Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

644 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 65

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - New York Times

Im aktuellen Magazin der New York Times befasst sich Brooke Jarvis mit dem Insektensterben. Was die Apokalypse der Käfer und ihrer Artgenossen für uns bedeutet, steht hier: "Der derzeitige weltweite Verlust biologischer Vielfalt wird als sechstes Aussterben bezeichnet. Das sechste Mal in der Weltgeschichte verschwindet eine große Anzahl von Arten in ungewöhnlich kurzer Zeit, diesmal nicht durch Asteroide oder eine Eiszeit, sondern durch den Menschen. Wenn wir über den Verlust der biologischen Vielfalt nachdenken, denken wir an die letzten weißen Nashörner, die von bewaffneten Wachen geschützt werden, an Eisbären auf schwindenden Eisschollen. Das Aussterben ist eine viszerale Tragödie, die allgemein begriffen wird: Es gibt kein Zurück mehr. Die Schuld, eine einzigartige Spezies verschwinden zu lassen, bleibt für immer. Doch das Aussterben ist nicht die einzige Tragödie. Was ist mit den Arten, die noch existieren, aber als Schatten dessen, was sie einst waren? In 'The Once and Future World' zitiert der Journalist J.B. MacKinnon Aufzeichnungen aus den letzten Jahrhunderten, die auf das eben Verlorene hinweisen: 'Im Nordatlantik hält ein Dorschschwarm ein großes Schiff fest; vor Sydney segelt ein Schiffskapitän durch Pottwalherden, so weit das Auge reicht; Pioniere im Pazifik beschweren sich bei den Behörden, dass Lachs droht, ihre Kanus zu kentern.' Es gab Berichte über Löwen in Südfrankreich, Walrosse an der Themsemündung, Vogelschwärme, die drei Tage brauchten, um über uns hinweg zu fliegen, bis zu hundert Blauwale auf einmal im Südlichen Ozean. 'Das sind keine Sensationen aus Urzeiten', schreibt MacKinnon. 'Wir reden über Dinge, die das menschliche Auge gesehen hat, die im menschlichen Gedächtnis bewahrt sind.' Was wir verlieren, ist nicht nur das Diverse in der Biodiversität, sondern auch den Bio-Teil, die Masse: das Leben in seiner schieren Menge. Während ich diesen Artikel schreibe, stellen Wissenschaftler fest, dass die größte Königspinguinkolonie der Welt in 35 Jahren um 88 Prozent geschrumpft ist, dass mehr als 97 Prozent des Roten Thuns, der einst im Meer lebte, verschwunden sind. Die Zahl der in Frankreich in einem Jahr verkauften Spielzeuge von Sophie, der Giraffe, ist neunmal so hoch wie die Zahl aller Giraffen, die noch in Afrika leben."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - New York Times

Das Magazin der New York Times bringt ein schockierendes Feature zum Thema Palmöl. Abraham Lustgarten zeichnet den Weg der Zerstörung nach: "Die meisten Plantagen um uns herum waren neu, ihre Entstehung eine direkte Folge politischer Entscheidungen auf der anderen Seite der Welt. Mitte der 2000er Jahre begannen westliche Nationen, angeführt von den USA, Umweltgesetze auszuarbeiten, die die Verwendung von Pflanzenöl in Kraftstoffen fördern, ein ehrgeiziger Schritt zur Verringerung des Kohlendioxidausstoßes und zur Eindämmung der globalen Erderwärmung. Diese Gesetze wurden jedoch auf Grundlage einer ungenauen Kalkulation der tatsächlichen Kosten für die Umwelt entworfen. Trotz aller Warnungen, diese Politik könnte das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich will, wurde sie dennoch umgesetzt. Eine Katastrophe mit globalen Folgen ist die Folge. Die tropischen Regenwälder Indonesiens, insbesondere die Moorgebiete von Borneo enthalten große Mengen an Kohlenstoff in ihren Bäumen und Böden. Das Roden und Verbrennen der Wälder für den Anbau von Ölpalmen hatte einen perversen Effekt: Es wurde mehr Kohlenstoff freigesetzt, viel mehr. Laut NASA führte die Zerstörung von Borneos Wäldern zum größten globalen Anstieg der Kohlenstoffemissionen seit zwei Jahrtausenden, eine Explosion, die Indonesien zur viertgrößten Emissionsquelle weltweit gemacht hat. Anstatt eine clevere technokratische Lösung zu finden, um den CO2-Fußabdruck der Amerikaner zu verringern, zündete der Gesetzgeber eine mächtige Karbonbombe, die mehr Kohlenstoff produzierte als der europäische Kontinent. Der beispiellose Palmölboom hat viele der größten Unternehmen der Region bereichert und ermutigt, ihre neu gewonnene Macht und ihren Reichtum zu nutzen, um Kritiker zu unterdrücken, Arbeiter auszubeuten und mehr Land für das Palmölgeschäft zu erwerben."

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - New York Times

Die New York Times bringt Teil 1 eines großen China-Dossiers. Darin zeichnet Philip P. Pan eine beispiellose Erfolgsgeschichte nach, von der Neuorientierung nach Maos Tod bis heute, da China die USA herausfordert - auf fast allen Gebieten: "China springt sei jeher zwischen dem Impuls zur Öffnung und dem zur Einigelung hin und her, zwischen Veränderung und dem Widerstand dagegen. Es zieht sich immer wieder zurück, bevor es zu weit geht, aus Angst auf Grund zu laufen. Viele prophezeiten den Sturz der Partei angesichts dieser Spannung zwischen Offenheit und Repression, doch es kann sein, dass genau hier der Erfolg begründet liegt … Das Internet ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Balance funktioniert. Die Partei erlaubte der Nation den Zugang zum Netz, ohne zu ahnen, was das bedeutet, profitierte von den ökonomischen Vorteilen und kontrollierte den Informationsfluss, der ihr schaden konnte. Nach einem Zugunglück 2011 in Ostchina gab es eine Krise. 30 Millionen wütende Kommentare, die das schlechte Katastrophen-Management der Partei kritisierten, fluteten die sozialen Medien, ohne dass die Zensur es verhindern konnte. Panisch erwog die offizielle Seite, das populäre Twitter-Äquivalent Weibo zu sperren, fürchtete aber die Reaktion der Öffentlichkeit. Am Ende ließ sie Weibo gewähren,  investierte jedoch in Kontrollmechanismen und befahl den Unternehmen, es ihr gleichzutun. Der Kompromiss funktionierte. Heute beschäftigen viele Firmen Hunderte Zensoren - und China ist eine Gigant auf dem Internet-Markt … Neuerdings scheint Xi Jinping sein Land für so erfolgreich zu halten, dass die Partei zu einer konventionelleren autoritären Haltung zurückkehren kann beziehungsweise für einen Sieg über die USA auch muss. In den letzten 40 Jahre wuchs China wirtschaftlich zehnmal schneller als die USA, heute immer noch doppelt so schnell. Die Partei scheint große Popularität zu genießen, und weltweit sind viele überzeugt, dass Trumps Amerika auf dem absteigenden Ast ist, während Chinas Lauf gerade erst beginnt. Nur: China war immer groß darin, den Erwartungen anderer zu trotzen."

Seit sich herausstellte, dass Facebook private Daten seiner Nutzer an eine Firma preisgab, die Wahlkampf für Donald Trump machte, gerät das Unternehmen immer stärker in die Kritik. Schwere Vorwürfe erheben jetzt Sheera Frenkel, Nicholas Confessore, Cecilia Kang, Matthew Rosenberg und Jack Nicas gegen Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg, die im Umgang mit dieser Krise, die ihrer Tatenlosigkeit geschuldet ist, offenbar keine Niederträchtigkeit scheuen: "Während Herr Zuckerberg im letzten Jahr auf eine öffentliche Entschuldigungstour ging, leitete Sandberg eine aggressive Lobbykampagne, um die Kritiker von Facebook zu bekämpfen, den öffentlichen Ärger auf konkurrierende Unternehmen zu lenken und schädliche Vorschriften abzuwehren. Facebook beschäftigte ein republikanisches Oppositionsforschungsunternehmen, um aktivistische Demonstranten zu diskreditieren, zum Teil, indem es sie mit dem liberalen Finanzier George Soros verband. Gleichzeitig setzte es sich bei einer jüdischen Bürgerrechtsgruppe dafür ein, einige Kritik an Facebook als antisemitisch zu geißeln."

Außerdem: Im Magazin denken eine Reihe von Wissenschaftlern nach, wie neue Technologien - von der Genveränderung bis zur KI - das Menschsein verändern werden.
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Magazinrundschau vom 06.11.2018 - New York Times

In einem erschütternden Artikel in der neuen Ausgabe des Magazins zieht Robert F. Worth Bilanz nach drei Jahren Krieg zwischen Saudi-Arabien, das seine Grenzen im Süden schützen zu müssen meint, und den Hutis im Jemen. Die Huthis geben nicht auf, aber 14 Millionen Menschen sind vom Hunger und von der Cholera bedroht: "Es ist verlockend, in der rachsüchtigen Wut der Huthi gegen Saudi Arabien eine Art Poesie der Gerechtigkeit am Werk zu sehen. Ihre Bewegung entstand vor drei Jahrzehnten als Reaktion auf Riads rücksichtslose Verbreitung seiner eigenen intoleranten Form des salafistischen Islam im Huthi-Herzland im Nordwesten Jemens. Seitdem haben die Saudis mit Hilfe von Jemens Ex-Staatsoberhaupt Ali Abdullah Saleh alles getan, um jede erstarkende politische Kraft im Jemen zu korrumpieren. Die Huthis sind das Ergebnis: eine Bande furchtloser Aufständischer, die zu kämpfen weiß, aber sonst nichts. Sie beanspruchen ein göttliches Mandat, foltern, töten und sperren ihre Kritiker ein, genau wie es ihre Vorgänger getan haben, heißt es aus Menschenrechtskreisen. Sie rekrutieren Kindersoldaten, nutzen Hunger als Waffe und verbieten abweichende Meinungen in den Medien. Sie haben weder den Wunsch noch die Kapazitäten, einen modernen Staat zu führen oder Frieden auszuhandeln. All das ist Teil einer Langzeitstrategie Saudi Arabiens, den Jemen instabil zu halten. Diese Politik wird nun möglicherweise die schlimmsten Befürchtungen der Saudis wahr machen. Huthi-Offizielle erklären, Taktiken des Viet Cong zu studieren und den Krieg bis zum Untergang des Hauses Saud zu führen."

In einem anderen Artikel untersucht Janet Reitman die Versäumnisse der amerikanischen Polizei im Kampf gegen den Rechtsextremismus: "Weiße Suprematisten und andere Rechtsextreme haben seit 9/11 viel mehr Menschen umgebracht als irgendeine andere Gruppe von Inlandsextremisten. Statistiken des Anti-Defamation League's Center on Extremism sagen aus, dass 71 Prozent aller Tötungsdelikte im extremistischen Bereich zwischen 2008 und 2017 von Mitgliedern der Rechten oder der weißen Suprematisten verübt wurden. Islamistische Extremisten waren für 26 Prozent verantwortlich … Die Zahlen widerlegen die Rhetorik von den 'ausländischen' Terroristen, die die Trump-Administration im Zuge ihrer Anti-Immigration-Agenda verwendet hat."

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - New York Times

Im New York Times Magazine fordert Robert Draper die Demokraten auf, in Sache Einwanderungspolitik endlich Farbe zu bekennen: "Wenige Themen wurden von der Trump-Regierung derart schwarzweiß gemalt wie das hoch komplexe Thema Einwanderung. Vor einem Vierteljahrhundert hatten beide politischen Seiten noch eine ähnliche Meinung zum Thema. Aber während Republikaner die Frage, ob Immigranten den USA nützen, zwischen 1994 und 2016 laut einer Erhebung des Pew Research Centers relativ gleichbleibend mit 30-35 Prozent bejahten, stieg die Quote bei den Demokraten von 32 auf 78 Prozent. Heute sind die Demokraten hauptsächlich für die Einwanderung. Und doch halten sich viele Offizielle mit ihrer Meinung zurück und kritisieren die Einwanderungspolitik ihres Landes nur sehr ungern. Ihre Beweggründe könnten so aussehen: Anders als die republikanischen Wähler, die ihre Partei routinemäßig für einen allzu laschen Anti-Einwanderungskurs kritisieren, belohnen demokratische Wähler ihre Abgeordneten nicht für eine klare Pro-Einwanderungspolitik."

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - New York Times

In einem aktuellen Beitrag des neuen Hefts mit Kulturschwerpunkt beschwert sich Wesley Morris über die Tendenz, Kultur nach ihrer moralischen Korrektheit zu bewerten anstatt nach ihrer Qualität: "Die Kulturkriege der 80er und 90er drehten sich darum, die Jugend vor der Kultur zu schützen. Heute verläuft die moralische Stoßrichtung andersherum. Die Moralisierer sind junge Leute, nicht ihre Eltern. Und es geht nicht länger um 'Familienwerte'. Es geht um Repräsentation, einen Platz an der kulturellen Tafel auf Basis von Ethnie, sozialem Geschlecht und Geschlechtlichkeit - in Museen, im Fernsehen und im Film. Was am meisten zählt, ist die Existenz und ihre Freiheit … Das Resultat ist eine Kunst und ein Diskurs, der weniger provoziert und schockiert, eine Kultur, in der das moralische Urteil den künstlerischen Wert ersetzt. Eine Art sozialer Gerechtigkeit, die die Kunst ihrer chaotischen Seite beraubt und sie langweilig macht … Kunst sollte Risiko bedeuten, unbequem sein und die Frage provozieren, wie diese Unbequemlichkeit überwunden werden kann. Es ist natürlich, diese Unbequemlichkeit zu vermeiden zu versuchen, aber es widerspricht einer Wahrheit in der Kunst - die unsere Menschlichkeit abbildet."

Außerdem: Parul Sehgal betrachtet die neuen, ausgesucht hässlichen Selbstporträts von Cindy Sherman. Rachel Syme staunt über die ständigen Verwandlungen von Lady Gaga. Und Angela Flournoy stellt Barry Jenkins' Adaption von James Baldwins Roman "Beale Street Blues" vor.

Magazinrundschau vom 18.09.2018 - New York Times

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins untersucht Matthew Desmond den amerikanischen Arbeitsmarkt und den Glauben daran, dass Jobs die Lösung des Armutsproblems sind: "In den vergangenen Dekaden hat das enorme wirtschaftliche Wachstum in den USA nicht zu breitem sozialem Auftrieb geführt. Wirtschaftswissenschaftler nennen es die 'Produktivitäts-Gehalts-Lücke': Der Umstand, dass 40 Jahre wirtschaftliches Wachstum keine wirtschaftliche Verbesserung bei Arbeitern ohne Universitätsabschluss bewirken. Seit 1973 stieg die Produktivität in den USA um 77 Prozent, der Stundenlohn nur um 12 Prozent. Nach Maßgabe der Produktivität müsste der Mindestlohn bei mehr als 20 Dollar liegen, nicht wie tatsächlich bei 7,25. Amerikanische Arbeiter profitieren nicht von dem Wachstum, das sie mit generieren. Das Aussterben der Gewerkschaften ist ein Faktor. Im 20. Jahrhundert ging mit ihrer Verbreitung die Ungleichheit zurück. Heute haben wirtschaftliche Veränderungen und politische Attacken die organisierte Arbeiterschaft dezimiert, Unternehmensinteressen gestärkt und die Basis geschwächt. Diese unausgeglichene Wirtschaftslage erklärt die Stagnation der Armutsrate trotz steigender Sozialausgaben. Sozialprogramme nützen durchaus, sie helfen Millionen Familien über die Armutsgrenze. Aber der effektivste Weg aus der Armut ist ein gut bezahlter Job, und die sind rar geworden. Heute verdienen 41,7 Millionen Arbeiter, fast ein Drittel der Gesamtarbeitskraft der USA, weniger als 12 Dollar die Stunde, bei fehlender Krankenversicherung."

Außerdem: Willa Paskin schaut die neue Serie der "True Detective"-Macher auf Netflix. Caity Weaver stellt die furchtlose Comedian Maya Rudolph vor. Und in einem Auszug aus dem letzten Band seines autobiografischen Projekts denkt Karl Ove Knausgard darüber nach, was es heißt, über ein Ich zu schreiben.

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - New York Times

David Streitfeld legt ein sehr lesenwertes Porträt über die junge Juristin Lina Khan vor, die durch den Artikel "Amazon's Antitrust Paradox" im Yale Law Journal sehr großes Aufsehen erregte. Der Artikel ist bereits über 100.000mal abgerufen worden - eine astronomische Zahl für einen wissenschaftlichen Text. Für kartellrechtliche Maßnahmen ist es nötig nachzuweisen, dass die Marktmacht eines Unternehmens den Kunden schadet. Das ist trotz seiner pharaminösen Größe bei Amazon auf den ersten Blick nicht der Fall, denn Amazon konkurriert durch niedrige Preise. Khans Artikel argumentiert nun, "dass Monopolregulatoren, die sich auf Verbraucherpreise konzentrieren, zu kurzfristig denken. Nach Ansicht Khans hat ein Unternehmen wie Amazon - also eines, welches Dinge verkauft und mit anderen konkurriert, die ebenfalls Dinge verkaufen, und welches zugleich die Plattform bereitstellt, wo dieser Handel stattfindet - einen inhärenten Vorteil hat, der den fairen Wettbewerb untergräbt. "Die langfristigen Interessen der Verbraucher sind Produktqualität, Vielfalt und Innovation - Faktoren, die am besten durch einen robusten Wettbewerbsprozess und offene Märkte gefördert werden", schreibt sie." Der Artikel hat laut Streitfeld bereits eine lebhafte Debatte ausgelöst - Streitfeld setzt viele Links.
Stichwörter: Amazon, Monopole, Monopolrecht

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - New York Times

Aus der Frühjahrskollektion 2019, mehr bei der Vogue
Vor 40 Jahren begann die japanische Modedesignerin Rei Kawakubo, Gründerin des Labels Comme des Garçons, auch Männerkleidung zu entwerfen. Anders als bei den Frauen verzichtete sie bei den Männern trotz aller Verspieltheit nie auf Funktionalität. Klassisch würde man ihre Männermode dennoch nicht nennen, denkt sich dankbar Alice Gregory, die Kawakubo traf: "Die männliche Begeisterung für Comme des Garçons ist, zumindest teilweise, Dankbarkeit für die Verflüssigung geschlechtsspezifischer Rollen, die in den letzten Jahren Mainstream wurde, davor aber jahrzehntelang praktisch nur von Kawakubo verfochten wurde. Sie schrumpfte Anzugjacken, machte hübsche (kein anderes Wort dafür) Röcke aus Gabardine und heftete Schulmädchen-Kragen auf ansonsten bürotaugliche weiße Button-Down-Hemden. Sie ermöglichte es Männern, sich von der Gesellschaft zu distanzieren, während sie gleichzeitig drin blieben. Fast ein Jahrhundert lang gab es wenig bis gar keine Innovation in der Herrenbekleidung. Dann erschien plötzlich Kawakubo, wie ein Zauberin, die eine neue und freizügigere Art des Erscheinens in der Welt anbot, die nicht nur die Mode veränderte, sondern, in kleinem Maßstab, auch die Männlichkeit selbst."

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - New York Times

Im aktuellen Heft des Magazins rekapituliert Nicholas Confessore, wie sich die Tech-Konzerne in den vergangenen zehn Jahren die ameirkanische Politik in die Tasche gesteckt haben: "In Washington und den Hauptstädten der Bundeststaaten hat die Kombination aus Reichtum, Prestige und Ignoranz die Tech-Industrie unschlagbar gemacht. Und dabei hat das Silicon Valley die Politik selbst transformuert. Während Aktivisten wie Mactaggart überlegten, wie sie den Kampf gegen die Datenindustrie angehen sollten, sah das politische Establishment der USA seine eigene Zukunft in Unternehmen wie Google und Facebook. Die Überwachungskapitalisten helfen nicht einfach, ein paar mehr Deos zu verkaufen, sie haben die mächtigsten Werkzeuge entwickelt, um Wahlen zu gewinnen. Ungefähr die gleiche Technologie, mit deren Hilfe Obama gewählt wurde, ein pragmatischer Liberaler, der eine offenere Gesellschaft und wohlmeinende Globalisierung versprach, aber auch Trump, ein scharfer Nationalist, der geschickt die sozialem Medien nutzt, um rassistische Panik zu schüren, und der sich daran macht, die von den USA dominierte Weltordnung zu zertrümmern."

Außerdem stellt David Quammen den 2012 verstorbenen Mikrobiologen Carl Woese vor, der in den 70ern unser Bild vom Ursprung der Welt und von der Evolution auf den Kopf stellte, als er die Archaeen einführte (als dritte Domäne neben den Bakterien und den Eukaryoten) und die RNA der DNA überordnete: "Woese war ein Rebell seiner Zunft, undurchsichtig, aber genial, getrieben. Er hatte seine 15 Minuten Ruhm auf der Titelseite der Times, um dann für 35 Jahre wieder in seinem Labor in Urbana, Illinois zu verschwinden. Aber er ist der wichtigste Biologe des 20. Jahrhunderts, den keiner kennt. Er stellte grundsätzliche Fragen, die außer ihm niemand stellte, und erdachte einer Methode, plump und gefährlich, aber effektiv, um diese Fragen zu beantworten. Schließlich begründete er einen neuen Wissenschaftszweig … Wir sind nicht die, für die wir uns halten, sondern Mischwesen … Evolution ist komplizierter, der Lebensbaum verzweigter, Gene bewegen sich nicht nur in vertikaler Richtung, sondern auch seitwärts über Spezies-Grenzen und größere Gräben hinweg. Einige sind sogar seitlich aus Nicht-Primaten-Quellen in unsere Linie, die Primaten-Linie gelangt. Es ist wie das genetische Äquivalent der Bluttransfusion oder eine Infektion, die ihre Identität wechselt. Die Forschung nennt es 'ansteckende Vererbung'. Solche Erkenntnisse sickerten in den 1970er Jahren in die wissenschaftlichen Journale, aber nur selten in die nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit. Sie fordern uns heraus, unser grundsätzliches Verständnis von uns selbst zu hinterfragen. Wenn wir dafür einen Schuldigen suchen: Hier ist er."


Außerdem: Dan Amira interviewt Jerry Seinfeld und entlockt ihm den besten Witz der Welt. Und Nicholas Confessore trifft drei Leute aus der Bay Area, die das Geschäftsmodell von Facebook und Google juristisch auseinandernehmen.