Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Magyar Narancs


Zsófia Szilágyi bei den Dreharbeiten zu ihrem Film "Egy nap"

In der Sektion Semaine de la Critique in Cannes feierte der erste Spielfilm "Egy nap" (One day) der Regisseurin Zsófia Szilágyi Premiere. Von der Kritik wurde er wiederholt als "Frauenfilm" bezeichnet, denn sie zeigt einen Tag in Leben einer Mutter. Im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi erklärt die Filmemacherin, warum diese Bezeichnung nicht passt: "Ich vertrete gerne feministische Angelegenheiten, sie sind auch meine, doch das bedeutet nicht, dass nur über Frauen gesprochen werden kann. Über Frauenschicksale kann auch ein massiv patriarchalischer Film gedreht werden. Das hängt nicht vom Geschlecht der Beteiligten ab, sondern von der Perspektive. 'One Day' ist meiner Meinung nach kein 'Frauenfilm', nur weil eine Frau darin spielt und auch nicht, weil ich eine Frau bin. Es passiert etwas mit der Zeit in diesem Film, das eng mit Frauen verbunden ist. Das weiß ich, weil ich sehr lange keine Hauptdarstellerin fand und dann versuchte, das Drehbuch auf einen Mann umzuschreiben. Und ich sah, dass in jenem Falle die detaillierte und lineare Zeitbehandlung des Films auch nicht bleiben kann, weil sie unwahr ist. Ich hätte es anders erzählen müssen. Ich wollte es aber auf dieser Weise erzählen. Es war für mich weniger wichtig, ob es ein Mann oder eine Frau ist, aber es war sehr wichtig wie die Zeit im Film ist. Das bestimmte schließlich das Geschlecht."

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - Magyar Narancs

Die Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin Nikoletta Szekeres ist Kuratoriumsmitglied bei HUBBY, der ungarischen Unterorganisation vom Internationales Kuratorium für das Jugendbuch (IBBY). Im Interview mit Ildikó Orosz spricht sie über den Tabubruch als Qualitätsmerkmal nach deutschsprachigem Vorbild in der zeitgenössischen ungarischen Jugendliteratur. "Vor etwa zehn Jahren vermissten wir Kritiker, dass es auf Ungarisch keine so harten, Tabus behandelnde, herausragende Jugendromane gibt wie zum Beispiel Beate Teresa Hanikas 'Rotkäppchen muss weinen' oder Wolfgang Herrndorfs 'Tschick'. Es ist verständlich, dass unter den Intellektuellen aber auch bei den Verlagen ein Bedürfnis danach entstand, doch Literatur funktioniert nicht so, dass jemand kommt und sagt: "Bitte, schreib etwas über Missbrauch!" Es muss ein inneres Bedürfnis geben, eine gute Geschichte und die passende Sprache. Noch sehe ich nicht, dass die ungarische Jugendliteratur ihren Platz gefunden hat, es gibt viel Herumtasten, aber es gibt auch keinen Grund zur Verzweiflung. Diese Themen waren für Jahrzehnte auf dem Abstellgleis und die ungarische Gesellschaft gilt generell als prüde."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - Magyar Narancs

Der Theaterregisseur Viktor Bodó arbeitet nach der Auflösung seines Sputnik- Ensembles zunehmend im deutschsprachigen Ausland (u.a. in Heidelberg, Hamburg). Seine einzige Inszenierung in diesem Jahr in Ungarn feierte vor kurzem Premiere. Im Gespräch mit Alexandra Kozár schildert Bodó seine Erfahrungen in Deutschland - vor allem mit dem System der rotierenden Intendanten: "Es ist das große Problem hiesiger Theaterschaffender, zu wem wir über Probleme sprechen: meist zu Menschen, die genau so denken wie wir. Besser wäre es, wenn wir auch für die Andersdenkenden spielen würden. Würden die Theaterausschreibungen in Ungarn ablaufen wie zum Beispiel in Deutschland, wo alle vier bis fünf Jahre die Intendanten ausgetauscht werden und damit eigentlich auch das Ensemble, wo Regisseure und Schauspieler nach vier, fünf Jahren ihre Siebensachen packen und in eine andere Stadt, zu einem anderen Ensemble umziehen, dann liefe das automatisch, dann würde das in einer Stadt lebende Theaterpublikum mit unterschiedlichen Denkweisen und Ansichten in Berührung kommen."

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - Magyar Narancs

Das Gefühl für die Gegenwart ist in Ungarn nicht sehr ausgeprägt, meint die bildende Künstlerin Sári Ember. "Verreisen ist sehr inspirierend, jedoch auch ein wenig frustrierend, weil sofort eine Art Vergleichsspirale startet. Wenn ich meine Zeitgenossen betrachte, sehe ich, dass es eine immer größere Herausforderung ist hier in Ungarn in der Gegenwart zu leben. Man muss sehr oft verreisen oder gar im Ausland leben, damit man die Gegenwart akzeptieren, lieben und erleben kann. Doch in dieser Akzeptanz steckt auch, dass hier in Ungarn eine andere Gegenwart herrscht, mit anderen zu bewältigenden Problemen. Für mich war es ein langer Prozess bis ich in der Gegenwart ankam und ich akzeptieren konnte, dass ich 'jetzt' lebe. Was die hiesigen Zustände betrifft, ist es sehr wichtig zu lernen, dass wir immer etwas tun können. Auch wenn die Umstände für jungen bildenden Künstler sehr schwierig sind ... es gibt hier unzählige leeren Räume und überall kann eine Ausstellung organisiert werden: Dank der sozialen Medien ist es immer einfacher, Menschen zu erreichen. Man darf nur nicht auf große institutionelle Unterstützung hoffen, sondern muss auf Graswurzel-Initiativen setzen, auf den stolzen zivilen Tatendrang."
Stichwörter: Ungarn, Sari Ember

Magazinrundschau vom 13.03.2018 - Magyar Narancs

"Gegenwärtig sieht es bei Híd-Most nach Parteibruch aus", meint dagegen Magyar Narancs in seiner Online-Ausgabe. Die Spaltung verlaufe entlang der Híd- und Most-Linie. Genauer gesagt wollen die anerkannten slowakischen Repräsentanten, die von der Fico-Regierung genug haben, aus der Mischpartei austreten. Ihnen missfällt auch, wie der Ministerpräsident den nach dem Kuciak-Mord entstandenen Volkszorn bewältigen sucht, nämlich durch eine Anti-Soros-Kampagne - was die Slowaken offensichtlich weniger ertragen als die Ungarn. Die tonangebenden Repräsentanten des größeren (ungarischen) Teils der Partei würden aber wohl an der Seite von Robert Fico bleiben, denn dies manifestiert sich in Regierungspositionen und in Zündschlüsseln für Limousinen. ... Wenn die laute Mehrheit siegt, kann sie die mit Vertrauensentzug bestrafte Fico-Regierung retten (und gleichzeitig kann sie auch die Soros-Kampagne legalisieren und damit einige Pluspunkte bei der Regierung in Budapest sammeln)."

Der junge Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller, der im Rollstuhl sitzende Ádám Fekete denkt über das ungarische Theater nach und die Bedeutung der Langsamkeit auf der Bühne: "Ich empfand, dass auf der Bühne oft ein als Aktionismus verkleidetes Nicht-Geschehen herrscht. Die Langsamkeit ist interessant. ... Die Theaterhäuser sind oft nicht wagemutig genug, obschon sie sich so betrachten. Alles was Theater ist, ähnelt sich sehr. Die Schauspieler haben keine neue Aufgaben: ich denke nicht an neue Rollen, sondern an vollkommen neue Haltungen, was in einer vollkommen neuen Existenz auf der Bühne münden würde. Es ist sehr lange her, dass ich eine ungarische Inszenierung sah, die mein bisheriges Wissen in Frage stellte oder mein Bewusstsein über Theater erweiterte."

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller György Dragomán sagte mal über die Jazzviolinistin Luca Kézdy, dass sie mit beherrschter Wildheit spielt. Im Interview mit Tamas Soos spricht sie u.a. über die Schwierigkeiten des experimentellen Jazz: "Für alle Kunstrichtungen, so auch für Jazz gilt, dass das Publikum wenig offen für Erneuerungen ist. Ich würde uns zum experimentellen Jazz zählen, und an Anerkennungen - ich denke beispielsweise an spanische, belgische oder isländische Festivaleinladungen - mangelt es eigentlich nicht. Ideal wäre natürlich, wenn wir viel spielen könnten, doch in Ungarn geht das gegenwärtig nicht. Es gibt sehr wenige Jazzclubs und in diesen Orten können wir nicht jeden Monat auftreten. Jazz wurde aus den großen Musikfestivals hinausgedrängt. Es gibt zwar mehrere 'Jazz- und Weinfestivals', wo im Sommer mehr gespielt werden kann, aber auch diese präferieren eher die populären Richtungen. Es wäre schön, öfter ins Ausland zu fahren, aber dort sieht es auch nicht besser aus. (...) Von Ungarn erscheint das Ausland als Traumwelt, doch es ist es nicht. Ich habe keine Illusionen darüber, dass wir im Westen anerkannt werden."

Eigentlich kann man das doch sehr gut hören:


Magazinrundschau vom 06.03.2018 - Magyar Narancs

Im Gespräch mit Imre Kőrizs wiegt der Sprachwissenschaftler, Dichter und Übersetzer Ádám Nádasdy die zeitgenössische ungarische Literatur: "Heute funktioniert alles referenziell. Vielleicht waren Tandori und Petri die letzten vulkanischen Talente. ... Ich mag die heutige Literatur, dennoch habe ich das Gefühl, dass das Ewige darin eher die Geschichten sind, das Narrative. So wie es im Mittelalter war, als die feine Lyrik aufhörte und die Romanzen und Geschichten kamen. Die heutigen Schriftsteller haben sich eher von Esterházys Programm abgekehrt, der sagte: nicht das 'was' ist interessant, sondern das 'wie'."

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - Magyar Narancs

Der Essayist László F. Földényi spricht im Interview über Auswirkungen der Postmoderne und die heutige ungarische Wirklichkeit: "Mit der Postmoderne trat eine unglaubliche Nivellierung ein. An Universitäten schreiben Literaturstudenten über die idiotischsten Romane Hausarbeiten, weil ihnen weisgemacht wurde, dass alles gleich wichtig sei. Diese Nivellierung ist eine der Erscheinung der Globalisierung. Auch in der Kultur wurde alles stromlinienförmig: die Bücher, die Gemälde, die Filme. (...) Irgendein zivilisatorisch-ökonomischer Zwang ließ das Genre des Festivalfilms und die Literatur der Buchmessen entstehen. Auf der Frankfurter Buchmesse machen die armen Schriftsteller den Eindruck, als würden sie mit einer unsichtbaren Peitsche getrieben. Bei den Lesungen gibt es nach den zur Verfügung stehenden dreißig Minuten keine Gnade, sie müssen die Bühne verlassen, weil der Nächste kommt. Wie auf dem Sklavenmarkt." Über das Leben im heutigen Ungarn sagt er: "Mein Problem ist, dass ich nicht aufhören kann zu beobachten, was ich unter normalen Umständen nicht beobachten müsste. In dieser Hinsicht lebe ich ein Doppelleben: ich bin Teil von etwas, mit innerem Ekel, Abneigung oder Wut, doch zugleich betrachte ich das Ganze auch von Außen und habe eine Meinung darüber. Doch all das kann die in mir existierenden elementaren Empfindungen, die beinahe körperlichen Symptome, nicht aufheben (...) Das bringt die gegenwärtige ungarische Situation bei jedem hervor, du kannst dich nicht entziehen, obwohl du dich permanent entziehen möchtest. (...)Nicht nur verfolgt uns das System, auch wir selbst sind mit unseren Reaktionen und Erregungen Teil des Systems. Auch ich bin schwer deformiert. Das ist die Situation, ich hasse denjenigen, der mir gegenüber steht, und gleichzeitig fange ich unbemerkt an ihm zu ähneln. Ich fühle mich mental unhygienisch."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - Magyar Narancs

Im kommenden April wird es Parlamentswahlen in Ungarn geben. Kaum jemand räumt der Opposition realistische Chancen auf einen Wahlsieg ein. Basierend auf den Erfahrungen mit dem Orbán-Regime in den vergangenen acht Jahren, überlegt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, was das bedeutet: "Ganz Europa - lassen wir jetzt den Rest - ist in einem erschreckenden Zustand, doch das Verderben Ungarns ergreift unsere patriotischen Herzen. Das Entstehen und die Festigung des Orbán-Regimes ist eine historische Tragödie. Es wird von sehr vielen unterstützt und ohne diese Tatsache wäre diese Wende gar nicht tragisch. Unsere Gesellschaft lässt sich lustlos und passiv (eine bedeutende Minderheit gar mit aktiver Übereinstimmung) von dieser widerlichen und chaotischen Macht unterdrücken, was für die Mittelschicht existentielle Unsicherheit und Bitterkeit bringt, für die ungarischen Armen das Ableben. Je länger es dauert, desto schlechter wird es allen gehen."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - Magyar Narancs

Der Essayist und Chefredakteur der polnischen Gazeta Wyborcza, Adam Michnik, vergleicht im Gespräch mit Márton Gergely Viktor Orbán mit Jaroslav Kaczyński. "Orbán ist ein charismatischer Anführer (...). Kaczyński dagegen ist eher ein Kabinettpolitiker, ein Meister von Taktik und innerparteilichen Intrigen. Doch so sehr sie sich auch unterscheiden, ihre Vorstellung über den Staat und über die EU ist ähnlich. Die Union brauchen sie, um das Geld von dort zu erhalten, doch sie brauchen die Union nicht als die Hüterin von demokratischen Werten, von Menschenrechten und von Andersdenkenden. Den Staat fassen sie als modernisierten Kommunismus auf: autoritäres Regime, de facto - ich betone de facto - Einparteienstaat, in dem der ganze Staatsapparat als Werkzeug der Regierungspartei dient. In Ungarn ist es der Fidesz, in Polen die PiS. (...) Straßburg, Brüssel, Den Haag sollen bitteschön nicht eingreifen, wenn sie demokratische Grundwerte oder Grundrechte der Bürger verletzen. So denken Orbán und Kaczyński, obwohl sie nur für die Ausübung von Macht legitimiert sind und nicht für die Vernichtung des demokratischen Systems. Es läuft ein schleichender Coup d'etat."
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