Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

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Magazinrundschau vom 05.12.2017 - Guardian

Alex Cocotas bringt einen informativen Hintergrundartikel zur Abtreibung in Polen, die bisher nur bei medizinischer und forensischer Indikation erlaubt ist. Die Pläne der PiS-Regierung sie ganz zu verbieten, scheiterten bisher an den Protesten der Polinnen. Die restriktive Politik, schreibt Cocotas, hat aus dem, was einst medizinischer Eingriff und Gewissensfrage war, ein einträgliches Geschäft gemacht: "Die Bund für Frauen und Familienplanung (Federa), Polens älteste Organisation für reproduktive Rechte, schätzt, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nicht bei 1.000 liegt, wie die offizielle Statistik angibt, sondern bei 150.000. Die Anthropologin Agata Chełstowska schätzte 2011, dass Ärzte und Kliniken mit illegalen Abtreibungen 95 Millionen Dollar im Jahr einnehmen. 'Wenn Abtreibungen die öffentliche Sphäre verlassen, kommen sie in den Graubereich des Privaten: Private Absprachen, private Versorgung und - vor allem - private Sorgen', schreibt  Chełstowska. 'Im privaten Sektor müssen illegale Abtreibungen mit viel Vorsicht arrangiert und bar bezahlt werden. Wenn eine Frau diese Sphäre betritt, verwandelt sich ihre Sünde in Gold. Ihre private Sorgen wird zum privaten Gewinn eines anderen.' Wanda Nowicka, die Gründerin von Federa, sagte  Chełstowska: Wie sprechen über eine riesige, unversteuerte Einkommensquelle. Deshalb sind die Mediziner auch nicht besonders interessiert an einer Änderung des Abtreibungsrechts. Elżbieta Korolczuk, eine Soziologin und langjährige Aktivistin, traf bei den Protesten im vorigen Jahr junge Frauen, die nicht wussten, dass Abtreibung in Polen verboten ist, denn sie hatten die nötigen finanziellen Mittel. 'Vielen Frauen können sich Abbrüche ermöglichen, sagt Korolczuk, deshalb denken sie: Wo ist das Problem? Ärzte, die nach dem Gesetz verfolgt werden, erhalten meist eine Strafe auf Bewährung, sie gehen nicht ins Gefängnis und verlieren nicht ihre Approbation. Indem sie den Schwarzmarkt toleriert, hat die Regierung de facto Abtreibung an eine unregulierte Industrie outgesourct."
Stichwörter: Abtreibung, Polen

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - Guardian

Jonathan Franzen will mit einem seltsam mäandernden Text einen Beweis antreten, welchen jedoch kann man nicht einmal ahnen. Er sinniert über Soziale Medien und den Essay, das Ich und das Argument, über Donald Trump und den Klimawandel, ohne etwas zu Ende zu denken. Aber er kommt immer wieder auf seinen Redakteur beim New Yorker zurück, seinen großen Lehrmeister Henry Finder: "Hier darf ich zwei Lektionen erwähnen, die ich von Henry Finder erhalten habe. Die eine lautete: Jeder Essay, auch das Denkstück, erzählt eine Geschichte. Die andere: Es gibt nur zwei Arten, sein Material zu sortieren. 'Gleiches zu Gleichem' und 'Eins folgt dem anderen'. Diese Regeln mögen selbstverständlich scheinen, aber jeder Autor eines High-School- oder College-Essays weiß, dass sie es nicht sind. Mir war vor allem nicht klar, dass ein Denkstück den Regeln des Dramas folgen sollte. Und doch: Muss nicht auch eine gute Argumentation damit beginnen, dass sie ein schwieriges Problem einführt? Und bietet sie dann nicht mit starken Thesen einen Ausweg an, stellt Hindernisse in Form von Einwänden und Gegenargumenten in den Weg und führt uns nach etlichen Wendungen zu einem befriedigenden Schluss?"

Andy Beckett erinnert daran, wie die labour-Linken Jeremy Corbyn, Diane Abbott und John McDonnell dreißig Jahre lang als verrückte Außenseiter verlacht und geschmäht wurden und noch im Jahr 2015 für die verlorene Sache vor einem Publikum von fünf Leuten stritten.

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - Guardian

Der Autor Emmanuel Carrère ist mit Emmanuel Macron in die Karibik gereist, wo der Präsident die vom Hurrikan verwüsteten Überseegebiete Frankreichs besuchte. Einmal in Jupiters Orbit, kann man sich ihm kaum noch entziehen, lernt der Schriftsteller: "Es taucht eine verärgerte Frau namens Lila auf, verstellt ihm den Weg und beschuldigt ihn, sich keinen Deut um das Leid der Opfer zu scheren und nur hier zu sein, um vor den Fernsehkameras eine gute Figur zu machen, mit seinem gebügelten Hemd und seiner Krawatte, die nicht nach viel aussieht, aber ein Vermögen gekostet haben muss. Sie tritt so vehement auf, dass die Inselbewohner um sie herum zu murren beginnen, so könne sie doch nicht mit dem Präsidenten reden. Jeder andere hätte seinen Vorteil aus der Situation gezogen und gesagt: 'Sehen Sie, die Leute sind auf meiner Seite.' Nicht Macron. Für ihn ist Lila eine Herausforderung. Er nimmt ihre Hand, und sein Gesicht teilt sich in zwei. Ich habe schon oft gesehen, wie er das macht: die rechte Hälfte, mit gerunzelter Braue, ist entschlossen, ernst, fast streng und macht den Eindruck, dass alles, was er tut, im Angesicht der Geschichte geschieht. Die linke Hälfte ist herzlich, optimistisch, ein wenig verschmitzt und sagt, jetzt ist er hier, jetzt wird alles gut. Fünf, zehn Minuten lässt er Lilas Zorn über sich ergehen. Er hat einen Zeitplan, sein Team drängt zur Eile, sorgt sich um Verspätung - und sie werden sich verspäten, wie immer. Doch er hat alle Zeit der Welt: Er ist ja der Boss. Die Frage ist, ob er oder ob Lila gewinnen wird, die nun selbstsicher verkündet: 'Ich kann ganz schön nerven.' Woraufhin er mit dem charmantesten Lächeln antwortet: 'Das ist mir nicht entgangen.' Nicht schlecht. Sie grinst, sie wird klein beigeben, sie gibt klein bei. Dann im letzten Moment, als sie zum Abschied die Hände schütteln, überlegt sie es sich anders und ruft: 'Lassen sie meine Hand los. Lassen Sie meine verdammte Hand los.' Für mich war das wie der verzweifelte Versuch, an ihrem Ärger festzuhalten - an ihrer Integrität. Und dem hypnotischen Griff des Präsidenten zu entkommen, seiner Überzeugungskraft, die dem Rattenfänger von Hameln gleicht, seiner geradezu Furcht erregenden Verführungskunst."

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Guardian

Im Silicon Valley mehren sich die Aussteiger, Refuseniks oder Dissididenten unter den Programmierern, die offline gehen, berichtet Paul Lewis. Sie warnen vor einem Internet, das nach den Bedürfnissen der Werbeindustrie umgebaut wurde (wozu die jetzigen Kritiker massiv beigetragen haben) und dabei vor allem auf psychologische Manipulation setzt. Zu den Dissidenten gehören der Google-Entwickler Tristan Harris, der Erfinder des Pull-to-refresh Loren Brichter, die Facebook-Managerin Leah Pearlman und Justin Rosenstein, der mit seinem Like-Button einst ein "paar Bites Positivität" in die Welt schicken wollte. Heute sorgt sich Rosenstein um den Geisteszustand von Menschen, die im Durchschnitt 2.617 Mal am Tag über ihr Smartphone wischen: "'Darüber zu sprechen ist gerade für uns wichtig, denn wir sind vielleicht die letzte Generation, die sich an ein Leben vorher erinnern können, sagt Rosenstein.' Es mag eine Rolle spielen, dass Rosenstein, Pearlman und die meisten Tech-Insider, die heute die Aufmerksamkeitsökonomie in Frage stellen, in ihren Dreißigern sind, Mitglieder der letzten Generation, die sich an eine Welt erinnert, in der Telefone in die Wand gesteckt wurden. Es ist jedoch auf jeden Fall bezeichnend, dass sich diese jungen Technologen ihre eigenen Produkte abgewöhnen und ihre Kinder im Silicon Valley auf Elite-Schulen schicken, in denen Iphones, Ipads und sogar Laptops verboten sind. Sie scheinen eine Lehre von Biggie Small über die Gefahren des Crack-Dealens zu beherzigen: 'Never get high on your own supply.'"

Magazinrundschau vom 26.09.2017 - Guardian

Nationalismus muss nicht hässlich, fremdenfeindlich und selbstmitleidig sein, es gibt ihn auch als zivile Version, freiheitlich, modern und offen, meint Neal Ascherson und stellt sich hinter die katalanischen Separatisten: "Katalonien gehört zu einer besonderen europäischen Kategorie, und das ist der Nationalismus der Peripherie, die sich selbst für viel entwickelter hält als die zentralen Metropolen. Die Tschechen mit ihrem Präzisionshandwerk blickten voller Snobismus auf das alte Wien hinab. Die viktorianischen Schotten dachten ähnlich über die ungebildeten, unterwürfigen Engländer. Die wohlhabenden Katalanen glauben, dass die drögen, frommen Kastilier sie nur belasten. Die Frage ist also nicht, warum es so viele Nationalstaaten gibt, sondern warum so wenig. Schließlich gibt es geschätzt wahrscheinlich sechs- bis achttausend ethnisch-linguistisch identifizierbare Populationen auf dem Planeten. Gestellt hat sie zum ersten Mal in den achtziger Jahren Ernest Gellner, der Vater des erwachsenen Nachdenkens über Nationalismus. Heute gibt es nicht einmal zweihundert Nationalstaaten, Tendenz steigend. Gellner sagte auch, dass der Nationalismus die Nationen hervorbringe, nicht umgekehrt." (In der LRB hält Giles Tremlett dagegen Kataloniens drohende Unabhängigkeitserklärung "eher für einen theatralischen Akt als für einen realen".)

Weiteres: Chris Renwick erinnert daran, wie hart der Wohlfahrtsstaat erkämpft werden musste, der jetzt so eifrig in Großbritannien abgebaut wird: Laut offizieller Statistik haben 900.000 Arbeiter Jobs mit einem Null-Stunden-Vertrag. Diese Menschen wissen am Anfang ihrer Woche nicht, wie viel Arbeit und wie viel Geld sie bekommen werden. Informelle und gelegentliche Beschäftigung erklärt auch, warum die britischen Arbeitslosenzahlen seit dem Finanzcrash von 2008 nicht in die Höhe geschnellt sind." Außerdem bringt der Guardian einen Auszug aus Franklin Foers Buch "World Without Mind", in dem der ehemalige Chefredakteur der New Republic mit Mark Zuckerberg abrechnet.

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - Guardian

Bisher macht das kleine Luxemburg sein Geld vor allem als Steueroase, jetzt aber, berichtet Atossa Araxia Abrahamian, setzt es auf eine neue Geschäftsidee: Die Ausbeutung des Weltalls. Zusammen mit der Firma Planetary Resources erforschen die Luxemburger die Möglichkeit, aus Asteroiden Rohstoffe zu gewinnen: "Da Firmen wie Planetary Resources auf das kosmische Landgrabbing vorbereiten, bietet Luxemburg seinen winzigen terrestrischen Sitz, um den Kapitalismus ins Weltall zu katapultieren. Früher war das All eine Arena für große nationale Erkundungen, für private Unternehmen ohne staatliche Rückendeckung war sie zu kostspielig, zu komplex und gefährlich. Aber jetzt stoßen private Firmen dazu und werfen Fragen auf, die bis vor kurzem nur hypothetische oder reine Gedankenexperimente waren: Wer darf Anspruch anmelden auf einen Asteroiden und das in ihm steckende Vermögen? Sollte das Weltall dem Wohl 'der gesamten Menschheit' dienen, wie es in den internationalen Verträgen der sechziger Jahre festgeschrieben wurde? Oder ist solcher Idealismus veraltet? Wie bemisst man den Nutzen? Und funktioniert der Trickle-Down-Effekt auch in der Schwerelosigkeit?"

Weiteres: Zu lesen ist außerdem ein Auszug aus Helen Epsteins Buch "Another Fine Mess", das der von Uganda aus operierenden Tutsi-Armee RPF eine Mitverantwortung am Genozid von 1994 in Ruanda zu belegen versucht. Oona A Hathaway and Scott J Shapiro zeichnen nach, wie das Verbot, einen Angriffskrieg zu führen, mehr und mehr aufgeweicht wird.

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - Guardian

Unfassbar, wie unangreifbar sich die britische Aristokratie gemacht hat. Pochen auf ihren Sitz im Oberhaus und gehen nicht mal zu den Sitzungen. Chris Bryant rechnet vor, wie die Herren und Damen Großgrundbesitzer Millionen von EU-Geldern für sich abstauben, aber nicht mal richtig Steuern auf ihren über Jahrhunderte zusammengeklaubten Besitz zahlen. Ein Drittel des Landes gehört ihnen, in Schottland sogar die Hälfte: "Viele der älteren Ländereien gehören zu den vornehmsten und wertvollsten der Welt. Abgesehen von seinen 390 Quadratkilometer Wald, dem hundert Quadratkilometer großen Anwesen Abbeystead in Lancashire und dem 50 Quadratkilometer großen Eaton in Cheshire besitzt der Herzog von Westminster in London große Teile von Mayfair und Belgravia. Earl Cadogan gehören Teile des Cadogan Square, der Sloane Street und der Kings Road, der Marquis von Northampton ein Quadratkilometer in Clerkenwell und Canonbury, die Familie des Barons Howard de Walden hält den Großteil der Harley Street und der Marylebone High Street. Die Besitztümer gehören zu den einträglichsten der Welt. Es hat sich wenig geändert sein 1925, als der Journalist WB Northrop eine Postkarte veröffentlichte, auf welcher der Krake des Grundbesitzes seine Tentakel über London streckte."

In einem - allerdings schon älteren - Artikel aus dem Evening Standard erfährt man, was die Herren 2004 so wert waren (inzwischen sind sie sicher noch reicher). Earl Cadogan zum Beispiel 1,275 Milliarden Pfund (eineinhalb Milliarden Euro). Der Mann kann im teuersten Viertel der teuersten Stadt der Welt zu Fuß vom Sloane Square zu Harrod's gehen - das sind laut Google 11 Minuten - ohne seinen eigenen Grund und Boden zu verlassen.

Weiteres: Helen Macdonald schreibt zudem über Vogelnester, die für sie ein Sinnbild geworden sind, wie wir "die Landschaft zwischen Kopf und Auge, Herz und Hand halten".

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - Guardian

25 Jahre nach Dianas Tod versucht sich Autorin Hilary Mantel noch immer ein Bild von der Prinzessinnen-Ikone zu machen, Mythos und Wirklichkeit unter einen Hut zu bringen: Glaubte Diana, mit Delphinen zu schwimmen, als sie unter die Haie geriet?  "Nach der Hochzeit besaß sie eine Macht, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Sie hatte Anbetung erwartet, aber im Privaten: Von ihrem Prinz bewundert werden, von ihren Untertanen respektiert und geachtet. Sie ahnte nicht, wie unersättlich die Öffentlichkeit werden würde, wenn der Hunger nach ihr erst einmal durch die Medien und ihr eigenes Taktieren angestachelt sein würde. In ihren Kreisen gab es niemanden, der einen verlässlichen Draht zur Wirklichkeit hatte - nur Leute, die durch Berufung Fantasten waren, das Sentiment hochhielten, die infantilen Bedürfnissen des Landes ausbeuteten und Geschichte gleichsetzen mit der Geschichte einiger adliger Familien. Sie wusste genau, wie sie in die Rolle der Prinzessin passte und wie wenig in jede andere. Aber sie besaß kein Gespür für die reelle Geschichte, in die sie nun eingebettet war oder die Wucht jener Kräfte, die sie in Bewegung setzte. Zunächst sagte sie noch, sie habe Angst vor den Menschenmengen, die sich versammelten, um sie zu bewundern. Dann begann sie, sie zu füttern."

Salman Rushdies neuer Roman "The Golden House" beginnt mit der Ära Obama und endet mit Donald Trump. Im Gespräch mit Emma Brockes muss Rushdie gestehen, dass die politische Katastrophe literarisch sehr ergiebig ist. Allerdings sieht Rushdie in Trump weniger Grund als Symptom für die Krise, wie Brockes lernt: "Durch die Verortung des Romans in den Jahren vor Trump, schuf er nicht nur eine Elegie auf Präsident Obama, sondern zeigt gleichzeitig, dass Trump nicht einfach aus einem Vakuum entstanden ist. 'Einer der Gründe, warum ich dieses Buch schreiben konnte, war der, dass vieles von dem, was Trump verkörpert und entfesselt hat, bei genauem Hinsehen, schon vor ihm da war, etwas, was auch bei seiner Niederlage nicht zerstört worden wäre. Wenn man einmal den Korken aus der Flasche zieht, fliegen die Dinge nach draußen."

Magazinrundschau vom 29.08.2017 - Guardian

Die Schriftstellerin Dina Nayeri, selbst als Tochter einer evangelikalen Christin im Iran aufgewachsen, beschreibt, wie apokalyptisches Denken und  politischer Nihilismus das Land untergraben. Wer seine Zukunft kennt, braucht sie nicht zu gestalten: "Es gibt keinen Grund, vorzusorgen, den Klimawandel aufzuhalten, Frieden zu zu sichern - denn Kriege, Hunger und Katastrophen sind vorherbestimmt und daher unvermeidbar. Wenn Statistiken zeigen, dass die Gewalt in den USA abnimmt, dann sagen sie: 'Ja, aber nur pro Kopf!' Insgesamt geht sie rauf, wie es die Bibel vorhersagt.' Wenn ein Politiker zu geschickt agiert, zu freundlich gegenüber den Liberalen, dann ist er ein Kandidat für den Antichrist - den Herrscher der gottlosen Welt nach der Entrückung. König Juan Carlos von Spanien war ein Kandidat, wie es auch JFK und sogar Ronald Reagan waren. In ihren Gesprächen zählten die Leute die Zeichen und wurden umso atemloser, je mehr die Liste anwuchs: Der Golfkrieg, Hurrikan Andrew, das Erdbeben in Kobe, der Monsun in Pakistan, Fluten in China, Tornados in Oklahoma, Blizzards in Boston. Sie redeten über den Niedergang der Familienwerte und des 'natürlichen' Lebens: Abtreibung, schwule Soldaten und den Hang junger Leute, in Sünde zu leben - alles waren Zeichen für das Nahen der Großen Trübsal."

Die Schriftstellerin Rebecca Solnit hängt in einem Essay dem Gedanken nach, wie es wäre, ein Mann zu sein. Wie kann man als Mann die Erwartung, die an einen gerichtet sind, erfüllen? Oder besser noch: unterlaufen? "Es gibt so viele Dinge, die Männer nicht sagen, fühlen oder tun sollen; immer wird darauf geachtet, dass gerade Jungen nichts tun, was gegen die Gepflogenheiten der heterosexuellen Männlichkeit verstößt; für die pubertären Jungen, für die es  immer noch die schlimmste aller Beleidigungen ist, schwul oder verweichlicht zu sein - also nicht heterosexuell oder männlich. In den siebziger Jahren dachten einige Männer darüber nach, wie ihre eigene Befreiung parallel zu jener der Frauen aussehen könnte. Es gab eine Demonstration, auf der Typen ein Schild hochhielten mit der Aufschrift: Männer sind mehr als bloße Erfolgsobjekte."

Und Autor Stuart Kells freut sich zudem, dass er jetzt auch in den ehrwürdigsten Bibliotheken Pulp zu lesen bekommt.

Magazinrundschau vom 22.08.2017 - Guardian

Der Guardian übernimmt einen Text des syrischen Autors Khaled Khalifa aus der Anthologie "Refugees Worldwide", einem Projekt des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Khalifa blickt auf die große Fluchtbewegung aus der Sicht eines Dagebliebenen: "2013 und 2014 organisierten wir in Damaskus gruppenweise Abschiedsfeiern für die Freunde, die ins Unbekannte aufbrachen. Wir diskutierten nicht mehr über Möglichkeiten und gaben ihnen auch keine Tipps für Städte, die wir kannten. Das Land zu verlassen wurde zu einer Epidemie, die alle ergriff. Die Orte leerten sich, alles veränderte sich ungeheuer schnell. Die Straßen lagen verlassen da, die Fenster waren verdunkelt und die Telefone stillgelegt. Alles zeugte von Zusammenbruch. Jeder spürte ihn. Mich überkam ein überwältigendes Gefühl des Verlusts, alle meine Freunde gingen weg, und ich konnte nichts tun. Während alle anderen das Land verließen, war ich damit beschäftigt zu überleben. Wir dachten nicht länger darüber nach, wer alles gehen könnte. Die Fragen hatten sich geändert zu: 'Wann geht Ihr?' oder 'Warum seid Ihr noch da?'."

Neoliberalismus ist übrigens kein linker Kampfbegriff, sekundiert Stephen Metcalf im Guardian, sondern eine ökonomische Realität, wie auch der IWF einräumt. Vor allem aber ist er ein Denkschema: "Neoliberalismus ist nicht nur die Bezeichnung für eine Politik, die mehr Markt will, oder für die Kompromisse mit dem Finanzkapitalismus, die schächelnde Sozialdemokraten eingehen. Neoliberalismus bezeichnet die Prämisse, die unmerklich zur Leitlinie all unseres Denkens und Tuns geworden ist: Dass Wettbewerb das einzig legitime Organisationprinzip menschlichen Handelns sei."
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