Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

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Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Guardian

In keinem anderen Land in Europa leben so viele Chinesen wie in Frankreich, wahrscheinlich bis zu siebenhundertausend Menschen, viele davon ohne Papiere. In einem persönlich geprägten Text beschreibt Tash Aw das Leben junger Chinesen, die inzwischen nicht nur gegen staatliche Repression opponieren, sondern auch gegen die Maxime ihrer Eltern, hart zu arbeiten und nicht aufzufallen. An der Kreuzung Quatre Chemin, an der Grenze von Aubervilliers und Pantin erzählt der 32-jährige Rui, wie er 1995 mit seinen Eltern nach Paris kam: "Bevor wir Papiere bekamen, lebten wir mit der Scham meines Vaters, ein armer Illegaler zu sein. Wir lebten ausschließlich in der chinesischen Community, die eigentlich eine Wenzhou Community ist. Einige haben Papiere, viele nicht. Es gab eine klare Hierarchie zwischen Legalen und Illegalen. In jenen Tagen hatten nicht viele von uns einen Reisepass, Franzosen zu heiraten war das große Los, als hätte man sich Bill Gates oder Hillary Clinton geangelt - das Privilegierteste auf der Welt. Mein Vater war das genaue Gegenteil. Er arbeitete in den niedrigsten Scheißjobs, als Tellerwäscher in chinesischen Restaurants und so. Ich spürte seine Scham jedes Mal, wenn er mit jemanden sprach. Ich konnte es in seiner Stimme hören, er fühlte sich von der Welt niedergewalzt. Warum?, fragte ich mich. Warum müssen wir mit dieser Scham leben? Nachts weinte ich mich in den Schlaf. Als Illegale waren meine Eltern gezwungen, ihre Position auf der untersten Stufe zu akzeptieren, und ihre Minderwertigkeitsgefühl bestimmte mein Leben von klein auf. Jedes Mal wenn meine Eltern das Haus verließen, nahmen sie mich mit: 'In Frankreich verhaftet einen die Polizei nicht, wenn man ein Kind dabei hat, sagten sie immer."

Magazinrundschau vom 28.10.2019 - Guardian

Ivan Krastev und Stephen Holmes erklären sich den Illiberalismus in Osteuropa - wie kürzlich schon Timothy Garton Ash in der New York Review of Books - vor allem mit der enormen Emigration, die Länder wie Polen, Ungarn oder Lettland aushalten müssen und mit einer panischen Angst vor dem demografischen Kollaps. "Die ganze Diskussion bringt uns zur Kernidee des gegenwärtigen Illiberalismus. Entgegen vieler Annahmen, richtet sich der Zorn der Populisten weniger gegen den Multikulturalismus als gegen Individualismus und Kosmopolitismus. Das ist ein wichtiger Punkt, denn wenn er stimmen sollte, kann der Populismus nicht bekämpft werden, indem wir zugunsten des kosmopolitischen Individuums die Idee des Multikulturalismus aufgeben. Für die Verfechter der illiberalen Demokratie in Ost- und Mitteleuropa liegt die größte Gefahr für das Überleben der weißen christlichen Mehrheit in der Unfähigkeit der westlichen Gesellschaft, sich selbst zu verteidigen. Sie sind unfähig dazu, weil der herrschende Individualismus sie blind macht für die drohenden Gefahren."

Weiteres: Lisa Allardice unterhält sich mit Julian Barnes, dessen neuer Roman "The Man in the Red Coat" gerade erscheint, über den Brexit und die englische Elite. Patrick Barkham will dem allseits verehrten Naturfilmer David Attenborough die lange Ignoranz gegenüber dem Klimawandel nicht so leicht durchgehen lassen.

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - Guardian

In dieser Woche eröffnet in London der erste Ableger von Audrey Gelmans exklusivem amerikanischen Frauenclub The Wing, der gern und viel von sich reden macht, aber natürlich nicht jede Frau hereinlässt. Linda Kinstler hat sich die amerikanischen Klubs des Unternehmens angesehen, die der Verbreitung von Karriere-Netzwerken, Frauenrechtsliteratur und feministischen Stickern dienen. Wohlfühlen mochte sie sich dort nicht: "Ein Raum nur für Frauen hat etwas Schönes und Machtvolles, sogar Alchemistisches. Für einige Frauen ist es ein Ort, an dem sie Unterstützung, Freundschaft und Inspiration finden, wo sie sich für nichts entschuldigen müssen, wo ihnen nichts gestohlen und nichts in die Drinks geträufelt wird. Bei allen Ablegern gibt es Räume, in denen junge Mütter stillen können, bei zweien Kinderbetreuung. Jeder Flügel bietet zudem einen luxuriösen Kosmetik-Raum mit einer breiten Palette von Hairstyling- und Make-up-Produkten. Diese Kosmetikräume sind, wie mir Angestellte berichteten, eine wichtiges Element im Storytelling des Unternehmens. Sie sollen das Leben einfacher machen, wie Gelman einst sagte, und zwar für jene Frauen, für die 'der Erfolg nicht nur erforderte, die Nachrichtenlage zu kennen, jede einzelne E-Mail beantwortet zu haben und zu Hause nichts anbrennen zu lassen, sondern auch gut auszusehen, weil das nun mal von einer Frau erwartet wird und weil es mir mehr Sicherheit gibt'. Und genau das ist der Punkt, an dem für die Kritiker die Alchemie zerfällt: The Wing ist kein Ort, der allen Freuen zugute kommt, sondern einer, an dem man ständig darüber nachdenken muss, wie gut man performt, und zwar Feminismus und Femininität. Und wie jede Performance kann auch diese erschöpfen und die Gefahr des Versagens in sich tragen. Während ich Zeit in The Wing verbrachte, musste ich an jene 'ideale Frau' denken, die Jia Tolentino kürzlich in einem Essay beschrieb: Sie hat einen teuren Haarschnitt und teure Haut, sie ist schlank und erfolgreich. 'Die ideale Frau von heute pflegt einen markt-freundlichen Mainstream-Feminismus', schreibt sie. 'Dieser Feminismus hat sich so organisiert, dass er so für viele Menschen sichtbar und ansprechend wie möglich ist. Er überbewertet den individuellen Erfolg von Frauen.'"
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Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Guardian

Jacob Kushner zieht eine recht desaströse Bilanz aus dem amerikanischen Hilfsplan für Haiti, der unter der Ägide von Bill und Hillary Clinton nach dem schweren Erdbeben Diplomatie, Aufbauhilfe und ausländische Investionen kombinieren sollte. Dabei sollten vor allem große Infrastrukturprojekte wie Industrieparks oder der Hafen von Port-au-Prince vorangebracht werden. Was die Clintons als "ökonomische Staatskunst" feierten, nennt Kushner Katastrophenkapitalismus: "Nachdem die USA zweistellige Millionenbeträge in den Aufbau des Hafens versenkt hatten, ließen sie das Projekt im vorigen Jahr stillschweigend fallen. Der Hafen ist der Schlusspunkt in Amerikas Aufbauplan, der von Anfang an von Enttäuschungen geprägt war ... Nach dem Erdbeben gab es so viele Dinge, für die die USA hätten Geld geben können. Sie hätten das Geld nutzen können, um Haitis Landwirtschaft zu stärken. In einem Land, in dem nur ein Viertel der Menschen über Anschluss an grundlegende sanitäre Anlagen verfügen, hätten die USA in den Bau von Kanalisation, Abwasseranlagen und  Toiletten investieren können. In einem Land, in dem 59 Prozent der Bevölkerung von weniger als 2,41 Dollar am Tag lebt, hätten die USA den Menschen auch einfach Geld geben können. Studien haben gezeigt, dass bedingungsloser Bargeld-Transfer effektiver sein kann, um Einkommen, Bildung und Wohnen zu erhöhen als viele Arten von 'projekt-bezogener' Hilfe. Cash-Transfers würden den Ansatz unterminieren, den reiche Länder einfach die 'Lösung' für arme Länder nennen, anstatt einfach den Menschen zu erlauben, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen."
Stichwörter: Haiti, Aufbauhilfe

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Guardian

Kann man auch zu skeptisch sein? Die kritische, medienkompetente Öffentlichkeit sollte weniger manipulierbar sein, erinnert William Davies an die Verheißung des modernen Medienzeitalters. Doch je leichter der Zugang zu Informationen wird, umso weniger können wir uns auf Wahrheiten einigen: "Fake News und die Echokammern des Internets, heißt es, ghettoisieren und manipulieren bestimmte Communities für zwielichtige Zwecke. Einzelnen Gruppen - den Millienials oder der weißen Arbeiterschaft - wird vorgeworfen, sich dank ihrer überzogener Sentimentalität leicht überreden zu lassen. Diese Diagnose bewertet alte Bedrohungsmuster über und übersieht neue Phänomene. Sie verlässt sich zu sehr auf Analogien zum Totalitarismus des 20. Jahrhundert, wenn es die Gegenwart als moralischen Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge zeichnet, mit einer unreflektierten Öffentlichkeit, die nur passiv den Ausgang konsumiert. Doch unser Verhältnis zu Informationen und Nachrichten ist heute ganz anders: es ist aktiv, kritisch und äußerst skeptisch gegenüber jeder offiziellen Linie. Jeder ist heute bei der Hand, Propaganda in der einen oder anderen Form zu aufzudecken, sich selbst den News Feed zu gestalten, der anderen Seite Framing vorzuwerfen und der Manipulation zu widerstehen. Wir sorgen uns in gewisser Weise zu viel um die Wahrheit, so dass wir uns nicht mehr auf sie einigen können... Unser Problem ist nicht, dass manche Leute den Mainstream-Medien nicht glauben oder auf Fake News hereinfallen, sondern dass wir alle glauben, die Fakten zu durchschauen oder die Informationen, die von öffentlichen Institutionen kommen. Fakten und offizielle Berichte sind nicht mehr das Ende der Geschichte. Diese Skepsis ist gesund und in vielerlei Hinsicht die gerechte Wüste eines Establishments, das zu oft dabei erwischt wurde, die Wahrheit zu verdrehen. Aber politische Probleme entstehen, wenn wir uns gegen alle Darstellungen der Realität wenden, weil diese angeblich kompromittiert und voreingenommen seien - als ob stattdessen ein reinerer, unvermittelter Zugang zur Wahrheit möglich wäre. Das ist ein verführerisches, aber irreführendes Ideal."

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Guardian

Nahezu unbemerkt haben die amerikanischen Streamingdienste einen großen Gegenspieler auf dem internationalen Fernsehmarkt bekommen: Die Türkei. Türkische Serien verkaufen sich wie verrückt, berichtet Fatima Bhutto, von Russland über China und Saudi-Arabien bis nach Lateinamerika. Auf keinen Fall darf man sie Seifenopern nennen. Es sind Dizi: "In Dizi geht es um alles, von Gruppenvergewaltigungen bis zu den Intrigen osmanischer Königinnen, sie sind Dickens und die Bronte-Schwester in einem, sagt Eset, ein junger Istanbuler Drehbuchautor und Regisseur: 'Pro Jahr erzählen wir im türkischen Fernsehen mindestens zwei Aschenputtel-Versionen. Mal ist Aschenputtel eine 35 Jahre alte alleinerziehende Mutter, mal ist sie eine 22-jährige verhungernde Schauspielerin.' Eset arbeitet für die vielleicht berühmteste Dizi, 'Das osmanische Imperium', und er fasst die immer befolgten Grundzüge der Geschichten  so zusammen: Der Held darf keine Waffe in die Hand bekommen. Der Mittelpunkt des Dramas ist die Familie. Ein Außenseiter betritt ein gesellschaftliches Setting, das seinem eigenen entgegengesetzt ist, jemand kommt zum Beispiel vom Land in die Stadt. Der Schwarm hat ein gebrochenes Herz und will nichts mehr von der Liebe wissen. Nichts geht über ein Beziehungsdreieck." Aber warum trägt eigentlich keine einzige Frau Kopftuch? "'Es wurde versucht', sagt Eset, 'aber nicht einmal die Konservativen wollen konservative Frauen im Fernsehen. Sie dürfen nicht küssen, nicht gegen ihren Vater aufbegehren, nicht weglaufen, nichts von dem tun, was ein Drama ausmacht.'"

Ian Urbina führt uns am Beispiel der koreanischen Reederei Sajo die ungeheure Rechtlosigkeit auf hoher See vor Augen. Er erzählt die Geschichte des Trawlers Oyang 70, eines wahren Seelenverkäufers, der von seinem betrunkenen Kapitän zum Kentern gebracht wurde: Fünf Seeleute ertranken, die Überlebenden berichteten von systematischer Ausbeutung und Misshandlung durch die tyrannischen Offizieren. "An Land hätte ein solches Desaster das Ende des Unternehmens bedeutet, nicht so auf hoher See", berichtet Urbina weiter. Die berüchtigte Reederei schickte einfach die Oyang 75 los, als neues Modellschiff. In Neuseeland gelang 32 Seeleuten die Flucht: "Als die Indonesier morgens um vier Uhr aufwachten, schlichen sie von Bord, während der Kapitän noch schlief. Weil sie Muslime waren, zogen die Männer durch die Straßen auf der Suche nach einer Moschee; weil sie keine fanden, nahmen sie stattdessen Zuflucht zu einer Kirche. Einer nach dem anderen beschrieben sie den Kirchenmitarbeitern und später Regierungsvertretern ihre Gefangenschaft auf dem Horrorschiff. Ein Chefingenieur brach einem Deckmann die Nase, weil dieser versehentlich mit ihm zusammengestoßen war. Ein anderer Offizier schlug ein Besatzungsmitglied so heftig, dass dieser einen Teil seines Augenlichts verlor. Wer Befehlen nicht Folge leistete, wurde in den Kühlraum gesperrt. Andere wurden gezwungen, verdorbene Fischköder zu essen. An guten Tagen dauerte eine Schicht zwanzig Stunden. Manchmal arbeiteten sie 48 Stunden durch. 'Ich dachte oft daran, um Hilfe zu bitten', sagte Andi Sukendar, einer der indonesischen Seeleute laut Gerichtsprotokoll, 'aber ich wusste nicht, wen'."

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - Guardian

Der Anarchismus hat durchaus seinen Anteil am politischen Terrorismus, doch für den britischen Literaturwissenschaftler Terry Eagleton gehört er auch zu den sympathischsten und erfindungsreichsten Bewegungen. Leider ist er mit seiner strikten Ablehnung von Regierung, Macht und Hierarchie absolut dysfunktional, wie Eagleton Ruth Kinnas hervorragender Geschichte "The Government of No One ends" entnimmt: "Regeln behindern Freiheit nicht nur, sie können sie auch erleichtern: Wenn alle auf der gleichen Seite der Straße fahren, ende ich weniger wahrscheinlich im Rollstuhl. Der Staat ist natürlich eine Quelle tödlicher Gewalt, aber er lässt auch Kinder lernen, wie sie sich die Schuhe zubinden. Nicht jede Macht ist repressiv, nicht jede Autorität abstoßend. Es gibt die Autorität derer, die im Kampf gegen das Patriarchat erfahren sind, die zu respektieren hilfreich sein könnte. Jemandem etwas zu erklären, was er wissen sollte, ist nicht immer hierarchisch. Auch Wissen ist es nicht, wie manche verrückte Libertäre behaupten. Einige antihierarchische Anarchisten glauben, dass alle Meinungen gleich viel wert seien, also auch die Meinung, dass es nicht alle sind. Als der junge Anarchist Noam Chomsky in den späten sechziger Jahren nach Europa kam, mit wichtigen Informationen über die politischen Verwerfungen in den USA, lehnten es einigen Studenten ab, ihm zuzuhören, weil Vorlesungen eine Form von Gewalt seien."

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Guardian

Dass Religion nicht vor Barbarei schützt, lernt man aufs Neue aus dieser Reportage von den Philippinen. In dem streng katholischen Land regiert Präsident Duterte, berüchtigt für das wahllose Abschlachten angeblicher Drogenhändler, mit einer Zustimmungsrate von rund achtzig Prozent. Nur wenige lehnen sich offen gegen das Morden auf, darunter eine kleine Gruppe Katholiken. Einer von ihnen, Jun, ist im Gespräch mit dem Reporter Adam Willis überzeugt, "das Töten würde aufhören", würde die Kirche die Morde geschlossen verurteilen. Als Leser ist man sich da nicht so sicher, denn Duterte konnte öffentlich Papst und Gott verhöhnen, ohne dass ihm das geschadet hätte: "Das selbe Land, das überall auf den Straßen mit Ornamenten des Glaubens geschmückt ist, unterstützt auch mehrheitlich einen frauenfeindlichen und mörderischen Demagogen. ... Als wolle er die Grenzen seiner Blasphemie bis zum letzten austesten, hat Duterte jedes katholische Dogma, eins immer heiliger als das vorherige, verflucht. Während einer Rede 2016 in Laos sagte er den Filipinos eine Zukunft voraus, in der die katholische Kirche irrelevant wäre, und signalisierte seinen Landsleuten eine 'iglesia ni Duterte' (eine 'Kirche des Duterte'). Im vergangenen Jahr verspottete er an Allerheiligen die katholischen Heiligen als Heuchler und Irre und pries sich selbst als geeignetes Objekt der Anbetung an: 'Santo Rodrigo'. Im vergangenen Oktober zielte er noch höher, nannte Gott selbst einen 'Hurensohn' und fragte: 'Wer ist dieser dumme Gott?'"

Außerdem: Wendell Steavenson verfolgt die Aufs und Abs der französischen Küche in den letzten Jahrzehnten.

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - Guardian

Wer in Südafrika etwas werden will, braucht einen Auftrag, eine Lizenz oder einen Posten vom Staat. Wer Zugang zum Staat will, braucht den ANC, und Zugang zum ANC bekommt, wer das nötige Geld aufbringt. Unter Jacob Zuma hat der ANC den Staat gekapert, berichtet Mark Gevisser mit leichter Verzweiflung. Wie allumfassend die Korruption in Südafrika ist, zeigt der Fall der Brüder Watson, der im Land gerade für größte Aufregung sorgt. Gavin Watson und seine jüngere Brüder waren Heroen des Anti-Apartheid-Kampfes, sie gaben ihre Rugby-Karriere bei den Springboks auf, weil sie nicht in einem Club spielen wollten, der keine Schwarzen aufnahm. Jetzt kursiert ein Video, auf dem Angestellte von Watsons Firma Bosasa Millionen zählen, angeblich Schmiergelder: "Den Aussagen von vier Whistleblowern zufolge, alles frühere Bosasa-Manager, wurden rund fünf Millionen Dollar Schmiergeld gezahlt, um Aufträge zu sichern. Sie sprechen von einer Unternehmung in industriellem Maßstab, bei der Gelder erst gewaschen und dann verteilt wurden, um Einfluss zu kaufen, Verträge zu sichern und der Strafverfolgung zu entkommen. Sie berichten von Bargeld, das in Louis-Vuitton-Taschen gestopft und als Geschenk oder in monatlichen Raten neben der Autobahn übergeben wurde. Staatsbeamte erhielten Autos und Häuser, kostenlose Sicherheitsausstattungen oder Schulbesuche für ihre Kinder - sogar monatliche Fleischvorräte. Der frühere Präsident Jacob Zuma wurde in einer Aussage namentlich genannt als Empfänger von Geschenken, und er soll derjenige gewesen sein, der die 2007 begonnenen Ermittlungen gegen die Firma gestoppt hat. Selbst der derzeitige Präsident Cyril Ramaphosa, der sich mit dem Versprechen wählen ließ, der Korruption den Garaus zu machen, akzeptierte unwissentlich für seinen Wahlkampf gegen Zuma eine Spende von Watson: Bosasa hatte Ramaphosas Sohn Andile ein Honorar für 'beratende Dienste' gezahlt."

Magazinrundschau vom 09.07.2019 - Guardian

Voriges Jahre enthüllte der Bankangestellte Howard Wilkinson einen der größten Geldwäscheskandale der Geschichte: Über den estnischen Zweig der Dänischen Bank waren 200 Milliarden Euro gewaschen worden, das meiste stammte aus ominösen postsowjetische Quellen. (Die lateinamerikanischen Drogenkartelle kamen über die HSBC gerademal auf 880 Millionen Dollar.) Alle beteiligten Firmen waren in Britannien registriert. Oliver Bullough weiß, wie man am besten so ein Geschäft aufzieht. Das ist in London kinderleicht, und viel praktischer als auf den Jungferninseln! "Wenn es um Finanzdelikte geht, ist Britannien Ihr bester Freund. Hier liegt das Geheimnis, dass Sie wissen müssen, um eine Scheinfirma zu gründen: Das britische Firmenregister birgt ein riesiges Schlupfloch, eines, durch das Sie, ohne anzuecken, Milliarden Euro jagen können. Damit ermöglichen britische Scheinfirmen Finanzverbrechen auf der ganzen Welt, vom traurig-schmutzigen Trickbetrug, der Rentner um ihre Ersparnisse bringt, bis zum gigantischen Akt kleptokratischer Plünderung." Schon für zwölf Pfund, schreibt Burroughs, könne man auf der Website Companies House seine Firma eintragen, man soll Name und Adresse nennen, aber überprüft werden die Angaben nicht: "Als ich kürzlich auf der Website stöberte, stieß ich auf Eigentümer wie Mr Xxx Stalin, angeblich ein in Ost-London wohnhafter Franzose. Es ist natürlich technisch möglich, dass Mr Stalin von seinen exzentrischen Eltern den Vornamen Xxx bekam, - aber wenn, dann wäre solch Exzentrik weit verbreitet: Xxx Stalin führte mich zu dem Besitzer einer anderen Firma, der Mr Kwan Xxx hieß, ein in Deutschland wohnhafter Kasache"; dann stieß ich auf Xxx Raven, auf Miss Tracy Dean Xxx, auf Jet Xxx und schließlich (vielleicht auf ihren entfernter Cousin?) Mr XxxXxx. Diese Wunderwelt ist wirklich spannend, und es dauerte nicht lang, da entdeckte ich Mr Mmmmmmm Yyyyyyyyyyyyyyyyyy und Mr Mmmmmm Xxxxxxxxxxx (passende Adresse: Mmmmmmm, Mmmmmm, Mmm, MMM). Da reichte es mir."

Außerdem: Die pakistanische Journalistin Sanam Maher erzählt im Guardian noch einmal die Geschichte der Social-Media-Diva Qandeel Baloch, die im Jahr 2016 von ihrem Bruder umgebracht wurde, der fand, dass sie mit ihren freizügigen Videos Schande über ihre Familie gebracht habe. Der Guardian hat zu diesem Thema auch ein halbstündiges Video-Feature produziert.