Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 19.10.2021 - New York Times

Koga Harue's Umi (The Sea) (1929) The National Museum of Modern Art, Tokyo


Der Surrealismus war nicht eine weitere, in Frankreich entstandene Kunstbewegung mit Plagiatoren im In- und Ausland, sondern eine Pandemie, schreibt der Kritiker Jason Farago in der großen Besprechung der Ausstellung "Surrealism Beyond Borders" im Metropolitan Museum. Und der Surrealismus trifft auch die Sensibilitäten der heutigen Zeit, weil er "eine zutiefst antikoloniale Bewegung war - lange nachdem er in der französischen Metropole erlahmt war, fand seine oppositionelle Sprache in der Karibik ihren höchsten Ausdruck. 'Ich lecke dich mit meinen Algenzungen / Und segle dich aus der Piraterie heraus", erklärt der Erzähler von Aimé Césaires klassischem 'Zurück ins Land der Geburt', das die surrealistische Poetik mit den Formen der 'Black Atlantic'-Kultur zu einer neuen Philosophie namens Négritude verschmolz. Breton schrieb die Einleitung zur französischen Ausgabe, aber das in der Ausstellung gezeigte Exemplar ist auf Spanisch, mit Illustrationen des kubanischen Malers Wifredo Lam: hybride, mehrköpfige Bestien, schön, aber furchterregend und vor nichts zurückschreckend."
Stichwörter: Surrealismus

Magazinrundschau vom 12.10.2021 - New York Times

Die großartige philippinische Journalistin Maria Ressa erhält zusammen mit ihrem russischen Kollegen Dmitri Muratow den Friedensnobelpreis. Die New York Times schaltet darum nochmal das monumentale Porträt online, das Joshua Hammer 2019 über sie veröffentlicht hat. Er schildert ihre Rolle als investigative Stimme gegen den Präsidenten Rodrigo Duterte. Und er lässt ihre Laufbahn Revue passieren. Prägend waren für die sie Jahre als CNN-Reporterin nach dem Ende des Marcos-Regimes. "Ressa interessierte sich nicht nur dafür, wie demokratische Ideale erblühen, sondern auch dafür, wie sie sterben, wenn sich extremistische Ideologie wie ein Gift in einer Gesellschaft ausbreiten. Dreizehn Monate nach den Anschlägen vom 11. September recherchierte sie gerade zu islamischen Terrornetzwerken auf den Philippinen, als Bombenattentäter zwei Nachtclubs auf der indonesischen Insel Bali angriffen und 202 Menschen töteten. Ressa recherchierte nach. 'Sie stellte Zusammenhänge her, auf die andere nicht kamen', erinnert sich Atika Shubert, die von Ressa 1997 als Praktikantin im Büro in Jakarta angeheuert worden war und die später dort CNN-Korrespondentin wurde. 'Einmal sagte sie zu mir: 'Diese Jungs haben alle ein Trainingsprogramm in Afghanistan absolviert!'' Ressas bahnbrechende Berichterstattung führte 2003 zur Veröffentlichung ihres ersten Buches, 'Seeds of Terror', über die Verbindung zwischen den Verschwörern des 11. September und südostasiatischen Terrorzellen."
Stichwörter: Ressa, Maria, Philippinen

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - New York Times

In einem Beitrag des Magazins geht Siddhartha Deb der systematischen Entrechtung von Muslimen in der indischen Provinz Assam nach: "Viele der rund zwei Millionen Menschen in Assam, die nunmehr als staatenlos gelten, sind bengalische Muslime, die Mehrheit von ihnen Kleinbauern und Tagelöhner, die im Fokus der Entrechtungskampagne von Premier Modis Hindu-nationalistischer Regierungspartei stehen. Als illegale Migranten aus Bangladesch gebrandmarkt, sind sie in ein kafkaeskes System von Anschuldigungen, Gerichtsverfahren und Verhaftungen geraten. Die Grundlage dafür ist ein nationales Staatsbürgergesetz, das schon mit dem des 'Dritten Reichs' verglichen wird. Für die Hindu-Rechte sind Grenzregionen wie Assam oder Kaschmir schon lange Gegenden muslimischer Bedrohung. Doch während Kaschmir oft benutzt wird, um die Gefahr einer Sezession heraufzubeschwören, stellt Assam in der Rhetorik hinduistischer Extremisten eine heimtückischere Bedrohung dar - die eines steten, grenzüberschreitenden Zustroms von Muslimen, der Hindus zu einer verfolgten Minderheit im eigenen Land zu machen droht. Assam ist sowohl für die historischen indischen Zivilisationen als auch für das moderne Indien weitgehend peripher - Guwahati liegt mehr als 1600 Kilometer östlich von Delhi, China und Myanmar liegen viel näher. Doch Assam ist für die Frage, wer in Indien ein Recht auf Staatsbürgerschaft hat, wer nicht, zentral geworden. Im Juli 2018 veröffentlichte Assam ein Nationales Bürgerregister (N.R.C.), das den Nachweis der Staatsbürgerschaft erbringen sollte. Jeder Einwohner Assams, dessen Name nicht im Register stand, kam vor ein Ausländergericht und musste beweisen, dass er vor 1971 in Assam geboren worden war, als Bangladesch von Pakistan unabhängig wurde und Flüchtlinge in großer Zahl in den Staat flohen, oder dass sie von einer solchen Person abstammten. Einmal vom Tribunal zu Ausländern erklärt, blieben ihnen nur die Gerichte. Das 'National' im N.R.C. ist allerdings irreführend. Es gilt nur für die multiethnische Bevölkerung des Staates von rund 33 Millionen, von denen ein Drittel Muslime sind, obwohl Modi drohte, ein ähnliches Bürgerregister für ganz Indien zu erstellen. Als die erste Version des N.R.C. veröffentlicht wurde, fehlten die Namen von fast vier Millionen Menschen, und ihre Staatsbürgerschaft wurde damit in Frage gestellt."
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Magazinrundschau vom 10.08.2021 - New York Times

In einer fulminanten Reportage (ausgedruckt über dreißig enge Word-Seiten) spiegelt Sarah A. Topol das Schicksal Taiwans in der Protagonistin Nancy Tao Chen Ying, einer Menschenrechtsaktivistin, die sich von Taipeh aus für die Demokratiebewegung in Hongkong einsetzte. Meist bestand ihr Engagement aber trauriger Weise darin, dass sie Mitstreitern aus Hongkong, die ins Exil gehen mussten, die Reise und das Ankommen auf der Insel ermöglichte. Topol erzählt nebenbei die Geschichte Taitwans und spricht die scharfen Widersprüche innerhalb der taiwanesischen Gesellschaft selbst an, die sich aus Festlandschinesen und Einheimischen zusammensetzt und fünfzig Jahre lang von Japan regiert wurde. So ergibt sich ein komplexes Bild und eines von einer Gesellschaft, die möglicherweise bald Opfer einer brutalen Gleichschaltung durch Peking wird. Denn alle fragen sich längst, ob nach Tibet, Xinjiang und Hongkong nun Taiwan dran ist. Schon jetzt "haben die meisten Neuankömmlinge aus Hongkong das Gefühl, dass sie in Taiwan nicht außer Chinas Reichweite sind. Aktivisten wurden bei ihren Reisen nach Taipeh verfolgt, ihre Reisen wurden in der KP-treuen Presse Hongkongs auf den Aufmacherseiten ausgebreitet. Bekannte Exilanten und Aktivisten wurden in Taiwan mit roter Farbe überschüttet. Aegis, ein Restaurant, das Hongkonger unterstützt und anstellt, wurde überfallen. Ein Mann schüttete Hühnerexkremente und Federn über Küche und Mitarbeiter."
Stichwörter: Taiwan, China, Hongkong, Xinjiang

Magazinrundschau vom 03.08.2021 - New York Times

Robert F. Worth ist etwas gelungen, was keinem westlichen Journalisten seit zehn Jahren vergönnt war. Er hat Saif al-Gaddafi getroffen, den Sohn des libyschen Autokraten. Dafür wurde er in einem gepanzerten Pick Up in eine gebirgige Gegend gekarrt, wo ihn der Thronfolger in einem luxuriösen Anwesen empfing. Jahrelang galt es als ausgemacht, dass er gar nicht mehr lebt. Nun will er als Präsident und Nachfolger seines  Vaters das in Stämme gespaltene, im Moment einigermaßen friedliche Land wieder einen: "Trotz des geisterhaften Status von Saif werden seine Ambitionen auf das Präsidentenamt sehr ernst genommen. Bei den Gesprächen, die zur Bildung der derzeitigen libyschen Regierung führten, durften Saifs Anhänger teilnehmen, und sie haben sich bisher geschickt gegen Wahlregeln gewehrt, die ihn von der Kandidatur ausschließen könnten. Die begrenzten Umfragedaten in Libyen deuten darauf hin, dass eine große Zahl von Libyern - in einer Region sogar 57 Prozent - ihm 'Vertrauen' entgegenbringt. Ein eher traditioneller Beweis für Saifs politische Überlebensfähigkeit wurde vor zwei Jahren erbracht, als ein Rivale 30 Millionen Dollar gezahlt haben soll, um ihn zu ermorden. (Es war nicht der erste Mordanschlag auf ihn.)" Worth macht sich übrigens kaum Hoffnungen, das Saif Regimes das Land demokratisieren könnte - Saif, der sich auf den Fotos zu der Story ungefähr so theatralisch präsentiert wie einst sein Vater,  ist in seinen Äußerungen nicht weniger zynisch und verblendet als etwa Baschar Al-Assad, wenn er über Syrien spricht.

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - New York Times

Beginnt sich der Ruf von Gen-Food zu verbessern? Jennifer Kahn hofft es in ihrem unterhaltsam zu lesenden Longread sehr. Ruiniert wurde der Ruf der Technologie durch die Firma Monsanto, die Soja manipulierte, um die Felder mit Glyphosat traktieren zu können. Nun gibt es aber eine lila Tomate, entwickelt von der Britin Cathie Martin, die bis dato nur Labormäuse und irgendwann vielleicht mal Menschen vor Krebs schützen hilft. Möge diese Tomate nicht das gleiche Schicksal ereilen wie einst der Goldene Reis, der vor Blindheit schützt und von Aktivisten aus den Feldern gerissen wird. Das Versprechen der Gentechnikfreiheit auf Lebensmittelverpackungen hat sich inzwischen zum Milliardenmarkt entwickelt, und die Ökobewegung feiert einen paradoxen Erfolg, stellt Kahn mit Eric Ward, einem Manager der Firma AgBiome , fest: "Supermarktketten haben Angst, so etwas wie eine gentechnisch veränderte Tomate ins Sortiment aufzunehmen, weil sie befürchten, dass die Verbraucher sie ablehnen werden. Landwirte und Unternehmen haben aus dem gleichen Grund Angst, in eine solche Tomate zu investieren. Ward merkt an, dass die Gentechnik viel zugänglicher geworden ist, seit die ersten gentechnisch veränderten Pflanzen in den 1990er Jahren eingeführt wurden. 'Aber sie hat sich zu einer Technik entwickelt, die sich nur ein halbes Dutzend Firmen auf der Welt leisten können, weil sie all diesen regulatorischen Kram durchlaufen müssen. Er hält inne. 'Es liegt eine Ironie in der Sache. Die Aktivisten, die sich zuerst gegen die GMOs gewehrt haben, taten es, weil sie dem großen Agrobusiness nicht trauten. Aber das Ergebnis ist jetzt, dass nur große Unternehmen es sich leisten können, hier aktiv zu sein.'

Auch Religionen sind ein Multimilliardenbusiness, besonders in den USA, das sich vom Rest des Westens darin unterscheidet, das dort noch massiv an Gott geglaubt wird. Seit 2017, schreibt Elizabeth Dias in einem sowohl gegenüber den Evangelikalen als auch gegenüber Facebook komplett unkritischen Artikel, investiert Facebook massiv in Religionsgemeinschaften, die das soziale Netz zu seiner virtuellen Heimat machen sollen. Mit ziemlich großem Erfolg: "Die Leiter der 'Church of God in Christ', einer überwiegend afroamerikanischen Pfingstgemeinde mit etwa sechs Millionen Mitgliedern weltweit, erhielten kürzlich einen frühen Zugang zu mehreren Monetarisierungsfunktionen von Facebook, die ihnen neue Einnahmequellen boten, so die Social-Media-Managerin der Gemeinde, Angela Clinton-Joseph. Man entschied sich, zwei Facebook-Tools auszuprobieren: Abonnements, bei denen die Nutzer zum Beispiel 9,99 Dollar pro Monat zahlen und dafür exklusive Inhalte erhalten, wie direkte Botschaften des Bischofs; und ein weiteres Tool, mit dem Gottesdienstbesucher, die den Gottesdienst online verfolgen, Spenden in Echtzeit senden können. Die Leiter entschieden sich gegen eine dritte Option: Werbung während der Videostreams."

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - New York Times

Elaine Sciolino porträtiert die Kunstexpertin Emmanuelle Polack, die sich im Louvre um die verbliebenen geraubten Kunstwerke kümmert: "Im März stellte der Louvre einen Katalog seiner gesamten Sammlung online - fast eine halbe Million Kunstwerke. Es gibt eine separate Kategorie für eine Mini-Sammlung von mehr als 1.700 gestohlenen Kunstwerken, die nach dem Zweiten Weltkrieges nach Frankreich zurückgebracht wurden und die das Museum immer noch besitzt, weil sich keine rechtmäßigen Besitzer gemeldet haben. Andere französische Museen besitzen mehrere hundert weitere Werke. Ihr Vorhandensein ist immer noch eine Peinlichkeit für Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden etwa 61.000 gestohlene Gemälde, Skulpturen und andere Kunstwerke zurückgegeben; die Nachkriegsregierung übergab 45.000 von ihnen rasch an Überlebende und Erben, verkaufte aber Tausende weitere und behielt den Erlös."

Außerdem in der New York Times: Abdi Latif Dahir stellt neue afrikanische Literaturzeitschriften vor.
Stichwörter: Louvre, Raubkunst

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - New York Times

In einem Beitrag des Magazins stellt uns Alex W. Palmer mit Zhao Lijian den Mann vor, der Chinas Diplomatie auf nationalistischen Kurs brachte - bewaffnet mit einem Twitter-Account: "Sein Einfluss ist enorm. Obwohl er bis vor zwei Jahren sogar in China nahezu unbekannt war, hat Zhao es in Windeseile geschafft, Chinas Kommunikationsweise mit Freunden wie Feinden komplett zu verändern. Der ungezügelte Stil seiner Rhetorik hat den jahrzehntealten zwischen ausweichender Diplomatie und abstrusem KP-Jargon changierenden Ton Chinas in der Öffentlichkeit ersetzt. Zunächst war Zhao allein und nutzte Twitter als persönliche Keule. Er attackierte Abweichler von der Linie seines Arbeitgebers, des Außenministeriums. Kritik an China nannte er 'schmutzige Lügen', einen andersdenkenden ausländischen Offiziellen 'eine Person ohne Seele und Nationalität'. Zhaos Timing ist genial. Sein chaotischer Ton korrespondiert mit Xi Jinpings neuer, selbstbewusster außenpolitischer Gangart. Man nannte ihn schnell den 'Wolfskrieger' unter den Diplomaten, nach einem chinesischen Actionfilm. Zhaos Aufstieg spiegelt Chinas neues Machtbewusstsein, Ergebnis eines langen Prozesses, den die Pandemie beschleunigt hat … Zhaos Tweets sind ein Vorgeschmack auf das weltweite Publikum, das China zu adressieren wünscht … Während des 11-Tage-Konflikts in Gaza, tweetete Zhao den Comic eines kahlköpfigen Adlers, der eine Bombe auf das Gebiet abwirft, und schrieb: 'Schaut, was der '#Verteidiger der Menschenrechte' mit den #Menschen in Gaza macht.' Mit der Wolfskrieger-Diplomatie positioniert sich China als Führer der nicht-westlichen Welt in der Hoffnung, ihre Nachbarn seien ebenso interessiert an einer Welt ohne übermächtigen US-Einfluss."
Stichwörter: Xi Jinping

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - New York Times

Es ist eine Geschichte, wie man sie aus vielen erbaulichen Arthouse-Filmen kennt, am liebsten besetzt mit Frances McDormand und einem attraktiven schwarzen jeune premier: Der Delinquent ist ein Schwarzer, drakonisch verurteilt für ein bewiesenes Verbrechen (Waffenbesitz im wiederholten Fall) und ein bestrittenes mit äußerst wackeliger Beweislage (Raub mit vorgehaltener Pistole). Der Tarif dafür waren in Louisiana sechzig Jahre. Emily Bazelon erzählt in einer epischen Reportage, wie sich eine Brieffreundschaft mit Yutico Briley entwickelte. Und es ist trotz der vorgegebenen Stadien von der Aussichtslosigkeit des Falls bis zur glücklichen Befreiung eine lesenswerte, denn sie erzählt sie gut lesbar, nüchtern und faktenreich. "Die Alltäglichkeit seines Falles war die Geschichte. Jeder kann sich vor der Verantwortung drücken, und einer wie Briley verbringt dann den Rest seines Lebens im Gefängnis." Besonders instruktiv sind die Passagen, in denen Bazelon etwa über die Unzuverlässigkeit von Zeugenaussagen und von Gegenüberstellungen schreibt, die in solchen Fällen immer wieder den Ausschlag geben. "Seit 25 Jahren schreibe ich über juristische Themen und bin von einer hartnäckigen Wahrheit frustriert: Selbst wenn die Wissenschaft eine Schwäche in der Art aufdeckt, wie Strafprozesse geführt werden oder wie eine Jury die Wahrheit ermittelt, dauert es lange, bis die Praxis in den Polizeirevieren und Gerichtssälen sich auf den Expertenkonsens einrichtet. Die Forschung zeigt, wie etwa Verhöre geführt werden können, so dass sie seltener zu falschen Geständnisse führen. (...) Aber viele Ermittlungen laufen weiter weiter wie bisher, unbeeindruckt von den neuen Studien."

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - New York Times

Eine Gruppe von Reportern hat zu "JFK8" recherchiert, dem größten Auslieferungslager von Amazon in New York, das in der Pandemie die halbe Stadt versorgte - und zugleich mit Personalproblemen zu kämpfen hatte. Amazon erscheint in der Reportage nicht ganz als der übliche Böse, wie man es aus hiesigen kritischen Berichten kennt. Dass die Leute bei Amazon kein Zuckerschlecken erwartet, wird nicht verschwiegen, aber ein größeres Problem ist für die Reporter, dass Amazon sozial nicht durchlässig ist: Bei Wal Mart schaffen doppelt so viele Ungelernte den Weg ins Management wie bei Amazon, und das hat mit dem sehr negativen Menschenbild Jeff Bezos' zu tun. Schlimm ist auch, dass bei Amazon sogar die Angestellten in der digitalen Hölle der Call Center verenden. Deutlich wird das an dem Fall von Dan Cavagnaro, der mit einem schwer an Covid erkrankten Kollegen gearbeitet hatte, Alberto Castillo. "Cavagnaro hatte eine Auszeit von Amazon genommen. Im Juni schlug er nach Einwilligung seines Arztes vor, wieder zur Arbeit zurückzukehren, aber er konnte in der Firma niemanden erreichen, um darüber zu diskutieren. Die Personalmanagment-Software von Amazon verzeichnete ihn dann als Schwänzer, und er bekam Abmahnungen. Da er keine Antwort bekam, schlug er irgendwann die Hände über dem Kopf zusammen und akzeptierte die Kündigung einfach. Nachdem die Times bei Amazon in dieser Sache nachfragte, bot ihm die Firma seinen Job wieder an."
Stichwörter: Amazon