Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

638 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 64

Magazinrundschau vom 18.09.2018 - New York Times

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins untersucht Matthew Desmond den amerikanischen Arbeitsmarkt und den Glauben daran, dass Jobs die Lösung des Armutsproblems sind: "In den vergangenen Dekaden hat das enorme wirtschaftliche Wachstum in den USA nicht zu breitem sozialem Auftrieb geführt. Wirtschaftswissenschaftler nennen es die 'Produktivitäts-Gehalts-Lücke': Der Umstand, dass 40 Jahre wirtschaftliches Wachstum keine wirtschaftliche Verbesserung bei Arbeitern ohne Universitätsabschluss bewirken. Seit 1973 stieg die Produktivität in den USA um 77 Prozent, der Stundenlohn nur um 12 Prozent. Nach Maßgabe der Produktivität müsste der Mindestlohn bei mehr als 20 Dollar liegen, nicht wie tatsächlich bei 7,25. Amerikanische Arbeiter profitieren nicht von dem Wachstum, das sie mit generieren. Das Aussterben der Gewerkschaften ist ein Faktor. Im 20. Jahrhundert ging mit ihrer Verbreitung die Ungleichheit zurück. Heute haben wirtschaftliche Veränderungen und politische Attacken die organisierte Arbeiterschaft dezimiert, Unternehmensinteressen gestärkt und die Basis geschwächt. Diese unausgeglichene Wirtschaftslage erklärt die Stagnation der Armutsrate trotz steigender Sozialausgaben. Sozialprogramme nützen durchaus, sie helfen Millionen Familien über die Armutsgrenze. Aber der effektivste Weg aus der Armut ist ein gut bezahlter Job, und die sind rar geworden. Heute verdienen 41,7 Millionen Arbeiter, fast ein Drittel der Gesamtarbeitskraft der USA, weniger als 12 Dollar die Stunde, bei fehlender Krankenversicherung."

Außerdem: Willa Paskin schaut die neue Serie der "True Detective"-Macher auf Netflix. Caity Weaver stellt die furchtlose Comedian Maya Rudolph vor. Und in einem Auszug aus dem letzten Band seines autobiografischen Projekts denkt Karl Ove Knausgard darüber nach, was es heißt, über ein Ich zu schreiben.
Stichwörter: Armut, Arbeitsmarkt, Löhne

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - New York Times

David Streitfeld legt ein sehr lesenwertes Porträt über die junge Juristin Lina Khan vor, die durch den Artikel "Amazon's Antitrust Paradox" im Yale Law Journal sehr großes Aufsehen erregte. Der Artikel ist bereits über 100.000mal abgerufen worden - eine astronomische Zahl für einen wissenschaftlichen Text. Für kartellrechtliche Maßnahmen ist es nötig nachzuweisen, dass die Marktmacht eines Unternehmens den Kunden schadet. Das ist trotz seiner pharaminösen Größe bei Amazon auf den ersten Blick nicht der Fall, denn Amazon konkurriert durch niedrige Preise. Khans Artikel argumentiert nun, "dass Monopolregulatoren, die sich auf Verbraucherpreise konzentrieren, zu kurzfristig denken. Nach Ansicht Khans hat ein Unternehmen wie Amazon - also eines, welches Dinge verkauft und mit anderen konkurriert, die ebenfalls Dinge verkaufen, und welches zugleich die Plattform bereitstellt, wo dieser Handel stattfindet - einen inhärenten Vorteil hat, der den fairen Wettbewerb untergräbt. "Die langfristigen Interessen der Verbraucher sind Produktqualität, Vielfalt und Innovation - Faktoren, die am besten durch einen robusten Wettbewerbsprozess und offene Märkte gefördert werden", schreibt sie." Der Artikel hat laut Streitfeld bereits eine lebhafte Debatte ausgelöst - Streitfeld setzt viele Links.
Stichwörter: Amazon, Monopole, Monopolrecht

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - New York Times

Aus der Frühjahrskollektion 2019, mehr bei der Vogue
Vor 40 Jahren begann die japanische Modedesignerin Rei Kawakubo, Gründerin des Labels Comme des Garçons, auch Männerkleidung zu entwerfen. Anders als bei den Frauen verzichtete sie bei den Männern trotz aller Verspieltheit nie auf Funktionalität. Klassisch würde man ihre Männermode dennoch nicht nennen, denkt sich dankbar Alice Gregory, die Kawakubo traf: "Die männliche Begeisterung für Comme des Garçons ist, zumindest teilweise, Dankbarkeit für die Verflüssigung geschlechtsspezifischer Rollen, die in den letzten Jahren Mainstream wurde, davor aber jahrzehntelang praktisch nur von Kawakubo verfochten wurde. Sie schrumpfte Anzugjacken, machte hübsche (kein anderes Wort dafür) Röcke aus Gabardine und heftete Schulmädchen-Kragen auf ansonsten bürotaugliche weiße Button-Down-Hemden. Sie ermöglichte es Männern, sich von der Gesellschaft zu distanzieren, während sie gleichzeitig drin blieben. Fast ein Jahrhundert lang gab es wenig bis gar keine Innovation in der Herrenbekleidung. Dann erschien plötzlich Kawakubo, wie ein Zauberin, die eine neue und freizügigere Art des Erscheinens in der Welt anbot, die nicht nur die Mode veränderte, sondern, in kleinem Maßstab, auch die Männlichkeit selbst."
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Magazinrundschau vom 21.08.2018 - New York Times

Im aktuellen Heft des Magazins rekapituliert Nicholas Confessore, wie sich die Tech-Konzerne in den vergangenen zehn Jahren die ameirkanische Politik in die Tasche gesteckt haben: "In Washington und den Hauptstädten der Bundeststaaten hat die Kombination aus Reichtum, Prestige und Ignoranz die Tech-Industrie unschlagbar gemacht. Und dabei hat das Silicon Valley die Politik selbst transformuert. Während Aktivisten wie Mactaggart überlegten, wie sie den Kampf gegen die Datenindustrie angehen sollten, sah das politische Establishment der USA seine eigene Zukunft in Unternehmen wie Google und Facebook. Die Überwachungskapitalisten helfen nicht einfach, ein paar mehr Deos zu verkaufen, sie haben die mächtigsten Werkzeuge entwickelt, um Wahlen zu gewinnen. Ungefähr die gleiche Technologie, mit deren Hilfe Obama gewählt wurde, ein pragmatischer Liberaler, der eine offenere Gesellschaft und wohlmeinende Globalisierung versprach, aber auch Trump, ein scharfer Nationalist, der geschickt die sozialem Medien nutzt, um rassistische Panik zu schüren, und der sich daran macht, die von den USA dominierte Weltordnung zu zertrümmern."

Außerdem stellt David Quammen den 2012 verstorbenen Mikrobiologen Carl Woese vor, der in den 70ern unser Bild vom Ursprung der Welt und von der Evolution auf den Kopf stellte, als er die Archaeen einführte (als dritte Domäne neben den Bakterien und den Eukaryoten) und die RNA der DNA überordnete: "Woese war ein Rebell seiner Zunft, undurchsichtig, aber genial, getrieben. Er hatte seine 15 Minuten Ruhm auf der Titelseite der Times, um dann für 35 Jahre wieder in seinem Labor in Urbana, Illinois zu verschwinden. Aber er ist der wichtigste Biologe des 20. Jahrhunderts, den keiner kennt. Er stellte grundsätzliche Fragen, die außer ihm niemand stellte, und erdachte einer Methode, plump und gefährlich, aber effektiv, um diese Fragen zu beantworten. Schließlich begründete er einen neuen Wissenschaftszweig … Wir sind nicht die, für die wir uns halten, sondern Mischwesen … Evolution ist komplizierter, der Lebensbaum verzweigter, Gene bewegen sich nicht nur in vertikaler Richtung, sondern auch seitwärts über Spezies-Grenzen und größere Gräben hinweg. Einige sind sogar seitlich aus Nicht-Primaten-Quellen in unsere Linie, die Primaten-Linie gelangt. Es ist wie das genetische Äquivalent der Bluttransfusion oder eine Infektion, die ihre Identität wechselt. Die Forschung nennt es 'ansteckende Vererbung'. Solche Erkenntnisse sickerten in den 1970er Jahren in die wissenschaftlichen Journale, aber nur selten in die nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit. Sie fordern uns heraus, unser grundsätzliches Verständnis von uns selbst zu hinterfragen. Wenn wir dafür einen Schuldigen suchen: Hier ist er."


Außerdem: Dan Amira interviewt Jerry Seinfeld und entlockt ihm den besten Witz der Welt. Und Nicholas Confessore trifft drei Leute aus der Bay Area, die das Geschäftsmodell von Facebook und Google juristisch auseinandernehmen.

Magazinrundschau vom 14.08.2018 - New York Times

Siebzehn Jahre dauert, mit mehr oder weniger Intensität, der amerikanische Einsatz in Afghanistan, und fast genau so lang der Einsatz im Irak. Mehr als drei Millionen Amerikaner wurden in diesen Kriegen eingesetzt, 7.000 sind ums Leben gekommen. C. J. Chivers schildert diesen Krieg aus Sicht eines jungen einfachen Soldaten, der gerade mal ein paar Jahre alt war, als das World Trade Center in New York angegriffen wurde. Die Bilanz der Kriege ist für Chivers absolut desaströs, auch in Nebeneffekten, die kaum je benannt werden: "Hunderttausende Waffen, die an angebliche Verbündete verteilt worden waren, sind verschwunden. Eine kaum zu beziffernde Anzahl befindet sich auf dem Markt oder in den Händen von Feinden Amerikas. Milliarden von Dollar, die Sicherheit schaffen sollten, gingen ebenso wohl an Pädophile, Folterer und Diebe. Nationale Polizeien oder Armeeeinheiten, die das Pentagon als wesentlich für die Zukunft ihrer Länder bezeichnet hatte, sind zerfallen. Der Islamische Staat hat Terrorangriffe in der ganzen Welt durchgeführt oder bezahlt, genau jene Art von Verbrechen, die der globale 'Krieg gegen den Terror' verhindern sollte."

Magazinrundschau vom 07.08.2018 - New York Times

Wer sich in diesem unendlichen Sommer das Gemüt abkühlen will, sollte Nathaniel Richs monumentalen (eng ausgedruckt 48 DIN A 4 Seiten) Artikel über die schon seit Jahrzehnten währende Auseinandersetzung um den Klimawandel lesen. Er konzentriert sich auf die amerikanische Diskussion, zeigt, dass der Klimawandel seit spätestens den fünfziger Jahren thematisiert wird und kommt zu dem Ergebnis, dass es nun schon fast zu spät ist - er wäre allerdings nicht Amerikaner, wenn er nicht auch optimistische Szenarien einschlösse (die übrigens auch Atomkraft beinhalten). Seine Helden sind einige engagierte Wissenschaftler, die unermüdlich seit Jahrzehnten auf das Problem hinweisen und lernen mussten, dass ein derart inkommensurables, zugleich übergroßes und ungreifbares Thema für die Politik äußerst schwer anzufassen ist. Rein faktisch ist schon längst alles klar, zeigt Rich am Vortrag eines seiner Helden, des Geophysikers Gordon Macdonald: "Um zu zeigen, was das CO2-Problem für die Zukunft hieß, begann MacDonald seine Präsentation, indem er mehr als ein Jahrhundert zurückging - zu John Tyndall, einem irischen Physiker und frühen Verfechter der Lehren Charles Darwins... Im Jahr 1859 fand Tyndall heraus, dass Kohlendioxid Hitze speichert und dass Variationen in der Zusammensetzung der Atmosphäre das Klima verändern konnten. Diese Befunde inspirierten Svante Arrhenius, einen schwedischen Chemiker und späteren Nobelpreisträger, der 1896 folgerte, dass die Verbrennnung von Kohle und Öl die globalen Temperaturen ansteigen ließen. Diese Erwärmung könnte im Laufe einiger Jahrhunderte spürbar werden, errechnete Arrhenius, oder früher, wenn der der Ölverbrauch weiter anstieg."
Stichwörter: Klimawandel

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - New York Times

Im aktuellen Heft des Magazins beschäftigt sich Robert F. Worth mit dem Imperium des indischen Yogi Baba Ramdev. Was steckt alles hinter dem religiösen Traditionalismus des Gründers, der mit Ayurveda-Kuren und Yoga-Camps zum Milliardär wurde? "Ramdev ist mehr als ein Heiliger, er ist der perfekte Bote einer aufsteigenden Mittelklasse, die nach religiöser Bestätigung hungert und genug hat vom sozialistischen, rationalistischen Erbe Jawaharlal Nehrus. Er hat sehr erfolgreiche Kampagnen gegen die Korruption geführt und den wirtschaftlichen Nationalismus gegen 'neokoloniale Schurken' ausgespielt. In gewisser Weise hat er den Hinduismus transformiert, indem er Patriotismus, Gesundheit und Religion darunter vereint hat. Es ist ein härterer Hindu-Nationalismus, der oft aggressiv gegen Indiens 172 Millionen Muslime auftritt … Auf seine Art ist er Indiens Antwort auf Donald Trump. Es wird spekuliert, ob er für den Posten des Premiers kandidieren wird. Wie Trump führt er ein Multimilliardendollar-Imperium, und wie Trump hat er eine starke Fernsehpräsenz, und seine Beziehung zur Wahrheit ist dehnbar. Außerdem lässt er keine Chance zum Branding aus, sein Name und sein Gesicht sind in Indien überall, auf Nudeln, Bodenreiniger und SIM-Karten … Oberflächlich betrachtet ist sein gesegnetes Auftreten von Trump meilenweit entfernt. Doch seine Aktivitäten bemänteln eine reaktionäre Kampagne zur Transformation der Nation. Fühlt er sich herausgefordert, zeigt er mit dem Finger auf 'korrupte' Mitglieder innerhalb der säkularen Elite. Letztes Jahr verhinderte ein Richter die Veröffentlichung einer kritischen Ramdev-Biografie und verhängte einen Maulkorberlass über die Autorin. Sie durfte das Buch nicht einmal in den sozialen Medien erwähnen. In gewisser Weise ist Ramdev mächtiger als jeder Premier. Vielleicht gehört er einer ganz neuen Kaste an; ein populistischer Tycoon, geschützt vor seinen Kritikern und sogar vor dem Gesetz durch eine riesige Gefolgschaft und den Ruf heiliger Absichten."

Außerdem: Taffy Brodesser-Akner sucht das Geheimnis hinter Gwyneth Paltrows megaerfolgreicher Wellness-Marke Goop. Und Stephen Kearse untersucht die Verwerfungen in postmodernen Partnerschaften.

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - New York Times

In einem Beitrag des aktuellen Magazines stellt Joel Lovell die amerikanische Bürgerrechtsunion ACLU vor. Seit der Wahl von Donald Trump sind sie plötzlich wieder "cool", so Lovell: "Zuvor wurde die ACLU mit ihrem Purismus in Sachen Meinungsfreiheit assoziiert oder mit linker Subversion. Etwas weniger plakativ wird die Union als Kollektiv von Verfassungsverteidigern betrachtet, das Verfahren führt und seine Newsletter an Ex-Hippies verschickt. Nach der Wahl stieg die Mitgliederzahl von 400.000 auf 1,85 Millionen, Spenden von 3 bis 5 Millionen stiegen auf über 120 Millionen Dollar … Seitdem hat ACLU 170 Aktionen gegen Trump angestrengt, Untersuchungen, administrative und ethische Beschwerden und Anforderung von Dokumenten nach dem Informationsfreiheits-Gesetz. Außerdem gab es 83 Verfahren, mehr als in jeder vergleichbaren Zeitspanne in der Geschichte der ACLU, in Sachen Imigration Transgender, Abtreibungsrecht, Meinungsfreiheit, Wahlrecht und Geburtenkontrolle …" Aber haben sie damit wirklich eine Chance gegen die Regierung? Allein das Justizministerium beschäftigt 11.000 Anwälte, lernt Lovell. Doch die ACLU verlässt sich nicht nur auf Prozesse. Sie hat von der erfolgreichsten Bürgerbewegung der USA gelernt: Der Waffenlobby NRA.

Für einen weiteren Artikel besucht Thomas Chatterton Williams Adrian Pipers große MoMA-Schau und stellt fest: "Pipers Arbeiten, unterhaltsam und streitlustig, wie sie sind, gehen von der Prämisse aus, dass Rassismus zunächst stets etwas Zwischenmenschliches ist, erst dann institutionell oder strukturell."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - New York Times

Jack Hitt erzählt die bizarre Geschichte des Bostoner Joyce-Experten John Kidd, der auszog, die ultimative Edition des "Ulysses" zu erschaffen - und sich im Klein-Klein eines Akademikerstreits verhedderte, um dann wie vom Erdboden zu verschwinden. Auch wenn Gerüchte intriganter Kollegen Kidd bereits für tot erklärten, fand der Reporter ihn quicklebendig in Rio de Janeiro: "Ich fragte ihn erneut zum perfekten 'Ulysses'. Er war so nah dran. In den 1960er Jahren und noch einmal in den 80ern. Was wurde aus seiner Arbeit in Boston? Warum können wir das Ding nicht einfach herausbringen, selbst, wenn es nicht ganz perfekt ist? Kidd erzählte mir eine Parabel. 'Es gibt die Gauchos und die Gauleiter, meinte er. Es handelt sich um eine gemischte Metapher, aber eine, die Kidds Weltsicht und die der Joyce-Gelehrten ganz gut einfängt. Gauchos waren argentinische Cowboys, Gauleiter waren Gemeinde-Bürokraten im Nationalsozialismus, gefährliche Appartschiks also. Die Gauchos reiten kühn durch die Landschaft des Verstehens. 'Sie schweifen durch die Pampa', so Kidd. Sie kümmern sich um ein riesiges Gebiet, mit dessen Weite sie vertraut sind. Zur gleichen Zeit am Rand der Pampas, in der Zivilisation, da sind die Gauleiter. Sie sind überall, geschäftig, übermächtig. Die Gauchos sind nur wenige, Bilderstürmer wie Kidd oder der vereinzelte Joyce-Fanatiker wie Jorn Barger, ein Universalgelehrter, der viele brillante Analysen zu Joyce auf seinem Weblog veröffentlichte. Aber all das zählt nicht, meint Kidd. Am Ende siegen stets die Gauleiter. Und weshalb? Wegen ihrer verbissenen Sorge um eine 'verwaltungsmäßige Wirtschaftlichkeit'."

In der Book Review der New York Times zollt Alan Rusbridger einem Urgestein des Journalismus Tribut. Die Autobiografie des investigativen Reporters Seymour Hersh vom New Yorker hält er für ein eigenes Reportageglanzstück: "Die beharrliche Recherche wird oft als Schuhsohlen-Journalismus bezeichnet - sich die Hacken ablaufen, statt zu googlen. Im Fall von Hersh bedeutete das lange Stunden in Bibliotheken zuzubringen oder auch in letzter Minute in ein Kaff zu fliegen, um einen widerborstigen Zeugen zu jagen. Es hieß, mitten in der Nacht an fremde Türen zu klopfen, zu lernen, Dokumente auf dem Kopf zu lesen, während man vorgab, sich Notizen zu machen, und pensionierte Generäle zu bearbeiten, Empathie zu zeigen, Vertrauen zu gewinnen … Es war hart zu sehen, wie Hershs Berichte von 2014 und 2017 über chemische Kriegsführung in Damaskus von dem britischen Blogger Eliot Higgins auseinandergenommen wurden, der Hershs Beschränkung auf einige wenige ungenannte Quellen kritisierte. Higgins gehört zu einer neuen Art Reporter, enzyklopädisch informiert über die Waffensysteme im Syrien-Konflikt, mit Videomaterial, allerhand Quellen und Satellitenfotos ausgestattet. Hersh nimmt solche Herausforderungen an und spricht von der 'Wahrheit, wie ich sie vorfand'. Die Erschöpfung des 80-Jährigen ist zu spüren, wenn er sagt: 'Ich erlaube der Geschichte gerne, meine jüngere Arbeit zu beurteilen' … Wir brauchen Reporter wie Hersh, Skeptiker, die an nichts einfach so glauben, die den schweren Weg gehen, um unter die Oberfläche von Glanz und Schrott, Täuschung und Manipulation zublicken. 'Wenn deine Mutter sagt, sie liebt dich, überprüf es', nach diesem Motto handelte Hersh … Werden Nachrichtenportale irgendwann noch einmal in der Lage sein, ihren Reportern die Resourcen und die Zeit zur Verfügung zu stellen, um die Art von Arbeit zu machen, wie Hersh sie in seinen besten Zeiten so großartig erbrachte?"

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - New York Times

Im aktuellen Magazin der New York Times geht Mattathias Schwartz den Todesfällen bei den Protesten in Kiew im Februar 2014 nach und berichtet, wie ein Team unabhängiger ziviler Ermittler mittels Videos und Autopsieberichten das Geschehen rekonstruieren und die Todesschützen unter den paramilitärischen Kräften von Präsident Janukowytsch ausmachen konnten: "Die Maidan-Proteste waren die Art von Aufruhr, wo durch öffentliche Unzufriedenheit und soziale Medien angeheizter Massenprotest eine Regierung ernsthaft in Schwierigkeiten bringt. Ob Gaza, Nicaragua, Türkei - die Reaktion der internationalen Gemeinschaft hängt stets davon ab, ob die Regierung die Gewalt rechtfertigen kann. Um zu vermeiden, als autoritär gebrandmarkt zu werden, muss die Regierung mehr tun, als die Menge zu kontrollieren, sie muss das Narrativ kontrollieren. Forensische Mittel, wie im Fall der Untersuchungen in der Ukraine, können entscheidend sein, wenn es darum geht, die Wahrheit herauszufinden … Sofort nach den Todesfällen begann die Desinformationskampagne in den sozialen Medien, laut Washington Post ein Werk des russischen Militärnachrichtendienstes GRU. In Fake-Accounts auf Facebook und auf dem russischen Äquivalent Vkontakte stellte der GRU die Proteste als Werk der bewaffneten Nationalisten dar. Der GRU schuf ferner Onlinegruppen, die die Abspaltung der Krim forderten. Das Ganze war eine Art Vorankündigung der russischen Einmischung in die US-Wahlen 2016."

Außerdem: Vanessa Grigoriadis stellt die düsteren Methoden der Nxivm-Sekte vor. Und Leora Smith hinterfragt die strittige forensische Methode der Blutspurenanalyse.