Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 11.12.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker befasst sich David Owen mit den Risiken und Chancen der computerisierten Gesichtserkennung: "Eine Generation, die mit Smartphones und Social Media aufgewachsen ist, mag das Konzept der Privatsphäre für überholt halten, doch es gibt gute Gründe, alarmiert zu sein. Gesichter können im Gegensatz zu Fingerabdrücken oder Irismustern ohne Wissen der betroffenen Person leicht erfasst werden, das heißt, die Gesichtserkennung kann zur Fernüberwachung eingesetzt werden … Computerisierte Gesichtserkennung ermöglicht es der Polizei oder auch dem Arbeitgeber, Verhaltensweisen und Aktivitäten zu verfolgen, die sie nichts angehen, zum Beispiel, wer wann wo am Feierabend abhängt, welche Fund-Raising-Kampagnen Sie besuchen und was das leichte Zittern Ihrer Hand (aufgezeichnet von der Kamera im Aufzug, mit dem Sie jeden Morgen ins Büro fahren) über Ihre zukünftigen medizinischen Ansprüche aussagt … China verfügt über fast zweihundert Millionen Kameras zur öffentlichen Überwachung, weit mehr als jedes andere Land. Im Jahr 2015 kündigte man den Aufbau eines integrierten Personenüberwachungssystems an, mit dem Ziel, die Kameras bis 2020 allgegenwärtig, vollständig vernetzt, immer funktionsfähig und vollständig steuerbar zu machen. Die zuverlässige Echtzeit-Identifikation von mehr als einer Milliarde Menschen allein an ihren Gesichtern ist noch nicht möglich, aber das chinesische System ist nicht nur von Gesichtern abhängig. Erik Learned-Miller vom Computer Vision Lab an der Universität von Massachusetts  erklärte mir: 'Nehmen wir an, du bist chinesischer Staatsbürger und deine Heimatadresse ist bei der Regierung registriert. Wenn sie also in Xi'an eine Person sehen, die wie du aussieht, und sie wissen, du wohnst in Xi'an, werden sie wahrscheinlich denken, dass du es bist. Und wenn sie auch dein Handy verfolgen und wissen, dass du vor zwanzig Minuten in einem Restaurant in der Nähe warst - bist du es fast sicher.' Handysignale und digitale Finanztransaktionen, die in China stark zentralisiert sind, sind zusätzliche Identifikatoren, die die Zuverlässigkeit von Gesichtsübereinstimmungen erhöhen. 'Die Chinesen kombinieren massiv', erklärte Learned-Miller weiter. 'Sie können sagen: Hey, wir haben diesen Kerl heute Morgen in einem Starbucks erkannt, und jetzt ist er in einem McDonald's, er wird zu amerikanisch, knöpfen wir ihn uns mal vor.'"

Außerdem: Anthony Lane sah im Kino Alfonso Cuaróns "Roma". Alex Ross begleitet den Cellisten Yo-Yo Ma auf einer Konzertour.

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker trifft ein bewundernder James Somers die beiden einflussreichen Google-Programmierer Jeff Dean und Sanjay Ghemawat, die das Unternehmen zu dem gemacht haben, was es heute ist. Und die zeigen, dass man sehr gut zu zweit programmieren kann: "Wir sagen, wir suchen 'im Web', aber das tun wir nicht wirklich; unsere Suchmaschinen durchqueren einen Index des Netzes, eine Karte. Als Google noch BackRub hieß, war seine Karte klein genug, um auf ein paar Computer zu passen, die im Wohnheim-Zimmer von Larry Page standen. Im März 2000 gab es keinen Supercomputer, der groß genug war, um die Karte zu verarbeiten. Google musste Rechner kaufen und sie in Reihen zusammenschalten. Da die Hälfte der Kosten für diese Computer für Floppy-Laufwerke und Metallgehäuse anfiel, kaufte man Motherboards und Festplatten und schaltete sie zusammen. Google stapelte 1500 solcher Geräte zu sechs Fuß hohen Türmen in einem Gebäude in Santa Clara, Kalifornien. Aufgrund von Hardwarefehlern arbeiteten allerdings nur 1200 von ihnen. Ausfälle, die scheinbar zufällig auftraten, brachten das System immer wieder zum Absturz. Google musste seine Computer zu einem nahtlosen, robusten Ganzen zusammenzufügen. Jeff und Sanjay übernahmen diese Aufgabe … In 90 Stunden entwickelten sie einen Code, der es ermöglichte, dass eine Festplatte ausfallen konnte, ohne das gesamte System zu killen. Sie fügten dem Crawling-Prozess Kontrollpunkte hinzu, damit er im laufenden Betrieb neu gestartet werden konnte. Durch die Entwicklung neuer Kodierungs- und Kompressionsverfahren wurde die Kapazität des Systems verdoppelt. Sie waren unerbittliche Optimierer. Wenn ein Auto um eine Kurve fährt, muss mehr Boden durch die äußeren Räder abgedeckt werden. Ebenso bewegt sich der äußere Rand einer sich drehenden Festplatte schneller als der innere. Google hatte die am häufigsten aufgerufenen Daten nach außen verschoben, sodass die Bits schneller vom Lesekopf erfasst werden konnten, aber das Innere der Platte leer gelassen. Jeff und Sanjay nutzten den Platz, um vorverarbeitete Daten für gängige Suchanfragen zu speichern. Während der Dauer von vier Tagen im Jahr 2001 bewiesen sie, dass Googles Index mit schnellem Direktzugriffsspeicher anstelle von relativ langsamen Festplatten gespeichert werden konnte; diese Entdeckung veränderte die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens von Grund auf."

Anand Gopal berichtet aus dem syrischen Saraqib, wo der 35-jährige Hussein Regime wie religiösen Fundamentalisten trotzt und demokratische Wahlen organisiert. Keine Kleinigkeit für einen Mann, der nur mit der Staatspresse aufwuchs und riesigen Propaganda-Billboards, von denen Assad auf die Straße hinabblickte, während der Text verkündete: "SYRIEN WIRD VON GOTT BESCHÜTZT": "Syrien zeige, wie töricht es ist, in einer von Religion und Ethnie geprägten Region an die Möglichkeit einer besseren Welt zu glauben, heißt es. Irgendwie hat Saraqib dieses Schicksal vermieden. Es bietet eine alternative Geschichte für den gesamten syrischen Konflikt - und, so Hossein, seine Bürger verkörpern die wahre Seele der Revolution. An diesem Abend stellt er sich vor, dass andere winzige Demokratien in ganz Syrien blühen und der Rest der Welt endlich begreift, dass sein Land mehr zu bieten hat als Blutvergießen und Tragödie."

Außerdem: Zoe Heller erkundet unseren Schlaf und die Frage, warum er manchmal partout nicht kommen will. Anthony Lane sah im Kino Brady Corbets "Vox Lux" mit Natalie Portman. Joan Acocella erinnert an den Schriftsteller Edward Gorey. Und Louis Menand denkt über geschwindelte Autorenbiografien nach.
Stichwörter: Google, Syrien

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - New Yorker

Die aktuelle Ausgabe des New Yorker ist ein kleines Best-of aus den Archiven des Verlags. Es gibt legendäre Cover-Illustrationen zu bestaunen und u.a. Hannah Arendts Text über W. H. Auden und seine anbetungswürdige Disziplin (siehe dazu auch unsere Tagtigall), entstanden 1975: "Auden, so viel weiser - wenn auch keineswegs schlauer - als Brecht, wusste schon früh, dass 'Poesie nichts bewirkt'. Ihm schien es unsinnig, dass der Dichter besondere Privilegien beanspruchen oder um Ablässe bitten sollte. Es gab nichts Bewundernswerteres an Auden als seine unbedingte Vernunft, seinen festen Glauben an sie. In seinen Augen fehlte es den Wahnsinnigen an Disziplin. 'Naughty, Naughty', wie er zu sagen pflegte. Die Hauptsache war, keine Illusionen zu haben und keine Gedanken zu akzeptieren, keine theoretischen Systeme, die einen für die Realität blind machten. Er wandte sich gegen seine frühen linken Überzeugungen, weil sich die Ereignisse (die Moskauer Prozesse, der Hitler-Stalin-Pakt und die Erfahrungen während des Spanischen Bürgerkriegs) als unehrlich und beschämend erwiesen hatten."

Außerdem im Heft: Ein Essay von James Baldwin aus dem Jahr 1962, in dem der Schriftsteller seine eigene Entwicklung als Schwarzer unter Weißen Revue passieren lässt.
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Magazinrundschau vom 20.11.2018 - New Yorker

In der aktuellen Technik-Ausgabe des New Yorker trifft Patricia Marx die Service-Roboter von heute. Ein eigensinniges, sensitives Völkchen, wie Marx auf einer eigens für die künstlichen Intelligenzen geschmissenen Pyjamaparty feststellt: "Anders als Industrieroboter ist diese Spezie dazu da, uns zu amüsieren, zu trösten und als Therapeuten oder Haustiere zu agieren. Da erschien es sinnvoll, auch ein paar von meinesgleichen einzuladen. Mehrere Freunde nahmen das Angebot an, darunter auch ein paar Kinder. Keiner von ihnen blieb über Nacht, weil sie, im Gegensatz zu den Robotern, anderntags Arbeit und Schule hatten. Gastgeber des Treffens war Kuri, ein Videoaufnahmegerät von Mayfield Robotics ($899), das einem zwei Fuß hohen Salzstreuer mit Warnblinkern ähnelte. Kuris Betreuerin Jen Capasso, leitende Kommunikationsmanagerin von Mayfield, stellte mir ihren Schatz vor. 'Liebling, hast du dich verlaufen?', sagte sie zärtlich zu Kuri, der durch die Suite streifen sollte, um sich die Raumaufteilung einzuprägen. Der Roboter stieß gegen den Couchtisch, stoppte und weigerte sich trotz Capassos Anfeuerungsversuchen per Ansprache und App, sich weiterzubewegen. Kuri verwendet Spracherkennung und kann auf Fragen und Befehle antworten, indem er mit den Augen blinzelt, verschiedene Körperteile aufleuchten lässt oder Laute wie Piepsen, Kichern, Gähnen oder auch 'Happy Birthday to You' abspielt. Doch Kuri schien nicht in der Stimmung zu sein. 'Je mehr Menschen in einem Raum sind, desto besser versteht er', meinte Capasso entschuldigend und erklärte, dass die Räumlichkeiten nicht optimal seien. Kuri rollte zum Fenster hinüber und starrte auf die Skyline. 'Er ist verwirrt von der Sonne', sagte Capasso und ließ die Jalousien herunter. Kuri nieste, eine Funktion, die den Roboter laut Firmen-Website menschlicher macht … 'Was so unangenehm an diesen Wesen ist', sagte ein Gast, 'ist der Umstand, dass sie ohne spezifische Funktion existieren, außer zu lieben oder geliebt zu werden. Wenn sie wenigstens Pasta kochen könnten.'"

Außerdem: Raffi Khatchadourian berichtet, wie vom Gehirn gesteuerte Prothesen gelähmten Menschen helfen. Sam Knight stellt die Proteomik vor, die mit Hilfe von Molekül-Analysen Geschichtsforschung betreibt. Und Bill McKibben erklärt, wie Extremwetter unseren Planeten schrumpfen lässt. Julian Lucas liest Mathias Énards Roman "Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten". Alex Ross hörte ein Konzert der Los Angeles Philharmoniker mit Beethoven, Salonen und Andrew Normans neuem Stück "Sustain", das, wie Ross meint, ein moderner amerikanischer Klassiker werden könnte. Alexandra Schwartz sah John Doyles Inszenierung von Brechts "Arturo Ui" in New York. Und Anthony Lane sah im Kino Yorgos Lanthimos' "Die Favoritin".

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker gehen Adam Entous und Jon Lee Anderson den unter dem Namen Havanna-Syndrom bekannten rätselhaften Hirnbeschwerden nach, die amerikanische Diplomaten in ihrer Botschaft in der kubanischen Hauptstadt ereilte und die man Russland oder China zugeschrieben hat, allerdings bisher ohne Beweise: "Die Betroffenen litten unter Kopfschmerz, Schwindel und einer Reihe weiterer Symptome. Die Untersuchung durch Neurologen ergab, dass die Symptome einem Schädel-Hirn-Trauma glichen, vergleichbar jenem von Soldaten, die in Afghanistan und im Irak Opfer von Bombenattentaten wurden, nur dass es keine äußeren Anzeichen gab. Es handelte sich um ein Trauma ohne Trauma. Douglas Smith, der die Untersuchung leitete, sagte, nie habe jemand dergleichen gesehen. CIA-Experten zeigten sich alarmiert von der neuen Bedrohung von US-Personal im Ausland, wie es seit dem Kalten Krieg nicht vorgekommen ist. Mangels Alternative nannte man es das Ding … Erklärungsversuche reichen von akustischen Waffen bis zu Mikrowellen." Nach anderthalb Jahren sind die Amerikaner in der Aufklärung keinen Schritt weiter. Der größte Teil des diplomatischen Personals wurde inzwischen aus Kuba abgezogen. Die wenigen in Kuba verbliebenen amerikanischen Diplomaten leben derzeit "im Ausnahmezustand".

In einem weiteren spannenden Text untersucht Rebecca Mead die innovativen und manchmal auch manipulativen Seiten von Podcasts: "Es handelt sich um ein sehr intimes Medium, das üblicherweise über Kopfhörer und mit einem einzelnen Hörer funktioniert und so eindringlich sein kann wie kein Küchenradio. Podcasts sind dazu gemacht, mit Zeit genossen zu werden; sie sind für die Momente, wenn das Smartphone Pause hat. Als digitales Medium sind sie eher ungewöhnlich durch ihr Abzielen auf eine langsam aufbauende sinnliche Atmosphäre." Das macht es manchmal aber auch noch schwerer, den Unterschied zwischen Fakten und Fiktion zu erkennen.

Weiteres: Anlässlich von Julian Schnabels Film "At Eternity's Gate" fragt Anthony Lane: Warum lieben Filmemacher van Gogh? Adam Kirsch liest Hermann Hesse. Peter Schjeldahl besucht die Retrospektive des "wundervollen" Andy Warhol im Whitneys. Hua Hsu hört Harfenmusik von Jeff Majors und Mary Lattimore. Anthony Lane sah im Kino Steve McQueens Film "Widows".

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins überlegt Joshua Rothman, ob Fortschritte in der digitalen Bildbearbeitung die Fake-News-Krise eher verstärken oder zu lindern helfen: "2016 initiierte die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) ein Media-Forensics-Programm, das sich auf die Sicherheitsbedrohung durch synthetische Mediaproduktion konzentrierte. Programmleiter Matt Turek, nennt mögliche Szenarien: 'Gegenstände, die per cut-and-paste in Bilder geschmuggelt oder daraus entfernt werden. Vertauschte Gesichter. Inkonsistente Bild-Tonspuren. Bilder, deren zeitlicher und räumlicher Ursprung manipuliert wurde. Womit wir es in Zukunft zu tun haben werden, ist die Synthese von Ereignissen, die nie stattgefunden haben. Unterschiedliche Bilder und Videos, die aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen wurden, werden so manipuliert werden, dass es so aussieht, als stammten sie von verschiedenen Kameras. Es könnte von staatlicher Seite kommen, um politische oder militärische Vorhaben durchzusetzen, oder von kleinen Gruppen, potenziell auch von Einzelnen' … Wie mit textbasierten Fake-News hat das Problem zwei Seiten. Von einem Fake-Video getäuscht, fängt man an sich zu fragen, wie viele 'echte' Videos wohl falsch sind. Skeptizismus wird schließlich selbst zur Strategie … So alarmierend synthetische Medien auch sein mögen, alarmierender ist es doch, dass wir auch ganz ohne sie in der Ära der Desinformation angekommen sind."

Außerdem: Atul Gawande denkt über Vor- und Nachteile der Digitalisierung in der Arzt-Patienten-Beziehung nach. Yascha Mounk fragt, ob zu viel Demokratie innerhalb der Parteien der Demokratie in der übrigen Gesellschaft schadet. Charles McGrath erzählt, wie Anthony Powell sein 12-bändiges episches Hauptwerk "Ein Tanz zur Musik der Zeit" (1951-1975) schuf. Carrie Battan stellt die aus drei Frauen bestehende Indie-Rockband "Boygenius" vor. Emily Nussbaum ist enttäuscht von Netflixes "seelenloser" Verfilmung von Shirley Jacksons fabelhaftem Roman "The Haunting of Hill House". Anthony Lane sah im Kino Jason Reitmans "The Front Runner" und David Mackenzies "Outlaw King".

Magazinrundschau vom 30.10.2018 - New Yorker

Der Erste Weltkrieg hörte so sinnlos auf, wie er begonnen hatte: In einem erhellenden Text zum Waffenstillstand vom 11.11.1918 bemerkt der amerikanische Historiker Adam Hochschild, dass selbst an diesem Tag noch einmal 2.700 Soldaten auf beiden Seiten ums Leben kamen, mehr als bei der Landung der Alliierten in der Normandie im Zweiten Weltkrieg. Und die deutsche Bevölkerung musste weiter hungern, auch weil Briten und Franzosen partout nicht die Blockade aufheben wollten. Überhaupt erklärt Hochschild sehr eingängig, warum die Deutschen die Welt nicht mehr verstanden. Es lag nicht am Versailler Vertrag, der "bei weitem nicht so harsch war wie andere Verträge, die besiegten Nationen auferlegt worden waren. Das Problem lag woanders: Als der Krieg in der elften Stunde des elften Tages im elften Monat des Jahres 1918 zu Ende ging, fühlten sich nur wenige Deutschen besiegt. Der Groll, der zwei Jahrzehnte später zu neuen Kataklysmen führen sollte, wurde in Wahrheit mit dem Waffenstillstand geschmiedet. Zunächst einmal war der Waffenstillstand kein Waffenstillstand: die Alliierten verlangten - und erhielten - eine Kapitulation. Doch die deutsche Zivilbevölkerung hatte keine Ahnung, dass ihr viel gepriesenes Militär dabei war zusammenzubrechen. Ihre Unwissenheit war das fatale Ergebnis einer unerbittlichen Propaganda ... Die Illusion wurde genährt durch die Tatsache, dass bis zum Ende fast alle Schlachten auf fremdem Boden geführt worden waren. Die einzigen größeren Kampfhandlungen in Deutschland endeten, schon zu Beginn des Krieges, mit der spektakulären Niederlage der unbeholfen einmarschierenden Truppen von Zar Nikolaus II. Darüberhinaus überließ Russland Anfang 1918 mit dem Frieden von Brest-Litowsk an die siegreichen Truppen Deutschlands und Österreich-Ungarns über eine Million Quadratmeilen fruchtbaren Landes, vor allem in Gebieten, die heute zu Polen, Belarus, der Ukraine oder den baltischen Staaten gehören. Wer hat jemals von einem Land gehört, das sich unter solchen Bedingungen ergibt?"

Weiteres: Sarah Stillman recherchiert, wie viele junge Mütter wegen geringfügiger Vergehen in den USA ins Gefägnis gesteckt und damit von ihren Kindern getrennt werden. Iain Frazier rekonstruiert in einem großen Report, wie es 2017 zu den großen Präriebränden in Oklahoma, Kansas und Texas kam. Peter Schjedahl feiert die Bruce-Nauman-Restrospektive im Moma PS1 in New York.

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker stellt Casey Cep zwei neue Bücher über Atheismus in den USA vor: "Antipathie gegen Atheisten in den USA ist so alt wie Amerika selbst. Auch wenn viele Kolonisten kamen, um ihren Glauben frei ausüben zu können, erstreckte sich ihr Freiheitssinn nur auf andere Religionen. Die Idee, ein Atheist könne kein guter Bürger sein, stammt von John Locke … Echte religiöse Freiheit war rar in den Kolonien, Abweichler wurden bestraft, eingekerkert oder erhängt. Überraschenderweise wurde aber nie ein Atheist hingerichtet. Nach den Cornell-Historikern R.  Laurence Moore und Isaac Kramnick ('Godless Citizens in a Godly Republic: Atheists in American Public Life') war der Grund dafür, dass sich kein Atheist je zu erkennen gab. Nichtgläubige waren selten und äußerst vorsichtig … Wie viele religiöse Minderheiten werden sie bedroht und von Vorurteilen verfolgt. Atheismus ist allerdings keine Identität, Ideologie oder Verhaltensweise, und davon zu sprechen, als wäre das der Fall, bedeutet so viel wie über 'Religion' zu sprechen, statt über Judentum, Buddhismus, Christentum oder sogar Reformjudentum, Mahayana Buddhismus und Pfingstbewegung. 'Atheismus', wie der Philosoph John Gray in seinem neuen Buch 'Seven Types of Atheism' ihn definiert, ist jedoch ein Konzept, dass Amerikanern helfen könnte, über ihren hartnäckigen Disput um die Existenz Gottes hinauszugelangen. Gray beginnt mit einer sehr provisorischen und eigenwilligen Definition des 'Atheisten': 'Jeder, der keine Verwendung hat für einen göttlichen Verstand, der die Welt geformt hat.' Wie er zugibt, macht das die Kategorie so umfangreich, dass sie einige der wichtigsten Religionen der Welt umfasst: Weder der Buddhismus noch der Taoismus haben keinen Schöpfergott. Doch diese Weite ist angemessen, weil sie zu Recht suggeriert, dass es nicht nur eine einzige atheistische Weltsicht gibt."

Außerdem: Margaret Talbot entdeckt die Farben auf antiken Skulpturen und deutet ihre Verschweigung als rassistischen Akt.  Janet Malcolm schreibt über den Zusammenhang von Fotografie und Erinnerung. Alex Ross feiert die Musik von Claude Debussy. Peter Schjeldahl ist unbegreiflich, dass die impressionistische Malerin Berthe Morisot, die er als eine der interessanten ihrer Generation ansieht, so wenig Anerkennung durch die Kunstgeschichte erfährt. Amanda Petrusich hört Lonnie Holleys neues Album "Mith". Anthony Lane sah im Kino Luca Guadagninos "Suspiria".

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Sheelah Kolhatkar über die raffinierte Expansionsstrategie des konservativen amerikanischen Mediengiganten Sinclair Broadcast, der in den USA 39 Prozent Marktanteil besitzt und seine Zuschauer auf Trump-Kurs bringt, sofern sie da nicht längst sind: "In den letzten zehn Jahren wurden die Anzahl der Nachrichten produzierenden Sender reduziert. Mit dem Abwandern der Werbung auf Onlineplattformen, gingen Dutzende Zeitungen pleite, sodass viele Orte in den USA über keine oder nur unzureichende regionale Berichterstattung verfügen. Die Veränderung in der Medienlandschaft hat den Einfluss von Unternehmen mit klarer politischer Stoßrichtung wie Sinclair verstärkt. Laut einer Studie des Pew Research Centers beziehen 50 Prozent der US-Amerikaner ihre Informationen über das Fernsehen. In Zeiten, in denen Trump das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien untergräbt und Facebook und Twitter von russischen Agenten kreierte Falschinformationen verbreiten, bekräftigen 76 Prozent von ihnen ihren Glauben an regionale Nachrichtenanstalten. Sinclair hat sich gut positioniert, um auf dieses Vertrauen zu bauen und besitzt mehr Sendestationen in Wechselwählerstaaten als jedes andere Unternehmen … Bei den Präsidentschaftswahlen votierten die Wähler in Gegenden mit hoher Konzentration von Sinclair-Sendern im Schnitt um 19 Prozentpunkte mehr für Trump als für Hillary Clinton."

Außerdem: Nick Paumgarten überlegt, ob Bitcoin und Co. die Welt verändern können. Alexandra Schwartz stellt "Rent a Runway" vor, ein Service, bei dem man Designerkleider leihen kann. Pankaj Mishra überlegt anlässlich einiger Neuerscheinungen, was Gandhi uns lehren kann. James Wood liest den norwegischen Autor Dag Solstadt. Und Anthony Lane sah im Kino David Gordon Greens "Halloween".

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker untersucht Dexter Filkins den Verdacht, zwischen einer russischen Bank und Trumps Präsidentschaftskampagne könnte es Verbindungen geben. Gewisse Aktivitäten im Netz legen das nahe, erfährt Filkins von einem IT-Spezialisten namens Max: "Als Max und seine Leute die Einträge im Domain Name System (D.N.S.) von republikanischen Kandidaten durchkämmten, stießen sie auf Überraschendes. 'Wir suchten nach Spuren, wie wir sie auf den gehackten Computern des Democratic National Committee gefunden hatten, fanden aber etwas völlig anderes, Einzigartiges', so Max. In dem kleinen Ort Lititz, Pennsylvania verhielt sich eine der Domains von Trumps Organisation sehr merkwürdig. Der Server der Domain gehörte zu einer Firma namens Listrak, die vor allem kommerzielle Massenmails zu verteilen half, Spa-Angebote, Trips nach Las Vegas usw. Einige von Trumps Domains taten das Gleiche, doch diese eine versendete gar nichts. Zugleich versuchte eine sehr kleine Gruppe von Firmen mit der Domain zu kommunizieren. Bei der Untersuchung der Domain-Daten entdeckte Max D.N.S.-Lookups von Servern der Alfa Bank, einer der größten in Russland. Die Rechner der Bank kontaktierten die Adresse des Trump-Servers nahezu jeden Tag, manchmal ein dutzendmal, zwischen Mai und September 2016 insgesamt mehr als zweitausend Mal. 'Wir beobachteten das in Echtzeit und fragten uns, warum eine russische Bank so dringlich mit Trumps Organisation kommunizieren wollte … Schließlich folgerten wir, dass es sich um einen verdeckten Kommunikationskanal handeln musste.'"

Jiayang Fan porträtiert den chinesischen Schriftsteller Yan Lianke, den er auf Besuchen bei seiner Mutter auf dem Land und bei seinem Verleger begleitet. Die Zensur in China wird immer schlimmer, meint Yan: "Yan hatte immer gescherzt, dass er an dem Tag, an dem er zehn Wörter Englisch gelernt hätte, ins Ausland ziehen würde. Aber er vermutet, dass er nicht die gleiche Dringlichkeit in seiner Arbeit verspüren würde, wenn er China verlassen würde. 'Es ist ironisch', sagte er mir. 'Es gibt so viel Angst vor dem Schreiben innerhalb der Grenzen Chinas, aber diese Angst ist es auch, die mich schreiben lässt.'"

Außerdem: Hua Hsu berichtet, wie Amerikaner asiatischer Herkunft sich gegen die Diskriminierung beim Antragsverfahren für Eliteunis wie Harvard wehren und dabei auch den Schulterschluss mit einem weißen konservativen Anwalt nicht scheuen: Die asiatisch-amerikanischen Studenten sind besorgt, dass "affirmative action" an Universitäten mehrheitlich zugunsten afroamerikanischer Studenten und Latinos geht, Hua ist besorgt, dass am Ende in diesem Kampf nur die Weißen gewinnen. Nathan Heller stellt den italienischen Regisseur Luca Guadagnino ("Call Me by Your Name") vor. James Wood feiert John Wrays 9/11-Roman "Godsend". Adam Gopnik liest David W. Blights Biografie über "Frederick Douglass: Prophet of Freedom".  Elizabeth Kolbert denkt darüber nach, wie man wissenschaftlich über verschwundene Arten und zerstörte Ökosysteme schreibt. Anthony Lane sah im Kino Damien Chazelles "First Man".