Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

181 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 19

Magazinrundschau vom 02.12.2025 - La vie des idees

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Ivan Jablonka taucht für uns ein in das Universum der "dark romance", ein Genre, das vor allem unter jungen Frauen erheblichen Zuspruch findet und die Buchhändler ob der hohen Verkaufszahlen jubeln lässt. Die Stories ähneln sich, wie zum Beispiel im Roman "Captive" von Sarah Rivens: Das Buch "erzählt die Liebesgeschichte zwischen Ella, einer 22-jährigen Waise, und Asher, 24, Bandenführer und 'schrecklicher launischer Psychopath'". Ella wird von Asher festgehalten, erklärt uns Jablonka, und da er ein wahrhaftiger Mörder ist, muss sie permanent um ihr Leben bangen - gleichzeitig entwickelt sich zwischen den beiden eine ambivalente Liebesgeschichte: "Das ist das Paradoxon, das die dunkle Romantik besiegelt: Die Frau fühlt sich von dem Mann beschützt, der sie töten könnte, sich aber dafür entscheidet, sie nicht zu töten (jedenfalls nicht sofort). Die Liebe verbindet dich mit demjenigen, der dir Schaden zufügen könnte, bis hin zur Zerstörung deines Lebens, der aber - großer Prinz - das Damoklesschwert zurückhält." Jablonkas Artikel liest sich so ambivalent wie die Story dieses Romans: Einerseits lässt sich argumentieren, wie es Eva Illouz in Bezug auf den Bestseller "Fifty Shades of Grey" tat, "dass 'harte' Romanzen dazu beitragen, dass sich die Leser ihre Sexualität wieder aneignen, indem feministische Codes geschickt in die Beziehung zwischen Anastasia und dem jungen CEO integriert werden. Weibliche Fantasien und männliche Dominanz werden artikuliert." Hier jedoch liegt ein etwas anderer Fall vor, der Jablonka eher besorgt zurücklässt: "Es ist eines der beunruhigendsten Paradoxe unserer Zeit, dass diese Kultur des Femizids von jungen Frauen produziert und konsumiert wird. Es ist wahr, dass wir sowohl Versklavungsfantasien hegen als auch #MeToo-Kämpfe unterstützen können, wie einige Frauen mutig erkennen. Aber die dunkle Romantik mit ihren bis zu Ekelgefühlen aufgewärmten Mustern ist heute Verbündete des Maskulinismus. Während Influencer Jungen beibringen, zu dominieren, raten Autoren Mädchen, sich zu unterwerfen."

Magazinrundschau vom 03.06.2025 - La vie des idees

Gwendal Châton: Calmann-Lévy, éditeur engagé, Paris 2024.
So glamourös die poststrukturalistischen Denker Frankreichs waren, sie haben doch in den parareligiösen Wahn des woken Denkens und des Postkolonialismus geführt, die neuesten Spielarten der extremen Linken. Und vorher tanzte die Welt nach der Flöte Sartres und anderer Moskau-Reisender. Übrigens hat Frankreich auch im Denken der extremen Rechten eine fatale Rolle gespielt, denn Autoren wie Alain de Benoist oder Renaud Camus prägen bis heute maßgeblich das florierende Schwadroneurstum dieser Schule in der ganzen Welt. Aber die Franzosen konnten zum Glück nicht nur radical chic. Sie haben mit einigen antitolitären Autoren von Raymond Aron über Albert Camus bis hin zu Francois Furet und den Neuen Philosophen auch das beste Gegengift parat. Gwendal Châtons Buch "Calmann-Lévy, éditeur engagé - Défendre l'antitotalitarisme dans la Guerre froide des idées" widmet sich nun diesem Strom des Antitolitären, der über Jahrzehnte im Verlag Calmann-Lévy gebündelt wurde. Raymond Aron leitete einige Reihen des Verlags, übrigens zusammen mit Manès Sperber einem anderen Heroen dieser Denkschule. Es ist etwas quälend, Robin Freymonds Besprechung dazu zu lesen, der nicht anders kann als all diese Autoren - inklusive der dort übersetzten Hannah Arendt! - verschiedenen Schattierungen der Rechten zuzuschlagen. Übrigens leistete das Haus auch Pionierarbeit im Nachdenken über den Antisemitismus. "Tief geprägt von der persönlichen Geschichte seiner Leiter, veröffentlicht der Verlag das 'Bréviaire de la haine' (Brevier des Hasses) von Léon Poliakov, 'das erste Werk, das sich systematisch mit der Politik der Vernichtung der Juden befasst'. Dieser Wunsch, 'über den Antisemitismus nach der Schoa nachzudenken', nimmt mit der Gründung der Reihe 'Diaspora' Gestalt an, die 'dem Judentum gewidmet' und einen großen Nachruhm verdient, denn hier haben beispielsweise Isaiah Berlin, Michael Walzer und natürlich Hannah Arendt veröffentlicht."

Léa Mormin-Chauvac: Les sœurs Nardal - À l'avant-garde de la cause noire, Paris 2025.

Marie-Adeline Tavares stellt in ihrem Essay "Paulette Nardal, aux sources de l'internationalisme noir" eine in Deutschland völlig unbekannte Pionierin der "Négritude" vor. Sie gehörte mit ihren sechs Schwestern zu einem Kreis bürgerlicher schwarzer Frauen, die in ihren Schriften, aber vor allem in ihrem Pariser Salon eine höchst wichtige Mittlerrolle in der intellektuellen Geschichte des schwarzen Denkens spielten - denn sie empfingen dort auch wichtige amerikanische und afrikanische Intellektuelle. Eine ganze Reihe von Neuerscheinungen, darunter Léa Mormin-Chauvacs "Les Soeurs Nardal", wirft nun endlich Licht auch auf die Beiträge gerade der Frauen in dieser Szene. Die Schwestern Nardal kamen aus Martinique und hielten zeit ihres Lebens engen Kontakt zur karibischen Insel. Mit Skepsis, aber nicht einfach polemisch nahmen sie zur Kenntnis, dass schwarze Kultur durch Jazz und durch eine Künstlerin wie Josephine Baker bei den Weißen populär wurde: "So bringt Jazz zwar die Weißen zum Tanzen, ruft aber bei den Schwarzen, die ihn spielen und hören, Erinnerungen an die Sklaverei wach. Sowohl Paulette als auch Jane stellen somit eine Verbindung her zwischen Musik, Tanz, der Verteidigung der schwarzen Kulturen und der Bekräftigung einer neuen Literatur, die das Bewusstsein für eine Zugehörigkeit und eine Reihe von Forderungen vermitteln kann. Das ist auch die Rolle, die sie sich als Martinikanerinnen in Paris geben."

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - La vie des idees

Was wurde eigentlich aus den Neocons? Gute Frage: Damien Larrouqué stellt sie sich in einem Essay, und erhält dabei intellektuelles Futter aus dem Buch "Le néoconservatisme américain - La démocratie pour étendard" des Politologen Pierre Bourgois. Wenn man's recht überlegt, waren sie als Hassobjekte des traditionellen Antiamerikanismus ja viel besser geeignet als der Trumpismus, denn sie waren Transatlantiker, wollten eine amerikanische Hegemonie und machten sich nichts draus, dass die Kosten dafür im wesentlichen von den USA getragen wurden. Sie glaubten an die Nato, hassten Protektionismus, wollten "westliche Werte" durchsetzen. Ihre Hochzeit hatten sie zur Zeit von George W. Bush, als neokonservative Diskurse halfen, die Intervention im Irak zu rechtfertigen. Sie verabscheuen Trump, "und das aus gutem Grund, denn der Rückzug ins Nationale, die territorialen Expansionsbestrebungen, die Verachtung für die atlantische Allianz und vor allem der pro-russische Kurswechsel der neuen Regierung stehen in völligem Widerspruch zu ihren Überzeugungen. Sie können auch Musks beispiellose Demontage des Staates im Namen eines Techno-Libertarianismus, den sie ebenfalls ablehnen, nicht unterstützen." Die meisten von ihnen haben bei den letzten Wahlen aufgefordert, die Demokraten zu wählen, so Larrouqué. "Muss man hinzufügen, dass sich die Neokonservativen auch nicht in der antiintellektuellen Rhetorik wiederfinden können, die in Washington am Werk ist? Wie Francis Fukuyamas akademischer Werdegang zeigt, sind (oder waren) die meisten von ihnen Akademiker, die ihre Karriere an den renommiertesten Fakultäten der Ivy League beendet haben. Insofern ist es für sie schwer vorstellbar, sich offen verschwörungstheoretischen, verlogenen oder antiwissenschaftlichen Diskursen anzuschließen." Wir vermissen sie!

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - La vie des idees

Artemisia Gentileschi: Selbstporträt als Lautenspielerin.Wadsworth Atheneum Museum of Art (Hartford).

Im Pariser Musée Jacquemart-André läuft noch bis zum 3. August die Ausstellung "Artemisia, héroïne de l'art". Annabelle Allouch und Julien Le Mauff haben den Kurator und Museumschef Pierre Curie getroffen, der über die heute übliche feministische Lektüre der Werke Artemisia Gentileschis hinausgehen will - Förderung fehlte ihr zu Lebzeiten jedenfalls nicht: "Curie betont, wie sehr Artemisias Talent von ihren Zeitgenossen und bereits von ihrem Vater mit einer quasi unternehmerischen Zielsetzung anerkannt wurde: 'Zweifellos wollte er, dass sie die Werkstatt leitete. Er sah sich als Meister, der im Kontakt mit den Mäzenen und Auftraggebern war, während sie an der Herstellung der Gemälde und Repliken arbeitete.' Nach ihren Aufenthalten in Florenz, Venedig, Neapel und kurzzeitig in England erlangte Artemisia schließlich echtes Renommée, das manchmal sogar über dem ihres Vaters lag, insbesondere im Bereich der Porträtmalerei. Auch Selbstporträts sind in ihrem Werk zahlreich vertreten, darunter ihr Selbstporträt als Lautenspielerin (1614-1615), das während ihres Aufenthalts in Florenz entstand, einer echten Blütezeit der Künstlerin. Viel langsamer erhielt sie dagegen Anerkennung in den Gefilden der Wissenschaft. Wie andere Künstlerinnen wurde Artemisia Gentileschi lange Zeit von Kunsthistorikern an den Rand gedrängt. Relativ frühe Aufmerksankeit erhielt sie aber durch die Romane von Anna Banti (1947) und Alexandra Lapierre (1998). Die Ausstellung im Musée Jacquemart-André ist für Pierre Curie jedoch Teil einer viel allgemeineren Bewegung der Neubewertung (um nicht zu sagen Rehabilitierung) von Künstlerinnen sowohl für ihre Kunst als auch für ihre Ausnahmestellung in einer Männerwelt."

Magazinrundschau vom 15.04.2025 - La vie des idees

Immer wieder kursieren in westafrikanischen Ländern Gerüchte, dass Männern ihr Penis gestohlen worden sei. Der Anthropologe Julien Bonhomme hat zu diesem Thema im Jahr 2009 ein Buch vorgelegt und greift das Thema hier wieder auf, denn nun zeigt sich zum ersten Mal, wie aus dieser Art Gerücht, das den Hexereigerüchten verwandt ist, auch Fake News modelliert werden können, gefördert von Russen und gezielt gegen die Franzosen gerichtet und ganz besonders gegen Emmanuel Macron, der eine ganz besondere Projektionsfigur zu sein scheint. Das malische Internetmedium Bamada.net behauptete, dass Männern der Zentralafrikanischen Republik auf Geheiß Macrons systematisch die Penisse geraubt wurden. "Im weiteren gibt der Artikel die Gründe für die Verschwörung an: 'Es gibt sogar Gerüchte, dass der französische Geheimdienst, der von neokolonialem Hass und Eifersucht gegenüber Afrikanern erfüllt ist, geheime Nanotechnologien einsetzt, um die männlichen Attribute afrikanischer Männer zu stehlen und so den Bevölkerungsrückgang der Europäer auszugleichen.' Die rückläufige Bevölkerungsentwicklung des alten Kontinents sei auf eine sinkende Männlichkeit zurückzuführen, wie verschiedene angeblich maßgebliche, aber nicht referenzierte Quellen belegten: eine wissenschaftliche Studie in einer großen internationalen Fachzeitschrift, eine Umfrage über die abnehmende Häufigkeit von Geschlechtsverkehr oder auch 'medizinische Experten', die behaupten, das Phänomen treffe besonders 'weiße Franzosen'. Um der Bedrohung entgegenzuwirken, die diese Entmännlichung für die gesamte Gesellschaft darstelle, wurde ein wissenschaftliches Projekt von den 'französischen Sicherheitskräften' ins Leben gerufen. Diese hätten entdeckt, dass das männliche Sexualhormon 'aus den Geschlechtsteilen eines anderen Mannes gewonnen werden kann'. Die höchsten Testosteronwerte würden jedoch bei 'afrikanischen Männern' gefunden, insbesondere in der Zentralafrikanischen Republik." Solche Geschichten werden systematisch in die Welt gesetzt, so Bonhomme. Es gehe dabei, wie stets bei Fake News nicht unbedingt darum, dass die Menschen daran glaubten. Auf Facebook habe es viele Gegenstimmen gegeben, auch haben afrikanische Medien mit Factchecking reagiert, bis die Geschichte zurückgezogen worden sei - das Gift solcher Fakenews kann aber dennoch wirken, indem sie zu Polarisierung und Destabilisierung von Gesellschaften beitragen, schließt Bonhomme.

Die Soziologin Marie Mathieu legt im Gespräch mit Marie Le Clainche-Piel und mit sehr vielen genauen Zahlen dar, wie sich Abtreibung in den USA nach den immer restiktiveren Gesetzen und Praktiken in einigen Bundesstaaten verändert hat. Die Frauen haben inzwischen einige funktionierende Auswege gefunden. Vor allem wird viel stärker auf die Abtreibungspille RU 486 zurückgegriffen, die in den USA längst nicht so verbreitet war wie in Europa. "Auch ein neuer Dienstleisterstyp - 'virtuelle' oder reine Online-Kliniken - hat die Behandlungsmöglichkeiten erweitert, indem er über Telemedizin Abtreibungsdienste anbietet. Obwohl Abtreibungen in den USA nach wie vor überwiegend in physischen Einrichtungen durchgeführt werden, wurde von Oktober bis Dezember 2023 jeder fünfte Abbruch (18 Prozent) über Telemedizin durchgeführt. Darüberhinaus wird in Studien darauf hingewiesen, dass Personen, die einen Schwangerschaftsabbruch wünschen, die internationale Telemedizin (zum Beispiel 'Women on Web' nutzen, um medizinische Abtreibungspillen zu erhalten und ihre Schwangerschaftsabbrüche außerhalb des klinischen Rahmens selbst durchzuführen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation stellt diese Praxis kein Gesundheitsrisiko für Frauen dar."

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - La vie des idees

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Anders als für Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer war Paris für Hannah Arendt kein Ort der Inspiration - obwohl sie dort über sieben Jahre ihres Exils verbrachte. Arendt, schreibt die Germanistin Anne Schwarz, befasste sich in dieser Zeit vor allem mit ihrem Judentum und dem Zionismus. Schwarz empfiehlt das Buch "Parias - Hannah Arendt et la 'tribu' en France (1933-1941)" der Politologin Marina Touilliez, das sich eben jenen Jahren des Exils in Paris widmet. Besonders gelungen erscheint ihr darin, dass die Autorin minuziös auch die Leben all jener Emigrierten nachzeichnet, die heute keine so prominenten Namen mehr haben. Arendt nannte sie ihren "Stamm" (tribu). Auf diese Weise ersteht für die Rezensentin ein sehr lebendiges Bild dieser Zeit, die sich besonders nach Kriegsbeginn ungeheuer verdüsterte: "Staatsangehörige der Länder, die Frankreich feindlich gesinnt waren, wurden fortan als 'feindliche Personen' betrachtet. Die Mitglieder des 'Stammes', obwohl antifaschistisch und größtenteils jüdisch, wurden verhaftet, da sie als Gefahr für die nationale Sicherheit eingestuft wurden. So trafen in den Lagern Kämpfer der internationalen Brigaden aus Spanien, Juden und überzeugte Nazis aufeinander. Auf der Grundlage zahlreicher, zum Teil unveröffentlichter Zeugnisse zeichnet Touilliez das tiefe Elend in diesen Lagern nach, das Umherirren von einem Lager zum anderen, die Verzweiflung aufgrund der Trennungen, das Gefühl, in der Falle zu sitzen, die Angst, den Deutschen ausgeliefert zu werden, und die erneuten Fluchtversuche, um dem Tod zu entkommen. Wir folgen den verschiedenen Mitgliedern des 'Stamms' auf ihrem Weg des Überlebens und der Improvisation, ihrem Wiedersehen in einem kleinen Dorf im Südwesten Frankreichs, bevor sie schließlich aus Frankreich fliehen und auseinandergehen. Frankreich, das das Aufnahmeland dieser 'Parias' aus Nazi-Deutschland gewesen war, machte sie nun selbst zu Rechtlosen, zu Ausgestoßenen der Gesellschaft."

Die Europäische Union bleibt weiterhin erstaunlich schweigsam im Blick auf die Umwälzungen in Serbien, "zur Empörung der serbischen Demokraten und Zivilgesellschaft, die einen leidenschaftlichen offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der Union geschrieben haben", konstatiert der Journalist und Balkan-Spezialist Jean-Arnault Dérens. Und der serbische Autokrat Aleksandar Vučić hat nicht nur in Wladimir Putin einen prima Kumpel, sondern auch in dem Trump-Freund Richard Grenell und vor allem in einigen europäischen Staatschefs. Der unvermeidliche Viktor Orban ist der eine, Giorgia Meloni die andere: "Giorgia Meloni nimmt eine Sonderstellung ein. Die ideologische 'Neuausrichtung' von Aleksandar Vučić im Jahr 2008 orientierte sich an der von Gianfranco Fini und seiner Alleanza nazionale, in der die junge Meloni aktiv war. Darüber hinaus sind das ehemalige Jugoslawien und der Balkan unmittelbare Nachbarn Italiens - durch Adria und durch die so umstrittene 'Ostgrenze' vom Friaul bis nach Triest. Die italienische extreme Rechte ist traditionell pro-serbisch aus Antikroatismus, da sie Istrien und Dalmatien, die heute kroatisch sind, für italienisches Territorium hält. Am 10. Februar 2019 hatte Antonio Tajani, damals Präsident des Europäischen Parlaments (Forza Italia-EVP) und derzeitiger Außenminister von Giorgia Meloni, in Triest während einer Gedenkfeier für die Opfer dieser Ostgrenze einen Skandal ausgelöst, als er ausrief: 'Es lebe das italienische Istrien und Dalmatien!'"

Magazinrundschau vom 11.02.2025 - La vie des idees

Man kann wohl behaupten, dass es wenige Serien gibt, die so viel Resonanz in einer Gesellschaft hatten, wie die südkoreanische Serie "Squid Game", hält Christophe Gaudin in einem Essay fest. Fast schicksalhaft erscheint der Zeitpunkt, an dem die zweite Staffel auf Netflix startete: "Etwa drei Wochen vor der Veröffentlichung der lang erwarteten Fortsetzung, in der es um die Zweideutigkeiten der Demokratie geht, versuchte Präsident Yoon das Kriegsrecht zu verhängen. Die Handlung befasst sich diesmal detailliert mit den Sackgassen der Abstimmung und bietet lange, beinahe wahltaktische Debatten, was im Kontext eines Blockbusters überraschend ist. Wenn diese rein formalen Mittel ausgeschöpft sind, kommt es zu einem verzweifelten Nahkampf zwischen Spielern und Söldnern." Mittlerweile scheint die Serie quasi prophetisch den Gang der Dinge vorauszusagen: "Die Protestbewegung in Korea und anderswo hat die Codes, z. B. die Kleiderordnung der Serie weitgehend übernommen." Gaudin stellt einen weiteren Punkt heraus, der die Serie einzigartig macht: Regisseur Hwang Dong-hyuk, der die zweite Staffel ursprünglich gar nicht drehen wollte, orientierte sich bei ihrer Konzeption am Willen des Publikums, das ihm massenhaft Mails zuschickte: "Man kann also behaupten, dass die Serie zum großen Teil das Werk ihres Publikums ist. Dies trägt dazu bei, ihr ihre prophetische Dimension zu verleihen, die weit über die subjektiven Absichten des Autors hinausgeht. Wenn sie in der Tat 'symptomatisch' ist, dann in einem radikalen Sinn, der deutlich über eine bloße Widerspiegelung hinausgeht. Die Gesellschaft träumt laut, doch dann sieht sie, wie sich ihr Albtraum materialisiert. Unterdrückte Wahrheiten und Vorahnungen kommen ans Licht, wie beim automatischen Schreiben."

Magazinrundschau vom 14.01.2025 - La vie des idees

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Der Vatikan hat seine Archive geöffnet, und es erscheinen nach und nach immer mehr Bücher über Papst Pius XII. und die Schoa. Ein wichtiges ist auf französisch erschienen, Nina Valbousquets "Les âmes tièdes - Le Vatican face à la Shoah". Der Titel greift ein Zitat von Albert Camus auf, erläutert  Annette Becker. Camus  hatte nach einer Rede des Papstes im Dezember 1944 (Paris war da schon befreit) geschrieben: "Wir brauchen keine lauen Seelen, wir brauchen brennende Herzen." Nun, die Seele des Papstes war lau, schließt Valbousquet aus den Dokumenten und ihre Rezensentin Annette Becker lobt ihre Arbeit mit den Quellen, dicht am Material, ohne sich in den komplizierten Dokumenten zu verlieren. "Mit dieser beispielhaften Methode kann Nina Valbousquet nun zu dem Schluss kommen: Ja, das Schweigen des Papstes zum Holocaust, über den er seit 1941 sehr gut informiert war, wog schwer, war aber auch bewusst abgewogen und endgültig, was Rettungsversuche und -erfolge nicht verhinderte, aber zu welchem Zweck? Ist die Idee der impartialità (Neutralität des Papstes) nicht eine Entsprechung zur 'Lauheit' des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, wenn der erstere glaubte, dass der geringste Versuch, die Nazis zu anzuklagen, deutsche oder europäische Katholiken in die Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen bringen würde, und letzteres sich damit begnügte, sich um das Schicksal von Kriegsgefangenen zusorgen, für die es in erster Linie ein Mandat hatte? Während der gesamten Jahre 1939-1945 ändert sich die Linie nicht: Es ist besser, seine Feindseligkeit gegenüber dem Nationalsozialismus nicht zu sehr zu demonstrieren, da sonst Schlimmeres droht..." Nur einen Kritikpunkt hat die Rezensentin gegenüber der Autorin: "Sie hätte etwas mehr auf die Tatsache eingehen können, dass Churchill und Roosevelt wie Pius XII. frühzeitig vor der Besonderheit der Judenvernichtung gewarnt wurden und dass keiner von ihnen das Ausmaß der Katastrophe erfasste, die sich parallel zum Krieg entfaltete. Sie alle, angefangen bei Pius XII., waren der Meinung, dass die Vernichtung der Juden ein Detail sei, weil es ihrer Politik und - für den Papst - seinem Glauben entgegenkam."
Stichwörter: Camus, Albert, Shoah, Vatikan

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - La vie des idees

David Copello zeichnet eine ziemlich detailreiche Skizze des "Mileismus", es geht dabei weniger um die radikalen wirtschaftspolitischen Reformen Javier Mileis und mehr um seine Art der Politik. Außenpolitik, so scheint es, interessiert Milei ganz besonders. Er fühlt sich einem "Westen" zugehörig, der nicht ganz so zugeschnitten ist wie bei anderen Populisten, denn er steht auf der Seite Israels und der Ukraine, ist aber zugleich ein glühender Bewunderer Trumps. Interessant ist, wie Copello Mileis Art der Machtausübung nach innen schildert, nämlich als "Polykratie". Er vermittle "das Bild eines Präsidenten, der die Verwaltung der internen politischen Angelegenheiten weitgehend an einige seiner engsten Vertrauten delegiert. Die politische Anatomie des Mileismus scheint somit aus der Überlagerung eines relativen Desinteresses des Präsidenten an der täglichen politischen Verwaltung und eines unaufhörlichen und gnadenlosen Kampfes zwischen den verschiedenen Gruppen zu bestehen, die die Koalition des Präsidenten strukturieren: in der Regierung, im Parlament, aber auch im persönlichen Umfeld des Präsidenten - was insofern von einer Tendenz zur Deinstitutionalisierung der Exekutivgewalt zeugt. Diese Logik der permanenten Palastrevolution führte dazu, dass innerhalb weniger Monate mehrere treue Anhänger des Präsidenten in Ungnade fielen, wie der ehemalige Kabinettschef Nicolás Posse, der ursprünglich als allmächtig dargestellt wurde, aber bereits im Mai 2024 zum Rücktritt gezwungen wurde, oder die Außenministerin Diana Mondino (entlassen im Oktober 2024). In den letzten zwölf Monaten gab es Dutzende von Rotationen auf Regierungsposten oder in die Führungsebene wichtiger Behörden."
Stichwörter: Milei, Javier, Argentinien

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - La vie des idees

Die Historikerin Sarah Gruszka hat eine monumentale Monografie über die Belagerung von Leningrad durch die deutschen Truppen geschrieben, bei der über eine Million Menschen ums Leben kamen, eines der größten Kriegsverbrechen der Deutschen. Die Menschen verhungert zumeist - ein Faktum, das im offiziellen Gedenken der Sowjetunion an die Belagerung so gut wie nie erwähnt wurde, so Gruszka in einem Essay für La Vie des Idées. Hervorgehoben wurde stets nur der heroische Widerstand der Leningrader Bevölkerung, aber nicht das demütigende Verenden und der Kannibalismus. Nach einer kurzen Phase freier Erinnerung an das furchtbare Geschehen in den Neunzigern - eine Zeit, in der viele Memoiren erschienen - hat Putin die Heroisierung erneut als einzige Geschichtsversion durchgesetzt: "Die Notwendigkeit, 'die historische Wahrheit' unter Schutz zu stellen, wurde übrigens in der neuen Verfassung von 2020 verankert. Dies geschieht durch die Herstellung eines bestimmten Bildes der Vergangenheit durch das Prisma von Heldentum und Patriotismus und durch das Aussortieren aller alternativen Versionen. Nicht die Fakten stehen im Vordergrund, sondern der Stolz, den die Geschichte des Landes hervorrufen soll. Der ehemalige Kulturminister Wladimir Medinski, jetzt enger Berater Putins in historischen Fragen, fasst den Geist des heutigen Gesetzes und der Macht perfekt zusammen: 'Wenn Sie Ihr Vaterland, Ihr Volk lieben, wird die Geschichte, die Sie schreiben, immer positiv sein.' Er erklärt, dass 'Mythen' als 'Tatsachen' betrachtet werden können und in diesem Sinne unbestreitbar seien. Kurzum, es gebe eine Art historische Überwahrheit, die mit der ideologischen Agenda übereinstimmt und über dem Begriff von Objektivität und Forschung stehe."