Magazinrundschau - Archiv

New Left Review

5 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 17.12.2024 - New Left Review

Ob der türkische Präsident Erdogan beim Sturz Assads wirklich eine so große Rolle gespielt hat, wie ihm nahe stehende Medien verkünden, bezweifelt der in Berkeley lehrende Soziologe Cihan Tuğal stark in seiner Analyse der Situation in Syrien und dem Nahen Osten: "Unabhängig von der genauen Ereigniskette steht es außer Frage, dass der Islamismus - und insbesondere seine dschihadistischen Strömungen - in der Region an Boden gewonnen hat. Die türkische Opposition, einschließlich der Linken, besteht darauf, dass dies ein amerikafreundlicher Islamismus ist. Doch die Schwankungen des Erdoğanismus selbst im Laufe der Jahre zeigen, dass es für den Westen Risiken birgt, wenn er auf diese Weise mit dem Feuer spielt. Die AKP war anfangs der Inbegriff eines amerikanisch geprägten Islams: Sie schien individuelle Freiheiten, Familienwerte und religiösen Konservatismus mit einer Betonung freier Märkte und einer prowestlichen Neuausrichtung im Nahen Osten zu verbinden. Im Laufe der Jahre setzte sie jedoch die individuellen Freiheiten immer mehr außer Kraft, während sie Märkte, Familie und Religion in den Dienst eines parteistaatlichen Entwicklungsmodells mit großen regionalen Ambitionen stellte, gelegentlich auf Kosten des amerikanischen Einflusses. ... Die größte Gefahr für den türkischen Imperialismus wäre die zunehmende Formalisierung der kurdischen Macht. Ein stabiler Frieden wird die Autonomie oder Unabhängigkeit der syrischen Kurden beinhalten müssen, die nun offiziell von den westlichen Staaten anerkannt wird. Für die Kurden selbst wären die Folgen dieser Formalisierung zweideutig. Sie wären nicht länger die Helden der globalen Linken, aber sie würden auch aus ihrer Isolation ausbrechen und ein 'normaler' Teil des zerfallenden internationalen Staatssystems werden. Die türkischen Kurden würden in der Zwischenzeit ihrem Schicksal überlassen, während sie gleichzeitig durch den Normalisierungsprozess in ihrem Süden ermutigt würden. Die AKP (zusammen mit ihrem neofaschistischen Partner, der MHP) hat dem inhaftierten Guerillaführer Öcalan zwar die Hand gereicht, kurz bevor HTS seine Aleppo-Kampagne startete, was viele Kommentatoren als Beweis dafür ansehen, dass die Türkei bereits von der Anti-Assad-Operation wusste. Doch die Regierung ließ auf diese Öffnung auch ein hartes Vorgehen gegen die legale kurdische Partei und gewählte Bürgermeister folgen, was darauf hindeutet, dass jede Einigung mit Öcalan zu den Bedingungen der Regierung erfolgen würde - und für die Bewegung als Ganzes große Verluste bedeuten würde."

Magazinrundschau vom 27.08.2024 - New Left Review

Die fünfte Generation im chinesischen Film, das waren Regisseure wie Chen Kaige und Zhang Yimou, die in den Achtzigern auf den internationalen Festivals von sich reden machten und seitdem dort ihren festen Platz haben. Die sechste bildete sich in den frühen Nullern rund um Jia Zhangke heraus - erst in Anlehnung an die fünfte, später in kritischer Distanzierung. Aber wo bleibt die siebte, fragt sich Leo Robson im Sidecar-Blog der New Left Review. Spuren und Anzeichen einer solchen sind zwar zu verzeichnen (Robson nennt etwa den 31-jährigen Wei Shujun als eine Art Einzelgänger, dessen Filme regelmäßig international gezeigt werden), aber die Hindernisse, die die Herausbildung einer solchen Generation erschweren, sind enorm. "Jüngere Regisseure mit einer Abfolge ähnlicher oder ähnlich bemerkenswerter Debüts sind nicht gerade in Massen aufgetreten. Die Beijing Film Academy hat ihr Prestige und ihre Rolle als Masseninkubator neuer Talente verloren. Und die sechste Generation - oder die Prominenz ihrer ursprünglichen Mitglieder - hat einen langen Atem. Dies ist zum Teil auch die Folge einer kulturellen Lethargie. Auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach 'Pickpocket' gilt Zhangke immer als 'Wunderknabe' des chinesischen Kinos." Seinem Generationsgenossen "Guan Hu glückte erst in diesem Jahr mit 'Black Dog' sein Cannes-Debüt, er wurde dafür in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet. Außerdem hat das chinesische Kino aufgehört, ein Regiekino zu sein (auch in dem spärlichen Rahmen,in dem es das überhaupt gewesen ist), da die chinesische Filmindustrie zu Beginn des neuen Jahrhunderts sich kommerzialisieren musste, zum Teil, um mit importierten Produkten mithalten zu können. 'The Five Hundred', der Film, den Guan Hu vor 'Black Dog' gedreht hat, war ein auf IMAX-Kameras gedrehter Kriegsfilm. ... Und auch wenn bestimmte Mitglieder der sechsten Generation heute Märchenfilme - oder zumindest kommerzielle Frivolitäten - ihrer eigenen Art drehen, sind die industriellen Bedingungen einfach nicht stark genug, um eine Bewegung zu unterstützen, die aus der daraus resultierenden Desillusionierung oder Verachtung hervorgehen könnte."

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - New Left Review

Noch ein großer Rätselhafter: Francesco Pacifico erinnert sich an den Literaturwissenschaftler Roberto Calasso, der in diesem Sommer starb. "Von den ungreifbaren italienischen Gelehrten - Eco, Calvino, Pasolini - ist der Autor des internationalen Bestsellers 'Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia' (1988), einer hybriden Meditation über die anhaltende Relevanz des griechischen Mythos, vielleicht der am schwersten zu durchschauende. 'Die Hochzeit' war der zweite Teil eines unscharfen, komplexen und verwirrenden Projekts - Calasso nannte es eine 'Oper' und hat es nie näher erläutert -, das man als einen anhaltenden Versuch beschreiben könnte, das mystische Potenzial der Literatur zu erschließen. Das Werk, das mit 'La tavoletta dei destini' (2020) auf elf Bände angewachsen ist, spannt einen Bogen über die Weltgeschichte und die Geografie und verbindet Kafka und Baudelaire, die Veden und die Bibel, Tiepolo und Talleyrand, die mesopotamische und griechische Mythologie. Über den ersten Band, 'Der Untergang von Kasch' (1983) - dessen schweifende, eklektisch zitierende Reflexionen über antike Rituale und das Wesen der Moderne sein Verfahren begründeten - schrieb Calasso, er wolle die Essayform meiden, da sie 'sklerotisiert' sei. 'Vom Aphorismus bis zum kurzen Gedicht, von der stichhaltigen Analyse eines bestimmten Themas bis zur erzählten Szene' - das Buch, das er geschrieben hatte, war vielmehr 'ein ganzes Heer von Formen...'."
Stichwörter: Calasso, Roberto, Rituale

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - New Left Review

Das Magazin bringt einen Essay des schwedischen Soziologen Göran Therborn über die globale Situation der Mittelschicht. Während sie im Süden wächst, schrumpft sie im Norden: "Laut Anthony Atkinson und Andrea Brandolini, die Ungleichheit erforschen,  ist von Mitte der achtziger bis Mitte 2000 eine Schrumpfung der Mittelschicht festzustellen. Laut einer Studie in 15 OECD-Ländern verloren die mittleren 60 Prozent in allen ausgewählten Ländern außer Dänemark Teile ihrer Einkünfte an das reichste Fünftel, in zehn der Länder schrumpfte die Mittelschicht ganz real. 2011 fragte sich Francis Fukuyama: 'Was, wenn die künftige technologische und Entwicklung und die Globalisierung der Mittelschicht den Boden entzieht und es nur noch einer Minderheit ermöglicht, den Status der Mittelschicht zu erreichen?' Fukuyama sorgte sich noch mehr: "Kann die liberale Demokratie einen solchen Schwund überleben?' … Die Abwärtsbewegung begann in den USA in den siebziger Jahren und wurde erst von einigen scharfsichtigen Forschern während der Achtziger entdeckt … Schon jetzt ist klar, dass die Pandemie die Ungleichheiten vergrößert, das Virus betreffend wie wirtschaftlich. Ebenso die Diskriminierung zwischen wie innerhalb der Klassen, Männern und Frauen, Generationen, ethnischen Gruppierungen. Für die Träume und Albträume der Mittelschicht bedeutet das eine beschleunigte Verschmelzung der Mittelschicht des Südens wie des Nordens auf dem finsteren Weg in die Ungleichheit. Die ihnen gemeinsame Preisgabe durch das digitale Großkapital, verkörpert durch Amazon und Microsoft, wird soeben enorm verstärkt. Die meisten mittelständischen Unternehmen und freiberuflichen Unternehmer im Norden sind die wirtschaftlichen Verlierer der Krise."

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - New Left Review

Dushu ist das wichtigste und einflussreichste intellektuelle Magazin Chinas. Seit 1979 fand darin die Auseinandersetzung mit westlicher Theorie vom Strukturalismus bis Habermas und Derrida statt (mehr hier). Nun ist eine sechsbändige - chinesische - Ausgabe mit den wichtigsten Texten von 1996 bis 2005 erschienen, einer Zeit, in der die Autoren der Zeitschrift ihre Kritik am wirtschaftlichen Liberalisierungskurs der Kommunistischen Partei verstärkten. Zhang Yongle stellt die Bände vor und zeichnet in seinem Artikel "Keine verbotenen Bezirke für die Literatur?" sehr ausführlich die bewegte Geschichte des Magazins nach: In der Umorientierung von Dushu seit Mitte der Neunziger "spiegelte sich die dramatische ideologische Kluft wider, die seither die kritischen Intelligenz spaltet, als viele der Autoren der Zeitschrift begannen, die Entwicklung in China zu kritisieren. Das war ein höchst kontroverser Standpunkt, der bald als der einer 'neuen Linken' oder gar als 'postmodern' gebrandmarkt wurde. Beide Bezeichnungen waren stark negativ konnotiert: es war seit den Siebzigern beinahe ein Skandal, wenn ein Intellektueller als 'links' (im Gegensatz zu 'liberal') bezeichnet wurde, da die Mehrheit der Intelligentsia zum Opfer der ultralinken Politik der Kommunistischen Partei geworden war. Postmodern war aber noch seltsamer, denn wie konnte man als Intellektueller das Ideal westlicher Modernisierung in einer dem Fortschritt so sehr hinterherhinkenden Gesellschaft wie China kritisieren?"
Stichwörter: Derrida, Jacques