo Bertone erzählt die tragische Geschichte der japanischstämmigen Amerikanerin Iva Toguri, die während des Zweiten Weltkriegs in Japan strandete und dort als Sprecherin von Propagandasendungen requiriert wurde, die sich an das amerikanische Militär richteten. Unter den Soldaten wurde sie als "Tokyo Rose" berühmt und berüchtigt (mehr). "Das Fantasma dieser schicksalbehafteten Stimme verhexte Abertausende von Marines - in den Dschungeln von Neuguinea oder auf den Landungsbooten vor den Stränden von Iwo Jima, die sich bald mit Blut tränken würden. In diesen Nächten des Wartens, wo jede Nacht als die allerletzte Nacht galt, wurde der Jazz des Radiosenders aus Tokio von einer Frauenstimme unterbrochen, vielleicht der letzten weiblichen Stimme in einem viel zu kurzen Leben: 'Lauscht, Männer, lauscht, solange ihr noch lebt.'"

Auf den gleichen Seiten fragt sich Siegmund Ginzberg, wie lange China Nordkorea noch unterstützen wird. Giuseppe Garibaldi, der Held des italienischen Risorgimento, und Aureliano Buendia aus Gabriel Garcia Marquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" weisen erstaunliche Ähnlichkeiten auf, behauptet Nicola Fano in seinem Geburtstagsartikel für ersteren. Andrea Riccardi, der Gründer der Gemeinschaft von Sant'Egidio, setzt in Sachen spiritueller Erneuerung des Westens große Hoffnungen auf Benedikt XVI.
Archiv: Foglio

New York Times (USA), 15.10.2006

Pankaj Mishra stellt im New York Times Magazine den chinesischen Intellektuellen Wang Hui vor, einen der Mitbegründer des Magazins Dushu (hier einige Artikel auf Englisch) und profilierteste Leitfigur der "Neuen Linken". Diese noch kleine, aber umtriebige Gruppe hält die kritiklose Übernahme des kapitalistischen Modells für einen Fehler und einen Verrat an den 800 Millionen Armen des Landes. "Wang gibt ohne Zögern zu, dass die chinesischen Anstrengungen zur Reform des Marktes große Fortschritte gebracht haben. Er befürwortet die erste Phase von 1978 bis 1985, die die Nahrungsmittelproduktion und den Lebensstandard der Landbevölkerung steigerte. Die Besessenheit der Zentralregierung aber, in den städtischen Gebieten Wohlstand zu erzeugen - und die Entscheidung, politische Macht an lokale Parteiführer abzugeben, die sich oft ausdrücklich nicht um die Direktiven der Zentralregierung scheren - habe die eklatante Ungleichheit innerhalb Chinas verursacht. Die Einführung einer neoliberalen Marktwirtschaft führte bisher immer zum Einsturz des Sozialsystems, zu einer wachsenden Einkommenskluft zwischen Arm und Reich und immer häufiger auftretenden Umweltkrisen, nicht nur in China, sondern auch in den USA und anderen entwickelten Ländern. Für Wang liegt die Aufgabe der Intellektuellen darin, den Staat nun an seine nicht eingehaltenen Verpflichtungen gegenüber Bauern und Arbeitern zu erinnern."

Als echten Unsympath schildert Daniel Mendelsohn in der New York Times Book Review den Autor Jonathan Franzen in seiner Besprechung von Franzens autobiografischen Essays "The Discomfort Zone" (Auszug). Franzen sei eine tragische Figur, die ihren Sturz in der Publikumsgunst selbst zu verantworten habe (zur Erinnerung: Franzen fand seinen Bestseller "Die Korrekturen" zu genial für Oprah Winfreys populären Buchclub): "Wie dieses unappetitliche Buch zeigt, hat Franzen, anders als Ödipus oder Hippolytus, nichts dazu gelernt. Die während der Oprah-Affäre zur Schau gestellte selbstgefällige Cleverness einerseits, die entwaffnende, manchmal unangebrachte Offenheit andererseits, Egozentrik, Altklugheit und die von Unreife zeugende Unfähigkeit, die Wirkung seiner Brillanz auf andere zu ermessen - sie bestimmen nicht nur Franzens Karriere, sondern den Mann selbst." Darum, meint Mendelsohn, habe sich Franzen als Kind auch nicht mit dem Loser Charlie Brown identifiziert, sondern mit Snoopy, "der zu ichbezogen ist, um zu merken, dass er kein Mensch ist".

Weiteres: Douglas Brinkley lobt das entmythisierende Potential in Michael Streissguths Biografie "Johnny Cash". Elissa Schappell bedauert das überstürzte Ende in Joyce Carol Oates' neuem Roman "Black Girl / White Girl". Und Megan Marshall schätzt an Antonia Frasers populärgeschichtlichem Werk über König Ludwig XIV. und die Frauen ("Love and Louis XIV") nicht zuletzt die kuschelige Schlafzimmer-Atmosphäre.