Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

579 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 58

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - London Review of Books

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Youssef Ben Ismail bespricht ein Buch des Journalisten und Historikers Justin Marozzi über die lange Geschichte des Sklavenhandels in der muslimischen Welt. Marozzi zeichnet in seinem Buch den Umfang eines Phänomens nach, von dem insgesamt ungefähr dieselbe Anzahl von Menschen betroffen gewesen sein dürften wie vom transatlantischen Sklavenhandel - der freilich deutlich mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Geschichtswissenschaft erfahren hat. Ben Ismail widerspricht Marozzi, wenn der Autor die Persistenz des Sklavenhandels im islamischen Machtbereich mit der islamischen Lehre in Verbindung bringt. Wo Marozzi Ben Ismail zufolge jedoch richtig liegt: Der islamische Sklavenhandel war keineswegs "humaner" als sein transatlantisches Gegenstück, wie Gelehrte in islamischen Ländern es bisweilen darstellen. "Dieser Mythos einer wohlwollenden Sklaverei wurde bereits von Wissenschaftlern wie Toledano, Eve Troutt Powell und Yusuf Hakan Erdem weitgehend widerlegt. Sie haben gezeigt, dass körperliche und sexuelle Gewalt weit verbreitet waren und dass Ausbeutung - nicht Schutz - die Regel war." Besonders gilt das für versklavte schwarze Afrikaner: "Die Erfahrungen der Versklavung im islamischen Afrika ähnelten am stärksten dem atlantischen System. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich, wie schon Paul Lovejoy und Frederick Cooper gezeigt haben, im westafrikanischen Sokoto-Kalifat und an der Küste bei Sansibar eine Plantagenwirtschaft, die auf Sklavenarbeit beruhte. Allerdings war die Sklaverei nicht an eine einzige landwirtschaftliche Tätigkeit gebunden, und die Erzeugnisse wurden überwiegend in benachbarten Regionen verkauft, statt auf den Weltmärkten. Über Jahrhunderte hinweg, schreibt Marozzi, übernahmen versklavte Afrikaner auf dem gesamten Kontinent eine 'enorme Vielfalt an Aufgaben': Sie bauten Salz im Niger ab, ernteten Gummi arabicum in Mauretanien, kletterten auf Dattelpalmen in den Oasen der Sahara und kämpften in der Armee des marokkanischen Königs. Ihre Herren konnten Araber, Schwarze oder beides sein. Es handelte sich um Händler, Grundbesitzer oder Kriegsherren wie Rabih al-Zubayr, den berüchtigten sudanesischen Sklavenhändler, der seine Sklaven brandmarkte. Er starb 1900 im Kampf gegen die französische Kolonialarmee."

Diarmaid MacCulloch nimmt sich in seiner Besprechung zweier Bücher über die religiöse Vielfalt des Baltikums - "Silence of the Gods" von Francis Young und "The Black Cross" von Aleksander Pluskowski - einen anderen Mythos vor: den eines uniform christlichen Europas spätestens seit dem Mittelalter. Mit Young und Pluskowski zeichnet MacCulloch nach, wie diese Projekt eines christlichen Kontinents mit Machtinteressen vor allem des Deutschritterordens im Zuge der Kreuzzüge zusammenhängt - wobei die Kreuzzüge eben nicht nur im Mittelmeerraum, sondern auch im Baltikum ausgefochten wurden. Dort trafen die Versuche einer gewaltsamen Konvertierung von Herrschern und Bevölkerung allerdings auf einigen Widerstand: "Im Jahr 1251 versuchte der litauische Großfürst Mindaugas, die zunehmenden Schikanen des Deutschritterordens einzudämmen, indem er zum Christentum übertrat; er begann sogar mit dem Bau einer Kathedrale in der Hauptstadt Vilnius. Obwohl der davon angetane Papst Innozenz IV. Mindaugas' Herzogstitel zum Königstitel erhob, war die formale Christianisierung Litauens nicht mit einem umfassenderen Programm der Missionierung verbunden, und innerhalb eines Jahrzehnts wurde Mindaugas ermordet. Seine Familie scheint die Kathedrale in einen dachlosen Tempel der traditionellen Religion umgewandelt zu haben, der unter freiem Himmel dem Donnergott geweiht war. Päpste und Bischöfe waren gezwungen, die komplizierte Vielfalt des Baltikums zu tolerieren: Widerwillig duldeten sie litauische Feuerbestattungen - ein Gräuel für gut unterwiesene Christen - und stimmten einer Art Schutzverordnung für heilige Wälder zu, um sie vor christlicher Abholzung zu bewahren. Die anhaltende Stärke und politische Bedeutung des offiziellen litauischen Kultes zeigte sich 1338, als verfeindete Mächte unterschiedlichster Glaubensrichtungen einen Vertrag zum Schutz der baltischen Handelsrouten unterzeichneten. Zu den Unterzeichnern gehörten Ritter des Livländischen Ordens, Vasallen des orthodoxen Fürstentums Rus der Rus sowie Gesandte des litauischen Königs, die das Abkommen jeweils mit ihren eigenen religiösen Riten besiegelten."

Magazinrundschau vom 12.05.2026 - London Review of Books

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Der fabelhafte John Lanchester ist, in einer Rezension zweier Bücher - "Everybody Loves Our Dollars: How Money Laundering Won" von Oliver Bullough und "How to Launder Money: A Guide for Law Enforcement, Prosecutors and Policymakers" von George Cottrell and Lawrence Burke Files - einem erstaunlichen Phänomen auf der Spur: der Vermehrung von Bargeld. Und zwar in unserer Gegenwart, also in einer Zeit, in der im Alltag immer weniger Transaktionen bargeldbasiert sind. Man würde denken, dass die Anzahl an Geldscheinen auch insgesamt schwindet. Aber nein, ganz im Gegenteil: "Der Wert der im Umlauf befindlichen Banknoten steigt seit Jahrzehnten stark an. Im Jahr 2005 betrug der Gesamtwert aller im Umlauf befindlichen Dollarbanknoten 759 Milliarden US-Dollar. Bis 2015 war dieser Wert auf 1,38 Billionen US-Dollar gestiegen. Im vergangenen Jahr waren es 2,395 Billionen US-Dollar. Wie Kenneth Rogoff in 'The Curse of Cash' (2016) formulierte, ist das Erstaunliche daran, dass 'niemand genau weiß, wo sich der Großteil davon befindet oder wofür er verwendet wird'. Laut Oliver Bullough betrug im Jahr 2022 der durchschnittliche Bargeldbestand eines Amerikaners 418 US-Dollar, während gleichzeitig pro amerikanischem Mann, Frau und Kind 7357 US-Dollar Bargeld im Umlauf waren. Das bedeutet, dass auf einen typischen Vier-Personen-Haushalt 27.756 US-Dollar an 'verschwundenem' Bargeld entfallen, von denen 80 Prozent auf die größten US-Banknote, den 100-Dollar-Schein, befinden. Das ist eine verdammt große Menge an nicht auffindbaren 100-Dollar-Scheinen - besonders wenn man bedenkt, wie selten die meisten Menschen überhaupt einen 100-Dollar-Schein benutzen oder zu Gesicht bekommen. Im Umlauf befinden sich außerdem 1,552 Billionen Euro, wobei wiederum die Hälfte auf die Banknoten mit den höchsten Stückelungen entfällt: 100-, 200- und 500-Euro-Scheine." Wozu nun wird derart viel Geld benötigt? Die Antwort ist letztlich doch ganz einfach: Geldwäsche. Ein Riesengeschäft, von dem niemand exakt sagen kann, wie riesig es ist. "Bullough zitiert Jason Sharman, einen Professor in Cambridge, dessen Schätzung schlicht 'Squillionen' lautet. Das ist eine treffende Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes. Eine fundierte Schätzung von Michel Camdessus, dem am längsten amtierenden Leiter des Internationalen Währungsfonds, geht davon aus, dass der Betrag irgendwo zwischen zwei und fünf Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts liegt. Die niedrigere Zahl würde kriminelle Aktivitäten im Umfang von 2 Billionen US-Dollar bedeuten - also etwa die Größe der russischen Wirtschaft. Die höhere Zahl läge bei 5 Billionen US-Dollar - ungefähr so groß wie die deutsche Wirtschaft, die drittgrößte der Welt. Wäre Geldwäsche eine eigene Industrie, dann wäre sie das drittgrößte Geschäftsfeld der Welt - hinter Gewerbeimmobilien und noch vor dem Rentensektor."

Ein Buch über kommerzielle Heiratsvermittler im post-revolutionären Frankreich des 19. Jahrhunderts bespricht Jonny Bunning. Autorin Andrea Mansker widmet sich in ihrer Studie unter anderem Claude Villiaume, dessen Geschäft mit der Liebe großen Erfolg hatte. "Villiaume stellte die Liebe als ein Produkt einer neuen, willkürlichen und unbegreiflichen Welt dar, im Gegensatz zu älteren Formen der Brautwerbung und arrangierten Ehe. Seine Zielkundschaft bestand aus Veteranen, Beamten des napoleonischen Staates und anderen entwurzelten Neuankömmlingen ohne soziale Verbindungen in Paris. Seine Kunden waren überwiegend Männer, doch die Zahl der Frauen nahm im Laufe der Zeit zu. Er bot an, einen potenziellen Ehepartner zu finden sowie dessen Vermögen und familiären Hintergrund zu überprüfen. Wenn ein Paar finanziell zueinanderpasste, koordinierte Villiaume zunächst einen Briefwechsel und arrangierte anschließend eine 'zufällige' Begegnung. Wie er in einer Anzeige erklärte, würde ein potenzielles Paar - in diesem Fall ausdrücklich fiktionalisiert - zur selben Zeit in sein Büro eingeladen werden und sich dort gemeinsam mit anderen im Wartezimmer wiederfinden: 'Sie werden Angélique zwangsläufig erkannt haben, und auch sie wird Sie bemerkt haben. Aber ist sie es - oder eine der Frauen neben ihr -, die den Namen trägt, der Ihrem Herzen bereits so teuer ist?' Wenn beide Parteien Interesse bekundeten, erlaubte Villiaume ihnen, sich einander vorzustellen. Wie ein Korrespondent es ausdrückte, war dies eine Vorstellung von Zufall 'ohne jedes Risiko'. Die Kunden scheinen die Idee eines willkürlichen Schicksals gern angenommen zu haben. Für Männer verwandelte sie die Partnersuche in ein Spiel und bot zugleich eine Erklärung für Misserfolge. Frauen, die oft von romantischer Literatur und Briefromanen geprägt waren, nahmen diese Vorstellung ebenfalls begeistert auf: Liebe sollte wie ein Blitz einschlagen - plötzlich und mit überwältigender Kraft."

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - London Review of Books

Laleh Khalili beschäftigt sich mit Geschichte und Gegenwart der Nordpolarregion - aus geostrategischer Perspektive. Schon seit Jahrhunderten verfolgen diverse Großmächte in der Region ihre Machtinteressen. Der Klimawandel beschleunigt die Bemühungen, weil die nordischen Seewege aufgrund schwindender Eismassen immer leichter passierbar sind. "Im Jahr 2012 verabschiedete Russland ein Gesetz, das darauf abzielte, seinen territorialen Anspruch auf Teile des Arktischen Ozeans zu begründen. Ein Jahr später erreichte der Verkehr auf der Nördlichen Seeroute sein bislang größtes Volumen: 71 Schiffe, darunter 25 unter fremder Flagge, passierten in beide Richtungen nahe der sibirischen Küste. (...) Im Jahr 2015 beantragte Russland bei der UN-Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels seine ausschließliche Wirtschaftszone in der Arktis auf 200 Seemeilen auszudehnen. 2023 stimmte die Kommission zu, dass ein Großteil der von Russland beanspruchten unterseeischen Topografie - der Alpha-Mendelejew-Rücken, das Podwodnikow-Becken und der Lomonossow-Rücken - als natürliche Fortsetzungen seines Festlandsockels eingestuft werden könne." Auch die USA interessieren sich nicht erst seit Trump für die Region: "All dies setzte auf der anderen Seite der Arktis eine Welle intensiver Aktivitäten in Gang. Die zuvor vergessene Region wurde plötzlich in den USA und Kanada zum Trendthema: Räte, transnationale Organisationen, Denkfabriken und NGOs betrieben Forschung und veröffentlichten Bericht um Bericht."

Noch einmal auf den Machtwechsel in Ungarn blickt Jan-Werner Müller. War es wirklich die Empörung über die immer sichtbarere Korruption des Orbán-Systems, die dessen Fall bewirkte? Müller hält eine andere Erklärung für wahrscheinlicher. Orbáns Herausforderer Péter Magyar "erkannte, dass die Wahlkreise so zugeschnitten worden waren, dass eine gespaltene Opposition keine Chance hatte, an die Macht zu kommen; und so sehr Oppositionsparteien auch in den Städten dominieren mochten, war der Gewinn von Wahlkreisen auf dem Land entscheidend für den Sieg. Deshalb tat er etwas, das frühere Oppositionsfiguren nie ernsthaft versucht hatten: Über einen Zeitraum von zwei Jahren besuchte er Hunderte von Dörfern und hielt mitunter bis zu sechs Kundgebungen am Tag ab. Dies war auch ein Weg, das Problem zu umgehen, dass Vertraute von Fidesz die lokale Presse kontrollierten. Seine Kundgebungen folgten einem bestimmten Muster: Mit einer ungarischen Flagge auftretend, hielt er eine Rede, in der er aus Volksepen und Gedichten zitierte (oft gemeinsam mit seinem Publikum), und forderte die Menge auf, keine Angst zu haben. Gewöhnliche Bürger nahmen ihn in ihren Häusern auf und fuhren ihn in ihren Autos herum. Vor allem junge Menschen reagierten auf Magyars Botschaft und seinen Stil. Jugendliche verglichen ihn mit Sándor Petőfi, dem großen Nationaldichter, dessen Werk die Revolution von 1848 inspirierte. Petőfis berühmte Zeile 'Jetzt oder nie' wurde zu einem Slogan der Tisza; die Verwendung der Symbole von 1848 deutete darauf hin, dass Orbán ein feudales System geschaffen habe, das gestürzt werden müsse."

Magazinrundschau vom 28.04.2026 - London Review of Books

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William Davies bespricht ein Buch des Politikwissenschaftlers Anton Jäger über "Hyperpolitics" - gemeint ist die seit einigen Jahren zu beobachtende zunehmende Politisierung der Öffentlichkeit, die sich oftmals kaum in messbaren Fortschritten im realpolitischen Raum niederschlägt. Und zwar, weil es an der institutionellen Infrastruktur - zum Beispiel in Form von Gewerkschaften - fehlt, die dem politischen Furor dauerhaft Wirkkraft verschaffen könnten: "Während die Politisierung weiter zunimmt, befindet sich die Institutionalisierung auf einem Tiefpunkt. Genau das unterscheidet die Hyperpolitik von der Massendemokratie der Mitte des 20. Jahrhunderts. Symbolische politische Gesten sind heute allgegenwärtig, doch die bezahlte Mitgliedschaft in Organisationen und Parteien ist stark zurückgegangen. Die Linke hat es nicht geschafft, einen Ersatz für die Gewerkschaften als Grundlage kollektiven Handelns in der Zivilgesellschaft zu finden. Es fällt den Leuten leicht, sich politische Bewegungen anzuschließen - und sie wieder zu verlassen. Die Kluft zwischen politischer Haltung (politics) und politischer Gestaltung (policy) wird größer, da erstere zu einem fruchtlosen Strom der Empörung mit wenig oder gar keinen praktischen Konsequenzen wird. Jäger blickt fast wehmütig auf die Antipolitik der frühen 2010er Jahre zurück, die zumindest konkrete Forderungen stellte, bestimmte Eliten ins Visier nahm und über neue politische Parteien mit klaren politischen Programmen - wie etwa Podemos, gegründet 2014 - 'erste Schritte hin zu einer Re-Institutionalisierung' unternahm."

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Zu den vielen vergessenen und langsam erst wiederentdeckten Malerinnen zählen die Französin Élisabeth Vigée Le Brun sowie die englisch-italienische Malerin Maria Cosway. Sie kannten einander und auch ihre an Turbulenzen reichen Leben ähnelten sich, wie Rosemary Hill in der soeben erschienenen Cosway-Biografie von Diane Boucher sowie in den ebenfalls jüngst editierten Erinnerungen von Vigée Le Brun "Souvenirs" liest. Als talentierter, auch wagemutiger erwies sich die Französin: So löste ihr Porträt "Marie-Antoinette en gaulle" 1783 einen Skandal aus. In dem Porträt "wurden die brisanten Konzepte von Weiblichkeit und Monarchie zu einer explosiven Mischung vereint. Die Königin wurde in einem modischen weißen Musselinkleid von äußerster Schlichtheit dargestellt, das für die meisten Menschen damals so aussah, als trüge sie nur Unterwäsche. Eine solche Reaktion auf neue Modetrends in der Damenmode ist nicht ungewöhnlich, doch Marie-Antoinettes Porträts galten als Ikonen des Ancien Régime, und dies wurde als Blasphemie ausgelegt - ein PR-Desaster von solchem Ausmaß, dass Le Brun das Bild aus dem Salon entfernen ließ. Sie malte Marie-Antoinette dreißig Mal und war praktisch ihre offizielle Porträtmalerin, was sie bei Ausbruch der Revolution in Gefahr brachte. ... Ihre Flucht wird in 'Souvenirs' sachlich und kurz behandelt, als eine einzelne Episode in einem Leben und einer Karriere, die von Krieg und Revolutionen geprägt waren und an deren letzte Jahre sie sich mit Witz und Gelassenheit erinnert."

Magazinrundschau vom 21.04.2026 - London Review of Books

Im Rahmen einer Besprechung eines Buches von Srinath Raghavan macht sich Pratinav Anil Gedanken über das politische Erbe Indira Gandhis. Zweifellos war Gandhi eine Schlüsselfigur Indiens auf dem Weg zur modernen Massendemokratie. Gleichzeitig jedoch prägte sie einen populistischen, korruptionsanfälligen Politikstil, der in Indien bis heute gravierende Folgen zeitigt. Tatsächlich ist der derzeitige indische Premierminister Narendra Modi laut Anil Gandhis gelehrigster Schüler. Und das, obwohl er einst als Gandhis Gegner auftrat: "Er stellte sich gegen Gandhis Regime und reiste häufig in Verkleidung, um einer Verhaftung zu entgehen - einmal kostümierte er sich als Mönch und ein anderes Mal als Sikh. Er war an der Herstellung oppositioneller Flugblätter beteiligt und organisierte Demonstrationen. Doch seine eigene Herrschaft hat die Rückkehr eines politischen Stils in die Wege geleitet, der deutlich an Gandhi erinnert: Personenkult; Feindseligkeit gegenüber Institutionen im Allgemeinen und Universitäten im Besonderen; Eingriffe in die Justiz und Mundtotmachen der Presse; Paranoia; Wirtschaftsnähe; Zugang zu gewaltigen, nicht nachvollziehbaren Geldströmen, die durch das Wahlsystem fließen. Letzteres war Gandhis Innovation. (…) Trotz all der Bewunderer, die im Indira-Gandhi-Gedenkmuseum Schlange stehen, um dem blutbefleckten Sari, den sie am Tag ihrer Ermordung trug, ihre Ehrerbietung zu erweisen, haftet der Makel der Korruption weiterhin an ihr. Daran wurde ich ausgerechnet in einem nordlondoner ocakbaşı erinnert, wo ich erfuhr, dass 'İndiregandi' im Türkischen umgangssprachlich 'Veruntreuung' bedeutet."

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - London Review of Books

Vincent Bevins beschäftigt sich mit der serbischen Studentenbewegung, die das Land seit 2024 in Atem hält und inzwischen eine reale Machtperspektive hat - derzeit ist sie dabei, Wählerlisten aufzustellen. Ideologisch ist die Bewegung schwer greifbar, es eint sie lediglich eine Ablehnung der zunehmend autoritären Vučić-Regierung, die von den Studenten teils von links, teils von rechts attackiert wird. Wie kommt es, dass Studenten eine so wichtige Rolle spielen im Land? "Es ist schwer, sich andere Länder vorzustellen, in denen 'die Studenten' stellvertretend für die gesamte politische Opposition stehen könnten. In den USA werden Universitätsstudenten heute eher als eine Eliteklasse wahrgenommen, die sich einer bestimmten Form radikaler Politik verschrieben hat. Wenn Serbien eine Ausnahme darstellt, lässt sich das teilweise durch die Geschichte Jugoslawiens erklären. Die Sozialistische Föderative Republik erlebte 1968 ihren eigenen Studentenaufstand, bei dem die Protestierenden die Regierung aufforderten, Ungleichheit zu bekämpfen und mehr Arbeitsplätze für Absolventen zu schaffen. Tito erklärte schließlich, dass 'die Studenten recht haben', und kam einigen ihrer Forderungen nach. Er versprach ein erneuertes Bekenntnis zur sozialistischen 'Selbstverwaltung' sowie bessere Lebensbedingungen für Studenten - auch wenn sich letztlich wenig änderte. Die meisten serbischen Universitäten sind staatlich, und fast die Hälfte der Studenten studiert kostenlos. Bildungseinrichtungen werden als Eigentum des ganzen Landes betrachtet, und viele Serben sehen Studenten als die Kinder der Nation." Wie es mit der Bewegung weitergeht, ist gleichwohl unklar: "In den letzten Monaten hat der Unterricht an den Universitätsfakultäten wieder begonnen. Die Versammlungen treffen sich weiterhin und treffen Entscheidungen, sehen sich jedoch mit den bekannten Problemen horizontaler Strukturen und 'direkter Demokratie' konfrontiert. Nur noch eine kleine Zahl von Studenten nimmt daran teil. Momentan handelt es sich bei den sogenannten 'Studenten' tatsächlich um einen kleinen, engagierten Kern von Individuen - gewissermaßen eine Avantgarde -, der derzeit damit betraut ist, wichtige Entscheidungen zu treffen. Doch die serbischen Studenten wollen keine ideologische Avantgarde sein - sie möchten vielmehr alle Strömungen des gesellschaftlichen Denkens repräsentieren. Sie versuchen weiterhin, 'Politik' und ideologische Spaltungen zu vermeiden, selbst während ihre Kandidaten sich darauf vorbereiten, bei Wahlen anzutreten."

Magazinrundschau vom 24.03.2026 - London Review of Books

Genüsslich arbeitet sich Andrew O'Hagan an den zahlreichen Skandalen ab, die Prince Andrew dem britischen Königshaus beschert hat. Seine Familie verdrängte nicht nur seine Verfehlungen, die ihn schließlich zu einer Hauptfigur der Epstein-Affäre machten, sie belohnte ihn geradezu dafür: "Wie eine Mutter aus der Zeit der Großen Depression in einem James-Cagney-Film konnte Elizabeth einfach nicht das Schlechte in ihrem Sohn sehen. Je schlimmer er wurde, desto mehr überhäufte sie ihn mit Medaillen, Rosetten und Bändern. Die Ironie ist, dass er sie genauso schlecht behandelte wie jede andere Frau: Er verkaufte Sunninghill, das Haus, das sie ihm zur Hochzeit geschenkt hatte, an den Schwiegersohn des Präsidenten von Kasachstan für 3 Millionen Pfund über dem Angebotspreis - obwohl es keine anderen Bieter gab. Diese Aktion zog die Königsfamilie noch tiefer in den Schmutz, als einer der anderen Schwiegersöhne des Präsidenten das Geld laut Lownie als 'Versüßung' bezeichnete. Bis heute zeigt der Verkäufer weder Reue noch wurde er strafrechtlich verfolgt, obwohl er faktisch eine persönliche Zuwendung ausgehandelt und angenommen hatte, während er als britischer Regierungsbeauftragter tätig war. Was er Kasachstan im Gegenzug für diese Großzügigkeit gab, könnte noch ans Licht kommen, doch wir sollten nicht vergessen, dass der betreffende Präsident, Nursultan Nasarbajew, ein Diktator war, dessen Regime seine Gegner folterte und dessen Sicherheitskräfte am 16. Dezember 2011 auf streikende Ölarbeiter schossen, wobei fünfzehn Menschen getötet und etwa hundert verletzt wurden. All das ignorierend versuchte Andrew, diese Leute mit seinen Bankern bekannt zu machen."


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Zu den vielen großen Wiederentdeckungen der vergangenen Jahre gehört der in der Nähe von Minsk geborene jüdische Maler Chaïm Soutine, dem Celeste Marcus, Chefredakteurin des amerikanischen Magazins Liberties, die Biografie "Genius, Obsession, And A Dramatic Life in Art" gewidmet hat. George Prochnik liest sie mit Gewinn, verwehrt sich Marcus doch dagegen, Soutines Werk allein vor dem Hintergrund traumatischer jüdischer Erfahrungen zu deuten. Sicher, viel Tod steckt in seinen Gemälden, etwa wenn Soutine zum Malen von Ochsen, Hühnern oder Enten deren Kadaver in sein Atelier brachte und mitunter mit deren Blut malte: "Doch Marcus argumentiert, dass alles, was Soutine auf der Leinwand schafft, als Teil seines Strebens nach Leben verstanden werden sollte. Seine Gemälde zeugen von seinem 'epischen Kampf um Selbstbeherrschung, um die Disziplin und das Können, die Energie des Lebens selbst angemessen zu vermitteln'. Die Ironie bleibt unerkannt, dass er an entscheidenden Wendepunkten seiner Karriere dem Leben auf dem Weg zum Schlachthaus nachjagt. Hinzu kommt, dass viele seiner Landschaften wie zerfließend wirken, während die Figuren und Gesichter seiner menschlichen Modelle von Verzerrungen durchzogen sind. Er zeigt uns Szenen, in denen unsere vermeintlich festen Vorstellungen von Leben und Malerei ins Wanken geraten - indem er seine Motive neigt, umkehrt oder von innen nach außen kehrt. In einem wichtigen Essay über Soutine aus dem Jahr 1963 wies der Kritiker David Sylvester auf die Abhängigkeit des Malers von Cézanne hin. Sylvester beschreibt, wie Soutines Bestreben an Cézannes Entschlossenheit erinnert, 'das Volumen in seiner ganzen haptischen Realität zu erfassen und es gleichsam in die Bildebene zu pressen'. Beide Künstler strebten nicht nach Abbildung, sondern nach Neugestaltung - was bedeutete, das Wechselspiel zwischen umfassender, organischer Kontinuität und individueller Vergänglichkeit einzufangen."

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - London Review of Books

Sheila Fitzpatrick unternimmt im Rahmen der Besprechung eines Buches von Joseph Kellner über kulturelle und religiöse Strömungen während der Perestroikazeit - "The Spirit of Socialism. Culture and Belief at the Soviet Collapse" - einen Streifzug durch esoterische und parapsychologische Praktiken in der Sowjetunion. Besonders interessieren sich Autor und Rezensentin für die Gruppe der "Suchenden": "Die 'Suchenden' waren typischerweise Mitglieder der sowjetischen Intelligenzija, insbesondere Wissenschaftler und Mathematiker. Sie waren keine Dissidenten; organisierte Politik interessierte sie noch weniger als die philosophisch und juristisch orientierten Moskauer Dissidenten der 1970er Jahre. Im Gegensatz zu den Dissidenten, die auf der Suche nach Anschluss und ein Publikum in den Westen blickten, wandten sich die Suchenden eher nach Osten und insbesondere den 'orientalischen' Religionen zu. Sie waren erfolgreicher als die Dissidenten darin, sowjetische Räume und Institutionen für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, besonders die populärwissenschaftliche Zeitschrift Znanie (Wissen) mit ihrem angeschlossenen Netzwerk von Erwachsenenbildungsclubs sowie die offiziell atheistische Zeitschrift Nauka i religiya (Wissenschaft und Religion), deren Redakteure allmählich aufhörten, die beiden titelgebenden Konzepte als Gegensätze zu behandeln. Dem Bericht Kellners zufolge ließ der sowjetische Sozialismus Raum für solche 'Suchenden', während er gleichzeitig unbeabsichtigt ein Bedürfnis nach Suche erzeugte, indem er keinen angemessenen Ersatz für religiösen Glauben oder ein Ventil für spirituelle Bedürfnisse bot. Die Begeisterung für das Zeitalter der Raumfahrt richtete den Blick der Menschen zunächst nach oben zum Himmel; selbst nachdem diese Begeisterung nachließ, blieb der Blick weiterhin nach oben gerichtet, auf der Suche nach Antworten in den Sternen."
Stichwörter: Esoterik, Sowjetunion

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - London Review of Books

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Paul Taylor beschäftigt sich im Rahmen seiner Besprechung von Suzanne O'Sullivans Buch "The Age of Diagnosis" mit dem Problem der Überdiagnostik - Krankheiten oder Störungen, die sich in einer Population auszubreiten scheinen, aber nicht, weil tatsächlich mehr Menschen objektiv nachweisbare Symptome aufweisen, sondern weil sich die Diagnosekriterien oder auch die Selbstbeobachtungsschemata der Patienten geändert haben. Beispiele, auf die der Text zu sprechen kommt, sind, unter anderem, Lyme-Borreliose, ADHS - und Autismus: "Autismus wurde erstmals 1943 in einer Veröffentlichung das amerikanischen Psychiaters Leo Kanner beschrieben. Darin schilderte er elf Kinder, die er behandelte und die unfähig waren, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Bis 2021 hatten schätzungsweise 61,8 Millionen Menschen weltweit eine Autismusdiagnose. Allerdings ist die Erkrankung heute nicht mehr dieselbe wie die, über die Kanner schrieb. Damals wurde sie als Unterform der kindlichen Schizophrenie verstanden und auf Personen mit schwerer geistiger Behinderung beschränkt. Die ersten Veränderungen kamen in den 1970er-Jahren, als Psychiater Patienten mit Merkmalen identifizierten, die denen in Kanners Stichprobe ähnelten, aber eine viel größere Bandbreite an Sprachfähigkeiten zeigten. Da Autismus als irreversibel galt, ist es überraschend, dass die Störung jahrzehntelang nur bei Kindern diagnostiziert wurde. Als schließlich erkannt wurde, dass Autismus auch bei Erwachsenen vorkommt, wurden die diagnostischen Kriterien erneut erweitert. Das Asperger-Syndrom wurde 1994 im DSM-4 als mildere Form der Störung aufgenommen. Seitdem wurde Autismus als Spektrumstörung neu definiert, und das Asperger-Syndrom wurde wieder als eigene Diagnose gestrichen, als 2013 das DSM-5 veröffentlicht wurde. Die Häufigkeit von Autismusdiagnosen ist von 5 pro 10.000 Menschen in den 1980er-Jahren auf heute etwa 1 pro 100 - oder sogar mehr - gestiegen. Ein Teil dieses Anstiegs ist auf bessere Erfassung und Meldung zurückzuführen. Auffällig ist jedoch, dass die Häufigkeit von schwerem Autismus kaum zugenommen hat."

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Erin Maglaque liest das Buch "Street Style" der Historikerin Elizabeth Currie, die vor allem an den Gemälden Caravaggios die Bedeutung von Mode und Kleidung im Barock untersucht: "Currie macht uns auf Details aufmerksam, die wir sonst vielleicht übersehen oder nicht richtig deuten könnten: die wehenden Federn an den Mützen der Bravi; die hauchzarten Schleier römischer Adliger; die voluminösen Umhänge der 'Zigeunerinnen' (die ihnen, laut Zeitgenossen, beim Hühnerdiebstahl halfen). Das Buch vertieft unser Verständnis der Malerei von Straßenszenen und gibt einen Einblick in die Bedeutung der Mode für die einfachen Leute. Rom - wie weite Teile des frühneuzeitlichen Europas - war ein Ort, an dem Kleidung eine große Rolle spielte. Ein römisches Gesetz von 1561 schrieb beispielsweise vor, dass Schuldner eine grüne und jüdische Männer eine gelbe Baskenmütze tragen mussten. Eine Verordnung von 1631 besagte, dass Roma-Frauen 'ihre Roma-Kleidung ablegen oder vielmehr zerstören mussten'. Sexarbeiterinnen wurde das Tragen des modischen Lenzuolo, des langen, durchsichtigen Schleiers, der von römischen Adligen getragen wurde, verboten. Diese wiederum durften die Zimarra, ein Überkleid mit schicken, herabhängenden Ärmeln, oft aus Seide gefertigt oder mit glitzerndem Metallfaden bestickt, nicht tragen, das bei Sexarbeiterinnen beliebt war."

Magazinrundschau vom 17.02.2026 - London Review of Books

James Meek beschäftigt sich mit den Erfolgen von Rechtspopulisten in Rumänien - und vor allem mit Călin Georgescu, der 2025 auf dem Weg war, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen (mehr auch hier), bevor ihn das Verfassungsgericht in Bukarest von der Wahl ausschloss. Diese für die rumänische Demokratie äußerst problematische Episode verweist laut Meel auf einen schweren Vertrauensverlust der liberalen Eliten des Landes. Aber was hat es mit Georgescu auf sich? Laut Meek hat der nicht zuletzt deshalb Erfolg, weil es ihm gelungen ist, sich selbst als eine Art "rechtsextremes Wellness-Produkt" zu vermarken. Die Covid-Pandemie half ihm dabei: "Im Januar 2021, auf dem Höhepunkt der Pandemie, einen Tag bevor Präsident Klaus Iohannis versuchte, die Bevölkerung zu beruhigen, indem er sich selbst impfen ließ, wurde Georgescu dabei gefilmt, wie er in einem eiskalten österreichischen See schwamm. 'Es ist eine Pandemie der Angst und der Dummheit. Und darüber liegt eine Pandemie der Heuchelei und Manipulation', sagte er. 'Ich vertraue meinem Immunsystem, weil ich seinem Schöpfer vertraue und volles Vertrauen in ihn habe. Meine Immunität hängt von der Souveränität meines Seins ab. Meine Immunität wird nur in der Natur erhalten und trainiert … nicht im Labor. Was Georgescu besonders macht, ist, wie weit seine Förderung eines 'natürlichen, traditionellen' Weges zum Wohlbefinden geht - weit über Impfgegner-Verschwörungstheorien und Anti-Establishment-Rhetorik hinaus. Sein gesamtes politisches Programm, sofern man überhaupt von einem solchen sprechen kann, basiert auf der Notwendigkeit, Rumänien zu heilen, indem ein synthetisches Mittelalterland geschaffen - oder, wie er es darstellt, wiederhergestellt - wird: agrarisch, handwerklich, patriarchal, orthodox-christlich, selbstversorgend mit Bio-Lebensmitteln, frei von Chemikalien, frei von Moderne, befreit von allem und jedem, den er ablehnt. Es besteht eine Verbindung zwischen seinen Ideen und denen Robert F. Kennedy Jrs., dem impfkritischen US-Gesundheitsminister und Wellness-Enthusiasten. Georgescu lässt keine Gelegenheit aus, damit zu prahlen, das Vorwort zu einem von Kennedys Büchern geschrieben zu haben - wobei er den entscheidenden Zusatz 'für die rumänische Ausgabe' weglässt."

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Entlang von Rachel Miduras "Postal Intelligence: The Tassis Family and Communications Revolution in Early Modern Europe" und Joad Raymond Wrens "The Great Exchange: Making the News in Early Modern Europe", beide vergangenes Jahr erschienen, erzählt John Gallagher die Geschichte der Postsysteme im Frühneuzeitlichen Europa. Zu lesen ist von ersten Postkriegen zwischen den europäischen Mächten, dem Ursprung des Newsletters im 15. Jahrhundert und Propaganda, Nachrichtenkontrollen und -sperren durch Kirche, Königshäuser und Staaten: "Im Jahr 1703 gründete Peter der Große die Vedomosti, die erste gedruckte Zeitung in russischer Sprache, obwohl russische Beamte sechs Jahrzehnte später beklagten, dass die Propagandakraft eines staatlichen Medienorgans nicht ausgeschöpft werde, da Exemplare der Zeitung 'nicht in allen Städten des Russischen Reiches erhältlich sind und daher nicht überall Nachrichten über [unsere] militärischen Erfolge empfangen werden.'" Desinformationskampagnen gab es allerdings schon vorher: "Der russische Staat nutzte seine Diplomaten im Ausland, um die falsche Nachricht von der Niederschlagung der Rebellion von Stenka Razin im Jahr 1671 zu verbreiten. Die London Gazette druckte die Nachricht unter Berufung auf einen 'Gesandten des Zaren von Moskau' in Den Haag, merkte jedoch an, dass die Nachricht noch nicht bestätigt worden sei. Der Berliner Mittwochischer Mercurius äußerte sich offener skeptisch und schrieb: 'Niemand weiß, was in dieser Frage die Wahrheit ist. Wie könnten wir unter solchen Umständen jemals verlässliche Informationen aus Moskau erhalten, das etwa vierhundert Meilen entfernt liegt?' Andere staatliche Akteure logen durch Verschweigen, wobei die sorgfältige redaktionelle Kontrolle der nationalen Gazetten das, was als druckreif angesehen wurde, erheblich einschränkte."