Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 10.12.2019 - La vie des idees

Ziemlich originell, trotz mancher Vereinfachungen, finden die Historiker Pierre Gervais und Pauline Peretz Roman Polanskis Herangehen an die Dreyfus-Affäre in seinem Film "J'accuse". Er stellt weder den zu Unrecht verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, noch Emile Zola, Autor des Aufrufs "J'accuse" und Ehrenretter der französischen Republik ins Zentrum, sondern den Oberst Marie-George Picquart, einen Offizier katholischer Herkunft, selbst nicht frei von Antisemitismus, der als Ermittler in der Dreyfus-Sache schlicht seinem Begriff von Pflicht folgt und weniger Dreyfus als die Institution, der er dient, die Armee, retten will. Es gab auch früher zuweilen eine Heroisierung Picquarts, erläutern die Autoren: "Diese Heroisierung hatte den Vorteil, den Blick vom Opfer, Dreyfus, auf einen Verteidiger, dessen Identität sehr viel akzeptabler war, zu verlagern und so die Debatte vom massenhaften Antisemitismus in Frankreich abzulenken. Picquart zu ehren, erlaubte in gewisser Hinsicht, Schuld von der Armee und den französischen Eliten zu nehmen, die sich sehr viel vorzuwerfen hatten. Er war eine Konsensfigur, mehr als der Jude Dreyfus, mehr als der naturalistischen Autor Emile Zola. 'J'accuse' stellt die Persönlichkeit Pcquarts in modernerem, weniger schönfärberischem Licht dar und zeigt die ganze Zwiespältigkeit der Person. Seine Revolte kombiniert sich in der Tat mit einem Antisemitismus, den der Film offen zeigt."

Magazinrundschau vom 28.10.2019 - La vie des idees

Dieses Buch schildert die Zustände, auf die die heute so verschrieenen Banlieues die Antwort waren. Es geht in Véronique Blanchards Studie "Vagabondes, voleuses, vicieuses - Adolescentes sous contrôle - De la Libération à la libération sexuelle", die hier von Jean-François Laé vorgestellt wird, um Sozialfälle aus den fünfziger Jahren, Mädchen vor allem, aber auch Jungen, an denen sich studieren lässt, wie rasant sich das Leben seitdem in Paris zum besseren gewandt hat. In den Hinterhöfen der Fünfziger sah es noch so aus: "Im Zentrum des Hofs die Gemeinschaftstoiletten, einziger Ort zur 'Erleichterung' ('aisance' so das damalige offizielle Wort) für 15 Familien, ungefähr sechzig Personen, Kinder eingerechnet. Wir steigen die wackligen Treppen hoch, betreten das einzige Zimmer der Wohnung, das als Küche, Schlafzimmer und Salon dient und dessen einziges festes Einrichtungsstück für eine vierköpfige Arbeiterfamilie ein Kohleherd ist. Gegenüber öffnet sich, welch ein Luxus, eine Zweizimmerwohnung: Das Zusatzzimmer dient als Schlafsaal für die Mädchen und Jungen einer fünfköpfigen Famile. Wasser? Das müssen die Kinder mit dem Krug im Treppenhaus holen. Schlafen? Die Hausherrin zeigt, wie man des Abends nach dem Abendessen - Griesbrei -  das Sofa ausklappt, um die ganze Familie zu beherbergen, die sich hier alle zusammenkuschelten und die Füße auf Stühlen ablegten." Das alles etwa rund um die Rue Mouffetard, heute eines der begehrtesten Viertel der Stadt mit Quadratmeterpreisen um 10.000 Euro.

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - La vie des idees

Der Politologe Bernard Bruneteau legt mit seinem Buch "Combattre l'Europe - De Lénine à Marine Le Pen" eine Art Phänomenologie gegen die EU gerichteter Diskurse vor, die vor allem von rechts und von links kommen. Häufig wird dabei die Kritik vorgetragen, die EU sei in Wirklichkeit nicht demokratisch, ein Vorwurf, den Bruneteau laut der positiven Besprechung von Agnès Louis nicht gelten lässt: "Wenn man sagt, dass Europa nicht demokratisch sei, heißt das oft, dass man die Demokratie als Ausdruck des Volkswillens versteht, der durch eine Regierung umgesetzt wird, die genau das tut, was das Volk will. Das Problem der Union ist allerdings, dass sie die Macht zwischen der nationalen Regierung und den europäischen Institutionen aufteilt... Europa, das ist geteilte und darum geschwächte Macht, das ist der Vorwurf. Aber diese Kritik verkennt die Tatsache, dass liberale Demokratien stets aus essenziellen Teilungen bestehen, vor allem der Gewaltenteilung. Worum es hier laut Bruneteau geht, ist nicht der Gegensatz zwischen einer nationalen Demokratie und einer europäischen Technokratie, sondern der zwischen Anhängern und Gegnern einer repräsentativen liberalen Demokratie sowohl auf der nationalen als auch auf der europäischen Ebene."
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Magazinrundschau vom 17.09.2019 - La vie des idees

Ein faszinierendes Schlaglicht wirft laut Clémentine Fauconnier die Politologin Galia Ackerman in ihrer Studie "Le Régiment Immortel - La Guerre sacrée de Poutine" auf das putinistische Russland. Unter dem "unsterblichen Regiment" versteht man eine Form des Gedenkens, die in Russland spontan entstand und dann vom Staat vereinnahmt und manipuliert wurde. Inzwischen gehören die Defilees mit den Bildern gefallener Vorfahren zu den großen Jahrestagen des sowjetischen Siegs zu den populärsten Formen des Gedenkens. Ackerman sehe sie als Symptom eines "Sowjetismus ohne Kommunismus" und einer Remilitarisierung, schreibt Fauconnier. Der Kult des russischen Sieges bestehe auch darin, dem russischen Volk einzureden, dieser Sieg zeige eine "immanente Eigenschaft des russischen Volks". Der Siegeskult "dient zugleich innenpolitischen Zielen - Konsolidierung eines homogenen und patriotischen Diskurses, der sich in der Persönlichkeit Wladimir Putins bündelt - und einer geopolitschen Strategie der Expansion eines Russlands, das dem Westen immer feindlicher gegenübersteht. In diesem Kontext erlaubt 'das unsterbliche Regiment' eine Verkörperung der  'inneren Überlegenheit des siegreichen Volkes' (Seite 265) , deren Gegner - vor allem die Ukrainer seit der Majdan-Revolution von 2014 - sich de facto den Faschisten gleichgesetzt sehen."

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - La vie des idees

Wie übersetzt man den Begriff der "désintermédiation"? Geprägt wird er in einem brillanten Essay von dem Politologen Rémi Lefebvre, der zeigt, was man gewinnen kann, wenn man mal nicht in erster Linie über die Inhalte und Forderungen, sondern über die Strukturen neuer politischer Bewegungen nachdenkt, ob populistisch oder nicht. Sein eigentlicher Gegenstand sind die Gilets jaunes, die er aber im Kontext mit Macrons "République en marche" sieht: Die beiden sind zwei Seiten einer Medaille, beide stehen eben für diese "désintermédiation", also eine Deinstitutionalisierung, die Entstehung von politischen Bewegungen ohne und gegen vermittelnde Instanzen, so Lefebvre: Beide "haben Teil an einer 'Demokratie des Volkes' ('démocratie du public'), die sich von vermittelnden Institutionen und traditionellen Eliten befreit. Diese Bewegungen sind keine Produkte organisatorischer Traditionen oder politischer Kulturen oder vorgefundener intellektueller Leitideen, sondern sie sind aus einer bestimmten Konjunktur und Aktualität, einer Logik der Situation, scheinbar aus dem Nichts entstanden. Mit nur wenigen Monaten Abstand haben sie das ganze politische System untergraben und destabilisiert: von oben, was die Bewegung von Emmanuel Macron angeht, die elitärer ist, von unten, was die Gilets jaunes angeht, die einer populären Basis näherstehen." Lefebvre zeigt in der Folge auf, dass beide Bewegungen auch große Unterschiede aufweisen (LRM schart sich um eine charismatische Hauptfigur, die Gilets jaunes verweigern sich der Personalisierung), dass sie aber auf ähnliche Grenzen stoßen: denn beide drohen an der mangelnden Verankerung in vermittelnden Strukturen zu scheitern, gegen die sie anderseits gerade aufgestanden sind.

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - La vie des idees

Elise Sultan-Villet feiert die Geburt der Aufklärung aus Raubdruck, Urheberrechtsbruch und Illegalität - und natürlich aus Libertinage und Pornografie. Sie bezieht sich dabei auf Colas Duflos Studie "Philosophie des pornographes - Les ambitions philosophiques du roman libertin". Der Roman "Le Portier des Chartreux" etwa habe in sehr viel höheren Auflagen zirkuliert als manche heute berühmte Werke der französischen Aufklärung, referiert Sultan-Villet, und "dies schon seit den frühen 1740er Jahren. Dieses Pamphlet des Libertinismus profitiert von einer Tendenz, dass verbotene Bücher, die bis dahin nur in Abschriften zirkulierten, nun gedruckt wurden. Mit ausgesprochenem Gusto für Tabu-Überschreitung und schmutzige Sprache durchbrach dieser 'subversive Portier' die Verbote und sang ein Loblied auf Homosexualität, Inzest und - im weiteren Sinne - Erfahrung und Natur. Diese Art innovativer Reflexion annoncierte Thesen, die sich später bei Diderot oder d'Holbach wiederfinden werden."

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - La vie des idees

Der Klimawandel hat das Römische Reich kaputtgemacht, berichtet Gabrielle Frija nach Lektüre von Kyle Harpers Studie "The Fate of Rome - Climate, Disease, and the End of an Empire", die jetzt in französischer Übersetzung vorliegt. "'Das Jahr ohne Sommer' 536, das das kälteste Jahrzehnt in der Geschichte Europas seit 2.000 Jahren einleitete, hatte dramatische Auswirkungen auf die Ernten, die darauf folgende Pest hat vielleicht die Hälfte der Bevölkerung in den betroffenen Regionen dahingerafft. Tatsächlich beginnt diese schwere Pandemie genau in jenem kalten Jahrzehnt zwischen 530 und 540 (auch wenn der Konnex zwischen diesem klimatischen Phänomen und und der Ausbreitung der Pest nicht geklärt ist)." Frija feiert Harpers Studie als eine neue und verheißungsvolle Verbindung der Geschichtsschreibung und Klimaarchäologie, die mit neuesten naturwissenschaftlichen Methoden arbeitet.

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - La vie des idees

Bruno Haas und Thomas Le Gouge warnen davor, das Dach von Notre Dame nach den Plänen Viollet-le-Ducs zu rekonstruieren. Denn gerade seine Spitze widerspreche dem Prinzip gotischer Kathedralen: "Die Spitze und das Dach von Notre-Dame, das Viollet-le-Duc in seiner Rekonstruktion der Kirche mit einem Kragen auf dem First verzierte, fungierten wie eine Kontur oder Silhouette vor dem Hintergrund des Himmels, ein wenig wie in einem Gemälde der Romantik, in dem man das 'Malerische' sucht. Das sagt er selbst in seinem Dictionnaire de l'architecture médiévale, im Abschnitt über Spitzen, in dem er erklärt, dass sich die Aufmerksamkeit der Architekten 'vor allem auf die Silhouetten dieser Massen richten muss, denn die geringste Unvollkommenheit, wenn man den Himmel als Hintergrund hat, schockiert das ungeübte Auge' (IV, S. 427). Diese Spitze war daher die Antwort auf eine grundlegend moderne Vorstellung. Denn nichts passt weniger zum gotischen Stil! In der Gotik wird der Himmel nie als bildlicher Hintergrund betrachtet, vor dem sich die Spitze erhebt, sondern als ein riesiges Gewölbe, das die Erde und ihre Bewohner umfasst. Der Himmel erhebt sich nicht vor unserem Blick, sondern umfasst ihn, so wie er die Spitze umschließt, die in seine Höhen ragt. Erinnert sei daran, dass die gotische Malerei die Idee des 'Hintergrundbildes' nicht kennt und nicht einmal das Wort in jener Zeit existierte, in deren Bereich sich Anachronismus und Missverständnisse heiter ausbreiten."

Verdankt der Mensch seine Individualität der Renaissance oder der Moderne? Hat sie ihn befreit oder unglücklich gemacht? Laetitia Bucaille stellt Federico Tarragonis Studie "Sociologies de l'individu" vor, die die Individualisierung historisch und soziologisch zugleich untersucht: "Heute befindet sich der autonome und reflexive Mensch in einer ambivalenten Situation. Einigen Soziologen zufolge erlaubt ihm die Distanz zu den Institutionen, sich als Subjekt zu schaffen und das eigene Leben beruflich, emotional oder spirituell zu gestalten. Anderen zufolge führt diese Autonomie zu Einsamkeit und der Angst, 'dem eigenen Ideal nicht gerecht zu werden'. In Tarragonis Augen sollte die Reflexivität nicht überbewertet werden: Auch wenn sich der Einzelne auf diese neuen 'reflexiven Ressourcen' stützt, hat ihn seine Sozialisation bereits viel tiefer geprägt. Das Individuum handelt und entscheidet in seiner gesamten Existenz auf der Grundlage sozialer Beziehungen, die ihn zugleich einengen und schützen. Gerade in seinen sozialen Verbindungen nimmt sich der Mensch als singuläres Wesen wahr und durch sie erlangt er soziale Anerkennung."

Magazinrundschau vom 17.06.2019 - La vie des idees

Im zweiten Teil eines großen Dossiers zum Thema Rassismus lässt La Vie des idées verschiedene Wissenschaftler diskutieren, ob man in Frankreich von institutionellem Rassismus sprechen kann. Die meisten bejahen das, doch die Juristin Gwénaële Calvès besteht auf begrifflicher Klarheit. Systemisch ist ihr zufolge Diskriminierung, wenn sie absichtlich auf den Ausschluss einer Gruppe zielt. Institutionell ist sie, wenn der Ausschluss Folge einer Indifferenz sei. Bei dem Begriff Rassismus ist sie vorsichtig. Vorurteile und Feindseligkeit können am Anfang einer Diskriminierung stehen, aber: "Der normale Betrieb einer Schule, eines Krankenhauses, eines Unternehmens kann nicht im gleichen Sinne 'rassistisch' sein wie die Schriften Alain Sorals oder wie die Weigerung eines Vermieters, Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu akzeptieren. Im ersten Fall wollen wir objektive Auswirkungen ermitteln, unabhängig von den Absichten und subjektiven Vorstellungen der sozialen Akteure. Im zweiten Fall dagegen bildet die subjektive Haltung den Kern des Problems. Ein und dasselbe Wort für diese beiden so unterschiedlichen Perspektiven zu verwenden, bringt meiner Ansicht nach zu viel durcheinander. Die subjektiven Konnotationen des Adjektivs 'rassistisch' erscheinen mir zu stark, als dass sie der Falle des Anthropomorphen entgehen könnten: Der Staat wäre dann wie jede andere moralische Person rassistisch oder phobisch - das ergibt offensichtlich keinen Sinn. Ich halte es übrigens auch für unmöglich, den moralischen Vorwurf zu neutralisieren, der für die meisten mit dem Begriff Rassismus verbunden ist. Ihn für analytische Ziele zu verwenden birgt die Gefahr, ihm eine anklägerische Wendung zu verleihen, was im Widerspruch steht zu der eigentlichen Rolle, die das Konzept des institutionellen Rassismus spielen soll. Besser halten wir uns an den Ausdruck 'institutionelle Diskriminierung', das ist neutraler."
Stichwörter: Rassismus, Diskriminierung

Magazinrundschau vom 11.06.2019 - La vie des idees

Juliette Galonnier und Jules Naudet präsentieren ein Riesen-Dossier zum grassierenden Begriff der "Rasse", der mehr und mehr auch in den Sozialwissenschaften zur Beschreibung sozialer Zustände dient - auch in Frankreich, das in seiner laizistischen Tradition noch nicht mal Statistikern der Bevölkerung nach Hautfarbe oder Herkunft zulässt. Sie befragen in einer ganzen Gesprächsreihe Politologinnen und Soziologen. Das erste Gespräch handelt von "Race et intersectionnalité" und liefert den heute üblichen akademischen Sprech zum Thema. Vor allem sind die Forscherinnen damit beschäftigt, so scheint es, den Gebrauch des Begriffs auch vor sich selbst zu rechtfertigen. Das Publikum scheint dagegen keinen Bedarf zu haben: Bei Umfragen in Frankreich zeigt sich, dass der Anteil derer, die finden, "dass es Rassen gibt, die anderen überlegen sind", in Frankreich von 15 auf 8 Prozent der Bevölkerung gesunken ist, sagt die Politologin Nonna Mayer. Dennoch hat der Begriff gerade in der akademischen Linken Hochkonjunktur, und zwar völlig zurecht, findet Mayer: "Die Sozialwissenschaften können auf diesen Begriff nicht verzichten. Es handelt sich nicht darum, a priori 'Rassen' zu definieren, sondern die Art und Weise zu erkunden, in der Gesellschaften den 'Anderen' (die Juden, die Schwarzen, die Rom) sehen und ihnen homogene und permanente Züge andichten, die sie essenzialisieren. Das Phänomen ist gerade deshalb so verfänglich, weil Rassismus nach seinen mörderischen Extremen seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem Tabuthema wurde und indirekte Ausdrucksformen entwickelt hat, die in der Demokratie akzeptabler erscheinen." Mit anderen Worten: Auch wenn die Gesellschaft toleranter wird, sollten es ihr die Soziologen auf keinen Fall glauben.