Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
02.05.2006. Im Guardian verführt A.L. Kennedy dazu, Bücher nackt zu lesen. In der Weltwoche pocht Salman Rushdie auf die Freiheit, andere als Idioten zu bezeichnen. L'Express findet Europa antiaufklärerisch. In Elsevier fordert Leon de Winter, Ethanol zu tanken, um den Mullahs eins auszuwischen. Der Merkur fragt, wann Kunstkritiker aufgehört haben, Kritiker zu sein. Der Economist erinnert an den Regisseur Shin Sang-Ok, der nach Nordkorea entführt wurde, um für den "Geliebten Führer" Filme zu drehen. Gary Shteyngarts Roman "Absurdistan" über einen Oligarchen im Exil hat die New York Times umgehauen. Die New York Review of Books erklärt Evo Devo. Und der New Yorker warnt vor Geschenken.

Guardian (UK), 29.04.2006

In der vorigen Woche wurde die Shortlist für den Frauen vorbehaltenen Orange Prize bekannt gegeben. Aus diesem Anlass lässt der Guardian Schriftstellerinnen ihre Lieblingsbilder lesender Frauen vorstellen. A.L. Kennedy etwa schreibt über Theodore Roussels "Lesendes Mädchen": "Sie sollten nicht riskieren, nackt zu lesen. Sie wollen doch nicht, dass die Wörter eines anderen Ihre Haut berühren, sich in kleinen Verstecken einnisten, von denen aus sie Ihre Gedanken bearbeiten. Ganz sicher wollen Sie Ihr eigenes nacktes Selbst nicht mit einem Buch aus zweiter Hand verbinden - mit all den fremden Finger, die die Seiten vor einem berührt haben. Schlimmer noch ist es mit einem Buch, das Ihnen geschenkt wurde - bekannte Finger. Am allerschlimmsten wäre ein Brief. Dieses Mädchen will das Risiko."

Andrew Brown trifft den Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller Raymond Tallis (mehr hier), der in all seinen Disziplinen, von der Neurologie bis zur Literaturkritik sehr eigene Ansichten vertritt. "Tallis sagt, er habe seine Bücher 'Not Saussure' und 'Theorrhoea and After' getrieben von Zorn geschrieben: 'Es macht mich krank, dass viele Kritiker die Literatur überhaupt nicht mögen und es als ihre oberste Aufgabe ansehen, diese Abneigung an ihre Studenten weiterzugeben. Einer der widerwärtigsten Ausdrücke, die ich je gelesen habe, war 'Literatur gegen den Strich lesen'. Die Studenten werden um etwas beraubt, bevor sie überhaupt die Chance haben, Schriftsteller kennenzulernen. Und dann setzt man sie auch noch solch total undurchsichtigen Autoren wie Lacan aus."

Auf die Frage, ob es britische Intellektuelle gibt, hat Timothy Garton Ash bereits in seiner Kolumne am Donnerstag geantwortet: Klar, gibt es die, sie sind nur sehr zurückhaltend: "Britische Intellektuelle hatten es niemals so gut. Spielt es eine Rolle, dass sie sich selbst verleugnen? Vielleicht nicht. Womöglich ist es sogar ein ganz nützlicher Schutz dagegen, seine eigene Bedeutung zu überschätzen, wie es hin und wieder unter Intellektuellen auf dem Kontinent passiert; ein Schutz dagegen, um es auszusprechen, Bernard-Henri Levy zu werden."

Weiteres: David Edmonds und John Eidinow erzählen die Geschichte der Freundschaft zwischen David Hume und Jean-Jacques Rousseau nach, die in einer wüsten Fehde endete, die schwere Zweifel "an Rousseaus Zurechnungsfähigkeit und an Humes Reputation" aufkommen ließ.
Archiv: Guardian

Express (Frankreich), 27.04.2006

Der Philosoph Tzvetan Todorov hat für die Bibliotheque nationale in Paris eine Ausstellung über die Aufklärung konzipiert - "Lumieres! Un heritage pour demain" - in der unter anderem die Originalausgabe von Kants "Kritik der Urteilskraft" zu sehen ist. In einem Essay dekliniert Eric Conan aus diesem Anlass einige Kerngedanken der Aufklärung durch, die laut Todorov seit dem 11. September bedroht sind. Im Gegensatz zu den Protagonisten der Aufklärung, so Conan, die ihre Feinde zu erkennen wussten, glaube Europa etwa , "es reiche zu versichern, man habe keine Feinde, damit sie verschwinden. Die Texte und Briefe der Akteure der Aufklärung bezeugen ihre Beunruhigung und Aufmerksamkeit gegenüber allem, das sich ihren Überzeugungen entgegen stellt. Die eigentliche Schwäche der europäischen Gesellschaften besteht darin, regelmäßig ihre ureigenen Werte (Verhandlung, Befreiung, Vernunft und Demokratie) auf jene zu projizieren, die sie verneinen. Ob es sich um die Politik der 'Beschwichtigung' gegenüber dem Nazismus oder die des Pazifismus gegenüber dem sowjetischen Block handelt: die Tendenz, blind gegenüber der Realität oder der Gefährlichkeit ihrer Feinde zu sein, scheint als das Gegenteil eines europäischen Selbstvertrauens, das aus einer Mischung von universeller Arroganz und naiver Gedankenlosigkeit besteht."
Archiv: Express
Stichwörter: Pazifismus

Outlook India (Indien), 08.05.2006

Vor 25 Jahren erschien Salman Rushdies Romandebüt "Midnight's Children". In einem langen Artikel erinnert sich Rushdie an einen steinigen Entstehungsprozess und die Diffamierungsklage, die Indira Gandhi (schließlich erfolglos) aufgrund eines einzigen, ihr skrupulöses Verhältnis zu ihrem jüngeren Sohn betreffenden Satzes gegen das Buch anstrengte: "Unsere Verteidigungsstrategie war riskant: Gandhis Verhalten während der indischen Notstandsjahre, so hätten wir argumentieren müssen, sei derart abscheulich gewesen, dass sie nicht mehr als loyale Person gelten und daher auch nicht diffamiert werden könne. Konsequenterweise hätten wir sie also für ihre Missetaten vor Gericht bringen müssen ... Das war natürlich nicht im Sinne der Anklage."

Außerdem: Der BBC-Korrespondent Paul Danahar berichtet über die Neugruppierung der Taliban und die Rolle, die dabei auch Iran und Pakistan spielen. Und Saumya Roy untersucht den Teufelskreis aus ökonomischer Not, Jugendehen und Ausbeutung unter Indiens Wanderarbeitern.
Anzeige

Weltwoche (Schweiz), 27.04.2006

Auch in der Weltwoche kommt Salman Rushdie zu Wort. Im Interview mit Andre Müller erklärt der Schriftsteller, warum er lieber ein Sexsymbol wäre als ein Symbol im Kampf der Kulturen, warum er es aber trotzdem für den größten Fehler hält, im Kampf um die Meinungsfreiheit - wie im Fall der Mohammed-Karikaturen zu kapitulieren: "Hier muss man genau unterscheiden zwischen einer Meinungsäußerung und einer Verleumdung. In freien Gesellschaften ist es mein gutes Recht, meine Meinung über eine Religion oder eine Person zu äußern. Wenn ich sage, Sie sind ein Idiot, müssen Sie das ertragen. Wenn ich aber sage, Sie sind ein Mörder, obwohl Sie keiner sind, können Sie gegen mich strafrechtlich vorgehen. Es gab in England einen berühmten Fall, da hatte eine Zeitung über die Schauspielerin Charlotte Cornwell, die Schwester des Schriftstellers John le Carre, geschrieben, sie habe einen großen Arsch. Sie klagte gegen die Zeitung, und sie verlor. Denn über die Größe eines Arsches kann es verschiedene Ansichten geben."

Marianne Fehr widmet sich dem Umstand, dass die Zahl der Verurteilungen wegen Kindesmissbrauchs seit Jahren konstant ist, die Beschuldigungen aber zunehmen: "Eltern und Kinder wie Institutionen sind wachsam geworden, und das ist gut so, denn Wachsamkeit schützt vor Angriff. Die Kehrseite: Die Realität verleitet zur Hysterisierung. Kinder zu berühren, ist verdächtig geworden, und zur grundsätzlich verdächtigen Personengruppe gehört, wer mit Kindern zu tun hat."
Archiv: Weltwoche

Elsevier (Niederlande), 26.04.2006

"Schlagt Bin Laden - füllt Euren Tank mit Ethanol!", fordert Leon de Winter. In seinem neuen Weblog wettert der niederländische Schriftsteller gegen die Energiepolitik seines Landes und warnt: "In ihren Zukunftsvisionen vom Kampf gegen den Westen setzen sowohl radikale iranische Mullahs als auch al-qaida-Führer auf den Einsatz der Waffe Öl. Der Iran wird diese Waffe dank seines Atomprogramms schon bald einsetzen können. Beschützt vom Atompilz wird das Land dann die gesamte Golfregion, in der ebenfalls überwiegend Schiiten leben, beherrschen können und die Ölströme gen Westen kontrollieren. Die Gefahr, die der Iran jetzt darstellt, wird auch noch vom Westen selbst über seine Ölimporte bezahlt." Von Europa verlangt de Winter, dass es in viel stärkerem Maß als bisher die Erforschung alternativer Energiequellen fördert: "Wenn die Europäische Union eine Daseinsberechtigung haben will, dann soll sie diese im Energiesektor suchen."

In einem weiteren Artikel schaltet sich der Wissenschaftsjournalist und bekannte Greenpeace-Gegner Simon Rozendaal in die aktuelle Debatte um die Zahl der Tschernobyl-Opfer ein und wagt die ketzerische Frage "war Tschernobyl ernster als Bhopal?" Der Chemieunfall 1984 in Indien habe fast das Doppelte an Opfern gefordert, doch werde "um Tschernobyl ungleich mehr Aufhebens gemacht als um Bhopal und die zahllosen anderen Katastrophen", an die sich kaum noch einer erinnere. "Haben Sie jemals eine Spendenaktion im Fernsehen gesehen zugunsten der Kinder von Bhopal? Dagegen waren die so genannten Kinder von Tschernobyl (schwerbehinderte Kinder, schrecklich, doch es bleibt fraglich, ob ihre Behinderungen durch Strahlung verursacht wurden) jahrelang nicht von den niederländischen TV-Bildschirmen wegzudenken."
Archiv: Elsevier

Merkur (Deutschland), 01.05.2006

"Falls es einen Geist gibt, der die Kunst der letzten Jahrzehnte bestimmte, dann ist es nicht der Jackson Pollocks und nicht der Andy Warhols, sondern offensichtlich der Cole Porters und seines 'Anything Goes'", stellt Barry Gewen in einem Essay zur Lage von Kunst und Kritik fest, den der Merkur aus der New York Times übernimmt. Aber was kann ein Kritiker in einer Welt vollkommener Freiheit noch kritisieren? "Wir leben in einer Zeit, in der Künstler Kinderfragen stellen - Was ist Kunst? Wozu ist sie gut? -, und die Kritiker haben meistens darauf so geantwortet, dass nicht einmal ein Erwachsener sie versteht. 'Mutti, sind wir den ganzen Weg hierhergefahren, bloß um uns Bilder von Suppendosen anzugucken?' 'Das sind Andy Warhols, Herzchen, und er bedient sich eines geschliffenen heuristischen Instrumentariums, um die Bruchlinien signifikanter Verschiebungen und die sedimentierten Facetten seines kairos zu erkunden und offenzulegen." Vor allem aber haben die Kritiker aufgegeben, Kritiker zu sein: so der Kunstkritiker James Elkins in seinem schmalen, aber aus vollem Herzen polemischen Buch 'What Happened to Art Criticism?'." (hier das Original des Artikels).

Wolfgang Fuhrmann widmet sich der "verfahrenen und aussichtslos" erscheinenden Lage der Neuen Musik: "Der Widerspruch zwischen dem geistigen, musikalischen und nicht zuletzt auch finanziellen Aufwand, mit dem eine Uraufführung bestritten wird, und der Resonanz, die sie beim Publikum findet, ist grotesk und wäre unerträglich, hätten wir uns nicht seit Jahrzehnten daran gewöhnt." Fuhrmann glaubt, dass sich die Neue Musik zu sehr vom Hörer entfernt - ausdifferenziert - hat, von seiner Möglichkeit, sich ein Stück überhaupt noch anzueignen. "Will die Neue Musik überhaupt ein Publikum erreichen, so muss sie damit beginnen, die Erfahrungs- und Empfindungsräume anzusprechen, die sich eröffnen in der Welt, in der wir leben. Stoff gibt es genug."

Weiteres: Stephan Wackwitz meditiert über das kulturelle Erbe der Ruthenen im Allgemeinen und der Künstlermutter Julia Warhola im Besonderen. Jan Philipp Reemtsma schreibt über den nicht mehr gelesenen Wieland. Und Karl Heinz Bohrer beklagt, dass die Kulturwissenschaft die Differenz zwischen Literatur und Realität kassiert habe. Und schließlich schwärmt Birgit Recki von Peter Jacksons "King Kong" und der ungeahnten Körperlichkeit seiner computeranimierten Wesen wie "bezahnten Mollusken, Rieseninsekten und Dinosauriern und - dem mythischen Gorillagott": "Es ist toll."
Archiv: Merkur

New York Review of Books (USA), 07.05.2006

Edward Ziff und Israel Rosenfield informieren uns über neueste Erkenntnisse in der evolutionären Entwicklungsbiologie (kurz: Evo Devo - von "Evolution and Development"). Zum Beispiel über die Bedeutung der Hox-Gene, die die embryonale Entwicklung quasi mit einem Masterplan regulieren: "Wenn es diesen Plan für die verschiedenen Körperteile nicht gäbe, wären die meisten Variationen tödlich, und die Evolution würde viel langsamer verlaufen. Nehmen Sie an, wir wollten für ein Flugzeug neue Fenster entwerfen, die die Sicht der Passagiere verbessern sollten, den Kabinendruck ausgleichen und besser vor Kälte schützen. Wir würden die neuen Fenster testen, ohne ihre Position zu verändern. Wenn wir das ganze Flugzeug neu entwerfen sollten, würden wir viel langsamer neue und effizientere Flugzeuge entwickeln können. Genauso können Hox-Gene durch Mutation die Muster in einem einzelnen Körperteil verändern und erlauben so der Evolution, mit neuen Formen wie Flügeln und langen Hälsen zu experimentieren, ohne die anderen Teile des Embryos zu betreffen."

Weiteres: Anne Barton liest die neuesten Arbeiten zum Leben Shakespeares. Auch in diesem Jahr wissen die zahllosen Biografen nicht viel mehr als im vorigen, beschäftigen sich aber intensiv mit der Frage, ob Shakespeare ein Papist war. Nich unwichtig findet Barton allerdings auch die Frage, warum Shakespeare seiner Frau allein das "zweitbeste Bett" vermacht hat.

William Pfaff erklärt sich die Proteste in Frankreich gegen die unbedeutende Änderung des Arbeitsrechts mit der Angst relativ privilegierter Mittelklassekinder vor dem ungezügelten Kapitalismus. Von der Änderung des Arbeitsrechts hätten seiner Einschätzung nach vor allem die unterprivilegierten Jugendlichen in den Vorstädten profitiert. Brian Urquhart stellt verschiedene Bücher über den Irakkrieg, die USA und das Völkerrecht vor und stellt fest: "Fünfzig Jahre internationalen Rechts im Namen des globalen Kriegs gegen den Terror einfach wegzuwischen ist eine schlechte Idee, für die USA wie für jeden anderen." Alan Ryan empfiehlt Louise Knights Biografie "Citizen" der Friedensnobelpreisträgerin, Sufragette und Gründerin verschiedener Menschenrechtsorganisationen wie der ACLU und NAACP, Jane Addams.

Economist (UK), 28.04.2006

Amüsiert erzählt der Economist die Geschichte des kürzlich verstorbenen südkoreanischen Regisseur Shin Sang-Ok, der nach Nordkorea entführt wurde, um für den "Geliebten Führer" nicht-propagandistische Filme zu drehen. "Mit Besorgnis nahm Kim zur Kenntnis, dass die im dekadenten, kapitalistischen Südkorea produzierten Filme besser waren als die im Norden. Einfühlsam erklärte er Shin Sang-Ok, dass dies so sei, weil die nordkoreanischen Filmleute wussten, dass der Staat sie ungeachtet der Qualität ihrer Erzeugnisse ernähren würde. Im Süden hingegen waren Schauspieler und Regisseure gezwungen, hart zu arbeiten, um Filme zu machen, für die das Publikum gewillt war Eintritt zu zahlen. Das sollte keineswegs bedeuten, dass irgendetwas mit dem Sozialismus nicht stimme, natürlich nicht, doch Kim schenkte Shin Millionen von Dollar, ein schickes, mit Marmor überzogenes Büro und mehr künstlerische Freiheit als je ein nordkoreanischer Regisseur genossen hatte."

Weitere Artikel: Die BBC plant, ihr riesiges Archiv mit all den Radio- und Fernsehsendungen, die sie seit 1937 produziert hat, online zu stellen und so frei zugänglich wie möglich zu machen (seit letzter Woche ist der Prototyp als Katalog mit 946.614 Einträgen zu besichtigen), berichtet der Economist - und befürchtet eine weitere Verzerrung des Medienmarktes durch den staatlich finanzierten Rundfunk- und Fernsehriesen.

Weiteres: Einen detaillierten Einblick in das kurze und unglückselige Zusammenleben von Van Gogh und Gauguin in Arles liefert Martin Gayford in seinem Buch "The Yellow House". Außerdem widmet sich der Economist Chinas spannendster Dreiecksbeziehung aus Volk, Partei und Internet. Außerdem zu lesen: Inwiefern die Anlagebank Goldman Sachs mit ihrer Lust am Risiko als Inbegriff des modernen Finanzsystems gelten kann, ob sich die Tatsache, dass Israel erstmals von Zivilisten regiert wird, positiv auf den Nahostkonflikt auswirken wird, und schließlich warum sich die französischen Gewerkschaften trotz ihres jüngsten Erfolgs - der Abkehr vom umstrittenen Ersteinstellungsvertrag - auf dem absteigenden Ast befinden.
Archiv: Economist

Spiegel (Deutschland), 01.05.2006

Im Interview mit Alexander Osang spricht der amerikanische Autor Phillip Longman über die Rückkehr des Patriarchats, die er kürzlich in einem Essay in Foreign Policy prophezeit hat. Um es klar zu stellen: Dies ist für ihn keine unbedingt positive Vision: "Die Europäer bekommen immer einen Schreck, wenn sie das Wort Patriarchat hören, sie denken wohl an ein muslimisches Modell, eine Art importiertes Patriarchat, in der Ehebrecherinnen gesteinigt werden. Aber die Form, die ich meine, entwickelt sich aus der Gesellschaft heraus, nur durch die Bevölkerungsdynamik. Es hängt alles davon ab, wer die Kinder bekommt. Und das sind bei uns die Konservativen." Und: "Ich glaube, dass wir in einer Patriarchalischen Welt viele individuelle Freiheiten verlieren werden. Aber wir sind ja selbst schuld. Seit den sechziger Jahren beschäftigt sich die amerikanische Linke vor allem mit Selbsterforschung, Selbstverwirklichung, Selbstbefreiung, Homosexualität, Abtreibung und vernachlässigt eine ihrer ältesten Traditionen: den Familien- und Mutterschutz."

Und in einem Gespräch mit Erich Follath und Hans-Jürgen Schlamp erklärt der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf, warum ihm die Rede vom Kampf der Kulturen zuwider ist und warum die derzeitigen Auseinandersetzungen kein Anzeichen für ein gesteigertes Selbstbewusstsein der islamischen Welt sind: "Wenn man 10.000 Demonstranten, die irgendwo gerade gegen die USA polemisieren, amerikanische Einwanderungsvisa anbieten würde, dann würden die alle jubeln und zugreifen. Wir haben es mit einem Teil der Welt zu tun, der in den letzten Jahren nicht richtig mitgekommen ist - auch im Vergleich zu Indien und China. Daher gibt es dort viele Menschen, deren Frustrationen man ausnutzen kann. Das ist kein Kampf der Kulturen."
Archiv: Spiegel

Al Ahram Weekly (Ägypten), 27.04.2006

Der Politikwissenschaftler Sharif Elmusa denkt über ein Palästina in den Grenzen von vor 1922 nach, ein tri-ethnisches Groß-Palästina für Israelis, Jordanier und Palästinenser, das vor allem letztere zu initiieren hätten: "Die PLO müsste sich neu konstituieren als eine nicht-korrupte PRO (Palestine Reunification Organisation). Die PLO war nie in der Lage palästinensiche Energie zu bündeln und hauptsächlich damit beschäftigt, ein Hauptquartier für ihre Führung zu suchen." Schließlich glaubt Elmusa: "Israel muss sich entscheiden zwischen demografischem Vorteil und staatlicher Größe."

Außerdem: Firas Al-Atraqchi erklärt den Iran zum neuen Popanz der USA. Youssef Rakha porträtiert den in Paris lebenden Schriftsteller und Filmemacher Nacer Khemir ("Das verlorene Halsband der Taube") und erörtert das Problem einer "doppelten kulturellen Identität". Und Hani Mustafa kritisiert den Kinofilm "Syriana" für seine Detailschwäche und Clooneys mäßige arabische Aussprache.

New Yorker (USA), 08.05.2006

In einem ebenso komischen wie doppelbödigen Essay denkt David Sedaris über Geschenke nach - die, wie in seinem Fall, zum Memento Mori werden können und einen verfolgen. Bei Sedaris beginnt buchstäblich alles mit dem Wünschen: "Seit zehn Jahren oder so habe ich mir angewöhnt, ein kleines Notizbuch in meiner Brusttasche zu tragen. Das von mir bevorzugte Modell heißt Europa und ich ziehe es im Durchschnitt zehnmal am Tag heraus und notiere darin Einkaufslisten, Beobachtungen und kleine Einfälle, wie ich an Geld kommen oder Leute schikanieren kann. Die letzte Seite ist immer für Telefonnummern reserviert und die vorletzte benutze ich für Geschenkideen. Keine Dinge, die ich anderen Leuten schenken könnte, sondern Sachen, die man mir schenken könnte: einen Schuhlöffel, zum Beispiel - habe ich mir schon immer gewünscht. Dasselbe gilt für ein Federmäppchen, das vermutlich nicht mehr kostet als ein Doughnut. Ich habe aber auch Ideen im Bereich zwischen fünfhundert und zweitausend Dollar."

Zu lesen ist außerdem ein Porträt der Martha Graham Dance Company, ein Bericht über das New Yorker Barock-Revival, in dessen Zuge Händel zu neuen Ehren kommt, und die Erzählung "Once in a lifetime" von Jhumpa Lahiri.

Besprochen werden drei Bücher zur Geschichte der Sklaverei in den USA, darunter Simon Schamas "Rough Crossings: Britain, the Slaves, and the American Revolution", eine Inszenierung von Oscar Wildes Komödie "The Importance of Being Earnest" und Filme, nämlich das australische Drama "The Proposition" von John Hillcoat und Jean-Pierre Melvilles schon 1969 gedrehter Resistance-Film "Armee im Schatten", der in den USA bisher nie zu sehen war. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Kulturgeschichte des Gesprächs.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über den fortgesetzten Kampf um Reformen in Libyen, ein Porträt des Komponisten und Klangkünstlers Trimpin sowie Lyrik von Tom Sleigh und Clive James.
Archiv: New Yorker

Literaturen (Deutschland), 01.05.2006

"Nicht Freud, sondern die Frauen haben die Psychoanalyse erfunden", erkennt Manfred Schneider im aktuellen Heft der Literaturen, das trotzdem mit einem Schwerpunkt Sigmund Freuds 150. Geburtstag begeht (mehr zum Beispiel hier): "Die Psychoanalyse scheint ja nichts anderes als das Ereignis zu sein, Frauen über alles sprechen zu lassen, was ihnen durch den Sinn geht, und dies so ausgiebig, erfolgreich und zum Teil auch lukrativ, dass sich daraus eine weltweite Bewegung bilden konnte. Jenes ewigweibliche 'Weh und Ach', das Goethes Mephistopheles dem verwirrten Schüler erklärt, wird nicht mehr tausendfach aus einem Punkte' kuriert, sondern in einen langen Redestrom kanalisiert, gefiltert und abgeleitet. Zwar haben sich auch Heerscharen von Männern auf die Couch gelegt, um sich von Ängsten, Zwängen, Wahn und Perversion heilen zu lassen, aber Männer sind nicht nur durch Redenlassen zu heilen. Aus ihrem Stocken und Assoziieren fließt keine Katharsis. Erst recht lassen sie sich nicht das Geheimnis entreißen, warum die Natur sie überhaupt gewollt hat."

Weiteres: Der Schriftsteller und schwedische Kulturattache in Berlin, Aris Fioretis, huldigt der Couch. Philosoph Slavoj Zizek sieht sich durch die Psaychoanalyse vor allem von dem Zwang befreit, genießen zu müssen. Richard David Precht folgt dem Neurowissenschaftler Eric R. Kandel auf dessen Suche nach Es und Über-Ich im Gehirn.
Archiv: Literaturen

Nouvel Observateur (Frankreich), 27.04.2006

Für die Lektüre des Nouvel Obs muss man seit einige Zeit zahlen, nur wenige Artikel sind noch frei zugänglich. In der aktuellen Ausgabe nun ein Porträt mit zahlreichen O-Tönen des Schriftstellers Kurt Vonnegut, der den Luftangriff auf Dresden als Kriegsgefangener erlebte und in seinem bekanntesten Buch "Schlachthof 5" beschrieb. Anlass für den Besuch bei dem inzwischen 83-Jährigen ist das Erscheinen seines jüngsten Buchs "Mann ohne Land", in dem er unter anderem gegen Amerika schäumt. Im Gespräch erklärt er: "Die Amerikaner haben Kennedy ermordet und John Lennon. Unser Land kennt sich mit Terrorismus schon lange aus. Und heute befürchtet man, dass andere Nationen versuchen, uns zu schwächen? Was ich feststelle ist, dass wir uns selbst schwächen und zwar durch Blindheit und Dummheit... Ich weiß heute, dass es nicht die geringste Chance gibt, dass Amerika menschlich und vernünftig wird. Weil uns Macht korrumpiert und absolute Macht uns absolut korrumpiert. Die Menschen sind von Macht berauschte und verrückt gewordene Schimpansen."

Gazeta Wyborcza (Polen), 29.04.2006

Jacek Pawlicki analysiert den Zustand der EU zwei Jahre nach dem "Big Bang" und kommt zum Schluss: "Die große Erweiterung von 2004 war der letzte, mutige Schritt Europas. Auf den nächsten können wir noch lange warten. Polen wiederum muss in seinem dritten Jahr der Mitgliedschaft alles tun, um den Zweiflern zu beweisen, dass sie es wert war. Polen wird es zwar irgendwie in der EU schaffen, aber für ein Land dieser Größe ist 'irgendwie' zu wenig. Wir müssen aktiv die Politik mitgestalten, statt nur die Hand nach dem Geld auszustrecken."

Alek Tarkowski, polnischer Koordinator von "Creative Commons" plädiert für mehr Rationalität im "Kampf gegen die Internetpiraterie". "Das p2p-Prinzip im Internet ist eine ungeheuer effektive und billige Form von Kulturaustausch. In der heutigen Gestalt fügt sie zwar den Künstlern und Produzenten Schaden zu, was aber nicht heißt, dass der einzige Ausweg in ihrer gewaltsamen Unterdrückung liegt. Eine Alternative bestünde darin, Methoden zu finden, die es erlauben, legal p2p zu nutzen. Dies ist aber so lange nicht möglich, so lange jede neue Technologie von Horrorszenarien begleitet wird." Letztendlich, so Tarkowski "bleibt uns nichts anderes übrig, als dass Internet zu lieben".

Und: Islam-Kenner Bassam Tibi prophezeit im Interview: "Die Frage, ob es einen demokratischen Islam gibt, wird sich unter den europäischen Muslimen entscheiden. Andererseits wird die europäische Zivilisation nur überleben, wenn es eine Integrationspolitik führen kann, die aus Muslimen europäische Bürger macht".

New York Times (USA), 30.04.2006

Walter Kirn haut er um, Gary Shteyngarts Roman "Absurdistan" über einen jungen Exil-Oligarchen, den eine renitente St. Petersburger Behörde an der Ausreise in sein lieb gewonnenes Amerika hindert: "Shteyngart und sein Held Misha, übersprudelnd depressiv alle beide, sind nicht sparsam mit Worten, wenn Überdimensionales ihren Weg kreuzt. Der überladene Stil eines sozialistischen Realismus der zur schwarzen Komödie verkommt. Die Prosa einer heroischen Enttäuschung, schwach gearbeitet mitunter, aber fähig Berge kultureller Trümmer aufzutürmen. Hemingways klare Sätze würden hier nichts ausrichten. Ein Mann braucht Kommas, Semikolons, Adjektive - schweres sprachliches Gerät." Hier ein Interview und eine Lesung.

Ferner: Greg Sandow lobt eine "präzise und sensible" Strawinski-Biografie von Stephen Walsh (Leseprobe "Stravinsky"). Jacob Heilbrunn findet Michael R. Gordons und Bernard E. Trainors kritische Bilanz der Irak-Invasion (Leseprobe "Cobra II") "hieb- und stichfest". Und Cathleen Schine freut ein Band mit neuen und ausgewählten Geschichten von Joyce Carol Oates (Leseprobe "High Lonesome").

Im Magazin der New York Times stellt Mark Edmundson die gesellschaftliche Aktualität von Freuds späten politischen Texten heraus, die das Bedürfnis des zerrütteten Subjekts nach innerem Frieden untersuchen: "In der Verschiedenheit, so aufreibend und schwierig sie auch sei, liegt das Glück der Gemeinschaft. Wird eine freie Gesellschaft von Terrorismus bedroht, gibt es das Verlangen zusammenzurücken und gemeinsam zurückzuschlagen. Die Gefahr besteht, dass wir dabei ebenso wild, monolithisch und geeint werden wie der Feind. Wir verlangen einen Führer, hören auf zu fragen und zu streiten. Wenn das geschieht, beginnt ein Krieg der Fundamentalismen, der keinen Sieger kennt."

Weitere Artikel: Herbert Muschamp kommentiert die Abwanderung der Sammlung Pinault von Paris nach Venedig. Und im Interview mit Deborah Solomon erklärt der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes, warum Condi Rice Präsident wird: "She has better legs than Bush".