Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 31.07.2018 - London Review of Books

Als Meisterwerk feiert Ferdinand Mount "A Certain Idea of France", eine Biografie des unvergleichlichen Charles de Gaulle, die der britische Historiker Julian Jackson vorgelegt hat. Klar und geistreich sei sie, aber auch deutlich kritischer als bisherige Bücher über den General, unter dem Politik zum permanenten Staatsstreich wurde und der es einfach nicht einsehen wollte, dass ihn jemand kritisieren durfte, nur weil er 'in irgendeinem Winkel des Landes gewählt worden war'. Überhaupt bleiben Mout die politischen Vorstellungen de Gaulles reichlich fremd: "Die Größe Frankreichs, seine Unabhängigkeit von der Außenwelt, das war die certaine idée, die ihn von Beginn an trieb. Was nicht heißt, dass er das Frankreich, wie es tatsächlich existierte, nicht ebenso verachtete wie die Franzosen, denen er tatsächlich begegnete. An dem Tag, als Pompidou zu seinem Nachfolger gewählt wurde, erklärte er gegenüber seinen Freunden, dass Frankreich den Weg in die Mittelmäßigkeit eingeschlagen habe. 'In der Mehrheit sind die Franzosen von heute als Volk noch nicht groß genug, um das Frankreich zu bewahren, das ich dreißig Jahre lang in ihrem Namen vertreten habe.' Gegenüber dem ergebenen Malraux beklagte er, dass 'die Franzosen keinen nationalen Ehrgeiz mehr verspüren... Ich habe sie mit Flaggen amüsiert.' Ein bedrückendes Verdikt, aber ein treffendes. Was bleibt am Ende von seiner Politik der nationalen Unabhängigkeit, seinen mutwilligen Annäherungen an Russland und China, vor allem von seinem Raushalten der verhassten Angelsachsen? Der Brexit dürfte ihm gefallen haben - so wie auch viele eiserne Brexiteers glühende Gaullisten sind."

Weiteres: Als Schlüsselroman über den britischen Literaturbetrieb gehört Olivia Langs Autofiktion "Crudo" zu den heißesten Neuerscheinungen auf der Insel. Johanna Biggs fand zwar heraus, dass Langs Twitter-Account als Schlüssel zu Personen und Ereignissen dienen kann, fragt sich am Ende aber doch: "Warum einen Roman schreiben, wenn der Großteil von 'Crudo' wahr ist?" David Runciman bespricht die Erinnerungen von Barack Obamas außenpolitischem Redenschreiber Ben Rhodes. Und John Lanchester liefert die  Kurzgeschichte "Love Island".

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - London Review of Books

Fast schon Buchlänge hat der ausgreifende Essay Perry Andersons über Anthony Powell im Vergleich zu Marcel Proust. Ihre Werke - die "Recherche" bei Proust (Reclam-Ausgabe, Suhrkamp-Ausgabe) und "A Dance to the Music of Time" bei Powell (Elfenbein Verlag) - sind schon häufiger verglichen worden, aber Anderson möchte eine Lanze für Powell brechen, ohne Prousts Verdienste zu mindern. Powell hatte Proust als der wesentlich Jüngere natürlich gelesen. Beider Werke sind etwa gleich lang und haben ein ähnlich komplexes Verhältnis zu Zeit, Erzählformen und Personenschilderung, so Anderson: Was Powell dabei "in erster Linie von Proust übernahm, war die reflexive Verallgemeinerung, die in den Erzählstrom eingewoben wurde. Proust bezog sich dabei auf Vorbilder aus dem 17. Jahrhundert, die Maximen der französischen Moralisten. Ohne sie wäre die 'Rechreche' unvorstellbar, schon der Titel des Romans enthält ein Versprechen auf ein generalisierendes Ende. Aber .. intellektuell gesehen sind Prousts obiter dicta allzu oft durch  Obsessionen und Übertreibung geschwächt. Ihnen fehlt die ironische Präzision eines  La Rochefoucauld oder La Bruyère. Powell war ihm als der bessere Beobachter überlegen, wenn es um fiktionale Generalisierungen geht. Sie fließen nahtlos durch die Erzählung, werden vom Erzähler geliefert, der seine eigene Persönlichkeit definiert, und sie sind feinkörniger und treffender." Äußerer Anlass für Andersons Essay ist Hilary Spurlings Biografie "Anthony Powell - Dancing to the Music of Time".

Weitere Artikel: Neal Ascherson liest "My Life as a Spy: Investigations in a Secret Police File" der Amerikanerin Katherine Verdery, die 1973 als Doktorandin nach Rumänien kam und dort über 15 Jahre immer wieder lebte. Catherine Hall vertieft sich aus aktuellem Anlass in Daniel Livesays Buch über "Children of Uncertain Fortune: Mixed-race Jamaicans in Britain and the Atlantic Family, 1733-1833".

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - London Review of Books

Und was ist, wenn sich die Leute nicht nur in Sozialen Medien in Rage reden, sondern auch in der realen Welt mit gutem Grund wütend sind? John Lanchester nimmt noch einmal die Finanzkrise vor zehn Jahren in den Blick, und erkennt in ihr den großen Wendepunkt. Denn seit dem Crash bekommen die Leute Ungleichheit und Ungerechtigkeit Jahr für Jahr vor Augen geführt: Keiner der Verantwortlichen wurde belangt, an die Banker werden wieder Boni ausgeschüttet wie vor der Krise, während die 99 Prozent Austerität und steigende Immobilienpreise zu spüren bekommen: "Erinnern Sie sich an die Äußerung des Makroökonomen Robert Lucas, dass das zentrale Problem gelöst sei, nämlich Depressionen zu verhindern? Und wie ist es gelöst worden? Dadurch dass in Großbritannien die Realeinkommen über den längsten Zeitraum hinweg gesunken sind, seit Wirtschaftsgeschichte geschrieben wird, das heißt mit heutigen Techniken, also seit dem Ende der Napoleonischen Kriege. Es ist also schlechter gelöst worden als in der Dekade nach den napoleonischen Kriegen und der darauf folgenden Krise, schlechter als in den Finanzkrisen, die Marx erlebte, schlechter als in der Depression, schlechter als in beiden Weltkriegen. Das ist eine gewaltige Statistik, und wenn man nichts über die Wirtschaft, Gesellschaft oder Politik eines Landes wüsste und nur diese einzige Tatsache genannt bekäme - dass die realen Einkommen seit dem längsten Zeitraum aller Zeiten fallen - dann würde jeder Mensch ernsthafte Erschütterungen im Leben dieser Nation erwarten."

Außerdem: James Atlee besucht die Wanderausstellung "Picasso 1932", die die Tate Modern erreicht hat.

Magazinrundschau vom 26.06.2018 - London Review of Books

Fast so schlimm wie Donald Trump findet Pankaj Mishra wohlmeinende Liberalen und pragmatische Linke, von liberalen Konservativen und konservativen Falken ganz zu schweigen. Der reine Graus ist ihm daher Yascha Mounks Buch über den "Zerfall der Demokratie", das er mit Arthur Koestler vom Tisch fegt: "Der Zerfall der Intelligenzija ist ebenso ein Zeichnen der Krankheit wie die Korrumpierung der herrschenden Klasse und der Schlaf des Proletariats." Zupass kommt Mishra aber Samuel Moyns Studie "Not Enough", in der Moyn die Menschenrechte als heuchlerisches Konzept des Westens brandmarkt: "In seinem ganzen Werk zeigt er auf, wie die Responsibility to Protect ununterscheidbar wurde vom Recht, vermeintliche Feinde zu bombardieren oder zu blockieren (Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien), vom Recht, 'Freunde' zu pampern (Saudi-Arabien, Ägypten, Israel) und dem Recht, passiv zu bleiben gegenüber Marktfundamentalisten, die die Reichen der Welt weiter über die Armen hievten als jemals zuvor in der Welt. In 'The Last Utopia' attackierte Moyn die selbstgerechte Sicht etwa von Michael Ignatieff, dass ein Bewusstsein der Schrecken des Holocausts nach dem Krieg dazu beigetragen hätte, die Menschenrechte zu einer moralischen Revolution zu weihen. Zum einen, schreibt Moyns jedoch, 'gab es kein verbreitetes Bewusstsein des Holocaust in der Nachkriegszeit'. Zum anderen beriefen sich in den fünfziger und sechziger Jahre wenige Menschen direkt auf die UN-Menschenrechtserklärung. Der Diskurs wurde erst in den siebziger Jahren populär. Intellektuelle, vor allem in Frankreich, brauchten sie,  um ihren Glauben an den Sozialismus und die Dritte Welt zu ersetzen und den antitotalitären Liberalismus mit Weihen zu versehen."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - London Review of Books

Nicht nur die Putinisten können Korruption, wirft David Runciman ein, auch die Franzosen beherrschen das Metier. Großmeister ist natürlich Michel Platini, der das Votum für Katar klargemacht hat. Laut Runciman waren die um die WM 2022 konkurrierenden Amerikaner davon erbost, dass sie die notorischen Funktionäre wie Jack Warner aus Trinidad haben hochgehen lassen: "Michel Platini, der stellvertretende Chef der Fifa, war vor der Abstimmung 2010 zum Essen im Elysée-Palast mit Präsident Sarkozy und den Abgesandten der königlichen Familie aus Katar. Sarkozy ließ die Katarer wissen, dass der Preis für Platinis Stimme die Unterstützung für seinen Fußballverein sei, der damals in finanziellen Schwierigkeiten war: Paris Saint-Germain. Wunschgemäß kauften die Katarer den Club und investierten in ihn mehrere hundert Millionen (einschließlich die 200 Millionen Pfund, die es kostete, Neymar zu kaufen, den teuersten Spieler der Welt). Katar kaufte auch für über 500 Millionen Pfund pro Jahr die Fernsehrechte für die Spiele der französischen Ligue 1, und Qatar Airways bestellte bei Airbus in Toulouse fünfzig A320. Für die französische Ökonomie in der Region betrug allein der Wert dieses Deals 15 Milliarden Pfund."

Weiteres: Rosemary Hill sinniert über die Verbindung von Romantik und Wissenschaft bei Lord Byron und seiner Tochter Ada Lovelace. Pankaj Mishra wünscht sich, Amerikas Intellektuelle hätten sich schon über ökonomische Ungleichheit oder die Macht der Konzerne so empört wie über Donald Trump.

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - London Review of Books

In einer unbedingt lesenswerten Reportage, die sich über das gesamte Blatt erstreckt, rekonstruiert Andrew O'Hagan die Tragödie des bis auf die Grundfesten niedergebrannten Grenfell Towers, die 72 Menschen das Leben kostete. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Medien, die allesamt die Tragödie ausgeschlachtet hätten, und am Ende wird er sogar die Tory-Politiker in Schutz nehmen, die für Gentrifizierung, Privatisierung und Lockerung des Brandschutzes in diesem Stadtteil verantwortlich waren und dafür von aufgebrachten Hinterbliebenen als Massenmörder gebrandmarkt wurden. Aber O'Hagan beginnt klassisch mit gründlicher Recherche zu dem Brand, der als kleines Feuer in der Küche eines äthiopischen Asylbewerbers begann: "Die Flammen hatten vom Kühlschrank auf die Küche übergegriffen und züngelten aus dem offenen Fenster hinaus, wobei sie die Isolierung im Hohlraum zwischen dem Gebäude und der neuen Verkleidung in Brand setzten. Dass dies passierte, ließ sich zunächst nicht erkennen: Als die Feuerwehrleute kamen, eine Gruppe von acht Mann, löschten sie das Feuer in Wohnung 16. Sie bemerkten nicht, dass die Flammen, die aus dem Fenster stieben, das Feuer in den Hohlraum weitertrugen. Die Riegel, die die Lücken versiegeln sollten, waren zu klein oder schlecht verfugt, so dass der Hohlraum wie ein Schornstein wirkte und die Flammen hochzog ... Als die Feuerwehrleute aus Nordkensington, nachdem sie das Feuer in der Küche gelöscht hatten, den Schauplatz verließen, begannen bei der Kontrollstelle in Stratford weitere Notrufe einzugehen. 'In meinem Wohnzimmer brennt es, im zehnten Stock!' - ' Mein Schlafzimmerfenster steht in Flammen. Ich lebe im achten Stock.' - 'Das kann nicht sein', glaubten die Leute in der Zentrale, 'das Feuer im vierten Stock ist doch gelöscht.' Ein Feuerwehrmann erklärte mir, das Problem war, dass die Leute in Stratford nicht erkennen konnten, was los war, und vollkommen irritiert waren, dass so viele Anrufe auf einmal eintrafen. Sie sagten den Anrufer, sie sollten in ihren Wohnungen bleiben."
Stichwörter: Grenfell Tower

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - London Review of Books

Am Freitag stimmen die Iren und Irinnen darüber ab, ob sie das rigide Abtreibungsverbot abschaffen wollen, das seit dem Referendum von 1982 Embryos und Föten ein nahezu bedingungsloses Recht auf Leben garantiert - auf Kosten des weiblichen Körpers. Die irische Schriftstellerin Sally Rooney sieht damals wie heute die gleiche Allianz aus irischen Konservativen und amerikanischen Fundamentalisten am Werk, die mit obsessiven Kampagnen die irische Heuchelei in ihrer ganzen Brutalität verteidigen: "Was auch immer am 15. Mai geschehen wird, weiterhin werden Tausende von irischen Frauen jedes Jahr Abtreibungen vornehmen lassen. Das Referendum von 1992 bestätigte das Recht schwangerer Frauen, für Abtreibungen ins Ausland zu reisen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendein Politiker diesen Verfassungszusatz jemals in Frage gestellt hätte. Wenn aber Abtreibungsgegner wirklich glauben, dass ein Fötus eine Person wie jede andere ist, dann sollte doch ein konstitutionelles Recht inakzeptabel sein, das erlaubt, diese Person über die Grenze zu bringen, um sie dort zu töten. Doch die Abtreibungsgegner befürworten einhellig das Recht zu reisen. Der Zugang zu britischem Abtreibungsdiensten nimmt den Druck aus der Angelegenheit in Irland. Die meisten Frauen, die dazu gezwungen sind, kratzen das Geld für eine Fahrt nach Großbritannien zusammen. Die Ungerechtigkeit des achten Verfassungszusatzes bekommen vor allem diejenigen zu spüren, die unter besonders schweren Bedingungen leben: Arme Frauen, kranke Frauen, Migrantinnen ohne Visum."

Nach jedem Militärputsch konnten die Türkei auf die Rückkehr einer zivilen Regierung und demokratische Erleichterungen hoffen, aber nicht unter Erdogan, schreibt Ella George in einem ellenlange Feature zu den türkischen Verwerfungen. Das Land ist zutiefst traumatisiert, mehr als 100.000 Menschen wurden verhaftet, 150.000 aus ihrem Job geworfen, Milliarden an Vermögen eingezogen: "Die Kulturrevolution dieser Tage bedient sich kräftig der kemalistischen Strategie: Auch sie strebt nach der Einparteienherrschaft, diktiert neue Traditionen und steckt Oppositionelle ins Gefängnis. Wie Kemal will auch Erdogan die Macht des Staates vergrößern und zugleich die Institutionen transformieren. Aber während der Kemalismus viel von der sozialen Ordnung der Ottomanen beibehielt, repräsentiert die neue Türkei, die Erdogan in seiner Rede vom 24. August 2014 ankündigte, einen grundsätzlicheren Bruch. Eine Elite wird durch eine andere ausgetauscht, Eigentum wechselt seine Besitzer, für den öffentlichen Dienst werden neue Kader herangezogen, die Universitäten werden von einer Klasse von Intellektuellen gesäubert und durch loyalere Akteure ersetzt und Regime-freundliches Kapital erhält Zugang zu den staatlichen Pfründen. Die neue Türkei setzt die Uhren nicht auf den Zeitpunkt der Staatsgründung zurück, sondern ein Jahrhundert früher, vor der westlichen Modernisierung im 19. Jahrhundert. Sie lehnt nicht nur kemalistische Eliten ab, sondern auch ihre reformistischen Vorgänger im Ottomanischen Reich."

Weiteres: Tariq Ali spricht im Interview mit David Edgar über sein kommunistisches Leben, seine Zeitschrift Black Dwarf sowie die Kämpfe vor und nach 1968. Henry Siegman gibt Benjamin Netanjahu die Schuld am Tod der Zweistaaten-Lösung.

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - London Review of Books

Der Skandal um die Windrush-Generation hat Britannien erschüttert und bereits zum Rücktritt der Innenministerin Amber Rudd geführt. Es geht um Einwanderer aus der Karibik, die seit den sechziger Jahren in Britannien leben, aber keine Nachweise ihre legalen Einreise haben. Das Innenministerium hat diese Belege 2010 vernichtet. Für William Davies liegt das Problem nicht in einem bürokratischen Missgeschick, sondern in der Instrumentalisierung der Bürokratie: "Der Einwanderer-Status der Windrush-Generation hätte niemals in Frage gestellt werden dürfen, der Grund für ihre Notlage reicht nicht weit zurück: Es ist der Immigration Act von 2014, das politische Aushängeschild der damaligen Innenministerin Theresa May. Der Plan war eine 'feindselige Atmosphäre' zu schaffen, um es illegalen Einwanderer schwerer zu machen, in Britannien zu leben und arbeiten. Indem Vermieter, Arbeitgeber, Banken und NHS-Dienste gezwungen wurden, den Status von Einwanderern zu überprüfen, drückte die Polizei den Geist des Grenzschutzes in das tägliche Leben... Wer Politik über Stimmung macht, kann nie genau kontrollieren, wen diese Politik trifft und wie. Es reicht nicht zu sagen, dass die Unschuldigen nichts zu befürchten haben, so funktioniert Furcht nicht. Das Argument für das Schaffen einer 'feindseligen Atmosphäre' basiert auf der Annahme, dass legale und illegale Einwohner auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden sind und nur durch permanente Schnüffelei voneinander getrennt werden können. Die Gerichte haben das Innenministerium immer wieder frustriert, weil sie die Beweislast dem Staat auferlegten. Das Gesetz von 2014 schob sie auf die Einzelnen. Und wenn sie, wie die Windrush-Generation, nicht beweisen können, dass sie Briten sind, werden sie de facto illegal."

Stephen Sedley gibt sich alle Mühe, den Antisemitismus in Britannien und der Labour Party zu relativieren, auch wenn er einräumt, dass sich Jeremy Corbyn nicht immer scharf genug abgegrenzt habe gegenüber jenen, die Israelkritik und Ressentiment verwischen.

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - London Review of Books

Boko Haram mag die Truppe des Verrückten Abubakar Shekau sein, der islamische Fundamentalismus im Norden Nigerias ist es nicht. In einem sehr informativen Artikel erinnert Adewale Maja-Pearce daran, dass die Briten bei der Dokolonialisierung das Land nicht an das Volk zurückgegeben haben, sondern an die im Norden herrschende Aristokratie der Hausa, aber sie blickt auch auf die räuberische Eliten im Süden und die Unfähigkeit des Militärs (allein der Sicherheitsberater des vorigen Präsidenten Goodluck Johnson hat zwei Milliarden Dollar veruntreut). "Was immer aus Boko Haram wird, eine größere Bedrohung für die Stabilität des Landes  insgesamt, nicht nur im Norden, bildet sich gerade heraus: Eine Gruppe, die in Nigeria als Fulani-Hirten bezeichnet wird. Dieser große locker verbundene Verbund unternahm laut dem Global Terrorism Index 2016 mehr Anschläge und war für mehr Tote verantwortlich als Boko Haram. Die Fulani bilden eine Ethnie, die sich in Lebensweise und zunehmend auch Religion definieren. Familien und Clans treiben ihre Rinderherden mit dem Einsetzen der Trockenheit nach Süden und sind bereit für Weideland zu kämpfen. Die Zusammenstöße zwischen den Fulani und sesshaften Bauern oder anderen Viehhaltern nähren die Furcht, dass die Armee das Vordringen nicht aufhalten wird, und die Ansprüche der Fulani wachsen... Die Hirten und ihre Familien lebten einst in einem Gebiet im nördlichen Sahel. Die schleichenden Versteppung treibt sie nach Süden. Die 18 Millionen Fulani leben mittlerweile in 21 von 36 Staaten, selbst im südlichen Niger delta. Von 1990 bis 2005 kam es bei Streitigkeiten mit umherziehenden Fulani zu 120 Toten, doch die Zahlen steigen rasant. Allein im Januar waren es 120. Die symbolische Waffen der Fulani, Pfeil und Bogen, wurden auf diesen Wanderungen ersetzt durch das AK47."

Weiteres: Isabel Hull findet es gar nicht verkehrt, dass Oona Hathaway und Scott Shapiro die alte Idee des Kellog-Briand-Plans wieder aufgreifen, den Krieg rechtlich zu verbieten. Und Colin Burrow erklärt, warum es viel schwieriger ist, die "Odyssee" zu übersetzen als die "Ilias".
Stichwörter: Fulani, Nigeria, Boko Haram

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - London Review of Books

William Davies, immer noch davon überzeugt, dass die hochmütige Hillary Clinton ihren Wahlkampf selbst vergeigt hat, sperrt sich dagegen, den Einfluss von Facebook und Cambridge Analytica allzu ernst zu nehmen. Außerdem sind sie doch nicht die einzigen, die ihren Kunden Daten abknöpfen, meint Davies: "In der Panik rund um Trump und Cambridge Analytica wird diese brutale kapitalistische Realität als Abfischen bezeichnet. Wenn das Sammeln von Daten per App, ohne dass sich die Nutzer dessen bewusst sind, ein Abfischen ist, dann auch noch viel mehr: Transport for London fischt Daten dadurch ab, dass es ein freies Wlan in der U-Bahn geschaffen hat (das Wlan wurde installiert, um TfL Echtzeitdaten über Passagierströmen zu geben). Der Digital Service der britischen Regierung hat Daten über seine Bürger abgefischt, indem er das Design von Regierungsseiten manipuliert hat (bei den gebräuchlichen A/B-Tests werden Nutzern unterschiedliche Design angezeigt und die Daten darüber gesammelt, wie das die Klicks und Lesedauer beeinflusst). Uber fischt Daten weit über das Fahrverhalten hinaus ab (die App sammelt die Daten der Passagiere, selbst wenn die Fahrt vorbei ist, auch wenn Nutzer die Funktion jetzt ausschalten können). Neue digitale Werbetafeln am Piccadilly Circus fischen Daten ab (sie enthalten Kameras, um den Gesichtsausdruck der Passanten zu analysieren)."