Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 07.11.2017 - Elet es Irodalom

Der Literaturhistoriker und Übersetzer Wilhelm Droste erinnert im Interview mit Benedek Várkonyi an den Dichter und Essayisten Endre Ady, der zu Beginn des 20. Jahrhundert beklagte, wie Ungarn sich der Moderne verweigert. Droste sieht noch mehr Parallelen: "Demokratie ist kein Geschenk, nicht irgendein Ruhezustand, in dem wir uns ausruhen können, sondern eine ständige, sich immer erneuernde Aufgabe. Für die Demokratie muss gearbeitet werden, sie muss betrieben und immer wieder in Gang gesetzt werden. Demokratie bedarf einer sehr starken und wachsamen Gesellschaft, und wir in Ungarn hatten sehr viele Gründe daran zu ermüden. Das heutige Ungarn ist in einem sehr müden Verfassung, auch wegen des vielen Verzichtens. Aus dieser Müdigkeit ist der Weg zur Demokratie sehr, sehr lang ... Oft habe ich den Eindruck, dass wir im Horthy-System leben. Ich sehe, wie riesige Vermögen in den Händen einzelner Familien konzentriert werden und wie eine neue Aristokratie entsteht, deren Mitglieder nicht mehr Andrássy, Esterházy oder Károlyi heißen."
Stichwörter: Wilhelm Droste, Endre Ady

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - Elet es Irodalom

Der Literaturkritiker und Editor József Tamás Reményi, der im Juli mit einem offenen Brief über die neue, staatlich dotierte Schriftstellerakademie eine breite Diskussion auslöste, antwortet auf die Beiträge dazu in den vergangenen Wochen. "Die KMTG ist nicht darum zurückzuweisen, weil sie die Extremität irgendeiner Seite ist, sondern weil sie die Missgeburt einer machtpolitischen-wirtschaftlichen Nomenklatur ist, die sich vom geistig-intellektuellen Leben völlig entfernt hat. Jene Nomenklatur, die als Stütze und Schaufenster nicht nur dilettantische Günstlinge und skrupellosen Durchschnitt an die Leine nimmt, sondern auch die Frustration der ungarischen Literatur ausnützt. Wenn wir Frustration mit leichtem Geld nähren, verschlimmern wir die Situation."

Magazinrundschau vom 04.10.2017 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gábor Schein meldet sich nach langer Krankheit wieder zurück mit Überlegungen, wie das öffentliche Leben - inspiriert durch die Künste - in einer Post-Orbán-Zeit aussehen sollte: "Einen möglichen Weg für die Politik können die Künste aufzeigen, denn Fiktion gehört am ehesten zum Bereich der Künste. Sie waren sich immer darüber im Klaren, dass sie mit Schwindel arbeiten, dass der König nackt ist. Denn der König ist immer nackt. Die Logik einer der Wahrheit verpflichteten Kunst bedeutet, dass sie das zeigt, was in der extremsten Fiktion der Wahrheit verborgen bleibt, was um jeden Preis versteckt werden sollte. Dies ist das Verlassen-Sein selbst, die Armut. (...) Jene Politik, die Gemeinschaft und Republik will, muss die Armen in den Raum der Tat und Repräsentation bringen, sie muss ihnen helfen, ihre eigene politische Anerkennung zu erlangen. Jene Politik, die ein gemeinsames Land will, muss sowohl in sozialer als auch in kultureller Hinsicht emanzipatorisch sein. Es bedarf wahrer Emanzipation, frei von jeglichem Moralisieren, die den Armen hilft, sich zu organisieren, so dass auch sie in den Raum der Öffentlichkeit eintreten können."
Stichwörter: Gabor Schein, Ungarn

Magazinrundschau vom 26.09.2017 - Elet es Irodalom

In Élet és Irodalom beteiligt sich jetzt auch Anna Gács, Präsidentin der Gesellschaft der Belletristen, an der Debatte über die gut ausgestattete, neue staatliche Schriftstellerakademie (KMTG): "Die Wortmeldungen über die Gründung und Funktion der Schriftstellerakademie wiesen jene Eigenheiten auf, die diese zweifelhafte, mit Geld gestopfte Institution im Bereich Kultur zum Musterbeispiel der Verteilungspolitik des Orbán-Regimes macht: Das Fehlen von fachlicher Sondierung, die unverschleierte Intention der Klientelbildung, das Negieren der bestehenden Institutionen, das vollständige Fehlen der Bestrebung nach neuer Legitimation und die finanzielle Förderung der neuen Institution in einer Weise, die nicht nur im Verhältnis zu den anderen überproportional erscheint. Die Frage stellt sich, ob so viel Geld überhaupt sinnvoll für die deklarierten Ziele ausgegeben werden kann, oder aber die hunderte Millionen intransparent woanders landen."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - Elet es Irodalom

Im vergangenen Monat besuchte der russische Präsident Wladimir Putin Ungarn - in diesem Jahr bereits das zweite Mal -, um als Ehrenpräsident des Judo-Weltverbandes den Judo-Weltmeisterschaften in Budapest beizuwohnen. Es gab beim Besuch eine gemeinsame ungarisch-russische Regierungssitzung und die Universität Debrecen verkündete die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an den russischen Präsidenten. Zunächst protestierte der Philosoph Mihály Vajda, der seinen Titel Professor Emeritus zurückgab, danach meldeten sich mehrere Lehrstühle zu Wort und schließlich wurde eine Petition von zahlreichen Universitätsangehörigen zur Verhinderung der Verleihung unterzeichnet. Auch der Philosoph und Hochschullehrer András Kardos distanziert sich von der Entscheidung der Universitätsleitung: Sie "schädigt den Ruf der Universität, denn Putin wird als Vorbild für die Bürger der Universität ausgerufen. Damit verkörpert die Universität - anstatt eine freie und autonome Lehranstalt zu sein -  den sich aktuellen politischen Interessen unwerfenden, institutionalisierten Servilismus."

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller und Hochschullehrer Gergely Péterfy nimmt ebenfalls an der Diskussion über die staatlich dotierte Schriftstellerakademie (mehr hier und hier) teil. "In diesem Paralleluniversum des Systems der nationalen Kooperation wird die Gültigkeit jener Diskurse, die der gescheite Teil der Welt pflegt, durch ein Netzwerk von Akademien, Universitäten, Forschungsinstitute und Zeitschriften aufgehoben. Die zur Verfügung gestellten üppigen Geldquellen erwürgen langsam tatsächlich die traditionell demokratischen und europäischen Institutionen. (...) Das Diebestempo tut dem Alltag des Schreibens nicht wirklich gut: vergebens sitzt du in einem kalifornischen Villa auf der Terrasse mit Meeresblick, es wird dich jenes gottverdammte weiße Blatt anstarren, wie den, der sich in einer verschimmelten Untermietswohnung darüber beugt. Entscheidend ist, was aufs Papier gelangt. Geld hilft beim Spiel Schriftsteller vs. Papier - leider - nicht. Zum Leben braucht man Geld, zum Schreiben nicht."

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - Elet es Irodalom

Seit Wochen gibt es auf den Seiten der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom eine Debatte über die staatliche Literaturförderung (mehr hier). Nikolett Antal und Tamás Korpa, Vorsitzende des Bundes Junger Schriftsteller (FISZ), nehmen die neu gegründete staatliche "Karpaten Talentförderungsgesellschaft" (KMTG) unter die Lupe, die junge Autoren fördern soll: "Nach der Nachricht über die Gründung der KMTG verfassten über 60 junge Schriftsteller eine Stellungnahme zum Schutz der Profession. Als die KMTG dies sah, begann sie sich auf Schüler der Oberstufen und Erstsemester bei den höheren Bildungsinstitutionen zu konzentrieren: auf die 18- bis 22-Jährigen. Es wurden jene eingebunden, die zum größten Teil aus eigener Kraft noch nicht bis zum Publizieren bei niveauvollen Zeitschriften gelangen konnten und von denen auch langfristig ein großer Teil höchstwahrscheinlich nicht Schriftsteller oder Literaturwissenschaftler wird. Mit der KMTG-Mitgliedschaft wurden sie jedoch Angehörige einer offiziellen Organisation, mit ernsthaften Erwartungen und Chancen, mit ernsthafter Aufmerksamkeit, Leistungs- und Beweisdruck und wohl mit ernsthafter Gruppenidentität. Unsere Frage lautet daher: Werden bei zahlreichen jungen Menschen durch die Schriftstellerakademie falsche Hoffnungen geweckt? Und parallel dazu: Darf die KMTG für die eigene Legitimierung junge Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Motivationen benutzen?"

Ádám Gaborják, der Vorsitzende des József-Attila-Kreises (JAK) - nach dem ungarischen Dichter Attila József benannter Literaturkreis innerhalb des Ungarischen Schriftstellerverbandes - denkt dagegen schon über die Zeiten nach der KMTG nach: "Von innen betrachtet ist die Literatur noch immer ein hierarchischer, zentralisierter Intellektuellendiskurs. Sie wagt sich selten aus ihrem eigenen (groß)städtischen Milieu hinaus. Die Übermittlung hört im besseren Falle in den größeren Siedlungen auf, in die ärmeren Regionen gelangt sie überhaupt nicht, in der Schulbildung ist sie gerade halbwegs erkennbar. Was würde die zeitgenössische Literatur dort auch suchen, was könnte sie dort bieten, wenn sie in den meisten Fällen kaum etwas über diese Gegenden sagen kann und deren Bewohnern auch nichts zu sagen hat. Auch wenn es erfolgreiche Initiativen seitens der Schriftstellerverbände gibt, ist die zeitgenössische Literatur ziemlich begrenzt, sie wird nie Teil der täglichen gemeinschaftlichen Praktiken, solange sie auf der Ebene der Ästhetik verbleibt und es ihr nicht gelingt, sich als Teil eines größeren Systems zu denken."

Magazinrundschau vom 29.08.2017 - Elet es Irodalom

Kürzlich hat der Literaturkritiker József Tamás Reményi kritisiert, dass dass immer mehr Schriftsteller staatliche Stipendien annehmen, insbesondere von der unvergleichlich üppig ausgestatteten Karpaten Talentförderungsgesellschaft. Die Gesellschaft wurde von dem aus Siebenbürgen stammenden Dichter, János Dénes Orbán gegründet, der wiederum als Ziehsohn des ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden Dichters und ehemaligen Kulturstaatssekretärs Géza Szőcs gilt. An Szöcs wendet sich nun auch dessen einstiger Weggefährte und Freund, der Schriftsteller József Körössi: "Chef! Du, der Du János Dénes Orbán für uns erschaffen und mit Hundert Millionen ausgestattet hast, wie auch weitere János Dénes Orbáns, denen sich alle bettelnd zu Füßen werfen, was hast du dir dabei gedacht? Wie wurdest du, der du bist? Von dort kommend, woher du stammst? Wie ist dieser Weg, der mit charaktervollen Geschichten gepflastert ist, wenn du zurückschaust? Farbig? Schwarz und weiß? Wie siehst du deine Freunde, die dich zwar nicht verleugnen, doch nicht gerne sehen und dich auch nicht suchen? ... Wie konntest du von einem Demokraten, einem Widerständler - einem Dichter! - zu einem Untertan werden, der Untertanen und Bedienstete erzieht und kauft, weil er hierfür über öffentliche Mitteln verfügt."

Und der Autor Renátó Fehér fordert ein gattungsübergreifende Aktionsbündnis: "Die verstärkt kritische Haltung ist schon lange keine mögliche Alternative mehr, sondern strenge Pflicht."

Magazinrundschau vom 22.08.2017 - Elet es Irodalom

Auf der Berlinale fand Ferenc Töröks stilles Holocaust-Drama "1945" nur bei den Fachblättern wie Variety und Hollywood Reporter internationale Beachtung. Der Szegeder Kulturwissenschaftler Miklós Sághy glaubt jedoch, dass der Film und die ihm zugrunde liegende Novelle "Heimkehr" von Gábor Szántó durchaus Bedeutung haben werden für die ungarische Erinnerungskultur: "Das grundsätzliche Verdienst des Films und der Novelle ist, dass sie das Begreifen und die Aufarbeitung des kollektiven Traumas ermöglichen können, da sie den Holocaust als organischen Bestandteil der ungarischen Geschichte zeigen ... Sie schieben die Verantwortung nicht auf die Deutschen, nicht auf die Großmächte, und sie zeigen die Ereignisse auch nicht als das unbegreifliche Toben des universalen Bösen, sondern als Entwicklung, die durch Entscheidungen und Taten der Einwohner eines stillen Dorfes in Gang gesetzt wurde."

Magazinrundschau vom 18.07.2017 - Elet es Irodalom

Nicht immer greift die ungarische Regierung auf so drastische Mittel zurück wie in der Kampagne gegen George Soros. Oft agiert sie unspektakulärer, wie der Kunsthistoriker Péter György mit Blick auf zwei Ereignisse aus der Kunstszene schreibt. Bei einer Vernissage im westungarischen Székesfehérvár wurde eine regierungskritische Rednerin ausgeladen, für die Schau "Real Hungary" im Collegium Hungaricum Wien ein nicht genehmes Bild abgehängt. Hier will die Politik die Kunst für sich in Anspruch nehmen, ahnt György: "Die Frage wem sie gehört ist so niederschmetternd, wie die Zeit, die diese Frage beschwört. Die Kunst gehört niemandem. Kunst kann nicht angeeignet werden. Beziehungsweise gehört Kunst nicht einmal allen. Kunst entsteht in entsetzlicher Einsamkeit und wenn es jemanden gibt, der sie verwendet, ist das in Ordnung. Doch es gibt keine politische Gemeinschaft, welche große Kunst selbstverständlich für sich beanspruchen kann ... Wenn die direkte Politik, welche die Autonomie der Bilder aufkündet und ihre Interpretation und Verwendung bestimmt wichtiger wird als die unveräußerliche Kunst, dann werden solche Museumsereignisse möglich: welche wiederum als Symptome eines fürchterlich erscheinenden Zeitgeistes sichtbar werden ... Wenn dies der herrschende Zeitgeist ist, dann stehen uns schändliche Zeiten bevor."
Stichwörter: George Soros
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