Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

322 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 33

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - Guardian

Purdue Pharma konnte mit seinem Schmerzmittel OxyContin Millionen von Amerikaner opioidabhängig machen, weil der Konzern sich vorher den Weg hat ebnen lassen. Chris McGeal rekapituliert, wie Ideologen und Pharmalobbyisten in den neunziger Jahren mit zweifelhaften Erkenntnissen Stimmung ("Schmerzfreiheit ist ein Menschenrecht!", Opioide machen nur "pseudo-süchtig") und dann die Behörden zu ihren Erfüllungsgehilfen machten: Die Joint Commission for Accreditation of Healthcare Organizations, deren Gütesiegel Krankenhäusern Zugang zu Bundesgeldern gewährt, gab 2001 vor, mit einer bunten Smiley-Skala von eins bis zehn jeden Patienten über seinen Schmerzlevel zu befragen. Bei fünf - ein neutraler, gelber Smiley mit dem Attribut "sehr quälend" - musste ein Patient sofort in eine Schmerzberatung überwiesen werden. Den Rest erledigten Konformismus, Systemzwang und die Patienten, die nach einer einfachen Lösung verlangten: "Krankenversicherer steigerten den Druck auf Ärzte, dem Weg des geringsten Widerstands zu folgen. Sie kürzten die Beratungszeit und Gelder für kostspieligere Formen der Schmerzbehandlung zugunsten des direkten Ansatzes: Drogen. Die Joint Commission wollte zudem sicherstellen, dass ihr Edikt zur Schmerztherapie befolgt wurde. Es brauchte einen entschlossenen Arzt, um jetzt noch dem Druck zu widerstehen, einfach ein Rezept auszustellen. Ärzte konnten entweder eine halbe Stunde darauf verwenden, eine Patienten zu mehr Verantwortung für seine Gesundheit zu drängen - gesünder essen, weniger Alkohol, mehr Sport, Stress abbauen -, aber sie würden nur erleben, wie ihre unzufriedenen Patienten hinterher in der Bewertung ihrem Ärger Luft machten und ihre Vorgesetzten ihnen einen Standpauke hielten. Oder sie konnten ihren Patienten schnell die Pille geben, die sie haben wollten, und eine volle Punktzahl erlangen."

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - Guardian

Meritokratie verspricht, dass jeder das verdient, was ihm zukommt: Intelligenz + Talent = Verdienst. In einer Hommage auf den britischen Sozialreformer Michael Young erklärt Kwame Anthony Appiah allerdings, dass meritokratische Systeme Ungleichheiten sogar erhöhen, schon weil sie die Gewinner von Scham und Vorwurf freisprechen. Und weil Eltern nunmal ihren Kindern einen klitzekleinen Startvorteil verschaffen möchten oder wenigstens einen unglücklichen Nachteil ausgleichen: "In den USA erhöhte sich das Einkommen der obersten fünf Prozent zwischen 1979 und 2013 um vier Billionen Dollar - um eine Billion mehr als für den ganzen Rest. Als der erleichterte Zugang zu Hochschulen in den USA und Britannien eingeführt wurde, hielt man dies für einen großen Gleichmacher. Aber einige Generationen später sehen wir, dass die höhere Bildung die Menschen noch stärker klassifiziert. Ökonomischen Studien zufolge nehmen viele amerikanische Elite-Universitäten - darunter Brown, Dartmouth, Penn, Princeton und Yale - mehr Studenten von den obersten ein Prozent als von den unteren sechzig Prozent. An einer dieser Unis anzufangen, würde jedoch enorm dabei helfen, eine Position zu ergattern, die Wohlstand, Macht und Privilegien verheißt. 'Die amerikanische Meritokratie', sagt der Yale-Jurist Daniel Markovits, 'ist genau zu dem geworden, was sie eigentlich bekämpfen wollte: ein Mechanismus für die dynastische Weitergabe von Wohlstand und Privilegien." Das Problem liegt aber nicht daran, dass das System nicht meritokratisch genug ist, lernt Appiah von Young, auch nicht in der Art, wie Vergünstigungen verteilt werden, sondern in den Vergünstigungen selbst: "Ein Klassensystem, das sich meritokratisch filtert, bleibt ein Klassensystem."

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - Guardian

Im Durchschnitt zahlt ein Londoner 3.070 Pfund mehr an Steuern, als er durch öffentliche Leistungen zurückbekommt, weiß Nicholas Shaxson, während es im Rest des Landes umgekehrt ist. Die City von London ist Britanniens Cash Cow. Und doch beschreibt der frühere Afrika-Korrespondent der Financial Times den Bankensektor als so verheerend für die britische Wirtschaft wie die Erdölindustrie für Angola: "Es scheint bizarr, das kriegszerstörte Angola mit dem heutigen Britannien zu vergleichen, doch es zeigt sich, dass der Finanzfluch mehr mit dem Fluch natürlicher Ressourcen zu tun hat, als wir uns bisher vorstellen konnten. Zum einen zieht der dominierende Sektor in beiden Fällen die bestausgebildeten Leute aus anderen Branchen ab, aus Regierung, Zivilgesellschaft und Medien und hinein in die gut bezahlten Job im Öl- oder Finanzgeschäft: 'Im Wettbewerb um den Raketentechniker sticht das Finangeschäft die Satellitentechnik aus', heißt es in einer wegweisenden Studie über negative Folgen der Finanzbranche für die Gesamtwirtschaft. 'Menschen, die vielleicht Wissenschaftler geworden wären, die früher danach gestrebt hätten, Krebs zu kurieren oder zum Mars zu fliegen, träumen heute davon, Hedgefonds-Manager zu werden.' Zum anderen ließen die Ströme des Ölreichtums in Angola die lokalen Preise für Waren und Dienstleistungen - vom Haarschnitt bis zur Wohnung - ansteigen. Das Hochpreis-Niveau führte zu einer Welle der Zerstörung in der lokalen Industrie und Landwirtschaft, die dann auch noch mit importierten Gütern konkurrieren mussten. Einen ähnlichen Effekt hatte das Geld aus der City von London auf den Wohnungsmarkt und auf lokale Preisniveaus, was es britischen Exporteuren schwerer machte, mit ausländischen Wettbewerbern zu konkurrieren."

Weiteres: Neil MacGregor, einst Direktor des British Museum blickt auf die Rückkehr der Religionen mit dem ganzen Wohlwollen, den man sich nur im Herzen einer ehemaligen Kolonialmacht für fremde Völker bewahren konnte: "Die Kraft, mit der religiöse Narrative, Vorstellungen und Rituale Gemeinschaften durch Gefahr und Jahrhunderte leiteten, ist eine immer wiederkehrende Tatsache der Geschichte."
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Magazinrundschau vom 25.09.2018 - Guardian

Im Guardian stellt Andy Beckett fest, dass sich New Labours Traum von einem Konsens in der Politik nicht erfüllt hat. Im Gegenteil, der politische Alltag ist rauer denn je: "Bei fast jedem Grundsatzthema zeigt sich das Land noch mehr gespalten als in den turbulenten 70ern und 80ern. Es gibt wilde Schlachten über Redefreiheit, Minderheitenrechte, die Größe des Staates, den Zustand der Wirtschaft, soziale und kulturelle Werte und sogar über die Wahrheit und die Auswahl relevanter politischer Fakten. In vielen anderen Demokratien, von den USA über Italien bis Australien, ist die Politik ebenso tribal, fragmentiert und außer Kontrolle geraten. Oppositionelle Fraktionen scheinen auf einmal nicht mehr in der Lage, miteinander zu reden oder sich auch nur auf ein Gesprächsthema einigen zu können. Für viele Wähler, die nicht auf Konfrontation stehen und meinen, in einer Demokratie sollte es um Dialog und Kompromisse gehen, ist das beängstigend. … Die Rückkehr von Wut und Ideologie in eine politische Kultur, die davon befreit schien, wird mit vielem in Verbindug gebracht: mit der Finanzkrise von 2008, dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum, mit Twitter und dem Skandal um die Spesen von Abgeordneten. Weniger beachtet wurde, inwiefern das Versprechen einer konfliktlosen Politik zu seinem Gegenteil beitrug." Beckett empfiehlt dazu die Lektüre von Chantal Mouffes Buch "Über das Politische", das gerade eine starke Polarisierung für demokratiefestigend hält.

In einem weiteren Beitrag kündigt Linda Geddes das Zeitalter der personalisierten Medizin an, mit der auch sehr seltene Erkrankungen diagnostiziert werden können. Neue Techniken in der Genetik machen's möglich. Und im Interview verrät John Densmore, wie er und Jim Morrison "Hello, I Love You" schrieben.

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - Guardian

Der Schriftsteller Yu Hua lässt seufzend Revue passieren, wie sich China in den vergangenen fünfzig Jahren verändert hat und beklagt den krassen Materialismus, der alle Bereiche des Landes infiziert hat: "In den achtziger Jahren gab es eine Reihe von Studentenproteste in China, die in den Demonstrationen auf dem Tienanmen kulminierten, an denen nicht nur Studenten, sondern Großstädter aus dem ganzen Land teilnahmen. Diese Demonstrationen waren größtenteils motiviert von der Sorge um die Zukunft der Nation und einem Verlangen nach demokratischer Freiheit. Auch heute demonstrieren die Leute noch, aber in kleinerem Maßstab und diese Demonstrationen - 'Massenvorkommnisse' im Parteijargon - unterscheiden sich gravierend von den Protesten in den achtziger Jahren. Heute zielen die Proteste nicht auf einen Wandel der Gesellschaft, sondern auf die Wahrung der materiellen Interesse der Beteiligten." (Das könnte natürlich auch etwas mit den neuen, immer ausgefeilteren Überwachungs- und Bestrafungsmethoden der chinesischen Regierung zu tun haben, über die Christina Larson in der MIT Technology Review berichtet.)

Außerdem bringt der Guardian einen Vorabdruck zu Oliver Bulloughs Buch "Moneyland" über die Erfindung der Steuerparadiese.
Stichwörter: Yu Hua, China

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - Guardian

Der Philosoph Kwame Anthony Appiah hat das Ohr immer am Puls der Zeit. Vor Jahren schrieb er über Kosmopolitismus, nun legt er ein Buch über die lächerliche Identitätsobsession unserer Zeit vor. In der im Guardian vorabgedruckten Einleitung macht er deutlich, dass er das Thema zwar ironisieren will - aber ohne letztlich klar Position zu beziehen. Amüsant liest sich aber die Passage über seine eigenen Schwierigkeiten mit seiner Identität (er ist Sohn einer Engländerin und eines Ghanaers): "Nicht alle Identitäten schmiegen sich an ihren Träger wie ein Handschuh. Manchmal haben wir es eher mit einem groben Stulpen zu tun. Im Laufe der Zeit haben Taxifahrer auf der ganzen Welt ihr Fachwissen an mir auf die Probe gestellt. In São Paulo wurde ich für einen Brasilianer gehalten und auf Portugiesisch angesprochen; in Kapstadt wurde ich für einen 'Farbigen' gehalten, in Rom für einen Äthiopier. Und ein Londoner Taxifahrer weigerte sich zu glauben, dass ich kein Hindi spreche. Der Pariser, der dachte, ich komme aus Belgien, hat mich vielleicht für einen Araber aus dem Maghreb gehalten. Und in Tanger habe ich mich in einem Kaftan unter die Menge gemischt. Verwirrt von der Kombination meines Akzents und meines Aussehens fragen mich Taxifahrer regelmäßig, wo ich geboren wurde. 'In London', sage ich ihnen, aber das ist nicht das, was sie wirklich wissen wollen."

"Im Handumdrehen haben die Internet-Konzernen weltweites Informationschaos entfesselt und sich zu den mächtigsten Organisationen entwickelt, die die Welt je gesehen hat", schreibt der frühere Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger in einem Auszug aus seinem Buch mit dem genialen "Breaking News". Darin gibt er dem Journalismus selbst auch eine Mitschuld an seinem Niedergang und erinnert etwa an die großen Abhörskandale der Murdoch-Blätter, mit denen der Boulevard bewies, dass auch er aus Überwachung Profit schlagen konnte.

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - Guardian

Hierzulande erscheint die anti-israelische BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestment, Sanktionen) als nervende Splittergruppe, doch in einem großen Report macht Nathan Thrall klar, wie sehr die Kampagne seit ihrer Gründung im Jahr 2005 das gesamte Koordinatensystem im Nahost-Konflikt verändert hat. Nur fürs Erste: "Seit ihrer Gründung vor dreizehn Jahren dürfte sie sich so viele Feinde gemacht haben wie Israelis und Palästinenser zusammen. Sie hat die arabischen Staaten dran gehindert, ihren eigenen jahrzehntelangen Boykott aufzugeben. Sie hat die palästinensische Autonomiebehörde beschämt, indem sie deren Zusammenarbeit mit Israels Armee anprangerte. Sie hat die PLO verärgert, weil sie ihr die Position als internationale Vertreterin der Palästinenser streitig machte. Sie hat den Zorn der israelischen Regierung entfacht, weil sie sie zu einer Aussätzigen unter Liberalen und Progressiven verwandelte. Sie hat die Reste des israelischen Friedenslagers zur Verzweiflung gebracht, indem sie die Palästinenser vom Kampf gegen die Besatzung zu einem gegen Apartheid trieb. Sie hat bei der israelischen Regierung eine solch antidemokratische Gegenkampagne provoziert, dass Israels Liberale um die Zukunft ihres Landes fürchten. Und sie hat den europäischen Geberländern Kopfzerbrechen bereitet, die von Israel gedrängt werden, in den palästinensischen Gebieten nicht mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die BDS unterstützen, was unmöglich ist, da dies fast alle zivilgesellschaftlichen Gruppen tun... Die Kampagne hat Filmfestivals erschüttert, Konzerte und Ausstellung auf der ganzen Welt. Sie hat palästinensische Künstler verärgert, die mit israelischen Institutionen zusammenarbeiten, und ihnen vorgeworfen, Israels Menschenrechtsverletzungen zu übertünchen. In Britannien hat BDS Gerichte und Stadträte in Aufruhr versetzt. In den USA hat BDS zwei Dutzend Bundesstaaten dazu verleitet, Gesetze zu erlassen, die einen Israel-Boykott unter Strafe stellen, und damit Israels Verbündete in die Falle gelockt, gegen die Anwälte der Meinungsfreiheit wie die ACLU vorzugehen. Es hat die Liberalen zu einer stärkeren Unterstützung der Palästinenser gebracht und Israel zu einer strittigen Angelegenheit gemacht, die mittlerweile weniger mit den Demokraten und anderen Progressiven verbunden scheint als mit Trump, den Evangelikalen und der äußersten Rechten."

Weiteres: Chris McGreal berichtet, wie sich die Discounter-Kette Dollar General vor allem in sterbenden und total verarmten Regionen breitmacht, indem sie Städte und Gemeinden finanziell brutal unter Druck setzt: Derzeit eröffnet Dollar General in den USA drei Läden pro Tag." Schriftsteller Khaled Hosseini fürchtet unsere Nachrichten-Fatigue angesichts des anhaltenden Flüchtlingssterbens im Mittelmeer.

Magazinrundschau vom 14.08.2018 - Guardian

Alexander Stille blickt nach Italien, das der alerte Lega-Chef und Innenminister Matteo Salvini mit wohldosierten Provokationen auf Facebook und gut platzierten Auftritten an den Brennpunkten des Landes immer weiter nach rechts rückt. Man erkennt aber, warum Salvinis Kombination aus nationaler und sozialer Politik einschlägt, auch durch Stilles Gegenargumentation: "Die Emigration junger Italiener ist das Ergebnis einer langen Periode der wirtschaftlichen Stagnation. In den frühen neunziger Jahren war Italiens Ökonomie so groß wie die Britanniens. Jetzt ist sie 26 Prozent kleiner, und Italiens BIP ist zehn Prozent kleiner als vor dem Crash von 2008. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei über zehn Prozent, bei Jugendlichen über dreißig Prozent. Rund zwei Millionen junge Menschen - die meisten von ihnen gut ausgebildet - haben das Land in den vergangenen zehn Jahren verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen. Renzis Mitte-links-Regierung verabschiedete ein Gesetz, das Arbeit schaffen sollte, indem es Arbeitgebern mehr Flexibilität beim Heuern und Feuern gab. Das wirkte sich nur gering auf die Beschäftigung aus, erhöhte aber die Zahl junger Menschen, die befristet und oft mit geringeren Gehältern eingestellt wurden. Viele junge Italiener leben bis über dreißig bei ihren Eltern, ökonomisch zu wenig abgesichert, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. 'Man braucht eine bestimmte Sicherheit, um eine Familie zu gründen', sagt Massimo Garavaglia, Senator der Lega und Finanzstaatssekretär in der neuen Koalitionsregierung. Während die Regierung Boote voller Flüchtlinge aus Nordafrika stoppt und damit ein emotionales Bedürfnis nach Ordnung befriedigt, ändert sie nichts an der grundsätzlichen demografischen Arithmetik, derzufolge Italien ein gesundes Maß an Immigration braucht um zu überleben. Im letzten Jahr starben 664.000 Italiener, während 464.000 italienische Babies geboren wurden - 100.000 von ihnen in Familien mit nur einem italienischen Elternteil. Wenn das Land seine gegenwärtige Bevölkerung von 60 Millionen aufrechterhalten will und genug Leute haben, die ihre Rentenkasse flüssig halten, dann muss es seine Bevölkerung vergrößern. Die meisten von Italiens Immigranten sind jung, kommen legal ins Land, arbeiten und zahlen Steuern."

Magazinrundschau vom 24.07.2018 - Guardian

Anlässlich des 200. Geburtstages von Emily Brontë nimmt Kathryn Hughes in einem Artikel den Kult um die Dichterin gründlich auseinander, deren "Wuthering Heights" sie kaum zu Ende lesen konnte, und Brontës Feminismus gleich mit. Die sympathisierte ja mit den Torys! "Die selbstsüchtige, pragmatische und moralisch indifferente Brontë ist nicht diejene, die demnächst gefeiert werden wird. … Brontë ist nicht auf unserer Seite, würden wir sie treffen, wir würden sie nicht mögen. Und genau darum geht es. Wir sollten die stürmische Jungfrau der Moore Emily Brontë ersetzen durch die skrupellos sich selbstdefinierende Künstlerin Emily Brontë. Ich verachte ihre Kunst. Gleich wie viele Umfragen sie gewinnt, gleich wie viele Kritiker auf der cleveren Machart des Romans herumreiten, nichts wird mich davon überzeugen, dass 'Wuthering Heights' mehr ist als heiße Luft. Der Umstand jedoch, dass es den Text überhaupt gibt, geschrieben unter widrigen Bedingungen von einer Frau, die in der Überzeugung lebte, das Recht zu haben, ihn zu schreiben, hat eine gewisse Größe. Emily Brontë ist die Schirmherrin aller schwierigen Frauen. Allein dafür gebührt ihr Anerkennung, wenngleich widerwillige und mit Abstand."

Joshua Keating beschreibt in einer Reportage den Traum des - zu Somalia gehörenden - Somalilands von der Unabhängigkeit: "Selbst unter den nicht anerkannten Staaten ist Somaliland ein Sonderfall - es ist sowohl völlig unabhängig als auch politisch völlig isoliert. Im Gegensatz zum Südsudan vor seiner Unabhängigkeit beruht der Anspruch Somalilands auf Staatlichkeit nicht auf einer Neuordnung der kolonialen Grenzen, sondern auf dem Versuch, diese wiederherzustellen. Im Gegensatz zu Taiwan ist es nicht an ein reicheres, mächtigeres, sondern an ein ärmeres, schwächeres Land gefesselt. Im Gegensatz zu Palästina ist sein Streben nach Unabhängigkeit keine Herzensangelegenheit für Aktivisten auf der ganzen Welt.

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - Guardian

An einer scheinbar kleinen Geschichte zeigt Matthew Luxmoore das Ausmaß nationalistischen Furors in Polen: Luxmoore erzählt vom Schicksal der kommunistischen "Dankbarkeitsdenkmäler", die überall in Polen nach dem Krieg errichtet wurden, und des unentwegten Kommunisten Jerzy Tyc der geduldig ein Denkmal nach dem anderen restaurieren will, während die PiS-Partei genau die gegenteilige Politik betreibt und ein Denkmal nach dem anderen abreißen lässt. Das führt regelmäßig zu Szenen mit Schaulustigen, die das traurige Ende dieser Denkmäler, die auch Male einer Besatzung und eines totalitären Regimes waren, auf Handys festhalten. "In diesem November wird Polen die Hundertjahrfeier seiner Wiedergeburt als eigenständiger Staat im Jahr 1918 feiern, der auf mehr als ein Jahrhundert der Teilung durch imperiale Mächte folgte. Die PiS-Partei will einen neuen polnischen Staat verkörpern, der von allen Relikten kommunistischer Herrschaft gereinigt ist und setzt nun eine ganze Reihe antisowjetischer Helden auf die Sockel. Russland ist erregt. Es beschuldigt Polen, gemeinsame Kooperationsabkommen zu brechen, die in den 1990er Jahren geschlossen wurden und die auch den Schutz und die Erhaltung historischer Stätten einschlossen. Aber während der Kreml mit Vergeltung droht, macht die PiS-Partei unverdrossen weiter."
Stichwörter: Polen, Geschichtspolitik, Pis