Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 20.02.2024 - London Review of Books

James Vincent beschäftigt sich im Anschluss an eine Buchbesprechung mit der Geschichte von Automaten. Ausgerechnet in religiösen Kontexten wurden diese auf weltlich-wissenschaftlicher "Magie" beruhenden Apparaturen schon früh eingesetzt und weiterentwicklt. Manche waren technologisch eher simpel, wie etwa Heiligenfiguren mit passiv beweglichen Armen. Aber: "Andere Vorrichtungen waren komplexer und verfügten über eine eigene Antriebskraft, was sie zu echten Automaten machte. Engelsfiguren wurden oft an Orgeln befestigt (ein weiterer Sitz mechanischer Expertise in der Kirche), wo sie Hymnen sangen und Trompeten in die Höhe streckten, angetrieben von derselben Pneumatik, die auch die Pfeifen des Instruments speiste, während andere in Nischen aufgestellt werden konnten wie Statuen. In 'The Restless Clock' (2016) erwähnt Riskin einen aus dem 16. Jahrhundert stammenden, aus Holz geschnitzten Teufel, der aus einem Käfig auszubrechen schien: 'schrecklich, verdreht, gehörnt, die wütenden Augen rollend, eine blutrote Zunge herausstreckend, schien er sich auf den Betrachter zu stürzen, ihm ins Gesicht zu spucken und Schreie auszustoßen'. Im Inneren befand sich ein versteckter Blasebalg, der von einem hängenden Gewicht angetrieben wurde: Der Teufel muss wie eine amerikanische Halloween-Animatronic funktioniert haben, die den Unvorsichtigen mit einem plötzlichen Ausbruch von Geräuschen und Bewegungen erschreckte. Eines der berühmtesten Beispiele kirchlicher mechanischer Geräte ist auch eines der komplexesten: das Gnadenkreuz, eine bewegliche Christus-Skulptur, die seit dem 15. Jahrhundert in der Abtei von Boxley in Kent untergebracht war. Das Gnadenkreuz sollte den Pilgern das Leiden des Erlösers vor Augen führen, indem es sich über ihnen auf dem Kruzifix windet und Grimassen schneidet. Es ist nicht gänzlich klar, wie die Figur angetrieben wurde, aber nach einem Bericht des Antiquars William Lambarde aus dem 16. Jahrhundert war sie in der Lage, 'sich zu beugen und aufzurichten, die Hände und Füße zu schütteln und zu bewegen, mit dem Kopf zu nicken, die Augen zu rollen, mit den Lippen zu wackeln, und die Augenbrauen zu senken'."

Noch hält die Front, aber allzu rosig sind die Aussichten für die Ukraine momentan nicht in ihrem Kampf gegen die russische Aggression. James Meek fasst die Lage zusammen und weist vor allem auf ein zentrales Problem hin: Munitionsknappheit. Und die ist nur in zweiter Linie eine Frage des Geldes: "Die meisten westlichen Verbündeten der Ukraine, unter anderem die USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, versuchen mehr Granaten zu produzieren, aber sie schaffen es nicht schnell genug, und es ist schwierig, die Kapazitäten zu erhöhen. Die Dynamiken des Kalten Kriegs und die beschämenden Verheerungen der assymetrischen Kriegsführung in Vietnam, Irak und Afghanistan führten dazu, dass die Euro-Atlantischen Generäle bezweifelten, ob sie jemals wieder Produktionsmethoden wie im Zweiten Weltkrieg benötigen wurden, die Geschosse und Raketenantriebe massenweise hervorbrachten. Waffenhersteller bewarben die Idee, eine kleine Anzahl teurer, präziser High-Tech-Waffen zu nutzen, die zu entwickeln und produzieren Jahrzehnte dauerte: eine Handvoll Stealth-Kampfflugzeuge, ein paar extrem hochgerüstete Panzer, ein Haufen Raketen, die zu ersetzen Jahre dauern würde, falls sie je eingesetzt würden. Das Ergebnis war, dass komplexe Waffen zusammengesetzt wurden wie handgefertigte Luxusautos, während basale Artilleriemunition in kleinen Margen auf handwerklicher Basis hergestellt wurde. Die frühen Erfolge der Ukraine wurden im Licht dieser Entwicklung beurteilt: Wenn es dem Land gelungen war, den russischen Riesen zurückzuschlagen, dann müsse das einer kleinen Anzahl komplexer westlicher panzerbrechender Raketen zu verdanken gewesen sein, die die USA und Großbritannien zur Verfügung gestellt hatten. Aber die zentrale High-Tech-Innovation, die den Ukrainern in ihrem Abwehrkampf geholfen hatte, war Elon Musks Starlink-Satellitennetzt, das nicht für eine militärische Nutzung geplant worden war. Und die Waffen, die mithilfe von Starlink koordiniert wurden, waren hauptsächlich altmodische Artilleriesysteme."

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - London Review of Books

Nicht nur Autokratien, auch Demokratien schränken das Demonstrationsrecht zunehmend ein, befürchtet der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller, der in die USA, nach Großbritannien und Deutschland blickt: "In Deutschland wurden in den Wochen nach den Terroranschlägen vom 7. Oktober viele pro-palästinensische Demonstrationen verboten, selbst in Fällen, in denen es keine Anzeichen für eine unmittelbare Gefahr für die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Hinweise auf antisemitische Äußerungen gab. Die Verbote scheinen einen beunruhigenden Trend zur Einschränkung des Gedenkens an die Nakba in Berlin fortzusetzen. Nachdem das Innenministerium Anfang November alle Aktivitäten mit Bezug zur Hamas Anfang November verboten hatte, rätselten Juristen, ob die Worte 'From the river to the Sea' unter allen Umständen eine Straftat darstellen. In einer schlampig verfassten Mitteilung des Ministeriums ass der Satz eindeutig mit der Hamas verbunden sei; die Berliner Polizei schloss sich dieser Lesart an, ebenso wie die Staatsanwaltschaften in anderen Bundesländern. Bei bestimmten Kundgebungen wurde die Anzahl palästinensischer Flaggen begrenzt; Sprechchöre waren nur erlaubt, wenn sie von einer Bühne aus begonnen wurden. Demonstranten berichteten, dass sie allein wegen des Tragens des Kufiya festgenommen wurden. Ein Landesminister schlug vor, dass nur deutsche Staatsbürger das Recht haben sollten, Proteste zu organisieren (die Verfassung nennt 'Deutsche', das entsprechende Bundesgesetz bezieht sich jedoch auf 'jeden'). Ein anderer Minister fragte sich, ob das Sprechen der deutschen Sprache bei Demonstrationen zur Pflicht gemacht werden könne. Suella Bravermans Versuch, die Polizei zu veranlassen, alle pro-palästinensische Märsche im Vereinigten Königreich als 'Hassmärsche' zu behandeln, könnte in Deutschland Realität werden."

Tom Crewe beschäftigt sich mit den Anfängen schwuler Literatur. Eine wichtige Rolle in seinem Essay spielt "The Novel of an Invert", eine "Fallstudie", die auf Briefen basiert, die ein junger italienischer Adeliger an Emile Zola geschickt hatte. Obwohl die Briefe auf Selbsterlebtem basierten, wurden sie, wie Crewe ausführt, in der Folge zu einer Art Blaupause literarischer Darstellung von Homosexualität, insbesondere was den individualistischen Zugang mit einem Fokus auf dem Erkunden der eigenen Sexualität angeht. Anschließend an eine Einschätzung Zolas schreibt Crewe: "Sexualität hängt eng damit zusammen, wie gesellschaftliches Leben funktioniert, und wenn die Gesellschaft nach heterosexullen Mustern konstruiert ist, können Homosexuelle jedes ihrer Elemente in Unruhe versetzen. Die queere und schwule Literatur ist jedoch nie aus dem individualisierenden Schatten der Fallstudie herausgetreten und hat große Teile des sozialen Lebens nie voll behandelt. Die Forderung, den Blick zu weiten - und schwule Menschen, um mit Zola zu sprechen, mit Familie, Nation und Menschheit interagieren zu sehen -, ist besonders wichtig, wenn wir uns der Vergangenheit zuwenden, also einer Zeit, als die Gesellscahft kulturell und juristisch so stark von Heterosexualität geprägt war, wie es heute nicht mehr möglich ist (wobei das in vielen nichteuropäischen Ländern immer noch der Fall ist). Über schwule Männer im Großbritannien der 19. Jahrhunderts zu schreiben, sollte bedeuten, über sie als Söhne, Brüder, Freunde, Liebhaber, Ehemänner, Väter, Großväter, Mitglieder einer sozialen Klasse, Angestellte, Arbeitgeber, Denker, Leser, Politiker, Imperialisten und so weiter zu schreiben."

Magazinrundschau vom 23.01.2024 - London Review of Books

Tom Stevenson beschäftigt sich anlässlich von Martin Plauts und Sarah Vaughans Buch "Understanding Ethiopia's Tigray War" mit einem vergessenen Krieg der jüngsten Vergangenheit. Und zwar mit einem unfassbar grausamen. Schätzungen zufolge starben zwischen 2020 und 2022 zwischen 385000 und 600000 Menschen im Zuge des Konflikts in der äthiopischen Region Tigray, viele davon aufgrund einer durch eine Militärblockade in der Gegend ausgelösten Hungersnot. Äthiopien und Eritrea bekämpften gemeinsam Truppen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), die Äthiopien zwischen 1991 und 2018 zusammen mit anderen Gruppen regiert hatte. Für den Krieg, den der 2018 regierende äthiopische Ministerpräsidenten Abiy Ahmed mit unnachgiebiger Härte führte, interessierte sich im Westen kaum jemand. "Im Dezember 2021 entsandte die UN ein Team, bestehend aus Kaari Betty Murungi, Steven Ratner und Radhika Coomaraswamy, das die Kriegsverbrechen während des Konflikts untersuchen sollte. Die äthiopische Regierung verbot ihnen Zugang zu allen Orten außer Addis Abeba, die eritreische Regierung ermöglichte überhaupt keinen Zugang. Es gab eine Kommunikationsblockade, was sogar Inverviews aus der Ferne erschwerte. Dennoch fand das Team Hinweise auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Amhara hatten Tigray-Truppen Zivilisten hingerichtet (Human Rights Watch fand heraus, dass die mit der Regierung verbündeten Amhara-Milizen systematisch Hunderttausende im Westen Tigrays vertrieben oder getötet hatten). Nach einem äthiopischen Luftangriff auf dem Markt von Togoga im Juni 2021, hatte die Armee verhindert, dass Krankenwagen den Ort erreichen. Die Einwohner Humeras und Umgebung wurden vertrieben und in ein Flüchtlingslager in Dedebit verfrachtet. Im Januar 2022 tötete ein Drohnenangriff 60 Flüchtlinge und hinterließ 'zerrissene Körper und menschliches Fleisch, das von Bäumen hing'. Das sind nur einige der Gräueltaten, die die begrenzte Untersuchung dokumentierte."

Zu Unrecht aus dem Amt gejagt wurde die Harvard-Präsidentin Claudine Gay, und zwar von rechten Politikern und Israelfreunden, findet Randall Kennedy, selbst Professor an der Harvard Law School. Kennedy schreibt über die Hearings im amerikanischen Parlament und die Plagiatsvorwürfe gegen Gay, die schließlich zu ihrem Rücktritt führten. Er selbst ist, lesen wir erstaunt, der Meinung, dass weder Antisemitismus noch Rassismus auf dem Harvard-Campus, bedauerlichen Einzelfällen zum Trotz, zu ernsthaften Problemen führen. Und auch die Plagiatsvorwürfe wischt er weg. Der aktuelle Konflikt hat nach Kennedy ganz andere Hintergründe: "Was in Harvard passiert, ist Teil eines langanhaltenden kulturellen Kampfes, dessen Ende nicht in Sicht ist. Die Demagogen im Parlament, die die Antisemitismus-Hearings organisierten, verlangen jetzt, dass die Universität alle Unterlagen, die die interne Untersuchung der Plagiatsvorwürfe gegen Gay betreffen, herausgibt. Dass es ihnen gelungen ist, ihre Entlassung zu erzwingen, bestärkt sie darin, die Autonomie der Universität weiter zu untergraben. Zum Beispiel hinterfragen sie ihren Status hinsichtlich Steuerbefragung und der Möglichkeit, staatliche Zuschüsse zu erhalten. Momentan haben sie nicht die politischen Möglichkeiten, diese Drohungen in die Tat umzusetzen. Aber wir befinden uns in einem Wahljahr, und die republikanischen Präsidentschaftskandidaten haben klargemacht, dass sie sich liebend gern an der Ausweidung Harvards beteiligen würden."

Weitere Artikel: Sheila Fitzpatrick liest fasziniert Anna Reids Buch "A Nasty Little War: The West's Fight to Reverse the Russian Revolution" über westliche militärische Intervention (vor allem der Briten) während der russischen Revolution, ukrainischen Nationalismus und die Pogrome an der jüdischen Bevölkerung Osteuropas. Die Schriftstellerin Patricia Lockwood erinnert sich in einem sehr persönlichen Text an die Dichterin Molly Brodak, die sich 2020 das Leben nahm. Susan Eilenberg liest zwei Keats-Biografien von Lucasta Miller ("Keats: A Brief Life in Nine Poems and One Epitaph") und Anahid Nersessian ("Keats's Odes: A Lover's Discourse"). Liam Shaw lernt aus Dale E. Greenwalts Band "Remnants of Ancient Life: The New Science of Old Fossils" einiges über den korrekten Umgang mit Fossilien. Paul Keegan besucht die Philip-Guston-Ausstellung in der Tate Modern. Michael Woods sah im Kino Yorgos Lanthimos' "Poor Things".

Magazinrundschau vom 30.01.2024 - London Review of Books

Liam Shaw bespricht Dale E. Greenwalts "Remnants of Ancient Life: The New Science of Old Fossils", ein Buch über Fossilien, und rekonstruiert Geschichte und Gegenwart der Paläontologie, eines Forschungszweigs, der immer wieder zu einigermaßen spektakulären Hoffnungen Anlass gibt. Aber ist es wirklich möglich, Dinosaurier aus überliefertem Erbmaterial zum Leben zu erwecken? Vorläufig wohl leider nicht: "DNA ist ein großes, fragiles Molekül, und die Überlieferung, die uns zugänglich ist, kratzt nur an der Oberfläche der Vorzeit: die ältesten verlässlichen Funde sind um die zwei Millionen Jahre alt. Einige der kontroversesten Behauptungen hat die amerikanischen Paläontologin Mary Schweitzer aufgestellt; sie hatte zum Beispiel berichtet, 78 Million Jahre altes Tyrannosaurus-Rex-Kollagen gesichert zu haben. Greenwalt formuliert diplomatisch, aber er weist darauf hin, dass es sich sehr gut um die Hautcreme eines Wissenschaftlers oder auch eine Haarschuppe handeln könnte. Schweitzer veröffentlicht weiterhin interessante Studien zu Dinosaurierfossilien, aber der Konsens heute ist, dass Proteine nicht länger als drei oder vier Millionen Jahre haltbar sind. Greenwalt: 'Proteine aus der tiefen Vorzeit gelangen gelegentlich auf die Seiten der New York Times, aber nie in wissenschaftliche Fachbücher.'"

Magazinrundschau vom 19.12.2023 - London Review of Books

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Peter Phillips ist selbst ein Chorleiter und immerhin Gründer der weltberühmten Tallis Scholars. Mit Hingabe bespricht er das Buch "The Pursuit of Musick - Musical Life in Original Writings and Art c.1200-1770" des vielleicht nicht ganz so berühmten, aber, wie es scheint um so legendäreren Andrew Parrott. Phillips bekennt seine Bewunderung für diesen Fanatiker der authentischen Aufführungspraxis Alter Musik. Und dann macht er sich lustig. Parrotts superrigide Auffassungen über die Art und Weise, wie man früher sang, will Phillips nicht mitmachen. Anders als bei alten Instrumenten gibt es da sehr viel weniger materielle Hinweise. Parrott dekretiert etwa, dass Männer früher nicht im Falsett gesungen hätten, was Phillips für Unsinn hält. Und überhaupt, man überlege mal, wie wohl der Chor des Vatikan geklungen haben mag, als er seine größte Zeit hatte, im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter Palestrinas: "Seine Musik, so perfekt geformt, so schimmernd, schreit förmlich nach jener Art von Chordisziplin, die heute selten ist - und die damals wohl gar nicht existierte. 'Erstaunlich ist die Zahl der päpstlichen Sänger im 16. Jahrhundert, die von ihren Zeitgenossen als nicht kompetent angesehen wurden', berichtet Richard Sherr in 'Music and Musicians in Renaissance Rome and Other Courts' (1999). Zu den Adjektiven, mit denen sie beschrieben wurden, gehören 'harsch' (aspra), 'heiser' (rauca), 'dissonant' (disona: 'ungestimmt') ... und sie werden gelegentlich mit dem Substantiv imbecillitas ('Schwäche') in Verbindung gebracht. Viele von ihnen waren regelmäßig krank oder abwesend, einige waren sehr alt, konnten aber nicht entlassen werden, und einige waren ohne Probespiel zugelassen worden. 'Kurz gesagt', schließt Sherr, 'wir wollen die Musik des Sixtinischen Chors im Zeitalter Palestrinas am Ende gar nicht so hören, wie sie gesungen wurde".

Cela dit, haben die Fanatiker der Alten Musik immer einen Trumpf: Bei ihnen klingt Musik so fremd, dass sie wieder neu ist. Hier das Credo aus Guillaume de Machaults "Messe de Nostre Dame" unter Andrew Parrott:

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - London Review of Books

Christopher L. Brown bespricht eine Neuauflage des Buchs "Capitalism and Slavery" von Eric Williams, dem späteren Premierminister von Trinidad und Tobago. Das erstmals 1944 erschienene Buch, dessen Grundthese lautet, dass der Sklavenhandel die Grundlage der industriellen Revolution war, und sein Ende nicht aus moralischen Überlegungen, sondern aufgrund schwindender Profitraten erfolgte, war ebenso einflussreich wie umstritten. Nicht alle Überlegungen Williams' sind heute noch haltbar, meint Brown, vieles wurde gerade in den letzten Jahren von einer neuen Generation von Historikern ergänzt. Dennoch ist Williams' Perspektive auch heute noch relevant, insbesondere, da sie nicht auf moralische Urteile zielt. Nicht zuletzt, wenn es um die Sklavenhändler selbst geht: "Er weigerte sich, die Männer und ihre Familien als Bösewichter, oder auch nur als Außenseiter zu beschreiben. Vielleicht besteht die größte Scham des atlantischen Sklavenhandels darin, dass er gar keinen Anlass zu Scham bot. In ihrer eigenen Zeit waren Sklavenhändler hochangesehen: 'ehrenwerte Herren, Familienväter, herausragende Bürger', so Williams. Sie stifteten Schulen, Krankenhäuser, Waisenhäuser und Bibliotheken, was sie zu 'führenden Wohltätern ihrer Zeit' machte. Williams genießt die Ironie. Aber es ist leicht zu übersehen, was ihn an diesem Gegensatz besonders interessiert. Können die Besten einer Gesellschaft sich über die moralischen Normen ihrer Zeit hinwegsetzen? Warum sollten - oder auch: wie können - wir erwarten, dass die Handelsleute Liverpools, Bristols und Londons die Anforderungen, die Lockungen, die ökonomische Logik ihrer Ära zurückweisen? Williams stellt diese Frage nicht, um die Vergangenheit gegen die Gegenwart zu zu verteidigen, so wie einige es in defensiver Manier heute versuchen. Seine Weigerung, den atlantischen Sklavenhandel als eine Sünde zu brandmarken, hat mit einer spezifischen Form der Argumentation zu tun. Wenn es keine Sünde gab, gibt es keine Vergebung."

Kevin Okoth stellt die ruandische Autorin Scholastique Mukasonga vor: "Die Hutu-Behörden in Ruanda, so schreibt sie in 'Frau auf bloßen Füßen', nannten die Tutsi 'inyenzi, Kakerlaken, Insekten, die es zu verfolgen und schließlich auszurotten galt' dar. Der Begriff 'inyenzi' beschwor das Bild eines Feindes herauf, der überall und unter allen Bedingungen überleben konnte, eine allgegenwärtige Kraft, die die Hutu-Zivilisation untergraben hatte. Mukasongas literarisches Projekt, das Memoiren, Romane und Kurzgeschichten umfasst, ist eine Antwort auf diese Entmenschlichung, indem es das Leben der Tutsi aus den Trümmern der ruandischen Geschichte zurückfordert. ... In ihrem Roman 'Kakerlaken' kritisiert Mukasonga die Kultur des Schweigens, die den Versöhnungsprozess nach dem Völkermord geprägt hat. Gegen Ende des Buches erzählt sie von ihrem letzten Besuch in Ruanda vor dem Völkermord. Ihre Eltern geben eine Willkommensparty, um ihre Rückkehr zu feiern, aber die Anwesenheit einer 'Familie von Fremden' beunruhigt Mukasonga. Sie erfährt, dass es sich bei den neuen Nachbarn um Hutus aus dem Norden des Landes handelt, denen ein Platz am anderen Ende unseres Feldes zugewiesen wurde. Siebenunddreißig Mitglieder ihrer Familie werden während des Völkermords getötet, doch als sie ein Jahrzehnt später, im Jahr 2004, zurückkehrt, bewohnen diese Nachbarn immer noch dasselbe Feld. Sie stellt den Familienvater zur Rede, doch der behauptet, nie etwas von Mukasongas Eltern gehört zu haben. Sie beschimpft ihn. Schließlich gibt er zu, dass er sie gekannt hat, fügt aber schnell hinzu, dass er zur Zeit des Völkermords nicht da war ('im Kongo'). Es bleibt uns überlassen, unsere eigenen Schlüsse zu ziehen."

Weitere Artikel: Tom Hickman schreibt über das Scheitern des Versuchs der britischen Regierung, Asylsuchende nach Ruanda zu deportieren. Colin Burrow bespricht den neuen Roman von Zadie Smith, "Betrug". Neal Ascherson liest zwei Bücher über die Deutschen: "Diesseits der Mauer" von Katja Hoyer und "Aufbruch des Gewissens" von Frank Trentmann. Madeleine Schwartz erkundet das brutalistische Paris.

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - London Review of Books

Die Kämpfe in Myanmar dauern nach wie vor an, tatsächlich toben sie dieses Jahr heftiger denn je; dennoch, glaubt Francis Wade, ist es dem Widerstand gegen die Militärjunta, die Myanmar seit fünf Jahrzehnten regiert, gelungen, den Protest auf eine breitere Basis zu stellen als im Fall früherer Auseinandersetzungen. Nach einem Militärcoup, der auf einen Wahlsieg der National League for Democracy (NLD) und ihrer Verbündeten gefolgt war, formte sich schnell eine Protestbewegung, ein Streik legte zahlreiche Krankenhäuser und Betriebe lahm, auch Polizisten und Soldaten schlossen sich den Aufständischen an. "Im März 2021 bildeten 28 Organisationen - Parteien, bewaffnete ethnische Gruppen, Frauen- und Jungendorganisationen, Gewerkschaften - das National Unity Consulative Council. Im folgenden Monat kündigte es an, eine parallele Administration aufzubauen, das National Unity Government (NUG), das sich aus Abgeordneten der NLD und anderer Parteien sowie Repräsentanten ethnischer Minderheiten zusammensetzt. Das NUG fungiert als eine Kombination aus Aktionsgruppe und Schattenregierung, es treibt Steuern von unternehmen ein, etabliert eine basale öffentliche Infrastruktur in Gegenden, die nicht vom Militär kontrolliert werden und unternimmt Versuche, von ausländischen Mächten als legitime Regierung des Landes anerkannt zu werden. Die Zusammensetzung des NUG, dessen Minister zur Hälfte Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten sind, scheint widerzuspiegeln, was bei den Protesten geschehen ist. 'Wir wurden Zeuge einer Solidarität, wie sie nie zuvor in der Gesellschaft des Landes existiert hatte', schreibt [der Aktivist] Suragamika."

Magazinrundschau vom 14.11.2023 - London Review of Books

Entlang einer Buchveröffentlichung erzählt Rosa Lyster die Geschichte John Ackah Blay-Miezahs, gewissermaßen der Urvater der sogenannten (obwohl meist nicht in Nigeria ausgetüftelten) Nigeria-Internetscams. Der Ghanaer Blay-Miezah hatte, führt Lyster aus, schon in der Schulzeit damit begonnen, seine Klassenkameraden hereinzulegen. Berühmt wurde er als Promoter des sogenannten "Oman Ghana Trust Fund", eines fiktiven Riesenvermögens, das angeblich dem Ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah gehört haben soll und für dessen Verflüssigung Blay-Miezah Investoren anwarb - überall auf der Welt, vor allem jedoch in Ghana und den USA. Insgesamt gut 15 Jahre lang, von den frühen 1970ern bis zu den späten 1980ern, warb Blay-Miezah gemeinsam mit seinem amerikanischen Partner Robert Ellis mithilfe einer offensichtlich von hinten bis vorne erlogenen Geschichte Gelder ein. Wie war das möglich? "Wenn Besucher in sein Büro kamen, leiteten Blay-Miezah und Ellis das Gespräch vorsichtig in Richtung des 'Oman Ghana Trust Fund'. Erst die vielen Milliarden Dollar, dann die Vision eines neu aufgebauten Ghana, dann der benötigte Vorschuss, dann die zehn Dollar, die alle Investoren für jeden einzelnen Dollar Vorschuss erhalten sollten. Während immer mehr Investoren dazukamen, lernten Blay-Miezah und sein Partner, 'die Leute mithilfe ihrer eigenen Fantasien übers Ohr zu hauen': einigen verkauften sie das Versprechen der Befreiung, eine Möglichkeit, die Wunden des Kolonialismus zu heilen. Anderen verkauften sie die Möglichkeit, sich ein letztes Mal an der Beute gütlich zu tun, eine Chance für mäßig erfolgreiche Geschäftsleute, einen riesigen, noch kaum entwickelten Markt zu erobern und dort zu tun, was immer sie möchten. Ein Journalist des Philadelphia Inquire drückte es folgendermaßen aus: 'Blay-Miezah verkaufte das Mysterium Afrikas gemeinsam mit dem Versprechen auf Gold im Wert von Milliarden.'"

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - London Review of Books

Der britische Autor John Lanchester erzählt, entlang zweier aktueller Buchveröffentlichungen, eine Rise-and-Fall-Geschichte aus der Welt der Kryptowährungen. Wobei Sam Bankman-Fried, der bis Anfang 2021 als Business-Wunderkind galt und derzeit in New York wegen Betrugsdelikten vor Gericht steht, sich wohl gar nicht so sehr für Krypto interessiert. Die Triebfeder hinter seinen Aktivitäten heißt stattdessen "Effective Altruism", eine Bewegung, die dem Versuch verpflichtet ist, Wohltätigkeit probabilistisch zu maximieren: "Der Gedanke funktioniert wie folgt: Wenn Du Medizin studierst und in einem Entwicklungsland als Arzt arbeitest, dann rettest Du Leben, stimmt; aber der Unterschied, den Deine Handlungen in der Welt bewirken, ergibt sich lediglich aus der Differenz zwischen den Leben, die Du rettest und den Leben, die ein anderer Arzt rettet, der statt Deiner dieselbe Arbeit ausgeführt hätte. Wenn Du andererseits für eine Bank arbeitest und all Dein Geld spendest, dann besteht der Unterschied, den Du bewirkst, aus all dem Geld, das Du weggibst und den Leben, die damit gerettet werden - man kann schließlich davon ausgehen, dass der Bankier, der den Job an Deiner Stelle übernommen hätte, sein Geld nicht gespendet hätte." Um schnell an viel Geld zu kommen, gründet Sam Bankman-Fried also eine Krypto-Börse - die schnell enorm erfolgreich wird und noch schneller, mutmaßlich auch aufgrund windiger Geschäftspraktiken des Gründers, Pleite geht. Was nun ist von diesem Typen zu halten? Sympathie empfindet Lanchester nicht für ihn. Stattdessen schreibt er über die "innere Leere" eines Mannes, der vor zweienhalb Jahren Multimilliardär war und nun möglicherweise den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen wird: "Er hat keinen moralischen Kompass außer dem, den er sich von den effektiven Altruisten geborgt hat. Viele Menschen borgen sich ihren moralischen Kompass von einer Religion, aber alle Religionen haben einen Platz für Empathie, auch wenn sie diese oft nur selektiv einsetzen. Effektiver Altruismus hat keinen Platz für Empathie und Sam Bankman-Fried hat auch keinen."

Magazinrundschau vom 24.10.2023 - London Review of Books

Der britisch-nigerianische Journalist Adéwálé Májà-Pearce wirft ein hartes Schlaglicht auf die Eliten in Afrika. Schön ist der Anblick nicht. "Afrika hat die jüngste Bevölkerung und einige der ältesten Staatsoberhäupter der Welt. Viele sind schon seit Jahrzehnten an der Macht. Gabun wurde vor dem Militärputsch im August mehr als ein halbes Jahrhundert lang von der Bongo-Dynastie regiert. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ist unter 22 Jahre alt. Faure Gnassingbé übernahm 2005 die Präsidentschaft in Togo nach dem Tod seines Vaters Gnassingbé Eyadéma, der 38 Jahre lang regiert hatte. Um dem Enthusiasmus für Mehrparteiendemokratien nach dem Kalten Krieg zu entsprechen, kündigte er an, dass er nur zwei fünfjährige Amtszeiten absolvieren würde. Im Jahr 2019 änderte er seine Meinung und setzte eine Verfassungsänderung durch, die ihm eine weitere zehnjährige Amtszeit ermöglichte. Es ist gut möglich, dass er lebenslang Präsident bleibt: Er ist erst 57 Jahre alt, ein "kleiner Junge" im Vergleich zum 65-jährigen Paul Kagame aus Ruanda (23 Jahre im Amt), dem 79-jährigen Denis Sassou Nguesso aus der Republik Kongo (26 Jahre im Amt), dem 81-jährigen Teodoro Obiang Nguema Mbasogo aus Äquatorialguinea (44 Jahre im Amt) und dem 90-jährigen Paul Biya aus Kamerun (41 Jahre im Amt). Kagame und Biya haben vor kurzem ihre Führungsriege umgestellt. Sie alle blicken ängstlich über die Schulter zum Militär. Der 81-jährige Präsident von Côte d'Ivoire, Alassane Ouattara, übernahm 2010 die Macht, argumentierte aber, dass eine Reihe von Verfassungsänderungen, die 2016 verabschiedet wurden, seine Amtszeit effektiv auf Null zurückgesetzt hätten und er daher für zwei weitere fünfjährige Amtszeiten kandidieren könne. Im Jahr 1999 behauptete Ouattara, dass sich 'vor unseren Augen eine afrikanische Renaissance entfaltet ... Die meisten Länder wurden während ihrer Unabhängigkeit zum längsten Teil von autokratischen Führern regiert - autokratisch, weil sie, ob aufgeklärt oder nicht, über dem Gesetz standen." Und dann sind da Guinea, Mali, Niger und Burkina Faso, die in den letzten Jahren die alten Regime durch Militärjuntas ersetzt haben. Machen sie einen Unterschied? Májà-Pearce winkt ab: "Die Vorstellung, dass diese neuen Regime einen grundlegenden Wandel in der Regierungsführung darstellen - eine Vorstellung, die sich bei den jungen Westafrikanern immer mehr durchsetzt - ist ein Irrglaube. Tchiani, der versprochen hat, die Macht in drei Jahren abzugeben, war ein ehemaliger Chef der Präsidentengarde, der befürchtete, dass er bald pensioniert werden würde. General Brice Oligui Nguéma, der neue Präsident von Gabun, stand Bongo père nahe und war zuletzt Chef der Republikanischen Garde unter Bongo fils, doch wie Tchiani wuchs auch bei ihm die Sorge, dass er in den Ruhestand versetzt werden könnte. Ali Bongo wurde eine Woche nach seiner Absetzung vom neuen Militärregime aus dem Hausarrest entlassen und kann offenbar nach Frankreich reisen, wo er sich auf sein Familienanwesen im Wert von schätzungsweise 85 Millionen Euro zurückziehen kann; sein Nachfolger soll eine Reihe von Immobilien in den USA gekauft haben."

Weitere Artikel: Adam Shatz warnt, dass die Gewalt auf beiden Seiten Palästinenser und Israelis verändern wird, die Israelis vielleicht noch ein bisschen mehr. Amjad Iraqui ist entsetzt über die Ermordung zahlreicher israelischer Zivilisten durch die Hamas, aber er fürchtet auch, dass die israelische Armee jetzt die Bevölkerung aus Gaza in die Wüste Sinai vertreiben wird.