Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

363 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 37

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - London Review of Books

Ein Jammer, dass wir die Schriftstellerin Lucia Berlin erst so spät entdeckt haben, seufzt Patricia Lockwood, die Berlins unvergleichlichen Mix aus Minimalismus und Exzess einfach überwältigend findet. Woher der Mix kommt, kann Lockwood in den Memoiren "Welcome Home" nachlesen, die vom tragisch-glamouröse Eheleben einer genialen Frau erzählt: "Ein Bildhauer-Ehemann, der sie an jedem Ort neu arrangieren wollte, ein Jazz-Pianist, der nicht mit ihr sprach. Vielleicht sind das die Ironien der Fünfziger. Auftritt Buddy Berlin, der mit [ihrem damaligen Ehemann] Race Newton Saxofon spielte. Lucia hatte in New Mexiko eine kurze Affäre mit ihm, die endete, als sie mit Race nach New York zog. Lucia verkaufte Kinderponchos, lebte im gleichen Haus wie Denise Levertov und war glücklich - wie könnte sie nicht? -, bis eines Nachts Buddy auftauchte, 'mit einer Falsche Brandy und vier Tickets nach Acapulco'. In jener Welt nannte man das eine Geste, und an eine Person wie Lucia Berlin waren Gesten nicht verschenkt. Am nächsten Tag sandte Race ein Telegramm an Ed Dorn, in dem es unter anderem hieß: 'Lucia und Kinder sind letzte Nacht weg mit Berlin. Absolut keine Warnzeichen vorher. Sie ist irrational.' Ach ja? Vielleicht wollte sie lieber einen Heroinjunkie heiraten als noch einen Lehrer. Geniale Frauen heiraten oft Lehrmeister, vielleicht weil ihr Lernhunger so groß ist, dass sie oft bei Typen landen, die sich gern so stilisieren, auch wenn sie nur Schwindler sind ... Buddy gab ihr auf andere Art Nachhilfe - er war ein Lehrmeister in Lebensfreude und Vergnügen, ein Rattenfänger. Sensationell reich geworden, zuerst durch das Geld seiner Frau Wuzza, dann durch eine Volkswagen-Vertretung, die er durch sie bekam und die eine der ersten im Westen war und so erfolgreich, dass es ihn über alles erhaben machte, worum Menschen sich sorgen müssen."  

Weitere Artikel: James Meek liest Alan Rusbridgers Rückblick auf den Journalismus und dessen Niedergang. Vor allem eine Lehre entnimmt er "Breaking news": "Das Internet hat nicht unbedingt das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern ihr Selbstbewusstsein beim Lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger, jetzt wissen wir, dass wir Mitglieder einer Gruppe sind, die in gemeinsamer Weise auf eine Nachricht reagieren. Das erleichtert erfreulicherweise die Solidarität mit Unterdrückten, Aktivisten, Minderheiten. Aber auch die Paranoiden, Misstrauischen, Fremdenfeindlichen und Verschwörungstheoretiker wissen jetzt, dass sie nicht allein sind."

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - London Review of Books

Neal Ascherson liest zwei Bücher, die den Niedergang Britanniens in den Blick nehmen: David Edgerton rekapituliert in "The Rise and Fall of the British Nation" den Verlust der britischen Stellung in der Welt, während James Hamilton-Paterson in "What We Have Lost" recht melancholisch das Verschwinden von Sozialstaat, Idealen und britischer Industrie beklagt. Ascherson verliert beim Lesen der beiden Bücher seinen Glauben, dass es mit seinem Land eigentlich voran gehe, unregelmäßig, mit Umwegen und Stopps, aber voran. Dafür, dass es nicht so ist, findet er in beiden Büchern eine recht ähnliche Erklärung: "Beide Autoren teilen die Verachtung für britische Manager. Und beide zielen in zwei Richtungen. Zum einen mokieren sie sich über den Dilettantismus der alten Vorstände, zum anderen empören sie sich - und das ist wichtiger - über das Desaster, das uns die 'Finanzleute' eingebrockt haben, die an die Stelle jener alten Direktoren rückten, die noch über eine Ausbildung als Ingenieure oder solide technische Kenntnisse verfügten. Die Vorstände mit ihren altertümelnden Titeln geben ein leichtes Ziel ab, auch wenn Edgerton seine Leser daran erinnert, dass britische Aristokraten oft kluge Investoren waren. Ein investigativer Beamter stieß einst auf eine Korrelation: Je mehr Ehrentitel ein Vorstand angehäuft hatte, umso näher rückte der Bankrott des Unternehmens. Der Chef dieses Beamten beobachtete sogar, dass sich der Vorstand von Dunlop im Moment des Zusammenbruchs 1985 las wie ein Botenbericht aus 'Heinrich dem Fünften'. Aber als sich die feinen Pinkel zurückzogen, wurden sie von einer ganz anderen Spezies ersetzt: Die 'Finanzleute', denen die Aktienkurse einer Firma wichtiger sind als ihre Produkte, zogen in die City von London - einst nicht nur Zentrum der Banken, sondern auch der industriellen Investitionen -, die nun mit einem Big Bang zu einem Kasino für Schuldenspekulation wurde."

Weiteres: Emilie Bickerton huldigt dem Fotografen Nadar. Ferdinand Mount liest neue Bücher über Queen Victoria. Eric Foner blickt auf die Vorgeschichte des amerikanischen Bürgerkriegs.

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - London Review of Books

Auch auf Englisch ist jetzt der sechste und letzte Band von Karl Ove Knausgaard "Mein Kampf" erschienen, Fredric Jameson hat alle Bände gelesen und Bewegendes und Bedeutendes gefunden, am grandiosesten findet er die Essays, die Parenthesen, in denen Knausgard über andere Schriftsteller oder Theoretiker nachdenkt. Aber was seine erzählerische Form betrifft, bemerkt Jameson, dass Knausgard selten dramatisiert. Kaum etwas erwecke er zum Leben, und von Gefühle erzähle er nicht, er zähle sie auf: "In der Postmoderne haben wir den Versuch aufgeben, unser alltägliches Leben zu verfremden und es in einem neuen, poetischen oder alptraumartigen Licht zu sehen. Wir haben aufgegeben, es in seiner Warenform zu analysieren. Wir haben die Suche nach einer neuen Sprache aufgegeben, um den Strom des Immergleichen zu beschreiben, oder neue Pschologien, um verstörend unoriginelle Reaktionen oder seelische Vorkommnisse zu diagnostizieren. Es bleibt nur noch, aus dem Leben eine Aufzählung zu machen, eine Liste all der Artikel, die einem unterkommen. Es sind aber nicht nur die Gegenstände, die Karl Ove kauft und gebraucht, die hier aufgezählt werden: Zu Artikeln werden auch die Menschen, die Gefühle und Gedanken. Darum bestehen die unzähligen Sätze in diesen Tausenden von Seiten - so variantenreich sei auch sein mögen - auch nicht die höchste Prüfung postmoderner Ästhetik: die Heterogenität (eigentlich das magische Schlüsselwort unserer Zeit). Wenn Vielfalt die Würze des Lebens ist, müssen wir bedauernd feststellen, dann kitzeln diese Seiten nicht den Gaumen."

Weiteres: Swati Dhingra und Josh De Lyon versuchen, die Kosten eines Brexit ohne Abkommen abzuschätzen. Michael Wood liest noch einmal Graham Greenes "Dritten Mann".
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Magazinrundschau vom 23.10.2018 - London Review of Books

Oberstes Gebot beim Komponieren ist es, ein Musikstück zu schaffen, das besser ist als die gleiche Länge an Stille, schreibt der Komponist Nico Muhly und gibt Einblick in seine Vorgehensweise: Alles beginnt mit guter Recherche. Und die führt von einer Pavane des Tudor-Komponisten Orlando Gibbons zu buddhistischen Reliquien, von Lacan zu fixen Ideen, von Idefix zu Tolkien, von fiktiven Sprachen zu Bachs musikalischen Kathedralen. "Von da an kommen schnell die Noten. Wenn man in ein solche Flut von Informationen eintaucht, schafft man eine Umgebung, in der die Akkorde von allein auftauchen und kleine musikalische Strukturen emporsteigen. Wenn das Gibbons-Fragment wie der Oberschenkelknochen eines Heiligen ist, wie klingt die Musik um ihn herum? Ein Kissen von Streichern und Holzbläsern. Wie ist die Umgebung in der Kapelle, die die Reliquie enthält? Verhangen von Wolken aus Weihrauch, mit gelegentlichen Aufheiterungen, wenn Kirchgänger eine Münze klingeln lassen oder ein Priester einen versteckten Lichtschalter anknipst. Wie sie die Kirche aus der Distanz aus? Wirkt ihre Struktur wie die Blechbläser in Puccinis 'Sant'Angela della Valle' oder eher wie die klare Perkussion in John Pawsons 'Abbey of Our Lady of Nový Dvůr'? Auf der Empore sitzt ein Organist - was spielt er? So wird das Konzert zu einer zwanzigminütigen Erkundung dieses Raums: Ein Gang durch die Kirche, Schritt für Schritt, vorbei an einzelnen Kapellen und mancher Ablenkung, bis zur metallischen Kapsel für den Finger des Komponisten: eine Konstruktion aus Celesta, Harfe, Glockenspiel und Vibraphon."

Weiteres: Meehan Crist liest das Genetik-Buch "She Has Her Mother's Laugh" des New-York-Times-Kolumnisten Carl Zimmer, von dem sie unter anderem lernt, dass nicht nur Eltern ihre Gene an die Kinder vererben, sondern auch schwangere Frauen die DNA ihres Fötus aufnehmen. Christopher Taylor bespricht Anna Burns' Roman "Milkman".

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - London Review of Books

Eliot Weinberger fasst mit dem Text "Zehn typische Tage in Trumps Amerika" sehr einschlägig den Wahnsinn zusammen, mit dem Politik und Medien die Öffentlichkeit an den Rand der Erschöpfung bringen: Während Pornostar Stormy Daniels den Boulevard mit Geschichten über Donald Trumps Schwanz versorgte, wurde laut Weinberger auch die Kohleindustrie dereguliert, erklärte Trump das FBI zum Krebsgeschwür, kostet der Hurrikan Florence zehn Menschen, 5.500 Schweine und 3.400.000 Hühner das Leben, feuerte die Umweltbehörde grundlos die Leiterin der Abteilung für Kindergesundheit und behaupteten Republikaner in Texas, dass die Demokraten Barbecues verbieten wollen. Und dann natürlich das brutale Spektakel um Brett Kavanaugh, das mit jedem Gladiatorenkampf im Kolosseum mithalten konnte. Und für Weinberger die wesentlichen Punkten verschleiert: "Was das öffentliche Interesse betrifft, hat Kavanaughs Angriff als betrunkener Jugendlicher seine extrem trüben persönlichen Finanzen in den Hintergrund gedrängt, wie auch seinen Lebensstil, der sein Gehalt weit übersteigt, die 200.000 Dollar Schulden, die sich plötzlich in Luft auflösten, seine mutmaßliche Sportwetten-Sucht, seine eindeutige Ablehnung von Abtreibung und Gewerkschaften; seine Überzeugung, dass ein Präsident von strafrechtlicher Verfolgung ausgenommen ist; seine Liste von sexuell drastischen Fragen, die er für den damalige Sonderermittler Kenneth Starr im Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton erstellt hatte, und die hunderttausend Seiten an Dokumenten, die bei seiner Arbeit für George Bush entstanden sind und die sich die Republikaner weigerten, herauszurücken - womit sie unter anderem seine Rolle bei der Formulierung der Folterpolitik deckten, den Diebstahl von Papieren der Demokratischen Partei und das Autorisieren von Abhörmaßnahmen ohne richterlichen Beschluss."

Die Sozialwissenschaftlerin Sheng Yun bekennt, dass sie sich nie für den Feminismus interessiert hat, und sieht in China den Beweis, dass es gut ohne geht. Denn die KP mag ja eine reine Männergesellschaft sein, der chinesische Kapitalismus aber sei eine Domäne der Frauen: "Viele der heutigen Startups in China wurden von Frauen um die dreißig gegründet, und ich kenne viele Firmen, in denen nur Frauen arbeiten. Jack Ma, der Gründer von Alibaba, der mit den Plattformen Taobao und Alipay Zugang zu den Daten von einer Milliarde chinesischer Konsumenten hat, sagt, dass Frauen die Zukunft der Wirtschaft sind. Ein aktueller Report behauptet, dass 79 Prozent aller Tech-Firmen in China mindestens eine Frau im Vorstand hat; in den USA liegt die Zahl bei 53 Prozent. Laut Bloomberg bringen Frauen in China mehr als die Hälfte aller neuen Internet-Firmen an den Start. Es ist kaum vorstellbar, dass sich Männer verbünden könnten, um den Aufstieg von Frauen in der chinesischen Ökonomie zu stoppen. Je jünger die Kohorte, desto weniger scheinen Gender-Unterschiede eine Rolle zu spielen. Bei den Millenials kann man kaum noch Anzeichen männlicher Dominanz sehen. Männliche Pop-Idole entsprechen mit ihrem Unisex-Look dem 'Frischfleisch'-Style, bestimmt, dem weiblichen Blick zu gefallen, aber unbewusst vielleicht auch, um femininer auszusehen - Mädchen sind in der Schule schließlich besser und cooler."

Weiteres: Die Leave-Kampagne hat beim Brexit erfolgreich auf den Drachentöter-Mythos von Sankt Georg gesetzt, meint James Meek, jetzt sollte Robin Hood zu seinem Recht kommen. David Runciman liest Bob Woodwards Bericht aus dem Weißen Haus "Fear".

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - London Review of Books

Maggie Doherty hat einen ganzen Stapel Memoiren von Autoren der Millennial-Generation gelesen und stellt Erschütterndes fest: Während die Vorreiter der Generation X keinem Club angehören wollten, den sie nicht selbst gegründet hatten, beziehen die Millennials ihr ganzes Selbstwertgefühl aus der Institution, die sie aufgenommen hat. Sie tendieren zwar zu linken Positionen, hoch im Kurs stehen bei ihnen aber auch Familienwerte, Religion und Therapien: "Millennials traten etwa zur gleichen Zeit an die Öffentlichkeit wie Barack Obama. Man kann sich kaum noch den Optimismus dieser Zeit vorstellen, vor der Haushaltssperre von 2013 und dem Kampf um Obamacare, vor den Deportationen und Drohnenangriffen, vor Trump. Viele amerikanische Millennials stimmten bei ihrer ersten Wahl 2008 natürlich für Obama, der in seiner Kampagne Hoffnung predigte und Wandel versprach. Obamas Karriere schien zu bestätigen, was sie in der Schule gelernt hatten: Vertrau in Leistung, pass dich an, versuch andere Menschen zu verstehen, lass dich von Niederlagen nicht unterkriegen. Und doch spielt Obama in diesen Memoiren als Person oder im übertragenen Sinne kaum eine Rolle. Haben die Autoren mit den Obama-Jahren bereits abgeschlossen? Wie der frühere Präsident fügen sich die meisten von ihnen und hoffen, das werde sie retten. Wenn ihnen aufgeht, dass es das nicht tut, unterdrücken sie den Gedanken gleich wieder. Aber es gibt auch andere in dieser Generation, die wissen, dass sie die Nettigkeit der Obama-Ära hinter sich lassen müssen und sich engagieren in kollektiven, radikalen, entschieden unzivilen Aktionen gegen die Mächtigen."

Weiteres: Der Archäologe Steven Mithen stellt sich hinter die Theorien des amerikanischen Genetikers David Reich, der mit seiner Forschung zur historischen DNS nicht nur genetische Unterschiede zwischen Populationen wieder in die Wissenschaft einführen will, sondern gleich die ganze Menschheitsgeschichte neu schreiben. Adam Tooze schreibt über Keynes. Colm Tóibín liest Gedichte von Thom Gunn.
Stichwörter: Millennials

Magazinrundschau vom 28.08.2018 - London Review of Books

Natürlich diskutiert auch Großbritannien über den Gesichtsschleier an Schulen und Universitäten, die jeweils eigene Regeln über die Vollverschleierung haben. Azadeh Moaveni gleicht zwei Bücher zum Thema - Anabel Inges "The Making of a Salafi Muslim Woman" und Rafia Zakarias "Veil" - mit ihren eigenen Erfahrung ab und sieht im Gesichtsschleier weniger das Anzeichen einer religiösen Radikalisierung als ein Protestsymbol, mit dem junge Menschen gegen Eltern, Staat und Gesellschaft opponieren. "Jeder, der Zeit mit jungen Musliminnen verbringt und in der Pflicht steht, das Schleiertragen als mögliches Zeichen einer Radikalisierung zu beobachten - wie es die Regierung Akademikern wie mir zur Pflicht gemacht hat - wird merken, dass Konsumkultur und Gruppendruck die wichtigsten Faktoren beim Anlegen des Kopftuchs sind. Ich lehre an der Kingston University in Südwest-London, wo Musliminnen einen beträchtlichen Anteil unter den Studierenden ausmachen, und ich habe bemerkt, dass einige Mädchen ihr erstes Jahr unverschleiert beginnen, bis sie merken, dass die Hidschab-Fashionistas die dominierende Clique auf dem Campus sind. Im zweiten Jahr kommen sie also auch mit Kopftuch oder Turban. Hidschabs sind cool, so wie Bärte cool sind, oder muslimische Frömmigkeit; sie zu tragen gibt einer irritierenden ungerechten Welt Sinn und verleiht der Trägerin mit Würde eine kohärente, transnationale Identität (als globale Muslimin und nicht als verschmähte Pakistanerin oder Bangladeshi). Es ist die Sprache einer vielfältigen Rebellion: gegen das Kopfeinziehen ihrer 'Kokosnuss-Eltern', gegen den Staat, der deine Religion als Sichereitsproblem betrachtet, gegen eine Presse, die sich an rassistischen Beleidigungen ergötzt."

In Adam Shatz' Augen kommt Benjamin Netanjahu noch viel zu gut weg in Anshels Peffers durchaus kritischer Biografie des israelischen Ministerpräsidenten, der sein Geschäft als Werber begann: "Wir sind genau wie Du', sagte Sara Netanjahu zu Trump. Die Medien hassen uns, aber die Leute lieben uns.' Sie liegt zur Hälfte richtig: Ihr Mann bleibt beliebt unter israelischen Juden. Aber zu Trumps 'Leuten' gehören sehr wenige amerikanische Juden, und Israels Alianz mit ihm hat die Kluft zwischen amerikanischen Juden und dem jüdischen Staat vergrößert. Die meisten amerikanischen Juden, selbst einige liberale, waren bereit, die Menschenrechtsverletzungen gegen die Palästinenser zu ignorieren oder zu rationalisieren. Aber sie sind nicht bereit, den Krieg gegen Immigranten auszuhalten, den Bann gegen Muslime oder die Erosion der amerikanischen Demokratie."

Weiteres: Susan Pedersen bespricht zwei Bücher über den Kampf der Sufragetten ums Frauenwahlrecht. Tariq Ali liest in Sujatha Gidlas Familiengeschichte "Ants among Elephants" vom Kampf um gegen den Kastensystem und um soziale Mobilität.

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - London Review of Books

Als Meisterwerk feiert Ferdinand Mount "A Certain Idea of France", eine Biografie des unvergleichlichen Charles de Gaulle, die der britische Historiker Julian Jackson vorgelegt hat. Klar und geistreich sei sie, aber auch deutlich kritischer als bisherige Bücher über den General, unter dem Politik zum permanenten Staatsstreich wurde und der es einfach nicht einsehen wollte, dass ihn jemand kritisieren durfte, nur weil er 'in irgendeinem Winkel des Landes gewählt worden war'. Überhaupt bleiben Mout die politischen Vorstellungen de Gaulles reichlich fremd: "Die Größe Frankreichs, seine Unabhängigkeit von der Außenwelt, das war die certaine idée, die ihn von Beginn an trieb. Was nicht heißt, dass er das Frankreich, wie es tatsächlich existierte, nicht ebenso verachtete wie die Franzosen, denen er tatsächlich begegnete. An dem Tag, als Pompidou zu seinem Nachfolger gewählt wurde, erklärte er gegenüber seinen Freunden, dass Frankreich den Weg in die Mittelmäßigkeit eingeschlagen habe. 'In der Mehrheit sind die Franzosen von heute als Volk noch nicht groß genug, um das Frankreich zu bewahren, das ich dreißig Jahre lang in ihrem Namen vertreten habe.' Gegenüber dem ergebenen Malraux beklagte er, dass 'die Franzosen keinen nationalen Ehrgeiz mehr verspüren... Ich habe sie mit Flaggen amüsiert.' Ein bedrückendes Verdikt, aber ein treffendes. Was bleibt am Ende von seiner Politik der nationalen Unabhängigkeit, seinen mutwilligen Annäherungen an Russland und China, vor allem von seinem Raushalten der verhassten Angelsachsen? Der Brexit dürfte ihm gefallen haben - so wie auch viele eiserne Brexiteers glühende Gaullisten sind."

Weiteres: Als Schlüsselroman über den britischen Literaturbetrieb gehört Olivia Langs Autofiktion "Crudo" zu den heißesten Neuerscheinungen auf der Insel. Johanna Biggs fand zwar heraus, dass Langs Twitter-Account als Schlüssel zu Personen und Ereignissen dienen kann, fragt sich am Ende aber doch: "Warum einen Roman schreiben, wenn der Großteil von 'Crudo' wahr ist?" David Runciman bespricht die Erinnerungen von Barack Obamas außenpolitischem Redenschreiber Ben Rhodes. Und John Lanchester liefert die  Kurzgeschichte "Love Island".

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - London Review of Books

Fast schon Buchlänge hat der ausgreifende Essay Perry Andersons über Anthony Powell im Vergleich zu Marcel Proust. Ihre Werke - die "Recherche" bei Proust (Reclam-Ausgabe, Suhrkamp-Ausgabe) und "A Dance to the Music of Time" bei Powell (Elfenbein Verlag) - sind schon häufiger verglichen worden, aber Anderson möchte eine Lanze für Powell brechen, ohne Prousts Verdienste zu mindern. Powell hatte Proust als der wesentlich Jüngere natürlich gelesen. Beider Werke sind etwa gleich lang und haben ein ähnlich komplexes Verhältnis zu Zeit, Erzählformen und Personenschilderung, so Anderson: Was Powell dabei "in erster Linie von Proust übernahm, war die reflexive Verallgemeinerung, die in den Erzählstrom eingewoben wurde. Proust bezog sich dabei auf Vorbilder aus dem 17. Jahrhundert, die Maximen der französischen Moralisten. Ohne sie wäre die 'Rechreche' unvorstellbar, schon der Titel des Romans enthält ein Versprechen auf ein generalisierendes Ende. Aber .. intellektuell gesehen sind Prousts obiter dicta allzu oft durch  Obsessionen und Übertreibung geschwächt. Ihnen fehlt die ironische Präzision eines  La Rochefoucauld oder La Bruyère. Powell war ihm als der bessere Beobachter überlegen, wenn es um fiktionale Generalisierungen geht. Sie fließen nahtlos durch die Erzählung, werden vom Erzähler geliefert, der seine eigene Persönlichkeit definiert, und sie sind feinkörniger und treffender." Äußerer Anlass für Andersons Essay ist Hilary Spurlings Biografie "Anthony Powell - Dancing to the Music of Time".

Weitere Artikel: Neal Ascherson liest "My Life as a Spy: Investigations in a Secret Police File" der Amerikanerin Katherine Verdery, die 1973 als Doktorandin nach Rumänien kam und dort über 15 Jahre immer wieder lebte. Catherine Hall vertieft sich aus aktuellem Anlass in Daniel Livesays Buch über "Children of Uncertain Fortune: Mixed-race Jamaicans in Britain and the Atlantic Family, 1733-1833".

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - London Review of Books

Und was ist, wenn sich die Leute nicht nur in Sozialen Medien in Rage reden, sondern auch in der realen Welt mit gutem Grund wütend sind? John Lanchester nimmt noch einmal die Finanzkrise vor zehn Jahren in den Blick, und erkennt in ihr den großen Wendepunkt. Denn seit dem Crash bekommen die Leute Ungleichheit und Ungerechtigkeit Jahr für Jahr vor Augen geführt: Keiner der Verantwortlichen wurde belangt, an die Banker werden wieder Boni ausgeschüttet wie vor der Krise, während die 99 Prozent Austerität und steigende Immobilienpreise zu spüren bekommen: "Erinnern Sie sich an die Äußerung des Makroökonomen Robert Lucas, dass das zentrale Problem gelöst sei, nämlich Depressionen zu verhindern? Und wie ist es gelöst worden? Dadurch dass in Großbritannien die Realeinkommen über den längsten Zeitraum hinweg gesunken sind, seit Wirtschaftsgeschichte geschrieben wird, das heißt mit heutigen Techniken, also seit dem Ende der Napoleonischen Kriege. Es ist also schlechter gelöst worden als in der Dekade nach den napoleonischen Kriegen und der darauf folgenden Krise, schlechter als in den Finanzkrisen, die Marx erlebte, schlechter als in der Depression, schlechter als in beiden Weltkriegen. Das ist eine gewaltige Statistik, und wenn man nichts über die Wirtschaft, Gesellschaft oder Politik eines Landes wüsste und nur diese einzige Tatsache genannt bekäme - dass die realen Einkommen seit dem längsten Zeitraum aller Zeiten fallen - dann würde jeder Mensch ernsthafte Erschütterungen im Leben dieser Nation erwarten."

Außerdem: James Atlee besucht die Wanderausstellung "Picasso 1932", die die Tate Modern erreicht hat.