Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 03.12.2019 - London Review of Books

Vor den britischen Wahlen in der kommenden Woche bricht David Runciman die Optionen auf die Formel BJ + Brexit oder JC + 2 refs runter: Boris Johnson und Brexit oder Jeremy Corbyn und zwei Referenden (eines zum Brexit, das andere zu Schottland). "Soweit man das sagen kann, ist die Öffentlichkeit von beiden Aussichten nicht sonderlich begeistert. Meistens bezieht sich das auf die fehlende Popularität der beiden Spitzenpolitiker, denn beide erzeugen starke negative Reaktionen. Beide werden von ihren Gegnern stärker abgelehnt als sie von ihren Anhängern gemocht werden. Was das Entweder-Oder aber so unangenehm macht, ist ein politisches System, das zu viel Macht in die Hand einer Mehrheitsregierung legt und zu wenig in die Hände einer Minderheitsregierung. BJ + Brexit ist beängstigend, weil Johnson an der Spitze einer Regierungsmehrheit, die ihre eigenen Parteireihen von allen Kritikern gesäubert hat, aber mit Rückendeckung von nur zwei Fünfteln der Wählerin, in den nächsten fünf Jahren die Macht hätte, das Land von Grund auf umzugestalten. Die Mehrheit der Wähler wäre wohl dagegen, aber die Möglichkeiten einer bedeutenden politischen Opposition werden schmerzhaft gering, es sei denn, die Leute gingen auf die Straße. Was würde Johnson mit so viel Macht anstellen? Er sagt, dass er ein gemäßigter, liberaler Tory sei, und mit dem Brexit unter Dach und Fach werde er das zeigen. Aber der Brexit wird nicht so einfach erledigt sein, die Handelsgespräche werden ihn zwingen, das zu tun, was seine neue bereinigte Parlamentsfraktion erwartet. Johnsons Regierung wird hart in Sicherheitsfragen sein, aber mild gegenüber denjenigen mit viel Geld. Er wird kein Trump sein, er ist kein Dummkopf, aber ein Trumpist gleichwohl. Thatcherismus wurde einst etwas heroisch als freie Wirtschaft und starker Staat beschrieben. Johnson zielt nicht so weit. Es wird eher eine deregulierte Wirtschaft und ein gemeiner Staat."

Weiteres: Patricia Lockwood verbeugt sich vor der irischen Schriftstellerin Edna O'Brien, die ihren neuesten Roman aus der Perspektive eines von Boko Haram entführten nigerianischen Mädchen erzählt. Joanna Biggs schreibt über Ben Lerners Roman "The Topeka School"

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - London Review of Books

Ziemlich streng reagiert der Historiker Christopher Clark auf Karl Ove Knausgards Auslassungen, in denen er sich - wie im sechsten Band seiner Autobiografie "Mein Kampf" - mit Adolf Hitler vergleicht und etliche Parallelen aufmacht: eine geliebte Mutter, ein gehasster Vater und angestrengte Versuche der Selbstbefriedigung: "Die Annäherung an Hitler als Begegnung mit sich selbst zu beschreiben, ist ungewöhnlich. Es heißt keineswegs, dass Knausgard Hitlers Taten oder Weltsicht gutheißt, auch wenn er darauf besteht, dass es möglich bleiben müsse, zwischen dem zu unterscheiden, wer Hitler war und was er tat. Im Falle des jungen Hitlers, der schon ganz er selbst, aber noch nicht der Urheber von Völkermord und Krieg war, scheint die Unterscheidung (zumindest für Knausgard) unleugbar. Daher der Zorn, mit dem er auf Ian Kershaw reagierte, den Autor der klassischen, englischsprachigen Hitler-Biografie. Knausgard wirft Kershaw eine geringschätzige Haltung gegenüber dem jungen Hitler vor, eine Weigerung, mit Wärme auf die Leidenschaft und Unschuld seines Sujets zu blicken. Dieser exzessiv negative Blick, meint Knausgard, sei nicht nur unreif, sondern mache auch die Biografie unlesbar. Diese Kritik ist verwunderlich. Es geht für einen norwegischen Schriftsteller in Ordnung, eine empathische Nähe zu dem Bild kundzutun, das er sich nach der Lektüre eines halben Dutzend Bücher von Adolf Hitler gemacht hat. Aber die Aufgabe von Kershaw, der sich über Jahrzehnte in Dokumenten und Archiven vergraben hat, kann kaum darin bestehen, seine eigenen spirituelle Affinitäten zu Hitler zu erkunden. Er muss vielmehr verstehen, was es selbst schon in seiner Jugend an ihm gab, das seine spätere Karriere erklärt. Genau diese distanzierte, analytische Perspektive des Historikers stört Knausgard. Wenn er Hitler zu seinem eigenen verstörenden Doppelgänger macht, weitet Knausgard die moralische Straffreiheit seines Romans aus, indem den Lauf der modernen Geschichte hineinfaltet. Hitler wird so zum Testfall für die Narrenfreiheit des zeitgenössischen Romanciers."

Rosemary Hill huldigt dem Kolumnisten und großen Spötter Auberon Waugh, der nichts so lächerlich fand wie Journalisten, die sich selbst als vernünftigen Teil des politischen Betriebs betrachteten. Waugh wollte keine Politik ernstnehmen, die solch frivole Gestalten wie Jeremy Thorpe hervorbrachte (der einen Aufträgsmörder auf seinen früheren Liebhaber ansetzte). Hill verteidigt ihn auch gegen seine große Verächterin und journalistische Gegenspielerin Polly Toynbee, die ihm noch 2001 in ihrem Nachruf vorwarf, ein reaktionärer Snob zu sein, ebenso leichtfertig wie Boris Johnson. Dagegen meint Hill: "Waugh und Johnson waren, wie ihre politischen Karrieren zeigen, grundverschieden. Johnson wollte Macht, Waugh misstraute ihr, er wollte sie unterminieren und hielt Leichtfertigkeit für das beste Mittel dazu... Um erahnen zu lassen, was er in seiner Kolumne heute schreiben würde, ist hier sein Eintrag vom 2. Juli 1982: 'Nahezu 2.000 Leser haben meinen Rat in der Frage erbeten, ob Prince William von Wales beschnitten werden sollte. Das ist keine einfache Frage. Es hängt alles davon ab, was für eine Monarchie die Menschen wollen... Vielleicht sollte es zum Gegenstand eines nationalen Plebiszits werden, wie das Referendum über den Gemeinsamen Markt. Wir brauchen etwas um uns bei Laune zu halten, jetzt da der Falklandkrieg vorbei ist.'"

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - London Review of Books

Wenn es um ihren eigenen Kontinent geht, können sich die europäischen Länder auf nichts einigen, aber wenn es darum geht, die afrikanischen Staaten für ihre Flüchtlingspolitik einzuspannen, stehen sie zusammen wie ein Mann, bemerkt Thomas Meaney sarkastisch nach der Lektüre von Stephen Smiths Buch "The Scramble for Europe: Young Africa on Its Way to the Old Continent" und skizziert etwas kursorisch, aber erschreckend genug das hoch militarisierte Grenzregime, das die EU mit Hilfe ihrer Rüstungskonzerne und ihrer Armeen in Mali und Niger aufziehen. Aber auch die Afrikas Regierungen können Zynismus, versichert er: "Regierungsvertreter in Niger sind fließend in der Sprache des Humanitarismus, sie verstehen es, das Gewissen westlicher Journalisten zu beruhigen. Ich traf Verteidigungsminister Kalla Moutari im Pilier, einem Restaurant im Deizeibon-Viertel von Niamey, das direkt aus dem Paris der Vorkriegszeit hierher verpflanzt sein könnte. Ich fragte Moutari, ob das Schleusergesetz von 2016 Niger genutzt habe: 'Wir hatten im Norden eine schwere humanitäre Krise', erklärte er. 'Menschen starben, wurden umgebracht, gefährdeten die Beziehungen zu unseren Nachbarn. Wissen Sie, Algerien schickt die Leute sofort zurück in die Wüste, so etwas machen wir nicht. Die Algerier glauben, es sei besser, wenn die Leute in der Wüste eingehen, als wenn sie vor den Kameras im Mittelmeer ertrinken.' Niger hat vor kurzem Migranten in den Sudan abgeschoben. 'Manchmal muss man eine Botschaft schicken', lächelt er. Ich fragte ihn nach den EU-Technikern, die dem Kabinett in Niamey die Agenda entwarfen. 'Wenn man so arm ist wie wir', antwortete er, 'braucht man Wissen, Finanzen, Geld - einfach alles.' Der Rentiers-Humanitarismus ist in Nordafrikas Regierungshallen auf dem Vormarsch. Es hilft, die Sprache der Menschenrechte zu sprechen und Europas Albträume von riesigen Schmuggler-Netzwerken zu beschwören, die keinen Unterschied machten zwischen jungen Mädchen und Zigaretten." Meaney selbst fordert faireren Handel mit Afrika, ohne das näher zu erläutern, und schlägt vor, dass die afrikanischen Staaten bis dahin dringend benötigte Rohstoffe wie Kobalt und Lithium zurückhalten.
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Magazinrundschau vom 08.10.2019 - London Review of Books

Die LRB feiert ihr vierzigjähriges Bestehen mit einer Sonderausgabe, in der alles schreibt, was in der linken Intelligenzija Rang und Namen hat. John Lanchester liest bei James Griffith und Kai Strittmatter nach, wie sich China mit Hilfe von Überwachung und Zensur, Gesichtserkennung und Sozialpunkten, zu einer totalitären Technologiediktatur entwickelt hat. Mark Zuckerberg, der sich lange recht schamlos, aber vergeblich bei Xi Jinping anbiederte, hat in den Chinesen seine Meister gefunden, ahnt Lanchester, vor allem bei WeChat, das wie WhatsApp funktioniert, nur mit Uber, Deliveroo und Paypal. Das will Zuckerberg auch, glaubt Lanchester und fragt: "Wollen wir die Technologie der Gesichtserkennung in die Hände des Tech-Giganten mit den wenigstens Skrupeln geben? Wenn nicht, ist es zu spät. Facebook hat seine Geschäftsbedingungen zwar für das Markieren von Fotos geändert, von Opt-Out zu Opt-In, aber im entscheidenden Punkt ist alles gelaufen: Facebook besitzt bereits unseren Gesichtsabdruck, die algorithmische Abbildung unseres Gesichts. Wie weit können wir ihnen damit trauen? Dazu nur soviel: Facebook besitzt ein Patent, um Muster von Bekanntschaften aufgrund von Staubkörnchen auf der Smartphone-Kamera zu erkennen - wenn also, mit anderen Worten, zwei Leute von der gleichen Kamera aufgenommen wurden, dann werden sie sich wohl kennen. Das ist wichtig für das Unternehmen, denn die Funktion 'Menschen, die Du vielleicht kennst' ist einer von Facebooks stärksten Wachstumstreibern. Facebook besitzt auch das Patent für ein System, das den Gesichtsausdruck von Menschen interpretiert, die sich Waren in einem Geschäft ansehen, und ein anderes für ein System, das die Gesichter der Käufer erkennt und ihnen einen Vertrauenslevel zuschreibt, der sich aus dem Facebook-Profil ergibt. Der Vertrauenslevel kann Sonderangebote eröffnen, wenn er positiv ausfällt, aber wer weiß was, wenn nicht. Warum in aller Welt sollten wir Facebook trauen? Das Risiko für den Westen besteht darin, dass wir den gesamten Apparat, den die chinesische KP zielstrebig zur Überwachung und Manipulation entwickelt hat, unabsichtlich einführen und anwenden - aus Unachtsamkeit, Unwissenheit oder weil wir gerade an etwas anderes denken."

In einem tollen, durchaus liebevollen Stück über den Schriftsteller, Konservativen und Sexmaniac John Updike bekennt Patricia Lockwood gleich zu Beginn recht freimütig: "Ich wurde als Attentäterin angeheuert. Man lässt im Jahr des Herrn 2019 keine 37-Jährige über John Updike schreiben, wenn man nicht Blut an der Wand sehen will. 'Ganz und gar nicht', antwortete ich also auf die erste Anfrage, weil ich wusste, ich würde alles zu lesen versuchen, und tagelang an einer angemessene Beschreibung seiner Nasenflügel sitzen, und am Ende würde ich, nach Monate auf dem schmalen Grat von Objektivität und fairer Einschätzung, den Brief eines Redakteurs namens Norbert bekommen, der mir vorwirft, einem großen Mann den Schwengel abzuschneiden. Aber dann trieben mich die Redakteure auf einer Party betrunken in die Ecke. Also los."

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - London Review of Books

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Der frühere Richter Stephen Sedley besingt die strahlende Stringenz des Urteils, mit dem der Supreme Court die Suspendierung des britischen Parlaments aufgehoben hat. Brenda Hales Begründung möchte Sedley zur Pflichtlektüre machen in Politik, Recht und Literatur: "Vor dem Supreme Court erwies sich der Standpunkt der Regierung, dass die ganze Angelegenheit die Gerichte nichts angehe, als ein Eigentor. Auf die Behauptung, dass dies ein rein politisches Problem sei, antwortete das Gericht im Grunde, dass auch der Rechtsbruch aus politischen Gründen noch immer ein Rechtsbruch sei. Die Regierung argumentierte, dass der neunte Artikel der Bill of Rights explizit die Behinderung oder Infragestellung von 'Vorgängen im Parlament' verbiete, und zwar 'in jedem Gericht oder an jedem anderen Ort', woraufhin die Richter sehr geduldig zum entscheidenden Punkt erklärten, dass die fraglichen Vorgänge eben nicht im Parlament stattgefunden hätten, sondern hinter seinem Rücken."

Apropos Politik: Tom Crewe glaubt, dass der Brexit insgesamt eigentlich keine Frage von Politik sei, sondern ihre Negierung. Deswegen seien auch beide Parteien darüber gespalten, und deswegen werde auch die nächste Wahl keine Entscheidung über die EU: "Der Brexit ist zu amorph, um eine politische Richtung zu sein, zu groß und zugleich zu klein, um auch nur vier oder fünf Wochen Wahlkampf auszuhalten."

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - London Review of Books

Edma Morisots Porträt ihrer Schwester Berthe (1865-68)

Julian Barnes ist hingerissen von der Ausstellung, die das Musée d'Orsay der Malerin Berthe Morisot widmet. Morisot war unter ihren impressionistischen Freunden und Kollegen stets anerkannt, betont er, und zwar nicht, weil sie mit Edouard Manets Bruder Eugène verheiratet war. Es lag an ihrem unleugbaren Talent, ihrer Willenstärke, ihrem Eigensinn: "Mit Lob war sie nicht schnell bei der Hand. Die strenge Konzentration und kaum gezügelte Heftigkeit, die schon Edma im Porträt ihrer jugendlichen Schwester Berthe festhielt, zeigt sich auch in ihren Notizbüchern. Wie viele andere auch hielt ich den Kampf zwischen Farbe und Linie stets für den großen Bogen in der französischen Malerei zwischen 1820 und 1920. Für die Farbe stand Delacroix, für die Linie Ingres. Mit den Impressionisten nahm die Farbe Oberhand, mit den Kubisten die Linie, dann gab es die große Vereinigung, als die Kubisten wieder die Farbe zuließen. Es ist ernüchternd und nützlich zugleich, für solch grobe Pinselstriche von Morisot zurechtgewiesen zu werden: ''Alle Malerei ist natürlich eine Kopie der Natur, aber ist sie von Boucher kopiert die Gleiche wie von Holbein? Einer ist so wahr wie der andere, egal ob diese Wahrheit durch die Linie oder die Farbe ausgedrückt wird. Diese ständige Unterscheidung von Linie und Farbe ist kindisch, aus dem einfachen Grund, dass Farbe nicht weniger und nicht mehr ist als ein Ausdruck von Form.' In einem Eintrag von 1893 schreibt sie: Moderne Romane und moderne Malerei langweilen mich; Ich liebe nur extreme Neuheit oder die Dinge aus dem vorigen Jahr.'"

Außerdem: Stephen Sedley, früherer Richter am Berufungsgericht, konstatiert nicht nur den "funktionalen Zusammenbruch und moralischen Niedergang" der britischen Politik. Er mag auch wenig Hoffnung auf die Justiz setzen, wenn der Verfassungsrichter Jonathan Sumption in seiner BBC-Lecture prophezeit: "Wir stehen vor einer möglichen Katastrophe. Und es gibt nichts, was das Recht dagegen tun könnte."

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - London Review of Books

Die LRB hat Stimmen gesammelt zum kalamitösen Zustand der britischen Demokratie. Die AutorInnen von Mary Beard bis David Runciman übertreffen sich an düsteren Szenarien, niemand weiß einen Ausweg. Der Historiker Neal Ascherson etwa umreißt seine Prognose für den Herbst: "Wir werden recht bald in eine Sackgasse gelangen, das Toben obszöner Karikaturen erleben, eine weitere Meuterei bei den Tories und schließlich den fiesesten, schmutzigsten Wahlkampf in hundert Jahren."

Die Philosophin Lorna Finlayson sieht Britannien in einer noch übleren Sackgasse: "Die meisten Menschen wollen nur noch, dass die Brexit-Frage so oder so geklärt wird, damit sie nichts mehr davon hören müssen. Das aber ist das einzige, was mit Sicherheit nicht passieren wird. Wenn Britannien die EU verlässt, werden die Rufe nach einer Rückkehr anhaltend und betäubend sein. Wenn wir drin bleiben, werden die Gespenster des Brexits niemals ausgetrieben werden, und die Dolchstoß-Legende, die Brexiteers schon jetzt lancieren, wird unaufhörlich dazu verwendet werden, um zu spalten und unterhalten."
Stichwörter: Brexit, Ascherson, Neal

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - London Review of Books

Chaohua Wang, eine Studentenführerin der niedergeschlagegen Tienanmen-Proteste, erinnert an den langjährigen Widerstand der Hongkonger gegen Pekings Versuche, die letzte Bastion chinesischer Demokratie zu schleifen, an die Regenschirm-Demonstrationen oder Occupy Central, und sie besingt dabei auch Aktivisten wie den mittlerweile siebzigjährigen Reverend Chu Yiu-ming, der ihr schon 1989 bei der Flucht aus China half und nun für die Unterstützung von Occupy Central ins Gefängnis muss. Welchen Ausgang die aktuellen, von Millionen getragenen Proteste in Hongkong nehmen werden, wagt Chaohua Wang nicht vorauszusagen, doch sieht sie in ihnen eine "spektakuläre Phase" im Kampf um Hongkongs Demokratie: "Alle haben ihre Lektion aus den früheren Protesten gelernt. Die Behörden versuchen immer, eine Bewegung zu zerstören, indem sie die Anführer identifizieren. Doch die aktuellen Proteste haben keine Führung, sie sind extrem dezentral. Die sozialen Medien sind das Hauptwerkzeug der Massenmobilisierung. Diesmal gibt es auch kein inneres Zerwürfnis. Und die Solidarität gründet nicht auf politischer Disziplin: Selbst wenn Brüder zusammen einen Berg besteigen, muss sich jeder anstrengen. Auf eine Aktion kann sofort eine weitere folgen oder nach einer Pause von wenigen Tagen. Bruce Lees Devise wurde zur goldenen Regel: 'Wasser kann fließen, oder es kann zerstören: Sei Wasser, mein Freund!'"

Thomas Meaney zeichnet mit Blick auf zwei Bücher von Kathleen Belew und Kyle Burke die Bruderschaften von Weißen Nationalisten und Paramilitärs in den USA nach, die seit Vietnam ihren eigenen Krieg gegen Schwarze, Kommunisten und den Staat überhaupt führten, wenn sie sich nicht in Rhodesien, Afghanistan oder Kroatien als Söldner verdingten: Seit dem Attentat von Timothy McVeigh in Oklahoma gelten sie als einsame Wölfe, doch in Meaneys Augen haben sie eher von antifaschistischen Partisanen das Konzept der Leaderless Resistance für ihren Herrenmenschen-Terrorismus abgekupfert.

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - London Review of Books

Eigentlich möchte man ja nichts mehr über den Brexit und seine Protagonisten lesen. Aber was James Meek über Jacob Rees-Mogg schreibt, lässt einen dann doch mit den kontinentaleuropäischen Ohren schlackern. Es gebe zwei Jacobs, schreibt er, den einen, der stets so aussieht, als wollte zu einer Dinnerparty des Jahres 1935 eilen und der sich eine reiche Königin wünscht, mit goldenen Kutschen und den besten Pferden der Welt davor. Und den anderen, der in den letzten Jahren schätzungsweise Abermillionen mit einem Fonds für reiche Kunden verdient hat. Somerset Capital Management (SCM) heißt die Firma, die von einem Schwiegersohn Rupert Murdochs gegründet wurde. Und so verbindet Rees-Mogg sein stocksteif-nostalgisches Britentum mit schnittigstem Globalkapitalismus: "Er wurde wegen Tochterfonds in Irland kritisiert, als die Firma Kunden vor den Gefahren eines harten Brexit warnte: Zeigte das nicht, dass sein Glaube in die Finanzstabilität Britannines nach dem Brexit ein Schwindel war? Er musste sich für seine Investitionen in einen indonesischen Pharmakonzern rechtfertigen, dessen Pillen als Abtreibungspillen genutzt werden konnten: Rees-Mogg ist ein katholischer Fundamentalist, der glaubt, dass Abtreibung selbst in Fällen von Vergewaltigung oder Inzest inakzeptabel ist. Er wurde beschuldigt, auf unpatriotische Art in russische Firmen zu investieren und vom Post-Brexit-Chaos beim Pfund-Kurs zu profitieren, denn fast alle Investitionen von SCM laufen in anderen Währungen." Aber all das, so Meek, schade Rees-Mogg nicht und lasse sich bestens vereinbaren: Rees-Moggs Liebe zum viktorianischen Zeitalter sei eben auch eine zu einem Zeitalter, das Massen von Menschen verelenden ließ."

Außerdem in der LRB: Sheila Fitzpatricks schöne Besprechung des Buchs "To See Paris and Die - The Soviet Lives of Western Culture" von Eleonory Gilburd über die Sehnsucht der Sowjetbürger nach dem unerreichbaren Westen, verkörpert vor allem von der Lichterstadt Paris.

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - London Review of Books

Ausführlich erzählt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze die vergangenen zwanzig Jahren deutscher Parteipolitik nach, vor allem als Geschichte des sozialdemokratischen Kollaps nach der Agenda 2010. Wenn es um die verschiedenen Spaltungen im Land geht, misst er ihr ein noch größeres Gewicht bei als der Flüchtlingspolitik von 2015 oder dem Aufsteig der AfD, vor allem weil die soziale Ungleichheit im Wohlfahrtsstaat Deutschland so groß sei wie in anderen Ländern, die soziale Mobilität aber viel geringer. Am Ende zeigt er vor allem Ungeduld mit der Regierung Merkel: "Es gibt an der deutschen Demokratie viel zu bewundern. Sie ist flexibel, offen, und immer bereit zur Veränderung. Die sechs Parteien, aus denen sie nun besteht, spiegeln die Spaltungen der deutschen Gesellschaft wider. Die Komplexität reflektiert die Realität. Aber kann sie auch Führung hervorbringen? Die Antwort ist nicht nur für Deutschland entscheidend, sondern auch für Europa. Es braucht eine klare deutsche Position in etlichen Fragen, vom Brexit und der Entwicklung der Eurozone bis zum Klimawandel und zur Sicherheitspolitik im Zeitalter von Donald Trump. Ein Fenster strategischer Möglichkeiten schloss sich 2017, als Emmanuel Macron vergeblich auf eine Antwort aus Deutschland auf seine Sorbonne-Visionen für Europas Zukunft wartete. Europa kann sich keinen weiteren Aufschub leisten. Eine Neuaufstellung der Berliner Politik kann womöglich eine entschiedenere, pro-europäischere Regierung hervorbringen. Aber das ist Spekulation. Und wie lange wird es dauern? Bis dahin hat es Europa mit einer Regierung in Berlin zu tun, die ein politischer Zombie ist, Relikt einer vergangenen Zeit."

Andrew O'Hagan war bei der Abschiedsfeier für Karl Lagerfeld im Grand Palais und hängt dabei seinen Erinnerungen an den Couturier nach: "Das Licht begann sich zu verändern, und ich sah, wie sich Wolken über der riesigen Glasdecke gebildet hatten. Pharrell hüpfte auf seine Fußspitzen und alle standen auf. Die Person vor mir trug einen Lederrock und silberne Plateauabsätze. Sie hatte rote Haare, eine Jacke aus roten Pfingstrosen, blutrote Nägel und einen vollen, dunklen Bart. Sie wischte eine Träne ab. 'Mode ist auch ein Versuch, bestimmte unsichtbare Aspekte der Realität des Augenblicks sichtbar zu machen', schrieb Lagerfeld."

Weiteres: John Lanchester plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen und will sich nicht dadurch beirren lassen, dass auch die Ultraliberalen und Libertären im Silicon Valleys die Idee unterstützen. Seamus Perry liest Gedichte von W.S. Graham. Clare Bucknell vertieft sich in einen Band über Geschlechtskrankheiten in der Imagination des 18. Jahrhunderts. Eleanor Nairne schreibt anlässlich einer Ausstellung in der Tate Liverpool über Keith Haring.