Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 03.12.2019 - New Yorker

Für einen Beitrag des aktuellen Hefts unterzieht sich Patricia Marx einem Selbstversuch mit verschiedenen VR-Anwendungen (Virtual Reality) und stellt fest, es gibt eine gewisse Durchlässigkeit zur Wirklichkeit: "Während einiger Stunden hatte ich derart viele Versuche über mich ergehen lassen, aus mir einen emphatischen gesellschaftsorientierten Menschen zu machen, dass ich erstaunt war, noch keinen Orden von der Uno bekommen zu haben. In der Gestalt eines Holzfällers hielt ich die Kettensäge an einen Mammutbaum und lernte, dass solche Bäume gerettet werden könnten, wenn ich nur auf doppellagiges Klopapier verzichtete. Eine Studie ergab, dass Menschen mit dieser Erfahrung mit um 20 Prozent größerer Wahrscheinlichkeit weniger Klopapier benutzen als andere, die etwa nur ein Video über Abholzung gesehen haben …" Ähnlich ergeht es Marx mit der Körpertransfertechnik. Als "virtueller Schwarzer" ist sie dem alltäglichen Rassismus ausgesetzt. Aber ob so der Rassismus bekämpft werden kann? "'Körpertransfer' erlaubt es auch, das soziale Geschlecht zu wechseln, das Alter oder die Größe, oder es nimmt dir die Angst vor dem Tod, indem es ein zweites Ich schafft und es engelsgleich über dir schweben lässt. Oder du bist eine Kuh auf dem Weg zur Schlachtbank, ein Experiment, mit dem VR-Studenten herausfinden wollen, ob es nicht zu mehr Empathie mit dem Vieh und zu weniger Fleischkonsum führt …"

Außerdem: Dexter Filkins berichtet über die Spaltung der indischen Gesellschaft unter Narendra Modis Hindu-Nationalisten. Emily Nussbaum begegnet dem Rassismus der Reagan-Ära in Damon Lindelofs HBO-Serie "Watchmen" nach Alan Moores Graphic Novel von 1986. Anthony Lane erzählt die Geschichte des Gin. Calvin Tomkins stellt den Künstler David Hammon vor. Kevin Young liest Ralph Ellison. Hua Hsu hört Dance Music über Dance Music von Burial. Und Anthony Lane sah im Kino Tom Harpers Film "The Aeronauts".
Stichwörter: Virtual Reality

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - New Yorker

Brian Barth porträtiert den Tech-Investor Roger McNamee, der einst half, Amazon und Facebook anzuschieben und der heute einiges auszusetzen hat am Silicon Valley: "McNamee sieht sich selbst als Fallbeispiel für ein Leben ohne Google. Er benutzt DuckDuckGo, eine G-Alternative, die die Privatsphäre respektiert, und er verzichtet weitgehend auf Gmail, Maps, Docs usw. In zwei Monaten hat er nur einmal YouTube genutzt. Seiner Meinung nach sollte Facebook verwendet werden, um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben, nicht für politische Debatten, die bei FB zu Schreiwettbewerben ausateten. 'Empörung und Angst sind die Triebfedern dieser Geschäftsidee, also macht da nicht mit. Wir haben die Macht, dem unsere Aufmerksamkeit zu entziehen', meint er. Gegen Apple hat McNamee wenig einzuwenden, da das Unternehmen sich für Privatheit einsetzt, etwa indem es in Safari Cookies von Dritten blockt oder bei der Apple Card keine Daten mit Dritten teilt … Im Zentrum seiner Kritik steht, was er als 'data voodoo dolls' bezeichnet, digitale Profile, die die Firmen für jeden User anlegen. In solchen Profile sieht er so etwas wie eine 'Erweiterung des User-Selbst'. Der Handel mit Daten aus den 'data voodoo dolls' sollte nach seinem Dafürhalten 'nicht legitimer sein als Organhandel'. Besonders regt McNamee das Micro-Targeting mit politischer Werbung auf. Kritikern, die vor den Risiken von Social Media warnen, ob Wissenschaftler wie Shoshana Zuboff oder Politiker wie Adam Schiff, ist der Skandal um Cambridge Analytica das Paradebeispiel dafür, wie aus Menschen Puppen werden können."

Weitere Artikel: David Sedaris schreibt über die Hurricane Season. Amanda Petrusich begleitet den Musiker Beck auf der Suche nach dem Los Angeles seiner Jugend. James Wood überlegt anlässlich des dritten Bandes von Charles Moores voluminöser Thatcher-Biografie, wie man sich an die eiserne Lady erinnern soll. Hilton Als liest frühe Romane Joan Didions übers amerikanische Frausein. Alex Ross lauscht Beethoven-Aufnahmen mit dem Danish String Quartet, und Anthony Lane sah im Kino Rian Johnsons "Knives Out".

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - New Yorker

In einem Beitrag der neuen Ausgabe untersucht Isaac Chotiner die Ursachen für die aktuellen Probleme Großbritanniens und erkennt Parallelen zu den USA: "Die Sentimentalen unter denen, die an die 'besondere Beziehung' zwischen den USA und  Großbritannien glauben, konzentrieren sich auf synchrone Entwicklungen in der amerikanischen und der britischen Politik während des letzten Jahrhunderts. In diesem Narrativ wurde der Zweite Weltkrieg von einem antifaschistischen Paar gewonnen, dessen Allianz und Freundschaft der Welt die Demokratie sicherten. Noch zynischere Beobachter erkennen Gemeinsamkeiten. In den 1950ern gaben zwei moderat konservative Regime ihren Ländern einen leichten Stoß nach rechts, während sie ein dauerhaftes Zweiparteien-Engagement für den Wohlfahrtsstaat etablierten. Eine Generation später waren beide Ländern reif für die konservative Revolution, mit Thatcher, die 1979 über eine geschwächte Labour-Regierung siegte, und Reagan, der 1980 Carter verjagte. In den 1990ern erneuerten mit Clinton und Blair zwei routinierte Mitte-links-Politiker ihre Parteien; so wie Konservative sich in den 50ern mit sozialer Absicherung abgefunden hatten, hießen Demokraten und Labour-Anhänger nun den freien Markt und das Finanzkapital willkommen. Sommer 2016 schließlich stimmte GB in einem hastig von David Cameron, einem perfekten Update eines 1950er Tory-Premiers, der in seinen Memoiren seine ideologische Nähe zu Barack Obama unterstreicht, ausgerufenen Referendum für den Austritt aus der EU. Monate darauf wurde Trump gewählt, der sich als Mr. Brexit bezeichnet. Diese Zwillingsexplosionen des Populismus sind seither das zentrale Drama in den beiden Nationen und füttern die Presse auf beiden Seiten des Atlantiks mit Befürchtungen und Zweifeln."

Außerdem: Der Schriftsteller Michael Chabon erzählt vom Sterben seines Vaters. Eliza Griswold berichtet über Krisenzentren für ungewollt Schwangere in Indiana, seitdem es kaum noch Abtreibungsmöglichkeiten gibt. Margaret Talbot setzt Hoffnung auf die noch von Obama eingesetzte Supreme-Court-Richterin Elena Kagan. Anthony Lane sah im Kino James Mangolds "Ford v Ferrari" mit Christian Bale und Matt Damon
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Magazinrundschau vom 28.10.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins berichtet Sam Knight über den Brexit und die schon jetzt sichtbaren Auswirkungen auf Britanniens "konstitutionelle Struktur": "Im Dezember 2015 hielt ein Prozent der Briten die britische EU-Mitgliedschaft für die wichtigste nationale Frage. Diesen Sommer ergab eine Umfrage unter Mitgliedern der Conservative Party, deren Wähler Johnson mit großer Mehrheit zum Parteichef gewählt hatten, dass 61 Prozent einen beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden für den Brexit in Kauf nehmen würden. 54 Prozent wollten dafür sogar das Ende der Partei in Kauf nehmen. Für den Parlamentarier Rory Stewart (der während der Brexitdebatte per SMS aus der Parlamentsfraktion ausgeschlossen wurde, d. Red.) ist dieser krasse Wandel bei der politischen Identität in nur drei Jahren ein Rätsel … 'Es ist seltsam, faszinierend. Wir stehen mittendrin, aber mit leeren Händen', meint er … Eins der Hauptargumente für den Brexit lautet, dass er Großbritannien von dem Regelkanon der EU befreien werde. Weil der Brexit vom rechten Flügel der Konservativen Partei ausgedacht wurde, scheint ein Teil seines Zwecks zu sein, Britannien zu einem mit niedrigen Steuern gesegneten Wettbewerber des restlichen Europas zu machen - ein Nirvana, genannt auch 'Singapur an der Themse'. Allerdings steht dieses Ziel im Widerspruch zu den Hoffnungen der Millionen Menschen, die für den Brexit gestimmt haben, um einen besseren öffentlichen Dienst und eine zugänglichere und aktivere Regierung zu bekommen. Seit er im Amt ist, hat Johnson keinen Versuch gemacht, zwischen diesen widersprüchlichen Bedürfnissen zu vermitteln."

Außerdem: Raffi Khatchadourian dokumentiert Aufstieg und Niedergang der Cybersecurity Firma Tiversa. Arthur Krystal macht sich Gedanken übers Alter und die Unsterblichkeit. Margaret Talbot stellt einige Bücher vor, die das frühe Wirken von Frauen in Hollywood würdigen. Und Anthony Lane bespricht den neuen Scorsese "The Irishman" über den Contractkiller Frank Sheeran.
Stichwörter: Brexit

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - New Yorker

In einem Beitrag des neuen Hefts berichtet Luke Mogelson über das andauernde Leid der afghanischen Bevölkerung nach dem Ende der Friedensgespräche: "Verhandlungen mit dem Ziel, einen Krieg zu beenden, können den absurden Effekt haben, den Krieg eskalieren zu lassen: Die Parteien kämpfen um Einfluss, indem sie auf dem Schlachtfeld Kraft demonstrieren. Mit Fortgang der Gespräche in Doha, wurde der Konflikt in Afghanistan tödlicher denn je. Kampfhandlungen und Luftangriffe töteten eine Rekordzahl an Zivilisten, mehr als 100 pro Monat, während die Taliban Offensiven gegen afghanische Militärbasen und Provinzhauptstädte startete. Der IS, der an den Gesprächen nicht teilnahm, fügte dem Ganzen eine neue Dimension der Unberechenbarkeit und der Grausamkeit hinzu, indem er Kabul und Jalalabad mit Selbstmordattentaten überzog, mit dem Ergebnis einer sehr schmerzhaften Erfahrung für die Afghanen: beispiellose Hoffnung auf Frieden und beispiellose Qualen angesichts des Alptraums, der sie einstweilen heimsuchte. Am 2. September 2019 verkündete der US-Gesandte und frühere US-Botschafter im Irak und in Afghanistan Zalmay Khalilzad, dass ein Abkommen erreicht worden sei. Einzelheiten kamen an die Öffentlichkeit: Die USA würden innerhalb von 135 Tagen 5400 Soldaten abziehen, die verbleibenden 8600 innerhalb der nächsten anderthalb Jahre. Die Taliban würden dafür mit al-Qaida brechen, die in einigen Landesteilen immer noch aktiv ist, und helfen, andere Terrorgruppierungen fernzuhalten. Ferner würden sie Verhandlungen mit der afghanischen Regierung und anderen Beteiligten in Oslo beginnen mit dem Ziel einer dauerhaften politischen Lösung. In den USA wurde das Abkommen sofort kritisiert. John Negroponte und andere hochrangige Diplomaten warnten in einem offenen Brief davor, dass der Truppenabzug noch vor einer Einigung zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban zu einem Bürgerkrieg führen könnte. Ex-General David Petraeus prophezeite den Versuch der Taliban, 'die Regierung zu stürzen, mittelalterliche Verhältnisse zu schaffen' und dadurch den 'islamistischen Terror weltweit zu befeuern'. Senator Lindsey Graham warnte vor einem neuen 9/11."

Außerdem: Christine Smallwood berichtet von der Renaissance der Astrologie dank experimentierfreudiger Millennials. Jill Lepore erklärt Sinn und Unsinn des Instruments des Impeachments. Anthony Lane sah im Kino Robert Eggers' "The Lighthouse". Und Michael Schulman preist den Drive Adam Drivers.

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - New Yorker

In einem Beitrag des neuen Hefts untersucht Charles Duhigg in einem abgewogenen Artikel die teilweise geradezu kolonialistischen Geschäftspraktiken von Amazon. Amazon hat in Amerika viele Geschäfte verdrängt und einen neuen eigenen Marktplatz aufgebaut. Das Problem: Es stellt nicht nur den Marktplatz, es produziert auch und verkauft selbst, steht also mit seinem übermächtigen Wissen in Konkurrenz mit den kleineren Firmen, die Amazon als Plattform benutzen. Inzwischen steht es enorm unter Druck, aber seine Marktmacht aufzubrechen, ist nicht so einfach: "Tim Wu, ein Juraprofessor an der Columbia, sagte: 'Amazon ist der feuchte Traum eines Mikroökonomen. Wenn Sie ein Verbraucher sind, ist es perfekt, um möglichst effizient zu finden, was Sie wollen, und es so billig und schnell wie möglich zu bekommen. Aber die Sache ist die, die meisten von uns sind nicht nur Verbraucher. Wir sind auch Produzenten, oder Hersteller, oder Mitarbeiter, oder wir leben in Städten, in denen Einzelhändler pleite sind, weil sie nicht mit Amazon konkurrieren können, und so stellt uns Amazon irgendwie gegen uns selbst.'"

Außerdem: Peter Schjeldahl berichtet über die Erweiterung des MOMA. Hashem Shakeri schickt einen Fotoessay über Irans Immobilienkrise. Hua Hsu stellt die schwarze Indie-Rockerin Laetitia Tamko vor. Und Anthony Lane sah im Kino Bong Joon-hos "Parasite".
Stichwörter: Amazon, Parasite

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - New Yorker

John Seabrook fällt im aktuellen Heft die zweifelhafte Aufgabe zu, an seiner eigenen Abschaffung mitzuarbeiten, indem er einen Beitrag über Künstliche Intelligenz als Textgenerator verfasst und die Maschine (Googles Smart Compose und Open AIs GPT-2) einfach mitschreiben lässt: "Smart Compose geht weit über eine Autokorrektur hinaus. Es korrigiert nichts, was ich schon ausgedacht habe, es denkt für mich, indem es die Kraft des 'deep learning' anwendet, einen Bereich des Maschinenlernens. Maschinelles Lernen ist die raffinierte Methode des blitzschnellen Berechnens von Wahrscheinlichkeiten aus großen Datenmengen, die nahezu allen neueren Fortschritten auf dem Gebiet der KI zugrunde liegt, bei Navigation, Bilderkennung, Suchmaschinen, Games, dem autonomen Fahren … Um zu verstehen wie GPT-2 vorgeht, stellen wir uns vor, wir hätten keine Kenntnisse über Rechtschreibung oder Grammatik oder auch nur eine Ahnung davon, was Wörter sind. Unser ganzes Wissen haben wir aus der Lektüre von acht Millionen Artikeln zu allen möglichen Themen aus dem Social-News-Aggregator Reddit, und wir haben ein fabelhaftes Gedächtnis, um jede gelesene Wort-Kombination zu erinnern. Aufgrund unserer Gabe der Vorhersehung können wir nun jeden beliebigen gegebenen Satz mühelos fortführen, ohne die Gesetze der Sprache zu verstehen. Alles, was wir brauchen, ist die Fähigkeit, das nächste Wort korrekt vorherzusagen. GPT-2 wurde trainiert, aus einem 40 Gigabyte großen Datensatz von Artikeln zu schreiben, die Menschen auf Reddit verlinkt haben und die andere User positiv bewertet haben. Ohne menschliches Zutun hat das neuronale Netz die Dynamiken der Sprache gelernt, das Regelwerk wie das Zweifelhafte, indem es die statistische Wahrscheinlichkeit aller möglichen Wortkombinationen in dem Datensatz analysiert und durchgerechnet hat. GPT-2 wurde so konstruiert, dass ein relativ kleiner Input eines menschlichen Autors - einige Sätze, die Thema und Ton des Artikels vorgeben - genügt, um ganze Absätze zu dem Thema maschinell zu erstellen."

Außerdem: Alexis Okeowo schickt eine Reportage aus Georgia, wo der Kampf für das Recht auf Abtreibung geführt wird. Ian Parker porträtiert die Schriftstellerin Edna O'Brian. Alex Ross erklärt die andauernde Faszination für Nietzsche durch die politische Bank. Joan Acocella liefert eine Lese-Anleitung für das Gilgamesch-Epos. James Wood liest den mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichneten Roman "Celestial Bodies" der omanischen Autorin Jokha Alharthis. Und Anthony Lane sah im Kino Pedro Almodovars "Leid und Herrlichkeit".

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins las Jill Lepore Edward Snowdens Autobiografie "Permanent Record", die sie mit wenig Sympathie, um nicht zu sagen Herablassung, bespricht: "'Permanent Record' bietet dem Leser wenig von dem John-le-Carré-trifft-Jason Bourne-Zeug: wieso er als Angestellter im Verteidigungssektor mit 28 beschloss, streng geheime Daten der US-Regierung an den Guardian und die Washington Post weiterzugeben, wie er es anstellte und wie sein Leben seitdem aussieht. Kritiker werfen ihm Ausflüchte und Verzerrung vor, Unterstützer erkennen Ehrlichkeit und Integrität. Die Lesermeinungen werden auseinandergehen, ohne viel Neues zu erfahren, außer über den Geist eines Spielers. Ein Großteil des Buches dokumentiert nicht die Veröffentlichungen und ihre Konsquenzen, sondern Snowdens Kindheit, Jugend und frühe Zeit als Erwachsener, Spiel für Spiel, von Nintendo bis NSA … Snowden ist ein Anhänger der Es-war-einmal-das-Internet-Theorie von einer Techno-Utopie für freie, anonyme, unregierbare Menschen. 'Damals bedeutete online zu sein in ein anderes Leben einzutreten', schreibt er. 'Das Virtuelle und Tatsächliche waren noch nicht eins, und es war Sache des Einzelnen zu bestimmen, wo das eine aufhörte und das andere begann. Genau das war das Inspirierende: die Freiheit, sich etwas ganz und gar Neues vorzustellen, neu anzufangen.' Das war das anarchistische, von Leuten der Gegenkultur wie Stewart Brand (Whole Earth Catalog) und John Perry Barlow (Grateful Dead) betriebene Internet. Es wurde von Liberalisten und Antiantimonopolisten und Konservativen wie Newt Gingrich und George Gilder weitergeführt. Deren Internet ist nicht das, welches wir verloren haben, sondern welches wir heute haben, in Form von Gingrich-Gilders Telekommunikationsgesetz von 1996, das Clinton verabschiedete und das das Internet vor Regulationen durch den Staat abschirmte und zu einem kommerziellen Jahrmarkt machte. Google, Facebook und Amazon wissen viel mehr über US-Bürger als die NSA. Aber Snowden hatte die Vorstellung, dass die Mächte, die das Internet seiner Kindheit ruiniert hatten, nicht so sehr die liberalen waren, die Unternehmen unkontrolliert ließen und der Datengewinnung, dem Tracking und der Manipulation Tür und Tor öffneten, sondern die Regierung, die das Internet mit dem Patriot Act von 2001 zu einem Ort machte, an dem es nun unmöglich war, unbeobachtet und ohne Einfluss der Regierung zu sein. Dieses Spiel wollte Snowden beenden. Reset, neues Spiel." Google weiß mehr über amerikanische Bürger als die NSA? Hier und hier nochmal eine Erinnerung daran, welches Ausmaß an staatlicher Überwachung (nicht nur amerikanischer Staatsbürger) Edward Snowden enthüllt hat. Google, Facebook und Co besitzen auch nicht das Gewaltmonopol.

Außerdem: Jonathan Blitzer erklärt, warum die Stimmen der Latinos in Florida für Trump Chefsache sind. Ben Taub porträtiert den Kriegsjournalisten und Utopisten Jonathan Ledgard. Janet Malcolm stellt Benjamin Mosers Biografie über Susan Sontag vor, die Sontags Tagebücher als wesentliche Quelle nutzt. Hilton Als erinnert an den Fotografen Roy DeCarava und seine Porträts schwarzer Künstler. Peter Schjeldahl feiert die afroamerikanische Künstlerin und Michelle-Obama-Porträtistin Amy Sherald. Anthony Lane sah im Kino James Grays "Ad Astra".

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker porträtiert Christina Binkley den Künstler Sterling Ruby, der gerade eine eigene Modelinie produziert. Ruby hat schon als Teenager genäht, lesen wir, auch in seiner Kunst wird viel Stoff verbraucht. Nach einer Zusammenarbeit mit dem Designer Raf Simons erwachte dann in Ruby der Wunsch, eine eigene Modelinie zu kreieren. Seine Ideen dafür zeichnen sich durch eine höchst sympathische Punk- und Do-it-yourself-Attitüde aus: "Als Jugendlicher hatte er mit der Nähmaschine seiner Mutter Skater-Kleider genäht, und als Erwachsener hatte er Arbeitskleidung hergestellt, die er im Studio tragen konnte, indem er Stoff- oder Leinwandstücke verwendet hatte, die er zu Experimenten benutzt hatte - um Kunstwerke zu besprühen, mit Bleichmittel zu verätzen oder zu bemalen. Seine Arbeiten hatte schon immer eine handgefertigte, D.I.Y.-Ästhetik, die er mit seinen Arbeiterwurzeln verbindet; die Objekte, die er kreiert, ähneln Jumbo-Versionen von Dingen, die in einer High-School-Klasse entstanden sein könnten. Sie sind in keiner Weise ironisch." Doch schnell stand Ruby vor einem Problem: Wie sollte er seine Kleidungsstücke bepreisen, ohne sich als gut verdienender Künstler selbst zu schaden? "Eine Sterling-Rubin-Stoffskulptur kostet bis zu einhundertfünfundzwanzigtausend Dollar. 'Wie bewertet man dann Kleidungsstücke, die von Sterling handgearbeitet wurden?', fragte sich Rubys Mitarbeiter Britt. Rubys General Manager Maturo schlug achttausend Dollar als möglichen Preis für einen einzigartigen Poncho aus gebleichtem Denim vor, ungefähr so viel wie eine Chanel-Jacke kostet. Ruby erinnerte sie daran, dass junge Leute sich S.R. Studio leisten können sollten; er bestand darauf, einige 'Einstiegsartikel' anzubieten und schlug vor, eines seiner Jeans-Designs für vierhundertfünfundneunzig Dollar zu verkaufen. Niemand auf der Sitzung stellte in Frage, dass eine 500-Dollar-Latzhose Ausdruck einer demokratischen Gesinnung sei. Britt wies darauf hin, dass es bei Kleidung - im Gegensatz zu einem Kunstwerk, das Eigentum einer Person oder Institution ist - 'um Erreichbarkeit geht'. Er fügte hinzu: 'Es wäre ein Misserfolg, wenn sie nicht getragen würde.'"

Auch Prince bleibt in den Erinnerungen von Dan Piepenbring, der als Co-Autor an Princes Autobiografie mitarbeitete, etwas unklar, wenn es um das Thema Copyright geht. "Seit wir uns zuletzt unterhalten hatten, waren seine Ambitionen für das Buch stärker geworden. 'Das Buch sollte ein Handbuch für die brillante Gemeinschaft sein, das in eine Autobiografie verpackt ist, die in eine Biographie verpackt ist', sagte er. 'Es sollte lehren, dass das, was du erschaffen hast, deins ist.' Es sei unsere Aufgabe, Menschen, insbesondere jungen schwarzen Künstlern, zu helfen, ihre Macht und Wirkung zu erkennen. ... Aber es genüge nicht, radikale Forderungen für kollektive Eigentumsrechte, für schwarze Kreativität zu stellen, erklärte er. 'Wenn ich sage, dass 'Purple Rain' mir gehört, dann klinge ich - wie Kanye.' Er hielt inne. 'Den ich als Freund betrachte.' Er glaubte, dass Eigentumsforderungen allzu oft als selbstverherrlichend verstanden würden. Es sei wirkungsvoller, sie von anderen Menschen aussprechen zu lassen. Er wollte einige formale Mittel finden, die das Buch zu einer Symbiose aus seinen und meinen Worten machen würden. 'Es wäre großartig, wenn sich unsere Stimmen gegen Ende vermischen würden', sagte er. 'Am Anfang sind sie unterschiedlich, aber am Ende schreiben wir beide.'" Was das für die Tantiemenverteilung bedeutet hätte, erfährt man nicht.

Weiteres: Hua Hsu erklärt, wie exorbitante Studiengebühren die amerikanische Mittelklasse neu strukturieren. Rebecca Mead berichtet über eine queere Adaption von E. M. Fosters "Howard's End". Carrie Batten hört das neue Album der Boyband "Gen Z". Und Anthony Lane sah die restaurierte Fassung von Joseph Loseys Film "Monsieur Klein" aus dem Jahr 1976, mit Alain Delon in der Hauptrolle.

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker fragt sich Liaquat Ahamed, ob sich die Schere zwischen Arm und Reich einfach immer weiter öffnet oder irgendwann Schluss ist damit, und vergleicht die Meritokratie der USA und den "politischen Kapitalismus" in China: "In der Meritokratie resultiert Ungleichheit daraus, wie Kapital angehäuft wird. Die Reichen können mehr sparen als die Armen und verfügen so über überproportional viel Kapital und Reichtum einer Wirtschaft. Weil der Kapitalertrag, eine wichtige Einkommensquelle der Reichen, höher ist als der Lohnzuwachs, werden die Reichen immer reicher. Genauso steht es um die Bildung: Reiche sind besser ausgebildet, erhalten höhere Löhne. Sie erhalten auch höheren Zuwachs auf ihr Kapital, weil sie durch die Sicherheit ihres Vermögens risikofreudiger sein können. Sie heiraten andere gut ausgebildete reiche Menschen und geben das Kapital weiter an ihre Kinder, sodass die Ungleichheit weitervererbt wird. Der 'politische Kapitalismus' in China hat seine eigenen, die Ungleichheit befördernden Dynamiken. Obwohl China zutiefst kapitalistisch geworden ist (fast 80 Prozent der nationalen Industrieproduktion findet im privaten Sektor statt), werden die kommerziell aktiven Schichten von einer hoch disziplinierten autokratischen Bürokratie kontrolliert. Die Macht des Gesetzes ist schwach, Entscheidungen oft willkürlich, Besitzrechte unsicher und Korruption allgegenwärtig. China geht durch eine beschleunigte Form der industriellen Revolution und des Goldenen Zeitalters gleichzeitig. Fügen wir die heimtückischen Effekte der Vetternwirtschaft hinzu, dann ist eine extrem ungleiche Gesellschaft das Ergebnis. Die Verteilung des Einkommens in China, so stellt sich heraus, ist noch ungleicher als in den USA und nähert sich den Verhältnissen in den Plutokratien Lateinamerikas an."

Außerdem: Calvin Tomkins porträtiert die stille Künstlerin Vija Celmins. Nick Paumgarten klärt auf über die Hintergründe der jüngsten Masernepidemie in den USA. Dan Chiasson denkt nach über das totgesagte gedruckte Buch, das einfach nicht totzukriegen ist. Madeleine Schwartz liest Nell Zinks neuen Roman "Doxology". Adam Gopnik liest eine Geschichte der Spionage. Amanda Petrusich interviewt Iggy Pop. Und Anthony Lane sah im Kino Issa López' "Tigers Are Not Afraid".
Stichwörter: Pop, Iggy, Lateinamerika