Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

441 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 45

Magazinrundschau vom 12.10.2021 - London Review of Books

Rosa Lyster reist durch die überschwemmten Landschaften Louisianas, das allein in den vergangenen zehn Monaten von vier Katastrophen heimgesucht wurde, von zwei Hurrikans und zwei Fluten. Früher lag der Durchschnitt bei einer Katastrophe alle zehn Jahre: "Wenn die Menschen in Louisiana sagen, dass eine Stadt verschwindet, meinen sie nicht, dass sie einer Industrie weichen muss oder nach zu vielen Hurrikans aufgegeben wird. Sie meinen, dass sie tatsächlich im Golf von Mexiko versinken wird. Die Erosion zerfrisst die Küste mit einer Geschwindigkeit von einem Hektar alle vier Stunden, wodurch der Staat den Hurrikans noch wehrloser ausgesetzt ist. Einiges davon geht auf das Konto der Deiche und Flutkontrollsysteme, die nötig sind, um das Überleben von New Orleans zu sichern, die aber die Sümpfe von den notwendigen Sedimenten des Mississippis abschneidet. Aber da ist auch noch das Problem des Absinkens, denn das Sediment, das sich im Fluss ansammelt, drückt das Wasser und die Gase unter der Oberfläche hinunter. Teile von New Orleans sinken zwei Zoll pro Jahr ab. Dies würde selbst dann passieren, wenn die Infrastruktur des Staates nicht auf die Prioritäten der Öl- und der Gas-Industrie ausgerichtet sein würde. Aber es gibt beachtliche Hinweise darauf, dass die Petrochemie entscheidenden Anteil daran hat, dass Louisiana im Golf versinkt. Das unregulierte Abpumpen des Grundwassers trägt zum Absinken bei und erhört den Druck auf die Deiche. Die Emissionen der Industrie führen allgemein zu einem Anstieg des Meeresspiegels, und das bedeutet, dass geschätzte fünftausend Quadratmeilen von Louisianas Küstengebiete bis zum Jahr 2100 unter Wasser liegen werden. Schließlich ist da das besonders verheerende Netz von Kanälen, die von den Ölfirmen gebaut und betrieben werden und die tödlicherweise Salzwasser in die Sümpfe einfließen lassen. Nach einem Bericht des amerikanischen Innenministeriums sind sie verantwortlich für 30 bis 59 Prozent des Verlusts, der bereits zu verzeichnen ist."

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - London Review of Books

Adam Shatz bemüht sich um ein sehr faires Porträt des afroamerikanischen Schriftstellers und Kommunisten Richard Wright, der literarisch und politisch zwischen allen Stühlen saß und für seinen Roman "Native Son" von vielen schwarzen Autoren und Autorinnen gehasst wurde. 'Native Son' erzählt von einem schwarzen Chauffeur, der in einer Mischung aus Hass, Angst und Verzweiflung erst die Tochter seines Arbeitgebers umbringt, dann seine eigene Freundin, wobei die Erfolgsausgaben des Romans, wie Shatz erklärt, aus Bigger Thomas einen Vergewaltiger gemacht hatten, was er im Original keineswegs war: "1949 beschrieb James Baldwin 'Native Son' als moderne Version von 'Onkel Toms Hütte', 'eine Fortsetzung, eine Ergänzung der monströsen Legende, die es zerstören sollte', und erklärte, dass Bigger Thomas 'die Möglichkeit zulässt, ein Untermensch zu sein' und dass Wright sich ebenso wie Harriet Beecher Stowe ein Denken vorwerfen lassen müsse, nach dem die 'Kategorisierung eines Menschen nicht überwunden werden kann'. Baldwin, zu dessen Erfolg Wright viel beigetragen hatte, war nicht der einzige seiner Schützlinge, der sich gegen ihn wandte. Ralph Ellison schrieb 1963, dass Wright in Bigger Thomas keine schwarze Figur geschaffen habe, die andere Schwarze wiedererkennen würden, sondern 'eine fast unmenschliche Anklage gegen die Unterdrückung der Weißen', die grob darauf angelegt sei, 'die Weißen in ihrer Apathie zu schockieren'. Ellisons eigener verkopfter Protagonist in 'Invisible Man' war eine pointierte Erwiderung auf Biggers unartikulierte und explosive Wut. Diese Wut war auch für Ellison einst wichtig gewesen. Während ihrer gemeinsamen Zeit in der CPUSA hatte er einen Brief an Wright geschickt, in dem er Biggers 'revolutionäre Bedeutung' pries. Leser, die über Biggers Gewalttätigkeit entsetzt sind, so Ellison, 'verkennen, dass das, was aus der Sicht der bürgerlichen Gesellschaft schlecht an Bigger ist, aus unserer Sicht gut ist ... Ich wünschte, alle Neger wären psychologisch so frei wie Bigger und so fähig zu positivem Handeln! Dieses Argument wurde 1966 von dem Black-Panther-Führer Eldridge Cleaver aufgegriffen, der Bigger als 'schwarzen Rebellen des Ghettos' bezeichnete, der 'keine Spur ... von der selbstverleugnenden Liebe zu seinen Unterdrückern des Typs Martin Luther King' habe. Für Cleaver, der in seinen Memoiren schrieb, dass er die Vergewaltigung schwarzer Frauen geübt hatte, bevor er sich weißen Frauen zuwandte, verkörperte Bigger eine authentische, revolutionäre schwarze Männlichkeit, die Baldwin, ein schwuler Mann, natürlich verachtete."
Stichwörter: Wright, Richard

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - London Review of Books

Laleh Khalili bekommt mit dem Buch "The World for Sale" von Javier Blas und Jack Farchy Einblick in die sinistre Welt des Rohstoffhandels, der seit den Zeiten der East India Company schillernde Firmen wie Cargill, Glencore, Trafigura und Vitol hervorgebracht hat, mit legendären Gestalten wie Mark Rich, der mit Hilfe der Deutschen Bank Israel zu einer geheimen Pipeline für Öl aus dem Iran verhalf: "Händler und Kaufleute wurden schon immer - ob frei- oder widerwillig - als Vorhut mächtiger Staaten eingesetzt. 'The World for Sale' beginnt 2011 mit dem verstorbenen Ian Taylor, dem Chef von Vitol, an Bord eines Privatjets auf dem Weg nach Bengasi in Libyen. Vitol, die größte Ölhandelsfirma der Welt, war von der Regierung in Katar gefragt worden, ob sie Diesel, Benzin und Heizöl an die Rebellen liefern würde, die gegen Muammar al-Gaddafi kämpften. Weil die Rebellen über kein Bargeld verfügten, hatte Taylor vereinbart, stattdessen Rohöl von den libyschen Ölfeldern am ägyptischen Ende einer Pipeline entgegenzunehmen. Natürlich hatte er sich die Erlaubnis der britischen Regierung für dieses Geschäft gesichert, ebenso wie eine Ausnahme von Sanktionen der USA. Vitol schmierte den Krieg in Libyen auf Geheiß ausländischer Mächte, aber Taylor behauptete, sein Handeln sei nicht politisch. Dies scheint das Mantra der von Javier Blas und Jack Farchy befragten Titanen des Rohstoffhandels zu sein: "Wir machen keine Politik, wir sind nur wegen des Geldes hier'."

David Runciman entnimmt Max Chafkins Porträt des Investors Peter Thiel, dass dieser natürlich kein echter Libertär ist, sondern nur den Sozialstaat hasst. Er selbst verdient sein Geld nämlich am liebsten mit staatlichen Aufträgen, etwa wenn sein AI-Unternehmen Palantir den militärischen Geheimdiensten Schlangenöl verkauft: "Er möchte, dass der Einzelne frei entscheiden kann, wo, wann und wie er Steuern zahlt - und an wen. Er glaubt an die Schaffung von Monopolen durch innovative Technologien und den Einsatz dieser Technologien, um die unhaltbare und überholte Monopolmacht des modernen Staates zu brechen, einschließlich seiner Macht, Geld zu drucken. Was sich mit dieser Philosophie nur schwer vereinbaren lässt, ist die Tatsache, dass Thiel den Großteil seines eigenen Geldes durch die Ausnutzung der Monopolmacht des Staates verdient hat, um sich lukrative Verteidigungsaufträge zu sichern. Wie kann ein Libertärer mit Staatsfonds, dem militärisch-industriellen Establishment und dem Sicherheitsstaat auf Tuchfühlung gehen? Eine mögliche Antwort ist, dass Thiel gar kein Libertärer ist. ... Die andere Möglichkeit ist jedoch, dass dies die Essenz des Libertarismus ist", den Runciman mit Robert Nozicks 1974 erschienenem Buch "Anarchy, State and Utopia" beschreibt.
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Magazinrundschau vom 07.09.2021 - London Review of Books

Den Ausstieg aus der Kohleindustrie hat Britannien schon hinter sich. Florence Sutcliffe-Braithwaite bespricht eine Reihe Neuerscheinungen zum Thema und betont, dass die Deindustrialisierung nicht zwangsläufig zur Degradierung von Arbeitern und ihren Rechten führen musste. Es war die Politik von Margaret Thatcher und Tony Blair, die den Wandel in den nordenglischen, schottischen und walisischen Bergbauregionen so brutal werden ließ: "Tony Blair machte 1995 Schluss mit dem Bekenntnis der Partei zu einer staatlichen Kohleindustrie; im selben Jahr wurde privatisiert, was von ihr noch übrig war. Beynon und Hudson behaupten, dass New Labour jede Vorstellung vom 'Staat als Akteur in der Ökonomie' aufgegeben hatte und kritisieren scharf die Industriepolitik der Partei, die für die Kohlegebiete wenig mehr tat als Anreize für multinationalen Konzerten zu schaffen, ihre Produktionsstätten, Lager und Service-Center in die Regionen zu verlegen. Das Umwerben multinationaler Konzerne war auch zuvor schon Regierungsstrategie gewesen, doch der technologische und globale ökonomische Kontext unterschied sich: Die Fertigung erforderte mittlerweile viel weniger Arbeiter als in der Hochzeit des Fordismus, die Gewerkschaften waren geschwächt und New Labour tat wenig, um dies zu ändern. Vielmehr sollten niedrige Löhne und ruhig gestellte Belegschaften internationale Konzerne anziehen. In den achtziger, neunziger und nuller Jahren verlegten die Unternehmen tatsächlich Produktion und Dienstleistungen an gewinnträchtigere Orte. 1987 schloss Caterpillar seine alte Fabrik in Uddingston, nur vier Monate nachdem die britische Regierung dem Unternehmen acht Millionen Pfund Beihilfe für einen neuen Standort angeboten hatte. New Labours zweite Strategie bestand in der Schaffung von Wachstumszentren - Agglomeration war das Schlagwort -, aber das half den Kohleregionen wenig, denn solche Hubs formieren sich in der Regel um Städte herum. Die Folge für die Kohleregionen war, dass qualifizierte, gut bezahlte Arbeitsplätze mit anständigen Bedingungen ersetzt wurde durch weniger qualifizierte und schlechter bezahlte, prekäre Jobs. Kohlegruben und Fabriken wurden ersetzt durch Call Center, Logistiklager und Outlet-Zentren."

Weiteres: Jan-Werner Müller erklärt das Humboldt-Forum zum preußischen Disneyland. Andrew Cockburn wirft einen neuen Blick auf die Kuba-Krise.
Stichwörter: Humboldt Forum, Kuba

Magazinrundschau vom 31.08.2021 - London Review of Books

Thomas Meaney führt mit einer verstörenden Zusammenstellung von Zitaten vor Augen, wie Idealismus, ahnungslose Entschlossenheit und zynisches Kalkül Afghanistan in einen zwanzigjährigen Krieg stürzten, an dessen Ende eine Viertelmillion Tote stehen und die Rückkehr der Taliban an die Macht. Er selbst kommentiert darunter recht kühl: "Den afghanischen Ortskräften droht jetzt das Schicksal von Vietnams Hmong oder Algeriens Harkis. Die Frauen und Mädchen des Landes sind wie eh und je die Spiel-Chips der Kriegslobby. Ihnen droht Gewalt aus allen Richtungen, auch weil der Westen sie instrumentalisiert hat - als Rechtfertigung für die Invasion und als Argument für die fortgesetzte Okkupation, nur um zu offenbaren, wie unbedeutend die langfristige Zukunft der afghanischen Frauen für die amerikanischen Ziele ist. Die Verbesserung ihrer Gesundheit und Bildung unter der amerikanischen Besatzung - wie auch unter der sowjetischen - ist unbestreitbar. Aber diesen Fortschritt in einem Potemkinschen Staat zu befeuern, heißt Menschen zur Schlachtbank zu führen."
Stichwörter: Afghanistan

Magazinrundschau vom 10.08.2021 - London Review of Books

Der anglo-nigerianische Schriftsteller Adewale Maja-Pearce lässt keinen Zweifel an der Arroganz und Brutalität, mit der die Briten 1897 bei einer Vergeltungsaktion die Benin-Bronzen raubten, und doch glaubt er nicht, dass ihre Rückgabe an Nigeria eine gute Idee wäre: "Während ich das schreibe, entbrennt Streit zwischen Godwin Obaseki, dem Gouverneur des Bundesstaats Edo (in dem sich das alte Benin heute befindet), und Ewuare II., dem derzeitigen Oba (Herrscher), über die Frage, wo die Artefakte untergebracht werden sollen, die Deutschland demnächst zurückgeben will. Vor zwei Jahren stellte Obaseki 500 Millionen Naira (etwa eine Million Euro) zur Verfügung, um 'in Zusammenarbeit mit dem Palast die Entwicklung und den Bau eines Königlichen Benin Museums zu beginnen', nur um kurz darauf einen Rückzieher zu machen zugunsten des Legacy Restoration Trust (von Kronprinz Ezelekhae Ewuare) und seines Edo-Museums. Der Oba protestierte, dies stimme nicht mit dem Willen des Volkes des Königreich Benins überein'. Doch das Königreich Benin existiert schon lange nicht mehr. Seine Hinterlassenschaft vor Ort ist, wie Phillips berichtet, eine klägliche, von Abwässern durchsickerte Ruine im heutigen Benin-Stadt, für die Obaseki als Gouveneur die Verantwortung trägt. Der Oba hat an die Bundesregierung von Nigeria appelliert, die Aufsicht über die Artefakte zu übernehmen, solange er andere Finanzmittel sucht - der Tatsache zum Trotz, dass keine Regierung während der vergangenen sechzig Jahren auch nur einen Finger krumm gemacht hat, um unser kulturelles Erbe zu bewahren."

Weiteres: Patricia Lockwood freut sich über die Wiederauflage von Marian Engels Siebzigerjahre-Kracher "Bär", der von der Beziehung einer Historikerin zu ihrem ursinen Liebhaber erzählt. Lydia Davis gräbt sich durch die über zweitausendjährige Geschichte des südfranzösischen Arles. Und David Runciman liest bei Michael Wolff nach, wie und warum die republikanischen Höflinge Donald Trump noch immer in seinem Wahn bestärken, er habe die Wahl gewonnen.

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - London Review of Books

Wo war eigentlich die Präsidentengarde, als Haitis Präsident Jovenel Moïse und seine Frau, aber niemand sonst von einer Todesschwadron niedergeschossen wurden? Und warum konnte der zuständige Ermittlungsrichter keinen einzigen Zeugen befragen? Pooja Bhatia würde dem verhassten Moïse keine Tränen nachweinen, wenn seine Ermordung nicht der bloße Auftakt wäre zu einer neuen Runde von Korruption und Verbrechen: "Sein Wahlsieg war durch die Unterstützung des scheidenden Präsidenten Michel Martelly gesichert, dem die Verfassung eine direkte zweite Amtszeit verbot. Die Idee war wahrscheinlich, dass Moïse Martelly den Platz warmhält und ihn vor Korruptionsverfahren schützt, die ihm nach dem Veruntreuung der Erdbebenhilfe und des venezolanischen PetroCaribe-Programms drohten. Dann hätte Martelly 2021 wieder kandidieren dürfen. Aber Moïse hatte bald genug mit seinen eigenen Vergehen zu tun. Mehr als fünfhundert Menschen wurden seit 2018 in mindestens einem Dutzend Massaker getötet, vor allem in den armen Vierteln von Port-au-Prince. Eine richterliche Untersuchung verband ihn mit dem Missmanagement von zwei Milliarden Dollar Hilfsgeldern. Er weigerte sich zurückzutreten, als seine Amtszeit im Februar endete, fälschlicherweise behauptend, dass die Verfassung ihm ein weiteres Jahr im Amt erlaube (zur Zeit seiner Ermordung plante er ein Referendum, dass Präsidenten zwei direkt aufeinander folgende Amtszeiten erlauben sollte). Diejenigen, die sich seiner Interpretation des Rechts zu lautstark entgegenstellten, wurden verhaftet oder gekidnapped. Viele Journalisten und Aktivisten, die ich vor zehn Jahren kennengelernt hatte, als ich in Haiti lebte, sind geflohen. Allein seit Juni hat die Gewalt mehr als vierzehntausend Menschen aus Port-au-Prince vertrieben. In der Woche vor Moïses Ermordung wurden fünfzehn Zivilisten von Unbekannten aus unbekannten Gründen erschossen. Zu den Opfern gehörten die Aktivistin Antoinette Duclair und der Journalist Diego Charles, beide 33 Jahre alt."
Stichwörter: Moise, Jovenel, Haiti

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - London Review of Books

James Meek reist hoch in den schottischen Norden, nach Campbeltown auf der Kintyre-Halbinsel, wo ein Werk des koreanischen Konzerns CS Wind Windturbinen für britische Offshore-Anlagen baute, bis die Produktion nach Vietnam verlagert wurde. Dort arbeiten die Menschen in Sieben-Tage-Wochen und für einen Bruchteil des Lohns. Boris Johnson, der vor sieben Jahren noch erneuerbare Energien für Labour-Unsinn hielt, möchte jetzt aus Britannien das Saudi-Arabien der Windkraft machen. Ist das die neoliberale Variante der Energiewende, fragt sich Meek. Oder trifft hier die visionäre und internationale Klimaschutzbewegung auf die einst ebenso visionäre und internationale Arbeiterbewegung, ohne Hallo zu sagen? "Oft wird gesagt, der Schutz sozialer Errungenschaften schade Arbeitern in Niedriglohnländern wie Vietnam, deren Wirtschaft gerade zu florieren beginnt. 'Ihr behauptet, Ihr seid Internationalisten', heißt es dann, 'Ihr sagt, es mache Euch Sorgen, dass Arbeiter in Britannien ihren Job verlieren und in Vietnam absurd viele Stunden arbeiten. Aber worauf läuft es hinaus? Auf britische Job für britische Arbeiter, das Schließen der Märkte und keine Jobs für Vietnamesen.' Das Problem ist: Zu fragen, was gut oder schlecht für Briten und gut oder schlecht für Vietnamesen ist, heißt die fundamentale Frage zu vernebeln, was gut oder schlecht für die Menschen ist. Man kann die Geschichte von Campbeltown gar nicht anders verstehen als eine Herausforderung für die organisierte Arbeiterschaft, sich zu internationalisieren. Ein weltweiter Konzern erfordert eine weltweite Gewerkschaft. Die Warnung, höhere Löhne bedeuteten höhere Arbeitslosigkeit, ist das alte Schreckgespenst im kapitalistischen Drehbuch. Wenn wir den globalen Mindestlohn, die maximale Wochenarbeitszeit und globale Gesundheitsstandards als unrealistisch bezeichnen, dann sagen wir damit, die grüne Energiewende sei möglich und notwendig, aber faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen unmöglich und unnötig."

Christopher L. Brown stellt zwei Bücher vor über den britischen Sklavenhandel: "Murder on the Middle Passage: The Trial of Captain Kimber" von Nicholas Rogers und "The Interest: How the British Establishment Resisted the Abolition of Slavery" von Michael Taylor. Beide beschäftigen sich mit der Frage, warum es so lange dauerte, den Sklavenhandel abzuschaffen. Die Gründe waren - nicht nur, aber vor allem - finanzieller Art. Die Grundlagen für beide Bücher lieferte gewissermaßen das Projekt 'Legacies of British Slave-Ownership', erklärt Brown. "Konzipiert und durchgeführt von Catherine Hall und ihren Kollegen am UCL, hat es das ganze Ausmaß der britischen Investitionen in den Sklavenhandel deutlich gemacht. Viele Menschen wissen heute, dass das Ende der Sklaverei im britischen Empire, das 1833 gesetzlich festgelegt wurde, in Form eines ausgehandelten Vergleichs zwischen der Regierung und den Sklavenhaltern erfolgte, wobei 20 Millionen Pfund als Entschädigung gezahlt wurden. Das Legacies-Projekt nutzte die Aufzeichnungen, die durch diese Auszahlung entstanden, um ein biografisches Online-Lexikon der vierzigtausend Menschen zu erstellen, die eine Entschädigung beantragt hatten. In 'Capitalism and Slavery (1944) argumentierte Eric Williams, dass die Gewinne aus den britischen Plantagen die industrielle Revolution finanzierten - ein Argument, das unter britischen Wirtschaftshistorikern mehr als fünfzig Jahre lang für Kontroversen sorgte. Das Legacies-Projekt legt nahe, dass Williams in entscheidenden Punkten nicht weit genug ging. ... Es war bequem, die Befürworter der Sklaverei als ein mächtiges, aber eng begrenztes Interesse von abwesenden Pflanzern und ihren kolonialen Verbündeten darzustellen. Die neuen Erkenntnisse darüber, wer tatsächlich Sklaven besaß, machen deutlich, was vielleicht schon immer offensichtlich war: Investitionen in menschliches Eigentum waren in Großbritannien weit verbreitet und erstreckten sich auf der sozialen Leiter nach oben und unten. 'Das Interesse an Westindien bestand nicht nur bei einer Handvoll Pflanzern und Kaufleuten', schreibt Michael Taylor im letzten Absatz seines ausgezeichneten neuen Buches 'The Interest', sondern umfasste 'Hunderte von Abgeordneten, Peers, Beamten, Geschäftsleuten, Finanziers, Landbesitzern, Geistlichen, Intellektuellen, Journalisten, Verlegern, Matrosen, Soldaten und Richtern, und sie alle taten das Äußerste, um die koloniale Sklaverei zu erhalten und zu schützen."

Besprochen werden außerdem Karl Schlögels jetzt auch auf Englisch erschienene Geschichte "Der Duft der Imperien" über die Parfüms Chanel No. 5 und Rotes Moskau und Neuerscheinungen zu Dantes 700. Todestag.

Magazinrundschau vom 29.06.2021 - London Review of Books

Die britische Journalistin Michela Wrong, die einst ein exzellentes Porträt von Kongos legendärem Kleptokraten Joseph Mobutu verfasste, widmet sich in ihrem neuen Buch "Do not Disturb" Paul Kagame, der sich nach dem Völkermord an den Tutsi als ewiger Machthaber in Ruanda installiert hat. Wrong verfolgt vor allem einen der zahlreichen politischen Morde, die Kagame an einstigen Weggefährten, Rivalen und Dissidenten in In- und Ausland hat ausführen lassen. Es muss ein hervorragendes Buch sein, doch am Ende seiner Besprechung fragt sich der britisch-nigerianische Adewale Maja-Pearce, warum Michela Wrong eigentlich nur westliche Quellen zitiert, Diplomaten oder Journalisten. Da erinnert er sich an seinen eigenen Besuch in Ruanda zu der Zeit, als die vertriebenen Hutu aus dem Kongo zurückkehrten: "Die Erinnerung an den Völkermord war noch frisch, und doch war kein einziges afrikanisches Medium anwesend. Kein Journalist aus Kenia war da, der Regionalmacht, keiner aus Nigeria, dem afrikanischen Giganten, und niemand aus dem gerade befreiten Südafrika. Hier sprach der Westen zu sich selbst. Ein Entwicklungshelfer erklärte Reportern: 'Gestern gab es fünf Tote. Das ist nicht viel, drei von ihnen waren unter fünf.' In Krisen wie diesen bleiben wir für uns selbst unsichtbar, wir schaffen es nicht, gegenüber unserem eigenen Kontinent und unserer eigenen Geschichte Zeugnis abzulegen. Wir sind Komplizen unserer geisterhaften Verfassung."

Susan Sontag sagte über Simone Weil, dass nicht unbedingt ihre Ideen selbst bewunderungswürdig seien, sondern vielmehr diee absolute Ernsthaftigkeit, mit der sie sich ihnen hingab. Toril Moi kann dem in ihrer Hommage auf die sozialrevolutionäre Mystikerin nur halb zustimmen: "Weil wollte ernstlich das Leiden anderer teilen. Als Lehrerin verbrachte sie einen Großteil ihrer Zeit mit Gewerkschaftsarbeit. 1934 bis 35 nahm sie eine Auszeit und arbeitete an einer syndikalistischen Analyse des Marxismus, die später als 'Unterdrückung und Freiheit' veröffentlicht wurde. Im Dezember begann sie am Fließband von Alsthom zu arbeiten, wo elektrische Maschinen gefertigt wurden. Die Arbeit war gefährlich, und sie wurde von den Vorarbeitern schikaniert. Da es ihr an Kraft und Gewandtheit mangelte, machte sie Fehler und konnte ihre Quoten nicht erfüllen. Nach einem Monat wurde sie krank und musste sechs Wochen aussetzen. Zur besseren Genesung schickten ihre Eltern sie in ein Sanatorium in die Schweiz. Sobald es ihr besser ging, kehrte sie in die Fabrik zurück, wo sie einen weiteren Monat überstand, bevor sie kündigte (oder gekündigt wurde). Danach fand sie Arbeit bei Carnaud, wo Gasmasken und Ölkännchen produziert wurden, auch da wurde sie nach wenigen Wochen entlassen. Dann wurde sie von Renault eingestellt, aber Ende August entlassen. Das Erleben von gefährlicher, körperlich erschöpfender und seelisch zermürbender Fabrikarbeit bildet den Hintergrund für ihre Schrift 'La condition ouvrière' - eine Sammlung von Tagebuchnotizen, Briefen und Essays -, in denen sie untersucht, wie der Kapitalismus Körper und Seelen der Arbeitenden zerstört. Als Hannah Arendt dies in den fünfziger Jahren las, meinte sie, es sei das Beste, was je zu diesem Thema geschrieben wurde."

Besprochen werden zudem Anne Sebbas Biografie der 1951 in den USA zum Tode verurteilten Sowjetspionin Ethel Rosenberg und David Storeys Memoir "A Stinging Delight".

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - London Review of Books

Wieder droht Äthiopien - diesmal unter der Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmeds "Wohlstandspartei" - eine Hungerkatastrophe, seit Monaten schon schlagen die Vereinten Nationen Alarm, berichtet Alex de Waal: Bereits Anfang des Jahres waren 4,5 Millionen Menschen in Tigray auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, von denen die Hilfsorganisationen aber nur rund zehn Prozent erreichen. Im Mai waren fünfzig Prozent der Kinder unterernährt. Und wieder benutzt die Regierung in Addis Abeba den Hunger als Waffe im Krieg gegen Tigray, macht de Waal klar: "Auch wenn es damals nur selten gesagt wurde, war die Hungersnot von 1984 nicht die Folge der Dürre: Das Aushungern war eine Strategie der Aufstandsbekämpfung. Äthiopiens Militärregierung bekämpfte unter der Führung von Mengistu Haile Mariam die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Die Tigrayer litten fürchterlich, aber ihre Wut auf Mengistu verstärkte nur noch ihre Entschlossenheit. Die TPLF errang 1991 einen militärischen Sieg und führte in den nächsten 27 Jahren als dominierende Kraft die Koalition der Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker. Ihre Herrschaft wird zu Recht kritisiert, vor allem wegen ihrer fehlenden demokratischen Institutionen, aber über eine Errungenschaft besteht kein Zweifel: Die Errichtung eines nationalen Systems zur Sicherung der Ernährung. Die Regierung ließ erodierte Hügel wieder aufrichten und kleine Dämme für bewässerte Gärten bauen, sie weitete Mikrokredite aus und installierte ein Sicherheitsnetz für Nahrung, Kredite und anderes, damit Kleinbauern auf ihrem Land bleiben konnten. Das System funktionierte 2015 und 2016, als Dürren und Ernteausfälle eine landesweite Ernährungskrise befürchten ließen. Die Regierung reagierte schnell und effektiv, mit einem Hilfsprogramm, das mehr als zehn Millionen Menschen erreichte, viele davon in Tigray, der für Trockenheit anfälligsten Region. Äthiopiens jährliches Wirtschaftswachstum von zehn Prozent verzeichnete eine kleine Delle, aber das Land entkam der größten Gefahr seit Jahrzehnten, ohne Menschenleben zu beklagen."

Deprimiert liest Stuart Jeffries den Briefwechsel zwischen Siegfried Kracauer und Theordo W. Adorno "Der Riss der Welt geht auch durch mich", der jetzt auch auf Englisch erscheint: "Eine traurige Lektüre: Zwei Holocaust-Überlebende, frühere Freunde und kurzzeitige Liebhaber klagen sich gegenseitig an für die unterschiedlichen Arten, auf die sie sich an eine feindliche Welt angepasst haben."
Stichwörter: Äthiopien, Tigray, Hungersnot