
Drei Opinion-Page-Kolumnisten der
New York Times, Lydia Polgreen, David French und Michelle Goldberg, führen ein längeres und
instruktives Gespräch über den historischen Bruch, den die Ereignisse von Minneapolis für die Geschichte der USA darstellen. Renée Good und Alex Pretti wurden von Trumps ICE-Polizisten erschossen, obwohl sie niemanden bedroht hatten. Gewiss, es ist nicht das erste Mal, dass Ordnungskräfte Gewalt gegen Bürger ausüben - aber David French beschreibt die neue Situation so: "Die Trump-Regierung verstößt gegen das Gesetz und nutzt zugleich rücksichtslos alle ihr
gesetzlich zustehenden Schutzmechanismen aus. Diese Situation ist für einen Rechtsstaat untragbar." Der Interviewer Matthew Rose fühlt sich an das
Buch "Der Doppelstaat" von
Ernst Fraenkel erinnert. Der Autor der Frankfurter Schule beschreibt mit diesem Begriff den Weg der Nazis in den Totalitarismus. Der Staat entwickelte demnach ein Doppelgesicht. Für Bürger, die sich politisch nicht einmischen, behält er eine
gewisse Berechenbarkeit (der "Normenstaat"), während er in gewissen Situationen immer öfter
zu Terror greift (der "Maßnahmenstaat"). "Die Nazis haben ihren totalitären Staat nicht sofort errichtet. Stattdessen gelang es ihnen, einen Großteil der Bevölkerung einzulullen, indem sie ihr Leben relativ normal weiterlaufen ließen", warnt French. Und Polgreen fürchtet: "Es könnte zu einem
regelrechten Bürgerkrieg kommen, mit bewaffneten Menschen auf verschiedenen Seiten. Bereits jetzt befindet sich die örtliche Polizei in einer unangenehmen Zwischenposition zwischen Zivilisten und Bundesbeamten. Die Lage könnte sich noch verschlimmern, wenn es zu einem Konflikt zwischen der von Gouverneur Tim Walz eingesetzten Nationalgarde und den von Trump eingesetzten Bundestruppen kommt, die sich darüber uneinig sind, wer die Befugnis hat, das Gewaltmonopol des Staates auszuüben."
Ein ganzes Autorenteam hat
Dutzende Videos aus Iran gesichtet. Nicht alle werden in dem Artikel eingebettet, manche zeigen (etwa
hier) ganze Leichenberge in Krankenhäusern. Die Autoren haben mit Ärzten in vielen iranischen Städten telefoniert - sie geben keine Schätzung ab, anders als die Autoren von
Time (unser
Resümee), die eine
Totenzahl von mindestens 30.000 schätzen - aber dass wesentlich mehr Menschen bei den Unruhen ermordet wurden, als bisher von Menschenrechtsorganisationen benannt, wird auch hier klar. "Eine Krankenschwester im Nikan-Krankenhaus in Teheran sagte, das Krankenhaus gleiche einem Kriegsgebiet. Ein Arzt im Shohada Tajrish-Krankenhaus im Norden Teherans, einer großen staatlichen medizinischen Einrichtung, sagte, dass das Personal in den beiden gewalttätigsten Tagen, dem 9. und 10. Januar, durchschnittlich etwa
siebzig Demonstranten mit Schussverletzungen pro Stunde versorgte. Viele Patienten seien bei ihrer Ankunft oder kurz danach bereits tot gewesen. In einer Audiobotschaft, die der
Times zugespielt wurde, bezeichnete ein Arzt in Mashhad die Situation in seinem Krankenhaus als 'erschreckend'. Zusätzlich zu der erschreckend hohen Zahl verletzter Demonstranten seien Sicherheitskräfte aufgetaucht und hätten Zugang zu den Patienten verlangt, um sie zu verhaften. Er sagte, ein Team von Ärzten habe in einer Villa außerhalb der Stadt eine
Ad-hoc-Triage-Einheit eingerichtet, wo sie Patienten behandelten, die sich zu sehr fürchteten, um in ein Krankenhaus zu gehen."