Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 10.12.2019 - Elet es Irodalom

Fakten sind auch nicht alles! Im Gespräch mit László Kőszeghy hebt die Kommunikationswissenschaftlerin Júlia Sonnevend (New School for Social Research, NY) die Bedeutung von Mythen in der Erinnerung eines Landes hervor - ein Thema, über das sie auch ein Buch geschrieben hat. "Damit ein Ereignis langfristig in der Erinnerung vieler Menschen aufrechterhalten bleibt, müssen wir zahlreiche Fakten davon lösen und ein sauberes, widerhallendes Narrativ aufbauen, also einen Mythos bilden. Obwohl es ein gefährlicher Prozess ist und für viele, die dabei waren und das Ereignis persönlich erlebten oder dessen Komplexität kennen, empörend sein kann, behaupte ich, dass wir ohne zeitgenössische Mythen nicht leben können, was aber seinen Preis hat. Das Buch war grundsätzlich eine Botschaft an die Medienwissenschaften, die die Achtung der Tatsachen und der Objektivität für das höchste Gut der Massenkommunikation hält. Ich konfrontiere diese Aussage radikal und sage, dass Mythen uns - und damit auch die Medien - mindestens genau so bestimmen, wie die Fakten. Es ist eine Illusion zu denken, dass der Mensch grundsätzlich ein rationelles Wesen sei. Der unbedingte Glaube an die Fakten führt wiederholt zu Enttäuschungen, die wir jedes Mal durchleben, wenn wir mit dem Erfolg eines vollkommen anderen Ideensystems konfrontiert werden. Der Wunsch nach Mythen lebt bis heute in uns, was nicht bedeutet, dass Faktenzentriertheit nicht wichtig wäre, aber die Achtung der Fakten allein reicht nicht aus."

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - Elet es Irodalom

Der Historiker und Schriftsteller László András Magyar untersucht in Élet és Irodalom die Beziehung von Angst und Populismus: "Veränderung kann - Versprechen hin oder her - nicht aufgehalten werden, denn Veränderung ist das einzig ewige Gesetz unserer Welt. (...) Der Prozess der Veränderung der Werte ist ebenfalls unaufhaltbar, sogar bei der Geschwindigkeit der Veränderung haben wir kein Mitspracherecht, höchstens können wir vielleicht deren Richtung verändern. Was heutzutage als Populismus bezeichnet wird, ist nichts anderes als eine Lüge, welche die Angst der Menschen bewusst ausnutzt. Es ist eine Lüge, denn er verspricht Unmögliches. Die den Populismus fütternde Angst könnte nur ein Staat - wenn auch nicht beheben, so doch zur Gefahrlosigkeit reduzieren, der sich so um die Ungeschützten und die Verlierer kümmert, dass er dabei nicht lügen muss. Dieser Staat wurde einst Wohlfahrtsstaat genannt und dieser Staat funktionierte auch solange, bis er weggefegt wurde - eben von der Veränderung. Er wurde so sehr weggefegt, dass das Versprechen, ihn wieder auferstehen zu lassen, auch nichts anderes sein kann, als lügnerischer Populismus."
Stichwörter: Magyar, Laszlo Andras

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Elet es Irodalom

Natürlich gibt es Nostalgie, ruft der Historiker und Schriftsteller György Dalos, der gerade seine Erinnerungen "Für, gegen und ohne Kommunismus" veröffentlicht hat. Aber es gibt sie nicht ohne Grund, meint Dalos mit Blick auf das kostenloses Gesundheits- und Bildungswesen in den eisnt sozialistischen Ländern, auf Vollbeschäftigung und Garantie der Kultur: "All diese funktionierten auf einem sehr niedrigen Niveau, sehr schwach, letztere war an die Zensur gebunden, doch all dies brachte Stabilität in die Gesellschaft - verbunden mit dem Versprechen, dass dies ewig dauern würde… Ich kenne die Literatur der alten DDR ziemlich gut, bin Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, ich treffe regelmäßig Menschen aus der ehemaligen DDR und irgendwie hat jeder eine Geschichte über die eigenen Probleme mit der Zensur oder mit der Stasi. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie alle jene Situation der Ausnahme vermissen, in der die Literatur und die Künste waren, und an der nur derjenige nicht teilhatte, der vollkommen marginalisiert wurde. Heute dagegen gibt es in Gera kein eigenes Theater mehr. In der DDR hatte jede Stadt mit 60.000 Einwohnern ein Theater. Heute muss sich Gera ein Theater mit vier ähnlich großen Städte teilen. Als würde das Wandertheater auf Kutschen zurückkehren. Diese Zerstückelung der Kultur und der Raumgewinn der neuen Medien ist ein allgemeines Phänomen. Für die nicht-intellektuellen Schichten kam die Zeit der Existenzunsicherheit. Es gibt mittlerweile keine dramatische Arbeitslosigkeit, keine Inflation, doch das alte System hatte für viele das Versprechen, dass sich nichts ändern wird. Die Versorgung wird vielleicht ein bisschen besser. Diese innere Sicherheit ist instabil geworden."
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Stichwörter: Dalos, György

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Péter N. Nagy denkt der Rechtssoziologe Zoltán Fleck über ein mögliches Ende der Orban-Regierung nach und über die Aufgaben und auf Konsens zielenden Diskussionen danach: Fortschritt ist undenkbar mit diesem von Orban geprägten System, meint er, weshalb es abgeschafft werden müsse. "Es ist aber auch nicht möglich, einfach zu der Verfassung der Wende zurückzukehren. Aber die historische Leistung, dass in Ungarn zwischen 1990 und 2010 Demokratie herrschte, muss anerkannt werden. Erneut werden die Juristen eine große Rolle spielen, denn es wird um rechtliche und institutionelle Umgestaltungen gehen. Dafür müssen wir uns à la Münchhausen an den eigenen Haaren aus der Kultur zerren, die unsere ist und in der wir uns wohlfühlen. Wir müssen unsere historischen Mentalitäten und Barrieren hinter uns lassen. Wir brauchen in der Tat eine Antwort auf die Frage, wer wir sind. Nicht ohne Grund taucht in Krisenzeiten die Frage auf 'Was ist ungarisch?', die wir uns in dieser Form nicht stellen müssen, sondern 'Warum wir so sind, wie wir sind? Was ist unsere eigene Rolle und was ist Determinierung?' Was heute herrscht, ist die Institutionalisierung des schlechtesten Ichs der ungarischen Gesellschaft. Doch wenn wir nicht erkennen, dass auch diese wir sind, können wir es auch nicht hinter uns lassen."
Stichwörter: Fleck, Zoltan, Ungarn

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - Elet es Irodalom

Der im slowakischen Bratislava geborene Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler Zoltán Csehy spricht im Interview u.a. über die Situation der ungarischsprachigen Literatur in der Slowakei, nachdem einige Schriftsteller aus der "Gesellschaft der ungarischen Schriftsteller in der Slowakei" ausgetreten sind und einen neuen Kreis namens "Basis" gründeten. "Das literarische Leben kann selbstverständlich belebt werden. Für mich ist diese Schriftstellerbund-Angelegenheit keine große Sache, es ist eher wie Mitglied in einer Facebook-Gruppe zu sein. Wenn es mich nicht interessiert oder wenn ich bestimmte Personen nicht in meiner Nähe haben will, dann trete ich nicht ein, ich sehe darin kein großes Thema. Wenn manche Prinzipien mir nicht passen, dann gehe ich leise weiter und die Sache hat sich erledigt. (...) Es wäre gut in größeren gesamtkünstlerischen Dimensionen zu denken, damit die Inspiration stärker wird. Die Zerstreuung der ungarischen Literatur in der Slowakei ist sicherlich ein großer Nachteil. Es gibt wenige, sich gegenseitig stärkende Freundeskreise oder Zellen, es gibt eher vereinsamte Schaffende. Das hört sich vielleicht witzig an, denn heutzutage können Entfernungen leicht überwunden werden, ich denke trotzdem, dass die alltäglichen menschlichen Kontakte fehlen. Auch darum haben wir bei vielen Sachen verspätete und übertriebene Reaktionen."

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - Elet es Irodalom

Das jüngste Buch des im serbischen Novi Sad lebenden ungarischen Schriftstellers László Végel ("Temetelten múltunk" - Unsere unbegrabene Vergangenheit, Noran Libro, Budapest, 2019) ist nach Intention des Verfassers ein autofiktionaler Roman um das Thema des Minderheitendaseins. Im Interview spricht Végel u.a. über Fragen der Identität: "Ich wollte absichtlich keine gewöhnliche Autobiografie schreiben, sondern dachte an einen Roman, der von der neueren Gattungslehre als Autofiktion bezeichnet wird. (…) Ich lebte das Drama des 'Staatsbürgers' auf dem Ex-Territorium, bei dem das Minderheitenparadigma auch ein universelles menschliches Schicksal erschließt. In diesem Sinne bin ich kein traditioneller Minderheitenschriftsteller. Denn ich glaube, dass der Minderheitenzustand seismographisch ist; er zeigt rechtzeitig das universelle menschliche Drama, in dem wir alle Opfer geworden sind oder sein werden. Denn es ist offensichtlich, dass in unserer hysterisch beschleunigten Zeit der Mensch, in den Fußstapfen seiner verlorenen oder gestohlenen Identität taumelnd, unfähig ist, seine Vergangenheit in Würde zu begraben. Das Gift der Vergangenheit stinkt um uns herum. Die alte Identität ist verloren gegangen, eine neue haben wir uns nicht angeeignet. Allmählich werden wir alle zu Zentauren, egal wie sehr wir uns dagegen wehren. In dieser stinkenden Geschichte lebte ich und lebe ich auch heute noch. (…) Wir machen uns vor, dass uns noch ein intimes, inneres, persönliches Leben geblieben ist, doch Dank der modernen Kommunikationsmitteln, liegt jenes (Leben) längst in Ruinen. Wir betrügen uns aber, weil wir töricht hoffen, dass wir einen Ort zum Flüchten haben. Die simulierte 'intime Identität' ist unser geheimer Bunker geworden."

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Elet es Irodalom

Für den Soziologen und Publizisten Márton Kozák war das Scheitern der neuen Republik durch die Wende-Verfassung von 1989 vorprogrammiert: "Es hätte Sinn und Ziel der Verfassung von 1989 sein müssen, dass auch dann niemand die Möglichkeit bekommt, unbeschränkte Macht zu gewinnen, wenn das Volk aus Gewohnheit dem nicht widerspricht", schreibt er. "Die ikonischen Figuren der Wende haben die Rechtsordnung der Republik ungewollt selbst mit dem tödlichen Virus infiziert. ... Es ist wenig beruhigend, dass für dieses ungeheure Versagen keine außenstehenden Kräfte (historische Bestimmtheit, Fluch, Schicksal, Gott etc.) sondern die von uns verursachten Fehler verantwortlich sind. Beim nächsten Mal, wenn es ein nächstes Mal geben wird, muss es besser gemacht werden."
Stichwörter: Ungarn, Wende, Kozak, Marton

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - Elet es Irodalom

János Széky porträtiert den gescheiterten Kandidaten für den Posten des EU-Kommissars für Erweiterung und humanitäre Hilfe, László Trócsányi: "Er ist ein exemplarischer Vertreter der in drei Jahrzehnten kristallhart gewordenen ungarischen 'rechten' Elite. Trócsányi ist kein Ringer, der den Pansen-Gulasch mit dem Löffel isst, sondern ein feiner Herr, ein Wissenschaftler, Lehrer, Verfassungsrechtler, Rechtsanwalt und Diplomat, der in mehreren Sprachen liest und publiziert (...). Genau das ist der ureigene ungarische Konservativismus, der gerne der bestehenden Macht dient. Je stärker die Macht, desto lieber, denn sie ist dann umso stabiler und kann umso länger Dienste honorieren. Wahrheit, Ethik und politische Werte sind Störfaktoren. Überparteilich, über den Kuhhändeln der Tagespolitik stehend, kann dieser Konservatismus jeder politischen Schweinerei mit professioneller juristischer Arbeit dienen. Objektive Wahrheit existiert nicht, lediglich das rechtskräftige Urteil. Und solange es dieses nicht gibt, ist A nicht gleich A."

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Elet es Irodalom

Der Soziologe Iván Szelényi (Prof. em. der Yale University) erinnert sich an den kürzlich verstorbenen György Konrád, dessen Coautor er bei dem Buch "Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht" war. "Ich habe mich vor gar nicht so langer Zeit mit Gyuri unterhalten: ob das 'Intelligenz-Buch' ein liberales Buch gewesen sei. Ich sagte: nein. Am Anfang der 1970ern Jahre stand uns noch kein kohärenter liberaler Diskurs zur Verfügung. Wir schufen einen breiteren Raum für diejenigen, die anders denken wollten. Darum wagte ich vorhin den Namen von Laci Rajk zu nennen, der wesentlich jünger war als wir, doch er schloss sich selbstverständlich der neuen Denkweise an. (…) Heute senst der Sensenmann in der Generation, die am Ende der 60er, Anfang der 70er eine neue Sprache suchte. (…) Ich trauere um die Pioniere jener Zeit, vor allem um György Konrád, der wohl am meisten für das tat, was wir heute als Systemwende in Ungarn bezeichnen. Doch ich trauere mehr um Gyuri, der mein Freund war. Es gibt zahlreiche geschichtsgestaltende Nationalhelden, doch es gibt nur einen besten Freund."

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Elet es Irodalom

Am Ende vergangener Woche trat der verantwortlicher Chefredakteur der Wochenzeitschrift 168 óra, Ákos Tóth wegen unüberbrückbarer Konflikte mit der Eigentümerin der Zeitschrift von seinem Posten zurück. Mit ihm gingen auch seine zwei Stellvertreter, der Politologe Zoltán Lakner und Gyula Krajczár. Eigentümerin der Zeitschrift ist die Firma Brit Media, die wiederum mit dem ungarischen Ableger der orthodoxen Chabad Lubawitsch Gemeinde und insbesondere mit Rabbi Slomó Köves in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. Die Gemeinde von Köves wurde von der gegenwärtigen Regierung als offizielle Kirche anerkannt und im Gegensatz zu der traditionellen jüdischen Gemeinde, der eher regierungskritischen MAZSIHISZ wird sie großzügig vom Staat unterstützt. Rabbi Köves fungierte in den vergangenen Jahren des Öfteren als Apologet der Orbán-Regierung, zumal bei umstrittenen Kampagnen wie die gegen Georg Soros. Zoltán Kovács, Chefredakteur von Élet és Irodalom fragt sich, in welche Richtung sich 168 óra wohl entwickeln wird: "Wie aus der veröffentlichten Abschiedsrede des scheidenden Chefredakteurs Ákos Tóth ersichtlich wurde, hatte er unüberbrückbare Konflikte mit den Eigentümern der Wochenzeitschrift, doch über Einzelheiten und Inhalt wurde nichts gesagt. Wie es informell hieß, wurde die Köves-Linie erdrückend. Wohin all dies führt, kann noch nicht gesagt werden. (…) Die wichtigste Frage ist, ob es inhaltliche Veränderungen geben wird, ob die politische Linie der Zeitschrift bleibt, und ob sie das, was die Leser am meisten mochten, nämlich niveauvolle Interviews und ideenreiche Publizistik verlieren wird. Oder all dies bleibt, nur das, was informell angedeutet wurde, noch stärker wird, dass die Zeitschrift sich zunehmend zum religiösen Traktat wandelt. Auch das kann passieren, nur dann soll nicht so getan werden, als ginge es um etwas Anderes."