Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 19.10.2021 - New Yorker

Als in Russland die Revolution siegte, inspirierte sie nicht nur Arbeiter weltweit, sondern auch viele Afroamerikaner. Einer von ihnen war der Schauspieler und Kommunist Lovett Fort-Whiteman, dessen Geschichte Joshua Yaffa erzählt: Fort-Whiteman, der mehrfach nach Moskau reiste und schließlich dort blieb, war als Kommunist so dogmatisch, wie es sich die sowjetische KP nur wünschen konnte. Nur in einem Punkt wichen seine Ansichten von denen der Genossen ab: Afroamerikaner wurden nicht wegen ihrer Klasse, sondern wegen ihrer Rasse unterdrückt, da war er sich sicher. "In einem Artikel im offiziellen Organ der Komintern schrieb er, dass 'der Rassenhass der weißen Massen sich auf alle Klassen der Negerrasse erstreckt'. Diese Debatte über die Rolle von Rasse und Klasse bei der Aufrechterhaltung von Ungleichheit wird bis heute von linken Aktivisten und Denkern geführt. 'Damals wie heute ist klar, dass in Amerika die Rasse die Klasse bestimmt', sagte Gilmore mir. 'Fort-Whiteman und andere diskutierten darüber, was zuerst behoben werden sollte.' Wenn Rasse ein soziales Konstrukt ist, dann könnte eine egalitäre Revolution auch als Mittel zur Erreichung von Rassengleichheit angesehen werden. Aber, so Gilmore weiter, Fort-Whiteman hatte eine andere Vorstellung: 'Selbst als überzeugter Kommunist verstand er, dass es in Amerika immer auf die Tatsache ankam, dass er ein Schwarzer war.' Im Komintern-Archiv las ich eine 'redaktionelle Anmerkung', die Fort-Whitemans Genossen später seinem Aufsatz beifügten und in der sie seine Position als 'sehr oberflächlich' beschrieben. Fort-Whiteman, so warnten sie, sei 'vom kommunistischen zum kleinbürgerlich-nationalistischen Standpunkt übergegangen'. Auf dem Sechsten Kongress der Komintern im Sommer 1928 gab es eine große Debatte darüber, wie man am besten unter Afroamerikanern für die kommunistische Revolution werben könne. Einige Leute in der Partei drängten darauf, Farmpächter und Landarbeiter im Süden zu rekrutieren. Fort-Whiteman, der als Delegierter nach Moskau zurückgekehrt war, vertrat die Ansicht, dass es besser sei, die große Migration abzuwarten und die schwarzen Arbeiter zu organisieren, sobald sie in den Fabriken des Nordens zum städtischen Proletariat geworden waren. Seine Position stimmte mit der von Nikolai Bucharin, dem Herausgeber der Prawda, überein, der den Kapitalismus im Vormarsch sah; die weltweite Revolution, so Bucharin, müsse aufgeschoben werden. Stalin war natürlich anderer Meinung." Fort-Whiteman starb im Januar 1939 im Gulag in Kolyma.

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - New Yorker

Jasper Johns ikonische "Flag, 1954-55. Museum of Modern Art, New York

Und Peter Schjeldahl erkennt angesichts einer Retrospektive im Whitney New York und im Philadelphia Museum of Art die zeitlose Größe des Malers Jasper Johns: "Alles begann 1955 in einem baufälligen Gebäude in der Pearl Street in Lower Manhattan, das Johns mit seinem Liebhaber Robert Rauschenberg teilte. Der fünfundzwanzigjährige Johns, Kind eines zerrütteten Elternhauses aus South Carolina, dessen Erziehung größtenteils Verwandte übernommen hatten, hatte an der Universität von South Carolina studiert und eine Zeitlang in der Armee gedient. 1954 träumte er davon, die amerikanische Flagge zu malen, und er tat das mit einer damals ungewöhnlichen Technik: Pinselstriche aus pigmentiertem, klumpigem Enkaustik-Wachs, die das sachliche Motiv beleben, sodass eine besondere Aura des Gefühls entsteht. Diese abrupte Geste - Zeichenmalerei von besonderer Raffinesse - setzte der modernen Kunst ein Ende. Es torpedierte den Macho-Existentialismus vieler damals bekannter Stars des Abstrakten Expressionismus und nahm die volkstümlichen Quellen der Pop-Art und die Selbstverständlichkeit des Minimalismus vorweg. Es setzte Kunst in die Welt und umgekehrt. Politisch war das Flaggengemälde eine Ikone des Kalten Krieges und symbolisierte sowohl Freiheit als auch Zwang. Patriotisch oder antipatriotisch? Der Betrachter hatte die Wahl. Der Inhalt ist oberflächlich und erfordert sorgfältige Beschreibung statt analytischem Tamtam, wie es im Titel der Show 'Mind / Mirror' anklingt. Halt die Klappe und schau!"

In der neuen Ausgabe des Magazins warnt Ed Caesar vor einer Katastrophe mit Ansage. Vor der jemenitischen Küste zerfällt der gestrandete Supertanker "Safer" langsam in seine Bestandteile und mit ihm eine Million Barrel Öl: "Die 'Safer' hat viele Probleme, die auch noch miteinander verflochten sind. Sie ist fünfundvierzig Jahre alt - uralt für einen Öltanker. Das Alter wäre nicht so wichtig, wenn das Schiff richtig gewartet würde, aber dem ist nicht so. 2014 starteten Angehörige der Huthis, einen erfolgreichen Putsch und zettelten einen brutalen Konflikt an, der bis heute andauert. Vor dem Krieg gab die staatliche jemenitische Firma, die das Schiff besitzt - die Safer Exploration & Production Operations Company, oder sepoc - jährlich etwa 20 Millionen Dollar für die Instandhaltung des Schiffes aus. Jetzt kann sich das Unternehmen nur noch die rudimentärsten Notreparaturen leisten. Mehr als fünfzig Leute arbeiteten vor dem Krieg an oder auf dem Schiff, heute sind es noch sieben. Diese Notbesatzung, die mit spärlichen Proviant und ohne Klimaanlage oder Belüftung bei hohen Temperaturen unter Deck operiert, wird von Soldaten der Huthi-Miliz überwacht, die das Territorium besetzt halten. Die Huthi-Führung hat Bemühungen ausländischer Einheiten bislang behindert, das Schiff zu inspizieren oder das Öl abzusaugen. Das Risiko einer Katastrophe steigt täglich."
Stichwörter: Johns, Jasper, Jemen

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - New Yorker

Thomas Meaney besucht Neo Rauch in Leipzig und stellt fest, dass die Amerikaner vielleicht ein falsches Bild von ihm haben: "Je mehr ich mich mit anderen über Rauch unterhalten habe, desto mehr schien es, als sei er von einer Art transatlantischer List eingewickelt worden. Ein Maler, der sich bemühte, von Künstlern jenseits des Eisernen Vorhangs zu lernen, wurde von der New Yorker Kunstwelt, die nach dem Kalten Krieg nach osteuropäischer Exotik gierte, mit einem experimentellen sozialistischen Realisten verwechselt. Einigen wohlhabenden Käufern gefiel die Vorstellung, Parabeln über das Scheitern des Kommunismus in ihren Wohnzimmern hängen zu haben. Es spielte kaum eine Rolle, dass Rauch für die Blütezeit des sozialistischen Realismus zu spät geboren wurde und er seine frühen Werke so weit wie möglich unterdrückt hatte. Als amerikanische Käufer nach Leipzig kamen, wurde Rauch zum Nutznießer dieses historischen Missverständnisses."

Weitere Artikel: Hilton Als wirft einen gründlichen Blick auf das Oeuvre von Gayl Jones, die sich in ihren Romanen mit Rassismus und Kolonialismus auseinandersetzt. Kathryn Schulz bespricht "Crossroads", den neuen Roman von Jonathan Franzen. James Wood liest Anthony Doerrs "Wolkenkuckucksland" und Carrie Battan hört "Montero" von Lil Nas X.
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Magazinrundschau vom 14.09.2021 - New Yorker

Für die neue Ausgabe des Magazins Ben Taub erzählt die unglaubliche Geschichte des syrischen Geheimdienstoffiziers und Doppelagenten Khaled al-Halabi, der unzählige Menschen folterte oder foltern ließ (ein Handwerk, das der syrische Geheimdienst von dem österreichischen Nazi Alois Brunner gelernt hatte), dann nach Frankreich floh, wo er Asyl beantragte. Mit Geld versorgt wurde Halabi laut Taub von den Israelis, für die er offenbar auch spioniert hatte, und die ihn mit Hilfe des österreichischen Geheimdienstes in einer Nacht- und Nebel-Aktion nach Österreich bringen ließen, wo er untertauchen konnte. Die Österreicher dachten nicht daran, ihn wegen seiner Verbrechen vor Gericht zu stellen. "Wenn Halabi der ranghöchste syrische Kriegsverbrecher ist, der verhaftet werden könnte, dann nur, weil die größeren Ungeheuer geschützt werden. Das Hindernis für die Strafverfolgung von Assad und seinen Stellvertretern ist der fehlende politische Wille im UN-Sicherheitsrat. Halabis ehemaliger Chef in Damaskus, Ali Mamlouk, reiste Berichten zufolge 2018 in einem Privatjet nach Italien. Mamlouk ist einer der schlimmsten Übeltäter des Krieges - es war sein Befehl, den Halabi weitergab, auf Versammlungen von mehr als vier Personen in Raqqa zu schießen. Doch Mamlouk, der seit 2011 mit Sanktionen belegt ist und nicht in die Europäische Union einreisen durfte, hatte ein Treffen mit dem italienischen Geheimdienstdirektor, und so kam er und ging wieder." Einmal meint Taub, der Halabi überall in Wien sucht, ihn auf einem Balkon zu sehen. "Ein Klopfen an der Tür blieb unbeantwortet; einem Nachbarn zufolge ist die Wohnung leer. Eine Lüge, die der syrische Außenminister vor dreißig Jahren ausgesprochen hatte, ging mir nicht aus dem Kopf: 'Dieser Brunner ist ein Gespenst.'"

In einem anderen Beitrag untersucht Margaret Talbot die wahren Hintergründe der berühmten Grundsatzentscheidung "Roe gegen Wade" von 1973, in der es um die Verfassungsmäßigkeit der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch ging: "Als Jane Roe, deren richtiger Name Norma McCorvey war, Klägerin in einem der bekanntesten Fälle wurde, die je vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurden, war die 22-jährige Texanerin pleite, geschieden, 'drogensüchtig und betrunken', wie sie sich später selbst beschrieb. Die meisten ihrer Liebhaber waren Frauen, aber 1970 wurde sie ungewollt zum dritten Mal schwanger. Sie wollte keinen Kreuzzug starten, als sie sich in Dallas mit den feministischen Anwältinnen Sarah Weddington und Linda Coffee traf. Sie wollte bloß ihre Schwangerschaft beenden. Abtreibung war in Texas illegal … Irgendwann gab McCorvey zu, dass sie Jane Roe war, und in den 80ern und 90ern trat sie in den Medien auf. Sie war eine ambivalente Bereicherung für die Pro-Choice-Bewegung, besuchte Kundgebungen und erzählte ihre Geschichte", wofür sie bezahlt wurde. "In Wahrheit scheint sie sich nie sonderlich um reproduktive Rechte geschert zu haben."

Außerdem: Jelani Cobb porträtiert den Bürgerrechtsanwalt Derrick Bell als "Den Mann hinter der Critical Race Theory". Jia Tolentino schreibt über die Singer-Songwriterin Caroline Polachek. D. T. Max erzählt, wie sich Colm Tóibín mit Thomas Manns Homosexualität auseinandersetzt. Judith Thurman liest Dantes "Göttliche Komödie". Hua Hsu hört Saint Etiennes neues Album "I've Been Trying to Tell You". Anthony Lane sah im Kino Paul Schraders "The Card Counter".

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - New Yorker

Gideon Lewis-Kraus stellt die Verhaltensgenetikerin Kathryn Paige Harden vor, die in einen Zweifronten-Krieg zwischen rechten und linken Wissenschaftlern und Social-Media-Kriegern geraten ist. Harden möchte mit ihrem Buch "The Genetic Lottery: Why DNA Matters for Social Equality" die Diskussion über Genetik auf eine neue Grundlage stellen. Genetische Unterschiede gibt es, sagt sie, und es ist wichtig, sie zu verstehen, gerade wenn man Ungleichheit bekämpfen will: "Die ultimative Behauptung von 'The Genetic Lottery' ist ein außerordentlich ehrgeiziger Akt von moralischem Unternehmertum. Harden argumentiert, dass eine Anerkennung der Rolle des einfachen genetischen Glücks - neben all den anderen willkürlichen Lotterien der Geburt - uns als Gesellschaft eher dazu bringen wird, dafür zu sorgen, dass jeder die Möglichkeit hat, ein Leben in Würde und Komfort zu genießen. Sie schreibt: 'Ich denke, wir müssen die falsche Unterscheidung zwischen 'Ungleichheiten, für deren Beseitigung die Gesellschaft verantwortlich ist' und 'Ungleichheiten, die durch biologische Unterschiede verursacht werden' aufheben.' Sie zitiert Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die meisten Menschen viel eher bereit sind, Umverteilungsmaßnahmen zu unterstützen, wenn Chancenunterschiede als willkürlich ungerecht - und tiefgreifend - empfunden werden. ... Die Perspektive der 'Genblindheit', so glaubt sie, 'hält den Mythos aufrecht, dass diejenigen von uns, die im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts 'erfolgreich' sind, dies in erster Linie durch unsere eigene harte Arbeit und Anstrengung erreicht haben, und nicht, weil wir zufällig die Nutznießer von Geburtsunfällen - sowohl umweltbedingten als auch genetischen - waren.'" Dennoch wird sie von vielen linken Wissenschaftlern kritisiert, die befürchten, die Genforschung könne der Eugenik die Türen öffnen.

Weitere Artikel: Amia Srinivasan erzählt die Geschichte des Feminismus anhand der am heißesten umstrittenen Fragen über die Rolle des Kapitalismus, der Pornografie, Sex Positivity und - als Schwerpunkt - Transfrauen (das Recht auf Abtreibung spielt in ihrem Essay interessanterweise überhaupt keine Rolle). Anand Gopal schickt eine Reportage über afghanische Frauen, die sich gegen den Westen wenden. Dexter Filkins fragt, ob das Kriegsrecht mit seinen Regeln nicht paradoxerweise die Grausamkeit des Krieges verschärft hat.

Magazinrundschau vom 17.08.2021 - New Yorker

In einem Interview zeigt sich der langjährige Reporter Steve Coll vor allem verärgert über Joe Biden, der die Afghanen (und ihre 300.000 Mann starke Armee) aufgerufen hatte, den Taliban auch selbst ein bisschen Widerstand zu leisten. Zwar habe Biden von Donald Trump den Beschluss zum Abzug geerbt, nicht jedoch Art und Weise: "Die Eile und die Gleichgültigkeit, die Schuldzuweisung an die Afghanen, die Verbindung der Entscheidung mit engen amerikanischen Interessen und dem Jahrestag des 11. Septembers, all das zeugt von der - Verachtung wäre wohl kein zu starkes Wort - für die Folgen, die dies in Afghanistan haben würde. Die Entscheidungen der Obama- und der Trump-Regierung in den ersten Jahren spiegelten einen seltenen politischen Konsens in den Vereinigten Staaten wider, dass man nämlich bereit war, ein relativ kleines Truppenkontingent und relativ geringe Ausgaben in Afghanistan aufrechtzuerhalten, um einen Ausweg zu finden, der nicht zu dem führt, was wir jetzt beobachten. Aber der Präsident selbst scheint persönlich entschieden zu haben, dass dies ein Irrweg war."

Robin Wright sieht das Gewicht der USA in der Welt für lange Zeit, wenn nicht gar für immer verspielt: "Amerikas Großer Rückzug ist mindestens so demütigend wie jener der Sowjetunion 1989, ein Ereignis der zum Ende des kommunistischen Reiches beitrug."

Magazinrundschau vom 03.08.2021 - New Yorker

Konservative Millionäre versuchen mit allen Geldmitteln, das amerikanische Wahlsystem zu torpedieren, berichtet Jane Mayer in einer niederschmetternden Reportage aus den USA. Sie unterstützen Trump-Anhänger, die die Präsidentschaftswahl anfechten und versuchen in der Folge, möglichst viele unerwünschte Wähler (der Demokraten) von den Urnen fernzuhalten. In Arizonas Maricopa County wurde die Wahl vier Mal überprüft, immer mit dem Ergebnis, dass alles korrekt gelaufen war. Trotzdem konnten republikanische Politiker durchsetzen, dass die Wahl noch ein fünftes Mal untersucht wird: "Im Juni stand ich auf der Tribüne des Veterans Memorial Coliseum in Phoenix, wo die Wahlprüfung stattfand, und wurde Zeuge, wie Leute einen Karton nach dem anderen mit Stimmzetteln untersuchten, die die Bürger von Arizon im letzten Herbst abgegeben hatten. Einige Inspektoren untersuchten mit Mikroskopen surreale Behauptungen: dass einige Stimmzettel von Maschinen ausgefüllt worden waren oder asiatische Fälschungen mit verräterischen Bambusfasern waren. Andere Inspektoren suchten nach Falten in den Briefwahlunterlagen, um festzustellen, ob sie rechtmäßig in Umschlägen verschickt oder - wie Trump behauptet hat - als Massenware verschickt worden waren. ... Wie aber erklärt sich die sich verfestigende Überzeugung unter den Republikanern, dass das Rennen 2020 gestohlen wurde? Michael Podhorzer vom Gewerkschaftsverband A.F.L.-C.I.O., der viel in die Erhöhung der Wahlbeteiligung der Demokraten im Jahr 2020 investiert hat, vermutet, dass die beiden Parteien jetzt unversöhnliche Ansichten darüber haben, wessen Stimmen legitim sind. 'Was die Leute aus den blauen Staaten nicht verstehen, ist, dass die große Lüge funktioniert', sagte er, und dass sie keinen Beweis für Betrug erfordert. 'Was sie so überzeugend macht, ist der Glaube, dass Biden gewonnen hat, weil einige Menschen in diesem Land ihre Stimme abgegeben haben, von denen andere glauben, dass sie keine 'echten' Amerikaner sind.' Diese antidemokratische Überzeugung wurde von einer Konstellation etablierter Institutionen der Rechten unterstützt: 'weiße evangelikale Kirchen, Gesetzgeber, Medienunternehmen, gemeinnützige Organisationen und jetzt sogar paramilitärische Gruppen.' Podhorzer stellte fest: 'Trump gewann das weiße Amerika um acht Punkte. In nicht-urbanen Gebieten gewann er mit über zwanzig Punkten. Er ist der demokratisch gewählte Präsident des weißen Amerikas. Es ist fast so, als würde er eine Nation innerhalb einer Nation repräsentieren.'"

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - New Yorker

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe fragt Jill Lepore, wie aus einem Unternehmen, das angetreten ist, die Welt zusammenzubringen, eines werden konnte, das vor allem trennt. Antworten findet sie u.a. in Sheera Frenkels und Cecilia Kangs Buch "An Ugly Truth: Inside Facebook's Battle for Domination": "Datensammeln und Anzeigenverkaufen schafft keine Gemeinschaft, und was das Zusammenbringen von Menschen angeht, wie Facebook es macht, so ist längst klar geworden, dass es ihnen dadurch vor allem leichter fällt, einander wehzutun. Facebook wäre nicht so erfolgreich, wenn die Menschen es nicht lieben würden, Fotos zu teilen, Gruppen oder kleine Firmen zu gründen und kuratierte News zu lesen. Aber Studien zeigen, dass Zeit auf Facebook der mentalen Gesundheit schadet, das Sitzen und den Verlust echter sozialer Kontakte befördert. Alle Versuche, das Unternehmen diesbezüglich zu verändern, sind bisher gescheitert."

In einem anderen Beitrag stellt Louisa Thomas die Schachgroßmeisterin Hou Yifan vor und macht sich Gedanken über Frauen und Schach: "Schach ist nicht wie Baseball oder Fußball. Männer und Frauen stehen sich gleichberechtigt gegenüber, und niemand kann das Geschlecht eines Spielers anhand der Züge auf dem Brett bestimmen. Dennoch sind von den 1732 Großmeistern der Welt nur 38 weiblich. Der größte Anteil an dieser Lücke rührt von der Tatsache, dass so wenige Frauen im Wettbewerb stehen. Etwa 16 Prozent aller Turnierspieler sind weiblich, die meisten Kinder. Aus rein statistischen Gründen wird man nur sehr wenige Frauen oben auf der Rangliste erwarten. Dennoch ist das eine unzureichende Erklärung für die Ungleichheit an der Spitze, über die Hou offen sagt: 'Man kann es nicht abstreiten oder so tun, als passiere es nicht.' Jahrelang war sie die Einzige mit einer reellen Chance."

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - New Yorker

Rachel Aviv erzählt im New Yorker die Geschichte von Marco, der noch 1988 im Alter von fünf Jahren zu einem pädophilen Pflegevater, dem Ingenieur Fritz Henkel, gegeben wurde. Das Konzept, verwahrloste Jugendliche bei Pädophilen unterzubringen, war von dem renommierten Sexualpädagogen Helmut Kentler in den Siebzigern entwickelt und vom Berliner Senat gebilligt worden (mehr dazu auch in der FAZ). Marco lebte bis weit in seine Zwanziger mit seinem Pflegevater und anderen Jungen, die ebenfalls sexuell missbraucht wurden, zusammen. Die Geschichte, die Aviv ganz nüchtern und ohne moralisierenden Unterton erzählt, ist wirklich unglaublich. Heute wohnt Marco bei seiner Freundin, mit der er ein Kind hat, und versucht, ein ganzer Mensch zu werden. Dabei geholfen hat ihm auch eine Fotografin, die ihn für einige Zeit als Fotomodell fotografiert hat: "Die Arbeit als Model inspirierte ihn dazu, sich die Haare kürzen zu lassen. Im Friseursalon schnitt ihm eine glamouröse Frau mit einer fröhlichen Ausstrahlung, die ich Emma nenne, die Haare. Marco neigt dazu, sein Aussehen für die entscheidenden Ereignisse in seinem Leben verantwortlich zu machen: Er glaubt, dass es der Grund dafür war, dass Henkel ihn auswählte - viele von Henkels Söhnen hatten dunkle Haare und Augen - und, zwanzig Jahre später, die Erklärung für seine erste ernsthafte Beziehung ist. 'Ich war hübsch, und sie hat mich nicht verlassen', erzählte er mir von Emma. Er fügte hinzu, nur teilweise scherzhaft: 'Manche Frauen stehen einfach auf Arschloch-Typen, und ich war einer dieser Arschloch-Typen.' Zuerst war er gegen eine Beziehung, aber allmählich fand er Emmas Hingabe überzeugend. Mehr als einmal schlief sie vor seiner Wohnungstür. 'Ich habe gemerkt, dass sie mich wirklich liebt, und dass es im Leben wahrscheinlich nur einen Menschen gibt, der wirklich für dich kämpft', sagte er. Er versuchte, seine antisozialen Impulse abzustumpfen, indem er sich daran erinnerte, dass sie nicht angeboren waren, sondern durch seine Erziehung konditioniert worden waren. 'Ich habe mich sozusagen umprogrammiert', sagte er. 'Ich habe versucht, mich selbst neu zu erziehen.'"

Außerdem: Masha Gessen porträtiert die unglaublich mutige Juristin, Politikerin und Nawalny-Mitarbeiterin Lyubow Sobol.

Magazinrundschau vom 29.06.2021 - New Yorker

Der australische Gelbhaubenkakadu. Ausschnitt aus Mantegnas "Madonna della Vittoria" von 1495.  

Wie kommt ein Gelbhaubenkakadu auf ein Gemälde Mantegnas (hier das ganze Bild)? Der Vogel hat sein Hauptvorkommen in Australien und einigen Inseln Indonesiens und belegt, dass es Handelsbeziehungen zwischen Europa und Gegenden gab, deren Namen man damals noch nicht mal kannte. Der Vogel thront über einer Madonna Mantegnas, die heute im Louvre hängt, und soll wohl auch den Reichtum seines Auftraggebers, des Herzogs von Gonzaga zeigen. Entdeckt hat den Vogel die Historikerin Heather Dalton, die in Melbourne lebt, und Rebecca Mead erzählt die Geschichte dieser Entdeckung. Dalton "hielt es für plausibel, dass der Papagei über das neunzig Meilen östlich gelegene Venedig nach Mantua gelangt war, wo Kaufleute Glas und Keramik exportierten und Luxusartikel einführten. In ihrem Aufsatz für die Zeitschrift Renaissance Studies bemerkte sie: 'Wohlhabende Bürger italienischer Stadtstaaten, die solche Waren kauften, wussten vielleicht ihre Seltenheit zu schätzen, verstanden aber wenig von ihrer geografischen Herkunft.' Waren, die auf venezianischen Märkten ankamen, hatten auf ihrer Reise viele Male den Besitzer gewechselt: 'Ein Papagei kann wie ein Kunstwerk eine ganze Reihe von Besitzern gehabt haben, während er nach Westen in Richtung Europa transportiert wurde.' Eine Handvoll italienischer Händler soll sich laut Dalton im 15. Jahrhundert bis nach Java und zu den Molukken vorgewagt haben, wo sie möglicherweise auf chinesische Kaufleute trafen, die auf bestehenden Handelsrouten noch weiter östlich unterwegs waren - und unterwegs einen prestigeträchtigen Papagei erbeuteten." Übrigens gab es schon im berühmten Falkenbuch des Stauferkönigs Friedrich II. aus dem 13. Jahrhundert einen solchen Kakadu.