Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

657 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 66

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - Elet es Irodalom

Die Medienrechtlerin Gabriella Cseh denkt über die Auswirkungen einer veränderten Öffentlichkeit auf die öffentlich-rechtlichen Medien nach, die nach der Abwahl Orbans neu gestaltet werden sollen: "Die Meinungsfreiheit wird traditionell als Freiheit des Einzelnen verstanden. Doch konnten die öffentlich-rechtlichen Medien lange Zeit davon ausgehen, dass die demokratische Öffentlichkeit auch gemeinschaftliche Voraussetzungen hat. Es ist nicht nur notwendig, dass sich jeder äußern kann, sondern auch, dass es eine gemeinsame Öffentlichkeit gibt, in der Meinungen aufeinandertreffen können. Aber reicht es aus, wenn jeder die Informationen und Gemeinschaften findet, die seinen eigenen Interessen und Überzeugungen entsprechen? Demokratie ist nicht bloß ein System nebeneinander existierender Meinungen. Sie setzt auch voraus, dass es Themen, Fakten und Fragen gibt, über die wir gemeinsam sprechen können. Möglicherweise liegt die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht in der Wiederherstellung eines gemeinsamen Bildschirms, da heute jeder seinen eigenen Bildschirm hat. Es geht vielmehr darum, ob es weiterhin Institutionen und öffentliche Räume geben wird, die in der Lage sind, die Mindestvoraussetzungen für eine gemeinsame Welt in einem zunehmend personalisierten Informationsumfeld aufrechtzuerhalten. Vielleicht ist es das Paradoxon in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dass wir seine Bedeutung erst dann zu schätzen beginnen, wenn jene technologischen Formen, mit denen er üblicherweise in Verbindung gebracht wird, allmählich in den Hintergrund treten. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ging es nie um Radio, Fernsehen oder irgendein anderes Medium, sondern er ist der Name für die Hoffnung, dass die Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft fähig sind, eine gemeinsame Welt zu bewahren, auch wenn sie nicht alle dasselbe darüber denken."

Magazinrundschau vom 14.07.2026 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Zsolt Kácsor gratuliert seinem Kollegen Gábor T. Szántó zu dessen 60. Geburtstag: "Ich sage ja, es mag den Anschein haben, als würde Gábor Szántó T. die Last, die ihm die Jahrtausende auf die Schultern geladen haben, recht gelassen tragen, aber ich weiß, dass das höfliche, freundliche Gesicht, das man der Außenwelt zeigt, gelegentlich nur eine aus Vorsicht aufgesetzte Maske ist. Wenn wir einen Blick hinter diese Fassade werfen wollen, dann schlagen wir einen Roman oder einen Erzählband von Szántó auf und wundern uns nicht, dass uns Ost- und Mitteleuropa zwischen den Zeilen so heftig ins Gesicht schlägt, dass wir vom Westen abprallen. (…) Seine Werke zeichnen ein charakteristisches literarisches Universum, in dem das ungarisch-jüdische Leben das Hauptmerkmal ist, doch glücklicherweise wurde das Werk von Gábor T. Szántó deshalb nicht in eine 'jüdische' Schublade gesteckt. Schließlich schildert er kein in sich geschlossenes jüdisches Leben in Budapest. Der Horizont seiner schriftstellerischen Sichtweise hat sich auf Europa und innerhalb dessen insbesondere auf Mittelosteuropa erweitert. Das Epizentrum seiner Welt ist Budapest, ihre Peripherie erstreckt sich jedoch von Auschwitz über Prag bis zum Balkan; und sein schriftstellerisches Denken wird nicht nur von den Bildern der Familienerinnerung und den Traumata der zweiten Generation bestimmt, sondern auch von jenem besonderen historisch-gesellschaftlichen Umfeld, das im Wesentlichen nichts anderes ist als die noch immer nicht beseitigten Trümmer der Monarchie und der sowjetischen Herrschaft unter Kádár. (...) Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Gábor T. Szántó! Ich wünsche dir, dass du 120 Jahre alt wirst und in den nächsten 60 Jahren noch viele erzählenswerte Schätze zwischen den Trümmern der Welten findest, die über uns zusammengebrochen sind. Mazel Tov!"

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - Elet es Irodalom

Seit der Abwahl der Orbán-Regierung im April ist es ein wesentliches Anliegen der neuen Regierung Péter Magyars, die mit dem Versprechen einer Systemwende antrat, die Abwahl und Abberufung von leitenden Persönlichkeiten der Orbán-Regierung u.a. in den Bereichen Wirtschaft, Medien, Kultur und Bildung, bis hin zu Verfassungsrichtern, sowie des Staatspräsidenten zu ermöglichen. Die nunmehr oppositionelle Fidesz-Partei ruft lautstark das Ende der Rechtstaatlichkeit in Ungarn aus und bezichtigt die neue Regierung des Autoritarismus. Zwar wurde die Ausarbeitung einer neuen Verfassung und ihre Bestätigung durch einen Volksentscheid angekündigt, bis dahin jedoch stellt sich die Frage der Legalität einzelner Schritte und wie diese mit rechtstaatlichen Prinzipien in Einklang gebracht werden können, wenn es auch gegenwärtig eine robuste Unterstützung in der Gesellschaft von Magyars Plänen gibt. Derzeit wird überall eine Diskussion über das Legale, Legitime und das Moralische geführt, notiert Zoltán Kovács, Chefredakteur von Élet és Irodalom. "Ein Teil des Volkes will zweifellos Blut trinken, was schlecht ist. Er will Köpfe auf den Fahnenmasten sehen, was ebenfalls schlecht ist, aber eine direkte Folge der fünfzehn immer schlechter werdenden Jahre ist, des dem Volk aufgezwungenen verstaubten Denkens, mit all den Lasten des Kádár-Paternalismus, von dem jeder dachte, wir hätten ihn längst überwunden. ... Das möchte nun ein Großteil des Landes Orbán vorhalten. Die Forderung ist zweifellos berechtigt, aber es ist eben nicht gleichgültig, wie dies geschieht. Der Abbau der Orbán-Welt, die sich nach den von ihnen selbst geschaffenen Gesetzen rechtmäßig, nach gesundem Menschenverstand jedoch ungerecht und unter Missbrauch ihrer Macht etabliert hat, ist nur innerhalb eines gesetzlichen Rahmens möglich; Tatsache ist jedoch, dass diejenigen, die dieses schreckliche System betrieben haben - Orbán und seine Komplizen -, kaum ungeschoren davonkommen werden. Aus dieser Pfütze sollte keine einzige ehemalige leitende Person mit trockenen Schuhen heraustreten können."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Miklós Vámos ist zwar immer noch ganz euphorisch nach diesen Wahlen, aber er beobachtet auch eine zunehmende Ungeduld, besonders in der Kultur, dass sich die Dinge schneller ändern mögen. Das ist nicht ganz fair, findet er: "Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich das nun hinweggefegte, herrschsüchtige und ausbeuterische Regime nicht mochte. Besonders ärgerte es mich, dass man die Äußerlichkeiten, die Parolen, die Literatur und die Symbole der Horthy-Ära wiederbelebt hatte. Hand in Hand mit einer stupiden nationalen Überheblichkeit, wonach wir im Vergleich zu den Nachbarvölkern die Könige seien. Hinzu kamen ein gewisser versteckter oder zeitweise schamlos offener Rassismus sowie die Herabwürdigung der Frauen. (…) Ich hatte gehofft, dass es früher oder später ein Ende nehmen würde, so wie jedes autoritäre System, das zu einer Diktatur erstarrt. Nicht einmal in meinen schönsten Träumen hätte ich zu glauben gewagt, dass es gerade jetzt, bei den Wahlen im Frühjahr, passieren würde." Er sei immer noch euphorisch, bekennt Vamos. Doch "zurück in das Land namens Erde, in die Heimat der Ungarn. Ich genieße es, dass das viele dumme Geschwätz vorerst eine Pause einlegt. Ich bedaure jedoch, dass in intellektuellen Kreisen die Freude bereits bröckelt und die Euphorie allmählich von zunehmender Stichelei abgelöst wird. Warum kümmert sich die Regierung nicht sofort um die Lage der Schauspieler? Um die der bildenden Künstler? Um die der Wissenschaftler? Um die der Kulturzeitschriften? Warum bringt sie nicht unverzüglich das Gesundheitswesen, das Rentensystem, die Steuer und so weiter und so fort in Ordnung? (…) Die Ungeduld ist freilich nachvollziehbar. Aber warum haben wir Ungarn all das sechzehn lange Jahre lang ertragen, dessen Umgestaltung wir nun innerhalb weniger Tage oder Wochen von dieser Regierung erwarten?"
Stichwörter: Ungarn, Vamos, Miklos

Magazinrundschau vom 16.06.2026 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller László Végel eröffnete vergangener Woche die Buchmesse in Debrecen. In seiner Rede, die Elet es Irodalom dokumentiert, beschwor er die revolutionäre Kraft der Bücher und ihre Bedeutung für die Gegenwart: "Die Zeiten wurden jedoch immer gefährlicher und unberechenbarer. Selbst der 'ewige Konformismus' stand nun auf wackeligen Beinen und verwandelte sich von einem Tag auf den anderen in eine konformistische Gegenrevolution. Die schillernde Monotonie und Schönheit der Blase begann zu zerfallen. Der Elfenbeinturm lag in Trümmern. Es lohnt sich nicht mehr, unsterbliche Meisterwerke für die Ewigkeit zu schreiben, denn es sind schon zu viele Meisterwerke entstanden, die wir zu schnell vergessen haben. Auf dem Weg zur Entdeckung der ewigen menschlichen Werte türmt sich eine Fülle von Meisterwerken. Das Meisterwerk über das ewige Menschsein ist zur leichten Beute der neuen Zeit geworden. Unser Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert der Angst und der absoluten Unsicherheit, sondern auch ein Monstrum des Vergessens. Wir haben keine andere Wahl, als auf die Täuschung vom ewigen Menschen zu verzichten und uns auf die Spuren der verborgenen, verschwundenen Gegenwart zu begeben. Ganze Generationen müssen die Realität, die ihnen geraubt wurde, wieder in Besitz nehmen. Wir dürfen nicht länger die skeptischen Hofnarren der Demokratie sein. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Mallarmés geistige Bomben, die Bücher, doch eine explosive Kraft besitzen. Hier und jetzt. (…) Mit diesem Bewusstsein und dieser Hoffnung eröffne ich die Buchmesse in Debrecen, in der Gewissheit, dass die Zeit der Rebellion der Bücher angebrochen ist. Sie werden rebellieren, auch gegen unseren Willen."
Stichwörter: Vegel, Laszlo

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - Elet es Irodalom

Nach 16 Jahren Abwesenheit aus Protest gegen die Orbán-Politik besucht der Pianist András Schiff Ungarn und spricht im Interview mit László J. Győri u.a. über die Situation der klassischen Musik, über den Zustand des Publikums und über seine "aufklärerischen Konzerte", in denen er zwischen den Stücken mit dem Publikum über die Struktur und Hintergrund der aufgeführten Kompositionen spricht: "Es wird viel über die Krise der klassischen Musik gesprochen. Meiner Meinung nach liegt das nicht daran, dass es weniger Konzerte gibt. Denn es gibt jede Menge Konzerte. Und es stimmt auch nicht, dass das Publikum spärlich ist. Es gibt Publikum in Hülle und Fülle. Es ist jedoch eine Tatsache, dass das Publikum immer unwissender wird. Wenn man irgendwo jemanden fragt, ob Mozarts c-Moll-Klavierkonzert seiner Meinung nach fröhlich oder traurig ist, wird er sagen, dass es eher so angenehm sei. Dabei ist es alles andere als angenehm. Es ist eine gewaltige griechische Tragödie. Ohne Katharsis. Man muss den Menschen erklären, was sie hören. Interessanterweise sind meine Erfahrungen in Asien besser als in Europa. Ich erlebe traditionell großes Interesse in Japan, aber mittlerweile auch in Südkorea, Taiwan und China. Sie sitzen still da und hören angespannt zu. Das Durchschnittsalter liegt bei zwanzig Jahren. Fantastisch! In Europa hingegen gibt es keine musikalische Erziehung mehr. Die Menschen wachsen aus dem Discoclub heraus und beginnen entsprechend ihrem sozialen Status ab einem bestimmten Alter, klassische Konzerte zu besuchen. Was sie dort hören, trifft sie jedoch unvorbereitet, weshalb sie etwas Aufklärung benötigen. Und warum sollten wir, die Interpreten, das nicht tun? Wie Bernstein, der zu jedem sprechen konnte, zu Kindern und Erwachsenen gleichermaßen. Er ist der Maßstab. Das andere, was ich mir allerdings wirklich selbst ausgedacht habe: Ich gebe das Programm nicht im Voraus bekannt."

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - Elet es Irodalom

Die Dozentinnen der Wirtschaftshochschule Budapest, Judit Bayer und der Universität von Amsterdam, Kati Cseres, sowie die Leiterin des technologischen und juristischen Programms der Civil Liberties Union for Europe, Éva Simon formulieren einen Aufruf an die neue ungarische Regierung, die Rahmenbedingungen für Medienfreiheit und Medienpluralität im Einklang mit der EU-Regelung zügig wiederherzustellen und entsprechende institutionelle Garantien zu schaffen: "Dies ist nicht nur eine fachliche und politische Frage, sondern eine der Grundvoraussetzungen für die Rechtsstaatlichkeit: Ohne unabhängige und vielfältige Medien gibt es keine demokratische Öffentlichkeit. Darüber hinaus ist die Wiederherstellung und Gewährleistung der Medienfreiheit eine Voraussetzung für den Abruf von EU-Mitteln sowie für die Rückforderung unrechtmäßig gezahlter staatlicher Beihilfen und politisch verzerrter Werbeausgaben. (…) Die Medienfinanzierung muss auf eine neue Grundlage gestellt werden. Die Vergabe staatlicher Werbeaufträge muss auf Marktlogik sowie transparenten und überprüfbaren Regeln beruhen: Öffentliche Ausschreibungen, objektive Kennzahlen und Audits sind erforderlich, um politisch motivierte Diskriminierung wirksam auszuschließen. Parallel dazu muss ein Presseförderungsfonds zur Unterstützung des unabhängigen, lokalen, bürgernahen und investigativen Journalismus eingerichtet werden. Über die Verteilung der Mittel des Fonds muss ein Entscheidungsgremium entscheiden, das fachliche und gesellschaftliche Vertretung gewährleistet und frei von politischer Einflussnahme ist. Die EU-Anforderungen zur Medienfinanzierung müssen vollständig in die ungarische Gesetzgebung übernommen werden, insbesondere die Garantien für eine transparente, objektive und diskriminierungsfreie Verteilung staatlicher Werbeausgaben."

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - Elet es Irodalom

Der 90-Jährige Károly Klimó ist eine bedeutende Figur der zeitgenössischen bildenden Kunst in Ungarn. Mit seinem expressiven Stil bestreitet er einen auffallend individualistischen Weg. Mit Klimó unterhielt sich der Philosoph und Ästhet László F. Földényi u.a. über Einflussversuche der politischen Macht auf die Kultur. "Wir leben noch immer in einer zivilisierten Welt. Dennoch glaube ich, dass es ein Irrtum wäre, Zivilisation mit Kultur zu verwechseln. Über die zivilisatorischen Errungenschaften hinaus gibt es noch etwas anderes, und wir müssen versuchen, dies zu verstehen und in Form zu bringen, die Gedanken und Gefühle auszudrücken, die sich aus der uns umgebenden Welt, der Zeit, der Existenz und ihren Tiefen erheben. Dies offenbaren uns die alten großen Kulturen und die mit ihnen verbundenen Mythen. Es ist wichtig, die Spuren davon auch in der heutigen Zeit zu sehen und zu erkennen. Ohne dies verliert unsere Kultur ihre Wurzeln. (…) Bisherige historische Erfahrungen beweisen, dass Kultur zwar im Alltag beeinflusst, aber nicht gesteuert werden kann. Unsere bis heute bestehende menschliche Eigenschaft, die Souveränität, das analytische Denken, widersetzt sich dem, sodass es unmöglich ist, Kultur im absoluten Sinne zu planen und zu lenken. Meine Haltung zu den oben genannten Alternativen und meine Einstellung zur Kunst bestehen darin, dass ich in der Einsamkeit meines Ateliers arbeite, mit den Grenzen meines Talents kämpfe und etwas schaffen möchte, das als wertvoll bezeichnet werden kann", sagt Klimó.

Freut euch, ruft der Schriftsteller György Odze seinen Landsleuten zu: "Wir haben uns einer Diktatur entledigt, aber der Systemwechsel fängt erst jetzt richtig an. Der wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Wandel - und zwar ein tiefgreifender, radikaler, vielleicht sogar schmerzhafter. Dafür braucht es Zeit, Kompetenz, aber vor allem Geduld. In Ungarn herrscht derzeit Aufregung, eine revolutionäre Stimmung, ein Gefühl der Befreiung, gespannte Erwartung: Wie geht es nun weiter? Sechzehn Jahre lang haben wir giftige Luft eingeatmet, in vielen von uns herrschen noch immer Angst und Verwirrung. (…) Jetzt haben wir einen Anführer im europäischen Stil und mit europäischer Ausstrahlung (auch dieses Wort lässt sich wieder mit dem positivem Vorzeichen schreiben), der Zusammenarbeit in unseren Bündnissystemen sucht, nicht über Konnektivität schwadroniert, nicht aufwiegelt, keinen Hass schürt, in zwei Jahren eine Gesellschaft in Bewegung gebracht hat, von der wir schon dachten, sie hätte sich mit ihrem Schicksal abgefunden, und auf der Ladefläche eines klapprigen Lastwagens Orte erreicht hat, an denen noch nie ein lebender Politiker gewesen ist. Wir konnten den neuen Ministerpräsidenten in einer neuen Rolle erleben: Er hat eine Stadtrundfahrt in Brüssel unternommen, die neuen Minister sind allesamt vom Fach und sprechen mutig über die Herausforderungen; alles deutet darauf hin, dass wir eine wirklich glaubwürdig arbeitende, offene und auf Entwicklung ausgerichtete Regierung bekommen werden. Also: Freuen wir uns."

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - Elet es Irodalom

Die Dichterin Timea Turi denkt darüber nach, was der Wahlsieg Péter Magyars für die Ungarn bedeutet, welchen Aufgaben sie sich stellen müssen: "Wenn wir die Vorstellung aufgeben, dass sich ein Mensch ändern kann, dann haben wir alles aufgegeben. Wenn wir glauben, dass jede Entscheidung im Berufs- oder Privatleben den anderen in unseren Augen ein für alle Mal festlegt, dann sind wir nicht einen Deut besser geworden. Niemand hat gesagt, dass es einfach sein wird. Aber man sollte es zumindest versuchen. Wie Esterházy 1993 - also nach einem anderen Systemwechsel - schrieb: 'Frei zu sein bedeutet nicht, im Urlaub zu sein, es ist keine leichte Unbedingtheit, frei zu sein ist schwer. Schwer und gut.' (…) Vor kurzem ist Ádám Nádasdy gestorben, der nicht nur zwischen Sprachen, sondern auch zwischen verschiedenen Generationen und sozialen Schichten übersetzte. Wir, die wir dabei waren, werden seine Beerdigung nie vergessen, die würdevolle und schweigende Menschenmenge. In mehreren Trauerreden und Rückblicken wurde angesprochen: Wie schade, dass Nádasdy das Wahlergebnis nicht mehr erleben konnte. Ich empfinde diese Aussage zugleich als wahr und als unzutreffend: Denn wenn es einen autonomen Menschen gab, genauer gesagt einen Menschen, von dem wir Autonomie lernen konnten, dann war er es - Systeme kommen und gehen, das hat er immer angedeutet, Tradition, Kultur und Arbeit bleiben, das wird uns verbinden. Die ungarische Gesellschaft hat ihre Prüfung in Sachen Akzeptanz nicht erst mit Bravour bestanden, als der neu gewählte Ministerpräsident am Abend des 12. April (zu Recht) auch von der Freiheit der Liebe sprach, sondern als die Haltung der Menschenmenge beim Pride 2025 deutlich machte: Es gibt eine große Gruppe, vor deren gesellschaftlichem Druck die Machthaber zurückweichen. Wir haben die Führungskräfte abgelöst - jetzt kommt der schwierige Teil: Jetzt müssen wir unsere alten Gewohnheiten ablegen."
Stichwörter: Ungarn, Turi, Timea

Magazinrundschau vom 28.04.2026 - Elet es Irodalom

Attila Gásparik, der in Siebenbürgen geborene Schauspieler und ehemalige Direktor des Teatrul Naţional Târgu Mureş im siebenbürgischen Marosvásárhely, kritisiert scharf den orbannahen mächtigen Direktor des Budapester Nationaltheaters Attila Vidnyánszki, dem er nahelegt, als Konsequenz aus den Wahlen von seinem Direktorposten zurückzutreten: "Ich habe elf Jahre lang ein rumänisches Nationaltheater geleitet. Ich war davon überzeugt, dass man die ungarischen Theater im Karpatenbecken auf der Grundlage von Werten miteinander verbinden kann - und muss. Dass es einen fachlichen Dialog, gegenseitige Beachtung und echte Zusammenarbeit geben kann. Dieser Dialog blieb jedoch wegen des 'Großen Bruders' aus. In der Branche gewannen die Bruchlinien 'Hauptstadt - Provinz', 'diesseits der Grenze - jenseits der Grenze', 'guter Ungar - schlechter Ungar' an Bedeutung, ja in jüngerer Zeit sogar die Unterteilung in 'christlich - nichtchristlich'. (...) Das Misstrauen galt nicht nur uns, den jenseits der Grenze Lebenden, sondern einem Großteil der ungarischen Szene. Auf der Bühne des Nationaltheaters in Budapest haben in den letzten Jahren kaum ungarische Regisseure inszeniert, und von dem einst meistgespielten zeitgenössischen ungarischen Autor, Csaba Székely, wurde in dreizehn Jahren kein einziges Stück aufgeführt." Darum muss Vidnyánszki "jetzt gehen", meint Gásparik, "er hat der Szene, der europäischen Idee und uns, den außerhalb der Grenzen lebenden und schaffenden Ungarn, großen Schaden zugefügt."