Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 09.10.2018 - London Review of Books

Eliot Weinberger fasst mit dem Text "Zehn typische Tage in Trumps Amerika" sehr einschlägig den Wahnsinn zusammen, mit dem Politik und Medien die Öffentlichkeit an den Rand der Erschöpfung bringen: Während Pornostar Stormy Daniels den Boulevard mit Geschichten über Donald Trumps Schwanz versorgte, wurde laut Weinberger auch die Kohleindustrie dereguliert, erklärte Trump das FBI zum Krebsgeschwür, kostet der Hurrikan Florence zehn Menschen, 5.500 Schweine und 3.400.000 Hühner das Leben, feuerte die Umweltbehörde grundlos die Leiterin der Abteilung für Kindergesundheit und behaupteten Republikaner in Texas, dass die Demokraten Barbecues verbieten wollen. Und dann natürlich das brutale Spektakel um Brett Kavanaugh, das mit jedem Gladiatorenkampf im Kolosseum mithalten konnte. Und für Weinberger die wesentlichen Punkten verschleiert: "Was das öffentliche Interesse betrifft, hat Kavanaughs Angriff als betrunkener Jugendlicher seine extrem trüben persönlichen Finanzen in den Hintergrund gedrängt, wie auch seinen Lebensstil, der sein Gehalt weit übersteigt, die 200.000 Dollar Schulden, die sich plötzlich in Luft auflösten, seine mutmaßliche Sportwetten-Sucht, seine eindeutige Ablehnung von Abtreibung und Gewerkschaften; seine Überzeugung, dass ein Präsident von strafrechtlicher Verfolgung ausgenommen ist; seine Liste von sexuell drastischen Fragen, die er für den damalige Sonderermittler Kenneth Starr im Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton erstellt hatte, und die hunderttausend Seiten an Dokumenten, die bei seiner Arbeit für George Bush entstanden sind und die sich die Republikaner weigerten, herauszurücken - womit sie unter anderem seine Rolle bei der Formulierung der Folterpolitik deckten, den Diebstahl von Papieren der Demokratischen Partei und das Autorisieren von Abhörmaßnahmen ohne richterlichen Beschluss."

Die Sozialwissenschaftlerin Sheng Yun bekennt, dass sie sich nie für den Feminismus interessiert hat, und sieht in China den Beweis, dass es gut ohne geht. Denn die KP mag ja eine reine Männergesellschaft sein, der chinesische Kapitalismus aber sei eine Domäne der Frauen: "Viele der heutigen Startups in China wurden von Frauen um die dreißig gegründet, und ich kenne viele Firmen, in denen nur Frauen arbeiten. Jack Ma, der Gründer von Alibaba, der mit den Plattformen Taobao und Alipay Zugang zu den Daten von einer Milliarde chinesischer Konsumenten hat, sagt, dass Frauen die Zukunft der Wirtschaft sind. Ein aktueller Report behauptet, dass 79 Prozent aller Tech-Firmen in China mindestens eine Frau im Vorstand hat; in den USA liegt die Zahl bei 53 Prozent. Laut Bloomberg bringen Frauen in China mehr als die Hälfte aller neuen Internet-Firmen an den Start. Es ist kaum vorstellbar, dass sich Männer verbünden könnten, um den Aufstieg von Frauen in der chinesischen Ökonomie zu stoppen. Je jünger die Kohorte, desto weniger scheinen Gender-Unterschiede eine Rolle zu spielen. Bei den Millenials kann man kaum noch Anzeichen männlicher Dominanz sehen. Männliche Pop-Idole entsprechen mit ihrem Unisex-Look dem 'Frischfleisch'-Style, bestimmt, dem weiblichen Blick zu gefallen, aber unbewusst vielleicht auch, um femininer auszusehen - Mädchen sind in der Schule schließlich besser und cooler."

Weiteres: Die Leave-Kampagne hat beim Brexit erfolgreich auf den Drachentöter-Mythos von Sankt Georg gesetzt, meint James Meek, jetzt sollte Robin Hood zu seinem Recht kommen. David Runciman liest Bob Woodwards Bericht aus dem Weißen Haus "Fear".

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - London Review of Books

Maggie Doherty hat einen ganzen Stapel Memoiren von Autoren der Millennial-Generation gelesen und stellt Erschütterndes fest: Während die Vorreiter der Generation X keinem Club angehören wollten, den sie nicht selbst gegründet hatten, beziehen die Millennials ihr ganzes Selbstwertgefühl aus der Institution, die sie aufgenommen hat. Sie tendieren zwar zu linken Positionen, hoch im Kurs stehen bei ihnen aber auch Familienwerte, Religion und Therapien: "Millennials traten etwa zur gleichen Zeit an die Öffentlichkeit wie Barack Obama. Man kann sich kaum noch den Optimismus dieser Zeit vorstellen, vor der Haushaltssperre von 2013 und dem Kampf um Obamacare, vor den Deportationen und Drohnenangriffen, vor Trump. Viele amerikanische Millennials stimmten bei ihrer ersten Wahl 2008 natürlich für Obama, der in seiner Kampagne Hoffnung predigte und Wandel versprach. Obamas Karriere schien zu bestätigen, was sie in der Schule gelernt hatten: Vertrau in Leistung, pass dich an, versuch andere Menschen zu verstehen, lass dich von Niederlagen nicht unterkriegen. Und doch spielt Obama in diesen Memoiren als Person oder im übertragenen Sinne kaum eine Rolle. Haben die Autoren mit den Obama-Jahren bereits abgeschlossen? Wie der frühere Präsident fügen sich die meisten von ihnen und hoffen, das werde sie retten. Wenn ihnen aufgeht, dass es das nicht tut, unterdrücken sie den Gedanken gleich wieder. Aber es gibt auch andere in dieser Generation, die wissen, dass sie die Nettigkeit der Obama-Ära hinter sich lassen müssen und sich engagieren in kollektiven, radikalen, entschieden unzivilen Aktionen gegen die Mächtigen."

Weiteres: Der Archäologe Steven Mithen stellt sich hinter die Theorien des amerikanischen Genetikers David Reich, der mit seiner Forschung zur historischen DNS nicht nur genetische Unterschiede zwischen Populationen wieder in die Wissenschaft einführen will, sondern gleich die ganze Menschheitsgeschichte neu schreiben. Adam Tooze schreibt über Keynes. Colm Tóibín liest Gedichte von Thom Gunn.
Stichwörter: Millennials

Magazinrundschau vom 28.08.2018 - London Review of Books

Natürlich diskutiert auch Großbritannien über den Gesichtsschleier an Schulen und Universitäten, die jeweils eigene Regeln über die Vollverschleierung haben. Azadeh Moaveni gleicht zwei Bücher zum Thema - Anabel Inges "The Making of a Salafi Muslim Woman" und Rafia Zakarias "Veil" - mit ihren eigenen Erfahrung ab und sieht im Gesichtsschleier weniger das Anzeichen einer religiösen Radikalisierung als ein Protestsymbol, mit dem junge Menschen gegen Eltern, Staat und Gesellschaft opponieren. "Jeder, der Zeit mit jungen Musliminnen verbringt und in der Pflicht steht, das Schleiertragen als mögliches Zeichen einer Radikalisierung zu beobachten - wie es die Regierung Akademikern wie mir zur Pflicht gemacht hat - wird merken, dass Konsumkultur und Gruppendruck die wichtigsten Faktoren beim Anlegen des Kopftuchs sind. Ich lehre an der Kingston University in Südwest-London, wo Musliminnen einen beträchtlichen Anteil unter den Studierenden ausmachen, und ich habe bemerkt, dass einige Mädchen ihr erstes Jahr unverschleiert beginnen, bis sie merken, dass die Hidschab-Fashionistas die dominierende Clique auf dem Campus sind. Im zweiten Jahr kommen sie also auch mit Kopftuch oder Turban. Hidschabs sind cool, so wie Bärte cool sind, oder muslimische Frömmigkeit; sie zu tragen gibt einer irritierenden ungerechten Welt Sinn und verleiht der Trägerin mit Würde eine kohärente, transnationale Identität (als globale Muslimin und nicht als verschmähte Pakistanerin oder Bangladeshi). Es ist die Sprache einer vielfältigen Rebellion: gegen das Kopfeinziehen ihrer 'Kokosnuss-Eltern', gegen den Staat, der deine Religion als Sichereitsproblem betrachtet, gegen eine Presse, die sich an rassistischen Beleidigungen ergötzt."

In Adam Shatz' Augen kommt Benjamin Netanjahu noch viel zu gut weg in Anshels Peffers durchaus kritischer Biografie des israelischen Ministerpräsidenten, der sein Geschäft als Werber begann: "Wir sind genau wie Du', sagte Sara Netanjahu zu Trump. Die Medien hassen uns, aber die Leute lieben uns.' Sie liegt zur Hälfte richtig: Ihr Mann bleibt beliebt unter israelischen Juden. Aber zu Trumps 'Leuten' gehören sehr wenige amerikanische Juden, und Israels Alianz mit ihm hat die Kluft zwischen amerikanischen Juden und dem jüdischen Staat vergrößert. Die meisten amerikanischen Juden, selbst einige liberale, waren bereit, die Menschenrechtsverletzungen gegen die Palästinenser zu ignorieren oder zu rationalisieren. Aber sie sind nicht bereit, den Krieg gegen Immigranten auszuhalten, den Bann gegen Muslime oder die Erosion der amerikanischen Demokratie."

Weiteres: Susan Pedersen bespricht zwei Bücher über den Kampf der Sufragetten ums Frauenwahlrecht. Tariq Ali liest in Sujatha Gidlas Familiengeschichte "Ants among Elephants" vom Kampf um gegen den Kastensystem und um soziale Mobilität.
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Magazinrundschau vom 31.07.2018 - London Review of Books

Als Meisterwerk feiert Ferdinand Mount "A Certain Idea of France", eine Biografie des unvergleichlichen Charles de Gaulle, die der britische Historiker Julian Jackson vorgelegt hat. Klar und geistreich sei sie, aber auch deutlich kritischer als bisherige Bücher über den General, unter dem Politik zum permanenten Staatsstreich wurde und der es einfach nicht einsehen wollte, dass ihn jemand kritisieren durfte, nur weil er 'in irgendeinem Winkel des Landes gewählt worden war'. Überhaupt bleiben Mout die politischen Vorstellungen de Gaulles reichlich fremd: "Die Größe Frankreichs, seine Unabhängigkeit von der Außenwelt, das war die certaine idée, die ihn von Beginn an trieb. Was nicht heißt, dass er das Frankreich, wie es tatsächlich existierte, nicht ebenso verachtete wie die Franzosen, denen er tatsächlich begegnete. An dem Tag, als Pompidou zu seinem Nachfolger gewählt wurde, erklärte er gegenüber seinen Freunden, dass Frankreich den Weg in die Mittelmäßigkeit eingeschlagen habe. 'In der Mehrheit sind die Franzosen von heute als Volk noch nicht groß genug, um das Frankreich zu bewahren, das ich dreißig Jahre lang in ihrem Namen vertreten habe.' Gegenüber dem ergebenen Malraux beklagte er, dass 'die Franzosen keinen nationalen Ehrgeiz mehr verspüren... Ich habe sie mit Flaggen amüsiert.' Ein bedrückendes Verdikt, aber ein treffendes. Was bleibt am Ende von seiner Politik der nationalen Unabhängigkeit, seinen mutwilligen Annäherungen an Russland und China, vor allem von seinem Raushalten der verhassten Angelsachsen? Der Brexit dürfte ihm gefallen haben - so wie auch viele eiserne Brexiteers glühende Gaullisten sind."

Weiteres: Als Schlüsselroman über den britischen Literaturbetrieb gehört Olivia Langs Autofiktion "Crudo" zu den heißesten Neuerscheinungen auf der Insel. Johanna Biggs fand zwar heraus, dass Langs Twitter-Account als Schlüssel zu Personen und Ereignissen dienen kann, fragt sich am Ende aber doch: "Warum einen Roman schreiben, wenn der Großteil von 'Crudo' wahr ist?" David Runciman bespricht die Erinnerungen von Barack Obamas außenpolitischem Redenschreiber Ben Rhodes. Und John Lanchester liefert die  Kurzgeschichte "Love Island".

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - London Review of Books

Fast schon Buchlänge hat der ausgreifende Essay Perry Andersons über Anthony Powell im Vergleich zu Marcel Proust. Ihre Werke - die "Recherche" bei Proust (Reclam-Ausgabe, Suhrkamp-Ausgabe) und "A Dance to the Music of Time" bei Powell (Elfenbein Verlag) - sind schon häufiger verglichen worden, aber Anderson möchte eine Lanze für Powell brechen, ohne Prousts Verdienste zu mindern. Powell hatte Proust als der wesentlich Jüngere natürlich gelesen. Beider Werke sind etwa gleich lang und haben ein ähnlich komplexes Verhältnis zu Zeit, Erzählformen und Personenschilderung, so Anderson: Was Powell dabei "in erster Linie von Proust übernahm, war die reflexive Verallgemeinerung, die in den Erzählstrom eingewoben wurde. Proust bezog sich dabei auf Vorbilder aus dem 17. Jahrhundert, die Maximen der französischen Moralisten. Ohne sie wäre die 'Rechreche' unvorstellbar, schon der Titel des Romans enthält ein Versprechen auf ein generalisierendes Ende. Aber .. intellektuell gesehen sind Prousts obiter dicta allzu oft durch  Obsessionen und Übertreibung geschwächt. Ihnen fehlt die ironische Präzision eines  La Rochefoucauld oder La Bruyère. Powell war ihm als der bessere Beobachter überlegen, wenn es um fiktionale Generalisierungen geht. Sie fließen nahtlos durch die Erzählung, werden vom Erzähler geliefert, der seine eigene Persönlichkeit definiert, und sie sind feinkörniger und treffender." Äußerer Anlass für Andersons Essay ist Hilary Spurlings Biografie "Anthony Powell - Dancing to the Music of Time".

Weitere Artikel: Neal Ascherson liest "My Life as a Spy: Investigations in a Secret Police File" der Amerikanerin Katherine Verdery, die 1973 als Doktorandin nach Rumänien kam und dort über 15 Jahre immer wieder lebte. Catherine Hall vertieft sich aus aktuellem Anlass in Daniel Livesays Buch über "Children of Uncertain Fortune: Mixed-race Jamaicans in Britain and the Atlantic Family, 1733-1833".

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - London Review of Books

Und was ist, wenn sich die Leute nicht nur in Sozialen Medien in Rage reden, sondern auch in der realen Welt mit gutem Grund wütend sind? John Lanchester nimmt noch einmal die Finanzkrise vor zehn Jahren in den Blick, und erkennt in ihr den großen Wendepunkt. Denn seit dem Crash bekommen die Leute Ungleichheit und Ungerechtigkeit Jahr für Jahr vor Augen geführt: Keiner der Verantwortlichen wurde belangt, an die Banker werden wieder Boni ausgeschüttet wie vor der Krise, während die 99 Prozent Austerität und steigende Immobilienpreise zu spüren bekommen: "Erinnern Sie sich an die Äußerung des Makroökonomen Robert Lucas, dass das zentrale Problem gelöst sei, nämlich Depressionen zu verhindern? Und wie ist es gelöst worden? Dadurch dass in Großbritannien die Realeinkommen über den längsten Zeitraum hinweg gesunken sind, seit Wirtschaftsgeschichte geschrieben wird, das heißt mit heutigen Techniken, also seit dem Ende der Napoleonischen Kriege. Es ist also schlechter gelöst worden als in der Dekade nach den napoleonischen Kriegen und der darauf folgenden Krise, schlechter als in den Finanzkrisen, die Marx erlebte, schlechter als in der Depression, schlechter als in beiden Weltkriegen. Das ist eine gewaltige Statistik, und wenn man nichts über die Wirtschaft, Gesellschaft oder Politik eines Landes wüsste und nur diese einzige Tatsache genannt bekäme - dass die realen Einkommen seit dem längsten Zeitraum aller Zeiten fallen - dann würde jeder Mensch ernsthafte Erschütterungen im Leben dieser Nation erwarten."

Außerdem: James Atlee besucht die Wanderausstellung "Picasso 1932", die die Tate Modern erreicht hat.

Magazinrundschau vom 26.06.2018 - London Review of Books

Fast so schlimm wie Donald Trump findet Pankaj Mishra wohlmeinende Liberalen und pragmatische Linke, von liberalen Konservativen und konservativen Falken ganz zu schweigen. Der reine Graus ist ihm daher Yascha Mounks Buch über den "Zerfall der Demokratie", das er mit Arthur Koestler vom Tisch fegt: "Der Zerfall der Intelligenzija ist ebenso ein Zeichnen der Krankheit wie die Korrumpierung der herrschenden Klasse und der Schlaf des Proletariats." Zupass kommt Mishra aber Samuel Moyns Studie "Not Enough", in der Moyn die Menschenrechte als heuchlerisches Konzept des Westens brandmarkt: "In seinem ganzen Werk zeigt er auf, wie die Responsibility to Protect ununterscheidbar wurde vom Recht, vermeintliche Feinde zu bombardieren oder zu blockieren (Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien), vom Recht, 'Freunde' zu pampern (Saudi-Arabien, Ägypten, Israel) und dem Recht, passiv zu bleiben gegenüber Marktfundamentalisten, die die Reichen der Welt weiter über die Armen hievten als jemals zuvor in der Welt. In 'The Last Utopia' attackierte Moyn die selbstgerechte Sicht etwa von Michael Ignatieff, dass ein Bewusstsein der Schrecken des Holocausts nach dem Krieg dazu beigetragen hätte, die Menschenrechte zu einer moralischen Revolution zu weihen. Zum einen, schreibt Moyns jedoch, 'gab es kein verbreitetes Bewusstsein des Holocaust in der Nachkriegszeit'. Zum anderen beriefen sich in den fünfziger und sechziger Jahre wenige Menschen direkt auf die UN-Menschenrechtserklärung. Der Diskurs wurde erst in den siebziger Jahren populär. Intellektuelle, vor allem in Frankreich, brauchten sie,  um ihren Glauben an den Sozialismus und die Dritte Welt zu ersetzen und den antitotalitären Liberalismus mit Weihen zu versehen."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - London Review of Books

Nicht nur die Putinisten können Korruption, wirft David Runciman ein, auch die Franzosen beherrschen das Metier. Großmeister ist natürlich Michel Platini, der das Votum für Katar klargemacht hat. Laut Runciman waren die um die WM 2022 konkurrierenden Amerikaner davon erbost, dass sie die notorischen Funktionäre wie Jack Warner aus Trinidad haben hochgehen lassen: "Michel Platini, der stellvertretende Chef der Fifa, war vor der Abstimmung 2010 zum Essen im Elysée-Palast mit Präsident Sarkozy und den Abgesandten der königlichen Familie aus Katar. Sarkozy ließ die Katarer wissen, dass der Preis für Platinis Stimme die Unterstützung für seinen Fußballverein sei, der damals in finanziellen Schwierigkeiten war: Paris Saint-Germain. Wunschgemäß kauften die Katarer den Club und investierten in ihn mehrere hundert Millionen (einschließlich die 200 Millionen Pfund, die es kostete, Neymar zu kaufen, den teuersten Spieler der Welt). Katar kaufte auch für über 500 Millionen Pfund pro Jahr die Fernsehrechte für die Spiele der französischen Ligue 1, und Qatar Airways bestellte bei Airbus in Toulouse fünfzig A320. Für die französische Ökonomie in der Region betrug allein der Wert dieses Deals 15 Milliarden Pfund."

Weiteres: Rosemary Hill sinniert über die Verbindung von Romantik und Wissenschaft bei Lord Byron und seiner Tochter Ada Lovelace. Pankaj Mishra wünscht sich, Amerikas Intellektuelle hätten sich schon über ökonomische Ungleichheit oder die Macht der Konzerne so empört wie über Donald Trump.

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - London Review of Books

In einer unbedingt lesenswerten Reportage, die sich über das gesamte Blatt erstreckt, rekonstruiert Andrew O'Hagan die Tragödie des bis auf die Grundfesten niedergebrannten Grenfell Towers, die 72 Menschen das Leben kostete. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Medien, die allesamt die Tragödie ausgeschlachtet hätten, und am Ende wird er sogar die Tory-Politiker in Schutz nehmen, die für Gentrifizierung, Privatisierung und Lockerung des Brandschutzes in diesem Stadtteil verantwortlich waren und dafür von aufgebrachten Hinterbliebenen als Massenmörder gebrandmarkt wurden. Aber O'Hagan beginnt klassisch mit gründlicher Recherche zu dem Brand, der als kleines Feuer in der Küche eines äthiopischen Asylbewerbers begann: "Die Flammen hatten vom Kühlschrank auf die Küche übergegriffen und züngelten aus dem offenen Fenster hinaus, wobei sie die Isolierung im Hohlraum zwischen dem Gebäude und der neuen Verkleidung in Brand setzten. Dass dies passierte, ließ sich zunächst nicht erkennen: Als die Feuerwehrleute kamen, eine Gruppe von acht Mann, löschten sie das Feuer in Wohnung 16. Sie bemerkten nicht, dass die Flammen, die aus dem Fenster stieben, das Feuer in den Hohlraum weitertrugen. Die Riegel, die die Lücken versiegeln sollten, waren zu klein oder schlecht verfugt, so dass der Hohlraum wie ein Schornstein wirkte und die Flammen hochzog ... Als die Feuerwehrleute aus Nordkensington, nachdem sie das Feuer in der Küche gelöscht hatten, den Schauplatz verließen, begannen bei der Kontrollstelle in Stratford weitere Notrufe einzugehen. 'In meinem Wohnzimmer brennt es, im zehnten Stock!' - ' Mein Schlafzimmerfenster steht in Flammen. Ich lebe im achten Stock.' - 'Das kann nicht sein', glaubten die Leute in der Zentrale, 'das Feuer im vierten Stock ist doch gelöscht.' Ein Feuerwehrmann erklärte mir, das Problem war, dass die Leute in Stratford nicht erkennen konnten, was los war, und vollkommen irritiert waren, dass so viele Anrufe auf einmal eintrafen. Sie sagten den Anrufer, sie sollten in ihren Wohnungen bleiben."
Stichwörter: Grenfell Tower

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - London Review of Books

Am Freitag stimmen die Iren und Irinnen darüber ab, ob sie das rigide Abtreibungsverbot abschaffen wollen, das seit dem Referendum von 1982 Embryos und Föten ein nahezu bedingungsloses Recht auf Leben garantiert - auf Kosten des weiblichen Körpers. Die irische Schriftstellerin Sally Rooney sieht damals wie heute die gleiche Allianz aus irischen Konservativen und amerikanischen Fundamentalisten am Werk, die mit obsessiven Kampagnen die irische Heuchelei in ihrer ganzen Brutalität verteidigen: "Was auch immer am 15. Mai geschehen wird, weiterhin werden Tausende von irischen Frauen jedes Jahr Abtreibungen vornehmen lassen. Das Referendum von 1992 bestätigte das Recht schwangerer Frauen, für Abtreibungen ins Ausland zu reisen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendein Politiker diesen Verfassungszusatz jemals in Frage gestellt hätte. Wenn aber Abtreibungsgegner wirklich glauben, dass ein Fötus eine Person wie jede andere ist, dann sollte doch ein konstitutionelles Recht inakzeptabel sein, das erlaubt, diese Person über die Grenze zu bringen, um sie dort zu töten. Doch die Abtreibungsgegner befürworten einhellig das Recht zu reisen. Der Zugang zu britischem Abtreibungsdiensten nimmt den Druck aus der Angelegenheit in Irland. Die meisten Frauen, die dazu gezwungen sind, kratzen das Geld für eine Fahrt nach Großbritannien zusammen. Die Ungerechtigkeit des achten Verfassungszusatzes bekommen vor allem diejenigen zu spüren, die unter besonders schweren Bedingungen leben: Arme Frauen, kranke Frauen, Migrantinnen ohne Visum."

Nach jedem Militärputsch konnten die Türkei auf die Rückkehr einer zivilen Regierung und demokratische Erleichterungen hoffen, aber nicht unter Erdogan, schreibt Ella George in einem ellenlange Feature zu den türkischen Verwerfungen. Das Land ist zutiefst traumatisiert, mehr als 100.000 Menschen wurden verhaftet, 150.000 aus ihrem Job geworfen, Milliarden an Vermögen eingezogen: "Die Kulturrevolution dieser Tage bedient sich kräftig der kemalistischen Strategie: Auch sie strebt nach der Einparteienherrschaft, diktiert neue Traditionen und steckt Oppositionelle ins Gefängnis. Wie Kemal will auch Erdogan die Macht des Staates vergrößern und zugleich die Institutionen transformieren. Aber während der Kemalismus viel von der sozialen Ordnung der Ottomanen beibehielt, repräsentiert die neue Türkei, die Erdogan in seiner Rede vom 24. August 2014 ankündigte, einen grundsätzlicheren Bruch. Eine Elite wird durch eine andere ausgetauscht, Eigentum wechselt seine Besitzer, für den öffentlichen Dienst werden neue Kader herangezogen, die Universitäten werden von einer Klasse von Intellektuellen gesäubert und durch loyalere Akteure ersetzt und Regime-freundliches Kapital erhält Zugang zu den staatlichen Pfründen. Die neue Türkei setzt die Uhren nicht auf den Zeitpunkt der Staatsgründung zurück, sondern ein Jahrhundert früher, vor der westlichen Modernisierung im 19. Jahrhundert. Sie lehnt nicht nur kemalistische Eliten ab, sondern auch ihre reformistischen Vorgänger im Ottomanischen Reich."

Weiteres: Tariq Ali spricht im Interview mit David Edgar über sein kommunistisches Leben, seine Zeitschrift Black Dwarf sowie die Kämpfe vor und nach 1968. Henry Siegman gibt Benjamin Netanjahu die Schuld am Tod der Zweistaaten-Lösung.