Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 10.12.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins stellt Alexandra Alter den in den USA lebenden chinesischen Autor und Übersetzer Ken Liu vor, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass Science Fiction aus China den Weg zu amerikanischen Lesern geschafft hat: "Lius Übersetzungen haben die lange von US- und britischen Autoren dominierte Sci-Fi-Landschaft verändert. In den letzten 10 Jahren hat er fünf Romane und über 50 Kurzgeschichten von Dutzenden chinesischen Autoren übersetzt und viele davon auch entdeckt … Einige der bemerkenswertesten Sci-Fi-Autoren Chinas publizieren nicht auf dem üblichen Weg, sondern in Internetforen, auf Weibo oder WeChat. Lius Freunde lassen ihm Screenshots von Geschichten aus chinesischen Apps zukommen. Er ist zu einem Herausgeber, Kurator und vermittelnden Interpreten zwischen den beiden Supermächten geworden, indem er durch die politischen Minenfelder navigiert, verklausulierte Sozialkritik überträgt. Einige seiner Autoren nutzen das Genre, um die dystopischen Konsequenzen von Chinas rasanter wirtschaftlicher und technischer Entwicklung zu erkunden. Sie siedeln ihre Geschichte in ferner Zukunft oder auf fernen Planeten an, um Tabuthemen wie die Beschränkung von Freiheit und Gleichheit, staatliche Landnahme oder Umweltzerstörung anzugehen. Einige dieser Geschichten sind in China aus Zensurgründen nie verlegt worden … Dass Sci-Fi in China boomt, ist kein Wunder, das schiere Tempo des technologischen Wandels kann surreal wirken … Es gibt Fabriken, in denen die Hirnaktivität der Arbeiter gemessen wird, um ihre Aufmerksamkeit festzustellen. Vogelartige Drohnen spionieren die Bürger aus, Überwachung durch Gesichtserkennung ist weit verbreitet, und Social-Media-Posts mit unliebsamen Begriffen werden automatisch zensiert."

Außerdem: Josh Owens berichtet reuevoll von seiner Arbeit für den Verschwörungstheoretiker Alex Jones. Kwame Anthony Appiah wälzt die Frage, ob es opportun ist, eine Freundin vor einem betrügerischen Online-Date zu warnen. Und Dorie Greenspan kennt das Rezept für die perfekten Madeleines.

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - New York Times

Die 14 aus der "Up"-Serie in ihren Zwanzigern.

In der aktuellen Ausgabe des Magazins berichtet Gideon Lewis-Kraus von Michael Apteds 1964 begonnener Langzeitdokuserie "Up", die demnächst zuende geht. Apted begleitete vierzehn Menschen aus unterschiedlichen sozio-ökonomischen Verhältnissen von ihrem 7. bis zu ihrem 63. Lebensjahr: "Mit Kindern zusammen zu sein heißt, einen bangen Frieden auszuhalten zwischen der Möglichkeit der Gegenwart und der Unausweichlichkeit der Zukunft. Unsere größte Hoffnung für unsere Kinder ist, dass sie die Freiheiten eines offenen Schicksals genießen und ihre Wünsche frei entfalten dürfen, dass die Umstände ihrer Geburt und Erziehung sich als Chancen erweisen, nicht als Last. Unsere größte Angst ist, dass ihnen Kräfte den Weg versperren, gegen die sie machtlos sind. Zugleich können wir nicht aufhören, in ihren Gesichtern und Gesten nach Hinweisen auf ihre Zukunft zu suchen, ihren Charakter, ihre Geschichte, ihr Schicksal. Und was wir für die Kinder in unserer Mitte in die Zukunft projizieren, kann kaum je getrennt erscheinen von dem, was wir, uns selbst betreffend, in die Vergangenheit projizieren. Das sind die Spannungen, die 'Up' auf dem Weg zu längsten Doku der Filmgeschichte belebt und geformt haben. Im ersten Teil der Serie erinnert der Erzähler den Zuschauer daran, 'dass der Betriebsrat und der Vorstand des Jahres 2000 jetzt gerade sieben Jahre alt sind', während die Kinder vor unseren Augen in körnigem Schwarzweiß Fangen spielen. 'Dies', so schließt die Episode, 'war ein Ausblick auf die Zukunft Großbritanniens.'"

Außerdem: Jamie Lauren Keiles befragt den Komiker Adam Sandler zu seiner ernsthaftesten Rolle. David Marchese interviewt Pete Townshend zum Vermächtnis des Rock 'n' Roll. Und Peter C. Baker denkt über schlafende Tesla-Fahrer im Autopilot-Modus nach.

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - New York Times

Der New York Times sind - offenbar von einem hohen Funktionär - einige Dokumente zugespielt worden, die zeigen, dass die Verfolgung der Uiguren in China auf allerhöchste Weisung von Parteichef Xi Jinping betrieben wird, berichten Austin Ramzy und Chris Buckley. Bei den Dokumenten handelt es sich unter anderem um einige interne Reden Xi Jinpings, die zwar keinen direkten Befehl zum Aufbau von Lagern, aber eine Art psychologische Diagnose des Aufstands der Uiguren enthalten. Xi reagierte auf einige sehr blutige Anschläge und stellt den Islamismus als eine Art Krankheit dar, die durch Umerziehung zu bekämpfen sei. In die Tat umgesetzt wurde das Umerziehungsprogramm von einigen eifrigen hohen Funktionären. Wer nicht funktionierte, wurde aussortiert, denn nebenbei funktioniert das Programm auch als parteiinterne Säuberung: "Tausende von Funktionären in Xinjiang wurden bestraft, weil sie die Unterdrückungsmaßnahmen nicht oder nicht mit ausreichendem Eifer durchführten. Uigurische Offizielle wurden beschuldigt, Mitbürger zu schützen, und  Gu Wensheng, Han-Chinese und Führer eines südlichen Distrikts, wurde ins Gefängnis gesteckt, weil er Gefangennahmen laut den Akten herauszögerte und uigurische Funktionäre geschützt hatte. Verdeckte Ermittler reisten durch die ganze Region, um jene zu identifizieren, die nicht aktiv genug waren. Im Jahr 2017 eröffnete die Partei mehr als 12.000 Ermittlungen gegen Parteimitglieder in Xinjiang wegen Verstößen im 'Kampf gegen den Separatismus', mehr als das Zwanzigfache des Vorjahres, so die offizielle Statistik."

Außerdem: Das Magazin der Times bietet ein superschick aufgemachtes Dossier zur Lage des Internets, das allerdings kaum neue Informationen unterhält. Sehenswert sind die Illustrationen, Videos und Fotos von Maurizio Cattelan und Pierpaolo Ferrari.
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Stichwörter: Uiguren, China, Xinjiang

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins verfolgt die Schriftstellerin Rachel Cusk zwei Künstlerinnenbiografien, von Celia Paul, die von Lucian Freud protegiert (und benutzt) wurde und Cecily Brown, deren Vater, der Kunstkritiker David Sylvester war, und mit ihnen zwei unterschiedliche und nicht unbedingt repräsentative Erfolgsgeschichten in der von Männern dominierten Kunstwelt: "Der männliche Künstler, in dem Bild, das wir von ihm haben, macht alles, was wir nicht tun dürfen: Er ist gewalttätig und egoistisch. Er missbraucht oder betrügt seine Freunde und Familie. Er raucht, trinkt, schockiert, frönt seinen Gelüsten und beißt die Hand, die ihn füttert, und alles, um am Ende als einzigartiges Genie gefeiert zu werden. Außerdem tut er die Dinge, die wir nicht tun möchten: arbeiten ohne Anerkennung, auf Komfort verzichten und darauf pfeifen, was andere von ihm denken. Denn er ist der Vertraute der Schönheit und der Wahrheit, Spender dieser raren Substanz der Kunst, die uns erhebt. Gibt es ein weibliches Äquivalent zu diesem Bild? Lässt sich eine Gestalt wie Giacometti mit ihren Gelüsten, ihrem Genie und ihrer Wut mit der Künstlerin vertauschen? Mir scheint die uralte Frage, wie es ist, eine Frau zu sein, angebracht. Es könnte immerhin sein, dass jedesmal, wenn die Verbindung von Kunst und maskulinem Verhalten wieder einmal behauptet wird, wir nur noch weniger über die Frau als Künstler wissen als zuvor. Ihre Existenz hat eine viel gründlichere Rechtfertigung nötig. In der Kunstgeschichte ist ihre Erscheinung die absolute Ausnahme. Aber für jede von ihnen braucht es eine Erklärung darüber, ob und wie sie auf ihre Weiblichkeit und ihre Limitierungen verzichtet hat, auf ihr weibliches biologisches Schicksal - wo sie ihren Körper sozusagen vergraben hat. Dieser Körper ist in der westlichen Kunst umkämpft: Er wurde zum künstlerischen Impuls eingedampft, befeuerte die Suche nach der Schönheit und ihrer künstlerischen Bezwingung. Im Narrativ der Kunst hat die Frau den Status des reinen Objekts. Wie sieht ihre Subjektivität überhaupt aus? Haben die Künstlerinnen der Moderne wie Joan Mitchell, Paula Rego, Louise Bourgeois, Agnes Martin die Kennzeichen männlicher kultureller Macht imitiert oder haben sie an ihren Rändern existiert? Wenn eine Frau heute künstlerisch arbeitet, wer ist sie?"

Außerdem: In der Book Review denkt die Autorin Leslie Jamison über den Kult der traurigen, selbstzerstörerischen Frau in der Literatur nach. Sie selbst war in ihren Zwanzigern auf diesem Trip, ihre Lieblingsheldin war Jean Rhys' Sasha in "Good Morning, Midnight". Sasha Sasha versucht sich in einem billigen Pariser Hotel zu Tode zu trinken, getrieben von ihrer verlorenen Jugend, fehlgeschlagenen Affären und dem Geist ihres Babys, das mit fünf Wochen starb, so Jamison. Heute erträgt sie die "weinerliche Passivität" und das Selbstmitleid dieser Heldin kaum noch und stellt lieber eine Reihe von Autorinnen vor, die über das Glück schreiben: Chris Kraus, Kathleen Stewart und vor allem Maggie Nelson.

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - New York Times

In einer großen Reportage decken Selam Gebrekidan, Matt Apuzzo und Benjamin Novak auf, dass jährlich Millionen an Agrarsubventionen der EU in die Taschen von Oligarchen und Diktatoren fließen: "Jährlich zahlt die EU 65 Milliarden Dollar Agrarsubventionen mit dem Zweck, die Bauern auf dem Kontinent zu unterstützen und ländliche Kommunen am Leben zu erhalten. Aber in Ungarn und anderen Teilen Zentral- und Osteuropas profitieren nur einige wenige Mächtige von dem Geld. Tschechiens Regierungschef allein steckte im vergangenen Jahr zig Millionen an Subventionen ein. Subventionen haben zu mafiartiger Landnahme geführt in der Slowakei und Bulgarien. Europas Landwirtschaftsprogramm, das die EU mit geformt hat, wird von den gleichen antidemokratischen Kräften ausgebeutet, die die EU von innen bedrohen, und zwar, weil die Regierungen in Zentral- und Osteuropa, einige von Populisten angeführt, großen Spielraum haben, was die aus EU-Steuergeldern bestehenden Subventionen betrifft und weil das Subventionssystem undurchsichtig ist … Genaueres Hinsehen würde bedeuten, ein Programm zu hinterfragen, das die EU mit zusammenhält. Europäische Regierungschefs sind über vieles uneins, aber sie alle setzen auf großzügige und diskrete Subventionen. An dem System zu rütteln, um Missbrauch in den neuen Mitgliedstaaten zu verhindern, würde bedeuten, politische und ökonomische Geschicke auf dem Kontinent zu stören. Daher liegt Brüssels Fokus nicht auf einer Ausmerzung der Korruption oder einer Verstärkung der Kontrollen. Stattdessen räumt der Gesetzgeber den nationalen Machthabern mehr Verfügungsgewalt ein, was die Geldverteilung betrifft, auch wenn Beobachter davon abraten. Das Programm ist der größte Posten im Budget der EU, 40 Prozent ihrer Ausgaben, eines der größten Subventionsprogramme der Welt. Und doch geben einige Offizielle in Brüssel, die mit Agrarpolitik befasst sind, zu, in vielen Fällen keine Ahnung zu haben, wo das Geld landet. Es geht zum Beispiel in den Verwaltungsbezirk Fejer, Heimat des ungarischen Premiers Viktor Orban. Eine Ikone der extremen Rechten und ein scharfer Kritiker Brüssels und europäischer Eliten, nimmt er gern von Brüssel. Unsere Untersuchung brachte ans Licht, dass Orban EU-Subventionen verwendet, um Günstlingswirtschaft für seine Freunde und Familie zu betreiben, seine politischen Interessen zu verfolgen und Rivalen auszustechen."

Und im Magazine: Jennifer Percy berichtet vom Trauma irakischer Kinder, die in IS-Gefangenschaft waren. Mattathias Schwartz erklärt, wie Trumps Bibelflüsterer Ralph Drollinger hinter den Kulissen fleißig Strippen zieht. Und David Marchese trifft eine streitbare Shirley MacLaine.

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erklärt McKenzie Funk, wie die amerikanische Immigrationspolizei ICE sich ihre Opfer aussucht. Um diese aufzustöbern braucht es nicht mal Facebook, da genügen die Informationen staatlicher Stellen und traditioneller Medienkonzerne: "Die Verfolgung von Immigranten in den USA ist eine einfache Aufgabe, weil es einfach ist, jeden von uns zu verfolgen. Diese Reportage basiert auf dem gleichen Phänomen. Über ein Jahr lang habe ich versucht, den nach 9/11 aufgebauten Überwachungsapparat und seine Nutzung durch ICE-Mitarbeiter umzudrehen und ihre Jagd nach Opfern bis zu ihren Sucheingaben in den Computer zurückzuverfolgen. Basierend auf hunderten Regierungsdatensätzen, Dutzenden Interviews und tausenden Seiten Material aus öffentlichen Registern gibt der folgende Report neue Hinweise auf die Überwachung von Häftlingen in ICE-Einrichtungen und liefert Beweise dafür, dass die ICE auf staatliche Datenbanken und Produkte des Thomson Reuters Medienkonzerns zurückgreift, um Immigranten zu fassen. Gezeigt wird außerdem, wie der Real ID Act von 2005, Fördermittel aus dem Heimatschutz-Ministerium und die Unterstützung von Gruppierungen wie der 'American Association of Motor Vehicle Administrators' den Boden bereitet haben für die Echtzeit-Überwachung amerikanischer Bürger. Es ist nur ein Ausschnitt des Ganzen, lässt aber den Umfang des Apparats erkennen."

Außerdem: David Marchese interviewt den Schauspieler Edward Norton und entlockt ihm ein paar schöne Sätze zu "Chinatown". Und Fahim Abed und Fatima Faizi lassen die Opfer von 18 Jahren Krieg in Afghanistan zu Wort kommen.

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - New York Times

Für die New York Times betreten Michael H. Keller und Gabriel J.X. Dance die Hölle. Ihr Beitrag befasst sich mit der epidemischen Ausbreitung von Kinderpornografie im Netz - auf derzeit 45 Millionen Online-Fotos und -Videos: "Das digitale Zeitalter hat für eine alarmierende Multiplikation der Bilder gesorgt. Altes und neues Bildmaterial überschwemmt das Netz, Facebook Messenger, Microsofts Bing Suchmaschine und Dropbox. Besonders verstörend ist der Trend zum Teilen von Bildern von immer jüngeren Kindern und immer extremeren Formen des Missbrauchs in den Onlineforen. Die Gruppen verwenden Verschlüsselungstechnik und das Dark web, um Pädophilen zu zeigen, wie sie ihre Verbrechen durchführen, Bilder davon aufnehmen und weltweit verbreiten können. In einigen Foren müssen die Kinder Schilder mit dem Namen der Gruppe oder anderen identifikatorischen Hinweisen in die Kamera halten, als Beweis, dass es sich um frisches Bildmaterial handelt. Die Behörden im Land werden von Berichten über Kinderpornografie regelrecht überschwemmt. Einige konzentrieren sich inzwischen auf die jüngsten Opfer … In gewisser Weise ist die Menge an Meldungen ein Erfolg. Tech-Unternehmen sind rechtlich allerdings nur dazu verpflichtet Missbrauch zu melden, wenn sie ihn entdecken, nicht, danach zu suchen. Nach Jahren unregelmäßiger Kontrolle haben einige große Firmen, darunter Facebook und Google ihre Kontrollen verschärft. Tech-Bosse weisen auf die Freiwilligkeit der Kontrolle hin und nehmen den Anstieg der Meldungen als Beleg ihrer Bemühungen. Polizei- und Behördenberichte lassen allerdings den Schluss zu, dass das längst nicht ausreicht. Manchmal dauert es Wochen oder Monate, bis die Unternehmen auf Anfragen der Behörden reagieren, oder sie reagieren gar nicht oder mit dem Hinweis, dass sie über keine Datensätze verfügen, nicht mal für die Meldeverpflichtung, die sie selbst angeregt haben. ... Aber es gibt noch eine andere Hürde: Bilder von sexuellem Kindesmissbrauch erregen kaum Aufmerksamkeit, weil nur wenige Menschen mit der Ungeheuerlichkeit und dem Schrecken der Inhalte konfrontiert werden wollen oder fälschlicherweise glauben, das seien in erster Linie Jugendliche, die sich unangemessene Selfies senden. Einige staatliche Gesetzgeber, Richter und Mitglieder des Kongresses haben sich geweigert, das Problem zu diskutieren. Steven J. Grocki vom für Kinderausbeutungs-Delikte zuständigen Referat des Justizministeriums, sagte, dass die Zurückhaltung, das Problem anzugehen, über die Mandatsträger hinausgehe und ein gesellschaftliches Problem sei. 'Sie wenden sich davon ab, weil es zu hässlich ist', sagte er.""

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erörtern Ronen Bergman und Mark Mazzetti die geheimen Vorgänge zwischen Israel und den USA in Sachen Erstschlag gegen den Iran: "Die aktuelle Krise hat die beiden Nationen und ihre politischen Führer enger zusammengeschweißt. Hatte er einst Vorteile darin gesehen, den Präsidenten der USA offen anzugreifen, so nutzt Netanjahu seine enge Beziehung zu Trump jetzt im Kampf um sein politisches Überleben. Trump ist in Israel sehr populär … Der in heiklen Zeiten zwischen den beiden Staaten vermittelnde ehemalige CIA-Direktor und Verteidigungsminister Leon Panetta spricht von einer entgegengesetzten Gefahr: 'Wenn die USA alles tun, was Israel will, verlieren sie jedes Druckmittel. Wir müssen unsere nationalen Sicherheitsinteressen wahren, wie immer die aussehen. Und ja, wir sind Freund und Verbündeter Israels, aber wir dürfen nicht den Blick aufs Ganze verlieren, auf den Frieden in der gesamten Region.' Neuerdings benutzt Trump die Unterstützung für Israel als Lackmus-Test für amerikanische Juden, indem er alle als unloyal bezeichnet, die sich ihm entgegenstellen - sowohl Israel als auch dem jüdischen Volk gegenüber. Seine Entscheidung vom Juni, in letzter Minute auf einen Angriff zu verzichten, ließ die Falken in Israel und den USA im Zweifel, ob der Präsident die Entschlossenheit hätte, im Fall einer Bedrohung auch zu reagieren … Mehr als zehn Jahre nach der erstmaligen Thematisierung eines unilateralen Angriffs gegen den Iran erwägen israelische Offizielle das Szenario. Anders als mit Bush und Obama gibt es eine größere Zuversicht, dass Trump sich nicht einmischen würde. Netanjahu lässt in Nahost die Muskeln spielen, indem er gegen iranische und Hisbollah-Truppen und Waffenlager in Syrien vorgeht … Die Kriegsdrohung könnte ein Bluff oder Wahltrick sein, aber sie zeigt auch eine gefährliche Verschmelzung von Interessen: Hier ein US-Präsident, der zögert, militärische Gewalt einzusetzen, und dort ein israelischer Premier, der offene Rechnungen begleichen will."
Stichwörter: Iran, Israel, USA

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins interviewt David Samuels Neil Young, der einen einsamen Kampf führt gegen Spotify und Co. und die krankmachende Verflachung des Klangs: "'Das Internet hat den Planeten Musik wie ein Meteor ausgelöscht. Der hohle komprimierte Klang des Streamings ist meilenweit weg vom Klang der CD und noch weiter vom Klang der Schallplatte', so Young. Jedesmal wurden reihenweise klangliche Details und Schattierungen ausgelöscht, wurde die Informationsmenge für das Format reduziert. 'Am Ende sind fünf Prozent der Originalmusik übrig', meint Young. Produzenten und Soundingenieure reagierten auf die Komprimierung, indem sie mit Tricks arbeiteten, die sanfteren Passagen eines Stücks lauter machten. Das macht den Sound flacher und täuscht das Gehirn des Hörers, auf dass er das Fehlende nicht mehr wahrnimmt, die klangliche Kombination spezifischer Musiker, die Noten und Klänge an einem spezifischen Ort, zu einer spezifischen Zeit hervorbringen und die Tonband und Schallplatte so erfolgreich einzufangen imstande waren. Für Young ist das Hören nicht nur seiner eigenen Musik, sondern auch von Jazz, Rock und Pop über Streaming-Formate wie der Besuch im Metropolitan Museum oder dem Musée d'Orsay ohne die tatsächlichen Werke - als könnte der Besucher Courbet und Van Gogh nur noch als verpixelte Thumbnails betrachten. Aber Young befürchtet noch mehr: Wir vergiften uns mit verflachter Musik, glaubt er, so wie Monsanto unsere Lebensmittel vergiftet. Die Entwicklung des menschlichen Gehirns wird von den Sinnen bestimmt. Nimmt man zu viele Zeichen fort, finden wir uns in einem Raum ohne Fenster und Türen wieder. Das Ersetzen der kontingenten Komplexität biologischer Existenz durch abgestimmte Algorithmen ist schlecht für uns, denkt Young. Für einen Spinner gehalten zu werden, kratzt ihn nicht."

Außerdem: Jay Caspian Kang berichtet über die absurden Effekte positiver Diskriminierung an amerikanischen Elite-Unis. Jenna Wortham erklärt, wie queere Kandidaten das Dating-TV aufmischen. Und Willy Staley trifft New Yorks Skatewunder Tyshawn Jones.

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - New York Times

Die aktuelle Ausgabe des Magazins widmet ein großes und unbedingt lesenswertes Dossier dem Beginn der Sklaverei in Amerika vor 400 Jahren, jenem Tag im August 1619, an dem das erste Schiff mit 20 versklavten Afrikanern an Bord in Virginia landete. Nikole Hannah-Jones erinnert daran, dass es vor allem Afroamerikaner waren und sind, die für die Ideale der Nation eintreten - und ihr Leben lassen: "Die USA sind auf einem Ideal gegründet und auf einer Lüge. Unsere Unabhängigkeitserklärung von 1776 verkündet die Gleichheit aller Menschen und ihrer gottgegebenen unabänderlichen Rechte. Aber die Weißen, die diese Worte erdachten, hielten sie nicht für gültig für die Hunderttausenden Schwarzen in ihrer Mitte. 'Leben, Freiheit und das Streben nach Glück' galt nicht für ein Fünftel des Landes. Doch obwohl gewaltsam von Freiheit und Gerechtigkeit ausgeschlossen, glaubten gerade die Afroamerikaner inbrünstig an das amerikanische Glaubensbekenntnis. Während Jahrhunderter schwarzen Widerstands und Protestes haben wir dem Land geholfen, seine Ideale zu verfolgen. Und nicht nur für uns selbst. Das Ringen um die Rechte der Schwarzen ebnete den Weg für den Kampf um andere Rechte, seien es die Frauenrechte, die Schwulen-, die Immigrantenrechte oder die Rechte Behinderter. Ohne die von Idealismus getriebenen, mühsamen patriotischen Anstrengungen schwarzer Amerikaner würde unsere Demokratie heute anders aussehen oder gar nicht existieren. Der erste Bürger, der für dieses Land in der amerikanischen Revolution sein Leben ließ, war ein Schwarzer, der nicht frei war. Crispus Attucks war ein flüchtiger Sklave, und doch gab er sein Leben für eine neue Nation, in der sein Volk nicht über die Grundrechte verfügen würde, die für das neue Jahrhundert gelten sollten. In jedem Krieg, den Amerika seit jenem ersten geführt hat, kämpften schwarze Amerikaner, heute sind wir die am häufigsten vertretene ethnische Gruppe in der US-Armee."

Und in einem anderen Text des Dossiers erklärt Matthew Desmond, inwiefern die Sklavenarbeit auf den Plantagen den Turbokapitalismus von heute antizipierte: "Das kompromisslose Streben nach Messbarkeit und wissenschaftlicher Buchhaltung in den Plantagen weist voraus auf die Industrialisierung. Die Fabriken im Norden nahmen diese Techniken erst Jahrzehnte nach der Emanzipationsproklamation an. Da die großen Sklavenarbeitslager immer effizienter wurden, waren die schwarzen Sklaven so etwas wie Amerikas erste moderne Arbeiter; ihre Produktivität steigerte sich mit unglaublichem Tempo. Während der sechzig Jahre bis zum Bürgerkrieg steigerte sich die tägliche Menge der gepflückten Baumwolle pro Sklave um 2,3 Prozent jährlich. Das heißt, dass der durchschnittliche Sklaven-Feldarbeiter 1862 nicht 25 oder 50, sondern 400 Prozent mehr Baumwolle pflückte als sein Vorfahr im Jahr 1801."