Magazinrundschau - Archiv

Clarin

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Magazinrundschau vom 14.05.2019 - Clarin

Schriftstellerin interviewt Schriftstellerin: María Sonia Cristoff befragt Annie Ernaux in Paris nach ihrer Methode und wie es bei ihr um das Verhältnis von Leben und Schreiben bestellt ist: "Alles, was mir passiert ist oder passiert, betrachte ich, als würde es jemand anderem passieren. Das hört sich vielleicht ein wenig schizophren an, ist aber buchstäblich so. Einerseits erlaubt mir das, zu erzählen, statt bloß Zeugnis abzulegen, andererseits kann ich so eine individuelle Geschichte, die angeblich die meinige ist, hinter mir lassen und mich auf das Gebiet des Kollektiven begeben. Die eigene Erfahrung zu erzählen hat dann Sinn, wenn diese irgendwann nicht mehr die eigene ist und Teil einer kollektiven Erfahrung wird, ja, wenn sie womöglich sogar eine Veränderung in dieser kollektiven Erfahrung bewirken kann. Der Schlüssel liegt dennoch in der Form, nicht in den erzählten Tatsachen, aber Form nicht im ästhetischen Sinn, sondern als Suche, als Konstruktion eines Blicks, der es mir erlaubt, besser zu sehen, Form als Verpflichtung gegenüber der Wahrheit. Mit der Pariser Literatur- und Kunstszene habe ich in jedem Fall zeitlebens so gut wie nichts zu tun gehabt. Das liegt ein wenig am Klassenunterschied - diese Szene ist extrem bürgerlich und lässt dich das spüren -, aber auch an der geografischen Distanz, daran, dass ich immer außerhalb gewohnt habe. Wenn ich nach Paris komme, fühle ich mich auch heute noch, nach all den Jahren, wie eine Ausländerin. Ich komme mit der U-Bahn, von unten, wie alle, die nicht aus dem Zentrum sind. Wie Maulwürfe entsteigen wir dem Untergrund."

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - Clarin

Der französische Philosoph und Fotografietheoretiker François Soulages denkt im Interview mit Victoria Verlichak über die Beziehung von Fotografie und Schrift in einer mit Bildern gesättigten Welt nach: "Einem Bild gegenüber kann man innerlich nicht stumm bleiben. Auf dieser Unmöglichkeit, angesichts eines Bildes zu schweigen, beruht die Beziehung zwischen der Fotografie und, zunächst, dem Wort, dann dem Schreiben." Die neuen Technologien tragen seiner Ansicht nach nicht zu einer Demokratisierung der Fotografie bei: "Demokratisierung hat damit nichts zu tun, Demokratisierung bezieht sich auf die Demokratie. Was wir erleben, ist in jedem Fall bloß das Schauspiel einer Demokratie, das eine Ideologie für die aus dem System Ausgeschiedenen produziert. Diese Ideologie bringt sie dazu, etwas für Demokratisierung zu halten, was bloße Vermassung und Kommerzialisierung ist. Die Ästhetik der Fotografie muss zuallererst derlei naive Ideologien ausschalten, die einen daran hindern, darüber nachzudenken, was ein fotografisches Werk ist. Ein Werk ist in jedem Fall alles andere als eine Antwort auf eine Frage."

Magazinrundschau vom 15.03.2016 - Clarin

Die frisch verfügte Aufhebung einer Sondersteuer für Bergbauunternehmen in Argentinien ist für die Soziologin Maristella Svampa von der Bürgerrechtsbewegung Plataforma 2012 ein Beleg für ernüchternde Kontinuitäten: "Der Einfluss der Bergbau-Lobby ist unabhängig von der politisch-ideologischen Ausrichtung unserer jeweiligen Regierungen. Bestand die Strategie der Kirchner-Regierung in Totschweigen oder Verteufeln der Proteste der Umweltbewegungen sowie im Bestreiten der offenkundigen geschäftlichen Verflechtungen von Staat, Großunternehmen und Privatinteressen, sprach die neue Macri-Regierung zunächst von 'Umweltschutz' und 'Bürgerbeteiligung'. Der schnelle Schulterschluss von politischer und ökonomischer Macht hat jedoch dafür gesorgt, dass das Thema erneut von der Tagesordnung verschwindet. Und das, nachdem 20 Jahre gigantischer Bergbauprojekte entgegen allen anderslautenden Versprechen vor allem zu Umweltzerstörung und wachsender Hilfsbedürftigkeit der Bevölkerung der betroffenen Gebiete geführt haben."
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Magazinrundschau vom 23.06.2015 - Clarin

Der argentinische Schriftsteller Pablo de Santis erinnert an die mythische Krimi-Reihe “El Séptimo Círculo“ - der Name eine Referenz an den siebten Höllenkreis von Dantes Göttlicher Komödie -, die vor 70 Jahren von Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares ins Leben gerufen und über zehn Jahre geleitet wurde: "Bei der Auswahl der insgesamt 139 Titel bedienten die beiden sich einfach der Buchkritiken des Times Literary Supplement - was ihnen vielversprechend erschien, bestellten sie in einer Buchhandlung. Die Klappentexte und Angaben zu den Autoren verfassten sie gemeinsam. Der Großteil der ausgewählten Autoren waren Engländer, in deren Krimis es vor allem um die Auflösung eines Rätsels ging. Es waren aber auch ‚harte" US-Schriftsteller wie Raymond Chandler, James Cain oder Robert Parker dabei. Was die zwei Herausgeber dagegen gar nicht mochten, waren französische Krimis. Die auffälligste Leerstelle im Programm aber nahm Agatha Christie ein."
Stichwörter: Borgen, Krimis, Christies

Magazinrundschau vom 19.05.2015 - Clarin

"Etwas schreiben, damit es nicht passiert." Im Interview mit Ricardo Viel spricht der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad über seinen neuen Roman "La Oculta" und verrät einen wichtigen Antrieb seines Schreibens: "Normalerweise hat man Angst, dass das, was man sagt oder schreibt, tatsächlich passieren könnte, aber ich versuche, genau das Gegenteil zu denken: Wenn ich das, wovor ich am meisten Angst habe, ausspreche, wird es nicht passieren. Einmal musste zum Beispiel meine Tochter nach Europa fliegen. Da schrieb ich ein Gedicht, in dem ich mir ausmalte, wie das Flugzeug abstürzt. Ich war dabei so traurig, als wäre es tatsächlich passiert. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich ihr auf diese Weise das Leben rette. Das ist natürlich pures magisches Denken, wir Menschen sind eben äußerst irrationale Wesen."
Stichwörter: Abad, Hector

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - Clarin

Andrés Hax unterhält sich - bestens - mit dem amerikanischen Soziologen und Netztheoretiker Howard Rheingold: "Schwierig scheint mir, dass die zeitgenössischen Netzkritiker offenbar nicht begreifen, dass die Technikkritik selbst ihre Geschichte hat. Und trotzdem: Man sollte den Kritikern Aufmerksamkeit schenken. Dass die Leute dir ihrerseits so viel Aufmerksamkeit schenken, dass sie dich kritisieren, ist großartig. Die schlechten Seiten der Technik werden so auch immer deutlicher sichtbar. Je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir allerdings auch, dass die Menschen und ihre Werkzeuge sich ebenfalls entwickelt haben. Wir sind Menschen,weil wir Kommunikationswerkzeuge benutzen, um neue Arten zu organisieren, die Dinge zu erledigen. Das bedeutet Kultur. Und ich glaube, wir fangen gerade erst an, unsere Rolle bei der Gestaltung unserer Umwelt wie auch unserer selbst zu begreifen."
Stichwörter: Rheingold

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - Clarin

Andres Hax unterhält sich mit dem New Yorker Politologen John Grouard Mason, der gerade als Teilnehmer eines von Le Monde Diplomatique organisiserten Symposiums über den arabischen Frühling zu Besuch in Buenos Aires ist. Auf die Frage nach einer linken Bewegung in den USA, antwortet er: "In den letzten zwanzig, und ganz besonders in den letzten zehn Jahren, ist innerhalb der Demokratischen Partei, aber auch außerhalb von ihr, eine feste progressive Gruppierung entstanden. Wir nennen uns die Netroots. Obama hat all diese Leute für seine Wahlkampagne benutzt. Kaum war er zum Präsidenten gewählt worden, hat er uns aber wie eine heiße Kartoffel fallen lassen und alle Verbindungen zu uns abgebrochen. Da haben wir gezeigt - Move On hat gezeigt, True Democracy hat gezeigt -, dass wir ein alternatives mediales Universum schaffen können, das stark auf dem Internet, auf Youtube etc. beruht... Natürlich kann man, da unser Netz im Internet funktioniert, unsere Spuren genau verfolgen, mithilfe von Facebook und Google kann man genau sehen, wer mit wem in Verbindung steht etc. - sie wissen alles über uns. Vorläufig mache ich mir deshalb aber noch keine Sorgen - uns steht nun mal kein anderes Werkzeug zur Verfügung. Wenn es ganz schlimm kommt, springe ich eben ins Auto und fahre über die Grenze nach Kanada oder steige ins nächste Flugzeug nach Frankreich..."

Magazinrundschau vom 23.11.2010 - Clarin

"Der Zugang zum Wissen wird gleichzeitig immer freier und immer stärker bewacht." Horacio Bilbao stellt das kürzlich erschienene Buch Argentina copyleft (s. a. hier) vor: "'Gesetze aus dem 19. Jahrhundert regulieren die Kultur des 21.', erklärt Herausgeberin Beatriz Busaniche. 'Die heute geltenden Copyright-Bestimmungen sind für einen völlig anderen sozialen und technischen Kontext gedacht.' Die neue Art der Rechteverwertung in Gestalt von 'Lesegenehmigungen via E-Books' wiederum, warnt Busaniche, 'droht unsere bisherige Lektürepraxis volkommen zu verändern. Indem wir das auf Papier gedruckte Buch durch einen Kindle oder iPad ersetzen, verlieren wir unter anderem die Möglichkeit, Bücher weiterzuverkaufen, auszuleihen, noch einmal zu lesen usw.' Argentinien nimmt derweil in einem 2010 von der Organisation Consumers International erstellten Ranking Platz sechs auf der Liste der Länder mit den restriktivsten Urheberrechtsbestimmungen ein. Eine kürzlich ohne nennenswerte öffentliche Debatte beschlossene Gesetzesänderung verhinderte so etwa, dass eine 1961 entstandene Aufnahme mit Musik der jüngst verstorbenen Sängerin und Nationalheldin Mercedes Sosa öffentliches Gemeingut wurde, indem das Urheberrecht kurzerhand um 20 Jahre verlängert wurde - auch rückwirkend, so dass andere Werke der Sängerin, deren Rechte bereits frei geworden waren, wieder in Privatbesitz zurückfielen."

Magazinrundschau vom 29.09.2009 - Clarin

"Die Zukunft setzt keine Energien mehr frei." Hector Pavon interviewt den französischen Soziologen Michel Maffesoli, der gerade in Buenos Aires ein Seminar abhält: "Arbeit, Vernunft, Zukunft, das waren die drei großen Werte der Moderne. In unserer Zeit - wir nennen sie provisorisch Postmoderne, einfach weil es noch keinen passenden Ausdruck dafür gibt, 2050 sind wir vielleicht soweit, dass wir einen haben - dreht sich dagegen fast alles um Kreation, Imagination, Gegenwart. Und während Europa das Laboratorium der Moderne war, sind Lateinamerika und Ostasien die Laboratorien dieser 'Postmoderne'. Hier arbeitet man intensiv an diesen Dingen, hier spielt die Imagination eine große Rolle, hier geht es nicht nur um Arbeit, sondern immer auch um Kreation, hier gibt es Zukunft, aber immer auch Gegenwart. Auch in Europa gab es Zeiten, die ganz auf die Gegenwart ausgerichtet waren, die Renaissance etwa oder das 3. und 4. Jahrhundert, die Zeit des Untergangs Roms - und eine solche Zeit steuern wir meiner Einschätzung nach gerade wieder an."

Magazinrundschau vom 23.06.2009 - Clarin

Jose Manuel Lara Bosch, Chef des Grupo Planeta, der mächtigsten Verlagsgruppe der spanischsprachigen Welt, träumt vom Rentnerdasein: "Wenn es endlich soweit ist, schnappe ich mir einen der kleinsten und unangepasstesten Verlage unserer Gruppe und mache wieder auf Kleinverleger, der selbst darüber entscheidet, wie die Buchcover aussehen, der persönlich in die Druckerei geht und die Gerüche dort genießt? Das war zu meinen Anfängen die lustigste Zeit meines Verlegerlebens. So soll es dann wieder sein: kein Unternehmer mehr, sondern bloß noch einfacher Verleger, der seine Bücher selbst an den Mann bringt. Ein großes Problem ist allerdings die Internetpiraterie - ich verstehe schon, dass alle unbedingt für alles möglichst wenig bezahlen wollen, man denke bloß an die Billigfluglinien, Hotels ohne Personal, etc. - aber der völlige Nulltarif, das geht nicht. Vorgehen sollte man aber nicht gegen private Internetnutzer, sondern gegen die Besitzer der 40 Websites, über die etwa in Spanien 80 Prozent der Piraterie abgewickelt werden: diese Leute machen nämlich wirklich ein Geschäft - kurioserweise vor allem mit Werbung von Telekommunikationsfirmen?" (Und wenn sie genug Geld verdient haben, träumen sie wahrscheinlich davon, einen kleinen Verlag zu gründen und den Duft alter Druckmaschinen zu schnuppern...)