Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 02.01.2018 - London Review of Books

Die Demokratische Partei in Amerika verrennt sich mit ihrer Fixierung auf russische Hacker-Angriffe, meint der Historiker Jackson Lears. Zum einen ist ihm die plötzliche Verehrung von CIA, NSA und FBI suspekt, die auch bisher keine Beweise, sondern nur eine "Einschätzung" erbracht hätten. Zum anderen findet er es politisch fatal: "Indem die Führung der Demokraten ausländische Dämonen für Trumps Aufstieg verantwortlich machen durfte, konnte sie die Schuld an ihrer Niederlage abschieben, ohne ihre eigene Politik in Frage zu stellen. Inmitten des allgemeinen Abscheus vor Trump gerierten sich demokratische Politiker als Dissidenten - nur wenige Tage nach den Wahlen gaben sich Clintons Anhänger das Label #the resistence. Mainstream-Demokraten nennen ihre Plattform jetzt progressiv, obwohl sie wenig mehr fordert als den Erhalt von Obamacare, etwas mehr Einkommensgerechtigkeit und den Schutz von Minderheiten. Dies ist eine recht zaghafte Agenda. ... Russiagate eröffnet den Partei-Eliten einen Weg, die Einigkeit der Partei gegen Trump voranzutreiben und die Anhänger von Bernie Sanders aus der Partei."

Patricia Lockwood sichtet Neues von und über Joan Didion. Griffin Dunnes Dokumentation "The Centre Will Not Hold" ist ihr zwar zu hagiografisch, aber sehenswert findet sie sie doch: "Es wirkt ganz wie eine Dokumentation, die ein Neffe über eine Tante machen würde, die nicht Joan Didion ist... Doch man merkt natürlich immer wieder, wie außergewöhnlich sie als Sujet ist. An einer Stelle fragt Dunne, was sie fühlte, als sie in Haight-Ashbury das fünfjährige Kind auf Acid sah. Es arbeitet erst in ihrem Gesicht, und man erwartet von ihr zu sagen: 'Es war furchtbar.' Stattdessen strahlt sie und sagt: 'Das war Gold wert.'"

Ganz hinreißend findet es Ferdinand Mount, von Craig Browns Band "Ma'am Darling" an die grässliche Prinzessin Margaret erinnert zu werden, die auch bei anderen Menschen nur das Schrecklichste zutage förderte: "Ihr Snobismus konnte barocke Ausmaße erreichen. Als ihr Mann einmal beinahe ihr Kleid in Brand gesteckt hätte und sagte: 'Das wäre nur gut gewesen. Ich hasse dieses Material', erwiderte Ihre Königliche Hoheit scharf: 'Ein Wort wie Material benutzen wir nicht. Wir sagen dazu Stoff.'"

Magazinrundschau vom 12.12.2017 - London Review of Books

Sehr abenteuerlich klingt, was der Anwalt William Carter von seinem Ausflug nach Libyen erzählt, wohin ihn eine amerikanische Ölfirma schickte, um nach dem Rechten zu sehen. Ölfelder in Kriegsgebieten sind eine heikle Sache, denn für die Bohrungen lagern dort Fässer voller Sprengstoff, Chemikalien und radioaktivem Material. Schön schmutziger Stoff, der eigentlich in Bunkern lagert und von Spezialkommandos bewacht wird. Nicht aber in Libyen. "Wir hatten beschlossen, dass die Fässer mit den Chemikalien bleiben sollten, wo sie waren. Wir konnten nichts tun. Im Nebel des Krieges treffen die Leute seltsame Entscheidungen und immerhin waren die Zünder weggeschafft und unter Kontrolle. Wir entschieden, dass es zu riskant wäre, das nukleare Material außer Landes nach Ägypten zu schmuggeln, und dass die Mitarbeiter es irgendwo in der libyschen Wüste vergraben sollten."

Weiteres: Jean McNicol gewinnt mit Harriet Harmans Erinnerungen "A Woman's Work" deprimierende Einblicke in die Frauenverachtung des britischen Politikbetriebs. Neal Ascherson bespricht William Taubmans neue Gorbatschow-Biografie.
Stichwörter: Libyen, Ölgeschäft

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - London Review of Books

Das Schlimmste an der amerikanischen Debatte um Identitätspolitik ist, dass Europäer völlig kritiklos das amerikanische Gerede von Rassen übernehmen. So auch James Meek, der nur Hohn und Spott für Mark Lilla übrig hat, der die Fixierung der amerikanischen Linken auf die Identitätspolitik verantwortlich macht für das Desaster der Demokraten. Als würden sich wieder alle für Steuerpolitik in Illinois interessieren, wenn sie nicht mehr für Black Lives Matter auf die Straßen gingen! Aber vor allem glaubt Meek nicht mehr an das Konzept einer Republik: "Wer Identitätspolitik zur Selbstgenügsamkeit erklärt, die sich nicht darum schert, die gemeinsame Vision eines Amerikas zu schaffen, an das alle Amerikaner glauben können, der nimmt nicht nur Identitäten von Klasse, Rasse und Geschlecht aus dem Spiel, sondern nimmt auch für gegeben, was es heißt, Amerikaner zu sein. In einer Welt ohne Internet und billiges Reisen, in einer Welt ohne global organisierte Hochschulen, in einer Welt, in der sich das Kapital nicht die billigste Arbeit und die niedrigsten Steuern sucht, in einer Welt, in der Regierungen ihre Bürger nicht mit Renten und Krankenversicherungen ausstatten, die mit anderen Ländern verglichen werden können, mag man damit davonkommen. Aber in einer solchen Welt leben wir nicht mehr. Es ist die extreme Fluidität von Kapital, Kulturen und Menschen, die die multiaxiale Politik von heute geschaffen hat. Und die Beschäftigung mit Rassen, Geschlecht und sexueller Orientierung als Identitätspolitik abzutun, aber unhinterfragt den Begriff der Nationalität aufrechtzuerhalten, ist wolkiges Denken."

Steven Mithen beginnt mit James Scotts "Against the Grain" an der bisherigen Erzählung der Menschheitsgeschichte zu zweifeln: "Was, wenn der Ackerbau keine Befreiung war, sondern eine Falle?", fragt er. "Landwirtschaft verlangt viel mehr Arbeit und führt zu mehr physischen Leiden als die Jagd. Und je weiter wir forschen, betont Scott, umso besser erscheint die Ernährung der Jäger und Sammler für die Gesundheit und die Work-Life-Balance."

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - London Review of Books

Hochfrequenzhandel, Landwirtschaft, Wettervorhersage und Erdbebenwarnung stützen sich heute alle auf GPS-Systeme. Thomas Jones liest in Greg Milners spannendem Buch "Pinpoint" die Geschichte der Satellitennavigation nach, die möglich wurde, als das amerikanische Militär in den achtziger Jahren 31 Satelliten in den Orbit schoss: "Lange gab es zwei verschiedene GPS-Signale: ein Hochpräzisionssignal, das nur militärische Empfangsgeräte decodieren konnten, und ein absichtlich beeinträchtigtes Signal für den zivilen Gebrauch, das die eigene Position nur auf ungefähr hundert Meter genau angab. Als sich die amerikanischen Truppen im August 1990, nach Saddam Husseins Invasion in Kuwait, auf den Weg Richtung Golf machten, hatten sie nur dreizehn tragbare GPS-Empfänger der Marke Manpack dabei. Jeder einzelne kostete 40.000 Dollar und wog zwölf Kilo. Das Verteidigungsministerium orderte schnell Tausende Trimpacks, tragbare Empfänger, die der ehemalige Hewlett-Packard-Ingenieur Charlie Trimble entwickelt hatte. Aber das reichte immer noch nicht, weswegen viele Soldaten auf eigene Kosten für 1.000 Dollar den massengefertigten Magellan-Receiver kauften. Die Magellans waren von Ed Tuck entwickelt, einem Venture-Kapitalisten aus der Tech-Industrie mit militärischem Hintergrund. Er wollte billige GPS-Empfänger (für weniger als 300 Dollar) an mittelalte Männer verkaufen, die nicht nach der Richtung fragen oder zugeben wollten, dass sich sich verfahren hatten. Viele seiner frühen Kunden waren allerdings Leute mit einem Boot vor der Küste von Florida - Drogen- und Menschenschmuggler."

Schön gruselig ist die Vorstellung, was Donald Trump mit seinem Atomwaffenarsenal alles anrichten kann, auch Adam Shatz fragt sich, ob man dem narzisstsichen Clown nicht die Macht über die Bombe entziehen müsste. Aber: "Ganz klar, Trump erhöhte das Risiko einer atomaren Konfrontation auf eine Art und Weise, die seine Vorgänger peinlichst zu vermeiden suchten. Aber die Probleme reichen tiefer als Trump, der das groteske Symptom einer nationalen Malaise ist. Eines dieser Probleme ist der dysfunktionale Zustand der amerikanischen Demokratie, die eigentlich einen Politiker verhindern muss, der die Atomwaffen missbrauchen könnte. Ein anderes Problem ist der Fortbestand eines Systems, das auf einer weltpolitischen Führerschaft und einer erklärten Erstschlagsfähigkeit gründet."

Magazinrundschau vom 31.10.2017 - London Review of Books

Es ist mehr als bittere Ironie, wenn sich mächtige Männer zum Opfer einer Hexenjagd erklären. Wie dieses mörderische Treiben wirklich aussieht, beschreibt Malcolm Gaskill, der in Ronald Huttons Studie "The Witch" gelesen hat, wie durch die Jahrhunderte und alle Kulturen Aberglauben und Misogynie das Bild der Hexe geschaffen hat. In Europa glaubte man, es sei die Verbindung mit Satan, die einer Fraue böse Kraft verleiht, in Ghana ist es ein Gift, das von Mutter zu Tochter vererbt wird. In Papua-Neuguinea werden jedes Jahr geschätzt zweihundert Frauen brutal ermordet: "Am 18. Mai 2015 stürmten zehn mit Macheten, Äxten und Gewehren bewaffnete Männer das Dorf Fiyawena und suchten eine Frau namens Mifila, Mutter zweier Kinder. Sechs Monate zuvor war sie zusammen mit drei anderen Frauen beschuldigt worden, mit Hexenkraft eine Masernepidemie verursacht zu haben. Die Verädchtigen wurden von den anderen Dorfbewohnern zum Tode verurteilt, doch von Engas stellvertretendem Polizeikommandaten Epenes Nili gerettet, der wagemutig in die Bergregion mit einem Hubschrauber vorgedrungen ist. Konsternierte Dorfbewohner mit bemalten Gesichtern brachen ihre Pfeile, als Zeichen dafür, dass sie die Verfolgung beendeten, und die 'Hexenfinderin' musste beschämenderweise ihren Lohn zurückgeben. Aufnahmen zeigen Mifila, die mit ihrem Kind an ihrer Schultern alles andere als erleichtert aussieht. Sie ahnte wahrscheinlich, dass die Hexenjäger wiederkommen würden. Als die Männer im Mai in Mifilas Hütte stürmten, stand ihr Bruder daneben und sagte, ihre Zeit zu sterben sei gekommen. Dann wurde sie vor den Augen ihrer Familie hingeschlachtet."

Deborah Friedell rekonstruiert mit Damion Searls 'The Inkblots" die Geschichte des Rorschach Test, der ja immer wieder die dollsten Ergebnisse präsentiert: Uneingestandene Homosexualität erkennt er genauso wie die labile Psyche einer menstruierenden Frau, Kinderschänder und Massenmörder. Auffällig findet Friedell: "Die Geschichten, wie der Rorschach Test die Wahrheit ans Licht bringt, beziehen sich fast ausnahmslos auf gestörte Menschen, sehr selten jedoch auf gesunde Menschen, die durch den Test entlastet werden. Das hat seinen Grund: In den achtziger Jahren fand eine Gruppe von Psychologen heraus, dass der Test bei 80 Prozent ganz normaler Menschen Depressionen oder schwere charakterliche Probleme diagnostizierte. Eine andere Studie: Als der Rorschach Test Pilotenschülern und eingewiesenen Psychiatrie-Patienten gegeben wurde, konnten die Ergebnisse keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen machen."

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - London Review of Books

Patricia Lockwood denkt in einem sehr schönen Text über die 1967 gestorbene amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers nach und kommt zu dem Schluss, dass ihr Schreiben weder morbide noch grotesk war, wie oft behauptet, es war nur einfach nicht klimatisiert. "Sie schrieb aus dem Inneren eines Körpers heraus, der von Krankheit niedergestreckt wurde, bevor sie achtzehn war. Über was für Körper soll sie also schreiben? Der Süden selbst war von Beginn an von einem Geschwür infiziert - sollte sie ihn beschreiben, ohne das Kranke miteinzuschließen? Der Süden bewegt sich, bewegt sich nicht, bewegt sich nicht und dann bricht er in Gewalt aus. Es ist für nachfolgende Generation mitunter leichter, Schriftsteller zu lieben, die nicht über Schwarz und Weiß geschrieben haben, denn dann würde man nicht daran erinnert werden, dass sie in ihre Zeit gehörten, dass sie niemals genug Empathie oder Empörung zeigen könnten, egal wie sehr sie es wollten. Doch McCullers' Vokabular lässt sie nicht im Stich. Ihre körperlichen Beschreibungen werden niemals unangenehm. Dafür ist alles andere da: Die Polizeiknüppel, die auf die jungen Männer niedergehen, die ungerechte Inhaftierung und die Misshandlung im Gefängnis, die rohe Ungerechtigkeit eines alles durchdringenden feudalen Systems - es ist die Realität des amerikanischen Südens, die mittlerweile auf das ganze Land übergegangen ist. Ihre schwarzen Frauen schuften in den Häusern anderer Menschen und geraten in Verzweiflung, wenn sie den geliebten Mann verlieren; ihre schwarzen Männer brechen aus, um einmal Freiheit zu spüren, und werden prompt bestraft. Es gibt stets einen doppelten Verdacht gegen McCullers, dass sie ein Genie war und dass sie, weil sie Genie war, nicht ernst genommen werden muss. Vielleicht stimmte etwas nicht mit ihrem Verstand? Mit ihrem Fokus auf Missverhältnisse? Doch es wäre grotesker gewesen, im Süden aufgewachsen zu sein und ihn nicht so zu zeigen, wie er war."

Weiteres: Carolyn Steedman erinnert sich an das Studieren in den sechziger Jahren.

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - London Review of Books

Mit ihrem mutigen Kampf gegen den Islamischen Staat haben sich die irakischen Kurden viele Verbündete gemacht, doch mit dem Referendum zur Unabhängigkeit scheint die Kurdische Regionalregierung (KRG) das Blatt überreizt zu haben, fürchtet Patrick Cockburn. Alle stehen jetzt gegen sie, die UN, die USA, Frankreich und Deutschland, vor allem aber die Regionalmächte, die irakische Armee ist in Kirkuk einmarschiert: "Die Türkei, Iran und Irak sind vereint wie nie zuvor und planen eine Blockade der KRG... Die Türkei reagiert besonders feindselig. Die Kurden, sagte Erdogan, schaffen nicht einen unabhängigen Staat, sondern 'eine offene Wunde, in der man das Messer umdreht.' Barzani hatte gute Beziehungen zu Erdogan aufgebaut, der die Freundschaft allerdings jetzt für beendet erklärt hat. 'Die KRG, die wir so großzügig unterstützt haben, wandte sich gegen uns, dafür wird sie zahlen.' In Zukunft werden die Türkei nur noch mit der irakischen Regierung zusammenarbeiten. Die irakischen Kurden hoffen, dass ihnen die USA noch einmal zu Hilfe kommen werden und zwischen ihnen und ihren Gegnern vermitteln. Sie betonen, dass die Wege nach Kurdistan noch unverändert offen sind. Vielleicht überlebt die KRG ihre derzeitige Isolierung, aber die Gefahr wächst, dass der kurdische Quasi-Staat das gleiche Schicksal nehmen wird wie das Kalifat."

Weiteres: Die Drehbuchautorin Lucy Prebble berichtet von den Erfahrungen, die sie mit Harvey Weinstein gemacht hat. Jenny Turner liest Chris Kraus' Autobiografie "After Kathy Acker".

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - London Review of Books

Die Dokumentarfilmer Ken Burns und Lynn Novick haben für PBS eine zehnteilige Dokumentation über den Vietnamkrieg gedreht, und David Thomson feiert die Doku, die ab heute auch auf arte läuft, als den schlichtweg besten Film, den er je gesehen hat. Unerbittlich und untheatralisch erzählt er keine geordnete Geschichte, meint Thomson, sondern stellt sich dem Chaos: "In Vietnam tappte jeder im Dunkeln, in einem Tunnel. Diese Umhüllung hieß Einsamkeit, 'Gib dein Bestes' oder 'Folge den Befehlen' - es galt, den Krieg und die Befehle zu überleben. Nach dem Film schwirrt einem der Kopf, von der unanständigen Arroganz der Politik und dem hilflosen Gehorsam der Menschen, die dorthin mussten. Es gab vernünftige Aktionen, die Menschen in den Wahnsinn trieben, und Pannen, die Sinn ergaben. Die Tet-Offensive von 1968 war ein Desaster für den Norden, was die militärischen Verluste anging, aber der Anblick des Vietcong in den Straßen von Saigon entsetzte die Amerikaner. Ihnen war erzählt worden, dass sie am Gewinnen wären. Kaum ein Amerikaner kam unverändert zurück. Noch Jahre später erschossen sich die zurückgekehrten Veteranen. Noch mehr vietnamesische Leben waren zerstört, und Vietnam als Ganzes hat sich bis heute nicht erholt... 'The Vietnam War' ist kein schmackhaftes Serienfutter für gequälte Linke, es ist Diagnose in Form von Autopsie. Die Botschaft schleicht sich in uns ein: In einem verheerten Land ist der Humanismus die Narrenversion des Überlebens, eine Idee, die sich im Gras verliert, im Dschungel und im Nebel unser Irrtümer."

Der ewig bleidigte Pankaj Mishra liest recht hämisch Bücher von Edward Luce, David Goodhart und Mark Lilla über den Niedergang des westlichen Liberalismus in Zeiten von Trump und Brexit: "Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit bestimmt die Intellektuellen der Ostküste heute so sehr wie die vornehmen Leute, die im Süden die Ehre von General Robert E. Lee verteidigen. Es bleibt abzuwarten, ob Amerika, Britannien, Europa und der Liberalismus wieder groß werden. Es scheint aber offenkundig, dass der Rassist im Weißen Haus und viele seiner Kritiker am gleichen Ziel arbeiten: die Schließzeiten ihrer westlichen Gärten hinauszuzögern."

Weitere Artikel: Thomas Meaney schüttelt den Kopf über die verschnarchten deutschen Medien, die nicht ahnen, dass es auch ihre Aufgabe wäre, ein bisschen politisches Feuer in den Wahlkampf zu bringen. Stattdessen zelebrierten sie unermüdlich "die kluge, starke, geduldige, geerdete, trockene, mitfühlende, taffe, realistische wissenschaftliche, Opern liebende, Bismarckhafte Wunderkanzlerin, mit der man nichts falsch machen kann". Anne Enright schreibt über Frauen im Literaturbetrieb.

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - London Review of Books

Um kein anderes Land buhlen die USA, aber auch Britannien so wie um Saudi-Arabien, das Malise Ruthven in einem langen Report von allen Seiten beleuchtet. Eine scheint ihm abstoßender als die andere: Die Hinrichtungen, das politische Zwangssystem, die Gier der zweitausendköpfigen Königsfamilie, die Entmachtung des tablettensüchtigen Kronprinzen (ihm wurden alle Handys abgenommen) oder die Las-Vegas-Ökonomie in Mekka. Besonders grauenvoll findet Ruthven jedoch die Brutalität, mit der die Sturmtruppen des Wahhabismus - die Ikhwan, die einst Ibn Saud und seine Familie an die Macht brachten - das Land im Griff halten: Rund vierhunderttausend Menschen wurden in den Anfangsjahren des saudischen Staates von den Ikhwan ermordet, schreibt Ruthven. "Heute wird im Königreich die wahhabitische Doktrin von einer fünftausend Mann starken Religionspolizei - der Muttawa - durchgesetzt, die der 'Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und Verhinderung von Lastern' untersteht. Diese religiösen Schlägertrupps, institutionelle Nachfahren der Ikhwan, patrouillieren in ihren teuren weißen SUVs, setzen Gebetszeiten, Kleidervorschriften, Musikverbote und die Geschlechtertrennung durch und verbieten alle nicht-wahhabitischen Formen religiöser Anbetung. Selbst als die Muttawa 2002 international Schande über sich brachten - als sie fünfzehn Schulmädchen daran hinderten, ein brennendes Gebäude zu verlassen, so dass sie bei lebendigem Leib verbrannten - führte das nicht zu ihrer Auflösung, obwohl MBS versprochen hatte, ihre Macht zu beschneiden. Ausländern zufolge, die außerhalb privilegierter Expat-Kolonien wie der Aramco-Stadt Dhahran leben, herrscht überall im Land Angst."

"Es wäre leichter, mit Charles zu fühlen, wenn er sich selbst nicht so offensichtlich bemitleiden würde", schreibt Rosemary Hill recht erbarmungslos zu einer neuen Biografien des ewigen Kronprinzen. Tatsächlich erzählt sie recht schreckliche Episoden aus einem beklagenswerten Leben: "Er war ein seltsamer Junge, der weder nach seinem schroffen Vater schlug noch nach seiner pragmatischen, pflichtbewussten, aber distanzierten Mutter. Schon mit acht Jahren war er vor allem darum bemüht, das Richtige zu tun: Bei einem Lunch mit den Mountbattens erklärte ihm Edwina Mountbatten, dass er nicht die Stiele aus den Erdbeeren rupfen sollte, dann könnte er sie besser in den Zucker tunken. Seine Cousine Pamela Hicks bemerkte einige Minuten später dass 'der arme Junge versuchte, die Stiele zurück an die Erdbeeren zu stecken. Das war furchtbar traurig.' Traurig ist ein Wort, das oft auf den Prinz von Wales angewandt wird, mit jeder denkbaren Nuance von Mitgefühl bis Verachtung."

Weiteres: Colm Toibin schiebt sich mit den Touristenmassen durch Barcelona. Adam Shatz schreibt über Trump. Und Amia Srinivasan überlegt, wie es ist, ein Oktopus zu sein.

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - London Review of Books

John Lanchester nimmt für die London Review of Books in einem sehr langen Text Facebook aufs Korn, das immer größer wird - 18 Prozent Wachstum jedes Jahr. Derzeit hat es zwei Milliarden aktive Mitglieder, von denen 66 Prozent es täglich benutzen. Lanchester erinnert daran, dass Zuckerberg nicht nur Computerwissenschaften studiert hat, sondern auch Psychologie. Und er hat ein Netzwerk geschaffen, das für Lanchester (und für Peter Thiel) perfekt eine Grundüberzeugung des französischen Philosophen Rene Girard verkörpert, wonach alle Menschen, sind erst einmal ihre Grundbedürfnisse erfüllt, gerne andere beobachten und kopieren. "Diese Auffassung von der menschlichen Natur ist ziemlich düster. Wenn alle Menschen nur andere betrachten wollen, damit sie sich mit ihnen vergleichen und kopieren können, was ihnen gefällt - wenn das die endgültige und tiefste Wahrheit über die Natur des Menschen und seine Motive ist - dann muss sich Facebook wirklich nicht allzusehr um das menschliche Wohlergehen kümmern, denn alle schlimmen Dinge, die uns geschehen, tun wir uns selbst an. Dem ganz Firmengeschwätz über 'Communities bauen' und 'Menschen verbinden' zum Trotz ist Facebook eine Firma, deren Grundhaltung misanthropisch ist." Dazu passt für Lanchester auch eine Universitätsstudie von 2017, die herausfand, dass es "den Leuten schlechter geht, je mehr sie Facebook nutzen".

Außerdem: Joanna Biggs erinnert an die schwieirige Lage von Frauen in Nordirland, wo Abtreibungen noch immer verboten sind. Marina Warner liest Thomas Laqueurs große Kulturgeschichte des Todes "The Work of the Dead". Und T.J. Clark bewundert noch einmal Picassos "Guernica".
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