Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 17.07.2018 - La vie des idees

Was rechtfertigt in einer Demokratie eigentlich die Mehrheitsentscheidung? Hat die Mehrheit automatisch immer recht und die Minderheit irrt? Den philosophischen Grundlagen dieser Fragen geht das Buch "Le Pouvoir de la majorité. Fondements et limites" von Didier Mineur nach, das Pierre-Étienne Vandamme vorstellt: "In der Realität ist der Mehrheitswille selten etwas anderes als ein bestimmter tonangebender Wille. Die meisten zeitgenössischen instrumentalen Begründungen der Mehrheitsregel lassen diesen elitären Charakter außer Acht. Sie sehen auch ab von der Fiktion eines leicht identifizierbaren allgemeinen Willens, sondern schlagen in der Regel vor, die Macht der Mehrheit durch die Anerkennung fundamentaler Rechte oder juristischer Prinzipien zu beschränken, die Vorrang vor dem temporären Mehrheitswillen hätten. Nach Mineurs Ansicht stoßen diese Ansätze allerdings auf das gleiche Hindernis wie schon bei Rousseau: nicht nur, dass kein leicht identifizierbarer allgemeiner Wille existiert, der es erlaubte, die substantielle Legitimität einer Mehrheitsentscheidung zu bestätigen, es existiert auch kein Ensemble fundamentaler Rechte oder juristischer Prinzipien, um Einhelligkeit herzustellen. Wir brauchen ein Entscheidungsprozedere durch alle, genau weil wir uns nicht darüber einig sind, was gerecht oder ungerecht ist."

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - La vie des idees

Eine Magdalen Wäscherei in Irland, frühes 20. Jahrhundert. Bild: Wikipedia

Wer glaubt, man kenne bereits alle Details über das düstere Regime der katholischen Kirche über die Republik Irland, der lese  Nathalie Sebbanes Artikel über die "Magdalene laundries", eine der "totalitären" Institutionen, mit denen die Kirche über Jahrzehnte das Land beherrschte (mehr bei der Wikipedia). Die "Magdalene laundries" waren Heime für "gefallene Frauen", die zuerst in den späten neunziger Jahren thematisiert wurden, als anonyme Leichen auf einem Grundstück der Kirche zutage gefördert wurden. Die "Magdalene laundries" gehörten mit den "Industrial Schools" für Heimkinder und den "Mother and Baby Homes" für uneheliche Mütter zu einem riesigen bevölkerungspolitischen und ökonomischen Imperium der Kirche. In den Magdalene Laundries mussten Frauen zum Teil jahrzehntelang ohne Lohn schuften (sie wuschen Wäsche, als Symbol für die Reinwaschung ihrer Seelen, der Staat bezahlte, indem er der Kirche die Krankenhauswäsche überließ). Die Frauen sind nie entschädigt worden und haben heute keine Rente. Ernstlich untersucht hat die Republik Irland die von Nonnen betriebenen Institutionen  bis heute nicht, ein Untersuchungsauschuss wurde zwar eingerichtet, leistete aber nur oberflächliche Arbeit: "Die Zeugenaussagen der Nonnen fanden unter dem Siegel der Verschwiegenheit statt. Die Akten und Archivmaterialien, die die Kommission einsehen konnte, wurden den Kongregationen zurückgegeben, so dass eine wirkliche Forschungsarbeit über die Hierarchien und Verantwortungsstrukturen unmöglich gemacht wurde. Diese Materialien müssten eigentlich den Überlebenden, ihren Familien und Forschern zur Verfügung gestellt werden." Der Schauspieler und Regisseur Peter Mullan hat 2003 mit seinem Film "The Magdalene Sisters" auf das Schicksal der Frauen aufmerksam gemacht.

Magazinrundschau vom 12.06.2018 - La vie des idees

Fanny Arama stellt eine Studie der Historikerin Anne Carol vor, die sich mit der Todesstrafe in Frankreich beschäftigt: "Au pied de l'échafaud. Une histoire sensible de l'exécution". Carol will darin zeigen, dass die öffentliche Vollstreckung der Rechtsprechung lange Zeit als großes Schauertheater diente. "Au pied de l'echafaud' nimmt die Todesstrafe in ihrer rituellen Dimension in den Blick, die mit psychologischer Wucht zur moralischen Erbauung der ganzen Gesellschaft beitragen sollte. Aber auch und vor allem in ihrer ganz pragmatischen Dimension: Anne Carol analysiert den Ablauf minuziös und von Seiten aller Beteiligten, um sich der Realität der Hinrichtung sinnlich zu nähern, ihre Dauer erfahrbar zu machen, ihr Tempo, ihre entscheidenden Momente. So rekonstruiert sie die Komplexität der Bewegungen, die Manipulationen, die Spannung und die physische Belastung, die eine Exekution mit sich brachte, und bewertet dann die körperlichen und emotionalen Auswirkungen auf alle Beteiligten. Keiner der Momente, den der Verurteilte durchmachen muss, bleibt dem Leser erspart. Ziel ist, diese 'menschliche Krisenerfahrung, die eine Exekution ausmacht, zu teilen."

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - La vie des idees

Tja, Europa bröckelt weiter, diesmal in der Südsee. Neukaledonien fällt von Frankreich ab. Und dieser Prozess wird eine durch Phasen der Kolonialisierung geprägte Bevölkerung hinterlassen, erzählt Christine Demmer: "Die Kolonialgeschichte dieses Archipels beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts als Strafkolonie, dann folgt die freie Kolonisierung, die von der Ausweisung der einheimischen kanakischen Bevölkerung in Reservate  begleitet wird. Nach dem Ende dieses Eingeborenen-Statuts im Jahr 1946 ändert sich der Status der Kanaken von Untertanen des Reichs in Bürger, aber ohne vollen Zugang zu den Hebeln der Politik und Wirtschaft dieses Territoriums. Ihre Kämpfe für Unabhängigkeit beginnen in den siebziger Jahren. Das Verfassungsreferendum vom 4. November dieses Jahrs wird den Ausstieg aus dem Vertrag von Nouméa und den Abschluss dieses Kampfes bilden, der von politischen Verträgen seit 1983 begleitet wurde. Das Referendum dieses Jahres wird drei Aspekte des Zugangs zu voller Souveränität umfassen, die auf die Transferts der letzten zwanzig Jahre folgen: der Zugang zu internationalem Status, die vollen Herrschaftsrechte über das Territorium und die Verwandlung der neukaledonischen Einwohnerschaft in eine Nationalität."

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - La vie des idees

Ary Gordien stellt Caroline Rolland-Diamonds Studie "Black America - Une histoire des luttes pour l'égalité et la justice (XIXe-XXIe siècle)" vor, die er als eine "synthèse minutieuse et dense" empfiehlt. Unter anderem erzählt die Studie vom Entstehen des "schwarzen Nationalismus", der sicher einer der Ursprünge heutiger linker Identitätspolitik ist - er entstand im Bündnis mit antikolonialen Bewegungen: "Dieser Nationalismus verbindet ein ethnisches Selbstbewusstsein, das aus der Erfahrung eines extrem gewalttätigen Rassismus hervorgegangen ist mit dem Versuch, eine Erzählung über die Identität einer Gruppe und ihrer Kultur zu formulieren. Die Gruppe wird als Verkörperung dieser Kultur und dieser Traditionen definiert, die dafür notwendiger Weise neu definiert, wiederbelebt, ja erfunden werden müssen. Rolland-Diamond zeigt sehr schön, dass einige dieser Bewegungen (der Garveyismus, die Nation of Islam) diesen Nationalismus für eine separatistische Politik einsetzten, während andere (Black Panther Party) eine kulturelle Anerkennung im Rahmen der Vereinigten Staaten anstrebten und bestimmte Kleidungs- oder kulturelle Praktiken als 'afrikanisch' rehabilitieren wollten. Diese verschiedenen Richtungen geben bis heute ein Bild von den Bruchlinien innerhalb der schwarzen Bewegungen."

Außerdem in La Vie des Idées: Elodie Grossis Besprechung einiger amerikanischer Bücher über die Medizingeschichte der Sklaverei und des Rassismus in den USA.

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - La vie des idees

Sarah Mazouz liest ein Buch des amerikanischen Soziologen Rogers Burbaker: "Trans - Gender and Race in an Age of Unsettled Identities". Ausgehend von der Frauwerdung Caitlyn Jenners, die von verzückten Magazintiteln begleitet wurde, und der Aberkennung des Schwarzseins im Fall Rachel Dolezals, die ihre Stelle verlor, weil sie sich als Schwarze definierte, was sie nach Aussage ihrer Eltern nicht war, stellt sich Brubaker die Frage, ob es beim Begriff der "Rasse" nicht weiterhin einen biologischen Essenzialismus gebe, während beim Geschlecht alles eine Sache des Willensaktes wäre. Eigentlich erstaunlich, so Mazouz, denn "Rasse" wird viel mehr als ein Konstrukt angesehen als Geschlecht, das dann doch von ein paar biologischen Faktoren mit abhängt. Trotzdem widerspricht Mazouz dem Soziologen. Das entscheidende Kriterium für den Unterschied sei nämlich, dass bei "Rasse" auch die Anerkennung durch die betreffende Gruppe vonnöten sei: "Die Echtheit der Identifizierung wird nicht nach den selben Kriterien gemessen. Im Fall von Transgender zählt nur das Wort der betroffenen Person, denn das Motiv einer Geschlechtsumwandlung ist eine psychische Forderung nach persönlicher Echtheit. Im Gegensatz dazu reicht es nicht aus, sich als afro-amerikanisch zu identifzieren, um als solcher zu gelten. Ohne die vorherige Anerkennung der anderen Mitglieder der Gruppe, zu der man sich bekennt, und die als eine Autorisierung funktioniert, wird die physische Transformation als Betrug angesehen."

Außerdem in La Vie des Idées: Florence Delmotte sucht in der Soziologie Norbert Elias' nach Inspiration für die #MeToo-Debatte.

Magazinrundschau vom 17.04.2018 - La vie des idees

Der Sozialhistoriker Cédric Passard muss erst gar nicht den Bezug zur Facebook-Ära herstellen, um klarzumachen, wie einschlägig seine Betrachtung über die "Ära der Pamphlete" gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist: In Frankreich herrscht seit 1881 einigermaßen Pressefreiheit, und auch damals konnte es schon recht gewalttätig zugehen. Damals, so Passard, lernte die Demokratie aber auch im Diskurs erste Verhaltens- und Verfahrensregeln: "Der Aufschwung der Pamphlete ist auch mit einigen Langzeitentwicklungen bei der Leserschaft in Verbindung zu bringen, die das Ergebnis tiefer Veränderungen der französischen Gesellschaft sind: Die Menschen gehen immer mehr zur Schule, die Mundarten nehmen ab, die Alphabetisierung schreitet voran. Der pamphletäre Diskurs, der sich zwischen dem Mündlichen und dem Schriftlichen ansiedelt und aus schlecht beleumundeten Registern des sozialen Raums wie der Beleidigung und dem Gerücht schöpft und Karikaturen, aber auch Roman-Dramaturgien einsetzt (Dramatisierung, Sensationslust, Inszenierung des Privatlebens) scheint bestens zu dieser Ära der Massen, die lesen und abstimmen, zu passen."

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - La vie des idees

"Die PKK und die Herstellung einer Utopie" lautet der Untertitel des Buchs "La revolution kurde" des Soziologen Olivier Grojean, das Massoud Sharifi Dryaz vorstellt. In seiner detailreichen Studie untersucht Grojean, worin die Brüche und historischen Kontinuitäten der PKK seit ihrer Gründung bestehen, ihre Geschichte, Ideologie und Machtspiele. Dryaz Kritikpunkt daran: "Es ist fraglich, ob man die Kurdenbewegung vollständig verstehen kann, indem man sich einzig auf die Analyse ihrer Hauptorganisation konzentriert ... Aus diesem Grund besteht die Tendenz, die Entwicklung der Bewegung auf die Geschichte politischer Parteien oder militärische Organisationen zu reduzieren. Die Ansprüche und typischen Merkmale der Bewegung werden anhand des Diskurses, der Strategie und Handlungsweisen der wichtigsten Organisationen definiert."
Stichwörter: Grojean, Olivier, PKK, Kurden

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - La vie des idees

Jules Naudet unterhält sich mit dem Politikwissenschaftler Christophe Jaffrelot über die systematische Korruption innerhalb Indiens politischer Klasse, die nach der Marktliberalisierung 1991 noch ordentlich zulegte. Dafür sorgten vor allem Privatisierungen und die Öffnung für ausländische Unternehmen, die sich mit ihrem Geld direkt an hochgestellte Beamte und Politiker wandten. "Dennoch muss man auch andere Aspekte berücksichtigen. Die Korruption zeigt sich auch in der Unterbewertung von Land für den Bau von Produktionsbetrieben. Tatsächlich ist Boden in Indien ein erhebliches Problem geworden. Außerdem sind da noch die späteren Steuersenkungen oder -rabatte. Das sind die Aspekte, die man für das Verständnis des Ausmaßes des Phänomens hinzuzählen muss. Man nimmt heute an, dass die schwarze Wirtschaft, die Schattenwirtschaft, in Indien eine ebensolche Bedeutung hat wie die anscheinend weiße, oder zumindest 'graue', zulässige Wirtschaft."
Stichwörter: Indien

Magazinrundschau vom 12.02.2018 - La vie des idees

Sicherlich höchst interessant vor dem Hintergrund postkolonialer Debatten liest sich James McDougalls "A History of Algeria", die gerade in der Cambridge University Press erschienen ist und von  Arthur Asseraf besprochen wird. Zwei Mythen zerstöre McDougall in seinem Kapitel über den Algerienkrieg: "Einerseits die tragische Vision des Kriegs, die ihn als eine Abfolge 'verpasster Gelegenheiten' betrachtet, die Algerier in Frankreich zu integrieren, andererseits eine heroische Vision, die den FLN als einzigen und unausweichlichen Akteur eines kolonialen Systems sehen will, das nur auf eine einzige Weise zugrunde gehen konnte. Hier zeigt die Geschichte der Befreiungsfront gespaltene Akteure, die vielen inneren Widersprüchen ausgesetzt sind, sie allerdings um eines externen Ziels willen überwinden kann."
Stichwörter: Algerien, Algerienkrieg