Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 20.02.2018 - Magyar Narancs

Der Essayist László F. Földényi spricht im Interview über Auswirkungen der Postmoderne und die heutige ungarische Wirklichkeit: "Mit der Postmoderne trat eine unglaubliche Nivellierung ein. An Universitäten schreiben Literaturstudenten über die idiotischsten Romane Hausarbeiten, weil ihnen weisgemacht wurde, dass alles gleich wichtig sei. Diese Nivellierung ist eine der Erscheinung der Globalisierung. Auch in der Kultur wurde alles stromlinienförmig: die Bücher, die Gemälde, die Filme. (...) Irgendein zivilisatorisch-ökonomischer Zwang ließ das Genre des Festivalfilms und die Literatur der Buchmessen entstehen. Auf der Frankfurter Buchmesse machen die armen Schriftsteller den Eindruck, als würden sie mit einer unsichtbaren Peitsche getrieben. Bei den Lesungen gibt es nach den zur Verfügung stehenden dreißig Minuten keine Gnade, sie müssen die Bühne verlassen, weil der Nächste kommt. Wie auf dem Sklavenmarkt." Über das Leben im heutigen Ungarn sagt er: "Mein Problem ist, dass ich nicht aufhören kann zu beobachten, was ich unter normalen Umständen nicht beobachten müsste. In dieser Hinsicht lebe ich ein Doppelleben: ich bin Teil von etwas, mit innerem Ekel, Abneigung oder Wut, doch zugleich betrachte ich das Ganze auch von Außen und habe eine Meinung darüber. Doch all das kann die in mir existierenden elementaren Empfindungen, die beinahe körperlichen Symptome, nicht aufheben (...) Das bringt die gegenwärtige ungarische Situation bei jedem hervor, du kannst dich nicht entziehen, obwohl du dich permanent entziehen möchtest. (...)Nicht nur verfolgt uns das System, auch wir selbst sind mit unseren Reaktionen und Erregungen Teil des Systems. Auch ich bin schwer deformiert. Das ist die Situation, ich hasse denjenigen, der mir gegenüber steht, und gleichzeitig fange ich unbemerkt an ihm zu ähneln. Ich fühle mich mental unhygienisch."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - Magyar Narancs

Im kommenden April wird es Parlamentswahlen in Ungarn geben. Kaum jemand räumt der Opposition realistische Chancen auf einen Wahlsieg ein. Basierend auf den Erfahrungen mit dem Orbán-Regime in den vergangenen acht Jahren, überlegt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, was das bedeutet: "Ganz Europa - lassen wir jetzt den Rest - ist in einem erschreckenden Zustand, doch das Verderben Ungarns ergreift unsere patriotischen Herzen. Das Entstehen und die Festigung des Orbán-Regimes ist eine historische Tragödie. Es wird von sehr vielen unterstützt und ohne diese Tatsache wäre diese Wende gar nicht tragisch. Unsere Gesellschaft lässt sich lustlos und passiv (eine bedeutende Minderheit gar mit aktiver Übereinstimmung) von dieser widerlichen und chaotischen Macht unterdrücken, was für die Mittelschicht existentielle Unsicherheit und Bitterkeit bringt, für die ungarischen Armen das Ableben. Je länger es dauert, desto schlechter wird es allen gehen."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - Magyar Narancs

Der Essayist und Chefredakteur der polnischen Gazeta Wyborcza, Adam Michnik, vergleicht im Gespräch mit Márton Gergely Viktor Orbán mit Jaroslav Kaczyński. "Orbán ist ein charismatischer Anführer (...). Kaczyński dagegen ist eher ein Kabinettpolitiker, ein Meister von Taktik und innerparteilichen Intrigen. Doch so sehr sie sich auch unterscheiden, ihre Vorstellung über den Staat und über die EU ist ähnlich. Die Union brauchen sie, um das Geld von dort zu erhalten, doch sie brauchen die Union nicht als die Hüterin von demokratischen Werten, von Menschenrechten und von Andersdenkenden. Den Staat fassen sie als modernisierten Kommunismus auf: autoritäres Regime, de facto - ich betone de facto - Einparteienstaat, in dem der ganze Staatsapparat als Werkzeug der Regierungspartei dient. In Ungarn ist es der Fidesz, in Polen die PiS. (...) Straßburg, Brüssel, Den Haag sollen bitteschön nicht eingreifen, wenn sie demokratische Grundwerte oder Grundrechte der Bürger verletzen. So denken Orbán und Kaczyński, obwohl sie nur für die Ausübung von Macht legitimiert sind und nicht für die Vernichtung des demokratischen Systems. Es läuft ein schleichender Coup d'etat."

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - Magyar Narancs

Der Maler Ákos Birkás, der in den letzten Jahren im In - und Ausland immer bekannter und Ende des vergangenen Jahres mit dem renommierten ungarischen Preis Prima Primissa ausgezeichnet wurde, spricht in einem langen Interview mit Kriszta Dékei über seine Auffassung von Kunst und seine Einstellung zur politischen Situation in Ungarn: "Im Nachhinein wird eines Tages - vielleicht - ersichtlich, was in diesen Jahren passiert ist. Jetzt wissen wir nur, dass wir durch die böse Spaltung der Gesellschaft verblendet sind. Zur Zeit muss sich jeder positionieren, Hass schüren und dadurch zu einer berechenbaren Größe werden. Ich bezweifle jedoch, dass der Mensch ein so simples Wesen ist. Ich habe zum Beispiel eine radikale und linke Seite (...) und eine konservative aus meiner Kindheit, die von der Grunderfahrung der Religiosität durchwoben ist. Darum ist mir Marxens beeindruckende Interpretation so vertraut wie Meister Eckharts atemberaubender Text.  (...) Mein radikales Ich kann sich über unser Karikaturenland amüsieren, manchmal auch laut darüber lachen. Mein konservatives Ich, das zutiefst durch die Politik der Regierung und ihrer verstellten Auswirkungen verletzt ist, fühlt sich kompromittiert. Ich schäme mich und empfinde, dass ich gedemütigt hier leben muss."

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - Magyar Narancs

Die Philosophin Ágnes Heller schlägt eine lockere Kooperation der demokratischen oppositionellen Parteien mit der rechtsradikalen Jobbik vor, um bei den kommenden Wahlen (Frühjahr 2018) die regierende Fidesz und Ministerpräsident Orbán ablösen zu können: "Wie die Dinge jetzt stehen, schließe ich darauf, dass die Opposition nicht einmal daran denkt, diese Wahlen zu gewinnen. Der Realität muss Rechnung getragen werden: Jobbik ist auch eine oppositionelle Partei und ohne die Jobbik kann Fidesz nicht abgelöst werden. Alle kommen damit, dass das Land und die Opposition von Antisemiten beschützt werden muss. Mein Gott, ich bin die Holocaust-Überlebende und nicht sie! Mit dieser Erfahrung im Rücken sage ich: Wenn es nicht zur Kooperation mit Jobbik kommt, dann bleibt Fidesz an der Macht. Wenn Fidesz an der Macht bleibt, wird das eine Tragödie für Ungarn sein. Es ist nicht so kompliziert. (…) Es ist hier keine Ethikschule oder eine Moralgesellschaft, es geht nicht darum, wen ich zum Abendessen einlade. Es geht um eine konkrete Aufgabe: das Land muss von einem Anführer befreit werden, der es ansonsten in die Ruine treibt. Es geht um Patriotismus, wenn ich dieses Wort hier verwenden darf, in einer Situation, in der alle über die Nation sprechen aber niemand etwas im Interesse der Nation unternimmt."

Magazinrundschau vom 12.12.2017 - Magyar Narancs

Vergleiche zwischen dem Regime von Viktor Orbán und dem sozialistischen von János Kádár vor 1989 hält der Philosoph Gáspár Miklós Tamás zwar durchaus für fruchtbar, wenn es um ein besseres Verständnis beider Regime geht. Doch von einer Gleichstellung hält er nichts, erklärt er in einem langen Interview mit Magyar Narancs. "Bei der Zentralisierung werden Bereiche, die vorher privat waren, der Autorität des zentralen Staates unterstellt. Viktor Orbán und seine Gruppe entziehen dem Staat dagegen Funktionen und stellen diese unter den eigenen persönlichen Machtschirm, wo die Überreste des Verfassungsstaates keinerlei Einfluss mehr haben. Es gibt zum Beispiel keinen Denkmalschutz, keine archäologischen Ausgrabungen, keinen Umweltschutz, kein verlässliches Grundbuch und keine Statistikbehörde mehr. Die Kulturpolitik wurde einem als MMA (Ungarische Kunstakademie - Anm. d. Red.) bezeichneten privaten Amateurklub unterstellt ... Zahlreiche Zeitungsartikeln wiederholen, dass 'dies' das gleiche sei, wie das Kádár-System. Das stimmt nicht! Die unabhängige Presse wird nicht verstaatlicht, sondern in die Unternehmen loyaler Oligarchen eingebettet, was effektiver ist als die parteistaatliche Presselenkung. ... Der planende Staat kommt ohne Intellektuellen nicht aus. Statistiker, Volkswirte, Ingenieure, Soziologen, Polizeibeamte werden genauso benötigt, wie Literatur, Musik, Kultur, Volksbildung, geistige Autorität - als Saat einer neuen, transzendentalen Legitimität. Ohne die Illyéss, Kodálys, Krležas gibt es keinen 'existierenden Sozialismus'. Dies bedarf es hier nicht. Die rechtsradikale Macht stützt sich lediglich auf Macht, Angst, Rasse und Konsum."

Magazinrundschau vom 31.10.2017 - Magyar Narancs

András Lovasi gilt als einer der wichtigsten Vertreter der progressiven Rockmusik in Ungarn. Früher nahm Lovasi, der gerade fünfzig wird, zu öffentlichen Streitthemen häufig Stellung, heute schweigt er eher. Mit dem Musiker sprach Máté Pálos über die Gründe. An Ungarn nervt ihn, dass es mit dem Balkan und mit Preußen die jeweils schlimmsten Seiten teile: "Auf dem Balkan ist wenigstens das Klima gut, man kann draußen essen, in Preußen gibt es Berechenbarkeit, die Illusion von Sicherheit. (...) Ich nehme kaum noch an Debatten teil, weil ich sie verflucht langweilig finde. Was sollte ich noch sagen? Ich kann in Magyar Narancs erzählen, 'wie sehr ich die Fidesz hasse', doch weshalb, wenn ich nur zu jenen spreche, die genauso empfinden wie ich? Wir sollten mit jenen argumentieren, die dieses Regime unterstützen."

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - Magyar Narancs

Der Dirigent Iván Fischer erzählt im Gespräch mit József Kling, wie er die Ungarn im Ausland zu erklären versucht: "Ich werde im Ausland oft gefragt: Was läuft bei euch? Wie konnte das alles passieren? Besorgt werde ich gefragt, voller Zuneigung und Neugier. (...) Die Wurzeln der Ausländerfeindlichkeit versuche ich damit zu erklären, dass die ungarische Sprache eine vollkommen eigenartige ist und dadurch das Erlernen einer Zweitsprache lästig ist. Dass die Ungarn sich viel wohler fühlen, wenn sie sich miteinander unterhalten können und nicht in einer anderen Sprache sprechen müssen. Oder die ständige Suche nach einem Sündenbock, die Unzufriedenheit und die schlechte Meinung gegenüber anderen - ich versuche verständlich zu machen, dass es in einem so kleinen, verschlossenen Land sehr schwer ist Erfolge zu erzielen und wettbewerbsfähig zu sein. Es ist viel einfacher jemanden für die eigene Ergebnislosigkeit verantwortlich zu machen."
Stichwörter: Ivan Fischer, Ungarn

Magazinrundschau vom 15.08.2017 - Magyar Narancs

Nach einigen Jahren Abwesenheit und einem Essayband meldete sich der Schriftsteller, Dichter und Literaturwissenschaftler Gábor Schein mit einem Gedichtband zurück, in dem er auch seine Krebserkrankung thematisiert, mit der er in den letzten zwei Jahren zu kämpfen hatte. In einem langen Interview spricht er über seine Krankheit, über die Rolle der Kritiker und über die Rolle der Literatur in der ungarischen Gesellschaft nach der Wende: "Die Gesellschaft dachte in den 90er Jahren zu wenig über ihre Erwartungen an die Literatur nach. Sie interessierte sich nicht für die emanzipatorische Rolle der Literatur. Gleichzeitig waren die Schriftsteller und die Redakteure nicht wirklich neugierig, was im Lande passierte, vom Ausland gar nicht zu reden. Eine seltsame Tatsache ist, dass die Nachwendezeit überhaupt kein Interesse an ausländischen, regionalen oder entfernteren Literaturen mit sich brachte. Die ungarische Literatur wurde noch isolierter und die schädlichen Auswirkungen werden ebenfalls erst heute spürbar. Anfang der 90er war die Übersetzung noch ein elementarer Bestandteil einer beginnenden Dichterlaufbahn, heute ist das überhaupt nicht mehr so."

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Magyar Narancs

Im Interview erklärt der Schriftsteller György Konrád, warum Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu die ungarische Regierung nicht wegen ihrer umstrittenen, antisemitischen Kampagne gegen George Soros kritisiert. Das hat damit zu tun, meint er, dass Netanjahu - wie Orban - einer rechten Partei angehört, aber auch mit der Israelkritik von Soros: "In den USA und in West-Europa grenzen sich viele linke und liberale jüdische Intellektuelle gerne vom Staate Israel, vom Zionismus und von der israelischen Regierung ab. Dies ist kein neues Phänomen, bereits Hannah Arendt tat so. Ich halte dies nicht für sympathisch, denn oft waren diese Menschen nie in Israel und ihre Informationen aus der Region sind oberflächlich. Ich habe auch persönliche Gründe, dass ich mich dem Staat Israel gegenüber empathisch verhalte. (...) Ich verherrliche Netanjahu nicht, aber ich halte ihn für einen Realisten. Und ich bedauere, wenn Soros einseitig israelfeindliche Gesten macht."
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