Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 19.06.2018 - New Yorker

In der neuen Ausgabe des New Yorker ruft John Lee Anderson die Revolution in Mexiko aus, wo mit Andrés Manuel López Obrador ein neuer eigenwilliger Linkspolitiker gute Chancen auf einen Wahlsieg am 1. Juli hat. Seine Popularität verdankt er vor allem Donald Trump: "Offizielle Stimmen aus dem Regierungslager warnten ihre Kollegen in Washington, dass Trumps offensives Verhalten eine neue, feindselige Regierung in Mexiko ermöglichen könnte, ein Sicherheitsproblem gleich nebenan … In seinen Kampagnen spricht López Obrador allerdings oft vom mexicanismo, sein Äquivalent zu America first. Beobachter sagen, im Wettkampf der beiden Länder tendiert López Obrador dazu, nach innen zu schauen. Mexikos Militärs und Justizbehörden mussten in der Vergangenheit oft dazu überredet werden, mit den USA zusammenzuarbeiten, und López Obrador wird da wohl eher weniger Druck machen. Die USA haben die Regierungspartei dazu bewegt, Mexikos südliche Grenzen gegen Migranten aus Zentralamerika dichtzumachen. López Obrador hat angekündigt, die Einwanderungsbehörde nach Tijuana zu verlegen. 'Die USA wollen, dass wir die Drecksarbeit für sie machen', meint er. Trump möchte aus NAFTA aussteigen, López Obrador setzt auf Selbstversorgung und wird das befürworten. In seiner Kampagne heißt es, er möchte Mexikos Potenzial entwickeln, sodass 'keine Drohung, keine Mauer und keine Tyrannei eines fremden Staates die Mexikaner davon abhalten kann, in ihrem eigenen Land glücklich zu sein'."

Außerdem: Ed Caesar weint der britischen PR-Agentur Bell Pottinger keine Träne nach, die vor allem für Oligarchen und Diktatoren von Assad bis Lukaschenko arbeitete. Zum Verhängnis wurde ihr, dass sie im Auftrag des indischen Gupta-Konzern in Südafrika die gesellschaftlichen Konflikte anheizte: "Die Kampagne, dachte Tony Gupta, würde nicht nur dem Land nützen, sondern auch dem Unternehmen seiner Familie, wenn die Brüder nicht mehr als Oligarchen erschienen, sondern als Außenseiter, die der weißen Vorherrschaft entgegenträten." Amanda Petrusich besucht das jetzt der Öffentlichkeit zugängliche Anwesen des Musikers Prince. Und David Denby sieht Leonard Bernstein mit den Augen seiner Tochter - in der Buchkritik.

Magazinrundschau vom 12.06.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker fragt Louis Menand anlässlich neuer EU-Datenschutzegeln, warum wir eigentlich über "Privatsphäre" sprechen, wenn es um den gebrauch persönlicher Daten geht: "Vielleicht handelt es sich um den falschen Begriff. 'Privatsphäre' ist ein komisches Wort für das durch kommerzielle Ausbeutung und staatliche Überwachung bedrohte Gut. Es suggeriert, dass das, worum es geht, niemanden etwas angeht, und das ist nicht wirklich, worum es sich bei den EU-Regelungen dreht. Das wahre Anliegen ist die Freiheit. Die Freiheit, über seinen Körper zu entscheiden, wer unsere persönlichen Daten sieht, unsere Bewegungen und Anrufe - einfach wer unser Leben überwacht und zu welchem Zweck. Die Gefahr des Datensammelns durch Online-Firmen besteht nicht darin, dass sie es benutzen, um uns etwas zu verkaufen, sondern darin, dass die Daten so leicht in die Hände von Leuten gelangen können, die weniger harmlos agieren, eine Regierung etwa … Es könnte sein, dass wir alle unsere Anfälligkeit für Verfolgung unterschätzen. Vielleicht sprechen wir ja nur über Bodenbeläge (wie jenes Paar in Oregon, dessen privates Gespräch Amazons Echo aufzeichnete und willkürlich versendete). Aber Behörden, die auf die Gnade des Präsidenten oder ein desinteressiertes Justizministerium hoffen, könnten sich ermutigt fühlen und ihre Hemmungen verlieren, wenn es um anderer Leute Privatangeleiten geht, sobald diese Leute einer Gruppe angehören, die die Regierung als unpatriotisch oder unerwünscht gebrandmarkt hat. Derzeit haben wir eine Regierung, die genau das macht."

Außerdem: George Packer porträtiert Obamas Redenschreiber Ben Rhodes. D. T. Max schaut "Skam" eine neue Teen-TV-Serie, die auf Facebook-Posts basiert. Und Rebecca Mead berichtet von den Färöer Inseln, wo es ungeahnte Gaumenfreuden zu entdecken gibt.

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker stellt Alice Gregory die französische Filmemacherin Claire Denis und ihre neue Arbeit "High Life" vor, ein Science-Fiction-Film mit Robert Pattinson und Juliette Binoche in den Hauptrollen und Denis' erster Film in englischer Sprache: "'High Life' ist viel teurer als alles, was Denis vorher gemacht hat, und sieht erst mal auch sehr anders aus, obgleich Denis seit rund 15 Jahren damit befasst ist und die Geschichte des letzten Menschen auf Erden erzählen wollte. Im Film sterben die Mitglieder einer Gruppe von Kriminellen auf der Suche nach alternativen Energien im All einer nach dem anderen. Übrig bleiben ein Gauner und seine Tochter, die auf der Mission im Raumschiff zur Welt kam (das Schiff wurde von Olafur Eliasson designed). Denis fokussiert sich auf die (Familien-)Beziehung der beiden … Gedreht wurde hauptsächlich in einem Kölner Studio, eine schwierige Erfahrung, wie man hört. Denis ist das Drehen im Studio nicht gewohnt, änderte Szenen kurzfristig per SMS, das Ganze war eine Art unbeabsichtigtes Method Acting."

Außerdem: Jeffrey Toobin überlegt, ob die Impeachment-Forderungen gegen Trump zum Bürgerkrieg führen könnten. Thomas Mallon vertieft sich in ein Buch über den Fotografen Weegee. Alex Ross hört Mahler mit Simon Rattle und dem London Symphony Orchestra. Und Hua Hsu staunt über die persönliche Sagenwelt des New Yorker Hip-Hoppers Rammellzee.

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker erläutert Nick Paumgarten den Hype um das Koop-Survival-Game Fortnite, in dem es darum geht, sich gegen eine Invasion von Zombies zu verteidigen, das beliebteste Videospiel des Planeten: "Sein relativer Mangel an Bosheit - Fortnite ist nahezu frei von der Frauenfeindlichkeit und dem Rassismus so vieler anderer Spiele - verstärkt seine Popularität (der Spieler kann in verschiedene, jedes Geschlecht, jede Ethnie vertretende 'skins' schlüpfen). Es heißt, viele Mädchen spielen es, ob mit oder ohne Jungs … Außerdem ist Fortnite das Spiel mit den meisten Zuschauern. Es füllt Stadien und natürlich die YouTube-Kanäle, auf denen es insgesamt fast drei Milliarden Zuschauer verzeichnet. Auf der Streaming-Platform Twitch ist es ganz oben. Zugucken ist nicht länger nur für Deppen … Der Star heißt Tyler Blevind aka Ninja, der angeblich eine halbe Million monatlich damit verdient, seine Spielsessions nebst Kommentar auf Twitch zu streamen. Sein YouTube-Kanal hat mehr als 10 Millionen Abonnenten."

Außerdem: Evan Osnos schildert, wie Trumps Leute den "tiefen Staat" umkrempeln. Alex Ross berichtet über zwei Cembalisten, Jean Rondeau und Mahan Esfahani, die die Goldberg Variationen neu interpretieren. Adam Gopnik stellt einen Winzer mit ungewöhnlichen Ideen zu Traubensorten und Anbaugebieten vor. Amanda Petrusich hört das neue Album von Courtney Barnett. Anthony Lane sah im Kino Paul Schraders Ökoterror-Drama "First Reformed" und Michael Mayers Tschechow-Adaption "The Seagull".
Stichwörter: Rassismus, Streaming

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker gibt Tad Friend erst einmal Entwarnung. Künstliche Intelligenz wird doch nicht so schlimm für die Menschheit wie vermutet: "Über eine Intelligenz nachzudenken, die uns überflügelt, kann klären helfen, was uns zu Menschen macht, im Guten wie im Schlechten. Sind wir in Sachen Künstlicher Intelligenz so weit gekommen, weil wir so gut sind, besser als Computer? Oder weil wir so schlecht darin sind, uns das Ende auszumalen. Künstliche Intelligenz bringt uns dazu zu erwägen, ob es klug ist, nach Aliens zu suchen, ob wir uns in einer Simulation befinden und ob wir Gott gegenüber beziehungsweise für ihn verantwortlich sind. Wird Künstliche Intelligenz die Lösung sein oder das Ende des Experiments? Künstliche Intelligenz ist bereits so allgegenwärtig, das wir sie kaum bemerken. Wir akzeptieren es, wenn Siri für uns Termine verwaltet, Facebook unsere Fotos markiert und die Demokratie unterläuft. Computer sind längst in der Lage, mit Aktien zu handeln, zu übersetzen, Krebs zu diagnostizieren. Ihre Reichweite ist schon unkalkulierbar. Algorithmen schreiben Musik, erkennen Sarkasmus, spielen Poker, reißen Witze, erdenken Filmszenarien und können einen IKEA-Stuhl zusammenbauen … Was bleibt für uns? Larry Tesler, der das Copy-and-Paste erfunden hat, hat vorgeschlagen, menschliche Intelligenz sei alles, was 'Maschinen noch nicht können'. 1988 erkannte der Robotik-Spezialist Hans Moravec, dass Aufgaben, die uns schwer erscheinen, für Rechner leichtes Spiel sind und andersrum. Es sei relativ einfach, einem Computer die Leistungsfähigkeit eines Erwachsenen anzutrainieren und schwer, ihm die Beweglichkeit und Auffassungsgabe eines Einjährigen zu vermitteln. Auch wenn Maschinen sehen und gehen können, besteht das Paradox weiter: Roboterhände zu programmieren gehört zum Schwersten überhaupt."

Außerdem: Caleb Crain stellt Robert Kuttners Buch "Can Democracy Survive Global Capitalism?" vor, das den Thesen des ungarischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers Karl Polanyi neue Bedeutung verleihen will. Casey N. Cep stellt Zora Neale Hurstons Buch über den transatlantischen Sklavenhandel vor, das fast neun Jahrzehnte auf seine Veröffentlichung wartete. Peter Schjeldahl besucht die Soutine-Retrospektive im Jewish Museum in New York. Hua Hsu hört das neue Album des HipHoppers Post Malone. Anthony Lane sah im Kino Jason Reitmans "Tully" mit Charlize Theron.

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker widmet sich Nicholas Schmidle der Cybersicherheit und ihren Fährnissen: "Schätzungen zufolge sind 90 Prozent aller US-Firmen Opfer von Hackerangriffen … Regierungsorganisationen wie die Nationale Sicherheitsbehärde N.S.A oder das Department of Homeland Security sorgen für die Sicherheit der Regierungsnetzwerke. Dem privaten Sektor bleibt der Schutz seiner Netzwerke selbst überlassen. Hilfe erhält er zunehmend von der Cybersicherheitsindustrie, die gern ehemalige N.S.A.-Mitarbeiter beschäftigt. Einige dieser Firmen sehen sich als Maurer, die ihren Kunden helfen, dickere Wände zu bauen, andere verstehen sich als Kammerjäger im Kampf gegen Ungeziefer. Viele von ihnen bieten 'aktive Verteidigung' an, ein vorsätzlich unscharf gehaltener Begriff für die Bereitschaft, Eindringlinge zu jagen, während sie sich im Kunden-Netzwerk befinden, oder auch: zurückzuhacken, also in die Rechner der Hacker einzudringen. Man spricht nicht gern offen darüber … Betroffene Unternehmen sind es leid, betroffene Stellungnahmen rauszugeben, um ihre Kunden davon zu unterrichten, dass sensible Personendaten gestohlen wurden. Das ist schlecht für den Aktienkurs und suggeriert Unfähigkeit. James Bourie, ein Unternehmer aus der Cybersicherheit erklärt: 'Sie wollen nicht länger passiv bleiben, aber sie wissen nicht, wie weit sie gehen können, ohne das Gesetz zu brechen' … Sollte das 'hacking back' legal werden, könnte es einzelnen Opfern von Cyberkriminalität zwar helfen, aber das Internet wird dadurch nicht sicherer. Wenn Waffenbesitz überhaupt ein Indikator ist, dann dafür, dass mehr Waffen mehr Gewalt bedeuten, und Cyperwaffen dürften noch viel schwerer in den Griff zu bekommen sein als richtige Waffen. 2012 konnten sich die USA und Russland nicht auf ein Cyberwaffen-Gesetz einigen. Open-Source-Hackercode, mit dem das Eindringen in Firmennetzwerke festgestellt werden kann, zirkuliert längst online, aber dieser Code ist auch für kriminelle Zwecke nutzbar. Nach Angaben eines früheren N.S.A.-Mitarbeiters haben z. B. iranische Hacker bei ihren Angriffen auf US-Banken solchen Code verwendet."

Außerdem: Peter Hessler berichtet aus Kairo, wie es ist, als Familie durch die Revolution zu gehen. Ben Taub begleitet einen Ex-Terroristenjäger auf Streife. Zadie Smith porträtiert die Fotografin Deana Lawson. Jonathan Dee liest Sergio de la Pavas polyphonen Roman "Lost Empress". Anthony Lane sah im Kino Joe und Anthony Russos "Avengers: Infinity War" sowie Claire Denis' "Let the Sunshine In" mit Juliette Binoche. Und in einer Kurzgeschichte von Isaac B. Singer geht es ums Hadern mit einem Gott, der Hitler möglich machte.

Magazinrundschau vom 17.04.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker erläutert Dan Chiasson, wieso Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" auch 50 Jahre nach seiner Entstehung noch gut aussieht: "Kubrick gestaltete seine Vision der Zukunft mit dem Fleiß eines Historienfilm-Regisseurs. 2001 ist teilweise eine sehr pingelige Rekonstruktion einer Zeit, die erst noch stattfinden sollte. Kubruck kannte die Exponate der 1964er Weltausstellung und verwendete Magazinartikel über das Zuhause der Zukunft. Produktionsdesigner Tony Masters meinte, die Welt von '2001' wurde zu einer ganz bestimmten Zeit, einem ganz bestimmten Ort mit der kohärenten Ästhetik eines historischen Labels wie 'Georgianisch' oder 'Victorianisch'. Wir erschufen eine Lebensart, erinnert er sich, bis zum Besteck … Indem er ein nicht allzu weit entfernte Zukunft wählte, wollte Kubrick sein Publikum die Probe machen lassen, ob seine Vorhersagen stimmen würden. Ein Teil seines Genies war es, das zu beeinflussen, indem er das Set mit Designdetails großer Marken ausstattete: Whirlpool, Macy's, DuPont, Parker, Nikon. Wenn das Jahr 2001 wie der Film aussah, dann auch deshalb, weil die Vorstellungswelt des Films in die Realität umgesetzt wurde."

Außerdem: Nick Paumgarten bereist den Rio Grande - eine durch Trumps Mauerpläne gefährdete atemberaubende Landschaft. Ian Frazier geht dem Geheimnis der Maraschino Kirsche nach. Und Adam Gopnik porträtiert den Kinderbuchautor Edward Lear. Und Carrie Battan hört Cardi Bs "Invasion of Privacy".
Stichwörter: Kubrick, Stanley

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker berichtet D. T. Max über chinesische Arbeiter, die in der Toskana italienische Designer-Handtaschen fertigen, damit die guten Stücke auch weiterhin ja das Label "Made in Italy" tragen können: "Geschätzte 100 Werkstätten in der Toskana stellen Handtaschen für die großen Modehäuser her. Jede dieser Werkstätten arbeitet mit Subunternehmern zusammen, die Applikationen aufnähen oder letzte Hand an das Produkt anlegen. Der Werkstattbesitzer, mit dem ich sprach arbeitet für Chloé, Burberry, Fendi, Balenciaga, Saint Laurent und Chanel. Er sagte, Chanel sei am meisten um die Qualität besorgt. Für eine Firma wie Fendi zu arbeiten, sei nicht leicht für einen Chinesen. Man muss die italienische Mentalität annehmen, meinte er, und die betreffende Tasche wie ein Italiener sehen. Ein Chinese denke erst einmal, er müsse soundso viele Taschen herstellen, doch hinter jeder Tasche stecke die genaue Überlegung, wie sie zu sein hat … 2014 verriet ein italienischer Kunsthandwerker dem Fernsehen, dass Gucci ihm einen mächtigen Vertrag angeboten hatte: 24 Euro pro Tasche. Er musste einen chinesischen Subunternehmer anstellen, der seinen rund um die Uhr arbeitenden Arbeitern die Hälfte zahlte. Im Laden kosteten die Taschen zwischen 800 und 2000 Dollar. Guccis Prüfer hielten es nicht für nötig, die Arbeitsbedingungen zu erfragen. Gucci nannte die TV-Berichte unwahr und ohne Zusammenhang mit der Realität des Unternehmens."

Außerdem: Der Schriftsteller Junot Diaz erzählt, wie er als Achtjähriger mehrfach vergewaltigt wurde und dieses Tat bis heute sein Leben bestimmt. Gary Shteyngart erklärt, warum ein Hedgefondsmanager nun auf Bitcoin setzt. Und James Wood bespricht Walter Kempowskis letzten Roman "Alles umsonst", eine Geschichte aus Ostpreußen vor dem Einmarsch der Roten Armee.
Stichwörter: Diaz, Junot, Balenciaga

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker begleitet Alexis Okeowo die pakistanische Dokumentarfilmerin Sharmeen Obaid-Chinoy, die sich des Vorwurfs pakistanischer Männer erwehren muss, westliche Vorurteile zu bedienen, indem sie Frauenschicksale in einer patriarchalischen Gesellschaft dokumentiert: "Obaid-Chinoys Filme behandeln schwierige Themen wie Kindesmisshandlung und Vergewaltigung, aber auch den sozialen Fortschritt - eine Ärztin, die eine Entzugsklinik leitet, einen jungen Anwalt für die Bildung von Mädchen. ... Mitunter hat sich die Regisseurin gegen die Ausstrahlung ihrer Dokumentationen im Fernsehen entschieden, um ihre Darstellerinnen vor Vergeltungsmaßnahmen zu schützen. Es gibt bei uns keine Kultur für das Anschauen solcher Dokumentationen, erklärt sie. Die Balance zwischen Information und Beunruhigung ist ihr wichtig … Zwischen 2002 und 2009 drehte Obaid-Chinoy eine Reihe von Filmen, in denen es um die beschränkten Rechte von Frauen in Saudi Arabien, den wachsenden Einfluss der Taliban in Pakistan, die Vergewaltigung und Ermordung kanadischer Ureinwohnerinnen oder illegale Abtreibung auf den Philippinen ging. Diese Filme waren wie Reportagen fürs Achtuhrfernsehen, mit Obaid-Chinoys als charismatischer Erzählerin. In 'Reinventing the Taliban?' von 2003 läuft sie durch Peshawar, während die Männer sie anstarren: 'Ich bin die einzige Frau hier.'"

Außerdem: Sheelah Kolhatkar berichtet vom Machtwechsel bei Uber und der Verwandlung vom skandalgeplagten Startup zum traditionellen Unternehmen. Dexter Filkins überlegt, was Saudi Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman mit seinen Annäherungen ans Weiße Haus bezweckt. Alex Ross trifft den 34-jährigen deutsch-italienischen Geiger Augustin Hadelich am Abend vor seinem erstem Britten-Konzert. Besprochen werden Meg Wolitzers Roman "The Female Persuasion", eine Ausstellung mit Cezanne-Porträts in der National Gallery of Art sowie zwei Filme: Steven Spielbergs "Ready Player One" und Andrew Haighs "Lean on Pete".

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - New Yorker

Im neuen Heft des New Yorker trifft Larissa MacFarquhar den britischen Philosophen Andy Clark, der eine Theorie des expandierenden menschlichen Denkens entwickelt hat. Hilfsmittel des Denkens wie Smartphones und Sprache sind Teil des Denkens selbst, behauptet er: "Die meisten Menschen, stellte Clark fest, neigen dazu, sich mit ihrem Bewusstsein zu identifizieren. Das scheint nicht ungewöhnlich, handelt es sich doch um das Selbst, das sie am besten kennen. Doch Kognition ist viel mehr als das: die riesige, stille Kaverne der Seelen-Maschine mit ihren Schläuchen, Synapsen und elektrischen Impulsen. So viele unbewusste Systeme, Verbindungen, Tricks und tief eingegrabene Wege, die das pulsierende Material des Selbst bilden. Diesen primären Mechanismen, den Verkabelungen und Rohrleitungen der Kognition gelten Clarks Forschungen. Denkt man an all diese fundamentalen Dinge - einige von ihnen teilen wir mit anderen Säugern und weit entfernten Vorfahren, andere sind einzigartig und neu - kann das Bewusstsein wie eine sehr oberflächliche Sache erscheinen, ein User-Interface, das die tatsächliche Arbeit darunter verdeckt."

In einem anderen Artikel erklärt Joshua Rothman die neue Technik des "virtual embodiment", die unser Selbstverständnis tüchtig strapaziert. Margaret Talbot berichtet, wie die amerikanische Umweltschutzbehörde zum besten Freund der Fossilenergielobby wurde. Und Rachel Aviv erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die den Sinn für die eigene Identität verlor. Peter Schjeldahl sah im Met Breuer eine Skulpturenausstellung über den Körper. Und Anthony Lane sah im Kino Steven Soderberghs mit einem Iphone gedrehten Psychothriller "Unsane" sowie Aaron Katz' Hollywood-Mystery "Gemini".