Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 22.05.2018 - Elet es Irodalom

In der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom formuliert der Medienwissenschaftler und Kunsthistoriker Péter György die Grundpfeiler einer zukünftigen Opposition in Ungarn: "Die neue Politik müsste nicht von den Armen, sondern mit den Armen sprechen. Es bedarf keiner Wahlkampftouren, sondern es müsste etwas zusammen mit den Armen getan werden; nicht Almosen verteilen oder Mitleid bekunden, sondern jene, die in der Unsichtbarkeit leben, als politischen Partner betrachten, nicht deren Anschluss organisieren, sondern ihre Würde als selbstverständlich ansehen: Etwas, was die politische Elite für sich selbst stets einfordert. Die selbstzerstörerische postkommunistische und postliberale Opposition kann der ethnizistischen Regierungspartei dann Paroli bieten, wenn sie versteht, dass sie nur eine Chance hat: mit dem Aufrufen der linken bäuerlichen Tradition, indem sie sich gegenüber der Macht genau so verhält wie jene damals gegen das Horthy-System. Die Würde der Armen und der Roma, die Unveräußerlichkeit ihrer Rechte, die Evidenz der Priorität ihrer Schicksale: das ist die wahre Frage. Alles andere ist Feigheit und Verrat."
Stichwörter: Ungarn, György, Peter

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Elet es Irodalom

Die sich weiter in Umbruch befindende Medienlandschaft in Ungarn ist weiterhin ein Thema. Der ehemalige Publizist der eingestellten Zeitung Népszabadság Ervin Tamás sucht nach den Gründen, die zur jetzigen Situation führten und macht neben den repressiven Aktionen der Regierungspartei auch das Medien-Konsumverhalten der linken und liberalen Intelligenz verantwortlich. "Ich glaube nicht, dass alles mit der fehlenden zahlungsbereiten Nachfrage erklärt werden kann. Der neugierige, offene, Fakten, Zusammenhänge und Argumente suchende Mensch entschwindet - reife, selbstbewusste Bürger gab es hierzulade sowieso zu wenige. Die linksliberalen Zeitungen wurden von ihren Lesern im Stich gelassen. Sie nahm nicht zur Kenntnis, dass wenn sie Artikel nur auf Facebook teilten, früher oder später nichts mehr zu finden sein würde und damit die eigene Gemeinschaft zum Hungertod verurteilt war. ... Das Desinteresse an Qualität zeigt sich auch darin, dass die Verkaufszahlen von Élet és Irodalom, Magyar Narancs, HVG oder vergleichbaren Organe sehr bescheiden sind. An der Kostenlosigkeit des Internets trauen sich auch Kulturportale nicht etwas zu ändern. Was bleibt (sei es als Opposition seiner Majestät oder durch Crowdfunding erhalten) wird durch einen geschlossenen Klub konsumiert - und siehe da, auch das Internet hat die Welt nicht verändert..."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - Elet es Irodalom

Kurz nach dem erneuten Wahlsieg von Fidesz bei den Parlamentswahlen Anfang April, verkündete der Eigentümer von Magyar Nemzet, dass die Tageszeitung und der Schwester-Radiosender Lanchidradio mit sofortiger Wirkung eingestellt werden. Obwohl sie als konservativ galt, hatte die Zeitung zuletzt Regierungskritik geübt, seit der Eigentümer und ehemalige Parteikassenwart von Fidesz, der Oligarch Lajos Simicska mit Ministerpräsident Viktor Orban aneinander geraten war. Viele kritische Medien bleiben nicht mehr übrig. Sowohl bei den Wochenzeitschriften als auch bei den Online-Portalen werden in den kommenden Jahren weitere Schließungen erwartet. Wie bereits nach der Übernahme und Schließung von Nepszabadsag (unsere Resümees), kam erneut die Diskussion auf, ob eine besser situierte, politisch bewusste Leserschicht ein eventuelles Überleben von Printmedien ermöglichen könnte. Der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Laszlo Kovacs verneint: "Es gibt keine für Zeitungen eintretende und lesewillige Schicht. (...) Jene zumeist rechten Journalisten, die früher in unterschiedlichen Debatten trotzig behaupteten, dass die Fidesz genau diese Schicht, nämlich das Bürgertum aufbaut, erfahren jetzt selbst, dass es kein Bürgertum gibt, keine freie Schicht mit eigenem Willen. Diese Regierung will kein Bürgertum, keine Mittelschicht, sondern eine EU-Förderungen beantragende Masse. Die kauft bestimmt keine Zeitung."

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - Elet es Irodalom

Vor vier Jahren ließ die ungarische Regierung das "Mahnmal an die deutsche Besatzung" auf dem Budapester Freiheitsplatz aufstellen: der räuberische Reichsadler schwebt über dem Erzengel Gabriel, der das unschuldige Ungarn verkörpert (mehr hier). Bis heute wurde das Mahnmal nicht offiziell eingeweiht. Es entfachte jedoch eine breitere gesellschaftliche Debatte über die Erinnerungspolitik und -kultur in Ungarn. Eine zivilgesellschaftliche Initiative stellte in unmittelbarer Nähe das "Lebendige Denkmal" auf: Menschen legen vor dem Mahnmal Gegenstände und Fotos von Opern des Holocaust ab und treffen sich zu Diskussionen. "Ohne moralische Bestätigung gibt es weder Macht noch Herrschaft", erinnert der Hochschullehrer László Majtényi. "Mit dem 'Lebendigen Denkmal' entstand ein freier Raum auf dem Freiheitsplatz. Und dieser Raum umgibt das hässliche, lügende Zeichen der Macht. Der Erzengel Gabriel wurde für die Macht zu einer Leerstelle. Seine Statue wurde in der Nacht aufgestellt, sie wird durch Polizisten, Absperrungen und Kameras beschützt, und es ist beispiellos, dass sich seit vier Jahren kein Staatssekretär oder Minister hierher traut, um im Beisein von Lehrerinnen, Schülern sowie dem Herrn Bischof das Denkmal einzuweihen. Sie haben Angst vor uns. (...) Gabriel mit dem Adler ist die Schande der Macht."
Stichwörter: Ungarn, Erinnerungspolitik

Magazinrundschau vom 13.03.2018 - Elet es Irodalom

Die Situation in der Slowakei nach dem Mord an dem Enthüllungsjournalisten Ján Kuciak und seiner Verlobte Martina Kušnírowá beschäftigt die Öffentlichkeit auch in Ungarn. Zumal die ungarisch-slowakische Partei Híd-Most mit dem Vorsitzenden Béla Bugár an der Regierungskoalition in Bratislava beteiligt ist und auf Massendemonstrationen der Rücktritt der slowakischen Regierung gefordert wird. Andererseits beschuldigen die Ministerpräsidenten beider Länder (Fico und Orbán) den ungarisch-amerikanischen Investor George Soros der Inszenierung eines Staatsstreichs in der Slowakei. Der zur ungarischen Minderheit in der Slowakei gehörende Schriftsteller und Redakteur József Gazdag versteht die abwartende Taktik von Béla Bugár nicht: "Ob Híd-Most aus der slowakischen Regierung austritt, wird nun die Sitzung des Parteirates am 12. März entscheiden. Bugár weiß allerdings bereits, dass sein politisches Spiel zu Ende geht. Die Frage ist, ob er es schafft, mit Würde abzutreten. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus, denn Bugár machte mitten in der innenpolitischen Krise wenig staatsmännisch Urlaub auf den Malediven. (…) Der slowakische Präsident Fico hofft indes auf die Straße, als er nach dem Motto alles oder nichts eine neue Zielscheibe hochhielt: György Soros. Der Name Soros war bisher nur auf moskaufreundlichen, Desinformationen und Verschwörungstheorien verbreitenden Portalen zu lesen, nun heißt es: Soros plant einen Staatsputsch in der Slowakei. (…) Hier ist die Slowakei angelangt und es ist unberechenbar, was der Morgen bringt. Sicher ist, dass es zu einem Paradigmenwechsel im politischen Leben kommt- die Frage ist, ob es in die Richtung von westeuropäischen oder eher von byzantinischen Werte geht."

Magazinrundschau vom 12.02.2018 - Elet es Irodalom

Nach bekannt gewordenen Plänen will die Orban-Regierung nach dem - als sicher vorausgesetzten - Wahlsieg bei den Parlamentswahlen im April eine Medienkammer etablieren. Dem historisch stark belasteten Konzept nach soll eine Mitgliedschaft zwar nicht verpflichtend sein, jedoch soll die Kammer als "Qualitätssiegel" fungieren. Demnach sollen bei "landesweit" tätigen Medien nur Kammermitglieder arbeiten dürfen, staatliche Werbeaufträge dürften nur an "landesweit" tätigen Medien vergeben werden. Für die Soziologin Mária Vásárhelyi würde die Pressefreiheit damit quasi ausgesetzt: "Die Presse hatte lediglich einige wenige freie Jahre kurz vor und nach der Wende, als weder Politik noch Wirtschaft den Medienmarkt für sich beanspruchten. Den informellen politischen Druck gegenüber Journalisten gaben dann Eigentümer und Chefredakteure weiter. Die Medienkammer ist jedoch qualitativ noch einmal etwas anderes. Scheinbar würde sie als Zunfts- und Interessensvertretung funktionieren, die Journalisten Schutz bietet vor ausbeuterischen ausländischen Medienunternehmen, tatsächlich wird sie aber den letzten Funken des freien journalistischen Schaffens auslöschen."

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - Elet es Irodalom

Der Filmregisseur Béla Tarr ist seit seinem Rückzug vom Filmemachen (2012) als Hochschullehrer (für visuelle Künste) und als Jury-Mitglied bei diversen Filmfestivals viel unterwegs. Im Interview mit Eszter Rádai denkt er über die Bedeutung der digitalen Technologie für die visuellen Künste nach: "Leider wird nicht erkannt, dass die digitale Technologie auch eine neue Sprache ist. Sie wird verwendet wie eine Filmkamera, sie ist aber keine. Drei Jahre lang saß ich in Amsterdam in der Jury des Eye Film Instituts, (...) doch in diesen drei Jahren sah ich niemanden, der wirklich darüber nachgedacht hätte, was er in der Hand hält. Die visuellen Künste - das ist mein Eindruck - sind zutiefst verunsichert... Als wäre seit den sechziger Jahren oder eigentlich seit dem Fluxus in diesem Bereich nichts passiert. Sie benutzen den selben Pfad, drehen sich um dieselbe Achse, suhlen sich in demselben Pfuhl und erkennen nicht, dass sie ein neues Werkzeug mit fantastischen neuen Möglichkeiten in der Hand halten."

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - Elet es Irodalom

Vor kurzem veröffentlichte der Historiker Ignác Romsics eine umfangreiche Universalgeschichte Ungarns. Dass die Vergangenheit sich ständig zu ändern scheint, je nachdem, aus welcher Perspektive - und aus welchem Land - man sie betrachtet, erklärt er am Beispiel der zentraleuropäischen Länder: "Unter den Historikern aus Ungarn und den Nachbarländer gibt es seit längerem unterschiedliche Diskussionen. Allgemein kann in Themen, welche aus identitätspolitscher Perspektive indifferent sind, Einigkeit erzielt werden. Aber in den Schlüsselfragen, welche die tragenden Säulen der nationalen Narrative betreffen, eben nicht. (…) Vergangenheit formt unsere Auffassung über die Zukunft und die unbekannte Zukunft formt unser Bild über die Vergangenheit. Die Zukunft allerdings formt nicht unbeschränkt unsere Sicht auf die Vergangenheit. Dass wir beide Kriege des 20. Jahrhunderts an der Seite der Verlierer beendeten, kann keine Zukunft ändern. Die Einschätzung der Kádár- und Horthy-Ären dagegen kann sich durchaus ändern und wie wir es sehen, ändert sie sich auch. In einigen Jahrzehnten wird die Politik im Gegensatz zur heutigen Situation eine geringere Rolle spielen, die Historiografie hingegen eine zunehmend größere."
Stichwörter: Romsics, Ignac, Ungarn

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - Elet es Irodalom

Der Medienwissenschaftler und Hochschullehrer Gábor Polyák (Universität Pécs) beschreibt die schrittweise Übernahme der einzelnen Medienbranchen und Organe in Ungarn durch regierungsnahe Oligarchen: "Eine faire Wahlkampagne kann in Ungarn nicht mehr organisiert werden, das Mediensystem ist so sehr zugunsten von Fidesz deformiert, dass korrekte Diskussionen nicht veranstaltet werden können und über die Öffentlichkeit die Wahlen nicht mehr kontrolliert werden können. Oppositionelle Parteien sind grundsätzlich in die sozialen Medien gedrängt worden.(...) Bei der Übergabe von traditionellen Medien gab es weniger Drohungen, sondern Angebote, die nicht zurückgewiesen werden konnten. (...) Investoren sind halt keine Freiheitskämpfer. Die frühere Eigentümerin des verlustreichen TV2, Pro7Sat1 verkaufte den Sender an Andy Vajna, weil es soviel Geld gab, dass es sich lohnte. Die Telekom verkaufte das größte aber rote Zahlen schreibende Online-Portal Origo, weil sie im Gegenzug einige Regierungsaufträge und eine neue Mobilfunkfrequenz erhielt. Und die früheren Eigentümer von Regionalzeitungen und Radiosendern verdienten ebenfalls gut, als sie die Redaktionen an regierungsnahen Oligarchen überließen. Niemand machte es zur moralischen Frage, dass große Teile der ungarischen Öffentlichkeit in die Hände von Fidesz gelangten und dies den Abbau der ungarischen Demokratie ermöglichte."

Magazinrundschau vom 12.12.2017 - Elet es Irodalom

Der Dichter und Schriftsteller János Háy konstatiert in einem ironischen Artikel das Ableben der ungarischen Lyrik: "Der größte ungarische Dichter ist 'Das U. Volk'. Es lebt am längsten und hat das größte Lebenswerk vorzweisen. Während die meisten ungarischen Dichter an Krebs oder Leberzirrhose starben oder aber auf dem Alter der Freiheit verbluteten, war 'Das U. Volk' zäh. (...) Der größte Ungar hörte mit dem Dichten nicht auf, weil er mit dem Resultat unzufrieden war. Doch wir sind in eine Welt hineingerannt, in der niemand mehr 'Das U. Volk' sein wollte, plötzlich schuf jeder nur noch für sich. Der größte ungarische Dichter gab das Dichten auf zugunsten der Dichter, die mit ihrem Namen unterzeichneten."