Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 01.11.2022 - New York Times

David Wallace-Wells' zwei große Artikel über die Folgen des Klimawandels zeigen, wie instruktiv Artikel über dieses Thema sein können, wenn sie nicht in deutsche Moralinsäure getaucht werden. Wallace-Wells  kriegt es sogar hin, in vernünftigem Maße optimistisch zu sein, so in Artikel Nr. 1, "The New World: Envisioning Life After Climate Change": "Dank des erstaunlichen Preisverfalls bei den erneuerbaren Energien, einer wirklich globalen politischen Mobilisierung, einer klareren Vorstellung von der Energiezukunft und einer ernsthaften politischen Ausrichtung der führenden Politiker der Welt haben wir die erwartete Erwärmung in nur fünf Jahren fast halbiert."

Die eklatante Ungleichheit in der Bewältigung des Klimawandels, um die es in Artikel Nr. 2 ("Beyond Catastrophe: A New Climate Reality Is Coming Into View") unter anderem geht, verschweigt er dabei nicht: "Wenn es eins gibt, das man wissen muss - ob sich die Welt nun um zwei Grad erwrämt, oder sogar heute schon, wo sie sich um 1,2 Grad erwärmt hat - dann ist es die Tatsache, dass die Erwärmung ungerecht ist. Die Regenfälle, die in diesem Jahr zu den historischen Monsunüberschwemmungen in Pakistan geführt haben, wurden durch den Klimawandel um 50 Prozent verschlimmert, obwohl das Land in seiner gesamten Industriegeschichte nur so viel Kohlenstoff in die Atmosphäre abgegeben hat wie die Vereinigten Staaten jedes Jahr. Und obwohl die Zukunft überall hart sein wird, wird Wohlstand vielerorts eine Anpassung ermöglichen. Hier oder dort könnte das Leben sogar angenehmer werden, da mit dem Ende der fossilen Brennstoffe auch die Millionen von vorzeitigen Todesfällen wegfallen, die jedes Jahr durch deren Verbrennung verursacht werden. Die Städte könnten sich zunehmend vom Auto abwenden und sich für Fahrradfahrern und Grünflächen öffnen." Falls Fahrradfahrer angenehmer sind.
Stichwörter: Klimawandel

Magazinrundschau vom 11.10.2022 - New York Times

Nicholas Casey erzählt Geschichten aus dem franquistischen Spanien, wie man sie schon aus Irland oder Kanada kennt - Geschichten von Kindern, die armen Müttern bei der Geburt weggenommen werden. Die Katholische Kirche spielt die in diesen Kontexten übliche Rolle: "Nach Angaben der Mütter nahmen Nonnen, die in Entbindungsstationen arbeiteten, die Säuglinge kurz nach der Geburt an sich und teilten den Frauen, die oft unverheiratet oder arm waren, mit, dass ihre Kinder tot geboren worden seien. Doch die Babys waren nicht tot: Sie waren diskret an wohlhabende katholische Eltern verkauft worden, von denen viele keine eigenen Familien gründen konnten. Unter einem Stapel gefälschter Papiere verbargen die Adoptivfamilien das Geheimnis des Verbrechens, das sie begangen hatten. Die entführten Kinder waren in Spanien einfach als die 'gestohlenen Babys' bekannt. Niemand weiß genau, wie viele entführt wurden, aber Schätzungen gehen von Zehntausenden aus." Manche Kinder haben erst im Erwachsenenalter von ihrem Schicksal erfahren. Wie in Irland oder auch Kanada war es so, dass die Kirche wirtschaftlich von den Verhältnissen profitierte, weil der Staat Sozialfürsorge an sie delegierte. Es waren häufig Frauen, die so ermächtigt wurden: Die Nonnen "hatten das Kommando über das Bildungssystem, in dem den Kindern katholische Werte vermittelt werden sollten und sie anhand der Bibel lesen lernen sollten. Franco übertrug auch die Aufsicht über Teile des staatlichen Krankenhauswesens an den Klerus… Doch ihr Einfluss war vielleicht am stärksten in den karitativen Einrichtungen der Krankenhäuser, die die Armen aufnahmen."

Bei Meta, dem Konzern, dem Facebook und Instagram gehört, läuft's nicht so gut. Das von Mark Zuckerberg herbeigesehnte Metaverse mit seinen Spielen und Konferenzen in virtueller Realität will und will sich nicht einstellen, und sogar die Mitarbeiter scheinen nicht recht motiviert zu sein, hat ein Reporterteam, das mit vielen Mitarbeitern des Konzerns gesprochen hat, herausgefunden: "Während der Druck wächst, hat Zuckerberg eine klare Botschaft an die Meta-Mitarbeiter gesandt: Macht mit oder verschwindet. In einem Treffen im Juni, über das Reuters zuerst berichtete, stellte der 38-jährige Milliardär fest, dass es 'wahrscheinlich eine Reihe von Leuten im Unternehmen gibt, die nicht hier sein sollten' und dass er 'die Erwartungen und Ziele höher schrauben' werde, wie aus Kopien seiner Kommentare hervorgeht, die der Times vorliegen. Seitdem heuert das Unternehmen fast nicht mehr an, die Budgets sind gekürzt, und Zuckerberg hat die Manager aufgefordert, leistungsschwache Mitarbeiter zu identifizieren. Angesichts möglicher Entlassungen fangen einige Meta-Mitarbeiter an, mehr Begeisterung für das Metaverse zu zeigen."

Noah Gallagher Shannon erzählt die erbauliche und sehr lange Geschichte, wie es Uruguay mit viel politischem Geschick und einer Ideologie des Verzichts schaffte, das Land zu 98 Prozent mit alternativen Energien zu versorgen. Und selbst die Methangas-Bäuerchen der zwölf Millionen Rinder des Landes werden klimaneutral kompensiert, da das Grasland, auf dem sie weiden, die gleiche Menge Klimagase in sich aufnimmt - diese Berechnungen seien allerdings umstritten, so Shannon. Nebenbei erfährt man in dem Artikel, dass ein Deutscher durchschnittlich 15 Tonnen CO2 pro Jahr verursacht, und ein Franzose 9 Tonnen. Gut wären 2.

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - New York Times

Es gibt ungefähr 200.000 chassidische - also ultraorthodoxe - Juden in der Stadt und im Bundesstaat New York, sie machen etwa zehn Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung des Staates aus. Ihre Kinder schotten sie in religiösen Privatschulen, Jeschiwas, ab, für die sie, wie andere Betreiber von Privatschulen auch, Subventionen bekommen, etwa eine Milliarde Dollar in den letzten vier Jahren, berichten Eliza Shapiro und Brian M. Rosenthal. Vieles davon fließt als Sozialhilfe. Ernstlich kontrolliert werden diese Schulen nicht. Die Schüler verlassen sie in kompletter Ignoranz und können am Ende oft nicht mal Englisch (ein Grund, warum die Times ihre große Recherche auch auf Jiddisch präsentiert). Internet ist ihnen verboten, weltliche Stoffe lernen sie kaum. Jungen leiden noch mehr als Mädchen, weil ihnen täglich stundenlang religiöse Texte eingetrichtert werden. Schlafen sie ein, gibt es Schläge mit dem Lineal auf die Hand. Die Reporter haben mit vielen Abtrünnigen gesprochen. "Chaim Fishman, 24, der die Jeschiwa Kehilath Yakov in Williamsburg besuchte, sagt, dass die Englischlehrer, wenn er sie nach dem Sinn von Wörtern fragte, oft sagten, dass sie ihn nicht kennen. Die Schule will auf Nachfrage nicht Stellung nehmen. Wie andere in der Gemeinde versuchte auch Fishman, auf eigene Faust Englisch zu lernen, etwa indem er heimlich Radio hörte. Nachdem es ihm gelungen war, seine Jeschiwa zu verlassen, meldete er sich an einer öffentlichen Schule an und war beschämt, wie wenig er wusste. 'Ich gehöre zur dritten Generation, die in New York City geboren und aufgewachsen ist', sagt er, 'und trotzdem konnte ich mit 15 kaum Englisch sprechen.' Trotz des Versagens der chassidischen Jungenschulen hat die Regierung ihnen weiterhin einen stetigen Strom von Geldern zukommen lassen." Das System funktioniert, weil die Rabbis den Lokalpolitikern kollektiv die Stimmen ihrer Gemeinden zukommen lassen.

Die Suche nach Aliens geht weiter, allerdings gibt es jetzt neue Teleskope und bald noch viel bessere, schreibt Jon Gertner. Man sucht heute nicht mehr so sehr nach "Biosignaturen", sondern nach "Technosignaturen", also etwa nach Verschmutzungen in der Atmosphäre von Planeten. Unsere eigenen technologischen Fortschritte machen wie gesagt Hoffnung: "Der erste ist, dank neuer Teleskope und Techniken, die Identifizierung von Planeten, die ferne Sterne umkreisen. Im August zählte die NASA 5.084 solcher Exoplaneten, und die Zahl wächst jedes Jahr um mehrere hundert. 'So gut wie jeder Stern, den man am Nachthimmel sieht, hat einen Planeten in der Nähe, wenn nicht sogar eine ganze Familie von Planeten', sagt Adam Frank vom Forschungsprojekt CATS, der anmerkt, dass sich diese Erkenntnis erst in den letzten zehn Jahren durchgesetzt hat. Da es wahrscheinlich mindestens 100 Milliarden Sterne in der Milchstraße und schätzungsweise 100 Milliarden Galaxien im Universum gibt, könnte es eine fast unvorstellbare Zahl potenzieller Kandidaten für Leben - und auch für Zivilisationen, die über Technologie verfügen - geben."
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Magazinrundschau vom 13.09.2022 - New York Times

James Verini hat für die New York Times mit vielen Überlebenden des Theaters von Mariupol gesprochen, wo mehr als tausend Personen während der russischen Belagerung der Stadt Unterschlupf fanden. Dann kamen die Bomben, und die fliehenden Menschen wurden mit Granaten beschossen. Das war im März. Wie viele Menschen starben, weiß man wegen der russischen Besatzung bis heute nicht, zwischen sechzig und 600, lauten die Schätzungen. Das Leben vor den Bomben sah so aus: "Es gab an verschiedenen Stellen des Theaters Toiletten, aber nicht annähernd genug, um die Bedürfnisse der Bewohner zu befriedigen, insbesondere, wenn es kein fließendes Wasser gab. Die Toiletten waren auch der Ort, an dem die Menschen ihr Geschirr und ihre Tassen abwuschen. Das Toilettenteam sammelte Schnee in Plastikflaschen und ließ ihn im Theater schmelzen, um die Toiletten zu reinigen, aber wie ein Freiwilliger es unverblümt ausdrückte: 'Die Toiletten waren immer voll mit Scheiße.' Vira, die musikalische Leiterin, die zum Team gehörte, sagte: 'Wir konnten wenigstens unsere Füße mit nassen Servietten reinigen.' Durch die vielen Bakterien und die kalten Temperaturen breitete sich Krankheiten schnell aus. Die Menschen erkrankten an Erkältungen und Grippe, und es gab einen Corona-Ausbruch."
Stichwörter: Mariupol, Ukraine-Krieg 2022

Magazinrundschau vom 29.08.2022 - New York Times

Fascinating Read. Die gigantische Anwaltskanzlei, um die es in diesem Artikel geht, Jones Day, könnten sich die Autoren einer TV-Serie wie "The Good Wife" oder "The Good Fight" als Gegner ausgemalt haben. Aber es ist eine wahre Geschichte, hier erzählt von David Enrich. Es handelt sich um eine Kanzlei, die sich ihre Sporen erwarb, indem sie über Jahrzehnte die Tabak- und die Waffenindustrie verteidigte, und die sich dann mit Donald Trump zusammentat. Unter ihrem Partner Don McGahn besetzte die Kanzlei weit über hundert Richterposten in Bundesgerichten und trug letztlich maßgeblich dazu bei, dass die demokratische Nachfolgeregierung Trumps immer wieder in Gerichten an ihre Grenzen stößt. "Die Macht dieser Revolution, die sich auf Gerichtssäle und Bundesinstitutionen im ganzen Land ausbreitete, ist jetzt deutlich zu spüren. Obwohl die Demokraten das Weiße Haus und den Kongress kontrollieren, hat der Oberste Gerichtshof einen Rechtsruck erlebt. In der letzten Legislaturperiode haben die drei von Trump ernannten Richter - die ersten beiden wurden von McGahn ausgewählt und die dritte, Amy Coney Barrett, wurde von ihm aus der akademischen Welt für den Supreme Court geholt - dazu beigetragen, das verfassungsmäßige Recht auf Abtreibung aufzuheben, die Trennung von Kirche und Staat auszuhöhlen, die Befugnisse der Bundesstaaten zur Kontrolle von Waffen zu untergraben und die Befugnisse der Bundesbehörden einzuschränken. Jones Day war an einigen dieser Fälle beteiligt, und die Kanzlei hat verlauten lassen, dass sie weitere juristische Anfechtungen im Einklang mit der Ideologie ihrer Führer ins Auge fasst."

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - New York Times

In Afghanistan droht die größte humanitäre Krise auf der ganzen Welt. Die Hälfte der Bevölkerung ist von Hunger bedroht, schreibt Matthieu Aikins. Grund sind die Sanktionen gegen das Land. Dabei hätten Milliarden Dollar bereitgestanden. Sie fließen nicht, weil den Mädchen zumindest offiziell der Zugang zu Schulbildung versperrt wurde. Die Lage im Land sei kompliziert, so Aikins. Der Erziehungminister möchte ja gern, aber es gibt noch die Schura in Kandahar, eine Art religiöse Parallelregierung. "Am ersten Unterrichtstag verkündete das Bildungsministerium plötzlich, dass die Mädchenschulen nun doch nicht wieder öffnen würden. Da die Meldung so spät kam, waren viele Schulen überhaupt nicht darauf vorbereitet. Die Mädchen kamen zu Schule, nur um gleich wieder herausgeworfen zu werden. Andere Mädchen erschienen und fanden die Türen ihrer Schule verschlossen vor. Diese Szenen wurden von der ausländischen Presse aufgegriffen, die über diesen Tag, der eigentlich ein hoffnungsvoller Tag für das Land sein sollte, berichten wollte und stattdessen Bilder von weinenden Mädchen im Teenageralter veröffentlichte."

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - New York Times

Etwa 80 Tage lang wurde um das Asow-Stahlwerk in Mariupol gekämpft. Offenbar ohne voneinander zu wissen, hatten Zivilisten und Militärs den Industriekomplex für sich als Schutzraum auserkoren und wurden in einer gnadenlosen Belagerung von russischen Truppen aufgerieben. In einer üppig bebilderten Reportage beschreibt Michael Schwirtz etwas sehr stilisiert, aber nichtsdestotrotz beeindruckend, den aussichtslosen Kampf um das Stahlwerk: "Die Welt konnte sehen, was sich im Stahlwerk zutrug. Es war apokalyptisch. Die Soldaten im Feldlazarett von Asowstal erschienen blass und dem Tode nahe. Im dunklen und staubigen Bunker zusammengepfercht lagen sie auf dem nackten Betonboden. Ihre Verwundungen bluteten und eiterten, und wenn Wundbrand eingesetzt hatte, sah das Fleisch grün und verfault aus. Hauptmann Palamar schickte Ende April Fotos und Videos aus dem Lazarett. in der Hoffnung, das Mitgefühl der Welt mit den leidenden Soldaten zu wecken. Schwarzer Pilz überzog das Essen, die verschlissenen alten Matratzen und sogar die Waffen. Medizin war so knapp, dass Chirurgen ohne Anästhesie amputierten. Tag und Nacht beschossen russische Schiffe und Artillerie das Werk, während russische Flugzeuge Raketen und bunkerbrechende Bomben abwarfen, die den Schutzraum nach und nach vernichteten. Tage, nachdem Hauptmann Palamar sein Video verschickt hatte, wurde das Lazarett direkt getroffen, die Wände kollabierten und begruben unter sich eine unbekannte Zahl von Kämpfern und Sanitätern. Sogar als die Soldaten versuchten, ihre Kameraden aus den Trümmern zu bergen, gingen die Kämpfe weiter. 'Wir waren dem Wahnsinn nahe', sagt Dmytro Kosatzky, ein Soldat des Asow-Regiments."

Magazinrundschau vom 05.07.2022 - New York Times

Jason Zengerle fragt sich in einem epischen Artikel (eine Stunde Lesezeit), warum es nicht mehr "gemäßigte" Demokraten gibt, obwohl die Wähler dankbar für solche Kandidaten wären - aber unter den Funktionären und bestimmenden Parteimitgliedern dominieren die Linken. Im Artikel zeigt sich, wie komplex die politischen Prozesse in der Partei sind, und wie sehr die Partei aufs Prozedurale fixiert ist. Beim "Gerrymandering" also dem Zuschneiden von Wahlkreisen, ist man inzwischen übrigens genauso skrupellos wie die Republikaner. Zengerle erzählt auch nochmal die Geschichte des Meinungsforschers David Shor, der aus einem parteinahen Thinktank rausgeschmissen wurde, weil er die Daten des schwarzen Politologen Omar Wasow wiedergegeben hatte. Dieser hatte herausgefunden, dass die demokratische Partei nach "Black Riots" regelmäßig Stimmen verlor. "Jetzt kann er seine Meinung frei äußern. Shor gründete das Datenanalyseunternehmen Blue Rose Research mit und begann, mehr zu twittern und Interviews zu geben, in denen er seine Theorie erläuterte. 'Ich denke, das Kernproblem der Demokratischen Partei ist, dass die Leute, die die Demokratische Partei leiten und als Funktionäre arbeiten, viel gebildeter und ideologisch liberaler sind und häufiger in Städten leben, und das spiegelt sich letztendlich in unserem Kandidatenpool wider', sagte er im Oktober letzten Jahres im Times-Podcast von Ezra Klein. 'Wenn man sich innerhalb der Gesamtmitgliedschaft der Demokratischen Partei umschaut, gibt es dreimal so viele gemäßigte oder konservative Nicht-Weiße wie linke Weiße, aber linke Weiße sind unendlich viel stärker vertreten. Das ist nicht nur moralisch problematisch, es führt auch zu einem Mitgliederschwund."

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - New York Times

Viele der hippsten Positionen im amerikanischen Verlagswesen werden jetzt mit schwarzen Frauen besetzt. Jüngstes Beispiel ist Lisa Lucas, die neue Chefin von Pantheon. Das hat auch ganz nüchterne Gründe, schreibt Marcela Valdes: "Eine Umfrage nach der anderen zeigt, dass die beiden Gruppen von Amerikanern, die am ehesten Bücher lesen, jene sind, die einen Bachelor-Abschluss haben, und jene, die mehr als 75.000 Dollar im Jahr verdienen. Für die Verleger sollte diese Nachricht Champagnerkorken knallen lassen. Immerhin hat sich der Anteil der Amerikaner über 25, die einen Bachelor-Abschluss haben, seit 1970 mehr als verdoppelt. Demografisch gesehen sehen diese Absolventen jedoch anders aus als in den 1970er Jahren - sie sind häufiger Frauen und gehören zu den Schwarzen, Asiaten oder Latinos - aber da die Verlage keine Zielgruppe unter ihnen aufbauten, haben sie sie möglicherweise Millionen von Kunden verloren." Valdes gibt in ihrem ellenlangen Artikel (eine Stunde Lesezeit) auch einen sehr guten Überblick über die Geschichte des schwarzen Verlagswesens in den USA.
Stichwörter: 1970er

Magazinrundschau vom 21.06.2022 - New York Times

Der nächste Krieg könnte im ehemaligen Jugolsawien losgehen. Joshua Hammer porträtiert den Politiker Milorad Dodik, der die gemeinschaftliche Regierung von Bosnien und Herzegowina boykottiert, seit er die serbischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht mehr leugnen darf. Und in einer Atmosphäre der Leugnung und der Verschwörungstheorien gedeiht dieser Politiker: "Seit er die Macht in der Republika Srpska übernommen hat, hat er sie nach Ansicht seiner Kritiker in sein persönliches Lehen verwandelt. 'Er kontrolliert jetzt alles,' sagt mir Leila Bičakčić. "Öffentliche Ausschreibungen, Auftragsvergaben, Infrastrukturarbeiten, alles führt zu ihm zurück.' Drasko Stanivuković, der Bürgermeister von Banja Luka, hat in den sozialen Medien behauptet, dass Dodik und seine unmittelbare Familie versteckte Anteile an siebzig Unternehmen angehäuft haben - viele davon im Besitz von Verwandten, Freunden und Geschäftsfreunden. Dodik weist die Korruptionsvorwürfe mit einem Lachen zurück. 'Die Leute in Amerika mögen Kriminelle wählen, aber hier passiert das nicht', sagt er."

In einem epischen Artikel (die New York Times schätzt ihn auf 1 Stunde 20 Lesezeit) erzählt Emily Bazelon von der steinigen Arbeit der "World Professional Association for Transgender Health (WPATH)" die angesichts eines Booms von geschlechtsumwandlungswilligen Teenagern neue Standards entwickeln soll. In Amerika sind die Mediziner umstellt von extrem populistischen Politikern der Rechten, die das Thema mit Häme ausbeuten und hintertreiben, und Aktivisten aus der Szene: "Deren Reaktion traf sie noch härter, wie es die Kritik von Kollegen und Verbündeten oft tut. Sie bezog sich auf zwei der Bedingungen, die der Entwurf für die Einnahme von Pubertätshemmern und Hormonen für Jugendliche vorsah. Erstens, so der Entwurf, sollten Kinder und Teenager nachweisen, dass sie sich 'mehrere Jahre' durchgehend als ein anderes Geschlecht identifizieren oder sich typischerweise wie ein anderes Geschlecht verhalten, um Kinder mit einer langen Vorgeschichte von denen zu unterscheiden, deren Identifizierung erst seit kurzem besteht. Und zweitens sollten sie sich einer umfassenden diagnostischen Untersuchung unterziehen, um den psychologischen und sozialen Kontext ihrer Geschlechtsidentität zu verstehen und um herauszufinden, wie sie sich mit anderen psychischen Erkrankungen überschneiden könnte." Aktivisten empfinden das als eine diskriminierende Zumutung, während republikanische Politiker in Staaten wie Florida diesen Bereich der Medizin ganz aus allen Programmen medizinischer Hilfe herausnehmen wollen.