Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 04.10.2016 - Nepszabadsag

Kurz vor der Abstimmung in Ungarn über die von der EU vorgeschlagenen Flüchtlingsverteilungsquoten warnte die Redakteurin und Kulturjournalistin Judit N. Kósa vor den mittel- und langfristigen Folgen der Kampagne: "Wie auch immer das Ergebnis der Abstimmung ausfällt, am 3. Oktober wird unsere Heimat ein Land sein, in dem Solidarität keinen Wert mehr hat. (...) Das grundsätzliche Organisationselement der Wohlfahrtsdemokratien ist Solidarität. Darauf basierend funktioniert seit mehr als hundert Jahren die Rente, die Gesundheitsversorgung, die Bildung. Wer über lange Zeit die lügnerische Alternative in die Köpfe der Ungarn hämmert - entweder DU oder die aus ihrer Heimat geflohenen Flüchtlinge -, der wird bereits mittelfristig eine gesellschaftliche Katastrophe verursachen: er stellt das systemorganisatorische Prinzip der gesellschaftlichen Solidarität in Frage. Und was in diesem Lande in Frage gestellt werden kann, das wird auch in Frage gestellt. Der nächste Schritt ist vorprogrammiert."

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - Nepszabadsag

Der Schriftsteller Gergely Péterfy warnt vor den Auswirkungen der kommenden Volksbefragung in Ungarn am 2. Oktober 2016 zu den Flüchtlingsverteilungsquoten: "Das wichtigste Molekül des Moskowiter Opiums ist die Feststellung, dass farbige Fremde den weißen Mann, 'den Christen', ausrotten wollen. Von hier aus baut sich das Konstrukt auf, wie ein Drehbuch aus Hollywood, wie alle Mythologien: der weiße Mann ist der Protagonist, der Farbige ist der Antagonist, der Helfer des Antagonisten ist der als Weißer verkleidete Fremde, der innerhalb der Mauern Europa verrät: Der Nihilist/Liberale/Jude, Der-In-Brüssel-Wohnt. Der Protagonist erfährt glücklicherweise Hilfe vom östlichen weißen Mann, der auch um den Preis seines Lebens die weiße Kultur verteidigt. Er, der in den vergangenen Jahrhunderten im Schlamm der ost-europäischen Steppe ackerte, in ehrlicher Armut, die Lehre Christi hütend, die etwa so übersetzt wurde: Töte den Migranten! Hau den Juden! Oder so ähnlich, wer kann sich daran schon genau erinnern? Der Kopf des ehrlichen Mannes ist kein Lexikon! Es geht nur darum, dass wir im Namen Christi handeln. (...) Der verbale Wahnsinn erreichte ein Endstadium. Entweder folgt die Ausnüchterung oder es folgen wahnsinnige Taten."

Magazinrundschau vom 13.09.2016 - Nepszabadsag

Ab Januar 2017 wird Gergely Prőhle der neue Direktor des Budapester Petőfi Literaturmuseums. Die Bewerbung des ehemaligen ungarischen Botschafters in Berlin und gegenwärtig stellvertretenden Staatssekretärs im Ministerium für Humanresourcen wurde vom Berufungsgremium des Betreibers des Museums, dem Ministerium für Humanresourcen einstimmig angenommen. Prőhle plant u.a. vier größere Ausstellungen über Magda Szabó, János Arany, Lajos Kassák und Albert Wass. Insbesondere Letzterer ist wegen seiner völkischen Gesinnung und seines Antisemitismus in Ungarn umstritten, in Rumänien war Wass gar als Kriegsverbrecher verurteilt worden. Im Interview mit Kácsor Zsolt verteidigt der designierte Museumsdirektor sein Vorhaben: "In Bezug auf Albert Wass ist es nützlich, literaturhistorisch zu untersuchen, warum er in Ungarn über 200 Statuen hat. Das kann eine interessante Frage sein für diejenigen, die ihn nicht lieben, und auch für diejenigen, die ihm Büsten aufstellen. Für eine durch Steuergelder betriebene Institution sind die Besucherzahlen wichtig. Vielleicht können wir hier über Wass sprechen und die mit ihm verbundenen Trivialitäten pro und contra vermeiden. Doch dies ist keine Parteinahme für Wass, sondern eine angegliederte Fragestellung. Wenn uns die Beziehung der ungarischen Gesellschaft zur Literatur interessiert, lohnt es sich zu fragen, warum Wass so eine Kultfigur ist. (...) Das ist für mich aufregend: Zu fragen wie ein Schriftsteller zur Kultfigur des ungarischen öffentlichen Lebens werden kann. Warum nicht - sagen wir - Dezső Kosztolányi zweihundert Statuen hat, aber Wass?"

Magazinrundschau vom 30.08.2016 - Nepszabadsag

Der Kunsthistoriker Péter György war bis vor kurzem Berater des von der Regierung geplanten, doch heftig umstrittenen Museumsquartiers im Budapester Stadtgarten. Dafür wurde er wiederholt der "Kollaboration" beschuldigt, obwohl er seine kritische Haltung öffentlich immer wieder geäußert hat. In einem Text, in dem er grundsätzlich über Kooperation und Kollaboration nachdenkt, wirft er seinen Kritikern eine verantwortungslose Radikalität vor: "Das Recht aufs Revoltieren, seine Art und Weise, Zeitpunkt und Bedeutung kann keiner dem anderen diktieren. Das heutige Ungarn ist nicht das Dritte Reich. In der darauf abzielenden Rhetorik sehe ich einen selbstgerechten Pseudoradikalismus, oder auch einen Mangel an systematischem Denken. Gegenüber dem Unergründlichen, dem Undurchsichtigen und somit dem Unbenennbaren liefert die um Sinn ringende Arbeit die einzige Möglichkeit, dass die zu nichts oder höchstens zum Schlechten führende Rhetorik des Abgrunds zwischen 'uns' und 'denen' ein Ende nimmt... Jede Zusammenarbeit dies- und jenseits der Politik grundsätzlich auszuschließen, ist nichts anderes als die Operettendoktrin eines falschen kalten Krieges."

Magazinrundschau vom 23.08.2016 - Nepszabadsag

Der zur ungarischen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen gehörende Schriftsteller Béla Markó spricht über den ungarischen Nationalfeiertag am 20. August, dessen staastsgründerische Ideale er in der Flüchtlingsdebatte noch einmal betonen möchte: "Könnte es heute ein anderes akzeptables Programm der ungarischen Gesellschaft in Siebenbürgen geben als 'Erhalt durch Veränderung'? Und kann etwas bitterer sein, als wenn jemand in Ungarn die Begriffe Europäertum und Ungarntum einander gegenüberstellt und uns explizit oder implizit vor die Wahl stellt, Europäer oder Ungarn zu sein? ... Aus Siebenbürgen zumindest sehe ich es so: Wir brauchen nicht nur Herz, sondern auch Hirn für die Nation. Aber dann müssen wir uns auch fragen, wofür wir in dieser seltsamen Zeit Herz haben, in der Zeit der neueren Völkerwanderungen und Referenden."

Magazinrundschau vom 26.07.2016 - Nepszabadsag

Anlässlich des sechzigsten Jahrestag der Revolution von 1956 referierte der Schriftsteller György Spiró bei der diesjährigen Schreibwerkstatt vom Bund junger Schriftsteller (FISZ) in Visegrád über die Besonderheiten der historischen Erzählung: "Als Kind erlebte ich zwar einiges während der Revolution, doch das zählt nicht, weil eine historische Zeit nicht unbedingt erlebt werden muss, damit eine gültige Literatur darüber entstehen kann. (...) Ich bevorzuge Werke, die dem Leser die konkrete historische Situation und die Rollen durch Visualisierung und Vitalisierung erklären. Darin besteht der Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und Literatur: erstere spricht mit ihrer Wissenschaftssprache Fachkreise an, die Literatur dagegen generiert Emotionen und Leidenschaft und erreicht so, dass beim Leser etwas bleibt und historische Ereignisse zum gemeinsamen Wissen werden."

Magazinrundschau vom 19.07.2016 - Nepszabadsag

Auch der Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler Péter György trauert um Péter Esterházy: "Dass die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind, sagte nicht er, sondern Wittgenstein. Und Esterházy zeigte, um welch eine weite Grenze es sich handelt. (...) Von ihm lernten mehrere Generationen, wie viel ein Schriftsteller geben kann, der in den jahrhundertalten philosophischen und ästhetischen Debatten keine Position bezieht, sondern zeigt, wie eine Sprache funktioniert, dessen Natur ebenso transparent, wie undurchschaubar ist."

Die ungarische Regierung hat es nicht für nötig befunden, ein Wort der Trauer zum Tod Peter Esterhazys zu verlieren. Szilvia Kuczogi, stellvertretende Chefredakteurin von Népszabadság, wundert das nicht. "In der nie endenden Kádár-Ära lasen mehrere Tausend Menschen ein merkwürdiges Buch ('Kleine ungarische Pornografie'). Neben seinen perfekten Sätze liebten sie auch die ungekämmten Haare des Autors. Seine Freiheit. Die Freiheit Esterházys wurde unsere Freiheit. 1989 ging das Nie-Endende zu Ende und Esterházy blieb weiterhin unsere Freiheit. (...) Im Jahre 2016 spricht der Ministerpräsident uns Lesern sein Beileid nicht aus. Denn wir sind diejenigen, die alleine blieben, die selbst Antworten finden müssen, die keinen Trost darin finden, dass auf eine Bücherwoche die nächste folgt, auf ein neues Buch ein neueres. Viktor Orbán tritt nicht in diesen Raum, denn damit würde er anerkennen, dass Kultur existiert. Dass die Kultur Erlebnis- und Gedankengemeinschaft ist. Dass Kultur frei ist. Dass Esterházy unsere Kultur ist. Dass wir frei sind. Ob wir ihn lasen oder nicht. Ob wir vor der Wende geboren wurden oder danach. Ob wir ein Zitat und eine Kerze auf Facebook posten oder nicht."

Magazinrundschau vom 12.07.2016 - Nepszabadsag

Der neue historische Roman "Egy piaci nap" (Ein Markttag, Magvető, 2016, 222 Seiten) von Pál Závada (mehr) über ein in Vergessenheit geratenes Pogrom im Jahre 1946 wurde vor kurzem veröffentlicht. Aus diesem Anlass sprach Sándor Zsigmond Papp mit dem Schriftsteller u.a. über gegenwärtige Entwicklungen auf dem Kontinent und die Aussichten Ungarns, die Zavada wenig optimistisch beurteilt: "Es ist möglich, dass Fremdenfeindlichkeit, der Abbau internationaler Kooperationen, das Abstandnehmen von der europäischen Werteordnung und verschiedene Formen des Auseinanderfallens weiter zunehmen werden. Was unser kleinstaatliches Elend betrifft, das deformierte ungarische Wesen, unsere Geschichte und unsere erneute Sackgasse, so wird der Kopf unserer Regierung weiterhin an der Spitze dieser Entwicklung marschieren. Solange, wie wir es zulassen."

Magazinrundschau vom 21.06.2016 - Nepszabadsag

In der literarischen Reihe der Wochenendausgabe denkt der Schriftsteller Krisztián Grecsó über Außen- und Innenansichten von Ungarn nach: "Vor kurzem sah ich den Dokumentarfilm über das Budapester Konzert von Queen (1986). In den Achtzigern war Ungarn das Land der Möglichkeiten, nicht nur die lustigste Baracke, sondern auch eine Kulturnation, die auf einen Schlag wie der Westen sein würde. Von heute aus betrachtet ist es eher verblüffend, wie viel Potenzial in dieser Heimat steckte und nicht, was daraus wurde. Während wir jetzt auf den Ruinen sitzend trauern, begreifen wir nicht einmal die Verluste."
Stichwörter: Krisztian Grecso, Ungarn

Magazinrundschau vom 14.06.2016 - Nepszabadsag

Die Dichterin und Schriftstellerin Krisztina Tóth erklärt im Interview mit Zsolt Kacsor, warum politische Stellungnahmen nicht unbedingt die Aufgabe von Autoren sind: "Das Neueste ist die Rückkehr einer alten Erwartung der Leser: dass die Schriftsteller sich zu öffentlichen Themen äußern und Position beziehen sollen. Dies tut aber der Literatur nicht immer gut. Die Werke werden in die Richtung der Publizistik gedrängt, was wiederum die schöpferische Spannung auslöscht, die langfristig das literarische Schaffen fruchtbar macht. Andererseits wird erneut von den gesellschaftlichen Pflichten eines Schriftstellers gesprochen, es wird etwa versucht festzulegen, was ein Schriftsteller in einer Gesellschaft zu tun hat. Aus meiner Sicht hat er eine einzige Pflicht: nach Möglichkeit gut zu schreiben."
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