Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 24.11.2020 - Elet es Irodalom

Der Kritiker und Publizist, sowie Hochschullehrer an der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE) György Báron berichtet über den vorerst letzten Protestabend von Studierenden und Lehrpersonal der SZFE vor der aufgrund der Pandemie verhängten nächtlichen Ausgangssperre. Damit ist der über siebzig Tage dauernde Protest gegen die Umwandlung der Universität vorläufig beendet. Ob und in welcher Form die Proteste weitergehen, werden die kommenden Tage zeigen. "Der letzte Abend vor der Ausgangssperre. (…) Das 'Forum der Liebe' hält an. Die Teilnehmenden erzählen auf dem Dachboden Geschichten aus der Vergangenheit der Schule, über alte Kollegen und Lehrer, die andern online. Die Stimmung ist hervorragend, alle lachen, niemand ist traurig. Es gibt auch keinen Grund dazu. Alle wissen genau, dass sie gewonnen haben. Diese 72 Tage kann niemand von ihnen nehmen. Sie lernten mehr als bei allen Unterrichtsstunden, bei Praktika oder von irgendeinem Professor. Sie haben gekostet, was in diesem Lande selten und nur für wenige erreichbar ist: die kristallklare Luft der Freiheit und der Demokratie. Eine solche Erfahrung gibt lange Kraft, vielleicht ein Leben lang, das wissen sie auch. Und sie wissen, dass ein ganzes Land etwas von ihnen gelernt hat: Anstand und Mut. Dieses Erlebnis nehmen sie und die Universität mit."

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Bálint Kovács spricht der Sprachwissenschaftler, Lyriker und Übersetzer Ádám Nádasdy anlässlich der Veröffentlichung seines ersten Prosabandes über die Unterschiede der Komposition der (gleichgeschlechtlichen) Liebe in der Lyrik und in der Prosa. "Das Gedicht ist wie eine Bleistiftzeichnung: ich ziehe paar Linien, schon heißt es: oh, ein Liebespaar! Die Prosa ist mehr wie ein Foto: man muss überlegen, was im Hintergrund ist, man muss das Zimmer mit Gegenständen einrichten und man muss wissen, welche Farbe die Augen der Figuren haben. Das ist wirklich nicht einfach, ich kann doch nicht schreiben: "Wie geht es deinem Vater, dem pensionierten Apotheker?" (...) Ein Freund von mir fragte einst: Wo würdest du im Buchladen gern deine Bücher stehen sehen: bei der Schwulen- und Lesbenliteratur oder bei der Belletristik? Was hätte ich antworten können: in beiden. (...) In meinen Gedichten habe ich die Paare oft nicht spezifiziert - nicht weil ich tricksen wollte, sondern weil ich dachte, dass Liebe Liebe ist, Treue Treue und Kummer Kummer. Doch in der Prosa gibt es kein Entkommen, wenn man die Hose runterlässt, dann muss man zeigen, was man hat."

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - Elet es Irodalom

Der Medizinhistoriker, Autor und Übersetzer László András Magyar sieht mit der schwindenden Leselust wesentliche Errungenschaften und Werte gefährdet. "In der bunten Welt der gedruckten Bücher mussten nicht nur die Autoren über gewisse Kompetenzen verfügen, sondern auch die Leser, damit es zu einer Kommunikation zwischen den beiden kommen konnte. Zum Beispiel musste der Schriftsteller schreiben und der Leser lesen können. (Das heißt, er musste auch Texte verstehen, die länger als fünf Zeilen waren). Diese Vorbildung ist für das Internet nicht mehr notwendig und die Situation wird sich nur verschlechtern, wenn die Bildinformationen den Platz der Textinformationen übernehmen. (…) Wer sich ans Klicken, ans Bildschirmwischen, an Instagram und YouTube gewöhnt hat, der wird keine dreihundert Seiten lesen, denn er wird es nicht können, egal, wie ihm die Buchstaben serviert werden. Insbesondere dann, wenn in seiner Umgebung niemand mehr ist, den er lesen sieht. Aber das erschreckendste ist, dass mit dem gedruckten Buch auch dessen Geschenke verschwinden werden: das Individuum, das Wissen und die Freiheit."
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Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Csaba Báthori hat unter anderen den ungarischen Dichter Attila József in Deutsche übersetzt. Im Interview mit Benedek Várkonyi spricht er über die Vor- und Nachteile der muttersprachlichen beziehungsweise nicht muttersprachlichen Übersetzungen: "Ich bin in Mohács aufgewachsen, auf einem geräumigen Gehöft, auf dem viele Nationalitäten zusammenlebten. Ich hatte eine Großmutter, die Schweitzer hieß, in erster Linie lernte ich von ihr Deutsch. So hatte ich sehr starke, jedoch ruhende Deutschkenntnisse in mir. Heutzutage scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass der Mensch sich literarisch am besten in seiner Muttersprache ausdrücken könne. Ich weiß seit langer Zeit: das angeeignete, übernommene Wissen kann eine ebenso überwältigende Wirkung haben wie das angeborene oder vererbte Wissen. Auch Texte von muttersprachlichen Übersetzern können gut oder schlecht sein. Das sage ich auch über mich. Wenn jemand in seine Muttersprache übersetzt, bedeutet es noch lange nicht, dass er ein guter Übersetzer ist. Auch Originaltexte wurden nicht immer in der Muttersprache geschrieben, siehe Beckett, Panait Istrati oder Joseph Conrad. (...) Ich kenne jene Personen sehr gut, die ungarische Literatur ins Deutsche übersetzen. Das deutsche Sprachgebiet ist riesig, vielfarbig und es gibt kaum eine einheitliche deutsche Sprache. Und die Gruppe der Übersetzer? Es gibt geborene Ungarn, es gibt welche die früh oder spät ausgewandert sind, es gibt welche, die in Deutschland geboren wurden, es gibt die 'Konvertierten' und noch vieles mehr, was vorstellbar ist."

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Elet es Irodalom

In der EU spitzt sich die Debatte darüber zu, ob Auszahlungen von EU-Geldern an die Einhaltung von Kriterien der Rechtsstaatlichkeit geknüpft werden sollen. Einerseits will das EU-Parlament eine strenge Verknüpfung, andererseits droht die ungarische Regierung mit einem Veto bei den Haushaltsverhandlungen. Der Publizist János Széky bemängelt in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die Ungenauigkeit der entsprechenden Berichte über den Stand der Rechtsstaatlichkeit in Ungarn (und Polen). Bei der Lektüre könne der Eindruck entstehen, dass es zwar Probleme in einzelnen Feldern gebe, diese aber wohl im Sinne der EU modifiziert werden könnten. Nach Széky sind die Probleme aber systemimmanent und die ungarische Regierung will daran keineswegs etwas ändern. "Was den Unterschied zwischen der kontinentalen Rechtsstaatlichkeit und der ursprünglichen angelsächsischen Herrschaft des Rechts (rule of law) angeht, soll hier nur erwähnt werden, dass die ganze ungarische Herrschaftselite zu Recht über die Unklarheiten der Ersteren spottet. Die Liste der Kriterien ist ziemlich zufällig, einerseits ist es leicht, etwas zu finden, was der im Fadenkreuz stehende Staat nicht erfüllt, andererseits wird aus den Kritikpunkten nicht klar, was überhaupt das eigentliche Problem mit einer bestimmten Regierung und dem System ist. Solche Berichte vermitteln immer weniger ein klares Bild. Der Leser sorgt sich beinahe um die Verfasser, nicht dass ihre kleinen Finger beim Abspreizen noch einen Krampf bekommen. Wer den Bericht geduldig liest, könnte den Eindruck bekommen, dass es in Ungarn Probleme gibt mit der Judikative, mit der Verfolgung von Korruption und der Medienvielfalt, aber er wird nicht erfahren, dass es in Ungarn keine liberale Demokratie gibt und die Regierung auch nicht will, dass es eine gibt. (...) Sicherlich sind Rechtsstaatlichkeit und die Garantie von Grundrechten Teil der liberale Demokratie, es wäre allerdings erfreulich wenn die von den westlichen liberalen Demokratien errichtete Union nun auch die Demokratie schützen würde. Leider gibt es dafür keine Hoffnung."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Zoltán Szalay denkt der in der Slowakei lebende Lyriker Árpád Tőzsér, der gerade 85 Jahre alt wurde, darüber nach, wie Lyrik sich komödiantischer Mittel bedienen kann: "Unsere Zeit ist wohl genauso tragisch wie träge, doch es geht in Wirklichkeit eher darum, ob man das Tragische mit den Mitteln der Komödie ausdrücken kann. Und damit sind wir bei einem ernsten kunsttheoretischen Dilemma. (...) Die Groteske, der Humor, meistens Galgenhumor, das Übertreiben von Trivialitäten einer Situation oder von Klischees, Satire und Ironie sind solche Mittel. Hinzu kommt eine Art versteckter Stoizismus, das sich Abfinden mit dem Unveränderbaren. Wir sollten nicht vergessen, dass der mitteleuropäische Absurdismus in den dunkelsten Jahren des Kommunismus entstanden ist. Und dieses sich Abfinden mit dem Unveränderbaren soll mit den genannten Mitteln der Komik kompensiert werden. Dies ist auch eine Art Widerstand, ergänzt mit dem zynischen Lachen der Selbstironie darüber, dass ein solcher Widerstand lediglich soviel tun kann, oder in der Literatur gar keinen Sinn dafür mehr sieht. Er kann sogar den Widerstand dort als kontraproduktiv erachten. Unabhängig von der Wende ist die Verlogenheit weiterhin kennzeichnend für unsere Zeit und darum sind auch die gegenstehenden literarischen Formen und Qualitäten aktuell."

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - Elet es Irodalom

Élet és Irodalom druckt die Rede nach, die der Schriftsteller, Dramatiker und Dozent der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst, Gábor Németh,  bei einer Demonstration von Studenten gegen die Änderungen der Trägerschaft sowie der Neubesetzung der Institution durch die Regierung (mehr dazu hier) gehalten hat: "Der Ministerpräsident beendet gemäß seinem Versprechen, was er angefangen hat: nach der Zerstörung der Autonomie in der Wirtschaft, in der Politik, in der Rechtsprechung, in den Medien, in den Wissenschaften, in der Kultur und in der Bildung, folgt jetzt die Auflösung der restlichen Autonomie der Universitäten. (...) Eigentlich verstehe ich es nicht, nein ich verstehe es gar nicht, warum die Ungarn schweigen (den wenigen Ausnahmen gebührt Respekt). Warum sagen sie kein einziges Wort zu dem, was passiert? Warum schweigt die gesamte Hochschulleitung? Glauben sie vielleicht, dass ihnen nichts passieren kann? Warum schweigt die ungarische Rektorenkonferenz?"

Magazinrundschau vom 01.09.2020 - Elet es Irodalom

Zum Nationalfeiertag am 20. August wurde anlässlich des hundertsten Jahrestages des Friedensvertrags von Trianon (bei dem Ungarn zwei Drittel seines Territoriums und ein Drittel seiner Bevölkerung verlor) in der Nähe des Parlaments ein neues Trianon-Denkmal errichtet, worauf alle Ortsnamen des historischen Ungarn eingraviert wurden. Das verwendete Ortsverzeichnis stammt aus dem Jahre 1913, als die zwanghafte Hungarisierung durch den damaligen Staat betrieben wurde. Viele der angegebenen Ortschaften waren und sind Siedlungen in denen nie Ungarn gelebt haben, wie Historiker kritisieren, schreibt Gábor Gyáni. "Bekanntlich wurde die Einheit des ungarischen Nationalstaates im Jahre 1867 auf das Prinzip 'es gibt nur eine politische Nation in dieser Heimat und die ist ungarisch' gegründet. Das Trianon-Denkmal erinnert somit nicht an den ungarischen Staat, sondern an die damalige Idee des historischen ungarischen Nationalstaates und damit ruft es die zwanghafte Hungarisierung in Erinnerung."

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - Elet es Irodalom

Der Theaterregisseur István Verebes appelliert an ungarische Theaterschaffenden und verlangt mehr Respekt vor dem eigenen Beruf. "Wenn das Theater als eine der vielen 'kulturellen Dienstleistungen' weiterhin so an Qualität verliert, dann wird das nicht nur seinen eigenen Rang und seine Bedeutung beschädigen. In den letzten 30 Jahren erodierten Perzeption, Rezeption und der Bedarf nach Vernunft sowie das Niveau des Großteils der Nachfrage in eine atemberaubende Tiefe. ... Statt Fragen wie 'was ist in dir heute und warum?' oder 'wie sollte dein Morgen nicht sein' zu stellen, gibt es nur die Wahl zwischen 'wie schön war die ferne Vergangenheit' und 'wie schrecklich ist doch die Gegenwart', wobei keines von beidem wahr ist oder der Selbsterkenntnis des Individuums dient."

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - Elet es Irodalom

Der Dichter und Literaturhistoriker (Universität Debrecen) János Áfra spricht mit Jozsef Lapis anlässlich seines aktuellen intermedialen Projekts "Termékeny félreértés/ productive Misreadings" über das Zusammenwirken unterschiedlicher Gattungen als Chance für die Lyrik: "In einen erweiterten Lyrikbegriff passen - öfter als zeitgenössische Gedichte - auch mit klassischen poetischen Mitteln versehene Liedertexte genau so wie visuelle Dichtungen. Das wird von der rezipierenden Gemeinschaft geformt, die jeweils andere Vorstellungen über Grenzen der Dichtungssprache hat. Die Gesten der Ausgrenzung und der Akzeptanz sind beide zielorientiert. Auf alle Fälle schafft aber der Dialog mit einer anderen künstlerischen Ausdrucksform eine Möglichkeit zur Erkennung der (eigenen) Eigenheiten und zum Perspektivenwechsel. Viele bedeutende lyrische Leistungen rufen eine ähnliche Verwirrung bei dem sich an die Genregrenzen klammernden Leser hervor, wie z.B. bei einem ungewöhnlichen Versuch zwischen Kunstgattungen, bei dem der gesprochene lyrische Text lediglich eine Komponente ist." (Hier ein Gedicht von Áfra.)