Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

861 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 87

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - New Yorker

In Zeiten des AI-Slops tut es gut, sich darauf zu besinnen, dass es schon viele Versuche gab, maschinell zu schreiben, wie Jill Lepore im New Yorker erinnert. Noch konnte keine der Maschinen den Menschen den Rang ablaufen: "In einem 1919 veröffentlichten Schreibguide, 'Ten Million Photoplay Plots', erzählt der Schwindler Wycliffe A. Hill werdenden Drehbuchautoren, es gebe 37 mögliche Story Lines, die mit einer Nummer an Charakteren, Situationen und Subplots kombiniert werden können, um die mathematisch präzise Nummer von 10.494.360 möglichen Plots zu ergeben. Nachdem das Wort 'Roboter' 1920 im Zusammenhang mit dem tschechischen Stück 'R.U.R.' entstanden war und sich eine Faszination mit mechanischen Menschen entwickelt hatte, veröffentlichte Hill 1931 eine Folgeanleitung, die das beinhaltete, was er den Plot-Roboter nannte. (…) Tatsächlich gab es gar keinen Roboter. Wenn man das Buch gekauft hatte, fand man heraus, dass es sich bei dem Plot-Roboter um ein Nummernrädchen aus Karton handlete. Diese Schwindeleien gibt es noch immer. Dieser Tage kann man Schreib-Würfel erwerben, um sich beim Romanschreiben helfen zu lassen: Neun Würfel! 'Tausende Kombinationen, und du wirst nie wieder Angst vor dem leeren Blatt haben!'" Dass man sich dem Slop aber nicht einfach hingeben muss, ist für Lepore glaskar: "Zur Debatte steht, dass uns etwas Großes bevorsteht, das jemand Anderes, etwas Anderes, den Plot schreibt. Aber sollten wir das nicht tun? Denn bislang ist der Plot einfach Slop."

Frederic Edwin Church: "Heart of the Andes". 1859. Metropolitan Museum of Art. Bild: Wikipedia

Einst galt Frederic Edwin Church, ein wichtiger Vertreter der Hudson River School, als einer der erfolgreichsten amerikanischen Nationalkünstler, der den Amerikanern die Illusion der Unschuld schenkte. Um 1900 war er fast vergessen. Zum 200. Geburtstag überlegt der Kunsthistoriker Sebastian Smee, auch mit Rückgriff auf Victoria Johnsons gerade erschienene Church-Biografie "Glorious Country", woher das plötzliche Desinteresse an Churchs detailreichen Panoramalandschaften kam. Seinen Bildern eignete stets etwas Moralisches, er wollte "helfen, Amerikas 'starke Linien' wiederherzustellen, die er als republikanisch, abolitionistisch, christlich und wissenschaftlich betrachtete. Wie Humboldt glaubte er, dass Wissenschaft und Religion miteinander vereinbar seien." Humboldts Spuren folgend, reiste er durch die Anden und schuf sein Meisterwerk: "Die Fülle an präzise wiedergegebenen Details in 'Das Herz der Anden' ist faszinierend und erinnert an die zwanglosen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Romantik in jenen Jahren. So wie Emerson geschrieben hatte, dass 'jede Erscheinung in der Natur einem bestimmten Geisteszustand entspricht', sorgte Church dafür, wie die Kunsthistorikerin Rebecca Bedell über das Gemälde sagte, dass 'fast jedes bildliche Detail sein Gegenstück in Humboldts Worten hat'." Zudem war Church der "erste große amerikanische Maler, der es sich zur Aufgabe machte, Europa zu brüskieren; er wuchs weder dort auf noch wurde er dort ausgebildet und betrat den Kontinent erst, als sein Ruf bereits lange etabliert war. Doch er verließ sich weiterhin stark auf europäische Bildkonventionen, vor allem auf die des romantischen Erhabenen." Das könnte seinen Fall begründet haben, glaubt Smee, denn Europas schiere kulturelle Bedeutung verstärkte "Amerikas Trennungsdrang".

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - New Yorker

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So bahnbrechend, wie sich die Gründerväter der USA das vorgestellt haben, waren Revolution und Unabhängigkeit vielleicht doch nicht, denkt der Historiker Daniel Immerwahr nach Lektüre von "Republic and Empire" von Andre Jackson O'Shaughnessy und Trevor Burnard, das die amerikanische Revolution aus britischer Perspektive beleuchtet, und "Freedom Round the Globe" von Sarah Pearsall, das ihre Spuren rund um den Globus verfolgt: "Die amerikanischen Siedler haben die britische Monarchie nicht gestürzt, sie sind ihr nur entkommen. Doch könnten sie immerhin dafür verantwortlich sein, dass andere Könige sich nicht halten konnten. Das zumindest glaubten sie: Dass ihre Ideen Revolutionen entzündeten." Doch anscheinend verdanken sich die Entstehung der USA mehr einem riesigen historischen Kuddelmuddel, auf das die Revolutionäre wenig Einfluss hatten. Ganz abgesehen davon, dass am Ende eben doch nicht "alle Menschen frei geboren" waren - jedenfalls nicht so lange, wie die Sklaverei abgeschafft war, was die amerikanische Revolution für Immerwahr und die Buchautoren zu entwerten scheint. "Gegen Ende seines Lebens schrieb Jefferson an Adams, dass 'die am 4. Juli 1776 entfachteten Flammen' sich 'über einen zu großen Teil der Welt ausgebreitet hätten, um gelöscht zu werden'. Das ist eine vertraute Vorstellung: die Vereinigten Staaten, die die Welt erleuchten. Die Bücher von Burnard, O'Shaughnessy und Pearsall kehren den Blickwinkel um und zeigen die Revolution von außen. In diesem Licht erscheint sie anders: weniger transzendent, stärker von historischen Kräften gezeichnet. Vielleicht ist das in Ordnung. Seit 1776 haben die Amerikaner darauf bestanden, dass sie die Protagonisten der Weltgeschichte seien. Nach dem Zweiten Weltkrieg katapultierten sie sich tatsächlich in eine Position der Vorherrschaft. Dies war eine weitere Wendung des Schicksals oder der Launen des Zufalls, doch viele Amerikaner nahmen dieses enorme Glück als ihr rechtmäßiges Anrecht wahr. Dieser historische Egoismus beflügelte ihre kühnsten Ambitionen. War das gesund? Jeffersons Vision von amerikanischen Flammen, die den Planeten entzünden, wirkt heute anders. Man könnte es heutzutage jemandem verzeihen, wenn er sich wünschte, die Vereinigten Staaten würden in den Weltangelegenheiten eine etwas weniger zentrale Rolle spielen. Dass ihre Bewohner ein Volk unter vielen wären, genau wie alle anderen auch."

Magazinrundschau vom 21.04.2026 - New Yorker

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Anthony Lane liest die neue Vermeer-Biografie des britischen Kunsthistorikers Andrew Graham-Dixon und folgt einer interessanten These: Ist das Werk des für seine intimen Genreszenen berühmten Delfter Barockkünstlers vor dem Hintergrund der Remonstranten zu deuten? Maria de Knuijt und Pieter Claesz van Ruijven, Mäzene Vermeers, die zwanzig seiner Werke besaßen, gehörten jedenfalls der protestantischen Glaubensgemeinschaft an - und der Katholik Vermeer könnte dadurch beeinflusst gewesen sein, liest Lane: So "zeigt 'Eine schlafende Magd' (oder 'Eine betrunken schlafende Magd an einem Tisch', wie es bei der Versteigerung im Jahr 1696 beschrieben wurde) keine junge Hedonistin, die es mit dem Alkohol übertrieben hat, wie man aus dem Glas vor ihr schließen könnte, sondern jemanden, der gerade sein Herz vor Gott entblößt hat. Ihr flüchtiges Lächeln sollte als selige Verzückung gedeutet werden. Was das Glas betrifft, so handelt es sich um Messwein. In diesem Sinne kann Graham-Dixon auch eine Erklärung liefern, falls Sie Vermeers 'Frau mit Waage' in der National Gallery in Washington, D.C. gesehen haben und sich fragten, weshalb die Waage leer ist. Er weist auf die Juwelen auf dem Tisch vor ihr hin und sagt, dass sie diese abgelegt und niedergelegt hat, um ihren weltlichen Besitztümern zugunsten höherer Schätze besser entsagen zu können: 'Sie hat ihr Gewissen auf die Waage gelegt und festgestellt, dass es so leicht ist, dass es schwerelos ist. Sie hat nichts Böses getan, trägt keine Last der Sünde.'" Für Graham-Dixon könnte "'ein solches Bild klar und direkt zu den frommen Frauen gesprochen haben, die sich in Maria de Knuijts Haus versammelt hatten, ihren Gebeten Gestalt und Richtung gegeben und vielleicht auch als Katalysator für ihre Diskussionen oder freien Prophezeiungen gewirkt haben.' Das mag sein, doch ich möchte fragen: Wie hätte diese katalytische Wirkung in der Praxis funktioniert? Hat jemand die versammelten Gläubigen durch die Bedeutung jedes Gemäldes geführt, wie ein Lehrer an der Tafel? Oder waren alle Anwesenden ausreichend in Vermeers Symbolik geschult?" Vielleicht war es auch durch Bibellektüre geschulte Imagination?
Stichwörter: Vermeer, Jan

Magazinrundschau vom 14.04.2026 - New Yorker

Andro Wekua, Untitled, from Some Pheasants in Singularity, 2014. © Andro Wekua. Courtesy the artist, Gladstone Gallery and Sprüth Magers. Photo: Stephen White


Das New Yorker New Museum hat mit einem Erweiterungsbau von Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu neu eröffnet und Zachary Fine erfasst für den New Yorker das Gruseln in der Ausstellung "New Humans: Memories of the Future". Heute Mensch sein heißt, immer schon schauerliche Symbiosen mit der Technik eingehen zu müssen, menschlich ist daran wenig, denkt er sich: "Die verstörendste Figur ist ein blondes Püppchen, bei dem es so aussieht, als würde es sich mit einem Spiegel erhängen statt mit einem Strick. Sie hat einen bionischen Arm, trägt silberne Nikes und ein Schweißband und ist in eine Steckdose gestöpselt, weshalb ihre rechte Hand in regelmäßigen Abständen zuckt. Irgendwie ist der 'Gläserne Mensch' (1935), eine Leihgabe des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, dessen innere Organe alle sichtbar sind, am Ende das wohltuendste Exponat im Raum. Der tschechische Philosoph Vilém Flusser hat einmal die These aufgestellt, dass 'die Linse' - vom Teleskop bis zur Kamera - in Teilen für den Niedergang des Humanismus verantwortlich ist. Sie hat uns erlaubt, große Dinge, die weit weg waren, nah erscheinen zu lassen, und kleine Dinge, die nah waren, groß. Das hat unseren Sinn für unseren Ort im Universum verdreht. Ich hätte mir eine Version von 'New Humans' vorstellen können, die versucht hätte, Dinge zu reparieren, anstatt die verschiedenen Arten und Weisen zu katalogisieren, wie wir schrumpfende Ergänzungen zu unseren Maschinen werden. Aber vielleicht gehört die Zukunft nicht mehr der Kunst. Was ist der Untertitel der Schau - 'Memories of the Future' - wenn nicht eine Elegie?"

Außerdem: Ronan Farrow und Andrew Marantz fragen sich, ob man Sam Altman trauen kann. Kelefa Sanneh hört ohne jede Berührungsängste das neue Album von Kanye West. Justin Chang sah Steven Soderberghs "The Christophers" im Kino. In der neuen Ausgabe porträtiert Rebecca Mead den rumänischen Filmregisseur Radu Jude. Und David Remnick zeichnet in einem Kommentar Donald Trump als Irren, der die USA und die Welt in den Abgrund zu reißen droht.

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - New Yorker

Auch in jüdischen Gemeinden in den USA verhärten sich die Fronten zwischen pro-israelischen und pro-palästinensischen Gruppen immer mehr, wozu auch die tödlichen Anschläge auf Juden nach dem 7. Oktober in Amerika beitrugen, berichtet Eyal Press. Bei einer Diskussionsrunde in der New Yorker B'nai Jeshurun-Synagoge gab der Rabbi Elliot Cosgrove zu verstehen, "seine größte Sorge sei, dass das jüdische Volk in einer Zeit, in der es ihm nicht an äußeren Feinden mangele, 'sich selbst Feinde schafft'. Er rief dazu auf, 'Großzügigkeit des Geistes' zu zeigen. Es war eine von Herzen kommende Botschaft, aber eine etwas überraschende von einem Rabbiner, der erst kürzlich selbst die Spannungen unter den Juden angeheizt hatte. Einige Monate zuvor hatte Cosgrove eine Predigt über Mamdani gehalten und darauf bestanden, dass der Kandidat aufgrund seiner Ablehnung des Zionismus 'eine Gefahr für die Sicherheit der jüdischen Gemeinde in New York' darstelle. Cosgroves Predigt inspirierte einen Brief von Rabbinern, in dem Mamdani angeprangert wurde. Darin wurden die Amerikaner aufgefordert, 'sich für Kandidaten einzusetzen, die antisemitische und antizionistische Rhetorik ablehnen und Israels Existenzrecht bekräftigen'. Obwohl der Brief mehr als tausend Unterschriften sammelte, war er umstritten. Viele Rabbiner weigerten sich, ihn zu unterzeichnen, weil sie der Ansicht waren, dass religiöse Führer sich nicht in eine Wahl einmischen sollten. Andere befürchteten, dass die gezielte Kritik an Mamdani Islamfeindlichkeit schüren könnte. Wieder andere sorgten sich, dass der Brief mit dem Titel 'Ein Aufruf der Rabbiner zum Handeln: Verteidigung der jüdischen Zukunft' die 'jüdische Zukunft' tatsächlich sabotieren würde, indem er junge Juden, die von Mamdani begeistert waren, vor den Kopf stoße." Es sei "'unmöglich geworden, über Antisemitismus zu sprechen, ohne dass dabei der Israel-Palästina-Konflikt zur Sprache kommt', stellt Dov Waxman, Politikwissenschaftler und Professor für Israelstudien an der U.C.L.A, fest. ... Die Auseinandersetzung um Mamdani ist 'ein Mikrokosmos der größeren Debatte', meint er. 'Sollten wir uns Sorgen machen über antizionistische Äußerungen und Slogans wie 'Globalisiert die Intifada', oder sollten wir Mamdani als Verbündeten betrachten, weil angesichts des zunehmenden christlichen Nationalismus und einer rassistischen extremen Rechten vor allem ein Bündnis gebraucht wird?'"

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - New Yorker

Geld regiert die Welt? Adam Gopnik bezweifelt es - auch nach Lektüre von Richard Vagues hoch interessantem Buch "The Banker Who Made America: Thomas Willing and the Rise of the American Financial Aristocracy, 1731-1821", das sich der Frage widmet, wer eigentlich die amerikanische Unabhängigkeit finanziert hat und wie. Der Kaufmann Thomas Willing wusste, wie er das von den Briten oktroyierte System ausdribbeln konnte: "Die wirklich politische Frage war, ob maritime Händler wie Willing - erzürnt ob der britischen Unterdrückung aber mit wenig Lust auf eine politische Revolution - sich am Ende auf die Seite der Radikalen und Idealisten schlagen würden. Vague macht klar, dass Willing nicht wollte. Als widerwilliger Delegierter des Kontinentalkongresses 1775 und 1776 stimmte er gegen die Unabhängigkeitserklärung und zog sich dann in sein Privatleben in Philadelphia zurück. Und trotzdem haben er und sein Geschäftspartner Morris in den nächsten Jahren weiterhin eine zentrale Rolle gespielt, als es um die Finanzierung der Rebellen ging, selbst wenn Willing eine zögernde Distanz zum revolutionären Anlass hielt." Was genau taten diese soliden konservativen Geschäftsleute? Sie nutzten ihren guten Ruf, "um eine radikale Sache zu finanzieren. Sie weiteten die etablierte Praxis der Kreditgewährung für Schiffe auf See aus: Sie nahmen Wechsel entgegen, die in den Häfen von Frankreich und Amsterdam zahlbar waren, und verkauften diese oder nahmen gegen sie Kredite in den Kolonien auf, um Uniformen, Waffen und Pferde zu bezahlen. Im Grunde genommen nutzten sie den Kredit, den sie im Ausland hatten - Amsterdam war damals so etwas wie das Hongkong jener Zeit -, und setzten ihn vor Ort ein, um Washingtons Armee zu unterstützen. ... Es ist erstaunlich zu sehen, dass die Finanzgewohnheiten, die wir als neu und dekadent ansehen - all das Papiergeld, all das Risikokapital, all das unversicherte Risiko -, bereits bei der Gründung vorhanden waren. Es liegt sogar ein Hauch von Kryptowährung in der Leichtigkeit, mit der Willing und Morris Papiergeld in Umlauf brachten, das durch nichts anderes als ihre eigene Bürgschaft gedeckt war. Doch am Ende neigt man mehr denn je dazu, die Ideen zu respektieren, die die Zinssätze antrieben, mehr als die Zinssätze, die die Ideen antrieben. ... die Finanzen waren vor allem deshalb von Bedeutung, weil sie halfen, Uniformen zu nähen und Waffen zu beschaffen, nicht weil sie die Männer zum Kämpfen brachten. Ein Grund, warum wir nicht immer dem Geld folgen, ist, dass es nicht immer entscheidend ist. Washingtons Armee blieb eine provisorische Streitmacht, unterstützt durch Material, aber getragen von der Moral."

Magazinrundschau vom 24.03.2026 - New Yorker

Nachdem Trump beschlossen hat, Kuba eine Blockade aufzuerlegen, ächzt die Insel unter Engpässen und politischer Unsicherheit. Die Regierung trägt auch nicht dazu bei, die Bevölkerung zu entlasten, wie Jon Lee Anderson beobachtet: "Die Verzweiflung der kubanischen Regierung hat Aktionen befeuert, die das Land noch weiter von einflussreichen Freunden entfremdet haben. Im November haben sie die Devisenkonten der ausländischen Botschaften und Unternehmen gesperrt, anscheinend, weil sie das Geld brauchten. Ein Bekannter, der enge Verbindungen zur Parteielite hat, erzählte mir, dass ihm sieben Millionen Dollar beschlagnahmt wurden, was sein Unternehmen gelähmt habe. Für andere war es noch schlimmer, sagte er: Er hatte von Firmen gehört, die den Zugang zu Summen im zweistelligen Millionenbereich verloren hatten. Er zuckte mit den Schultern. 'Weißt du was?', sagte er, 'Ich gehe nicht davon aus, das Geld wiederzubekommen.' Am Ende unseres Treffens umarmte er mich und flüsterte mir die Prognose für das Regime ins Ohr 'Es ist vorbei.' Wenn ich mich mit Kubanern über die Krise unterhalten haben, sprachen viele euphemistisch über 'Veränderung'. Manche bezogen sich auf die US-Invasion in Venezuela, wo dem Vizepräsidenten Delcy Rodríguez und anderen Anführern des Regimes erlaubt wurde, an der Macht zu bleiben, solange sie sich Trumps Bedingungen fügen. Ein einflussreicher Kubaner sagte mir, dass das venezolanische Modell einen großen psychischen Einfluss ausübt, denn es zeigt, dass es pragmatische Veränderungen geben kann, ohne dass das Regime abgesetzt werden muss. 'Ich meine nicht, dass sie etwas ähnliches tun sollten wie in Caracas, mit Helikoptern einfliegen und Leute erschießen', befand er. 'Aber der Fakt, dass sie dort Menschen gefunden haben, mit denen sie arbeiten konnten, lässt die Idee aufkommen, dass etwas ähnliches auch hier möglich ist. Ein früherer Bediensteter von Chávez und Madura merkte an, dass die Situation in Venezuela nicht erstrebenswert ist. Er erzählte mir spöttisch: 'Venezuela wird gerade zum Puerto Rico des 21. Jahrhunderts' - im Grunde eine amerikanische Kolonie, geleitet von einem bekennenden Sozialisten in Kooperation mit einem rechten amerikanischen Präsidenten. 'Wer hätte sich das vorstellen können?', fragte er. 'Es ist so bizarr.' Und trotzdem bietet es den Kubanern Hoffnung, dass ihr Leben ohne zu viel Aufruhr verbessert werden kann. Ein europäischer Diplomat auf der Insel meinte zu mir: 'Wegen Venezuela denken die Leute hier jetzt, dass sie ausharren können, trotz allem.' Aber, fragte er, 'wer wird dieses Land in einer pro-kapitalistischen, pro-US-amerikanischen Weise regieren? Wer ist unser Delcy?'"

Außerdem: Jill Lepore fragt sich, ob Künstliche Intelligenz eine Verfassung braucht. Hilton Als berichtet von der Whitney Biennale.

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - New Yorker

Während das Studium der Klassischen Philologie im Westen in der Krise steckt - allein in den letzten sechs Jahren haben etwa zehn Hochschulen ihre Institute geschlossen, erfahren wir, boomen die alten Griechen und Römer plötzlich in China, und das obwohl westliche Gesellschaften als "Höllenlandschaften" gelten und Mao Zedong die Antike einst als "feudale Schlacke" bezeichnete, staunt Chang Che: "Die Gründe für diese Begeisterung sind umstritten, doch die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass chinesische Beamte die westlichen Klassiker als Ergänzung ihrer Politik betrachten. In den letzten Jahren hat Xi Jinping das 'kulturelle Selbstbewusstsein' zu einem Eckpfeiler der nationalen Politik gemacht und damit den Stolz auf chinesische Traditionen und Werte zum Ausdruck gebracht. In ganz China schießen archäologische Museen und Ausstellungen wie Pilze aus dem Boden, und vernachlässigte Dörfer werden zu detailgetreuen Kulissen alter Städte umgestaltet. An den Universitäten war das Studium altchinesischer Texte traditionell auf verschiedene Disziplinen verteilt; nun versuchen die Universitäten unter staatlicher Anleitung, diese Forschung in neuen klassischen Instituten zu bündeln, wo - so eine Theorie - alte Wahrheiten bewahrt und weitergegeben werden können." Bei der Einweihung eines Zentrums der Chinesischen und Griechischen Zivilisationen wurde ein Brief von Xi Jinping verlesen, der denn auch offenlegte, wie Xi sich den Umgang mit dem westlichen Kulturerbe vorstellt: "'Wie einander von beiden Enden des eurasischen Kontinents entgegenstrahlend', hatte Xi geschrieben, 'sollten China und Griechenland zusammenarbeiten, um den gegenseitigen Wissensaustausch zu fördern.' Das Schreiben verankerte die Idee, dass der moderne Westen - geprägt von Liberalismus, Konstitutionalismus und Mehrparteiendemokratie - konzeptionell vom antiken Westen, repräsentiert durch Griechenland und Rom, zu trennen sei. Im Bestreben Chinas, seine Zivilisation zu entwickeln, galt der moderne Westen als ideologischer Gegner, der antike Westen hingegen als potenzieller Verbündeter."

Magazinrundschau vom 24.02.2026 - New Yorker

Der Bialowieza-Nationalpark in Polen ist der letzte Tiefland-Urwald in Europa, seit vier Jahren wird hier an der Grenze zu Belarus eine aufwendige Grenzmauer errichtet, die die Region zu einem Krisenherd von Migrationsbewegungen macht, wie Elizabeth Flock für den New Yorker berichtet. Polen hat das Asylrecht ausgesetzt, mit schwerwiegenden Folgen, auch für die humanitäre Hilfe, deren Vertreter Flock in der Waldregion begleitet: "Als wir zum Auto zurückgingen, sprintete vor uns ein junger Mann mit dunklem, lockigen Haar in die Büsche. Es war erschütternd. Hier, mitten im Bialowieza-Nationalpark - einem Urwald, einem Touristenziel, ein Ort, an dem polnische Dörfler Pilze sammeln, um sie in Butter und Salz zu braten - ist ein Mann auf der Flucht vor der Grenzpatrouille. Ein Einwohner hatte das Dorf Bialowieza mit Twin Peaks verglichen, weil nichts hier Sinn mache. 'Bitte nicht die Polizei rufen', flüsterte der Mann auf Englisch, die Hände erhoben, als wir uns ihm näherten. Er kam aus Afghanistan, aber er war nicht derjenige, der die Helpline angerufen hatte. Seine Sneaker fielen auseinander, aber er war warm angezogen und trug einen einzelnen, zerrissenen Handschuh. Er sagte, er sei auf der Suche nach dem Auto seines Schmugglers. (…) Niemand weiß, wie viele Migranten in Belarus gefangen sind. Die Organisation Hope & Humanity Poland schätzt, dass es sich um Tausende handelt. Helfer sagen, seit dem Bau der Mauer findet die wahre Krise außer Sichtweite statt." Die Migrationskrise und der Krieg in der Ukraine sind eng miteinander verbunden, vermutet der belarusische Oppositionspolitiker Franak Viacorka. "Er ist einer von vielen Leuten, die glauben, dass Russland in Kollaboration mit Belarus diese Krise orchestriert hat. Die Situation, sagte er, ist 'sehr vorteilhaft für Russland, weil die EU, statt die Ukraine zu unterstützen, Geld für den Grenzschutz ausgibt.' Die polnische Grenzmauer allein kostet hunderte Millionen Dollar. Und, fügte er hinzu, die Krise hat Russland geholfen, die EU zu diskreditieren und sie für die unmenschlich aussehen zu lassen, die vor Gewalt fliehen."

Weiteres: Rachel Aviv berichtet über den Fall Gisèle Pelicot. Tad Friend stellt den Demokraten James Talarico vor, der hofft, die nächsten Wahlen in Texas zu gewinnen. Ian Buruma überlegt, warum Fußballspiele heute oft mit soviel Gewalt und Chauvinismus einhergehen. Anahid Nersessian liest eine neue Biografie über den "Perlentaucher" Walter Benjamin. Und Zachary Fine porträtiert den jung verstorbenen Künstler Noah Davis.
Stichwörter: Migration, Migrationskrise, Polen

Magazinrundschau vom 03.03.2026 - New Yorker

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Shere Hite ist heute fast vergessen, obwohl sie in den 1970er Jahren millionenfach verkaufte Bücher zur weiblichen Sexualität vorgelegt hat. Margaret Talbot sieht für den New Yorker Nicole Newnhams Doku "The Disappearance of Shere Hite" und liest Rosa Campbells Buch "The Book that Taught the World to Orgasm and Then Disappeared" über eine Frau, die Sexualität immer im Zusammenhang mit den Geschlechterrollen im Großen und Ganzen gesehen hat und deren Werk vielleicht auch deswegen irgendwann dem Vergessen überantwortet wurde: "Für Hite war das Verständnis davon, wie Sex tatsächlich für Menschen funktioniert, oder auch nicht, Schlüssel, um Geschlechterrollen insgesamt besser zu verstehen. 'Die Rolle einer Frau beim Sex', schrieb sie, 'spiegelt ihre Rolle in der restlichen Gesellschaft'. Vielleicht, dachte sie, würde eine anonyme Umfrage ihr die Erkenntnisse liefern, nach denen sie suchte. Ab 1972 war Hite in Manhattan auf ihrem Motorrad unterwegs, ihr 'Vintage-Spitzenmantel flatterte hinter ihr her', wie Campbell schreibt, und hielt an, um Fragebögen an alle Frauen auszuteilen, die einen nehmen würden. Sie schickte Fragebögen an Zweigstellen von Frauenorganisationen und Frauenzentren von Universitäten und platzierte Hinweise darauf in Kirchen-Newslettern und Magazinen wie Mademoiselle und Bride's. Am Ende hat sie von mehr als 3000 Frauen aus fast allen Staaten Antworten bekommen. Abgesehen vom Auswahl-Bias war das ein beeindruckendes Ergebnis für eine FSK-18-Klausur, die niemand hätte schreiben müssen. Frauen haben Fragen zu allem, von ihren ersten sexuellen Erfahrungen bis zum Einfluss des Alterns auf ihr Sexleben, beantwortet. (…) Besonders augenöffnend im 'The Hite Report' war jedoch, dass siebzig Prozent der Frauen in ihrer Stichprobe bei heterosexuellem Sex nicht regelmäßig zum Orgasmus kamen, während diverse Formen klitoraler Stimulation, inklusive Masturbation, zuverlässig dazu führten. Dieses Ergebnis hat within dominante Annahmen auf den Kopf gestellt: Dass die Orgasmen von Frauen schwieriger zu erreichen und inherent schwächer wären als die von Männern und das sein ausbleibender vaginaler Orgasmus Zeichen einer neurotischen Blockade wären, die man am besten psychologisch behandeln sollte."

Weiteres: Jill Lepore graust es jetzt schon vor der 250-Jahr-Feier der Gründung der USA - ein Blick zurück auf deren Geschichte hilft auch nicht. Hilton Als besucht eine Ausstellung des französischen Fotografen Eugène Atget im International Center of Photography in New York. Justin Chang sah im Kino zwei Dokumentarfilme: Gianfranco Rosis "Pompei: Below the Clouds" and Werner Herzogs "Ghost Elephants".