Magazinrundschau

Genozid böse, China trifft Mitschuld

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.04.2008. In den Blättern nimmt Jürgen Habermas Stellung zu der vom Perlentaucher und signandsight.com lancierten Debatte über Islam in Europa. Der Merkur belegt, dass Adorno Hoffnungen in die Nazis setzte, die leider auch enttäuscht wurden. In La vie des idees feiert der Philosoph Philippe Lacour den wahren DJ des digitalen Wissens. In Literaturen bespricht Micha Brumlik die neue Carl-Schmitt-Biografie von Christian Linder. Nepszabadsag fühlt dem bewusstlosen Körper Ungarns den Puls. In Edge.org erklärt der Evolutionsbiologe Iain Couzin, warum die Mormonengrille ihre Artgenossen gern ins Hinterteil beißt. New Republic präsentiert im Titelbild den Wunschkandidaten der Demokraten.

Blätter f. dt. u. int. Politik (Deutschland), 01.04.2008

In einem Artikel über die "Dialektik der Säkularisierung" nimmt Jürgen Habermas ausführlich Stellung zu der von Perlentaucher und signandsight.com lancierten Debatte über "Islam in Europa". (Die Debatte ist in dem Buch gleichen Titels dokumentiert.) Sowohl den "Säkularisten" als auch den "Multikulturalisten" will Habermas nicht recht geben, obwohl er den Säkularisten das Verdienst attestiert, "energisch auf der Unverzichtbarkeit der gleichmäßigen zivilgesellschaftlichen Inklusion aller Bürger zu bestehen... Auch religiöse Bürger und Religionsgemeinschaften dürfen sich nicht nur äußerlich anpassen. Sie müssen sich die säkulare Legitimation des Gemeinwesens unter den Prämissen ihres eigenen Glaubens zu eigen machen." Aber Habermas fordert auch einen Lernprozess der säkularen Seite - einer der Gründe hierfür: "Der demokratische Staat (sollte) die polyphone Komplexität der öffentlichen Stimmenvielfalt nicht vorschnell reduzieren, weil er nicht wissen kann, ob er die Gesellschaft sonst nicht von knappen Ressourcen der Sinn und Identitätsstiftung abschneidet."

Merkur (Deutschland), 01.04.2008

"Es gab eine Zeit, da mir einige Lieder von Helge Schneider ebenso viel bedeuteten wie die großen Mozart-Arien", bekennt Jens Hagestedt in einem Essay über den Unterschied zwischen ernsthafter und Unterhaltungsmusik. "Dass gute Popularmusik Ansprüchen an höchsten Wahrheitsgehalt nicht genügen kann, besagt nichts gegen sie. Wie aber sich stellen zum Übermaß des Schlechten, dessen Dominanz auch der toleranteste Hörer ernster Musik nicht bestreiten wird?" Allerdings kann man auch als Verächter der U-Musik dumm dastehen, wie Hagestedt zu erzählen weiß: "Adorno hat 1933 in einem höchst kompromittierenden, aber glücklicherweise nicht veröffentlichten Text die Verantwortlichen des nunmehr 'gleichgeschalteten' Rundfunks der deutschen Diktatur ermutigen wollen, ihre Macht zu nutzen, um mit dem, was man ohne allzu zartfühlende Definitionen als 'Schlager' bezeichnen könne, in den Programmen, so wörtlich, 'ernsthaft Schluss' zu machen und 'die spukhaft entfremdeten Musikwaren aus den Sendern heraus(zufegen)'."

Weitere Artikel: Burkhard Müller schreibt über Kafkas Fabeln. Ulrike Ackermann betrachtet ungläubig die Debatte zum Islam in Europa und wundert sich, "wie weitreichend die westlichen Selbstzweifel inzwischen gediehen sind". Hans Ulrich Gumbrecht arbeitet in der offenbar letzten Folge seiner Americana-Reihe am Godfather-Mythos.
Archiv: Merkur

Wired (USA), 16.04.2008

Lange kann es nicht mehr dauern, glaubt Ray Kurzweil im großen Wired-Porträt, bis eintritt, was er als biologische "Singularität" beschreibt - Unsterblichkeit durch Einsatz kleiner Roboter und künstlicher Intelligenzen. Das Wichtigste für Kurzweil selbst: Durchhalten. "Kurzweil macht keine halben Sachen. Er nimmt 180 bis 210 Vitamin- und Mineralpillen am Tag, so viele, dass er es gar nicht mehr selbst organisieren kann... Kurzweil verbringt auch einen Tag in der Woche in einer Klinik, in der ihm intravenös Langlebigkeitsmittel verabreicht werden. Der Grund für diese Konzentration auf optimale Gesundheit sollte offensichtlich sein: Wenn die Singularität Menschen in der Mitte dieses Jahrhunderts unsterblich macht, wäre es ein Jammer, müsste man in der Zwischenzeit sterben. Kurz vor der Singularität an einem Herzinfarkt zu sterben, wäre nicht nur traurig aus den bekannten Gründen, es wäre auch ein Fall von tragischem Pech, als wäre man der letzte Soldat, der an der Westfront unmittelbar vor Verkündung des Waffenstillstands erschossen wird."

Dies übrigens Kurzweils Formel für die Beschleunigung des Wachstums von Weltwissen, das diese Fortschritte möglich machen wird:
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Archiv: Wired

New York Review of Books (USA), 17.04.2008

Anfangs ein wenig skeptisch hat Stanley Wells Germaine Greers Biografie von Shakespeares Frau Ann Hathaway gelesen, muss dann aber zugeben, dass sie recht überzeugend mit einigen hanebüchenen Zuschreibungen aufräumt. Zum Beispiel Stephen Greenblatts Behauptung, "es sei absolut möglich, dass Shakespeares Frau kein einziges Wort gelesen hat, das er geschrieben hat". "Greer kommentiert dies spitz: 'Natürlich ist es möglich, sogar absolut möglich, dass Ann nicht lesen konnte. Angesichts eines fehlenden Gegenbeweises ist es auch möglich, dass sie blind war.' Von Ann ist keine Handschrift überliefert, aber Greer kann plausibel machen, dass sie zumindest lesen konnte."

Weitere Artikel: Fassunglos konstatiert Raymond Bonner, dass es fast sieben Jahre gedauert hat, um sechs Guantanamo-Gefangene, darunter Khalid Scheich Mohammed und Ramzi Binalshibh, für die Anschläge vom 11. September vor Gericht zu bringen. 240 weitere Gefangene bleiben für ungewisse Zeit und aus ungewissen Gründen in Haft. Elizabeth Drew staunt über Hillary Clintons Fähigkeiten, im Wahlkampf gegen Barack Obama aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Besprochen werden die erste Ausstellung zu Nicolas Poussin als Landschaftsmaler seit dreihundert Jahren im New Yorker Metropolitan Museum, Joseph E. Stiglitz sehr "sozialdemokratisches" Buch "Making Globalization Work", die Edition von John Steinbecks Werken in der Library of America sowie die Herausgabe von Hart Cranes Gedichten ebenda.

La vie des idees (Frankreich), 28.03.2008

In einem kundig recherchierten und fußnotenreichen Artikel untersucht der Philosoph Philippe Lacour die Rolle der wissenschaftlichen Bewertung bei Wikipedia. Die Entwicklung der Internet-Enzyklopädie bejahe eine Logik der Fragmentierung und Wiederzusammensetzung von Wissen und digitalen Inhalten, die zweifellos eine neue Form des intellektuellen Lebens ankündige. "Deshalb ist die Enzyklopädie Wikipedia als solche weniger bedeutsam als die Prinzipien, die sie veranschaulicht: simultane Bearbeitung, einfache Sprache, Modellierbarkeit und Weiterentwickelbarkeit des produzierten Objekts. (...) Trotz der Banalität vieler spontaner virtueller Erzeugnisse im Netz begreift man die Originalität der hier entstehenden Figur des Intellektuellen: zugleich kritisch und engagiert (Sartre), spezifisch (Foucault), kollektiv (Bourdieu) und virtuell - ein wahrer DJ des digitalen Wissens."
Stichwörter: Wikipedia

Economist (UK), 28.03.2008

Der Economist hat eine große Umfrage zu den unterschiedlichen politischen und sonstigen Auffassungen zwischen den USA und Großbritannien in Auftrag gegeben - und ist doch etwas überrascht, wie beträchtlich sie sind: "Vorbei sind die Zeiten, in denen Großbritannien zwischen politischen Extremen schwankte und die Amerikaner nur erstaunt den Kopf schütteln konnten. Die Kluft zwischen Republikanern und Demokraten ist in allen Fällen viel größer als die zwischen Tories und (in der Regel) den Liberaldemokraten. Das ist im übrigen auch eine der interessanten Entdeckungen: Die Unterstützer der Liberaldemokraten sind linker als die Labour-Anhänger auf allen politischen Themenfeldern, ausgenommen die Rolle des Staates. Es gibt einige solcher Überraschungen. Amerikaner sind entschiedener anti-Big-Business. Briten haben weniger Probleme mit Multikulturalismus..." (Hier als pdf-Dokument alle Ergebnisse im einzelnen.)

Besprochen werden eine Marie-Antoinette-Ausstellung im Pariser Grand Palais und Bücher, darunter sehr unterschiedliche Diagnosen zur Geopolitik von Parag Khanna und Robert Kagan sowie Salman Rushdies neuer Roman "The Enchantress of Florence", der den Rezensenten auf hohem Niveau enttäuscht hat. Außerdem ein ausführlicher Nachruf auf den Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke.
Archiv: Economist

Literaturen (Deutschland), 01.04.2008

Der Schwerpunkt des April-Hefts ist dem furchtbaren Antisemiten, Kronjuristen des Dritten Reichs und brillanten Denker Carl Schmitt gewidmet. Online zu lesen ist Micha Brumliks Besprechung einer neuen Biografie, die Christian Linder verfasst hat. Mit seinem Glauben an ein "Geheimnis" im Kern des Werks und der Person gehe der Autor Schmitt zwar ohne Not "auf den Leim", aber höchst lesenswert ist das Buch, findet Brumlik, doch: "Christian Linder verschweigt an der cause scandaleuse dieses Lebens so gut wie nichts, und wer sich bisher mit Carl Schmitt nicht oder nicht ausführlich beschäftigt hat, wird mit seinem Buch und den darin überaus geschickt und ausführlich montierten Zitaten auf jenen Stand gebracht, der ein nicht nur oberflächlich informiertes Mitsprechen ermöglicht. Linder ist eben auch ein erfahrener Autor von Hörspielen, und sozeugt die Weise, wie er die Vielfalt widerstrebiger Stimmen von und über Schmitt zu einem spannenden Dialog fügt, von hohem technischen Können. Sein Buch ersetzt ganze Bibliotheken nur schwer zugänglicher Literatur."

Weitere Artikel: Rene Aguiah hat Richard Sennetts neues Buch "Handwerk gelesen und den Autor außerdem zum Gespräch getroffen. In seiner "Kriminal"-Kolumne schreibt Franz Schuh über Virginie Bracs Krimi "Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben", an dem ihm zunächst vor allem dieser eine Satz gefiel: "Im Interventionszentrum herrscht Weltuntergangsstimmung." Mitten aus London informiert David Flusfeder über eine enorme Erhöhung des Mitgliedsbeitrags der London Library. Aram Lintzels "Netzkarte" widmet sich diesmal seltsamen Seniorenseiten. Und John von Düffel liest - nicht zum ersten Mal - Hamlet.

Besprochen werden darüber hinaus Clemens Meyers Stories "Die Nacht, die Lichter" und Hörbuchversionen von Joseph Conrads "Herz der Finsternis" und Joseph Roths "Radetzkymarsch".
Archiv: Literaturen

Spectator (UK), 28.03.2008

Mit seinem letzten Buch "On God" sei Norman Mailer endlich bei einem Thema angekommen, dass groß genug für sein Ego gewesen sein müsste, ätzt Roger Lewis. "Weil das Leben des Literaten nichts wirklich Männliches anzubieten hatte, zettelte Mailer zeitlebens blödsinnige Streitereien und Wettkämpfe an, und falls wirklich niemand mit ihm in den Ring steigen wollte, schlug er sich schon mal selbst k.o. In 'On God' aber spricht er mit solchem Selbstbewusstsein über Dinge, die niemals bewiesen werden können, dass sein Seelenverwandter nicht Richard Burton oder vielleicht noch Oliver Reed ist, sondern die ehemalige Priesterin am Hof des Tutankhamen und Einwohnerin des sagenumwobenen Atlantis, die überkandidelte Shirley MacLaine."

Rod Liddle behauptet: "Ich weiß, warum die Regierung Homosexuelle in den Iran zurückschicken will, damit sie dort gehängt werden."
Archiv: Spectator

Nepszabadsag (Ungarn), 22.03.2008

Am 9. März haben die Ungarn in einer Volksabstimmung die von der sozialliberalen Regierung Gyurcsany im letzten Jahr eingeführten Gesundheits- und Studiengebühren abgelehnt. Laszlo Lengyel fühlt seinem Land besorgt den Puls. "Bemitleidet man Ungarn? Geht man auf Zehenspitzen um es herum? Wird es in ein anderes Zimmer gebracht, am Ende des Ganges? Liegt es dann dort, einsam, zwischen aufgehängten Bettlaken? Schwere Worte fallen über die Funktionsfähigkeit des Landes - nicht nur bei den ungarischen Wählern, auch bei den Politikern der Welt. Von der Wirtschaft wird gar nicht mehr gesprochen. Der Volkswille hat die Regierungsfähigkeit der Regierung in Frage gestellt, die seit der Wende ein Monopol der Linken in Ungarn war - dies haben sogar die Wähler der Rechten eingesehen. Ihre Glaubwürdigkeit hat die Gyurcsany-Regierung nun verloren. Doch parallel zu diesem Vertrauensentzug fragt sich der Wähler bangend: ist die andere Seite regierungsfähig? Die Rechte, die bislang alles getan hat, um die Regierbarkeit des Landes abzubauen? Kann Viktor Orban, der in der Lage war, den Körper zu paralysieren, den selben Körper regieren? Kann der halbe Körper, die Hälfte der Gesellschaft genesen und wieder aufleben? Nein. Eine Reihe von misslungenen Operationen und die quacksalberhaften Beschwörungen haben nichts geholfen. Der Körper liegt bewusstlos darnieder."

Der Schriftsteller György Konrad antwortet dem Historiker Arpad Pünkösti auf die Frage, ob er etwas bereut habe im Leben: "Nicht Worte oder Taten, aber verschiedenartige Versäumnisse. Schreiben bedeutet auch Isolation, man zieht sich auch von den Menschen zurück, die einem nahe stehen. Grundsätzliche Entscheidungen bereue ich nicht. Ich habe aber blöden politischen Themen wie Zensur und Diktatur oder dem neonazistischen Unsinn von heute zu viel Zeit gewährt. Ich habe versucht zu verstehen, worum es da geht. Aus einer zivilen, intellektuellen Selbstverteidigung heraus habe ich mit Binsenwahrheiten gerungen."
Archiv: Nepszabadsag

New Statesman (UK), 27.03.2008

"Ist Boris ein Fake", fragt das Magazin auf dem Titel. Boris Johnson kandidiert als Konservativer gegen Ken Livingston für das Amt des Londoner Bürgermeisters. Es sieht gut für ihn aus, und das nur deswegen, wie Brian Cathcart notiert, weil der flamboyante Johnson sich permanent selbst verleugnet. "Wie ein Mann, der sein Stottern überwindet, hat Johnson seinen fast pathologischen Hang überwunden, jeden aber auch jeden, mit dem er spricht, zu verwirren und zu schockieren. Immer wieder hat er deshalb Unsagbares ausgeplaudert. Zudem hat er es sich abgewöhnt, entweder zu spät oder gar nicht zu Terminen aufzukreuzen. Nicht nur der Kandidat strengt sich an, auch die Menschen um ihn herum geben das Letzte. Im Wahlkampfteam kursiert der Witz, dass Chefstratege Lynton Crosby bei jedem öffentlichen Auftritt Johnson im Visier eines Scharfschützengewehrs hat, bereit, ihn sofort auszuschalten, falls sein Mundwerk wieder mit ihm durchgeht."

In einem weiteren Artikel untersucht Sholto Byrnes die Biografie des Mannes, dessen Urgroßvater Ali Kemal der letzte Innenminister des Ottomanischen Reichs und dessen Ur-Urgroßmutter möglicherweise eine tscherkessische Sklavin war.

Die darstellende Kunst in China wird stagnieren, meint der chinesische Schriftsteller Xiaolu Guo nach einem Besuch der Ausstellung "China Design Now" im Londoner Victoria and Albert Museum, solange der Sozialismus verdrängt und der Konsumismus umarmt wird. "'Unschuldige' Menschen behaupten immer, Kunst könne und solle unbeeinflusst sein von den Schatten der Politik und der Geschichte. Aber als ich vor den Video-Clips von Wong Kar-wais Film 'In the Mood for Love' stand, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wurden, erschien es mir, als sei die wichtigste Aussage des Films Maggie Cheungs exotisches 'qipao'-Kleid. Ich ging weiter, ließ den melancholischen Soundtrack des Films hinter mir und fragte mich: Kann hier und jetzt kommerzielle Werbung die Hauptkunst einer ganzen Nation werden? Wenn ja, dann ist China diese Nation."
Stichwörter: Boris Johnson, Stottern

Caffe Europa (Italien), 13.03.2008

1886 erschien Edmondo de Amicis Jugendroman "Cuore", das Tagebuch eines Zehnjährigen zur Zeit der italienischen Einigung. De Amici wurde berühmt und gilt seither in Italien als konservativer "Vater des Vaterlandes". Zu Unrecht, meint David Bidussa. Denn in seinen späteren Jahren habe sich der erfolglose Militär und gefeierte Schriftsteller zum Sozialisten gewandelt: "Im kollektiven Gedächtnis ist De Amicis als Vertreter eines Italiens der Traditionen eingegraben. Aber das war er überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Er war ein Sozialist und Freund von Filippo Turati, auch in den Monaten nach der Haft nach Bava Beccarsis Gemetzel von Mailand im Mai 1898 (die Reaktion auf den 'Aufruhr des Magens'), als viele sich von der Bewegung distanzierten. Er war Mitarbeiter der 'Critica sociale' und der 'La Lotta di Classe", in den Jahren in denen die sozialistische Partei immer noch als gefährlich betrachtet wurde."
Archiv: Caffe Europa
Stichwörter: Edmondo de Amicis

Edge.org (USA), 13.03.2008

Der Evolutionsbiologe Iain Couzin berichtet über seine Forschungen zu kollektivem Verhalten bei Ameisen und anderen Insekten. Oft führen sehr einfache Verhaltens-Algorithmen zu scheinbar komplexen Kollektivbewegungen, wie Couzain am Beispiel der Mormonengrille ausführt: "Bei Protein- oder Salzmangel versucht jedes Individuum zur Kompensation die anderen Individuen aufzufressen... Sobald ihnen also diese lebenswichtigen Nährstoffe fehlen, beginnen sie die anderen Grillen zu beißen... Das eine Körperteil, das sie nicht verteidigen können, ist das Hinterteil und deshalb tendieren sie dazu, vor allem dorthin zu beißen. Wenn sie also andere sich in Beißabsicht nähern sehen, dann bewegen sie sich verständlicherweise weg von ihnen. Umgekehrt führt dieses Bedürfnis dazu, dass man sich von sich entfernenden Grillen angezogen fühlt und ihnen deshalb folgt. Es ist dieser simple Algorithmus, der dazu führt, dass sich der ganze Schwarm als Kollektiv in Bewegung setzt."
Archiv: Edge.org
Stichwörter: Algorithmen, Insekten

Weltwoche (Schweiz), 31.03.2008

Niko Apel hat einen Film über die iranische Rallye-Meisterin und Zahnärztin Sonbol Fatemi gedreht. In Paris sprach sie mit Urs Gehriger über ihre Scheidung, ihren Beruf, das komplizierte Verhältnis zu ihren Eltern und ihre größte Angst: "Mich, was Gott betrifft, geirrt zu haben. Das wäre sehr schlimm. Ich denke immer, dass Gott mir sehr nahe ist und mich begleitet. Ich fühle ihn immer. Es gibt keine größere Angst als die, dass dieses Gefühl falsch sein könnte. Dass du dich immer an etwas anlehnst und eines Tages begreifst, dass da nichts zum Anlehnen ist. Seit ich denken kann, lebe ich in einer Welt, in der dir gesagt wird: 'Wenn du dich nicht an die Regeln hältst, wirst du bestraft werden!' Auch wenn ich eigentlich nicht an diese Regeln glaube, bleibt tief in mir doch ein letzter Zweifel: Was ist, wenn die recht haben?"
Archiv: Weltwoche

New Republic (USA), 09.04.2008

Die Schlacht um die demokratische Präsidentschaftskandidatur findet auch in Wikipedia statt, berichtet Eve Fairbanks. Da kann es schon passieren, dass ein Clinton-Foto gegen das eines Walrosses ausgetauscht wird oder dass Obama plötzlich als "Kenyan-American politician" bezeichnet wird. Aber das wird schnell korrigiert. Fairkanks hat den Schutzengel hinter dem Wikipedia-Artikel über Hillary Clinton aufgespürt, Jonathan Schilling, ein Programmierer aus New Jersey: "Schilling ist der Mann, der Hillarys Online-Ich vor den Hassattacken des Publikums beschützt. Er schätzt, dass er unter dem Nutzerpseudonym 'Wasted Time R' bis zu 15 Stunden in der Woche mit Redaktionsarbeit in Wikipedia aufbringt - das meiste mit Hillarys Seite. Kaum eine Nachricht oder Bemerkung, die nicht durch seine Hände geht: 77 mal hat er im letzten Monat die Seite aktualisiert, zumeist indem er Veränderungen löschte, die ihm als unangebracht erschienen." (Der Perlentaucher verlinkt nicht auf Wikipedia-Artikel - hier der Grund.)
Archiv: New Republic
Stichwörter: Hillary Clinton, Wikipedia

Semana (Kolumbien), 15.03.2008

Spürbar erleichtert über die jüngsten Erfolge im Kampf gegen die Guerilla zeigt sich die Redaktion der Semana - trotzdem: "Das Ende der FARC wird lang und blutig sein. Die größte Herausforderung besteht inzwischen aber nicht mehr auf militärischem Gebiet. Vielmehr muss der Staat jetzt beweisen, dass er imstande ist, sein nationales Projekt tatsächlich auf dem gesamten Territorium durchzusetzen. Mangelnde Präsenz des Staates ist der eigentliche Kern des Problems. Die großen Reformen werden wohl kaum noch mit den FARC ausgehandelt werden, aber sie anzugehen ist ein demokratischer Imperativ egal welcher künftigen Regierung."

Hector Abad ruft seinerseits das Militär zu Besonnenheit und Mäßigung auf: "Unsere schlimmsten Feinde sind trotzdem Menschen: Indem wir sie als solche behandeln und nicht wie Tiere, unterscheiden wir uns von ihnen; andernfalls werden wir zu ebenso primitiven und blutigen Mördern wie sie. Wenn wir uns so benehmen wie die Guerrilleros, verlieren wir die moralische und legale Autorität, die wir für uns in Anspruch nehmen."

Und der Musiker Juanes, der innerhalb einer Woche ein riesiges Friedenkonzert an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze auf die Beine stellte, verortet sich im Interview politisch "im extremen Zentrum. Allerdings glaube ich tatsächlich, dass in diesem historischen Moment Uribe der richtige Präsident für Kolumbien ist."
Archiv: Semana
Stichwörter: Hector Abad, Kolumbien

New York Times (USA), 30.03.2008

"Dream for Darfur" ist eine Kampagne, die die Olympischen Spiele nutzen will, um auf die Schuld Chinas - das das Regime im Sudan mit Ölkäufen massiv unterstützt - am Völkermord in Darfur aufmerksam zu machen. Ausführlich beschreibt das Magazine die Bemühungen von Jill Savitt und Schauspielerin Mia Farrow, der treibenden Kräfte von "Dream for Dafur", die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen. So traf sich Savitt mit einer auf Kampagnen spezialisierten Agentur, die "vorschlug, vorhandene Datenbanken von Aktivisten zu nutzen, in hoher Frequenz Massen-E-Mails zu verschicken und sich auf frei zugängliche social-network-Websites zu konzentrieren. 'Facebook ist der richtige Schauplatz', lautete der Rat... Savitt bat auch um Vorschläge für den Dschihad, den [Ben & Jerry's-Gründer] Ben Cohen gegen die Olympia-Maskottchen plant. 'Sagen Sie ihm, dass er die Botschaft kurz halten soll. Sie ist ja nicht kompliziert: Genozid böse; China trifft Mitschuld."