Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 19.09.2017 - New Yorker


Iris van Herpen, aus der Haute-Couture-Kollektion Aeriform Winter 17/18

In der aktuellen Ausgabe des Magazins bestaunt Rebecca Mead die Kreationen der niederländischen Modedesignerin Iris van Herpen, die sich von Kabelbäumen im Kernforschungszentrum CERN in Genf inspirieren lässt und 3-D-Druck mit Handnäharbeit verbindet: "Auch wenn van Herpen als eine der innovativsten und konsequentesten Modedesignerinnen gilt, sehen ihre Arbeiten oft eher wie moderne Skulpturen aus. Sie liebt Formen, die die Anatomie herausfordern, und hat Abendkleider mit Eiszapfen aus Akryl entworfen und Tops aus flambiertem Eisengeflecht. Ihre Progammhefte beschreiben stolz das Konzeptuelle der Kleider: In ihrer Show 'Biopiraterie' von 2014 hieß es: 'Genpatente werden verkauft; besitzen wir unseren Körper noch?' Damals ließ sie künstliche Feueropale in seidene Kleider einnähen, die wie sich replizierende Zellen über den Körper wanderten. Van Herpens Arbeit vereint neueste Technologie und Handwerkskunst … Das surrealste ihrer Kostüme war der 'Samurai', ein schwarzer Bodysuit mit Hand-, Fuß- und Kopfteilen, auf den Dutzende Regenschirm-Speichen genäht waren. Die Trägerin des Kostüms war die Pina-Bausch-Tänzerin Clémentine Deluy.  Sie sah monströs aus damit, umgeben von einem zitternden Kranz aus Stacheln, der all ihre Bewegungen verstärkte."

Aus der Sommerkollektion von Amaka Osakwe
Alexis Okeowo porträtiert die Designerin Amaka Osakwe, die im religiös-konservativen Nigeria arbeitet, wo sich Christen und Muslime in einer Sache einig sind: dass eine anständige Frau züchtig gekleidet zu sein hat. "Osakwes Kleider - für Kunden, die sie sich leisten können - sind beides, Rüstung und Lingerie: einschüchternd und zugleich einladend, mit starken Linien und weichem Material. Sie reflektieren ihr Bewusstsein, dass nigerianische Frauen pausenlos darüber verhandeln, wie hart oder wie weich sie in einer patriarchalen Gesellschaft sein können. 'Ich lebe das ja auch, und ich habe immer noch keine gültige Formel dafür gefunden', sagt Osakwe. 'Ich glaube, keine Frau hat das, und jede Frau trifft eine Wahl auf Kosten von etwas anderem.'"

Weitere Artikel: Burkhard Bilger stellt den Plumassier Eric Charles-Donatien vor, einen Mann, der Kleider und Accessoires aus Federn entwirft. Eva O'Leary besucht die Beautycon in Los Angeles, wo an zeitgenössischen Ideen für Makeup gebastelt wird.

Außerdem: James Wood las Jenny Erpenbecks "meisterhaften" Roman "Go, Went, Gone". Sheila Heti stellt die Schweizerisch-italienische Autorin Fleur Jaeggy vor. Emily Nussbaum sah im Fernsehen erste Folgen von "The Deuce". David Remnick las "What Happened", Hillary Clintons Rückblick auf den Wahlkampf. Anthony Lane sah im Kino Darren Aronofskys "Mother!" und "Battle of the Sexes" von Jonathan Dayton und Valerie Faris. Lesen dürfen wir außerdem Jonas Hassen Khemiris Erzählung "As You Would Have Told It to Me (Sort Of) If We Had Known Each Other Before You Died".

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erwägt Evan Osnos das Risiko eines Nuklearkrieges mit Nordkorea: "Wie sehen Amerikas Optionen aus? Viele Strategen in Washington favorisieren eine Verstärkung der Drucktaktik: Die USA würden das Cyber-Hacking forcieren um die militärische Entwicklung zu bremsen und die Regierung in Nordkorea nervös zu machen. Oder Nordkorea mit eingeschmuggelten Memorysticks voller Unterhaltung und Information überschwemmen. Die USA würden auch versuchen, die Handelsnetzwerke zu schließen, indem sie Sanktionen gegen chinesische Firmen erlassen und Konten einfrieren würde … Kritiker dieser Strategie behaupten, Nordkorea habe seine Fähigkeit, Schmerz zu ertragen perfektioniert, und der Plan sei nicht neu … Darüber hinaus gibt es Unterstützung für eine weniger konfrontative Lösung, einen kurzftristigen Handel bekannt als 'Stop-für-Stop'. Nordkorea soll seine Waffenentwicklung stoppen, die USA ihre Militärübungen in Südkorea. Befürworter halten diese Lösung nicht für perfekt, aber besser als alles andere. Kritiker meinen, dass dergleichen bereits probiert wurde, ohne Erfolg, und dass es Amerikas Bund mit Südkorea beschädigen könnte … Der Umgang mit einem nuklearen Nordkorea wird jedenfalls nicht billig. Eine stärkere Raketenabwehr in Südkorea, Japan, Alaska und Hawaii wäre nötig, ebenso geheimdienstliche Investitionen, um Nordkoreas Waffenarsenale aufzuspüren, damit sichergestellt ist, dass wir ihnen mit der nötigen Gegenmacht begegnen."

Außerdem: John Lanchester überlegt, ob es unsere Vorfahren als Jäger und Sammler nicht doch besser hatten als wir. Und Anthony Lane sah im Kino Frederick Wisemans Doku über die New York Public Library, "Ex Libris". Lesen dürfen wir außerdem Edwidge Danticats Erzählung "Sunrise, Sunset".

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins (mit dem Titelbild von Chris Ware) erklärt der Mediziner Siddhartha Mukherjee die Fortschritte auf dem Gebiet der Krebsforschung. Die Chancen, einen Tumor früh zu erkennen, sind gestiegen, aber gilt das auch die Möglichkeiten, seine Bösartigkeit bestimmen zu können? "Wie Muscheln wächst Krebs am besten in wesensverwandten Habitaten. Und wie Muscheln kann der Krebs Mikroumgebungen erschaffen, die ihm helfen, Angreifer abzuwehren. Keim-Therapien töten die Zellen selbst, Nährboden-Therapien dagegen verändern das Habit … Indem wir die genetischen Marker und die Immunzell-Komposition des Patienten untersuchen, können wir lernen, welche Patientengruppe besonders empfänglich für oder resistent gegen bestimmte Krebsarten ist und können einschätzen, wer eine besonders wirkungsstarke Behandlung braucht. Außerdem können wir etwas über das Wie der Behandlung erfahren. Ob und wie das immunologische und histologische Profil eines betroffenen  Patienten verändert werden muss, um es wie ein resistentes erscheinen zu lassen."

Außerdem: Alexis Okeowo berichtet vom Kampf der Frauen-Basketballliga in Mogadishu gegen die Einschüchterungsversuche der Extremisten. Rachel Aviv dokumentiert den Fall des muslimischen Polizisten Bobby Hadid, den das New York Police Department erst beförderte und dann entließ, weil er Polizeimethoden kritisiert hatte. Lesen dürfen wir außerdem Allegra Goodmans Geschichte "F.A.Q.s".

Magazinrundschau vom 29.08.2017 - New Yorker

Die aktuelle Ausgabe des Magazins ist der Flimmerkiste gewidmet. In einem Beitrag macht sich David Remnick Gedanken über die politischen Implikationen der israelischen Netflix-Serie "Fauda", die das Leben in der West Bank zeigt: "Gadi Shamni, ein israelischer General a. D. erklärte mir die Vorzüge der Serie damit, dass israelische Zuschauer die moralische Wirklichkeit der Okkupation nicht länger ignorieren könnten. 'Eine ganze Generation von Israelis lebt ohne eine einzige positive Begegnung mit Palästinensern. Sie sehen sie zur Arbeit nach Israel fahren oder im Fernsehen, wenn es einen Anschlag gibt. Einen Palästinenser treffen sie vielleicht das erste Mal während des Militärdienstes in der West Bank', erklärt er … Eine andere Meinung kommt von Diana Buttu, die als Rechtsberaterin für die PLO gearbeitet hat. 'Fauda zeigt die Besatzung nicht', meint sie. 'Sie bleibt unsichtbar, genau wie in den Köpfen der Israelis. Kein Wort darüber, kein Checkpoint, keine Siedler, keine Zerstörung. Alles, was wir sehen, ist eine hübsche Ziegelmauer. Schlimmer noch: Das Töten scheint normal. Und ehe du dich versiehst, sympathisierst du mit Mördern. Für die Autoren ist es ein fairer Kampf, keine Okkupation, nur ein Spiel um die Frage, wer besser ist. Das ist nicht die Realität, in der wir leben.' Die Autoren selbst beteuern, sie bekämen viele Komplimente von Arabern aus der West Bank, dem Libanon, aus Ägypten und vom Golf."

Außerdem: Emily Nussbaum befragt Jenji Kohan, Erfinderin der Serie "Weeds", zu ihren provokativen Ideen. Sam Knight berichtet über die britische Reality-TV-Serie 'Eden', ein mediales und soziales Experiment in der schottischen Einöde, das gründlich schiefging. Und Ian Parker porträtiert den amerikanischen Dokumentarfilmer Ken Burns.
Stichwörter: Netflix, Fauda, Fernsehserien

Magazinrundschau vom 22.08.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker kann Elizabeth Kolbert das Wehklagen über das Internet und die Tech-Milliardäre nicht mehr hören, das nun auch Jonathan Taplin in "Move Fast and Break Things" und Franklin Foer in "World Without Mind" (unser Resümee) anstimmen: "Vergangenen Herbst machten Times-Reporter einen 20-jährigen Computer-Studenten aus Tiflis als Quelle für eine Reihe von Pro-Trump-Geschichten aus, der nur nach Maßgabe der Einnahmen auf seiner Website handelte. Vielleicht ist das Problem ja gerade, dass ein Einzelner irgendwo auf der Welt heute die Macht besitzt, die amerikanische Präsidentenwahl zu beeinflussen. Aus Überzeugung oder reiner Gewohnheit etablierten die Torwächter des Netzes einst einen bestimmten Ton. News über Staatsdefizite und Waffenkontrolle winkten sie durch, Verschwörungstheorien nicht. Heute erlaubt es Chartbeat jedem zu erkennen, wie viele oder wie wenige Leser sich wirklich für die Reportage über die Dürre im Sudan oder den Artikel über Monopole im Internet interessieren. Daher wird es künftig weniger solche Beiträge geben. Das Netz ist dazu da, den Leuten zu geben, was sie wollen. Das ist auch die Funktion der Demokratie." Am Ende schreibt sie recht kühl: "Wer sich um die Zukunft der Demokratie Sorgen macht, schreibt Bücher. Wer über sie bestimmt, twittert."

Außerdem: Ian Frazier schreibt eine Liebeserklärung an die Autostadt New York. Nick Paumgarten porträtiert die Singer Songwriterin Annie Clark. Und Anthony Lane stellt neue Filme von Steven Soderbergh und Michael Almereyda vor.

Magazinrundschau vom 15.08.2017 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker besucht Raffi Khatchadourian Julian Assange in seinem Schuhkarton in der ecuadorianischen Botschaft, von wo aus er es den Mächtigen der Welt weiterhin schwer macht. Ob Assange nun ein Held oder ein gefallener Mann ist, lässt sich schwer entscheiden, meint der Reporter: "Es kommt darauf an, als was man ihn zu Beginn gesehen hat. Böse Zungen behaupten, er sei ein Krimineller oder ein Irrer. Seine Unterstützer dagegen halten ihn für einen tadellosen Revolutionär. Es gab Aufrufe, ihn zu ermorden und solche, ihm den Friedensnobelpreis zu verleihen. Er selbst beschreibt sich in einfachen Worten als furchtlosen Aktivisten, doch sein Charakter ist kompliziert und nur schwer in Einklang zu bringen mit seiner beträchtlichen Macht. Er ist nicht der Typ, der Socken mit Löchern trägt, sondern der Typ, der Socken mit Löchern trägt und jeden mit Zorn überschüttet, der das in der Öffentlichkeit erwähnt. Er kann misstrauisch bis zur Paranoia sein, aber auch vollkommen offen. Er neigt dazu, menschliches Verhalten als Eigeninteresse zu sehen, angetrieben von einem Nietzeanischen Willen zur Macht, doch zugleich führt er eine Organisation, die auf der Idee fußt, dass Individuen selbstlos mutig sein können. Er ist ein Sucher harter, objektiver Wahrheiten, der oft unfähig zu sein scheint, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Er kann schnell sein, taktisch beeindruckend und dann wieder blind auf lange Sicht."

Außerdem: Adam Davidson erkundet Trumps Auslandsgeschäfte. Dana Goodyear berichtet über die neue, viel schönere Erdbeere. Nathan Heller denkt über den Sinn von Demonstrationen nach. Mit Markus Hinterhäuser als neuem Direktor bekommen die Salzburger Festspiele frischen Wind, freut sich Alex Ross. Amanda Petrusich stellt das neue Album von Adam Granduciels Rockband "The War on Drugs" vor. Anthony Lane sah im Kino "Good Time" von den Safdie-Brüdern und Bertrand Bonellos "Nocturama". Garth Greenwell schickt eine Kurzgeschichte: "An Evening Out".

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker folgt Judith Thurman den Wegen des Erzählens in Rachel Cusks Prosa über Ehe und Mutterschaft: "Die Kritik hat Cusks jüngste Bücher 'Outline' und 'Transit', beides Teile einer Trilogie, als Neuerfindung des Romans gefeiert, was sie auch sind, insofern als Fiktion und Oral History hier verschmelzen. Sämtliche Erzähler in diesen Texten haben eine einzigartige Version, ein und derselben Erfahrung erlitten und überlebt, und die Ereignisse, die sie wiedergeben, ergeben keine Offenbarung. Die Textstruktur, ein Mosaik aus lauter Fragmenten, spiegelt die instabile Natur der Erinnerung. Es macht Sinn, daran zu erinnern, dass die beiden Texte kurz vor und nach der Vergabe des Literaturnobelpreises an Swetlana Alexijewitsch entstanden sind. Alexijewitsch interviewt Frauen und Männer zu ihren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, in Tschernobyl und im Gulag und destilliert ihre Aussagen zu einer, wie die Akademie es nannte 'Geschichte der Gefühle'. Cusk wurde dafür kritisiert, in ihren Texten Politik und Soziales zu vernachlässigen und stattdessen das Familienleben zur zentralen Katastrophe zu erheben. Doch ihre erfundene Oral History passt ausgezeichnet zu der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen und einander schikanieren."

Außerdem: Adam Gopnik fragt, was Meditation wirklich leisten kann. Larissa MacFarquhar überlegt, wann ein Kind von seinen Eltern getrennt werden sollte. Anthony Lane sah im Kino Kathryn Bigelows "Detroit" and "Whose Streets?", eine Doku über Ferguson, Missouri, nach der Erschießung von Michael Brown durch einen Polizisten. Und Don DeLillo steuert eine Kurzgeschichte bei - über das Jucken am Morgen, am Mittag und am Abend.

Magazinrundschau vom 25.07.2017 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker erklärt Patrick Radden Keefe, warum korrupte Banker so selten in den Knast kommen: "Man sollte annehmen, einen Top-CEO hochzunehmen, sei unwiderstehlich. Doch so einen Fall vor Gericht zu bringen, ist mit ernsten Risiken verbunden. In den Unternehmen sind die Entscheidungsprozesse heute so diffus, dass es schwer ist, kriminelle Schuld festzustellen … Wie Samuel Buell, der am Fall Enron mitgearbeitet hat, in seinem Buch 'Capital Offenses: Business Crime and Punishment in America's Corporate Age' erklärt, stellt schon die Behauptung einer Führungskraft, sie habe nur die Regeln befolgt, ein Hindernis in der Strafverfolgung dar. Das gilt umso mehr, ist das Vergehen schwer fassbar. In der Finanzkrise wussten nicht mal die Profis genau, was sie taten. Wie soll erst ein Anwalt es der Jury erklären und kriminelle Absicht nachweisen? Ein Gerichtsverfahren ist immer ein Spiel. Verlierst du gegen eine Bank, giltst du schnell als übereifrig und hast einen Makel im Werdegang … Aber nicht nur in der Wirtschaftskriminalität schrecken Staatsanwälte zunehmend vor Gerichtsverfahren zurück. Die hohen Anforderungen eines Kriminalverfahrens scheuend, handeln Anwälte heute lieber Deals aus … Und auch Verteidiger sind risikoscheu. Zwischen einem Schuldeingeständnis mit drei oder fünf Jahren Haft oder einem Verfahren mit der Option auf zehn, entscheiden sich viele für ersteres. Zumal es dem Verteidiger als Sieg ausgelegt wird."

Außerdem: Sam Knight versucht herauszubekommen, wie Londons erster muslimischer Bürgermeister Sadiq Khan mit Brexit und Terror umgehen will. Ben Taub berichtet über eine mit der Flüchtlingskrise heftig überforderte italienische Justiz. Und Emily Nussbaum schaut sich noch einmal "The Apprentice" an, die Serie, die Trump erst zu Trump gemacht hat.

Magazinrundschau vom 18.07.2017 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker taucht Peter Hessler in tiefstes Trumpland. Im Städtchen Grand Junction in Colorado begegnet er so vielen verschiedenen Trump-Anhänger, dass man anfängt zu begreifen, wie wenig dieses Phänomen tatsächlich noch verstanden wird. Hass auf die Medien spielt eine Riesenrolle - deshalb lieben die Fans - darunter eine handvoll Hippies und Peace-Corps-Mitglieder - auch Trumps unmögliches Benehmen, über das sich die Zeitungen so gern aufregen: "Trumps negative Qualitäten, früher als Mittel zum Zweck beschrieben, haben jetzt einen ganz eigenen Wert. Es geht nicht mehr notwendigerweise darum, die Dinge zu verändern, es geht jetzt mehr darum, sich an den Medien und anderen Feinden zu rächen. Das schien zwar immer ein Bestandteil von Trumps Anziehungskraft zu sein, aber die Leute haben es während des Wahlkampfs selten zugegeben. 'Für diejenigen unter uns, die die Presse schon lange für korrupt halten, ist es eine Gelegenheit, es ihr ordentlich heimzuzahlen', erklärt mir Karen Kulpa im April. 'Nur um sie wütend zu machen." Wochen später sitzt Hessler mit dem Trump-Anhänger Patterson, einem ehemaligen Zauberer mit Universitätsabschluss, der heute PR gegen die Gewerkschaften macht, in einem Cafe zusammen. "Patterson trägt seinen Gothik-Look: Silberschmuck und dunkel lackierte Fingernägel: 'Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so emotional bewegt von einem politischen Führer', sagt er. 'Je mehr sie ihn hassen, desto mehr möchte ich, dass er gewinnt. Denn was sie an ihm hassen, hassen sie an mir.'"

Aber auch das gibt es in Colorado: Alex Ross besucht einen alten Wasserturm in Rangely, dem der Komponist Bruce Odland mit der offenen Nutzung als Klangraum unerwartetes neues Leben eingehaucht hat: "Was Odland nicht wollte, war eine Kunstenklave ohne Kontakt zur Gemeinde. 'Es ist ein Anti-Marfa', meint er mit Hinweis auf die inzwischen komplett durchgentrifizierte Künstlerkolonie in Texas. In Rangely haben die Anwohner das freie Konzept sehr gut angenommen. Ein Zufahrtsweg wurde angelegt, eine Pipeline-Firma stellte Rohmaterial zur Verfügung, das als Perkussions-Instrumente Verwendung findet. Ein Gastronom hat eine spezielle Turm-Pizza entwickelt. Rangely ist eigentlich eine konservative Gemeinde, Trump-Wähler überwiegen, aber avantgardistische Didgeridoo-Spieler sind jetzt willkommen, und einige der eifrigsten Klangtüftler, die sich im Turm ausprobieren, sind von hier. Ein Veteran zum Beispiel findet Frieden beim Violinespiel im Turm. 'Die Leute empfinden eine aufrichtige Ehrfurcht', erklärt Odland. 'Sie schreiben es dem Turm zu, aber ich denke, es hat eher mit dem Erwachen der Ohren in einem visuellen Zeitalter zu tun. Unsere Ohren werden tagtäglich derart gemartert. Wir nutzen das Gehör nicht mehr wie es gedacht war, als Jäger und Sammler, die mit der Natur interagieren. Hier im Turm spürt man den Klang direkt auf der Haut, im Bauch. Was die Leute daran so umhaut, ist die wiedererlangte Fähigkeit, wieder richtig zu hören.'"

Außerdem: Nathan Heller überlegt, was die veröffentlichte E-Mail-Korrespondenz des über seine schiefen Geschäfte gestrauchelten Energiekonzerns Enron uns lehrt. Kelefa Sanneh porträtiert den höchst erfolgreichen Countrymusiker George Strait.

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - New Yorker

In der neuen Ausgabe des New Yorker empfiehlt der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt Shakespeare-Lektüre als Hilfestellung im Umgang mit Fremdenhass. Sein Beispiel: "Der Kaufmann von Venedig", der den Juden Shylock vordergründig als Widerling beschreibt, der nur durch das Versprechen religiöser Bekehrung dem Tod entkommt. Dabei gleichzeitig dem Mann jedoch die bewegendsten Worte des Stückes in den Mund legt: "Einfühlung in ein anderes Leben ist eine der grundlegendsten Qualitäten der menschlichen Vorstellungskraft. Da nur wenige von uns mit Genie begabt sind, ist es sehr wichtig zu verstehen, dass die Qualität, von der ich hier spreche, bis zu einem gewissen Grad demokratisch geteilt wird. Verschiedene Ideologien versuchen diese Fähigkeit, die Erfahrung des anderen zu teilen, zu begrenzen. Es gibt Kunstwerke, die diese Fähigkeit erwecken, organisieren und verbessern. Shakespeares Werke sind ein lebendiges Modell, nicht weil sie praktische Lösungen für die Probleme bieten, die sie so brillant erforschen, sondern weil sie unser Bewusstsein für die menschlichen Leben erwecken, die auf dem Spiel stehen."

Weitere Artikel: Lawrence Wright schaut nach Texas, wo sich rechte Politik breitmacht. Ein Barometer der Nation? David Denby schreibt zum 150. Geburtstag Toscaninis. Jane Kramer verfällt Philipp Kerrs Kriminalkommissar Bernie Gunther vor, der seine Fälle in Nazi-Deutschland löst. James Wood liest Emmanuel Carreres "Das Reich Gottes". Amanda Petrusich hört Folk von John Moreland. Und Anthony Lane sah im Kino David Lowerys "A Ghost Story" und Bong Joon-hos "Okja". Lesen dürfen wir außerdem Hye-young Pyuns Erzählung "Caring for Plants".
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