Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 12.02.2018 - Elet es Irodalom

Nach bekannt gewordenen Plänen will die Orban-Regierung nach dem - als sicher vorausgesetzten - Wahlsieg bei den Parlamentswahlen im April eine Medienkammer etablieren. Dem historisch stark belasteten Konzept nach soll eine Mitgliedschaft zwar nicht verpflichtend sein, jedoch soll die Kammer als "Qualitätssiegel" fungieren. Demnach sollen bei "landesweit" tätigen Medien nur Kammermitglieder arbeiten dürfen, staatliche Werbeaufträge dürften nur an "landesweit" tätigen Medien vergeben werden. Für die Soziologin Mária Vásárhelyi würde die Pressefreiheit damit quasi ausgesetzt: "Die Presse hatte lediglich einige wenige freie Jahre kurz vor und nach der Wende, als weder Politik noch Wirtschaft den Medienmarkt für sich beanspruchten. Den informellen politischen Druck gegenüber Journalisten gaben dann Eigentümer und Chefredakteure weiter. Die Medienkammer ist jedoch qualitativ noch einmal etwas anderes. Scheinbar würde sie als Zunfts- und Interessensvertretung funktionieren, die Journalisten Schutz bietet vor ausbeuterischen ausländischen Medienunternehmen, tatsächlich wird sie aber den letzten Funken des freien journalistischen Schaffens auslöschen."

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - Elet es Irodalom

Der Filmregisseur Béla Tarr ist seit seinem Rückzug vom Filmemachen (2012) als Hochschullehrer (für visuelle Künste) und als Jury-Mitglied bei diversen Filmfestivals viel unterwegs. Im Interview mit Eszter Rádai denkt er über die Bedeutung der digitalen Technologie für die visuellen Künste nach: "Leider wird nicht erkannt, dass die digitale Technologie auch eine neue Sprache ist. Sie wird verwendet wie eine Filmkamera, sie ist aber keine. Drei Jahre lang saß ich in Amsterdam in der Jury des Eye Film Instituts, (...) doch in diesen drei Jahren sah ich niemanden, der wirklich darüber nachgedacht hätte, was er in der Hand hält. Die visuellen Künste - das ist mein Eindruck - sind zutiefst verunsichert... Als wäre seit den sechziger Jahren oder eigentlich seit dem Fluxus in diesem Bereich nichts passiert. Sie benutzen den selben Pfad, drehen sich um dieselbe Achse, suhlen sich in demselben Pfuhl und erkennen nicht, dass sie ein neues Werkzeug mit fantastischen neuen Möglichkeiten in der Hand halten."

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - Elet es Irodalom

Vor kurzem veröffentlichte der Historiker Ignác Romsics eine umfangreiche Universalgeschichte Ungarns. Dass die Vergangenheit sich ständig zu ändern scheint, je nachdem, aus welcher Perspektive - und aus welchem Land - man sie betrachtet, erklärt er am Beispiel der zentraleuropäischen Länder: "Unter den Historikern aus Ungarn und den Nachbarländer gibt es seit längerem unterschiedliche Diskussionen. Allgemein kann in Themen, welche aus identitätspolitscher Perspektive indifferent sind, Einigkeit erzielt werden. Aber in den Schlüsselfragen, welche die tragenden Säulen der nationalen Narrative betreffen, eben nicht. (…) Vergangenheit formt unsere Auffassung über die Zukunft und die unbekannte Zukunft formt unser Bild über die Vergangenheit. Die Zukunft allerdings formt nicht unbeschränkt unsere Sicht auf die Vergangenheit. Dass wir beide Kriege des 20. Jahrhunderts an der Seite der Verlierer beendeten, kann keine Zukunft ändern. Die Einschätzung der Kádár- und Horthy-Ären dagegen kann sich durchaus ändern und wie wir es sehen, ändert sie sich auch. In einigen Jahrzehnten wird die Politik im Gegensatz zur heutigen Situation eine geringere Rolle spielen, die Historiografie hingegen eine zunehmend größere."
Stichwörter: Ignac Romsics, Ungarn

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - Elet es Irodalom

Der Medienwissenschaftler und Hochschullehrer Gábor Polyák (Universität Pécs) beschreibt die schrittweise Übernahme der einzelnen Medienbranchen und Organe in Ungarn durch regierungsnahe Oligarchen: "Eine faire Wahlkampagne kann in Ungarn nicht mehr organisiert werden, das Mediensystem ist so sehr zugunsten von Fidesz deformiert, dass korrekte Diskussionen nicht veranstaltet werden können und über die Öffentlichkeit die Wahlen nicht mehr kontrolliert werden können. Oppositionelle Parteien sind grundsätzlich in die sozialen Medien gedrängt worden.(...) Bei der Übergabe von traditionellen Medien gab es weniger Drohungen, sondern Angebote, die nicht zurückgewiesen werden konnten. (...) Investoren sind halt keine Freiheitskämpfer. Die frühere Eigentümerin des verlustreichen TV2, Pro7Sat1 verkaufte den Sender an Andy Vajna, weil es soviel Geld gab, dass es sich lohnte. Die Telekom verkaufte das größte aber rote Zahlen schreibende Online-Portal Origo, weil sie im Gegenzug einige Regierungsaufträge und eine neue Mobilfunkfrequenz erhielt. Und die früheren Eigentümer von Regionalzeitungen und Radiosendern verdienten ebenfalls gut, als sie die Redaktionen an regierungsnahen Oligarchen überließen. Niemand machte es zur moralischen Frage, dass große Teile der ungarischen Öffentlichkeit in die Hände von Fidesz gelangten und dies den Abbau der ungarischen Demokratie ermöglichte."

Magazinrundschau vom 12.12.2017 - Elet es Irodalom

Der Dichter und Schriftsteller János Háy konstatiert in einem ironischen Artikel das Ableben der ungarischen Lyrik: "Der größte ungarische Dichter ist 'Das U. Volk'. Es lebt am längsten und hat das größte Lebenswerk vorzweisen. Während die meisten ungarischen Dichter an Krebs oder Leberzirrhose starben oder aber auf dem Alter der Freiheit verbluteten, war 'Das U. Volk' zäh. (...) Der größte Ungar hörte mit dem Dichten nicht auf, weil er mit dem Resultat unzufrieden war. Doch wir sind in eine Welt hineingerannt, in der niemand mehr 'Das U. Volk' sein wollte, plötzlich schuf jeder nur noch für sich. Der größte ungarische Dichter gab das Dichten auf zugunsten der Dichter, die mit ihrem Namen unterzeichneten."

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - Elet es Irodalom

Der Literaturhistoriker und Übersetzer Wilhelm Droste erinnert im Interview mit Benedek Várkonyi an den Dichter und Essayisten Endre Ady, der zu Beginn des 20. Jahrhundert beklagte, wie Ungarn sich der Moderne verweigert. Droste sieht noch mehr Parallelen: "Demokratie ist kein Geschenk, nicht irgendein Ruhezustand, in dem wir uns ausruhen können, sondern eine ständige, sich immer erneuernde Aufgabe. Für die Demokratie muss gearbeitet werden, sie muss betrieben und immer wieder in Gang gesetzt werden. Demokratie bedarf einer sehr starken und wachsamen Gesellschaft, und wir in Ungarn hatten sehr viele Gründe daran zu ermüden. Das heutige Ungarn ist in einem sehr müden Verfassung, auch wegen des vielen Verzichtens. Aus dieser Müdigkeit ist der Weg zur Demokratie sehr, sehr lang ... Oft habe ich den Eindruck, dass wir im Horthy-System leben. Ich sehe, wie riesige Vermögen in den Händen einzelner Familien konzentriert werden und wie eine neue Aristokratie entsteht, deren Mitglieder nicht mehr Andrássy, Esterházy oder Károlyi heißen."
Stichwörter: Wilhelm Droste, Endre Ady

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - Elet es Irodalom

Der Literaturkritiker und Editor József Tamás Reményi, der im Juli mit einem offenen Brief über die neue, staatlich dotierte Schriftstellerakademie eine breite Diskussion auslöste, antwortet auf die Beiträge dazu in den vergangenen Wochen. "Die KMTG ist nicht darum zurückzuweisen, weil sie die Extremität irgendeiner Seite ist, sondern weil sie die Missgeburt einer machtpolitischen-wirtschaftlichen Nomenklatur ist, die sich vom geistig-intellektuellen Leben völlig entfernt hat. Jene Nomenklatur, die als Stütze und Schaufenster nicht nur dilettantische Günstlinge und skrupellosen Durchschnitt an die Leine nimmt, sondern auch die Frustration der ungarischen Literatur ausnützt. Wenn wir Frustration mit leichtem Geld nähren, verschlimmern wir die Situation."

Magazinrundschau vom 04.10.2017 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gábor Schein meldet sich nach langer Krankheit wieder zurück mit Überlegungen, wie das öffentliche Leben - inspiriert durch die Künste - in einer Post-Orbán-Zeit aussehen sollte: "Einen möglichen Weg für die Politik können die Künste aufzeigen, denn Fiktion gehört am ehesten zum Bereich der Künste. Sie waren sich immer darüber im Klaren, dass sie mit Schwindel arbeiten, dass der König nackt ist. Denn der König ist immer nackt. Die Logik einer der Wahrheit verpflichteten Kunst bedeutet, dass sie das zeigt, was in der extremsten Fiktion der Wahrheit verborgen bleibt, was um jeden Preis versteckt werden sollte. Dies ist das Verlassen-Sein selbst, die Armut. (...) Jene Politik, die Gemeinschaft und Republik will, muss die Armen in den Raum der Tat und Repräsentation bringen, sie muss ihnen helfen, ihre eigene politische Anerkennung zu erlangen. Jene Politik, die ein gemeinsames Land will, muss sowohl in sozialer als auch in kultureller Hinsicht emanzipatorisch sein. Es bedarf wahrer Emanzipation, frei von jeglichem Moralisieren, die den Armen hilft, sich zu organisieren, so dass auch sie in den Raum der Öffentlichkeit eintreten können."
Stichwörter: Gabor Schein, Ungarn

Magazinrundschau vom 26.09.2017 - Elet es Irodalom

In Élet és Irodalom beteiligt sich jetzt auch Anna Gács, Präsidentin der Gesellschaft der Belletristen, an der Debatte über die gut ausgestattete, neue staatliche Schriftstellerakademie (KMTG): "Die Wortmeldungen über die Gründung und Funktion der Schriftstellerakademie wiesen jene Eigenheiten auf, die diese zweifelhafte, mit Geld gestopfte Institution im Bereich Kultur zum Musterbeispiel der Verteilungspolitik des Orbán-Regimes macht: Das Fehlen von fachlicher Sondierung, die unverschleierte Intention der Klientelbildung, das Negieren der bestehenden Institutionen, das vollständige Fehlen der Bestrebung nach neuer Legitimation und die finanzielle Förderung der neuen Institution in einer Weise, die nicht nur im Verhältnis zu den anderen überproportional erscheint. Die Frage stellt sich, ob so viel Geld überhaupt sinnvoll für die deklarierten Ziele ausgegeben werden kann, oder aber die hunderte Millionen intransparent woanders landen."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - Elet es Irodalom

Im vergangenen Monat besuchte der russische Präsident Wladimir Putin Ungarn - in diesem Jahr bereits das zweite Mal -, um als Ehrenpräsident des Judo-Weltverbandes den Judo-Weltmeisterschaften in Budapest beizuwohnen. Es gab beim Besuch eine gemeinsame ungarisch-russische Regierungssitzung und die Universität Debrecen verkündete die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an den russischen Präsidenten. Zunächst protestierte der Philosoph Mihály Vajda, der seinen Titel Professor Emeritus zurückgab, danach meldeten sich mehrere Lehrstühle zu Wort und schließlich wurde eine Petition von zahlreichen Universitätsangehörigen zur Verhinderung der Verleihung unterzeichnet. Auch der Philosoph und Hochschullehrer András Kardos distanziert sich von der Entscheidung der Universitätsleitung: Sie "schädigt den Ruf der Universität, denn Putin wird als Vorbild für die Bürger der Universität ausgerufen. Damit verkörpert die Universität - anstatt eine freie und autonome Lehranstalt zu sein -  den sich aktuellen politischen Interessen unwerfenden, institutionalisierten Servilismus."
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