Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 20.02.2018 - New York Times

Für das neue Heft des Magazins liefert Karl Ove Knausgard einen literarischen Reisebericht aus dem Herzen Russlands. Was erzählen einander die Russen so? Knausgard folgt seinen inneren Bildern der Landschaft und trifft eine Frau von 102 Jahren, die das Zarenreich miterlebt hat: "Etwas, das ich mit Russland assoziiere und das ich immer habe sehen wollen, ist das archetypische russische Dorf aus den Romanen des 19. Jahrhunderts. Eine Ansammlung von Holzhütten, Zäunen und Gemüsegärten, Hühner, die herumlaufen, ein paar schattenspendende Bäume, ein langsam fließender Fluss, umgeben von endlosen Feldern. Oft auf meiner Reise habe ich solche Orte in der Ferne gesehen, zuerst auf dem Weg zu Turgenjews Haus, dann entlang der Bahnstrecke nach Kazan. Dann, als die typische Ansammlung von Häusern plötzlich wieder auftauchte, hielt ich an und stieg aus … Normalerweise schaue ich keinem länger als einige Sekunden in die Augen. Ich möchte niemanden bedrängen und vielleicht möchte ich auch nicht, dass man mich bedrängt. Aber kurz bevor wir die alte Frau verließen und ich sie ansah und sie mich, dachte ich, dass ich ihr in die Augen schauen sollte. Diese Augen, die die Welt zur Zeit der Zaren gesehen hatten und die Welt danach für hundert Jahre. Wir sahen einander lange an. Zuerst schien sie überrascht, als überlegte sie, was ich wohl wollte, doch dann, ganz langsam, begann sie zu lächeln. Mir kamen die Tränen, so wunderbar war dieses Lächeln."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - New York Times

Nellie Bowles berichtet von einem Modellprojekt in Puerto Rico: Puertopia oder Sol, ein Krypto-Utopia mit virtuellem Geld und Verträgen, die für jedermann einsehbar sind, initiiert von einem Dutzend Unternehmern aus der Bitcoin-Branche in den USA. Was wie ein neokolonialistischer Ansatz wirken könnte, hat handfeste Hintergründe: "Puerto Rico bietet unschlagbare Steuervorteile: Keine Einkommenssteuer, keine Kapital- oder Unternehmenssteuer, und alles, ohne die amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben zu müssen. Bis jetzt scheint die  Regierung die Krypto-Utopier willkommen zu heißen. Der Gouverneur wird auf der Gipfelkonferenz 'Puerto Crypto' der Unternehmer im März sprechen … Die Bewegung macht die frühere Generation von Steuerflüchtlingen nervös. Hedgefonds-Manager Robb Rill, der eine 'Selbsthilfegruppe' für Steuerflüchtige in Puerto Rico leitet, erklärt: 'Der Idee, 250.000 Morgen Land zu kaufen, um eine Krypto-Stadt in der Stadt zu errichten, kann ich nicht zustimmen.'"
Stichwörter: Bitcoin, Puertopia

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - New York Times

Im Magazin der New York Times berichtet Ronen Bergman, wie die Israelis Arafat nach dem Leben trachteten - und wie der ihnen immer wieder entwischte: "Als Reporter in Israel habe ich Hunderte Geheimdienstmitarbeiter und Angestellte des Verteidigungsministeriums gesprochen und Tausende geheime Dokumente gelesen, die eine verborgene Geschichte erzählen, die sogar für Israel überraschend klingt … Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Israel Attentate und gezielte Tötungen, oft unter Inkaufnahme ziviler Opfer, in einem Ausmaß vorgenommen wie kein anderer westlicher Staat. Aber ebenso bin ich auf eine lange Geschichte interner Debatten gestoßen, darüber, wie der israelische Staat am besten geschützt werden kann. Darf eine Nation zum Terror greifen und Zivilisten töten? Was ist der Preis, wo ist die Grenze? … Kein Ziel hat den israelischen Tötungsapparat derart beschäftigt wie Arafat. Manchmal entkam er einfach, manchmal zogen die Verantwortlichen die Notbremse, weil das Ziel nicht eindeutig identifiziert werden konnte oder zu viele Zivilisten im Spiel waren. Das andauernde Verlangen, Arafat zu töten, brachte Israel ins Zentrum der Debatte darüber, was ein Staat tun darf, um sich selbst zu erhalten."
Stichwörter: Israel, Jassir Arafat

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - New York Times

In der neuen Ausgabe des New York Times Magazines schreibt sich Leslie Jamison den Ärger von der Seele. Weiblicher Zorn, was ist das eigentlich? "Das Phänomen weiblichen Zorns wurde oft gegen sich selbst gewendet, die Gestalt der wütenden Frau nicht als verletzte, sondern als bedrohliche Figur. Sie ruft eine Reihe bedrohlicher Archetypen auf: Die Harpyien mit ihren Klauen, die Hexe mit ihren Zaubersprüchen, die gelockte Medusa. Die Vorstellung, weiblicher Zorn sei unnatürlich oder zerstörerisch, wird früh gelernt. Kinder akzeptieren Wut von Jungs eher als die von Mädchen. Laut einer Berkeley-Studie von 2000 kommt Wut bei Mann und Frau etwa gleich häufig vor, Frauen empfinden in der Folge aber größere Scham. Die Bezeichnungen 'zickig' oder 'feindselig' für weiblichen Ärger ist durchaus gängig. Männliche Wut wird eher als 'stark' konnotiert. Männer agieren ihre Wut an Gegenständen oder verbal an anderen aus. Frauen weinen dann eher, so als würde ihr Körper sie zu dem Gefühl zurückzwingen, mit dem sie in aller Regel assoziiert werden - Traurigkeit."

Außerdem: Steven Johnson erklärt, was Kryptowährungen wie der Bitcoin alles können sollen (z.B. das Netz zu einer dezentralisierten, egalitären Angelegenheit machen). Jennifer Percy besucht das Malheur National Wildlife Refuge in Oregon, das vor zwei Jahren von bewaffneten Mitgliedern des Patriot Movement besetzt wurde, und wittert noch immer viel Wut in der Region. Und in der Tagesausgabe der New York Times vom 21. Januar erscheint Katharine Q. Seelyes aufwühlender Artikel über den Alltag von Drogenabhängigen und ihrer Familien.
Stichwörter: Weiblicher Zorn

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - New York Times


Margot Robbie als Tonya Harding in dem Film "I, Tonya"

In der Times versucht Taffy Brodesser-Akner das wahre Gesicht der ehemaligen amerikanischen Eiskunstläuferin Tonya Harding zu enthüllen, deren Leben gerade mit Margot Robbie in der Hauptrolle verfilmt wurde. Hardings Karriere endete 1994, als ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan im Auftrag von Hardings Ex-Mann, angeblich ohne Hardings Kenntnis mit einer Eisenstange am Knie verletzt wurde, so dass Harding die US-Meisterschaft gewann: "Sie glaubt, wenn die Medien sie damals nicht so niedergemacht hätten, stünde sie heute woanders. Wir würden staunen, was sie alles überstanden hätte. Der Film über sie hätte ein triumphales Ende wie 'Rocky'. Die internationalen Wettkampfrichter hatten sie immer geliebt, glaubt sie … Alles, was sie damals getan habe, sei doch nur eine Fortsetzung dessen gewesen, wofür man sie vorher immer belohnt hatte, ihre Rauheit, ihre Erfindungsgabe und Überlebenskunst. Hätte sie vielleicht nach den Regeln spielen und ihr Talent in ihrem außergewöhnlichen Körper einfach verrotten lassen sollen? Sie sagt, dass es Mädchen wie sie nirgendwohin führt, brav und fair zu sein. Hätte es geklappt, hätte sie als Inbegriff des Amerikanischen Traums gegolten … Vieles, was Harding mir erzählte, ist nicht wahr. Sie widersprach sich, aber sie erinnerte mich auch an so viele andere Traumatisierte, die ihre Geschichte wieder und wieder erzählen, um zu erklären, was ihnen widerfahren ist, aber auch, um es sich anzuverwandeln. Was sie sagte, war falsch, aber spirituell wahr, das heißt, es entsprach ihrer Vorstellung."
Stichwörter: Tonya Harding

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - New York Times

Die Autorin Eva Hagberg Fisher wurde als Studentin von einem Professor ihrer Universität sexuell belästigt. Als sie ihn verklagte, war es für sie besonders schwierig, vor Gericht das richtige Erscheinungsbild abzugeben. Ständig wechselte sie ihr Outfit, um nie zu feminin oder zu mädchenhaft, zu aggressiv und privilegiert zu erscheinen, wie sie im Rückblick schreibt: "Vertraulichkeit zu bewahren, ist eine der größten Herausforderungen, die ein juristisches Verfahren von einem abverlangt. Wenn ich (auf Instagram) nicht direkt heraus sagen konnte, was ich da tat, konnte ich zumindest Fotos von meinen Halbschuhen posten. So konnte ich meiner Anwältin auch zeigen: die Last des Patriarchats erdrückt mich zwar, aber Spaß versteh ich noch! Ich habe schon zu viel Zweifel unter Opfern wahrgenommen. Spürte das Raunen in der Luft, wenn eine Frau anfing, ihre Geschichte zu erzählen. Sicher, vielleicht glauben wir ihr, dass sie belästigt wurde. Aber die Nachwirkungen einer Belästigung zeigen sich subtil und schleichend: sie veranlassten mich dazu abzuwägen, wer auf meiner Seite stand und wer nicht; mein Misstrauen gegenüber fast jedem, dem ich im Flur meines ehemaligen Instituts begegnete, wuchs; Scham überkam mich, als man mir sagte, mein ehemaliger Jahrgang habe meinen Fall größtenteils aufgegeben. Gefolgt von einer Doppel-Scham, Begriffe wie 'Scham' und 'aufgegeben' überhaupt gebrauchen zu müssen - all diese Nachwirkungen meiner Anklage wurden schließlich zu einer Antriebskraft, mit meinem Kleidungsstil genau dagegen anzukämpfen."
Stichwörter: Instagram, Patriarchat

Magazinrundschau vom 02.01.2018 - New York Times

Die Welt staunt immer noch, dass einige der bestbezahlten Menschen auf dieser Welt - Hollywoodstars! - den krudesten sexuellen Belästigungen ausgesetzt waren und darüber schwiegen. Wie mag es da erst den Frauen gehen, die in einer Fabrik arbeiten? Susan Chira und Catrin Einhorn haben das für eine Reportage recherchiert. Der Chicagoer Zweig des Autokonzerns Ford war in den 90ern schon einmal zu 22 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt worden, im August musste er sich wegen derselben Vorwürfe wieder vergleichen, diesmal für zehn Millionen. "Von Anfang an sind die Frauen Zielscheiben. Die erste Warnung kommt oft schon während der Einführung, wenn die Neuankömmlingen durch die Werkstraßen geführt werden. Shirley Thomas-Moore, eine Lehrerin, die zu Ford ging, um mehr Geld zu verdienen, erinnert sich an diese Szene in den Achtzigern: Ein Mann schlug mit seinem Hammer aufs Geländer, um die Aufmerksamkeit auf die Frauen zu lenken. 'Frischfleisch!', brüllten die männlichen Arbeiter."

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - New York Times

In der neuen Ausgabe des Magazins geht's um Machtverhältnisse am Arbeitsplatz und anderswo. Wo liegt die Grenze zwischen Romantik und sexueller Belästigung? Gar nicht mal unstrittig, meint Ruth Franklin in einem Artikel des Dossiers: "Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, sind nicht nur zur Unterhaltung da, Bücher, Filme, oft die von Männern, schaffen die Archetypen einer romantischen Beziehung. Sie konstituieren unsere persönliche und kulturelle Mythologie und sind grundlegend dafür, wie wir die Welt begreifen. Ein Mann, der sich für eine 16-Jährige interessiert, verfügt schon über eine Blaupause dafür, wie diese Beziehung sich gestalten soll. Die bloße Tatsache, das so ein Modell existiert, gibt ihm grünes Licht und versichert ihm die Zulässigkeit seiner Bedürfnisse. Für das Mädchen, das an dieser Geschichte nach eigenen Maßgaben teilnehmen möchte, gibt es zwei Möglichkeiten: Sie zeigt sich empfänglich dafür, oder sie spielt die verführerische Lolita. Ambivalenz und Furcht haben keinen Platz in diesem Spiel."

Ähnlich äußert sich Meghan O'Rourke in ihrem Beitrag: "Wir schauen, was andere machen und folgen. Was sexuelle Belästigung ist, ist eine Frage sozialer Übereinkunft darüber, wo die Linie zu ziehen und was Verletzung ist. Erst seit den 1980er Jahren zählen ungewollte sexuelle Annäherung und ein feindseliges oder beleidigendes Arbeitsumfeld als gesetzeswidrig. 'Ungewollt', 'feindselig' - diese Adjektive sind definitionsgemäß beschreibend, abhängig von einem Konsens über die miteinander geteilte Wirklichkeit, gesetzesmäßig bewertet von Fall zu Fall. Und die geteilte Wirklichkeit ist leider, wie es viele von uns nur zu gut wissen, nicht vorhanden, auch heute. Treffen sich zwei Menschen, ist die Subjektivität ausschlaggebend dafür, ob die Wirklichkeit hell oder dunkel aussieht."
Stichwörter: Sexuelle Belästigung

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - New York Times

In der neuen Ausgabe des Magazins versucht Azam Ahmed herauszufinden, was die Bandenkrieger in El Salvador umtreibt: "Diese Banden stammen aus der Zeit des Bürgerkriegs Anfang der 80er. Als die Kämpfe zwischen der linken Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) und der Regierung zu gewaltsam wurden, gingen hunderttausende Salvadorianer nach Los Angeles, wo sie am Rand des amerikanischen Traums lebten und sich formierten. Als sie dann aus den USA deportiert wurden, richteten sie sich gegen die salvadorianische Gesellschaft, brutal und ohne Rücksicht auf Zivilisten … Es war wie ein Krieg. Die Banden vermitteln einen aufrührerischen Eindruck, aber in Wahrheit haben sie kein politisches Ziel außer dem, nicht getötet zu werden. Neuerdings deutet die Existenz von 'diplomatisch' agierenden Bandenmitgliedern auf eine neue Dynamik hin, die potenzielle Bereitschaft, die Waffen niederzulegen. Im Dezember 2016 hieß es aus Reihen einer der drei größten Banden, der Mara Salvatrucha (MS-13), dass man bereit wäre, mit der Regierung zu verhandeln, sogar über die Auflösung der Bande, sofern es dem Frieden diene. Im Februar entstand eine Koordinationsgruppe zum Zweck des Dialogs, die sogar einen UN-Gesandten kontaktierte und ihn bat, den Dialog zwischen Banden und Regierung mit zu initiieren."

Außerdem: Matthew Shaer fragt sich, wie weit Fox-News-Ancor Sean Hannity in seiner Liebe zu Trump noch gehen will. Rachel Syme bricht eine Lanze für Frauen als Stand-Up-Comedians. Und Siddhartha Mukherjee berichtet, wie sich ein Arzt fühlt, wenn seine Bemühungen zu heilen scheitern.

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - New York Times

In der neuen Ausgabe des Magazins berichtet Cliff Kuang von den Fortschritten in der Arbeit mit Künstlicher Intelligenz und überlegt, ob KI demnächst in der Lage sein wird, sich selbst zu erklären: "Stell dir vor, du könntest deinem Hund Sprache beibringen, sodass er dir endlich erklären kann, was an Eichhörnchen so spannend ist … Nennen wir es die Hamlet-Strategie: einem komplexen neuronalen Netz die Fähigkeit zu einem inneren Monolog zu geben, sodass es erzählen kann, was in seinem Innern vorgeht. Aber entsprechen die Konzepte, die sich ein Netzwerk selbst beigebracht hat, der Wirklichkeit, die der Mensch meint, wenn er z. B. die Highlights eines Baseballspiels beschreibt? Erkennt das Netzwerk die Boston Red Sox anhand ihres Logos oder anhand irgendeines obskuren Kennzeichens wie 'Mittelscheitel', das zufällig mit den Red Sox in Bezug steht? Hat das Netzwerk tatsächlich einen Begriff von den 'Boston Red Sox' oder bloß von einer Sache, die nur der Computer versteht? Es handelt sich um eine ontologische Frage: Ist das komplexe Neuronennetz wirklich in der Lage, eine Welt zu erkennen, die der unseren entspricht oder nicht?"

Außerdem: Jason Zengerle über Crooked Medias neues konservatives Talkradio. Seth Freed Wessler checkt ein auf Amerikas schwimmenden Gefängnissen für Schmuggler. Und für Thomas Chatterton Williams ist Spike Lee mit seiner neuen Netflix-Serie "She's Gotta Have It" bei sich selbst angekommen.
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