Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 08.01.2019 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Zoltán Végső erklärt der Komponist und Dirigent Péter Eötvös, was für ihn zeitgenössische Musik ausmacht. "Zeitgenössisch ist, was unser Zeitgenosse ist, worin wir leben, doch dies verteilt sich auf mehrere Generationen. In der selben Ära, zur selben Zeit gibt es unterschiedliche zeitgenössische Musiken, nicht nur bei den Gattungen. Ich arbeite sehr gerne mit jungen Komponisten und Dirigenten zusammen, weil mich die Entwicklung der musikalischen Sprache sehr interessiert. Ich halte es für wunderbar, dass nach Jahrhunderten manchmal ein Ton zu den bereits bekannten hinzugefügt wird, rhythmische Formeln auf einmal komplexer werden - dies gilt verstärkt für die letzten zehn Jahre. Während meiner akademischen Studien waren die Traditionen der Dinge essenziell. Wir lernten, wie man 'etwas zu tun pflegte'. Als ich dann nach Köln kam und anfing, mit Stockhausen zu arbeiten, geschah das Gegenteil. Alles, was sonst 'gepflegt' wurde, wurde hier ein Stück verschoben, nicht negiert, sondern verschoben, damit wir sehen konnten, woher es kam. In Ungarn lernten wir den oberen Teil der Blume verstehen, was über dem Boden ist, was ich aber später in Köln lernte, ist das, was darunter liegt, die Wurzeln, die jene Elemente aufsaugen, aus denen dann die Blume entsteht."

Magazinrundschau vom 02.01.2019 - Elet es Irodalom

Das Budapester Ethnografische Museum wird nach Plänen der Regierung 2019 in einen architektonisch ambitionierten Neubau umziehen. Der Medienwissenschaftler Péter György denkt über die Auswirkungen des Umzugs auf die Konzeptionen des neuen Museums sowie des Nationalmuseums nach: "Die heutige ständige Ausstellung des Nationalmuseums ist mittlerweile kaum mehr interpretierbar: die Geschichte der Nation und die des Volkes, also die Geschichte der Gesellschaft können nicht zweigeteilt und in zwei voneinander unabhängigen Gebäuden gezeigt werden. (...) Die Konzeption des neuen Ethnografischen Museums wird Auswirkungen auf die Konzeption des Nationalmuseums haben. (...) Wenn die Erzählung des Nationalmuseums irgendetwas mit der ungarischen Geschichte zu tun haben soll und nicht lediglich als Diener der aktuellen politischen Identitätsstiftung fungieren will, wird der Begriff  des Nationalstaates zu ernsthaften Problemen führen."

Magazinrundschau vom 18.12.2018 - Elet es Irodalom

Jenő Setét, der Vorsitzender des Vereins für Interessen der ungarischen Roma, "Idetartozunk" ("Wir gehören hierzu"), denkt im Gespräch über die Auswirkungen der flüchtlingsfeindlichen Kampagne auf die ungarische Mehrheits- und die Roma-Gesellschaft. "Diese Kampagne der Regierung schadet dem ganzen Land. Sie weckt wahre Ängste, die auf unwahren Behauptungen basierend. Es ist eine Tatsache, dass aufgrund der Kampagne seit geraumer Zeit nicht die Roma als Sündenbock Nummer eins und als Feind gelten. Wir könnten sagen, dass dies eine Erleichterung sei. Leider ist es aber so, dass dort, wo die Menschen- und Staatsbürgerrechte dermaßen an Wert verlieren, früher oder später auch die Minderheiten in Schwierigkeiten geraten. Der 'Migrant' kann jederzeit gegen 'Linke', 'Liberale', 'Obdachlose', mit dem CEU, mit der Akademie der Wissenschaften ausgetauscht werden. So auch gegen die Roma, auch wenn diese die flüchtlingsfeindliche Kampagne ebenso akzeptierten wie die Mehrheitsgesellschaft. Gegen emotionale Fixierungen kann man offenbar mit den Mitteln der Vernunft kaum ankämpfen."
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Magazinrundschau vom 11.12.2018 - Elet es Irodalom

Nach langer Kampagne der Regierung wir die Central European University von Budapest nach Wien umziehen, und die regierungsnahen Medien werden zu einem einzigen Konglomerat zusammengelegt. In der ungarischen Gesellschaft greift Resignation um sich, wie der Autor András Bruck beobachtet: "'Untertauchen, ausweichen, sich anpassen, das sind die handfesten Techniken des Überlebens', schrieb Günter Grass in seinem autobiografischen Roman 'Beim Häuten der Zwiebel', und ich ließ an dieser Stelle überrascht das Buch los. Wie kann es sein, dass die Erfahrungen des an der Ostfront kämpfenden Waffen-SS-Mitglieds Grass so identisch sind mit dem Verhalten der im Frieden lebenden ungarischen Bevölkerung? So dass Freiheit, Recht, Demokratie für sie fremde Empfindungen und Erlebnisse blieben. Auf dem Lande sind es das Dorffest und der Gulasch-Wettbewerb, in der Hauptstadt das Feuerwerk und die Red Bull Air Race - m Groben werden bei uns diese Ereignisse mit Freiheit identifiziert. Für ihre Rechte tun nur wenige etwas ... Die Menschen sehen nicht, dass Ungarn zunehmend zu einem Ort wird, wo die Menschen geboren werden und im Alter sterben, und dazwischen ändert sich nichts, außer vielleicht die Handy-Tarife. Wer noch Drang zum besseren Leben hat, der verlässt das Land, die Mehrheit hat schon aufgegeben."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Elet es Irodalom

Die in Siebenbürgen geborene Schriftstellerin Réka Mán-Várhegyi legte vor kurzem ihren ersten Roman mit dem Titel "Mágneshegy" (Magnetberg, erschienen bei Magvető, Budapest) vor. Im Interview mit László Kőszeghy spircht sie über genderspezifische Schreib- und Lesarten: "Wie die Protagonistin im Roman, so begann auch ich um die Jahrtausendwende feministische Kritik an der Universität zu studieren, was eine enorme Wirkung auf mich hatte. Sie änderte grundsätzlich die Art und Weise, wie ich Texte und die Welt betrachtete, Aber ich begann auch einen großen Teil der Dilemmata zu verstehen, mit denen ich als beginnende Schriftstellerin konfrontiert war. Kein Wunder, dass das gegenwärtige politische Regime ein Feind von Genderstudiengängen ist, denn eine genderspezifische Leseart hat genau als Ziel, eine Ideologie der Ästhetik, die sich selbst als neutral und als Garant der universellen humanistischen Werten sieht, zu hinterfragen und zu zeigen, dass diese tatsächlich in enger Beziehung mit der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Machtordnung und der Grundannahme der patriarchalen Ideologie steht."

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - Elet es Irodalom

Nach dem in den vergangenen Wochen eine Diskussion über die Zukunft des umstrittenen Erinnerungsprojektes der geplanten Holocaust-Gedenkstätte "Haus der Schicksale" entbrannt war, zeigt sich der renommierte Rechtsanwalt András Hanák (Sohn des legendären Historikers und Holocaust-Überlebenden Péter Hanák) skeptisch gegenüber den zwei Trägern des Projektes, nämlich dem ungarischen Staat einerseits und der hassidischen Gemeinde Chabad (eine der Orthodoxie nahestehenden Richtung innerhalb des religiös-praktizierenden Judentums) andererseits. "Wenn es zwei Protagonisten gäbe, denen ich die Erinnerung an das Schicksal der ungarischen Juden nicht anvertrauen würde, dann wären es diese zwei. (...) Wie wir wissen, lehnt der jetzige ungarische Staat für die Ereignisse nach dem 19. März 1944 die Rechtsnachfolge ab. Für die aus New York stammende Chabad-Gemeinde auf der anderen Seite spielt der Holocaust in ihrem auf die Ankunft des Messias wartenden Gedankensystem eine diametral andere Rolle als für die traditionellen orthodoxen Juden."

Magazinrundschau vom 30.10.2018 - Elet es Irodalom

ln Ungarn ist ein Gesetz verabschiedet worden, das es künftig erlaubt, Obdachlosigkeit mit einer Freiheitsstrafe zu ahnden. Für den Rechtsanwalt Gábor Gadó ist dieses Gesetz nicht mit der Verfassung vereinbar: "Der von Viktor Orbán geleitete Parteiverbund strebt unermüdlich danach, die Folgen von ihrer Ursache zu trennen, als wäre es möglich, jemandem seine Würde zu nehmen, ohne die Folge des vollkommenen Ausgeliefertseins zu produzieren. Als könnten Personen, die laut Gesetz kaum noch als Menschen gelten, noch ihren durch die 'Verfassung garantierten Schutz' einfordern."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - Elet es Irodalom

Der Historiker Gábor Gyáni konstatiert die Zunahme der Zensur in Ungarn, die vermehrt die Wissenschaften und wissenschaftliche Publikation betrifft. Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften erinnert er an die Entlassung der kompletten Redaktion des regierungsnahen populärwissenschaftlichen Periodikums Századvég aufgrund eines kritischen Aufsatzes und kritisiert die ersatzlose Streichung mehrerer Veranstaltungen der Akademie zum Tag der Wissenschaft, welche möglicherweise "unnötig die Aufmerksamkeit erregen" und um "Missverständnisse" auslösen könnten, wie es in einer späteren Erklärung der Akademie hieß (es handelte sich dabei um Vorträge zum Thema Gender in der Informationstechnologie, sowie um eine Marx-Gedenkkonferenz zum 200. Geburtstag des Philosophen). Mehrere Akademiker sagten daraufhin ihre Teilnahme aus Protest ab. "Gegenwärtig zählt zur Eigenheit der äußerst lebendigen Zensurpraktiken, dass sie direkter und stärker die Welt der wissenschaftlichen Öffentlichkeit betrifft, im Gegensatz zur reinen Publizistik oder den belletristischen Wortmeldungen. Bei den letzteren geschieht beinahe nichts Erwähnenswertes, wenn wir die Angelegenheit des abgelösten Direktors des Literaturmuseums nicht dazu zählen. Es ist schwer zu erklären, warum ausgerechnet der nur für wenige interessante wissenschaftliche Diskurs im Fokus der Macht steht. Tatsache ist, dass diesmal der beinahe unerreichbare, selbst in den Bibliotheken kaum zugängliche Századvég und nicht eine große, auflagenstarke Tages- oder Wochenzeitung eingestampft wurde. Tatsache ist weiterhin, dass die für den Tag der Wissenschaften geplanten wissenschaftlichen Debatten und Vorlesungen aus Überlegungen der Zensur gestrichen wurden. Die Hauptrolle bei all diesen Fällen spielt wohl die dezentralisierte Praxis der Zensur."
Stichwörter: Zensur, Ungarn, Gyani, Gabor, Gender

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Elet es Irodalom

Der Historiker Timothy Snyder ist Permanent Fellow am Wiener Institut für die Wissenschaft vom Menschen, wo er im Interview mit Tamás Fóti über die Rolle Ungarns und der Beziehung zu Russland sprach: "Ich denke Viktor Orbán ist eher ein Asteroid, der am Ende in etwas krachen wird. Er ist Opfer seiner Erfolge. Er hat recht, wenn er denkt - zumindest eine Zeit lang -, dass man auf seine Weise ein ein Land lenken kann; er irrt sich, wenn er denkt, dass er es nur auf diese Weise lenken kann; er hat recht, wenn er davon ausgeht, dass die EU Fehler macht, weil sie mit inneren Problemen kämpft; er irrt sich, wenn er denkt, dass Russland oder China Alternativen zur EU bieten; er hat recht, wenn er glaubt, dass eine Demokratie von innen zerstört werden kann; doch er irrt sich, wenn er denkt, dass er sie von innen auch zerstören muss. Meiner Meinung nach denkt er von sich, dass er ein Vorbote von etwas sei - so wie Putin auch - doch am Ende werden Russland und auch Ungarn verlieren. (...) Ungarn und Russland können davon überzeugt sein, dass sie eine Alternative zu Europa bieten könnten, und sie haben auch die Macht, gegen die EU aufzutreten - doch nur vorübergehend. All dies ist eine schlechte Richtung, denn sie können sich nur gegen etwas definieren. Das ist nicht konstruktiv, darauf kann nicht gebaut werden."
Stichwörter: Snyder, Timothy, Ungarn

Magazinrundschau vom 25.09.2018 - Elet es Irodalom

Der Oberlandesrabbiner Róbert Frölich, der Philosoph György Gábor und die Erziehungswissenschaftlerin Kata Vörös legen in einem gemeinsam gezeichneten Artikel dar, warum das Betreiben einer Holocaust-Gedenkstätte durch eine jüdische Gemeinde - wie dies im Falle des umstrittenen "Haus der Schicksale" in Budapest durch den ungarischen Ableger der orthodoxen Chabad-Bewegung EMIH geplant ist - für eine gemeinsame, nationale Erinnerungskultur kontraproduktiv ist: "Der ungarische Staat muss als Träger der Institution durch Zielsetzung, Bestimmung und Betreiben derselben die unabweisbare Verantwortung übernehmen. Die inhaltliche Zusammenstellung und Präsentation des dort gezeigten Materials, die Organisation und Durchführung der verschiedenen Programmpunkte, die Sicherung der Präsenz beim internationalen Diskurs, die Zurverfügungstellung und die Anwendung von zeitgemäßen pädagogischen Mitteln, müssen durch hiesige und internationale Experten, die in ihren Berufen anerkannt sind, durch Historiker, Soziologen, Philosophen, Theologen, Museologen, Fachpädagogen, Psychologen, Ästheten, Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften zusammen erarbeitet werden. Durch ihre Kooperation demonstrieren sie, dass es sich hierbei um eine gemeinsame nationale Angelegenheit handelt."