Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

442 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 45

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - Guardian

Ghait Abdul-Ahad besucht im Norden Syriens das nach langen Jahren des Bürgerkriegs weitgehend zerstörte Aleppo und unterhält sich mit einigen Bewohnern, die versuchen, die Stadt wieder einigermaßen in Stand zu setzen. Es sind, lesen wir, nicht nur unzählige historische Gebäude vernichtet worden in Aleppo; vor allem sind die Versuche, eine eigenständige, multiethnische Stadtkultur mitsamt über die Jahrhunderte gewachsenen sozialen Strukturen zu erhalten, vorläufig krachend gescheitert. Was genau ist dabei verloren gegangen? "Vor dem Bürgerkrieg blieb Aleppo jahrzehntelang von vielen der ideologischen Auseinandersetzungen, die Syrien erschütterten, weitgehend unberührt. Ein bemerkenswerter Akt des Widerstands ereignete sich, als die Altstadt durch einen städtebaulichen Modernisierungsplan bedroht wurde, der ganze historische Viertel zerstört hätte. Trotz Repressionen von Seiten des baathistischen Regimes leisteten die Bewohner Aleppos erfolgreich Widerstand gegen das Projekt und erreichten in den 1980er-Jahren die Anerkennung der Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe. Mehr als jede andere Stadt im Nahen Osten vermochte Aleppo seine historische Identität bis in die Moderne hinein zu bewahren - nicht nur durch den Schutz alter Gebäude und Artefakte, sondern auch dadurch, dass die Altstadt als lebendiger wirtschaftlicher und sozialer Organismus erhalten blieb, in dem traditionelle Handwerke weiterhin in den alten Werkstätten ausgeübt wurden. Die Altstadt und ihr berühmter al-Madina-Suk - der größte überdachte Markt der Welt - blieben das Herz des unternehmerischen Lebens der Stadt, gruppiert um ihre alten Khans. Diese zwei- oder dreigeschossigen Gebäudekomplexe mit Räumen um einen zentralen Innenhof boten Händlern, Pilgern und Reisenden Rastplätze, Stallungen für ihre Tiere, Lagerräume für Waren und Orte für den Handel."

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - Guardian

Wenig Erbauliches hat Charlotte Higgins über die Smithsonian Institution in der Trump-Ära zu berichten. Das der amerikanischen Geschichte gewidmete Museum ist zu einer neuen Zielscheibe des Präsidenten im Kampf gegen "woke" geworden. Mit viel Gegenwind muss er nicht rechnen. Die Direktorin Kim Sajet ist er schon losgeworden - einer widerrechtliche "Kündigung" via Social Media folgte, aufgrund wachsenden Drucks von allen Seiten, der Rücktritt. (Sie ist jetzt Leiterin des Milwaukee Art Museums). Die verbliebenen Mitarbeiter versuchen alles, um aus der Schusslinie der Trumpisten zu bleiben: "Mitunter nimmt die Selbstzensur schon fast tragikomische Züge an. Ein Mitarbeiter des Smithsonian hatte das Wort 'Diversity' aus Texten entfernt und durch das Synonym 'Variety' ersetzt. 'Diversity' war schließlich ein Wort, das garantiert den Zorn des Trump-Umfelds auf sich gezogen hätte, weil es mit DEI-Programmen in Verbindung gebracht wird. In diesem speziellen Fall wurde 'Diversity' jedoch in einem streng wissenschaftlichen Kontext verwendet: der 'Diversity' astronomischer Objekte. Dennoch war der Mitarbeiter besorgt, dass das Wort bei Suchläufen der Regierung durch Museumstexte auftauchen könnte. Da erschien es besser, den Blick abzulenken. Manche beginnt die Selbstzensur - man könnte auch sagen: der vorauseilende Gehorsam - zunehmend zu frustrieren. 'Ich denke, Mut ist ansteckend', sagte mir ein Kurator. 'Wenn eine große Institution wie die Smithsonian, die so viel Einfluss und Macht hat, sichtbar Stellung beziehen würde, denke ich, würden andere Institutionen nachziehen. Aber so, wie es dem Personal vermittelt wird, heißt es: Nun ja, wenn CIA und FBI nicht gegen Trump aufstehen können, was sollen wir dann tun?' Steven Nelson, ehemaliger leitender Mitarbeiter der National Gallery of Art, brachte es noch deutlicher auf den Punkt: 'Die Regierung muss gar nichts tun, die Institutionen erledigen alles für sie.'"

Magazinrundschau vom 06.01.2026 - Guardian

Susanna Rustin erinnert an die Feministinnen der Zweiten Welle, die in Großbritannien in den 1960er und 1970er Jahren gegen Benachteiligung von Frauen vor allem am Arbeitsplatz kämpften - und maßgeblich dafür verantwortlich waren, dass 1975 der Sex Discrimination Act in Kraft trat, ein Meilenstein in Sachen Gleichberechtigung. Doch obwohl kaum jemand die immense Bedeutung dieses Gesetzes infrage stellt, haben diejenigen, die es erkämpften, heutzutage nicht den besten Ruf. "Feministinnen der 1970er Jahre wurden später für ihren zu engen thematischen Fokus und die privilegierte soziale Stellung ihrer Vertreterinnen kritisiert, wobei 'Women in Media' als ein exemplarisches Beispiel gelten könnte. Mary Kenny erinnert sich, dass sie die Treffen 'ein bisschen bürgerlich' fand. Shirley Conran dachte sicher an den langjährigen Comicstrip 'The Four Marys' im Mädchencomic Bunty, als sie sich daran erinnerte, dass an der Kampagne für das Gesetz drei Shirleys beteiligt waren, die alle die St Paul's School besucht hatten - sie selbst, Shirley Williams und Shirley Summerskill (die Abenteuer der Four Marys spielten an der fiktiven St Elmo's School). Doch es ist unfair, die Bewegung in dieser Art zu karikieren. Viele derjenigen, die sich für das Gesetz einsetzten, waren auch in anderen Kampagnen aktiv, darunter eine gegen die Abschiebung einer Gruppe irischer Frauen, die beim Diebstahl ertappt worden waren. Zu ihren Vorschlägen gehörte eine Klausel zur Aktualisierung des Staatsangehörigkeitsrechts, damit Frauen - ebenso wie Männer - das Recht erhalten sollten, ausländische Ehepartner nach Großbritannien zu holen; ein hochaktuelles Thema im Zusammenhang mit Idi Amins Ausweisung ugandischer Asiaten. Immer wieder wurde die Sorge geäußert, ob Arbeiterinnen in schlecht bezahlten Jobs es sich überhaupt leisten könnten, Arbeitgeber vor ein Tribunal zu bringen. Zudem gab es Bemühungen, die Kategorie sexuelle Orientierung in das Gesetz aufzunehmen, sodass auch schwule Männer und Lesben Schutz erhalten würden. Eine Frauengruppe schlug außerdem vor, anstelle von Arbeitsgerichten ein Berufungsgremium für Bürgerrechte einzurichten, das in Fällen zu entscheiden hätte, die sowohl Rasse als auch Geschlecht betrafen."

Magazinrundschau vom 15.12.2025 - Guardian

Edward Siddons besucht die British Virgin Islands in der Karibik - ein Übersee-Territorium des Vereinigten Königreichs, das nach wie vor nicht in die Unabhängigkeit entlassen wurde; stattdessen teilen sich ein aus London entsandter Gouverneur und ein vor Ort gewählter Premier die Regierungsverantwortung. In letzterer Funktion war auch Andrew Fahie tätig, als er 2002 durch eine Undercover-Aktion der US-amerikanischen Drug Enforcement Agency der Annahme von Schmiergeldern im Zusammenhang mit Drogengeschäften in Millionenhöhe überführt wurde. Fahie sitzt inzwischen im Gefängnis, aber die Probleme der Inselgruppe, die ihre Wurzeln teilweise in der Kolonialgeschichte haben, sind damit noch lange nicht gelöst: "Auf Tortola herrschte Anfang Mai - ein Jahr nach Fahies Verurteilung - betretenes Schweigen, sobald ich den Namen des ehemaligen Premiers erwähnte. Nur wenige waren bereit, auf seine Festnahme oder die Untersuchungskommission zurückzukommen. (Die Regierung der Jungferninseln, der Gouverneur und zahlreiche Amtsträger lehnten wiederholte Interviewanfragen ab oder ignorierten sie.) 'Die Menschen hier wollen die Wahrheit nicht immer hören', sagte eine ältere Inselbewohnerin. Die Gemeinschaft sei eng verbunden und empfinde großen Stolz auf das Territorium, das sie aus den Trümmern der Sklaverei aufgebaut habe, erklärte sie. Das lasse offene Kritik leicht wie eine Art Verrat erscheinen. (Keiner der Inselbewohner, mit denen ich sprach, wollte namentlich genannt werden.) (...) Die Wurzeln der Probleme der BVI bestehen fort: eine winzige politische Szene, die sich nur schwer von Nepotismusvorwürfen lösen kann, ein knarzendes Justizsystem und die chronische Unterfinanzierung der Polizei. Das Verhältnis zwischen Road Town und London ist weiterhin von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Niemand, mit dem ich sprach, hegte besondere Zuneigung zu den Briten, doch ebenso wenig hielten sie eine Unabhängigkeit für tragfähig, solange den eigenen Politikern nicht zu trauen ist. Gefangen zwischen einer einheimischen Elite, die vor allem an ihrer eigenen Bereicherung interessiert ist, und einer Kolonialmacht, die wirtschaftliche und politische Reformen verlangt, ohne deren Finanzierung zuzusagen, verharren die Inseln in einem postkolonialen Fegefeuer."

Magazinrundschau vom 09.12.2025 - Guardian

Steuerbetrug um des Steuerbetrugs willen - das ist die Lebensaufgabe, die der britische Geschäftsmann Terry Ball sich selbst gestellt hat. Jim Waterson porträtiert Ball und dessen zahlreiche Schnecken-Farmen, die aufgrund einer Jahrzehnte alten Ausnahmeregelung Hausbesitzern helfen, Leerstandssteuer zu sparen. Waterson besucht eines der Gebäude, in denen Ball aktiv ist: "Die Mietparteien der verschiedenen Etagen des Bürogehauses tragen Namen wie Snai1 Primary Products (2023) Ltd. Es sind allesamt Firmen, die Terry Ball für eine Gebühr von jeweils 35 Pfund gegründet hat. Er ist der einzige Direktor jeder dieser Firmen, sagt mir jedoch, dass er keinerlei Absicht habe, für sie Geschäftsberichte einzureichen oder irgendwelche Steuern zu bezahlen. Sie erzielen keine Einnahmen und besitzen keine Vermögenswerte. Es handelt sich lediglich um Briefkastenfirmen, die geschaffen wurden, um rechtliche Vorgaben zu erfüllen. Hin und wieder gelingt es einem Gemeinderat, eine dieser Firmen wegen unbezahlter Schulden erfolgreich liquidieren zu lassen, woraufhin Ball sie einfach 'phoenixed' - er gibt die alte Firma mitsamt ihren Schulden auf und gründet eine neue. Westminster versucht nun, mehr als 286.000 Pfund von Balls Firmen einzutreiben, von denen die Regierung behauptet, dass sie zwecks Steuervermeidung mehrere Schneckenfarmen in dem Gebäude betreiben." Ball hat Blut geleckt, lesen wir weiter, und will expandieren. Sein neuer Plan dreht sich um  "Pop-up-Charity-Shops" und "nutzt eine Gesetzeslücke in den Regeln der Charity Commission aus, die eigentlich für winzige Wohltätigkeitsorganisationen gedacht sind. Ein Vermieter werde ihm die Schlüssel zu einem Bürogebäude geben, und er werde dort einen 'Wohltätigkeitsladen' einrichten und dafür sorgen, dass an einem einzigen Tag eine kleine Anzahl von Personen riesige Säcke mit gemischten Waren kauft. Der Vermieter werde dann eine erhebliche Ermäßigung bei der Gewerbesteuer geltend machen, da es sich offiziell um Räumlichkeiten für eine nicht registrierte Wohltätigkeitsorganisation handle. Um diesen neue Steuervermeidungsplan zu realisieren, habe er jede Ecke seiner Schneckenfarm mit Hunderttausenden Pfund an billigem chinesischem Spielzeug und anderen Waren vollgestopft. Ball besteht darauf, dass ich eine Plastikarmbrust für mein Kind mitnehme."
Stichwörter: Steuerbetrug

Magazinrundschau vom 02.12.2025 - Guardian

Sonia Faleiro fragt, warum der im Westen für seine Friedfertigkeit gefeierte Buddhismus sich in einigen ostastiatischen Ländern mehr und mehr zu einem politischen Machtfaktor entwickelt, der Anschluss sucht an nationalistische Bewegungen: "In Sri Lanka sind die safranfarbenen Roben buddhistischer Mönche für die muslimische Minderheit des Landes zu einem furchteinflößenden Symbol geworden, da Gruppen wie die Bodu Bala Sena ihre Anhänger unter dem Banner des 'Schutzes' des Buddhismus mobilisieren. In Myanmar tragen Figuren wie Ashin Wirathu, der Hass gegen die Rohingya schürte, ähnliche Roben. Die Mönche, die diese gewaltsamen Bewegungen anführen, scheinen nicht von der Suche nach Nirwana im Jenseits getrieben zu sein, sondern von einem Streben nach Dominanz in diesem Leben. Ihre Handlungen werden zum Teil von historischen Kräften wie dem Kolonialismus geprägt, der rassische Hierarchien einführte und bestimmte Religionen über andere stellte. Wirtschaftliche Ungleichheit verschärfte diese Spannungen, was die Bevölkerung dazu brachte, Trost in der Religion zu suchen - und den Mönchen dadurch unverhältnismäßig großen sozialen und politischen Einfluss verlieh. So entstand ein Muster, das auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist: gewaltsame nationalistische Bewegungen gewinnen auf Kosten von Minderheiten an Schwung, während die Machthabenden ein Gefühl der Opferrolle instrumentalisieren, um ihre Kontrolle zu festigen. Die Mönche machen zudem eine weniger bekannte Dimension des Buddhismus sichtbar: seine patriarchale Struktur. In Süd- und Südostasien, besonders in der Theravada-Tradition, genießen männliche Mönche Privilegien, die Frauen systematisch verwehrt werden. Figuren wie Wirathu, die von ihren Anhängern verehrt und durch ihre Roben legitimiert werden, machen diese Hierarchien sichtbar: wer erhoben wird, wer gehört wird, wer zum Schweigen gebracht wird. Ihr Aufstieg zeigt, wie Nationalismus sich mit männlich geprägten Ideologien verbindet und männliche Dominanz weiter festigt."
Stichwörter: Buddhismus

Magazinrundschau vom 25.11.2025 - Guardian

Die London Review hat kürzlich über die Scamcamps in Südostasien berichtet (unser Resümee): Da ging es vor allem um die Ausbeutung der Scammer. Snigdha Poonam schaut sich jetzt in Jamtara um, einem Ort, der in Indien zu einem Synonym für Cybercrime geworden ist. Er erzählt die Geschichte eines legendären Scammers nach und erläutert, inwiefern der Siegeszug der Handys und der diversen Betrugsmaschen, die die Mobiltelefone ermöglichen, das Leben im ländlichen Indien nachhaltig verändert hat - hier eher zugunsten der Scammer. Geändert hat sich nicht zuletzt das Kräfteverhältnis zwischen den einzelnen Kasten. Tatsächlich gehören viele Scammer den niederen Kasten an. Das sorgt immer wieder für Ärger "Die Polizei hatte Betrüger dank lokaler Informanten aufgespürt. Doch wer waren diese Informanten? Die Beschuldigten verweisen oft auf Angehörige höherer Kasten aus ihren Dörfern, die ihre Missbilligung über den ausgestellten Wohlstand von Familien niedrigerer Kasten zum Ausdruck gebracht hatten. Nicht alle von ihnen konnten Informationen weitergeben, aber es bestand kein Zweifel daran, dass sich in ihren Reihen eine Menge Groll aufgebaut hatte. Als ich durch die Dörfer reiste, war die Spannung unübersehbar." In einem Dorf trifft Poonam auf den Großgrundbesitzer Bunty Singh, der zu denjenigen gehört, denen die neue Situation nicht behagt. "Einst war seine Familie die einflussreichste in der Gegend gewesen; nun haben die Singhs Konkurrenz durch Familien aus niederen Kasten bekommen, die ihren Status durch Cyberbetrug verbessern konnten. Früher arbeiteten deren Männer auf Singhs Feldern, und ihre Frauen rollten Tabak im Hof seines Bungalows. Er verkaufte die Ernte auf einem Großmarkt und den handgerollten Tabak an eine Fabrik. An manchen Tagen bezahlte er die Arbeiter; an anderen schickte er sie mit Getreide für ihre Küchen und Stroh für ihre Dächer nach Hause. Jetzt seien einige dieser Familien Millionäre geworden, sagte er in einem Ton unerträglichen Bedauerns. 'Ihre täglichen Transaktionen würden dich schockieren. Heute siehst du große Geldscheine entweder im Portemonnaie eines Politikers oder eines Cyber-chor (Cyber-Diebs).' Dass Politiker durch Korruption märchenhaft reich wurden, verstand sich von selbst; weit schwerer zu akzeptieren war die Vorstellung, dass marginalisierte Menschen mit ähnlichen Mitteln ähnliche Erfolge erzielten."
Stichwörter: Cybercrime, Indien, Kastenwesen

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - Guardian

Melvyn Ingleby berichtet aus Tadamon, einer Vorstadt von Damaskus, in der das Assad-Regime in den 2010ern Massaker an Zivilisten verübt hatte, denen wohl hunderte, wenn nicht tausende von Menschen zum Opfer fielen. Nach dem Sturz Assads blieb es in dem Ort zunächst weitgehend friedlich - und das, obwohl Mitglieder der paramilitärischen National Defense Force (NDF), die für Assad die Drecksarbeit erledigten, teils immer noch in der Nachbarschaft leben. Inzwischen jedoch wachsen die Spannungen: "Nicht alle in Tadamon sind geduldig. Viele Bewohner finden die offensichtliche Straffreiheit von Assads ehemaligen Schergen nur schwer zu ertragen. Vor allem richtet sich ihre Wut gegen einen Mann: Fadi Saqr." Dieser Fadi "Der Falke" Saqr war, da sind sich viele in Tadamon sicher, maßgeblich beteiligt an den Massakern. Aber: "Anstatt sich wegen seiner Rolle als NDF-Kommandeur vor Gericht verantworten zu müssen, arbeitet 'der Falke' nun mit der neuen Regierung zusammen. Im vergangenen Februar besuchte Saqr das Viertel unter Sicherheitsbegleitung, angeblich um der Regierung dabei zu helfen, mit anderen ehemaligen Regimeanhängern über die Abgabe von Waffen zu verhandeln. Am folgenden Tag gingen Hunderte von Menschen in Tadamon auf die Straße, um gegen Saqrs Auftauchen zu protestieren, und hängten eine Puppe von ihm an einen improvisierten Galgen." Überhaupt "hat sich die Sicherheitslage in Tadamon seit Saqrs Auftauchen verschlechtert, wie der lokale Sicherheitsbeauftragte Abdelrahman meint. Einige Wochen nach der Pressekonferenz wurde ein Mann, dem vorgeworfen wurde, als Saqrs Leibwächter gearbeitet zu haben, auf offener Straße erschossen, mehrere Rachemorde an mutmaßlichen ehemaligen NDF-Mitgliedern folgten. 'Wir haben es eilig und setzen die Regierung unter Druck, die Verbrecher zu bestrafen', so Abdelrahman weiter. Je länger die Straflosigkeit andauere, desto schwieriger werde es für ihn, die Einwohner davon abzuhalten, Rache zu nehmen. 'Ist wirklich zu erwarten, dass jemand, der den Mörder seines Bruders oder den Vergewaltiger seiner Schwester direkt vor sich sieht, nicht handelt? Er mag einmal, zweimal, mehrfach geduldig sein. Aber am Ende wird er handeln.'"
Stichwörter: Syrien, Tadamon, NDF

Magazinrundschau vom 11.11.2025 - Guardian

Wie wirken sich die Kürzungen der Trump-Regierung im Bereich Entwicklungshilfe vor Ort aus? Um diese Frage zu beantworten, besucht Mara Kardas-Nelson eines der betroffenen Länder, nämlich Sierra Leone. Dort wird das Gebaren Trumps, erfahren wir, keineswegs als eine Ausnahmesituation erfahren; sondern eher als business as usual. "Im Gespräch mit Freunden und Kollegen war das Gefühl, dem ich am öftesten begegnete, nicht Panik, sondern Resignation. Alle Sierra-Leoner, mit denen ich sprach - von Mangoverkäufern und Elektrikern bis hin zu Menschen im Gesundheitswesen und hochrangigen Politikern - äußerten Angst und Unsicherheit über die Kürzungen. Doch sie beschrieben diese Situation als etwas Normales, ja sogar Erwartbares. Die möglichen Katastrophen - ein Mangel an HIV-Medikamenten oder Impfstoffen - wurden mit einem gleichgültigen 'Was soll man schon erwarten?'-Schulterzucken abgetan. Ein Fahrer einer NGO, mit dem ich sprach und der für eine amerikanische Organisation arbeitete, hatte seinen Job verloren, als die Kürzungen im Januar 2025 erstmals bekannt gegeben worden waren, und ihn im April wiederbekommen, als einige Mittel wieder zu fließen begannen. Diese Art von Stop-and-Go-Hilfe überraschte ihn nicht. Er war 2014 zum ersten Mal Fahrer für eine NGO geworden, als in Westafrika der bisher größte Ebola-Ausbruch der Welt wütete. Hunderte Millionen Dollar wurden damals von ausländischen Geldgebern zugesagt, um das Virus zu stoppen, ausländische NGOs stellten massenhaft Personal ein. In den Jahren danach hatte er erlebt, wie viele seiner Kollegen entlassen wurden, als die Gelder versiegten und NGOs ihre Arbeit einschränkten oder ganz einstellten. Warum sollte er diesmal etwas anderes erwarten? Mustapha Kabba, stellvertretender Chefmediziner im Gesundheitsministerium von Sierra Leone, sagte mir, er könne sich über die Kürzungen gar nicht allzu viele Sorgen machen, weil er gar nicht genau wisse, wie viel Geld die US-Regierung Sierra Leone tatsächlich zukommen lasse: Die Finanzierung sei so undurchsichtig, fließe durch so viele verschiedene NGOs, jede mit eigenem Budget, Zeitplan und Prioritäten, dass er kein klares Gesamtbild habe, was betroffen sei - und somit auch nicht, welche Lücken er füllen müsse."

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - Guardian

Dass Social-Media-Plattformen von Idealisten geleitet werden, die die Menschheit in eine bessere, demokratischere Zukunft führen wollen, kann man heute selbst kleinen Kindern nicht mehr weismachen. Wie eng Twitter beispielsweise schon seit geraumer Zeit mit autokratischen Regimes, konkret dem saudi-arabischen Königshaus, verbunden ist, erläutert Jacob Silverman: "Bis zur zweiten Amtszeit Obamas war Twitter in Saudi-Arabien zu einem Ort geworden, an dem die Herrscher des Königreichs Propaganda verbreiteten, abweichende Meinungen überwachten und Zielpersonen für das persönliche Enforcer-Team Prinz Mohammeds identifizierten. Viele Saudis wussten, dass sie besser nicht unter ihrem echten Namen auf Twitter posten sollten. Doch die saudische Regierung war sogar in der Lage, pseudonyme Konten zu enttarnen und deren Besitzer ausfindig zu machen - die anschließend verhaftet wurden. Lange Zeit fragten sich oppositionelle Saudis, wie genau das möglich war und ob es Gegenmaßnahmen geben könnte. Sie gingen davon aus, dass die saudische Regierung Zugang zu den besten westlichen Sicherheitsfirmen und hochentwickelter Spionagesoftware hatte. Was sie damals noch nicht wussten: Prinz Mohammed und seine Helfer verfügten über etwas noch Besseres - ein Spionagenetzwerk innerhalb von Twitter selbst. Im Juni 2014 besuchte ein saudischer Beamter namens Bader Al Asaker die Twitter-Zentrale in San Francisco. Al Asaker war Generalsekretär der Wohltätigkeitsorganisation des Prinzen, der Misk Foundation, und leitete zugleich das Privatbüro des Kronprinzen. Einer derjenigen, die diese Besichtigung arrangierten, war der Twitter-Mitarbeiter Ahmad Abouammo. Laut US-Staatsanwälten wurde Abouammo von Al Asaker gezielt angeworben, um für ihn zu spionieren. In den darauffolgenden Monaten erhielt Abouammo mehr als 100.000 Dollar in bar und Geschenke, während er Informationen sammelte, darunter E-Mail-Adressen, Telefonnummern und private Nachrichten von saudischen Dissidenten, Journalisten und anderen relevanten Nutzern." Und das war nur der Anfang. Seit Elon Musks Übernahme von Twitter haben sich die Dinge keineswegs zum Besseren gewendet, meint Silverman.

Der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o beschreibt, wie der Kolonialismus Sprache in ein Machtmittel verwandelte. Nicht erst in Indien und Afrika, sondern bereits viel früher in Irland wurde etwa die englische Sprache dazu verwendet, schwächere Populationen zu unterdrücken. Was aber folgt daraus? Sicherlich nicht, stellt Thiong'o klar, dass es eine schlechte Sache ist, fremde Sprachen zu lernen. Aber: "Selbst wenn eine Sprache zur gemeinsamen Verständigungssprache zwischen vielen Sprachen wird, sollte dies nicht aufgrund einer vermeintlich angeborenen Nationalität oder Globalität dieser Sprache geschehen, sondern aus Notwendigkeit und praktischem Bedarf. Und selbst dann sollte sie nicht auf dem Friedhof anderer Sprachen wachsen. Eine ausgewogene und inklusive Bildung braucht ein neues Motto: Netzwerk, nicht Hierarchie. Wir müssen verstehen, dass alle Sprachen, große und kleine, eine gemeinsame Sprache haben - sie heißt Übersetzung. Bildung darf niemals zu sprachlicher und kultureller Selbstisolation führen. Ich möchte mich mit der Welt verbinden - aber das bedeutet nicht, dass ich meine eigene Ausgangsbasis verleugnen muss. Ich möchte mich von meinem Standpunkt aus mit der Welt verbinden. Ich glaube, dass das Ziel von Bildung Wissen ist, das uns unsere wahren Verbindungen zur Welt zeigt - aber ausgehend von unserer eigenen Basis. Von dieser Basis aus erkunden wir die Welt; und aus der Welt bringen wir das zurück, was unsere Basis bereichert. Das scheint mir die wahre Herausforderung bei der Organisation und Vermittlung von Wissen in einem inklusiven und ausgewogenen Bildungssystem der heutigen Welt zu sein."