Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

316 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 32

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - Guardian

Hierzulande erscheint die anti-israelische BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestment, Sanktionen) als nervende Splittergruppe, doch in einem großen Report macht Nathan Thrall klar, wie sehr die Kampagne seit ihrer Gründung im Jahr 2005 das gesamte Koordinatensystem im Nahost-Konflikt verändert hat. Nur fürs Erste: "Seit ihrer Gründung vor dreizehn Jahren dürfte sie sich so viele Feinde gemacht haben wie Israelis und Palästinenser zusammen. Sie hat die arabischen Staaten dran gehindert, ihren eigenen jahrzehntelangen Boykott aufzugeben. Sie hat die palästinensische Autonomiebehörde beschämt, indem sie deren Zusammenarbeit mit Israels Armee anprangerte. Sie hat die PLO verärgert, weil sie ihr die Position als internationale Vertreterin der Palästinenser streitig machte. Sie hat den Zorn der israelischen Regierung entfacht, weil sie sie zu einer Aussätzigen unter Liberalen und Progressiven verwandelte. Sie hat die Reste des israelischen Friedenslagers zur Verzweiflung gebracht, indem sie die Palästinenser vom Kampf gegen die Besatzung zu einem gegen Apartheid trieb. Sie hat bei der israelischen Regierung eine solch antidemokratische Gegenkampagne provoziert, dass Israels Liberale um die Zukunft ihres Landes fürchten. Und sie hat den europäischen Geberländern Kopfzerbrechen bereitet, die von Israel gedrängt werden, in den palästinensischen Gebieten nicht mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die BDS unterstützen, was unmöglich ist, da dies fast alle zivilgesellschaftlichen Gruppen tun... Die Kampagne hat Filmfestivals erschüttert, Konzerte und Ausstellung auf der ganzen Welt. Sie hat palästinensische Künstler verärgert, die mit israelischen Institutionen zusammenarbeiten, und ihnen vorgeworfen, Israels Menschenrechtsverletzungen zu übertünchen. In Britannien hat BDS Gerichte und Stadträte in Aufruhr versetzt. In den USA hat BDS zwei Dutzend Bundesstaaten dazu verleitet, Gesetze zu erlassen, die einen Israel-Boykott unter Strafe stellen, und damit Israels Verbündete in die Falle gelockt, gegen die Anwälte der Meinungsfreiheit wie die ACLU vorzugehen. Es hat die Liberalen zu einer stärkeren Unterstützung der Palästinenser gebracht und Israel zu einer strittigen Angelegenheit gemacht, die mittlerweile weniger mit den Demokraten und anderen Progressiven verbunden scheint als mit Trump, den Evangelikalen und der äußersten Rechten."

Weiteres: Chris McGreal berichtet, wie sich die Discounter-Kette Dollar General vor allem in sterbenden und total verarmten Regionen breitmacht, indem sie Städte und Gemeinden finanziell brutal unter Druck setzt: Derzeit eröffnet Dollar General in den USA drei Läden pro Tag." Schriftsteller Khaled Hosseini fürchtet unsere Nachrichten-Fatigue angesichts des anhaltenden Flüchtlingssterbens im Mittelmeer.

Magazinrundschau vom 14.08.2018 - Guardian

Alexander Stille blickt nach Italien, das der alerte Lega-Chef und Innenminister Matteo Salvini mit wohldosierten Provokationen auf Facebook und gut platzierten Auftritten an den Brennpunkten des Landes immer weiter nach rechts rückt. Man erkennt aber, warum Salvinis Kombination aus nationaler und sozialer Politik einschlägt, auch durch Stilles Gegenargumentation: "Die Emigration junger Italiener ist das Ergebnis einer langen Periode der wirtschaftlichen Stagnation. In den frühen neunziger Jahren war Italiens Ökonomie so groß wie die Britanniens. Jetzt ist sie 26 Prozent kleiner, und Italiens BIP ist zehn Prozent kleiner als vor dem Crash von 2008. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei über zehn Prozent, bei Jugendlichen über dreißig Prozent. Rund zwei Millionen junge Menschen - die meisten von ihnen gut ausgebildet - haben das Land in den vergangenen zehn Jahren verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen. Renzis Mitte-links-Regierung verabschiedete ein Gesetz, das Arbeit schaffen sollte, indem es Arbeitgebern mehr Flexibilität beim Heuern und Feuern gab. Das wirkte sich nur gering auf die Beschäftigung aus, erhöhte aber die Zahl junger Menschen, die befristet und oft mit geringeren Gehältern eingestellt wurden. Viele junge Italiener leben bis über dreißig bei ihren Eltern, ökonomisch zu wenig abgesichert, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. 'Man braucht eine bestimmte Sicherheit, um eine Familie zu gründen', sagt Massimo Garavaglia, Senator der Lega und Finanzstaatssekretär in der neuen Koalitionsregierung. Während die Regierung Boote voller Flüchtlinge aus Nordafrika stoppt und damit ein emotionales Bedürfnis nach Ordnung befriedigt, ändert sie nichts an der grundsätzlichen demografischen Arithmetik, derzufolge Italien ein gesundes Maß an Immigration braucht um zu überleben. Im letzten Jahr starben 664.000 Italiener, während 464.000 italienische Babies geboren wurden - 100.000 von ihnen in Familien mit nur einem italienischen Elternteil. Wenn das Land seine gegenwärtige Bevölkerung von 60 Millionen aufrechterhalten will und genug Leute haben, die ihre Rentenkasse flüssig halten, dann muss es seine Bevölkerung vergrößern. Die meisten von Italiens Immigranten sind jung, kommen legal ins Land, arbeiten und zahlen Steuern."

Magazinrundschau vom 24.07.2018 - Guardian

Anlässlich des 200. Geburtstages von Emily Brontë nimmt Kathryn Hughes in einem Artikel den Kult um die Dichterin gründlich auseinander, deren "Wuthering Heights" sie kaum zu Ende lesen konnte, und Brontës Feminismus gleich mit. Die sympathisierte ja mit den Torys! "Die selbstsüchtige, pragmatische und moralisch indifferente Brontë ist nicht diejene, die demnächst gefeiert werden wird. … Brontë ist nicht auf unserer Seite, würden wir sie treffen, wir würden sie nicht mögen. Und genau darum geht es. Wir sollten die stürmische Jungfrau der Moore Emily Brontë ersetzen durch die skrupellos sich selbstdefinierende Künstlerin Emily Brontë. Ich verachte ihre Kunst. Gleich wie viele Umfragen sie gewinnt, gleich wie viele Kritiker auf der cleveren Machart des Romans herumreiten, nichts wird mich davon überzeugen, dass 'Wuthering Heights' mehr ist als heiße Luft. Der Umstand jedoch, dass es den Text überhaupt gibt, geschrieben unter widrigen Bedingungen von einer Frau, die in der Überzeugung lebte, das Recht zu haben, ihn zu schreiben, hat eine gewisse Größe. Emily Brontë ist die Schirmherrin aller schwierigen Frauen. Allein dafür gebührt ihr Anerkennung, wenngleich widerwillige und mit Abstand."

Joshua Keating beschreibt in einer Reportage den Traum des - zu Somalia gehörenden - Somalilands von der Unabhängigkeit: "Selbst unter den nicht anerkannten Staaten ist Somaliland ein Sonderfall - es ist sowohl völlig unabhängig als auch politisch völlig isoliert. Im Gegensatz zum Südsudan vor seiner Unabhängigkeit beruht der Anspruch Somalilands auf Staatlichkeit nicht auf einer Neuordnung der kolonialen Grenzen, sondern auf dem Versuch, diese wiederherzustellen. Im Gegensatz zu Taiwan ist es nicht an ein reicheres, mächtigeres, sondern an ein ärmeres, schwächeres Land gefesselt. Im Gegensatz zu Palästina ist sein Streben nach Unabhängigkeit keine Herzensangelegenheit für Aktivisten auf der ganzen Welt.

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - Guardian

An einer scheinbar kleinen Geschichte zeigt Matthew Luxmoore das Ausmaß nationalistischen Furors in Polen: Luxmoore erzählt vom Schicksal der kommunistischen "Dankbarkeitsdenkmäler", die überall in Polen nach dem Krieg errichtet wurden, und des unentwegten Kommunisten Jerzy Tyc der geduldig ein Denkmal nach dem anderen restaurieren will, während die PiS-Partei genau die gegenteilige Politik betreibt und ein Denkmal nach dem anderen abreißen lässt. Das führt regelmäßig zu Szenen mit Schaulustigen, die das traurige Ende dieser Denkmäler, die auch Male einer Besatzung und eines totalitären Regimes waren, auf Handys festhalten. "In diesem November wird Polen die Hundertjahrfeier seiner Wiedergeburt als eigenständiger Staat im Jahr 1918 feiern, der auf mehr als ein Jahrhundert der Teilung durch imperiale Mächte folgte. Die PiS-Partei will einen neuen polnischen Staat verkörpern, der von allen Relikten kommunistischer Herrschaft gereinigt ist und setzt nun eine ganze Reihe antisowjetischer Helden auf die Sockel. Russland ist erregt. Es beschuldigt Polen, gemeinsame Kooperationsabkommen zu brechen, die in den 1990er Jahren geschlossen wurden und die auch den Schutz und die Erhaltung historischer Stätten einschlossen. Aber während der Kreml mit Vergeltung droht, macht die PiS-Partei unverdrossen weiter."
Stichwörter: Polen, Geschichtspolitik

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - Guardian

Für Daniel Bessner bleibt die große Frage, ob eine offene Gesellschaft überhaupt möglich ist, wenn einige Personen so reich werden wie George Soros. Aber jenseits dieses grundsätzlichen Problems, steht für Bessner fest, dass Soros das Beste ist, was die Meritokratie je hervorgebracht hat. Kein Wunder, dass sich die Rechtspopulisten in Ungarn, aber auch die amerikanischen Alt-Righter auf ihn eingeschossen haben. Dabei verbucht Soros das Scheitern der osteuropäischen Demokratien auf dem Konto des Westens: "Seit den Neunziger erklärte er das Aufkommen der Kleptokratie und des Hypernationalismus im früheren Ostblock mit dem mangelnden politischen Willen und der fehlenden Vision des Westens. 'Demokratien', beklagte er 1995, 'leiden unter einem Mangel an Werten ... Sie sind notorisch unwillig, irgendetwas auf sich zu nehmen, solange nicht elementare Eigeninteressen berührt sind.' Für Soros hat der Westen in einer epochalen Aufgabe versagt und dabei Unfähigkeit und Kurzsichtigkeit bewiesen. Aber es war nicht nur der Mangel an Willen, aus dem sich der Westen in jenem Moment zurückhielt. In der Ära der Schocktherapie strömte westlichen Kapital nach Osteuropa - aber dieses Kapital wurde vor allem in die private Industrie investiert, und nicht in demokratische Institutionen oder Graswurzel-Organisationen, was den Kleptokraten und Antidemokraten half, die Macht zu erringen und zu bewahren. Soros erfasste das Hauptproblem, aber er konnte nicht verstehen, wie eben die Logik des Kapitalismus, der Profit über alles stellt, zwangsläufig sein demokratisches Projekt gefährdete."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Guardian

Der britische Kunstmarkt ist etlichen peinlichen Fälschungen aufgesessen, etliche Werke stammen aus der Sammlung des Franzosen Giuliano Ruffini, der etwa einen unechten Lucas Cranach an den Fürsten von Liechtenstein verhökerte, wie Samanth Subramanian in einer spannenden Geschichte über Kunstdetektive erzählt: "Am meisten irritierte an den mutmaßlichen Fälschungen, die Ruffini verkaufte, wie viel Leute auf sie reingefallen sind. Die National Gallery in London stellte ein kleines Ölgemälde aus, das man für ein Werk des Künstlers Orazio Gentileschi aus dem 16. Jahrhundert hielt - ein kampfesmüder David, auf einem strahlend blauen Stück Himmel aus Lapislazuli. Das Porträt eines Edelmanns vor schlammigem Hintergrund wurde 2011 von Sotheby's an einem privaten Sammler als ein Frans Hals verkauft; der Käufer zahlte 8,5 Millionen Pfund. Sotheby's verkaufte auch ein Ölgemälde mit dem Heiligen Hieronymus, Parmigiano zugeschrieben, in einer Auktion 2012 für 842.500 Dollar. Auf Vorsicht bedacht gab der Katalog nur an, dass das Werk aus dem Umkreis von Parmigiano stammte - womit gesagt wird, dass es von einem Künstler stammt, der von Parmigiano beeinflusst war, oder von einem seiner Schüler. Aber der Katalog zitierte auch einige Experten, die glaubten, es stamme von Parmigiano selbst. Die Arbeiten waren voll von einschlägigen, kleinster Details. Auf Hieronymus' Arm zum Beispiel erschienen Dutzende von leichten horizontalen Rissen, die hin und wieder von einem kräftigeren vertikalen Bruch gekreuzt wurden. Auf französischen Leinwänden aus dem 18. Jahrhundert breiten sich die Risse in der Farbe wie ein Spinnennetz aus; auf flämischen Stoffen wie Baumrinde. Bei italienischen Gemälden der Renaissance ähnelt das Muster unsauberem Mauerwerk. Auf dem Heiligen Hieronymus passten die Risse perfekt. Professor David Ekserdjian, einer der wenigen Kunsthistoriker, die den Parmigiano anzweifelte, sagte, er habe einfach nicht das Kribbeln des Wiedererkennens gespürt, das Fachleute für sich als besondere Gabe reklamieren: Die Intimität mit einem Künstler, die sie mit der Fähigkeit vergleichen, in einer großen Menge einen Freund zu erkennen. 'Aber offen gestanden habe ich nicht auf das Bild geblickt und gesagt: Oh, das ist eine Fälschung.'"

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - Guardian

Kaum zu glauben, dass die Briten den Oligarchen und Putin-Freund Roman Abramowitsch aus dem Land werfen. Dabei hat die britische Politik jahrzehntelang russische Oligarchen und ihr Geld freudig aufgenommen, erinnert Oliver Bullough in einem langen Report. Mit seiner Recherche will er auch die Scharte auswetzen, dass er, der Experte auf diesem Gebiet, vor dem Foreign Policy Committee nicht sagen konnte, wieviel schmutziges Geld nun wirklich ins Land geflossen sei - es kommt einfach über zu viele und zu verdeckte Kanäle. Aber dass es nicht nur 25 Milliarden Pfund sind, wie offiziell angegeben, sondern eher mehrere hundert Milliarden, hält er für sicher. Das Geld wird selten investiert, weiß Bullough, sondern für Goldene Visa und Privatschulen ausgegeben, für Luxusgüter, Immobilien und Yachten. Warum London bis jetzt nichts gegen die Geldwäsche unternommen hat, erklärt Bullough der Banker Bill Bowder, der selbst vergeblich einen Prozess angestrengt hatte: "Er schlussfolgerte, dass zu viele einflussreiche Briten - Anwälte, Banker, Finanzberater, Immobilienmakler - von russischem Geld abhängig geworden waren. 'Wenn die Geldströme gestoppt worden wären', sagte er 2016, 'hätten gewisse Leute ihren Lebensunterhalt verloren, und ich denke, das waren Leute mit politischem Gewicht in diesem Land'. Viele britische Institutionen haben auch Spenden von wohlhabenden russischen Geschäftsleuten akzeptiert. Sadiq Khans City Hall von Elena Baturina, deren Mann Bürgermeister von Moskau war; die Konservative Partei von Ljubow Tschernuchin, deren Mann einst Putins Minister war und die 160.00 Pfund dafür zahlen, um mit Boris Johnson und David Cameron Tennis zu spielen." Zum Gebaren britischer Anwälte mit russischen Klienten hat auch Nick Cohen in einem Kommentar einiges zu sagen.

Weiteres: In einem weiteren Text nehmen Carls Rhodes und Peter Bloom den Philanthrokapitalismus amerikanischer Superreicher unter die Lupe.

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Guardian

Die #MeToo-Bewegung hat die Unterschiede zwischen den beiden großen Fraktionen des Feminismus zutage treten lassen, meint Moria Donegan, die etwas polemisch, aber immerhin mit historischer Perspektive den individualistischen vom sozialen Feminismus unterscheidet: Auf der einen Seite stehen die Frauen, die sich in der Männergesellschaft allein durchboxen wollen, auf der anderen Seite stehen die wagemutigen Visionärinnen, die für alle gemeinsam kämpfen: "Es ist eine alte Debatte: Soll der Feminissmus darauf zielen, die Gesellschaft zu verändern, oder Frauen wappnen, in der bestehenden besser klarzukommen? Aber warum wird dieser Konflikt als einer zwischen Generationen beschrieben, wenn es doch klar ist, dass die beiden feministischen Sichtweisen seit Jahrzehnten miteinander im Clinch liegen? Zum Teil liegt das natürlich an Altersfeindlichkeit und mangelnder Neugier - die reflexartige Unterstellung, die Alten seien zu zahm und die Jungen zu rücksichtslos. Und es gibt die Vorstellung, die von allen politischen Denkweisen nur dem Feminismus eigen ist, dass er als soziale Bewegung in diskreten, kohärenten und vorübergehenden Wellen aufkommt."
Stichwörter: Feminismus, #metoo

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - Guardian

Der Guardian bringt einen Vorabdruck aus Corey Peins Recherche unter den aufstrebenden Unternehmern des Silicon Valley. Pein zog mit einer halb ausgegorenen Startup-Idee nach San Francisco und mietete bei AirBnB für 85 Dollar die Nacht zwei Quadratmeter in einem Fünf-Bett-Zimmer, das er mit Absolventen von Ivy-League-Unis teilte, die einen Service anbieten wollen, den bisher ihre Mütter kostenlos für sie erledigten: Essen bringen, Wäsche waschen, zum Training fahren. Noch schlimmer als die Zerstörung dieser Kultur durch unerwachsene Nerds findet Pein die Folgen für die Ökonomie: "Jobs von neun bis fünf mit Sozialleistungen und bezahlten Überstunden gehen vielleicht bei all der Disruption verloren, aber dafür haben wir das Internet, mit zahllosen Einzelaufträgen, und Möglichkeiten für Freie, über die Runden zu kommen, wird zu einem Videospiel: Man muss die richtigen Knöpfe drücken und bekommt sofort seine magere Belohnung. Über ein Drittel der Amerikaner arbeiten inzwischen als Freie oder kurzzeitig Beschäftigte, ihr Lebensunterhalt hängt vom Gutdünken ihrer Auftraggeber ab. Die Wahl, Unternehmer zu werden, wurde für sie getroffen. Die Zerstörung des Sozialsystems, der öffentlichen Bildung und organisierten Arbeit führte zu einem System, das man die 50-Cent-Ökonomie nennen kann und nur zwei Optionen lässt: Get rich or try dying."

Symeon Brown stellt die Wölfe von Instagram vor: Narzissten und Hochstapler wie der inzwischen berücjtigte Elijah Oyefeso, die so lange ihren Erfolg als Trader, Rich Kid oder Moneymaker vorgaukeln, bis sie so viele Follower haben, dass sie tatsächlich Kasse machen können.

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - Guardian

Im Westen zerbrechen die Nationalstaaten an einer deregulierten Finanzwirtschaft, Großmachtrivalitäten und Big Data, derweil zerfallen in der einst kolonisierten Welt die Bevölkerungen in postnationale Gruppierungen - etwa in umherstreifende Stammesmilizen, ethnische und religiöse Unterstaaten und Superstaaten, schreibt der britisch-indische Schriftsteller Rana Dasgupta in einem Essay. Für ihn ist der Nationalstaat am Ende. Dasgupta findet das nicht schade, er denkt über die Möglichkeit einer vom Staat getrennten Bürgerschaft nach, die durch Staatsbürgerschaft ererbte Privilegien aushebelt: "Wer als Finne geboren wurde, genießt einen rechtlichen Schutz und ökonomische Erwartungen, die sich stark von denen eines Somaliers oder Syrers unterscheiden. Auch die Bewegungsfreiheit eines Finnen ist eine andere. Aber in einem Weltsystem - statt einem System von Nationen -  gäbe es keine Rechtfertigung für solch radikale Unterschiede. Die Bewegungsfreiheit des Menschen ist eine notwendige Konsequenz der Bewegungsfreiheit des Kapitals: Es ist ungerecht, dass das eine sich frei bewegen darf, der andere nicht. Moderne technologische Systeme  bieten Modelle, Bürgerschaft neu zu denken, sie vom Staatsgebiet zu entkoppeln und so ihre Vorteile gerechter zu verteilen. Die Rechte und Möglichkeiten, die mit einer westlichen Bürgerschaft verknüpft sind, könnten auch in anderen Weltgegenden eingefordert werden, ohne in den Westen reisen zu müssen. Wir könnten an politischen Prozessen teilhaben, die zwar weit weg von uns stattfinden, uns aber dennoch betreffen: Wenn die Demokratie den Wählerinnen und Wählern eine gewisse Kontrolle über ihre eigenen Lebensumstände geben soll, müsste eine US-Wahl dann nicht die meisten Menschen auf der Erde einbeziehen? Wie sähe der politische Diskurs in Amerika aus, wenn er auch Wähler im Irak oder in Afghanistan befriedigen müsste?"