Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 25.10.2016 - Espresso

Traurig lesen sich die Gedanken Roberto Savianos zum Begräbnis des Theatermachers und Literaturnobelpreisträgers Dario Fo, das in strömendem Regen in Mailand stattfand: "Seine Verleger waren nicht da, auch nicht die Zeitungsverleger, zu groß die Angst, dass ihre bloße Präsenz als eine Identifikation mit der Opposition angesehen werden könnte. Aber die Leute, mit denen er in den Verlagen und Zeitungen gearbeitet hatte - die waren da. Die Regierung hat sich ferngehalten. Nur ein Minister wurde abgeordnet, wegen des klingenden Namens - nicht des Autors, sondern des Preises, den er mal erhalten hat."

Grund für die Distanz der Offiziellen war Dario Fos "militanza pentastellata", sein entschiedener Einsatz für die linkspopulistische Fünfsterne-Bewegung seines Freundes Beppe Grillo, über den Marco Imarisio im Corriere della Sera schreibt: "M5S war die letzte Etappe eines politischen Engagements, das in den siebziger Jahren mit dem Einsatz für die radikale Rote Hilfe begonnen hatte und stets unter dem Zeichen der radikalen und libertären Linken stand. 'Ich bin kein Gemäßigter und werde es niemals sein', war ein anderer seiner Leitsätze."

Magazinrundschau vom 05.07.2016 - Espresso

Etwas näher erklärt wird das Cinque-Stelle-Betriebssystem "Rousseau" von Fabio Chiusi in L'Espresso. Es soll Abstimmungen innerhalb der Partei erleichtern, kollektive Formulierungen von Gesetzesvorschlägen ermöglichen, aber auch zum Fundraising dienen. "Es ist ein faszinierendes Experiment, von weltweitem Interesse. Aber auch wenn sich die Plattform entwickelt, bleiben die von Experten, Ehemaligen und Parteimitglieder von Anfang an beklagten Grundprobleme doch die gleichen: Proprietärer, nicht offener Code, mangelnde Transparenz, ein Übergewicht der 'Spitzen', das eigentlich nicht existieren dürfte. Aber die Technologie kann sich natürlich noch verbessern."

Magazinrundschau vom 03.11.2015 - Espresso



Massimo Sestinis von oben geschossenes Foto eines Boots, das bis auf den letzten Quadratzentimenter mit Flüchtlingen besetzt ist, wurde berühmt und mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Nun stellt es der Fotograf auf seine Website und fragt: "Wo seid ihr? Wenn du dich auf diesem Foto wiedererkennst, kontaktiere uns, wir wollen deine Gechichte hören." Sestini hat das Foto für den Espresso geschossen, und Fabrizio Gatti wendet sich in dem Magazin an all jene, die das Foto als Inbild einer bedrohlichen und gesichtlosen Masseneinwanderung wahrnehmen und rät ihnen erstmal, das Foto im Vergrößerungsausschnitt heranzuzoomen, bis man in die hoffnungsfroh lachenden Gesichter der Flüchtlinge blickt: "Europa hat zwei Weltkriege, die Nazis und den Faschismus, interne Spannungen und ökonomische Krisen überwunden. Aber es hat sich nie ernstlich mit den Konsequenzen seines Kolonialismus auseinandergesetzt. Vielleicht weil der Kolonialismus nie wirklich gestorben ist, sondern nur seine Form verändert hat. Wenn das Foto böse Gefühle in Ihnen auslöst, die viele von Ihnen in den Kommentaren artikulieren, zeigen Sie auch mal, dass Sie fähig sind, über all das nachzudenken."
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Magazinrundschau vom 08.09.2015 - Espresso

Die italienischen Medien haben so eine Art sich nur mit italienischen Themen zu befassen. Aber der Anfang der Titelgeschichte des Espresso liest sich doch recht eindrucksvoll: "Versteppung der Industrie. Fehlen menschlicher, unternehmerischer und finanzieller Ressourcen. Armutsrisiko. Und demografischer Zusammenbruch: "Im Jahr 2014 sind nur 174.000 Geburten registriert worden, ein historischer Minusrekord seit Aufzeichnung der Geburten nach der Einheit Italiens vor 150 Jahren. Der Süden wird in den nächsten Jahren von einem demografischen Absturz heimgesucht, einem Tsunami mit unabsehbaren Folgen." Dauerhafte Unterentwicklung. Der Bericht des Wirtschaftsforschungsinstituts Svimez hat die Katastrophe des Mezzogiorno nach siebzig Jahren Republik aufgezeichnet. Ein armes Land in einem reichen Land. Stillstand in einem Land, das sich verändert."
Stichwörter: Mezzogiorno

Magazinrundschau vom 24.03.2015 - Espresso

Ein Tipp für deutsche Verleger. Roberto Saviano stellt in seiner neuesten Kolumne den in Deutschland noch unbekannten salvadorianischen Autor Oscar Martinez vor, dessen Buch "Los migrantes que no importan" (englisch "The Beast", Auszug) die Hölle der mexikanisch-amerikanischen Grenze und der Migration Jugendlicher aus Honduras und El Salvador erzählt. Nebenbei aber, so Saviano, ist Martinez ein großer Autor und repräsentiert eine neue Tendenz der lateinamerikanischen Literatur, die literarische Reportage: "Chronik und Erzählung reichen nicht mehr aus: Es geht darum, Fakten aufzuzeigen und sie mit erzählerischen Mitteln anzuprangern. Als ich ihn fragte, wer seine literarischen Vorbilder seien, nannte er den argentinischen Journalisten Rodolfo Walsh und die mexikanische Autorin Marcela Turati. Die lateinamerikanische Literaturtradition wird nicht mit Verachtung gesehen, sondern als etwas, das den eigenen Weg gar nicht berührt. Der magische Realismus gilt nicht mehr. Es geht nicht mehr darum, die Realität zu verzerren, sondern die Verzerrungen der Realität darzustellen." Hier eine Besprechung von Martinez" Buch aus den Letras Libres von 2013, und hier ein Interview mit dem Autor in npr.org.

Magazinrundschau vom 03.03.2015 - Espresso

Roberto Saviano attackiert die italienische Gesundheitsministerin Marianna Madia, die in der Frage der Sterbehilfe für eine "Grauzone" plädiert hat, in der Angehörigen die Entscheidung überlassen bliebe: ""Grauzone", das heißt heimliche Sterbehilfe oder Selbstmorde kranker Personen (wie soll man die extreme und mutige letzte Geste von Mario Monicelli vergessen). "Grauzone" ist die Reise in die Schweiz oder andere Länder, in denen Euthanasie legal ist. So sieht es aus, wenn man die "Entscheidung über diesen so geheimnisvollen Schritt den Angehörigen und Liebenden überlässt". Und ich füge hinzu, dass das medizinische Personal immer jene Wahl treffen wird, die am besten für es selbst ist und dabei sehr häufig den Wunsch des Kranken nicht respektiert."

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - Espresso

Zum Jahresanfang geht Roberto Saviano in seiner Kolumne nochmal seine guten Vorsätze durch. Einer davon: "Ich würde gern mal - und sage das schon seit Jahren - die Redaktion einer überregionalen Zeitung mitsamt Büro und Infrastruktur in den tiefen Süden versetzen, an die äußerste Peripherie, damit einmal klar wird, was in jenem provinziellen und so gar nicht bürgerlichen Italien vorgeht, das dennoch die Regeln setzt und das in seinem archaischen Wesen zur Norm und zum verbindlichen Wirtschaftsmodell wurde."

Magazinrundschau vom 04.04.2014 - Espresso

Die Italiener lesen kaum noch, stellt ein tief besorgter Roberto Saviano fest und zitiert die Studie "L"Italia dei libri 2011-2013" (hier als pdf), die herausgefunden hat, dass nurmehr 20 Prozent der Italiener in der Lage seien, komplexere Sachverhalte lesend zu rezipieren. Ein Heilmittel könnte ausgerechnet das Fernsehen sein, meint Saviano und weist nicht ganz uneitel auf die erfolgreiche Gesprächssendung "Che tempo che fa" hin, die er im italienischen Staatsfernsehen moderiert hat. "Als ich auf Rai 3 über Warlam Schalamows Gulag-Erfahrungen sprach, als ich die Geschichte von Ken Saro Wiwa erzählte, als ich Gedichte von Wisława Szymborska vorlas oder über Anna Politkowskaja sprach, wurden unglaublicherweise die Bücher in den Tagen nach der Sendung in die Regale der Buchläden gestellt."

Magazinrundschau vom 12.11.2013 - Espresso

Europa braucht dringend eine Stimme, meint der Chefredakteur des Guardian online, Wolfgang Blau im Interview mit Antonio Rossano: "Wir haben uns daran gewöhnt, dass verschiedene Segmente des Internets von globalen Akteuren beherrscht werden. Das trifft etwa auf Suchmaschinen, Auktionshäuser, Buchhandlungen, soziale Netzwerke zu. Etwas Ähnliches passiert längst auch schon im Journalismus. Während sich die meisten Zeitungen auf eine Konkurrenz im nationalen Rahmen beziehen, entsteht schon eine kleine Gruppe globaler journalistischer Institutionen, die Skaleneffekte nutzen können und mit denen nationale Medien nicht mehr mithalten können." Blau schlägt englischsprachige europäische Kooperationen von Medien vor - etwas, das europäische Medienhäuser allerdings noch nie hinbekommen haben.

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - Espresso

Fabrizio Gatti hat für sein Blog im Espresso die Fotos aller syrischen Kinder gesammelt, die bei dem großen Schiffsunglück vor Lampedusa ums Leben kamen, und schreibt dazu: "Der Europäische Rat hat nach Abschluss seiner Sitzung am 24. und 25. Oktober beschlossen, sich Zeit zu nehmen. Bis zum 14. Juni 2014 hat er das Projekt einer 'langfristigen Reflexion über die Einwanderungspolitik' vertagt. Eine Frist von acht Monaten, die lange nach den Wahlen für das Europaparlament im März endet. Eine politische Schandtat, um die Wählerschaft nicht zu verärgern. Und es geht nur um langfristige Reflexion. Nicht um eine Entscheidung." Das Foto zeigt eines der Kinder, Mohamad Samer Ali.