Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

415 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 42

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - London Review of Books

Katherine Rundell huldigt in einem ihrer schönen Tierporträts der Eleganz der Giraffe, über die Europäer in Verzückung geraten, seit Kleopatra Cäsar eins der Tiere als Geschenk mitgab. Sie werden bis zu fünf Meter groß werden und bringen es auf eine Geschwindigkeit von 40 Meilen pro Stunde, wobei sie aber häufig über ihre eigenen langen Beine stolpern: "Wir wissen nicht, woher sie ihre Gestalt haben. Bis vor Kurzem wurde ihr langer Hals so erklärt, wie Darwin es nahegelegt hatte: Die 'Hypothese konkurrierender Laubfresser' postuliert, dass Konkurrenten wie Impalas und Kudus die stetige Verlängerung des Halses vorantrieben, und es der Giraffe so erlaubten, an Futter zu gelangen, an das andere nicht heranreichten. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Giraffen relativ selten Nahrung in voller Höhe suchen, und je langhalsiger die einzelnen Tiere, desto eher sterben sie in Hungerzeiten. Möglicherweise gibt ein langer Hals männlichen Tieren einen Vorteil in Dominanzkämpfen - bei denen sie ihre Hälse gegeneinander schwingen. In den nächsten Jahren wird dazu sicher mehr geforscht werden: Dominanzkämpfe führen oft zu sexuellen Aktivitäten zwischen den rivalisierenden Männchen. Tatsächlich ist der meiste Sex bei Giraffen homosexuell: In einer Studie machten gleichgeschlechtliche Besteigungen 94 Prozent des gesamten sexuellen Verhaltens aus. Aber was auch immer die Ursache sein mag, der lange Hals hat seinen Preis. Jedesmal wenn sich eine Giraffe mit gespreizten Beinen zum Trinken herunterbeugt, strömt das Blut in ihr Hirn; beim Beugen hält die Halsvene das Blut aus dem Kopf heraus, damit sie nicht in Ohnmacht fällt, wenn sie sich wieder aufrichtet. Selbst wenn es reichlich Wasser gibt, trinken Giraffen nur alle paar Tage. Eine Giraffe zu sein ist schwindelerregend."

Weiteres: Ende Oktober hatte Colm Toibín Venedig fast für sich allein, er nutzte die menschenleere Stadt, um sich in allen möglichen Kirchen Tintorettos Kreuzigungen anzusehen. Adam Schatz fürchtet, dass Donald Trump die amerikanische Demokratie nachhaltig geschwächt hinterlässt.
Stichwörter: Giraffen, Trump, Donald

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - London Review of Books

Voller Verehrung schreibt Ferdinand Mount über den unendlich großherzigen Gewerkschaftsführer und Labour-Politiker Ernest Bevin, einen entschlossenen, aber undogmatischen Sozialisten, der bereits unter Churchill Arbeitsminister wurde, unter Clement Attlee Außenminister blieb und gegen den Morgenthau-Plan von Churchill und Roosevelt Deutschlands Wiederaufbau durchsetzte. Sehr lesenswert also Andrew Adonis' Biografie, nur ihren Untertitel "Labour's Chuchills" findet Mount irreführend: "Tatsächlich kann man sie kaum zwei unterschiedlichere Männer vorstellen, und zwar nicht nur weil einer der Erbe eines Herzogtums war und der andere der Erbe von nichts. Bevin war unendlich loyal gegenüber den großen Gewerkschaften, die er selbst geschaffen und zwanzig Jahre lang geführt hatte, gegenüber der Labour-Party und Clement Attlee (gegen den andere nicht aufhörten zu intrigieren). Churchill dagegen war notorisch selbstsüchtig und auf schnellen Gewinn aus. Er verließ erst die Konservativen, dann die Liberalen, und zurück bei den Konservativen war er nur in seiner Illoyalität beständig. 'Jeder kann einmal Vereinbarungen brechen', soll er Hände reibend erklärt haben, 'aber man braucht schon Raffinesse, um es wieder zu tun'. Niemand, der sich ernsthaft mit Churchill beschäftigt, kann seine Freude an der Gewalt gegenüber Herausforderern ignorieren. 'Nichts in der Welt bekommt mich aus diesem grandiosen, köstlichen Krieg heraus', sagte er 1915 zu Margot Asquith. Bereits 1917 träumte er von Massenbombardements auf die Zivilbevölkerung, probierte sie 1920 im Irak aus und machte sie zur Politik der Alliierten, sobald er 1940 an die Macht kam. Bevin dagegen opponierte gegen den Ersten Weltkrieg, wollte aber auch Mussolini und Hitler entschlossen Widerstand leisten."

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - London Review of Books

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise heuerte die britische Regierung die Beratungsfirma Deloitte an, um den zusammenbrechenden Gesundheitsdienst NHS bei seinem Test-and-Trace-Programm zu unterstützen, berichtet Peter Geoghegan. Tausende Berater sind seitdem im Einsatz, darunter auch vierzig von Boston Consulting, die 6.250 Pfund am Tag verdienen. Eine ihrer cleversten Ideen bestand in dem Versuch, wie der Guardian enthüllte, dem NHS ein privates Konkurrenz-Programm des Serco-Konzerns anzudrehen, für den Deloitte ebenfalls arbeitet: "Covid-19 hat das ganze Ausmaß der Vettern- und Günstlingswirtschaft enthüllt, die den öffentlichen Dienst erfasst hat. Mehr als jeder andere vergleichbare Staat hat Britannien - oder genauer gesagt England - weite Teile seiner Reaktion auf die Pandemie ausgelagert, oft an Firmen, mit engen Kontakten zu Tory-Politikern, aber ohne erkennbar relevanter Erfahrung. Eine Firma, die einem konservativen Spender mitgehört und Schönheitsprodukte an Ketten in den Fußgängerzone verkauft, bekam einem Auftrag über 65 Millionen Pfund zur Lieferung von Gesichtsmasken an das NHS. Ein kleines, Verluste einfahrendes Unternehmen, das medizinisches Gerät liefert und von einem konservativen Stadtrat in Stroud geführt wird, erhielt einen Vertrag über 270 Millionen Pfund für ärztliche Schutzausrüstung. Ayanda Capital, eine auf Devisengeschäfte, Offshore-Besitz und Private Equity spezialisierte Investmentfirma, bekam einen Vertrag über 252 Millionen Pfund für Atemmasken, von denen fünfzig Millionen nicht genutzt werden konnten, nachdem Bedenken aufkamen, ob sie fest genug im Gesicht sitzen. Der Deal wurde über das Handelsministerium eingefädelt, dessen Aufsichtskomitee von Liz Truss geführt wird, die auch im Aufsichtsrat von Ayanda sitzt. NHS-Daten wurden nicht nur Amazon und Google zugeschanzt, sondern auch Palantir Technologies, der von PayPal-Gründer und Republikaner-Spender Peter Thiel gegründeten Big-Data-Firma, und Faculty, einer kleinen KI-Firma, die zuvor für David Cummings Leave-Kampagne gearbeitet hatte."

Weiteres: Patrick Cockburn sieht Syrien durch die von den USA verhängten Wirtschaftssanktionen tatsächlich kollabieren, betroffen seien aber vor allem die ärmere und mittleren Schichten, nicht die Stützen des Regimes. Sehr zu seinem Ärger: "Anders als Bombardements stellen sich Sanktionen als gewaltloser Weg dar, das Verhalten gefährlicher Regimes zum Besseren zu wenden. Doch in Wahrheit sind sie ein brutales Instrument, sie bestrafen unterschiedslos ganze Gesellschaften." Im Guardian recherchiert Martin Chulov noch einmal den Tod von James Le Mesurier, einem britischem Militär und Mitbegründer der Weißhelme, der sich in Istanbul das Leben genommen hat. Chulov gibt daran einer syrischen Desinformationskampagne die Schuld.
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Magazinrundschau vom 20.10.2020 - London Review of Books

In Wuhan werden schon wieder Massen-Pool-Partys gefeiert, der letzte Corona-Fall liegt Monate zurück, berichtet die wie immer bestens informierte Wang Xiuying aus dem China nach Covid-19. Die Meinungskämpfer haben jetzt - ganz wie die Luxusläden - wieder Oberwasser, und Wang Xiuying macht vor allem zwei Debattenlinien aus: Unter dem selbstironischen Schlagwort 'ruguan xue' (Die Barbaren vor den Toren) wird diskutiert, wann die Chinesen die USA übernehmen, und unter 'gongye dang', ob Ingenieure ein Land besser regieren als Juristen: "Hier heißt es jetzt, dass wir unseren kompetenten Diktator dem inkompetenten Möchtegern-Autokraten in den USA vorziehen. Chinas Betonung von Ordnung, Stabilität, Verdienst, Kompetenz, Effizienz und Zweckmäßigkeit sieht dem westlichen Pakte weit überlegen aus. Wahlen, freie Märkte, Justiz, Gesundheitssysteme und Bildung werden von allen Seiten angezweifelt und beginnen, ihren Glanz zu verlieren. China hat ein eigenes Geschichtsbewusstsein, es betrachtet die Historie als einen Kreislauf, in dem Weltreiche und Dynastien zerfallen und untergehen, bevor sie sich wiedervereinen. Der Wind kam lange aus dem Westen, jetzt ist es Zeit für Wind aus dem Osten. Die Anhänger konfuzianischer Lehren haben sich in letzter Zeit aus den Diskussionen herausgehalten. Vielleicht weil 'ruguan xue' nicht passt zu ihren hochstehenden Ansichten der Han-Kultur, die allen Barbaren überlegen ist. 'Gongye dang' scheint aber auch keinen moralischen Mehrwert abzuwerfen. Aber weder 'ruguan xue' noch 'gongye dang' sind ernsthafte ideologische Auseinandersetzungen mit dem Westen, da ihre Vertreter davon ausgehen, dass der Westen die Bedingungen festlegt. Konfuzianer verfolgen in der Regel universalistische Ziele, sie predigen Wohlwollen, Integrität, Loyalität, natürliche Ordnung und das Konzept  'zhongyong' - Mäßigung, das Moderate, nicht die Extreme. Der Mittelweg ist nicht sonderlich attraktiv in einer Zeit, in der man im QAnon-Maßstab verrückt sein muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen."

Weiteres: James Meek fragt sich, warum Anhänger von Verschwörungstheorien eigentlich immer glauben, sie hätten das große Ganze erfasst, wenn sie doch auf jede Frage nur die Schrumpfversion einer Antwort haben. Anne Enright entziffert Marilynne Robinsons perfekte Paradoxe. Paul Keegan liest T.S. Eliots Briefe an Emily Hale.

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - London Review of Books


Camille Pissarros "Maison bourgeoise à l'Hermitage" (1873) und Paul Cézannes 'Maison et arbre, quartier de l'Hermitage' (1874).

Eines der größten Mysterien des 19. Jahrhunderts ist für T.J. Clark die Freundschaft zwischen Cézanne und Pissarro, die bei aller Rivalität und Gegensätzlichkeit eine Zeit lang zusammen arbeiteten: "Wenn wir dieses Rätsel lösen könnten, hätten wird den Schlüssel zur französischen Malerei in Händen, ungefähr auf dieselbe Weise, wie das Verhältnis von Platon zu Sokrates noch immer den Schlüssel zur Philosophie darstellt", glaubt Clark: "In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts malten Cézanne und Pissarro mehrmals im Jahr gemeinsam. Beim ersten Besuch in Frühsommer 1873 war Cézanne 34 Jahre und Pissarro 42 Jahre alt. Der Altersunterschied verdeckt eine komplizierte Geschichte. Mit Anfang dreißig war Cézanne unhöflich, unreif, streitlustig und halsstarrig, aber als er begann, mit Pissarro zu arbeiten, hatte er sich bereits in den fünf Jahren zuvor eine bemerkenswerte Art zu malen angewöhnt: Man sollte es eher seinen ersten Stil als seinen frühen bezeichnen, denn die Verbindung aus Courbets kräftigem Auftrag, Manets Aggressivität und Delacroix' kühler Lust war ganz klar die Folge davon, dass er sich ein halbes Leben lang den Kopf über die Frage zerbrochen hat, wie französische Malerei bisher war und wie sie künftig sein sollte."

Weiteres: Christopher Tayler staunt über die Verstiegenheit, zu denen sich Martin Amis als Stilist bekennt ("Ein sorgsamer Schriftsteller sollte nicht zweimal in einem Satz dieselbe Silbe verwenden").

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - London Review of Books

Wer sich für die Geschichte der Frauenbewegung in Britannien interessiert, sollte sich nicht lange mit Philippa Lowthorpes oberflächlichem Film "Misbehaviour" aufhalten, meint Jenny Turner. Sie rät stattdessen zu Margaretta Jollys fantastischer Oral History "Sisterhood and After", ein epochales Werk, das strikt zwischen feministischer Theorie und sozialer Bewegung unterscheidet, besonders die "Aura des Augenblicks" betont und um die beiden spektakulärsten Momente der Bewegung kreist, die Proteste gegen Bob Hopes schmierige Miss-World-Wahlen 1970 und Greenham Common Women's Peace Camp in den Achtzigern. Sehr empfehlen kann Turner aber auch die wieder ausgegrabene und sehr bewegende Dokumentation "Nightcleaners" von 1975, in der das Berwick Street Film Collective vom heldinnenhaften Versuch Londoner Putzfrauen erzählt, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Ein echter Kontrapunkt zum liberalen Mittelklasse- oder Medien-Feminismus, meint Turner: "'Der Arzt hat mir geraten aufzuhören, sagt die in offenkundiger Erschöpfung rauchende und schwitzende Annie, 'ich glaube, mein Körper ist müde. Das geht aufs Gewicht und auf Herz.' Die Frauen müssen arbeiten, sagten sie, weil ihre Männer nicht genug verdienen. Sie konnten nicht zu Hause bei den Kindern bleiben, und eben weil sie Kinder hatten und Hausarbeit zu erledigen, mussten sie nachts arbeiten. 'Keine Frau putzt nachts, wenn sie es nicht wirklich muss', sagt Elsie. 'Es gibt viele kaputte Ehen unter den Putzfrauen, das haben Sie wahrscheinlich selbst schon rausgefunden. Wissen Sie, alle sind müde, aber sie wollen das nicht ihrem Mann sagen - sie wollen nur schlafen und ihre Ruhe haben.' Von Anfang an galt 'Nightcleaners' als abschreckend avantgardistisch: Jump Cuts, lange schwarze Pausen, eine große Schere zwischen Bild und Ton, Fetzen der 'Seeräuber Jenny' und Scott Joplins 'Maple Leaf Rag'. Alles ist schwer, unbequem und unangenehm, alle sind erschöpft und wissen, dass sie scheitern werden, wahrscheinlich selbst die Filmemacher, die ahnen mussten, dass ihre Arbeit für die Menschen, um die es ging, von keinerlei Nutzen war. Und trotzdem: Die Interview sind großartig und die Gesichter wunderschön. Annie, die so fertig und niedergeschlagen aussah, wird ein wenig später gezeigt, wie sie mit ihren Kindern einkaufen geht. Alle haben ein Lachen im Gesicht."

Wenn die Engländer die Union mit Schottland retten wollen, sollten sie nicht britischer werden, meint der Historiker Neal Ascherson in einem Abgesang auf die zentralistische Monarchie des 17. Jahrhundert, sondern im Gegenteil englischer: "Britannien ist ein eingebildetes Königreich, das in seiner Vorstellung über bloßen Nationalstaaten schwebt; England ist ein Land wie seine Nachbarstaaten. Britannien ist außergewöhnlich und denkt sich selbst in Superlativen (das weltbeste, weltweit führende, effizienteste Land auf dem Planeten); England ist ein mittelgroßes Land mit erstklassigen Wissenschaftlern und einem verkommenen Management. Britannien träumt davon, eine stolze, schwerbewaffnete Freibeutermacht zu werden, die allen internationalen Regeln trotzt; England ist eine bescheidene, skeptische Nation mit einem Faible für Satire und Demokratie."

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - London Review of Books

Immer wieder instruktiv die Texte von Tom Stevenson, der Welthandel und Realpolitik von links erzählt. Die Empörung über Nord Stream 2 kann er nicht teilen, sie werde von den USA geschürt, die aus rein hegemonialen Interessen Osteuropa gegen die europäisch-russische Energieallianz aufhetzten. Stevenson empfiehlt wärmstens Thale Gustafsons Geschichte der europäisch-russischen Energieallianz "The Bridge" zur vertiefenden Lektüre: "Amerikanische Strategen sahen in einer Energieallianz zwischen Westeuropa und der Sowjetunion wenig Nutzen für die USA. Aber sie schritten nicht ein bis 1982, als CIA-Direktor William Casey Ronald Reagan überzeugte, Sanktionen gegen Firmen zu erheben, die dem Bau sowjetischer Pipelines zulieferten. Die Sanktionen ging nach hinten los: Die UdSSR entwickelte einfach ihre eigene Röhren- und Kompressorenindustrie. Zehn Jahre später bot der Kollaps der Sowjetunion eine zweite Möglichkeit: Westliche Berater drängten auf die Zerschlagung und Privatisierung von Gasprom und den Rest der russischen Staatsindustrie. Aber selbst Jegor Gaidar, der Meisterdieb der Aasfresser-Ära unter Jelzin, wollte Gasprom zusammenhalten. Wie Gustafson resümiert, wurde das Unternehmen teilprivatisiert, aber der Großteil der Aktien von früheren Mitarbeitern gekauft. Als Putin zur Jahrtausendwende an die Macht kam, fiel es ihm nicht schwer, sie wieder einzusammeln und das Unternehmen unter Staatskontrolle zu bringen. Er feuerte den Gasprom-Chef Rem Wjatschirew und setzte an dessen Stelle seinen eigenen Berater Aleksej Miller und Dimitri Medwedew in den Aufsichtsrat. Zu dem Zeitpunkt war bereits klar, dass die Blütezeit der kapitalistischen Transformation, die die Unternehmensberaterfritzen verheißen hatten, nie kommen würde. Dem gängigen Narrativ zufolge zeigt Putins Zugriff auf Gasprom die Rückkehr zu einer aggressiven Politik à la Breschnew. Aber Energie ist immer ein Werkzeug der Staatsführung. Russlands aggressives Auftreten maskiert die Unsicherheit über die Brüchigkeit des Staates. Russlands Abenteuer in Syrien war zum Beispiel weniger ein Ausdruck russischer Macht als der Versuch, Macht zu demonstrieren. Er geht einher mit dem Rückgang an Erlösen aus Energieverkäufen, was den Haushalt belastet. In der Allianz mit Westeuropa war Russland immer pragmatisch. Es hat den Niedergang der sowjetischen Gasfelder bewältigt, in die schwierige Erschließung der Jamal-Halbinsel investiert und sich durch die Regulierungen der europäischen Energieindustrie navigiert. Europäer mögen sich über Gasprom beklagen, aber wenn es Gasprom nicht gäbe, müssten sie es erfinden."

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - London Review of Books

Nathalie Sarraute hätte den Nobelpreis bekommen müssen anstelle von Claude Simon, meint Toril Moi ganz entschieden, schließlich war sie die große Pionierin des coolen Modernismus, lange bevor Simon, Michel Butor und Alain Robbe-Grillet ihre antipsychologischen, antirealistischen nouveau romans verfassten. Ganz hervorragend findet Moi auch Ann Jeffersons Biografie "A Life Between". Nur warum wird Sarraute dann heute nicht mehr gelesen? Warum nicht mehr gelehrt? "Ich selbst unterrichte sie auch nicht. Ich bin Feministin und auf Simone de Beauvoir spezialisiert und ich mag besonders gern Beauvoirs Roman 'Die Mandarine von Paris' von 1954, den Sarraute verabscheute... Sarrautes Verhältnis zum Feminismus ist kompliziert. In den dreißiger Jahren kämpfte sie zusammen mit der Sozialistin und Anwältin Maria Vérone für das Frauenwahlrecht (das 1944 gewährt wurde). Aber Sarraute hasste 'Identitätsgerede'. Ihr Schreiben untersuchte und pflegte das Unpersönliche, Anonyme, Antipsychologische, das Allgemeine im Gegensatz zum Besonderen. Allein die Idee, eine weibliche Autorin zu sein, war für Sarraute unvorstellbar. 'Es ist ein schwerwiegender Fehler', sagte sie einmal, 'besonders für Frauen, von Frauenliteratur oder Männerliteratur zu sprechen. Es ist Literatur, Punkt.' Als die écriture feminine 1984 auf dem Höhepunkt ihrer Popularität stand, fasste sie ihre radikal anti-identitätspolitische Haltung mit den Worten zusammen: 'Wenn ich schreibe, bin ich weder Mann noch Frau, weder Hund noch Katze.' Bei Sarraute geht es nie um Frauen, Weiblichkeit oder geschlechtliche Unterschiede. Wer für seine Literaturseminare eine späte Modernistin braucht, wird wahrscheinlich Marguerite Duras vorziehen. Kürzlich legte Annabel Kim in 'Unbecoming Language' nahe, Sarrautes Ablehnung der Identitätspolitik als ein Engagement für radikale Gleichheit zu lesen, auf eine Art, die den Feminismus einer Monique Wittig oder Anne Garréta antizipiert haben könnte."

Weiteres: Ian Penman zeigt sich ziemlich genervt vom Kult um Kraftwerk: "Ihre futuristische Vision sieht heute ziemlich blass aus: Die Roboter, die sie manchmal benutzen, um sich selbst auf der Bühne zu ersetzen, sind spürbar vordigital, und wir haben heute auch einen anderen Begriff von Bots und ihrer bösartigen Wirkung." Christian Lorentzen sucht nach Joe Bidens politischem Feuer.

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - London Review of Books

1849 musste Garibaldi mit seinen Anhängern aus Rom vor den französischen Truppen fliehen, die - ausgerechnet - den Vatikanstaat wieder unter die Kontrolle des Papstes stellen wollten. "Ich habe nur Hunger, Durst, Gewaltmärsche und die Gefahren des Krieges zu bieten. Wer die Liebe zu seinem Land nicht nur auf den Lippen, sondern auch im Herz trägt, soll mir folgen", hatte er in seiner berühmten Rede zuvor erklärt. Heute reklamiert Italiens Rechte den Patriotismus für sich, seufzt Tim Parks, der sich irrsinniger Weise mit seiner Frau vorgenommen hatte, dem Weg des Revolutionärs von Rom nach Porto Garibaldi zu folgen: "Wir hatten uns geschworen, die Strecke in derselben Zeit zurückzulegen wie die Garibaldini. Wir trugen Omni-Freeze-Shirts und Funktionsunterwäsche, Hightech-Rucksäcke und teure Wanderschuhe. Ihre roten Hemden und langen Hosen waren aus Wolle. Wir mussten unser Essen nicht um den Hals gebunden mit uns tragen, keine Brotlaibe oder gebratene Hühner, und wir mussten auch keine Herde Ochsen hinter uns herziehen und sie im Dunkeln schlachten. Sie trugen wertloses Papiergeld der ausgelöschten Römischen Republik; wir hatten Kreditkarten und Smartphones. Wir mussten nicht mit den örtlichen Behörden verhandeln, um Essen zu kaufen oder Mönche überreden, uns mit Wein zu versorgen. Diese Männer gehörten zu den letzten, die niemals motorisierten Transportmittel benutzt haben und sie waren im Gegensatz zu uns ans Laufen gewöhnt. Von der Hitze, den Hügeln und den steinigen Wegen erschöpft, stolperten wir die steilen Abhänge hinab in staubige Städtchen. Bei unserer Ankunft mussten die Sachen sofort gewachsen werden und vor Morgengrauen trocken sein, denn wir konnten nur einmal wechseln. Garibaldi bestand darauf, dass seine Männer die roten Hemden sauber hielten, selbst wenn das Wasser knapp war. Ihm war wichtig, wie eine reguläre Armee auszusehen, nicht wie ein ungeordneter Haufen. Aus demselben Grund kam es darauf an, die Männer vom Stehlen und Plündern abzuhalten. Wer dem zuwiderhandelte, wurde erschossen. Jenseits des Militärischen stand der Kampf um die Herzen und Köpfe, und hier war die Kirche der Hauptfeind, die Priester hatten die Bauern fest in ihrer Hand. In all den Jahren seines Feldzugs für ein geeintes Italien, sollte Garibaldi später erkennen, hatte sich nicht ein einziger Bauer freiwillig zum Kampf gemeldet."

Weiteres: John Lanchester stellt sich der unheimlichen Frage, warum er während des Lockdowns Cricketspiele so sehr vermisst hat: "Am Ende eines Spiels weiß ich nicht mehr als zu Beginn, außer was während des Spiels passierte."

Magazinrundschau vom 01.09.2020 - London Review of Books

Adam Shatz empfiehlt dringend den kürzlich verstorbenen Albert Memmi zu lesen, der außerhalb Frankreichs wenig wahrgenommen wurde, dabei einer der bedeutendsten Autoren der Dekolonialisierung war. Er unterstützte Algerien und Tunesien im Kampf um die Unabhängigkeit, obwohl er wusste, das sie ihn - als Sohn tunesischer Juden - zur Emigration zwingen würde. Doch im Gegensatz zu Aimé Césaire oder Frantz Fanon konnte er nicht an die befreiende Kraft der Revolution glauben. Memmi hatte einen enormen Sinn für die Tragik, die dem antikolonialen Kampf innewohnte, meint Shatz: "Ihm war klar, dass es jenseits von Recht und Unrecht ausweglose historische Situationen gab. Gerade diese Ausweglosigkeit weigerten sich, wie er meinte, seine Genossen der tunesischen Linken - viele von ihnen Juden italienischer Herkunft und privilegierter als er selbst -  anzuerkennen. 'Die Linke setzt darauf, dass sich die neuen Nationalismen weder in einen fremdenfeindlichen Chauvinismus noch in Faschismus oder in Rassismus verwandeln werden... Das ist eine gefährliche Wette. Denn der Abstand zwischen Nationalismus und Faschismus ist geringer als der zwischen Nationalismus und Revolution.' Memmi sah darin jedoch keinen Grund, seine Unterstützung für die Befreiung der nordafrikanischen Muslime von französischer Herrschaft zurückzuziehen. Es sei unfair, von Menschen, die als Nicht-Europäer und Nicht-Christen abgelehnt wurden, zu verlangen, dass sie Nicht-Muslime und Nicht-Afrikaner in ihre Arme schließen.' Aber man dürfe sich keine Illusionen über den Preis eines solchen Engagements machen: Wir müssen den Nordafrikanern helfen, ihre Freiheit zu gewinnen, selbst wenn diese Freiheit uns nicht zugute kommen wird, uns sogar verwundbar macht. Historische Verantwortung und Interessen fallen nicht immer in eins. Alles andere wäre infantil.' Memmi, der sich im Umfeld der Kommunistischen Partei bewegte, aber selbst kein Kommunist war, erkannte das Paradox des Marxismus für linke arabische Juden: Während der proletarische Internationalismus sie den muslimischen Massen näher brachte, verstärkte er zugleich, als eine säkulare westliche Ideologie, ihre Europäisierung und damit ihre kulturelle Entfremdung."