Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.05.2006. In der New York Review of Books verteidigt Orhan Pamuk die Meinungsfreiheit als universelles Menschenrecht. Im NZZ-Folio erfahren wir, wer Fußballweltmeister wird. Im Spiegel spottet Elke Schmitter über die Angst großer deutscher Männer vor den Pauperisierten. Clarin beklagt den armseligen intellektuellen Zustand der Linken. Im New Yorker erzählt ein Priester, wie er sich nach klassischer 419-Manier hat ausnehmen lassen. Die Gazeta Wyborcza will den polnischen Liberalismus retten. Der Spectator kann mit einem zölibatären Numerarier über Züchtigung diskutieren. In Le Point geißelt Malek Chebel die Zurückweisung des Fleisches als unislamisch.

New York Review of Books (USA), 25.05.2006

Abgedruckt ist Orhan Pamuks "Arthur Miller Freedom to Write Lecture", in der er beim New Yorker PEN-Festival Stellung zu den aktuellen Debatte nahm: "In welchem Land auch immer, die Meinungsfreiheit ist ein universelles Menschenrecht", sagt er. "Respekt für die Rechte von religiösen und ethnischen Minderheiten darf niemals eine Entschuldigung dafür sein, die Freiheit der Rede zu verletzen. Wir Schriftsteller sollten in dieser Hinsicht nicht zögern, wie 'provokativ' auch immer der Vorwand sei."

Der Physiker Jeremy Bernstein, der schon beim amerikanischen Atomprogramm von Los Alamos mitgearbeitet hat, kann sich gut daran erinnern, dass niemand eine Ahnung davon hatte, dass der Spion Klaus Fuchs Blaupausen an die Sowjetunion lieferte. Deshalb kann er Jeffrey T. Richelson nur zustimmen, der in seinem neuem Buch "Spying on the Bomb" das Versagen der Militärspionage beschreibt: "Die chinesischen, indischen, pakistanischen und irakischen Atomprogramme haben eines gemeinsam: dass die ausländischen Nachrichtendienste allesamt dabei versagten, sie aufzudecken." Das nordkoreanische Programm hält Bernstein heute für nicht allzu gefährlich, das bitterarme Land, so seine Einschätzung, dürfte sich schnell mit wirtschaftlichen Entschädigungen zufrieden geben. "Was aber die iranische Situation so schwierig macht, ist, dass sie Öl zu verkaufen haben, was sie weniger verwundbar gegenüber wirtschaftlichen Sanktionen macht. Wenn diese drohen, wird der Ölpreis hochgehen und die Iraner reicher werden. Die Chinesen bekommen im Moment vierzehn Prozent ihres Öls vom Iran, deswegen sind sie so unwillig, Druck auszuüben."

Weiteres: Andrew Hacker empfiehlt drei neue Bücher: "Class Matters" (das aus einer Serie der New York Times hervorgegangen ist), James Lardners und David A. Smith' "Inequality Matters" und "The Chosen", die alle eine wachsende Ungleichheit in den USA konstatieren. Dem stimmt Hacker zwar zu, lehnt aber den immer häufiger gebrauchten Begriff der Klasse als viel zu statisch und zu wenig erklärend ab. Berlusconi-Biograf Alexander Stille blickt noch einmal auf die Regierung des Cavaliere und seinen für das Land ruinösen höfischen Kapitalismus zurück. Julian Barnes stellt Frederick Browns Flaubert-Biografie vor, und Hugh Eakin liest Peter Watsons und Cecilia Todeschinis "Medici Conspiracy".

Folio (Schweiz), 02.05.2006

Das NZZ-Folio ist im WM-Fieber: Eine Reihe von Autoren geben in wunderbaren Texten ihre Welmeistertipps ab: Joao Ubaldo Ribeiro für Brasilien: "Wir haben die besten Spieler, praktisch auf allen Positionen." Andrew Anthony für England (schon wegen Wayne Rooney): "Dieser Kindmann mit dem Gebaren eines Comic-Helden ist nicht nur mit Kraft, Schnelligkeit und einer verblüffend ballerinahaften Grazie gesegnet, sondern er blüht erst bei großen Anlässen richtig auf." Herve Le Tellier für Frankreich: "Ganz ehrlich, mir tun die anderen leid." Rodrigo Fresan für Argentinien: "In Argentinien setzt der Fußball die Realität vorübergehend außer Kraft." Leon de Winter für die Niederlande: "Ich betrachte Fußball als eine Form des angewandten Terrors. Ich erinnere mich an Spiele von Ajax, bei denen der Gegner wimmernd am Boden lag und um Vergebung flehte." Guillem Martinez für Spanien: "Der Tag der Apokalypse wird kommen. Irgendwann. Warum nicht jetzt?" Robert Gernhardt für Deutschland: "Ist doch so klar wie Brühe voll von Klößen! Rings staunt die Welt ob unsrer Fußballgrößen." Und Benno Maggi für - jaaah! - die Schweiz: "'Le principe melange' wird nach 1998 in Frankreich ein zweites Mal im Weltfußball siegen." Die Tschechen hat offenbar niemand auf der Pfanne.

Nigel Barley nähert sich aus ethnologischer Perspektive dem Fußball, dem Ich-Verlust im Stadion, dem Aggressionsstau der Schmerbäuche und der Totalität des Testosterons: "Der alte Spruch des Historikers Manning Clark, dass Fußball 'das Ballett der Arbeiterklasse' sei, klingt ziemlich deplaciert in einer Welt, wo die Fußballer im Rahmen ihres Fitnessprogramms echte Ballettstunden nehmen, aber jeden Reporter zusammenschlagen, der es wagt, sie beim Verlassen einer Schwanensee-Aufführung abzulichten."

Weitere Artikel: Peter Hartmann beschreibt die Kunst von Fifa-Präsident Sepp Blatter: "Kampf ohne Moralkodex und ohne Normen". Roderick Hönig erklärt, wie ein Stadion funktioniert. Dazu gibt es eine Reihe Bestenlisten mit den besten Schlagzeilen der Sun, den wichtigsten Jubeltechniken, den brutalsten Spielen, den gröbsten Fehlentscheide und den lächerlichsten Schwalben (hier, hier und hier).

Und natürlich die Duftnote, in der Luca Turin diesmal das Prinzip der Simplexität in der Parfümerie erklärt: "die Kombination von kühler, blauer Eleganz und überbordender, roter Kompliziertheit".
Archiv: Folio

Spiegel (Deutschland), 08.05.2006

"Es gibt ein paar große Männer in Deutschland, die machen sich große Sorgen. Wir sterben aus, sagt die Angst." Elke Schmitter (mehr hier) hat auch über den Geburtenrückgang nachgedacht und kann - "so als Frau" - nur sagen: "Entspannt euch, Jungs." Denn: "Seit über Geburtenraten nachgedacht wird, sind es die falschen, die Kinder bekommen. Das Bürgertum hat sich immer 'von unten' bedroht gefühlt. Und kam damit am besten zurecht, wenn Wirtschaft und Gesellschaft den Kindern der Armen und Ungebildeten Aufstieg und Teilhabe versprachen. Das ist derzeit nicht der Fall. Die alte Angst vor den Pauperisierten nimmt zu; so ist es kein Wunder, dass die warnenden Apelle vor allem an die akademisch gebildeten Frauen ergehen: 'Wir', die guten deutschen Mittelständler, sollten uns stärker reproduzieren. Darüber auf diese Weise zu reden ist wohl das Prickelndste seit dem Slogan: 'Wir schenken dem Führer ein Kind'."

Abgedruckt wird auch Durs Grünbeins Dankesrede zur Verleihung des Berliner Literaturpreises, in der er eine Eloge auf die Hauptstadt hält: "Einmal quallige Kapitale eines aufquellenden Reiches, später ein Trümmerhaufen für verlorene Seelen, heute ihr föderales Rückzugsgebiet, ein Mottensofa am Straßenrand und ein ausgeweideter Kulturpalast, etwas tief Unterirdisches immer, Labyrinth aus Bunkern und U-Bahn-Tunneln, zuletzt Hort bummernder Techno-Parties, doch kaum tritt man ans Licht hinaus auf eine der gewaltigen Brachflächen, fallen die Mauern, man sieht die sternklare Nacht und andertags das seltsamste Blau unter Deutschlands Himmeln."

Weiteres: Das Titeldossier ist der Koalition der Reform-Unwilligen gewidmet. Georg Mascolo und Jan Puhl porträtieren den polnischen Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski, der in Oxford studiert hat, für den Spectator über die sowjetische Invasion in Afghanistan berichtete und mit der amerikanischen Kolumnistin und Historikerin Anne Applebaum verheiratet ist. Und Lars-Olav Beier und Martin Wolf beklagen, dass deutsche Schauspieler der Rolle des Stars nicht gewachsen sind.
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Archiv: Spiegel

Clarin (Argentinien), 06.05.2006

In der ersten April-Ausgabe der London Review of Books hatte Slavoj Zizek philantropische Kapitalisten wie Bill Gates, George Soros oder Ted Turner als "liberale Kommunisten" verdammt. Fernando A. Iglesias feuert zurück: Nicht die Kapitalisten sind das Problem, sondern die Linke. "Der Linken des neuen Jahrtausends fehlt kein Programm - ihr fehlen Phantasie, Wille, Mut und Anstand. Wäre sie imstande, sich die grundlegenden Werte des kapitalistischen Liberalismus zu eigen zu machen und sich für die Klassengesellschaft einzusetzen, aber gegen deren Verwandlung in eine Erbengemeinschaft, für eine Welt, in der persönlicher Verdienst und Leistung zählen anstelle des Zufalls in Form ererbter Vermögen, für einen humanistischen Individualismus statt nationaler Stammesgemeinschaften und Familienclans, so überwände sie endlich den progressiven Feudalismus, in dem sie es sich so bequem eingerichtet hat. Wie muss es um eine bestimmte 'Linke' bestellt sein, dass man sich genötigt fühlt, ausgerechnet Bill Gates zu Hilfe zu kommen!"

Als Antwort hierauf reklamiert Zizek für sich in einem Interview eine "Bartleby-Politik": "Vielleicht besteht die nächstliegende wahrhaftige Handlung darin, der Versuchung zu handeln, zu widerstehen."
Archiv: Clarin

Outlook India (Indien), 15.05.2006

Anjali Puri macht sich Gedanken über die "cut-and-paste"-Generation und die wild wuchernde Plagiatskultur in Literatur und Wissenschaft, deren Pflege im indischen Bildungswesen anscheinend hohe Priorität besitzt: "In der Schule gelten ein fotografisches Gedächtnis und die Fähigkeit, anderer Leute Sätze 'zu übernehmen' als beneidenswertes Talent ... Die Universitäten ermutigen nicht zum Plagiieren, doch missbilligen sie es auch nicht." Anders im Internet, das über eine Art Selbstschutzmechanismus verfügt: "Und wenn sich jemand bei einer noch so unbekannten Winkelpublikation bedient, die Blogosphäre schlägt Alarm."

Außerdem: Mani Shankar Aiyar bespricht das um die Zerstörung der Babri-Moschee kreisende Buch "Ayodhya" des Ex-Premiers P.V. Narasimha Rao. Pramila Phatarphekar kommentiert den Hype indischer Kinder-Tierbücher. Und Shuddhabrata Sengupta antwortet auf das neulich in Outlook betriebene Delhi-Bashing: "Wenn's so arg ist, warum wollen 14 Millionen Menschen da leben?"
Stichwörter: Wissenschaft, Hypes, Delhi

New Yorker (USA), 15.05.2006

Mitchell Zuckoff erzählt die Geschichte des John W. Worley, eines ordinierten Priester und Psychotherapeuten aus Massachusetts, der sich nach klassischer 419-Manier und in "williger Blindheit" (so der Vorwurf) von nigerianischen Finanzbetrügern um achtzigtausend Dollar erleichtern ließ und zahlreiche gefälschte Scheck für sie einlöste. Ein Captain Joshua Mbote hatte ihn per Email gebeten, beim Transfer von 55 Millionen Dollar zu helfen, die aus einem geplatzten Waffendeal für Kongos damaligen Präsidenten Kabila übrig geblieben sind. Über Jahre wurden Mails und Schecks ausgetauscht, dann wurde Worley skeptisch: "'Bis heute habe ich nahezu fünfzigtausend Dollar dabei verloren, den Schatz am Ende des Regenbogens zu finden. Ich kann nicht weitermachen. Ich werde zwei Jahre brauchen, um mich davon zu erholen. Bis dahin werde ich tot sein.' Mrs. Abachas besänftigte ihn und wrang weitere dreizehntausend Dollar aus ihm heraus."

Hendrik Herzberg begrüßt die Besonnenheit, mit der eine Jury den "Hätte-gern-konnte-aber-Nicht"-Attentäter vom 11. September Zacarias Moussaoui zu Lebenslänglich verurteilt hat. In der Rubrik "A Critic at large" nimmt Larry Doyle die Biomarkt-Kette Whole Food unter die Lupe.

Besprochen werden Alan Bennetts Stück "The History Boys", die Betty-Woodman-Retrospektive im Metropolitan Museum New York und die dritte Folge von "Mission Impossible".
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 05.05.2006

Der Theaterkritiker Tamas Koltai fragt sich, warum die Monotonie des Dramatikers Marius von Mayenburg in Deutschland so erfolgreich ist: "Man nehme einige deviante Menschen, tue sie in einen vor Psychotraumen brodelnden Kessel, gebe einige gesellschaftlichen Katastrophen dazu, durchrühren, fertig! Publikum und Kritiker schlingen das gierig, zumindest in Deutschland, wo die Menschen darauf geeicht sind, ein Schuldbewusstsein zu haben und durch eine Beichte freigesprochen zu werden."

Veronika Agnes Toth findet, dass in Ungarn Tanztheater nur für Männer gemacht wird: "Eine schöne, sich auf der Bühne bewegende Puppe, der tausendmal wiederholte Antagonismus von Hure und Jungfrau, das immer wieder als Selbstverständlichkeit vorgetragene 'ewig Weibliche' interessieren eine Zuschauerin überhaupt nicht; sogar der Jolly Joker - die Darstellung der Liebe als Kampf - lässt sie kalt."

Gazeta Wyborcza (Polen), 07.05.2006

Liberale haben es in Polen momentan nicht leicht, meint der Philosophieprofessor Wojciech Sadurski vom European University Institute in Florenz. Nicht erst seit der neuen konservativen Regierung. "Das von den Brüdern Kaczynski und deren Verbündeten proklamierte Scheitern eines liberalen Polens bedeutet nicht nur das Scheitern eines Wirtschaftsmodells. Es geht um eine Staatsphilosophie - Menschen, die sich den Idealen der Aufklärung verbunden fühlen, sind nicht nur unbeliebt, sondern auch auf der Verliererseite. Es siegt vorerst die nationalistische, xenophobische und antiliberale Tradition." Jetzt müsse überlegt werden, welche Rolle die Liberalen in einer nicht-liberalen Umgebung spielen können, so Sadurski. Die Antwort sucht er in den Schriften von John Rawls. "Die Alternative bestünde darin, sich auf die liberalen Positionen zurückzuziehen wie in eine belagerte Festung."

Der Krakauer Industrievorort Nowa Huta ist Trend! Eines der größten stalinistischen Bauvorhaben in Polen, einst Schmuddelkind in der Nähe der alten Hauptstadt, inspiriert immer mehr Künstler (Beispiel) und Touristen, schreibt Renata Radlowska. "Im touristischen Image Krakaus tauchte Nowa Huta bis dato nicht auf. Das Interesse kam wie von selbst auf - es kamen Künstler und es wurden Sozialprojekte initiiert. Sogar die EU will Geld für die 'Revitalisierung postindustrieller Räume' geben. Nowa Huta ist die Gegenbewegung zum alten, langweiligen Krakau, sagt ein Insider. Es steht für Frische, Raum und Realitätsnähe, statt für Künstlergehabe." Das scheint auch die Stadt begriffen zu haben, die den Komplex zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären will.

Spectator (UK), 06.05.2006

Austen Ivereigh, Koordinator der gemeinsamen Da Vinci Code Response Group der englischen und walisischen Kirche und Opus Dei, beschreibt, wie die Organisation die Rolle als Bösewicht in Dan Browns Bestseller zur kostenlosen Werbung umgewandelt hat: "Wenn man die Pressesprecher der britischen Sektion Jack Valero und seine Kollegen durch die TV-Studios rauschen sieht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass das einmal die verschwiegenste, zurückgezogenste Organisation der katholischen Kirche war, besessen von Geheimhaltung und mit einem fast perversen Stolz auf die Feindlichkeit der Medien. Einst der Prügelknabe progressiver Katholiken, ist Valero nun das neue Gesicht von Opus Dei: fröhlich, energetisch, transparent, so offen wie ihre Türen. Sie wollen einen supernumerarischen Musiker mit Zwillingen in Notting Hill treffen? Kein Problem. Züchtigung mit einem zölibatären Numerarier diskutieren? Sicher." Mary Wakefield assistiert und bescheinigt Opus Dei eine fast beängstigende Normalität.
Archiv: Spectator
Stichwörter: Normalität, Katholiken

Point (Frankreich), 05.05.2006

Der Anthropologe Malek Chebel hat einen "Kama-sutra arabe", eine Anthologie erotischer Texte aus der islamischen Geschichte, zusammengestellt. Im Interview mit Catherine Golliau streicht er auch einige erotische Passagen im Koran heraus und geißelt den extremen Puritanismus der heutigen Islamisten als unislamisch: "Die Zurückweisung des Fleisches und der Sexualität laufen auf eine Zurückweisung seiner selbst hinaus. Aber wie soll jemand, der sich selbst ablehnt, etwas anderes lieben können, und sei es Gott? Der Islam betont die Wichtigkeit des profanen Glücks als Übergang und Einladung zum sprituellen Glück. Wer diese beiden Formen des Glücks als Gegensätze sieht, handelt als 'Analphabet des Gefühls'."
Archiv: Point
Stichwörter: Puritanismus, Sexualität

Espresso (Italien), 11.05.2006

In italienischen Mails kursieren Scherze, in denen die Politrhetorik der vergangenen Wochen benutzt wird, um Fußballspiele anzuzweifeln und immer wieder neu aufzurollen. Umberto Eco ist geschockt, wie absurd und realistisch das Ganze wirkt. "Ich muss eine gewichtige Tatsache feststellen", heißt es dort etwa. "Im Abfalleimer in der Nähe der Ehrentribüne wurde ein Zettel von jener Art gefunden, auf denen die Schiedsrichter die Ereignisse einer Partei notieren, und dort stand, dass die Partie Mailand-Barcelona 3:1 ausgegangen ist (und nicht 0:1), mit den Torschützen Gilardino, Shevchenko, Giuly und Kaladze. Wir fordern, dass dieser beunruhigende Vorfall untersucht und in einem angemessenen Zeitraum überprüft wird. Mit dem endgültigen Ergebnis des Spiels ist frühestens in vier oder fünf Monaten zu rechnen."

Weiteres: Gianluca Di Feo rechnet sich im Titel aus, was der Irakeinsatz Italien so gekostet hat: eineinhalb Milliarden Euro, davon ein Prozent für humanitäre Hilfe, der Rest fürs Militär. Monica Maggi präsentiert in der Gesellschaftsecke neueste Knuddel-High-Tech aus Italien: ein T-Shirt, dass sich per SMS zusammenzieht, um eine Umarmung zu simulieren.
Archiv: Espresso
Stichwörter: Barcelona, Umberto Eco

Times Literary Supplement (UK), 05.05.2006

Voller Bewunderung schreibt Benjamin Markovits über Philip Roth' neues Buch "Everyman", das - eher eine Novelle denn ein Roman - das Leben eines Mannes als dessen Krankengeschichte erzählt und als Geschichte gescheiterter Ehen. "'Everyman' zeigt, wie sehr die Macht des Trosts im Leben zählt. Die Fähigkeit, einander zu trösten (nicht zu erregen, zu interessieren oder zu amüsieren) ist, wovon wir letztendlich abhängen."

Weitere Artikel: Einige aufschlussreiche Episoden verdankt Joyce Carol Oates der Journalistin Norah Vincent, die sich ein Jahr lang als Mann verkleidet hat und ihre Erfahrungen in "Self-made Man" niedergeschrieben hat. Angesichts von Javier Marias' Schriftsteller-Kurzporträts "Written Lives" blickt Peter Parker wehmütig auf die englische Tradition der Biografie zurück. Philip French stellt zwei Bücher über den Film Noir vor, Sheri Chinen Biesens "Blackout" und Edward Dimendbergs "Film Noir and the Spaces of Modernity", die sich bei aller unterschiedlichen Akzentuierung in einem Punkt einig sind: dass Boris Ingsters "Stranger on the Third Floor" der erste authentische Film Noir war.

Nepszabadsag (Ungarn), 05.05.2006

IWIW, das bislang auf Non-Profit-Basis betriebene, größte Online-Netzwerk Ungarns wurde an T-Online verkauft. Auf der täglich von 400.000 Menschen genutzten Website können die Nutzer ihre persönlichen Daten und Fotos veröffentlichen, einander Briefe schicken und in Blogs und Internetforen miteinander diskutieren. Der Verkauf an T-Online ist unter den Nutzern sehr umstritten, berichtet die Zeitung: "Viele sind empört, weil das bislang auf Selbstorganisation basierende und durch Spenden der Nutzer finanzierte Online-Netzwerk verkauft wurde, ohne dass ihre Meinung dazu gehört worden wäre ? Außerdem halten sie es für ungünstig, dass die Website ausgerechnet von einem Unternehmen gekauft wurde, das - zumindest in Ungarn - die schnelle Verbreitung der Internetnutzung eher hintertreibt, als befördert."
Archiv: Nepszabadsag

Weltwoche (Schweiz), 04.05.2006

Nicht die Schriftsteller sind schuld an der vermeintlichen Krise der Schweizer Literatur, meint Julian Schütt. Der Fehler steckt im System. "Das Problem ist freilich, dass unsere Schriftsteller lausige Verteidiger ihrer selbst sind. Geht es nach ihnen, soll man ihre Produkte nicht einmal mehr Schweizer Literatur nennen dürfen, weil die Literatur so auf das Nationale reduziert werde. Aus dem gleichen Grund wollen die Schriftsteller nicht mehr Schweizer Autoren sein, sondern als 'schriftdeutsche Autoren' der Schweiz angesprochen werden, wie Peter Bichsel jüngst dekretierte. Ihren Sprachgenossen aus Österreich und Deutschland, die sich weiter unbekümmert als Österreicher und Deutsche taxieren, geben sich unsere Schriftsteller mit solch sterilen Etikettreformen eben doch als kleingeistige, an Minderwertigkeitskomplexen leidende und also als typische Schweizer zu erkennen. Hinzu kommt, dass es an hiesigen Hochschulen inzwischen erschreckend wenige Professoren gibt, die von Schweizer Literatur noch etwas verstehen. Nicht besser sieht es in den Kulturredaktionen aus."

Weiteres: Im Interview mit Thomas Bodmer spricht Abba-Mitglied Björn Ulvaeus über den Mythos und erteilt einer Wiedervereinigung eine definitive Absage. "In unserem jetzigen Alter wäre der Schock zu groß für uns - und unsere Fans." Außerdem fragt sich Claude Baumann, ob das berühmte Bankgeheimnis noch Not tut.
Archiv: Weltwoche

Magyar Narancs (Ungarn), 04.05.2006

Nach dem Ersten Weltkrieg fielen zwei Drittel des damaligen ungarischen Staatsgebietes an die Nachbarländer. Heute leben große ungarische Minderheiten in Rumänien, der Slowakei, Serbien und der Ukraine sowie kleinere ungarische Minderheiten in Kroatien, Slowenien und Österreich. Der ungarische Staatspräsident Laszlo Solyom initiierte kürzlich eine Konferenzreihe, in der über die Politik gegenüber den Auslandsungarn diskutiert wurde. Er und alle anderen Politiker haben grandios versagt, schreibt Boroka Paraszka, selbst Auslandsungarin: "Fatal ist der ungarische Nationalismus, der in Ungarn anscheinend immer noch nicht als Problem erkannt ist. Dieser Nationalismus akzeptiert nur die Auslandsungarn als Nachbarn, obwohl die ungarischen Minderheiten von den Mehrheitsgesellschaften, in denen sie leben, nicht getrennt behandelt werden können. ? Es ist unverkennbar, dass Ungarns außenpolitische Beziehungen zu seinen Nachbarländern unzureichend sind. Das hat Nachteile auch für die Auslandsungarn, die sich - dank der ungarischen Innenpolitik - vorkommen, als ob sie in einer Art provisorischer Zwangsemigration leben würden."

Economist (UK), 05.05.2006

Angesichts der Rücknahme einiger europafreundlicher Reformen durch die türkische Regierung und des andauernden Konflikts auf Zypern warnt der Economist schärfstens davor, die Türkei links liegen zu lassen. "Die Türken befürchten, dass es zu viele in der EU gibt, die frohlocken würden, sollte die Türkei auf ihrem Weg nach Europa ins Straucheln geraten. Und diese Befürchtung ermutigt sie dazu, nach anderen Richtungen Ausschau zu halten. Doch das Risiko, die Türkei als Paradebeispiel einer funktionierenden liberalen und westlich orientierten muslimischen Demokratie zu verlieren, ist enorm. Europas Verantwortliche müssen alles daran setzen, die Türkei wieder auf Kurs zu bringen."

Außerdem zu lesen: Der Economist bestreitet, dass es zu früh sei, einen Film wie Paul Greengrass' "United 93" - der den Flug jener Maschine des 11. Septembers erzählt, in der sich die Passagiere zur Wehr setzten - auf die Leinwand zu bringen. Und im Nachruf würdigt er den Ökonomen John Kenneth Galbraith als erfrischend unbescheidenen und stilistisch brillanten Denker, von dessen Werk "Gesellschaft im Überfluss" Amartya Sen gesagt haben soll, es lese sich wie "Hamlet" - "Auf einmal wird einem klar, wo die ganzen Zitate herkommen."
Archiv: Economist

Al Ahram Weekly (Ägypten), 04.05.2006

Die kürzlich auf dem Treffen des "World Movement for Democracy" in Istanbul zu hörende Forderung an arabische Staaten, den säkularen Teil der Gesellschaft zu fördern, um die Islamisten zu bekämpfen, hält Amr Hamzawi von der Carnegie Friedensstiftung für falsch. Säkulare Gruppierungen, meint er, seien elitär und unpopulär: "Sie haben nicht die Macht der Opposition oder einer Volksbewegung. In arabischen Gesellschaften genauso wenig wie in Osteuropa, Lateinamerika oder Asien ... Sie können beratende Funktion haben und bei der Konsensbildung helfen, das ist alles."

Weitere Artikel: Khaled Diab spricht mit Brian Whitaker über dessen Buch "Unspeakable Love" über schwul-lesbische Lebenskultur im Nahen Osten. Nevine El-Aref erläutert die Bedeutung der jüngsten Grabungsfunde in Fayoum und Luxor. Und die arabisch-amerikanische Dichterin Suheir Hammad dichtet: "it was your father / started it taught you allah's / word and said sing daughter / sing / a bird you sang / from your belly to soar over / all of egypt".
Stichwörter: Lateinamerika

Foreign Policy (USA), 01.05.2006

Leider nicht online ist Thomas L. Friedmann schlagende Erklärung der Petropolitik: "Irans Präsident leugnet den Holocaust, Hugo Chavez schickt die westlichen Führer zur Hölle und Wladimir Putin lässt die Peitsche knallen. Warum? Weil sie alle wissen, dass der Preis des Öl und der Pfad der Freiheit in unterschiedliche Richtungen verlaufen. Es ist das Oberste Gesetz der Petropolitik und es dürfte das Axiom unseres Zeitalters werden."

In aller Ausführlichkeit und mit zahlreichen Karten und Tabellen ist dafür der "Failed States Index" ins Netz gestellt, den Foreign Policy zusammen mit dem Fund for Peace erstellt hat und der vom Sudan über Irak, Afghanistan, Kongo und Somalia bis Bangladesch zwanzig gescheiterte Staaten auflistet und neunzehn weitere in Gefahr sieht. Die fortdauernden amerikanischen Kämpfe im Irak und in geringerem Maße in Afghanistan haben die Risiken hervorgehoben, die darin liegen, Stabilität mit militärischen Interventionen zu befördern. Die meisten Staaten werden auf sich allein gestellt sein, und sie schnellen die Skala von stark und sicher zu schwach und verwundbar hinunter."

New York Times (USA), 07.05.2006

Was Philip Roth in seinem neuen Roman "Everyman" aus höchst nüchterner Perspektive - der Held ist soeben verstorben - in guter alter Schwerenöter-Manier zu erzählen hat ("der letzte Überschwang im dahinwelkenden Körper"), macht sogar eine Nobelpreisträgerin glücklich. Nadine Gordimer jedenfalls ist hellauf begeistert: "Wenn breites Beschreiben eine Sache des 19. Jahrhunderts war, Philip Roth hat es wiederbelebt - durch die Kraft des Erzählens selbst." (Leseprobe und Autoren-Feature)

Wie verkauft man ein Buch? Henry Alford dokumentiert seinen Versuch, überholte Reiseführer und Knaller wie "Gay and Gray: The Older Homosexual Man" per Handverkauf loszuwerden: "Eine Erfahrung, die mir einen neuen Zugang zur Literatur verschaffte. Was Jago zum Bösewicht macht? Keine Ahnung. Dafür weiß ich, was es braucht, um Jagos Heißwachs-Anleitung für alte Sportwagen zu verticken: Preparation. Penetranz. Psychologie."

Ferner: James Campbell bespricht das Erinnerungsbuch "Let Me Finish" des New Yorker-Herausgebers Roger Angell ("geht perfekt mit einem Wodka Martini"). Und Marilyn Stasio stellt neue Krimis vor von Helene Tursten, James Swain und Donna Leon.