Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 20.02.2018 - New Yorker

Thomas Meaneys Sloterdijk-Porträt in der aktuellen Ausgabe des New Yorker liest sich angenehm boshaft - nicht nur seinem Protagonisten, sondern auch dessen Opfern gegenüber  - aber nicht unbewundernd: "Sloterdijks Behagen beim Bruch mit Konventionen macht ihn in Deutschland, wo Stabilität, Wohlstand und ein robuster Wohlfahrtsstaat als zentrale Errungenschaften der Nachkriegszeit gelten, zu einer Reizfigur. Viele Deutsche definieren sich durch ihre moralische Aufrichtigkeit, die sich in ihrer Bewältigung der Nazivergangenheit und in jüngster Zeit durch die Entscheidung der Regierung, mehr Flüchtlinge aufzunehmen als jedes andere westliche Land, ausweist. Sloterdijk ist entschlossen, seine Landsleute in ihren frommen Illusionen aufzustören. Er nennt Deutschland eine 'Lethargokratie' und den Wohfahrtsstaat eine 'fiskale Kleptokratie'."

Außerdem: Jenna Krajeski berichtet, wie ein paar amerikanische Immigranten versuchen, die jesidische Minderheit im Irak zu retten. Jeffrey Toobin erklärt, wie Donald Trump den von ihm geführten Miss-Universe-Contest jahrelang für seine Interessen - und für seine Beziehungen zu Russland - nutzte. Ian Parker porträtiert den Architekten Thomas Heatherwick, der eine Art Eiffelturm für New York bauen will. Anthony Lane sah Ryan Cooglers "Black Panther"-Superheldenfilm und Nick Parks "Early Man". Und Alex Ross feiert die Neubelebung französischer Barockmusik durch den Dirigenten Christophe Rousset.
Stichwörter: Peter Sloterdijk

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker erklärt Joshua Rothman, wo Technik an ihre Grenzen stößt: bei Papierstaus in Druckern nämlich. "Techniker, die sich mit Papierstaus befassen, wissen um die Komplexität des Problems. Sie sind auf physikalisches und chemisches Wissen, auf mechanische Ingenieurskunst, Programmierer und Interface-Designer angewiesen - die ultimative Aufgabe … Die Hight-Tech-Welt ist voll loser Enden. Wie Blister-Verpackungen, die nicht aufgehen und an den falschen Stellen haftendes Klebeband suggerieren Papierstaus, dass es ohne Mangel nicht geht, wie sehr wir uns auch bemühen. Es handelt sich um sehr postmoderne Probleme, triviale Konsequenzen einer ansonsten perfekten Technologie, die umso größer werden, je wichtiger die Technologie in unserem Leben wird. Drucker werden immer schneller, klüger, billiger, die Papierstaus bleiben"

Außerdem: Peter Schjeldahl besucht in der Frick Collection die dreizehn lebensgroßen Porträts, in denen Francisco de Zurbarán seine Vision von Jakob und seinen zwölf Söhnen verewigt hat. Jill Lepore unterzieht Mary Shelleys "Frankenstein" einer Relektüre. Hilton Als porträtiert die afroamerikanische Dramatikerin Adrienne Kennedy. Anthony Lane sah im Kino Andrej Swjaginzews "Loveless" und Brian Cranos "Permission". Jia Tolentino verrät, wie die Columbia Universität das Problem sexueller Gewalt auf dem Campus loswerden will. David Grann berichtet von einer Antarktis-Tour auf den Spuren der Shackleton-Expedition von 1909. Adam Gopnik zieht Schlüsse aus dem wundersamen Rückgang der Gewalt in amerikanischen Städten. Und Rachel Kushner liefert eine Kurzgeschichte.

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker geht Kathryn Schulz einem gar nicht seltenen Phänomen nach: Vielversprechende Autoren, die plötzlich von der Bildfläche verschwinden. William Melvin Kelley zum Beispiel, der mit 'A Different Drummer' 1962 den Kampf der Afroamerikaner für ihre Bürgerrechte auf schlagende Weise einfing und mit James Baldwin verglichen wurde: "Schwer zu sagen, was geschah, Ruhm ist trügerisch und basiert auf vielen Faktoren. Vielleicht war es das sich verändernde politische Klima. Als der Schwung der Bürgerrechtsbewegung verebbte, richteten die Verleger ihre Aufmerksamkeit auf anderes. Doch Kelley war nicht so politisch, dass er mit der ideologischen Flut kam und ging. Möglich, dass es daran lag, dass hier ein Schwarzer aus der Perspektive eines Weißen über seinesgleichen schrieb. Eine clevere und wichtige Perspektive. Sie transformierte W.E.B. Du Bois' doppeltes Bewusstsein in ein erzählerisches Mittel, aber sie verkleinerte auch die potenzielle Leserschaft. Weiße Leser waren nicht wild darauf, von einem schwarzen Autor gesagt zu bekommen, was sie dachten, vor allem nicht, da es so vernichtend war. Schwarze Leser mit dem Wunsch nach literarischer Repräsentation waren nicht scharf auf weitere weiße Charaktere. Und weder weiße noch schwarze Leser wollten Kelleys dunkle Vision von Amerika. Schließlich fiel Kelley dem Lauf der Dinge zum Opfer, der ständig Neues hervorbringt und Altes vergisst. Zeit ist ein Pfeil, dem wir alle folgen. Kritiker lieben den Begriff der Zeitlosigkeit, aber die Wahrheit ist, die meisten Autoren, auch die begabtesten, entstammen einer bestimmten Zeit, wenngleich nicht immer ihrer eigenen."

Außerdem: Nick Paumgarten berichtet von den heiklen Dreharbeiten zu einem Knastfilm, in dem Häftlinge sich selbst spielen. Und Calvin Tomkins stellt den Readymade-Künstler Danh Vo vor. Anthony Lane sah im Kino Greg Barkers Obama-Dokumentarfilm "The Final Year" und Sebastián Lelios Transgenderdrama "A Fantastic Woman". James Wood liest Ali Smiths Roman "Winter". Peter Schjeldahl empfiehlt "Americans", eine Ausstellung über die Allgegenwärtigkeit von Indianern in der amerikanischen Kultur, im National Museum of the American Indian in Washington, D.C..

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker berichtet Alex Perry über die Arbeit der italienischen Staatsanwältin Alessandra Cerreti, die die kalabrische Mafia das Fürchten lehrt, indem sie die unterdrückten Frauen der Clans zu Kronzeuginnen macht: "Clan-Frauen haben der Familienehre zu dienen, als Teenager werden sie verheiratet, um Clan-Allianzen zu festigen. Frauen, die nicht gehorchen, werden geschlagen oder getötet, oft von den nächsten männlichen Angehörigen, ihre Körper werden verbrannt oder in Säure aufgelöst, damit die Schande verschwindet. Das tragische Leben der Ndrangheta-Frauen war lange bekannt, Staatsanwälte sahen aber ihren Nutzen nicht … Cerruti und ihr Team waren die Ausnahme. Sie glaubten daran, dass Frauen in einer kriminellen Organisation, die auf der Familie aufbaute, eine wichtige Rolle spielen. Ihre Aufgabe war es, die nächste Generation mit dem Glauben an das Schweigegebot und den Clan heranzuziehen. Ohne sie keine Ndrangheta … Als die Behörden endlich die Größe und die Macht der Ndrangheta erkannten, wurden Frauen zu Informantinnen … Doch der Staat versagte darin, ihre Aussagen auszuwerten, und statt sein eigenes Versagen zuzugeben, bewertete er die Aussagen als wertlos. Frauen wurden aus dem Zeugenschutzprogramm genommen. Sie wurden umgebracht. Cerreti aber blieb überzeugt von der Unzufriedenheit und der Bedeutung der Clan-Frauen."

Außerdem: Nicolas Niarchos fragt, was die USA noch immer im Jemen verloren haben. Adrian Chen berichtet, wie  eine Satiresendung in Nigeria die Demokratie zu stärken versucht. Jill Lepore schickt einen Essay über Urheberrechte, Barbie und Feminismus. Dan Chiasson schreibt über die mit 24 Jahren gestorbene Dichterin Joan Murray. Lesen dürfen wir außerdem John Edgar Widemans Story "Writing Teacher".

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker liest Masha Gessen Michael Wolffs Bestseller "Fire and Fury" und stellt fest, dass auch dieser Erfolg symptomatisch ist für den Realitätsverlust unter Trump: "Das Problem ist, dass Wolffs Ansatz sich zu gut an seinen Gegenstand anschmiegt. Wie Andrew Prokop auf Vox erklärt, bereitet Wolff nur den Gossip auf. Was die Korrespondenten der Times und der Washington Post in mühevoller Reporterarbeit geschafft haben, nämlich jeden absurden Moment der Trump-Regierung anhand von unterschiedlichen Quellen offenzulegen, schafft Wolff, indem er den Umgebungslärm absorbiert, all die selbstbeweihräuchernden Statements und aufgeschnappten Gespräche, und sie zu seiner Story umformt. Dieser Ton, mehr als die Substanz, ist es, der dem Buch den Geschmack des Investigativen verleiht, den Anschein, als fasse endlich jemand in Worte, was längst bekannt ist … Anders als all die Comedians, die am Rand des guten Geschmacks balancieren, vermittelt Wolff den Eindruck, als genieße er es, Trump zu beobachten. Wo die Comedians die Wirklichkeit schärfer stellen, malt Wolff mit breitem Pinsel. Sein Stil ist ohne Humor: 'Ein korrupter Immobilengauner' lautet eine typische Phrase. Dauernd tauchen die Worte 'wahrscheinlich' und 'unwahrscheinlich' auf. Seine Logik ist läppisch. Zum Beispiel erörtert er die Frage, wieso noch nie zuvor ein Immobilienmakler Präsident geworden ist. Wolffs Antwort: Weil Immobilien oft mit fragwürdigen Geldgeschäften zu tun haben. Dass Geschäftemachereien nicht das politische, rechtliche, moralische und intellektuelle Profil schärfen, das der Beruf des Politikers erfordert, schreibt er nicht."

Außerdem: Sarah Stillman überlegt, was mit politischen Flüchtlingen passiert, wenn die US-Regierung sie in ihre Heimat zurückschickt. Elizabeth Kolbert denkt über die psychologischen Folgen von Armut nach. Vinson Cunningham porträtiert den Künstler Sanford Biggers. Jiayang Fan überprüft die Übersetzung der gefeierten Romane Hang Kangs. Anthony Lane sah im Kino Ziad Doueiris Filmdrama "The Insult" and Paul Kings Animationsfilm "Paddington 2". Und David Gates schickt seine Short Story "Texas".

Magazinrundschau vom 02.01.2018 - New Yorker

Für die erste Ausgabe des New Yorker im neuen Jahr reist Evan Osnos nach China, um zu ermessen, inwieweit Xi Jinping Amerikas Rückzug aus der Weltpolitik für sich nutzbar machen könnte: "In den vergangenen Jahren hat China seine Macht ausgeweitet wie keine andere Nation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Investitionen sind vergleichbar denjenigen, mit denen die USA ihre Autorität im letzten Jahrhundert festigen konnte: Auslandshilfe, Sicherheits- und Interessenpolitik in Übersee und neue Technologien wie Künstliche Intelligenz. China wurde einer der maßgeblichen Geldgeber für die UN und seine Friedenstruppen, und es beteiligt sich an der Diskussion globaler Probleme wie Terrorismus, Piraterie und Verbreitung von Kernwaffen. Außerdem beteiligt sich China an dem bisher teuersten Auslands-Infrastruktur-Plan, baut Brücken, Eisenbahnstrecken und Häfen in Asien, Afrika und anderswo. Wenn die Kosten dafür eine Billion Dollar erreichen wie angenommen, wird der finanzielle Rahmen den des Marshall-Plans um das Siebenfache übersteigen. China nutzt auch ganz unmittelbar die Möglichkeiten, die ihnen Trumps Politik bietet. Kurz vor dem Rückzug der USA aus der Transatlantischen Partnerschaft, sprach Xi Jinping auf dem World Economic Forum in Davos, bekräftigte seine Unterstützung des Klimaabkommens und erklärte den Protektionismus für aussichtslos. Nach Jahrzehnten des Protektionismus ein Auftritt mit Symbolcharakter. China ist in Verhandlung mit 16 Staaten aus der 'Regional Comprehensive Economic Partnership', einer riesigen Freihandelszone, ohne die USA. Andere Teile von Chinas neuer Größe sind nicht ohne weiteres sichtbar. So besuchten chinesische Delegierte nahezu jede Sitzung des WTO-Treffens in Marrakesch vergangenen Oktober. Der Vertreter der Trump-Regierung dagegen reiste gleich nach seiner Rede wieder ab."

Dana Goodyear überlegt, ob es Hollywood nach den jüngsten Skandalen gelingen wird, sich neu auszurichten. Die Ausgrenzungspraktiken gegenüber Frauen, die sie beschreibt, lassen das kaum vermuten. Und doch - es hat sich was verändert: "'Die ganze Stadt spricht nur darüber', sagte mir eine altgediente Fernsehautorin. 'Bei jedem Meeting, jedem Mittagessen, wo man auch hingeht. Ich war auf einer Geburtstagsparty im schicken Haus eines angesagten Serienautors, und ging in die Küche, wo sechs weiße Kerle - Drehbuchautoren, Schauspieler, Agenten - in einem Kreis standen und einen Saulus-Moment hatten, wie in: Ich blickte in meine Seele und fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht hatte?' ... Niemand weiß mehr, wie er sich verhalten soll. Die Regeln haben sich verändert."

Außerdem: Siddhartha Mukherjee berichtet über den körperlichen Verfall seines Vaters. Anthony Lane sah Paul Thomas Andersons Film "Phantom Thread" mit Daniel Day Lewis in seiner angeblich letzten Rolle. Louis Menand liest Bücher zu den amerikanischen Wahlkämpfen 1968. Und Carrie Battan hört traurigen Rap von Lil Xan und anderen.

Magazinrundschau vom 12.12.2017 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker besucht Nathan Heller die digitale Republik Estland, die gerade allen zeigt, wie die Zukunft aussieht, grenzenlos, virtuell und sicher: "Die Offenheit ist erstaunlich. Die Geschäfte und Eigentumsverhältnisse der Reichen und Mächtigen offenzulegen, in den USA ein hart umkämpftes Feld, braucht nur einen Klick. Jede geschäftliche Verbindung, jede aktenkundige Investition ist in Estland öffentlich und über das Netz durchsuchbar. Keine Pkw-Kontrollen mehr, denn die Polizei erhält alle nötigen Daten mittels eines Scans des Nummernschildes. Bürger können online wählen gehen. Und Immigration ist auch kein Thema mehr. Um Bürger Estonias zu sein, braucht man nicht einmal einzureisen … Die Idee dahinter: Die Bevölkerungszahl und damit die Wirtschaftskraft steigern, einfach indem man die Definition dessen ändert, was Bevölkerung meint … Das Programm dazu heißt 'E-Wohnsitz'. Es erlaubt Bürgern eines anderen Landes, ein Bewohner Estlands zu sein, ohne jemals dort gewesen zu sein. Ein E-Bürger kann sämtliche digitalen Angebote des Landes von außerhalb nutzen, Bankgeschäfte tätigen etwa."

Außerdem: D. T. Max porträtiert den Wall Street Milliardär Jim Simmons und sein Flatiron Institute mit dem Simons Center for Data Analysis. Kelefa Sanneh berichtet über Atlantas Rap-Szene. Jiayang Fan staunt über Chinas Obsession mit Selfies. Ariel Levy begleitet Roald Dahls Tochter Ophelia und deren non-profit Organisation für Gesundheitsvorsorge in Entwicklungsländern. Robyn Creswell liest Adonis. Und Anthony Lane bespricht Steven Spielbergs Film über die "Washington Post".
Stichwörter: Estland, Rap

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker fragt sich Jon Lee Anderson, ob Venezuelas Präsident Maduro die Krise seines Landes überstehen kann: "Chávez war in der Lage, den Einfluss der USA zu relativieren, indem er seine linken Freunde in Lateinamerika zusammentrommelte. Aber Venezuelas Macht in der Region wird geringer, und Maduro hat die Geschenke an befreundete Staaten zusammengestrichen. Kuba, das einst 100.000 Barrel subventioniertes Öl am Tag bekam, erhält kaum noch die Häfte davon; Jamaika erhält von einst 24.000 noch 1.300. Venezuelas Nachbarn sind immer mehr gewillt Maduro zu kritisieren. Doch US-Offizielle in der Region sehen kaum Chancen, einen Wechsel herbeizuführen. Die Unfähigkeit der Opposition und der Wille Russlands und eventuell auch der Chinesen, Venezuela liquide zu halten, lassen offenbar nicht viel Möglichkeiten. Öl-Sanktionen bleiben eine Option, doch besteht die Gefahr eines kompletten Kollaps' der venezolanischen Wirtschaft, außerdem würden sie die USA affizieren. Eine Menge Leute in den roten Staaten, wo die Raffiniereien stehen, würden ihren Job verlieren, heißt es von offizieller Seite weiter. Trump würde Maduro nur zu gern hinauskicken, aber er vermeidet lieber die Auseinandersetzung mit dem Süden."

Außerdem: Jeffrey Toobin berichtet über die saubere Arbeit von Trumps Anwälten in Sachen Russland. Tobi Haslett spürt in Susan Sontags fiktionalen Texten die blanke Verunsicherung. Calvin Tomkins erkundet die fantastischen Geschichten in den Bildern von Peter Doig. Anthony Lane sah im Kino Guillermo del Toros Film "The Shape of Water". Alex Ross hörte John Adams' neue Oper "Girls of the Golden West". Und Peter Schjeldahl besuchte die Retrospektive des Fotografen Stephen Shore im Museum of Modern Art.

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker geht Thomas Chatterton Williams den Ursprüngen der "You Will Not Replace Us"-Rufe weißer amerikanischer Nationalisten nach und meint, sie bei Frankreichs rechten Vordenkern wie Alain de Benoist, Guillaume Faye oder Renaud Camus zu finden: "Faye und Renaud Camus empören sich gegen das Diktat moderner Staatskunst, die Nationalität lieber in rechtlichen denn in ethnischen Begriffen definiert. Der liberale US-Autor Sasha Polakow-Suransky zitiert in seinem Buch 'Go Back to Where You Came From: The Backlash Against Immigration and the Fate of Western Democracy' Renaud Camus' Lamento, eine verschleierte Frau, die Französisch nur unzureichend beherrsche und die französische Kultur ignoriere, könne sich ebenso als Französin bezeichnen wie jeder Einheimische, der Montaignes syntaktische Raffinessen, Burgunder und Proust verehre und der seit Generationen in ein und demselben Tal lebe. Was Renaud Camus abstößt, so Polakow-Suransky, ist der Umstand, dass die Frau, sofern sie die französische Staatsbürgerschaft hat, rein rechtlich vollkommen korrekt handelt.  Fayes Arbeiten erklären den Riss in vielen westlichen Demokratien zwischen der regulären Rechten, die die Einwanderung gerne limitiert sähe, aber Muslime dulden, und der alternativen Rechten, die die Einwanderung von Muslimen als Bedrohung sehen. In diesem Licht ist die wachsende Popularität Putins bei westlichen Konservativen leichter zu verstehen. Denker wie Faye verehren Putin als Symbolfigur stolzer heterosexueller, weißer Männlichkeit. Sie fantasieren, das russische Militär würde helfen, eine 'eurosibirische' Föderation weißer Ethno-Staaten zu erschaffen … Derartiges rechtes Gedankengut ist jetzt in Amerika angekommen."

Außerdem: John Seabrook besucht die Ortiz Brothers, Puerto Ricos neue Jockey-Stars. Ben Taub berichtet vom Tschadsee, einer Katastrophenregion in Zentralafrika. Hua Hsu bespricht das aktuelle Björk-Album. Adam Gopnik liest eine neue Biografie über den Künstler Alexander Calder. Und Anthony Lane sah Luca Guadagninos Film "Call Me by Your Name".

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker hinterfragt Peter Schjeldahl den Hype um westliche Kunst am Beispiel von Leonardos "Salvator Mundi" und versucht, dessen Geheimnis zu ergründen: "Ein Grund ist die Vorliebe asiatischer Käufer. Mit Blick auf China spielte [das Auktionshaus] Christie's das christliche Thema des Bildes herunter, indem es ihm den Titel 'männliche Mona Lisa' gab: Vergiss Religion, das hier ist der Superstar der Renaissance! Ein grundsätzlicherer Aspekt des Hypes liegt in der weltweiten Vernarrtheit in die Technik als Quell neuen Reichtums. Leonardo war ein exzentrischer Künstler und ein Bastler ohne Gleichen. Das Geheimnis seiner Bilder gründet in seinen Experimenten mit Chiaoscuro-Glasur. Die Unerforschlichkeit der Mona Lisa übergeht schlicht die Frage, ob es da eigentlich jemals etwas zu erforschen gab. Es handelt sich um ein Kunststück, ein sublimes. Leonardos Hauptqualität des Affekts, kühl kalkuliert, macht ihn zum Freak der Freaks aller Zeiten. Ihn umgibt die Aura des ewigen zwölfjährigen Wunderkinds, geschlagen mit Krieg, Katastrophen und fantastischer Erfindungsgabe. Sein rasender Verstand entwarf dauernd großartige Projekte, die sein unreifer Wille wieder fallen ließ. Er hörte nie auf zu denken, und zwar brillant. An welcher Stelle in Leonardos Werk 'Salvator Mundi' rangiert, muss der Betrachter selbst entscheiden. Für mich bleibt es unklar. Was war Jesus für einer? Einer für alle, glauben die Gläubigen. Einem mehrdeutigen Charakter einen mehrdeutigen Ausdruck zu verleihen, scheint mir nicht so innovativ. Es ist der gleiche Trick wie bei der Mona Lisa: Man verleihe dem Mund und den Augen einen unterschiedlichen Ausdruck. Schaut man auf einen, verändert sich der Seitenblick auf den anderen und umgekehrt. Man versucht, die Eindrücke zu vereinen. Die daraus resultierende Frustration mündet in Ehrfurcht."

Außerdem: Carrie Battan hört Taylor Swifts neues Album "Reputation" und James Wood liest Jon McGregors jüngsten Roman "Reservoir 13".
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