Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

386 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 39

Magazinrundschau vom 13.09.2022 - New York Review of Books

Dass Russland jetzt Weizentransporte aus der Ukraine passieren lässt, wird die Ernährungslage in den nordafrikanischen Ländern verbessern. Nicht verändern wird sich die Lage in Jemen, Südsudan und Äthiopien, wo das Aushungern der Zivilbevölkerung zur Taktik der kriegführenden Parteien gehört, mahnt Alex de Waal: "Hunger ist in einem Krieg die beliebteste Waffe:einfach, billig, still und grauenhaft effektiv." Aber de Waal betont auch, dass nicht nur Russland oder China die Verurteilung derartiger Verbrechen verhindern, auch die USA und Großbritannien halten an einem Recht auf See- und Handelsblockaden fest. "Die saudische Luftwaffe stützt sich auf amerikanische Ausrüstung, und die US-Navy hilft Saudi-Arabien dabei, die Blockade des Jemen im Roten Meer durchzusetzen. Der Jemen, das ärmste Land der arabischen Welt, war bereits von Nahrungsimporten abhängig und von ernster Wasserknappheit betroffen, bevor die Blockade verhängt wurde. In diesem Jahr muss das Welternährungsprogramm dreizehn Million Jemeniten versorgen, das ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung, aber nur ein Teil der Bedürftigen. Die UN beißen sich auf die Zunge, weil sie nicht die Länder kritisieren wollen, die ihre humanitären Programme finanzieren. Im Dezember 2020 schätzten sie, dass seit Beginn des Krieges 131.000 Jemeniten an 'indirekten Gründen' gestorben seien - ein Euphemismus für Hunger und Mangel an Medikamenten. Die Zahl wurde bisher nicht aktualisiert. Keine der kriegführenden Parteien lässt internationale Agenturen Untersuchungen durchführen, die das wahre Ausmaß der Krise erkennen lassen würden. Sie haben gute Gründe, die Zahlen zu fürchten... Im vergangenen Juni war Mark Lowcock, damals der Chef der UN-Nothilfe, kurz davor, eine Hungersnot in Tigray auszurufen. Aber das UN-System als Ganzes umging das Problem mit seinen Euphemismen wie 'Gefahr einer Hungersnot' oder 'am Rande einer Hungersnot', weil niemand die Zahlen hatte, um zu beweisen, dass die Tigrayer bereits an Hunger starben. Neun Monate nach Lowcocks Versuch, bei den UN Empörung und Taten auszulösen - er verließ einen Monat später seinen Posten -, schätzte ein belgisches Forscherteam, dass bereits 265.000 Tigrayer verhungert seien. Die Zahlen dürften mittlerweile höher liegen. Das Welternährungsprogramm veröffentlichte kürzlich eine Untersuchung, derzufolge ein Drittel aller Kinder in Tigray unterernährt seien, doch die äthiopische Regierung unter Abiy Ahmed hat den Mitarbeitern anscheinend nicht erlaubt, Zahlen zu den toten Kindern zu erfassen. Ohne diese Zahlen, sagte eine Sprecherin des WEP, kann keine Hungersnot ausgerufen werden. 'Wir wissen es ja nicht genau', sagte sie."

Magazinrundschau vom 12.07.2022 - New York Review of Books

Seit der indische Schriftsteller Amitav Ghosh 2016 mit seinem Buch "Die große Verblendung" die Debatte um den Klimawandel in der Literatur entfacht hat, steht die Frage im Raum, welche Verantwortung die Literatur und Kritik im Angesicht des Klimawandels tragen. Seitdem haben etliche Autoren an der Frage weitergearbeitet, Gosh selbst natürlich, aber auch Martin Puchner in "Literature for a Changing Planet" oder Michael Rawson in "The Nature of Tomorrow". Aaron Matz liest diese Neuerscheinungen, aber beruhigen können sie ihn nicht: "Wenn man Literaturkritik über den Klimanotstand liest, bekommt man das ungute Gefühl, dass wir alles falsch gemacht haben. Worauf haben wir die ganze Zeit geachtet? Wir mögen uns sicher sein, dass wir zwischen bleibenden und vergänglichen Büchern unterscheiden können. Wir wissen vielleicht, welche Romane wir in unsere Lehrpläne aufnehmen müssen und warum. Aber wenn der Kataklysmus auch nur halb so schlimm wird wie erwartet, dann ist unsere Urteilssicherheit vielleicht nicht mehr von Bedeutung. Das bedeutet nicht, dass literarischer Wert aus prognostischer Kraft resultiert. Doch eine Zukunft mit einer Erwärmung um 2,5 Grad wird unsere Vorstellungen von der Welt so durcheinander bringen, dass eine Literatur, die uns veraltet oder indifferent erscheint, vielleicht auch unlesbar wird. Wird diese Zukunft auch die Literaturwissenschaft antiquiert erscheinen lassen? Heute werden jedes Jahr zahlreiche Romane über den Notstand veröffentlicht, viel mehr als zu der Zeit, als Ghosh vor sechs Jahren sagte, dass es kaum welche gäbe, und es gibt inzwischen zahlreiche kritische Werke, die sich mit ihnen beschäftigen. Aber diese Arbeiten schwanken zwischen der Bewertung vergangener literarischer Leistungen und der Befürchtung über den zukünftigen Zustand der Kritik und des Planeten. Die Warnung der Kritiker an die Romanautoren lautete, dass nachlässige Bücher von heute die Schuld von morgen beweisen werden; vielleicht fürchten wir Kritiker nun selbst das gleiche Schicksal."

Magazinrundschau vom 12.04.2022 - New York Review of Books

In ihrer feministischen Geschichte "When Women Ruled the World" porträtiert Maureen Quilligan die vier Renaissance-Herrscherinnen Maria Tudor, Maria Stuart, Elisabeth I. und Katharina von Medici. Dass Quilligan dabei mit vielen Vorurteilen und Stereotypen aufräumt, findet die britische Historikerin Erin Maglaque sehr lobenswert, aber hier eine insgeheime friedliebende Schwesternschaft zu beschwören, die sich mithilfe wunderbarer Geschenke gegen männliche Intrigen und Kriegsführung behauptete, geht ihr zu weit: "Selbst wenn Frauen eher dem Frieden zuneigten, war dies eine angeborene Tugend ihres Geschlechts oder eine Folge der zeitgenössischen geschlechtsspezifischen Erwartungen an königliche Herrschaft? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Sicherlich wollten die Königinnen als friedliebend wahrgenommen werden; Elisabeth bemühte sich sehr darum, ihren weiblichen Wunsch nach Frieden auszustellen. Am Ende huldigt Quilligan der Königin geradezu, wenn sie schreibt, dass diese die Loyalität ihrer Untertanen durch ihre 'Beständigkeit, durch ihre Tapferkeit, ihre Intelligenz und offen gesagt durch den schönen Vortrag, den Witz, die Einfachheit und Ehrlichkeit von Good Queen Bess sowie den erhebenden Stil ihrer Reden' gewann. Es ist wahr, dass sie wusste, wie man eine ausgezeichnete Rede hält. Dieselbe Good Queen Bess ließ 1569 nach einem Aufstand katholischer Aristokraten, der Grafen von Westmorland und Northumberland, siebenhundert Bürger im Norden töten, obwohl die Grafen keine Unterstützung in der Bevölkerung erhalten hatten. Königinnen wie Elisabeth werden in der feministischen Geschichte und Populärkultur verehrt, weil sie Macht besaßen, ein seltenes weibliches Gut. Aber Macht hat ihre eigene Geschichte. Die vom liberalen Feminismus des 21. Jahrhunderts geliebte Handlungsmacht ist aber nicht dasselbe wie die Souveränität des 16. Jahrhunderts. Die Souveränität, die einem Herrscher durch Geburt verliehen war, wurde ebenso durch Zustimmung wie durch staatlich autorisierte Gewalt aufrechterhalten. Quilligan gibt sich alle Mühe, diese Gewalt wegzuerklären: Die von Elisabeth angeordnete Hinrichtung Maria Stuarts war etwa beklagenswerte Folge der Machtkämpfe von Männern. Die Königinnen glaubten an religiöse Toleranz, es sei denn, sie taten es nicht, und dann waren es die männlichen Figuren der patriarchalischen Reformation, die dafür verantwortlich waren, dass die friedlichen Instinkte der Königinnen gestört wurden. Und doch können wir das Töten nicht wegdiskutieren, denn es war für die Bedeutung von Souveränität in der frühen Neuzeit von grundlegender Bedeutung - selbst wenn Frauen die Haftbefehle unterzeichneten."
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Magazinrundschau vom 29.03.2022 - New York Review of Books

Eric Berkowitz' rekapituliert in seinem Buch "Dangerous Ideas" die Weltgeschichte der Zensur, mit der unliebsame Schriften unterdrückt werden, seit Athen die Schriften des Sophisten Protagoras verbrennen ließ. Der chilenisch-amerikanische Schriftsteller Ariel Dorfman verschlingt das Buch geradezu, doch aus eigener Erfahrung ist er nicht einverstanden mit der eindeutigen Gegenüberstellung von zynischen Zensoren und heroischen Autoren: "Zensoren selbst glauben oft gar nicht, als Handlanger von Politikern, Oligarchen oder religiösen Potentaten zu dienen, sondern ihr Land und seine verletzlichen Gruppen - Frauen, Kinder, Arme - väterlich vor Verderbnis zu schützen. Das Verhältnis von Zensoren und denen, die sie unterdrücken, kann komplex sein, wie eine Begegnung illustriert, die ich selbst mit einem dieser Wächter in den späten siebziger Jahren hatte, als ich in Holland im Exil lebte. Eine Sammlung meiner Erzählungen sollte im Aufbau Verlag erscheinen, weswegen meine Frau und ich nach Ost-Berlin fuhren, um letzte Fragen zu klären. Beim Mittagessen erklärte mir der Verleger, dass er eine Geschichte nicht mit in die Sammlung aufnehmen würde. Bevor er sie beim Namen nannte, wusste ich, dass es 'Der Leser' sein würde. Ihr Protagonist Don Alfonso, ein Zensor mit Adleraugen in einer lateinamerikanischen Diktatur, erhält ein Manuskript, dessen Hauptfigur auf ihm selbst basiert und seine geheimsten Wünsche offenbart. Anstatt die Geschichte zu unterdrücken - und damit sein eigenes Spiegelbild zu ersticken -, erlaubt er sie und bringt damit sich selbst in Gefahr. Auch wenn es vielleicht naiv von mir war zu glauben, dass eine solche Erzählung unter einem Regime veröffentlicht werden würde, das die freie Rede im Namen des siegreichen Proletariers unterdrückte, verließ ich mich darauf, dass mein Verleger einen Weg finden würde. Schließlich fehlte es ihm nicht an Mut, er hatte für die Spanische Republik und gegen Hitler gefochten, und ich wusste, dass er auch Literatur respektierte, die nicht die typisch sozialrealistisch war. Aber als ich ihn fragte, was mit der Geschichte nicht stimmte, führte er ästhetische Argumente an: Stilistisch sei sie etwas seltsam, nicht wirklich gut konstruiert. Warum sollte ich ihn beschämen, indem ich behauptete, dass der wahre Grund hinter seiner Entscheidung politisch sei? Er hatte die 'Schere im Kopf' - wie Berkowitz die Phrase über die ostdeutsche Zensur zitiert. Ich zog meine gekappte Sammlung nicht tapfer zurück. Ich wählte den Kompromiss anstelle der Konfrontation, ich entschied mich, nicht den Rest meiner Geschichten einzubüßen, indem ich eine verteidigte. Auch diese Art der Rechnung gehört zur Geschichte der Zensur."

Howard French liest in Padraic Scanlans "Slave Empire" und Sathnam Sangheras "Empireland" nach, wie grundlegend der Sklavenhandel für den modernen britischen Kapitalismus war. Wenn Wirtschaftshistoriker dies lange bestritten, dann, schreibt French, weil sie allein die direkten Profite aus dem Menschenhandel in Rechnung stellten, nicht jedoch die der Plantagenwirtschaft insgesamt.

Magazinrundschau vom 08.03.2022 - New York Review of Books

Madeleine Schwartz fragt sich, wieso die Pariser Bürgermeisterin Anne Hildago als Präsidentschaftskandidatin nicht so recht in die Gänge kommt. Von ihrer Partei wird sie unterstützt wie ein Gehängter von seinem Seil, lästerte L'Obs. Fataler aber noch dürfte ihre Progrramtik sein, Paris zu einer grünen Stadt umzubauen, wofür sie nicht nur außerhalb, sonder auch in der Stadt selbst angefeindet wird: "Paris ist eine Stadt geworden, die sich nur die Wohlhabenden leisten können. Sogar die zum Verkauf stehenden Lebensmittel haben sich hat sich verändert: Zwischen 2014 und 2017 ist die Zahl der der Bioläden um 47 Prozent zugenommen Prozent." Auch die geleckten Tech-Hubs machen sich in der Stadt breit, wie Schwartz bei einem Treffen mit dem Stadtgeografen Aurélien Delpirou erfährt: "Wir uns in einem italienischen Restaurant im Bahnhof F, einem ehemaligen Güterbahnhof, der 2017 als 'weltgrößter Start-up-Campus' mit etwa eintausend Möchtegern-Einhörnern wiedereröffnet wurde. Ich beobachtete die Menschenmassen, die ihr Mittagessen per App bestellten. Eine Frau hatte eine Tragetasche mit dem Bild eines großen Hahns und einem Logo mit der Aufschrift 'French Tech'. Ich fragte mich, warum Delpirou, der nicht den polierten Glanz eines Start-up-Mitarbeiters versprüht, dieses Restaurant gewählt hat. Als er ankam, erklärte er mir, dass es illustriere, was mit dem heutigen Paris nicht stimmt: technikorientiert, teuer, homogen. Sogar das Essen, fügte er hinzu, sei 'nicht sehr gut. Es ist mittelprächtig. Es ist viel zu teuer.... Ich finde den Ort eigentlich ziemlich unausstehlich.'"

Tim Flannery trauert um die Korallenriffe, deren Zerstörung rasend schnell fortschreitet: "Der sichtbarste Schaden ist das Ausbleichen durch die Klimaerwärmung. Juli Berwald erklärt (in ihrem Buch 'Life on the Rocks'), wie es dazu kommt. Korallenriffe entstehen aufgrund einer Symbiose zwischen der Koralle und einzelligen Algen. Beide Partner profitieren davon, die Algen erhalten Schutz und das CO2, das sie zum Wachsen benötigen, während der Korallenpolyp Nahrung in Form von Zucker erhält, der von den Algen während der Photosynthese produziert wird. Die Partnerschaft ist so stark, dass sie die Nahrungsmittelproduktion verhundertfachen kann. Bleichen ist ein sichtbarer Beweis dafür, dass die Symbiose zerstört ist. Die Korallen selbst sind farblos - es sind die Algen, die dem Riff Farbe verleihen. Jede Koralle hat ihren eigenen Algenpartner, und einige Algenarten produzieren bei steigenden Temperaturen nicht genug Nahrung. Berwald schreibt, es sei nicht klar, ob die Koralle die Alge aktiv abstößt oder die Alge aus eigenem Antrieb verschwinde, doch sobald die Beziehung ende, verliere die Koralle den größten Teil ihrer Nahrungsversorgung."

Magazinrundschau vom 01.03.2022 - New York Review of Books

Die Philosophin Martha Nussbaum stellt eine Reihe neuer Bücher vor, die uns lehren, die eigene Ignoranz gegenüber der Tierwelt zu überdenken. Nicht nur Menschenaffen, auch andere Säugetiere und sogar Vögel besitzen komplexe Intelligenz, kommunizieren und interagieren, beeherrschen kulturelles Lernen und sie empfinden Angst, Trauer oder Neid. Carl Safina ("Becoming Wild), Frans De Waal ("Mama's Last Hug") oder Janet Mann ("Deep Thinkers") fordern uns auf, meint Nussbaum, kognitive Vorurteile zu überwinden: "Ein Hindernis ist auch, was man als den falschen Reiz der Sprache bezeichnen könnte, der Glaube, dass Menschen die einzigen Lebewesen mit Sprache sind und dass diese uns vom Rest des zu Empfindungen fähigen Lebens trennt. Dies ist ein gleich doppelter Fehlschluss. Zum einen überhöht er die Zentralität der Sprache im menschlichen Leben. Auch wenn uns Schriftsteller etwas anderes erzählen, leben wir den Großteil unseren täglichen Gedankenlebens nicht in Worten. Wir denken in Bildern oder Tönen, und wenn wir in Sprache denken, dann in verkürzten Fragmenten, nicht in der Prosa eines Henry James. Zu anderen übersieht er den immensen Reichtum jenes Systems, mit dem Tiere kommunizieren und das wir bisher noch kaum verstehen. Aber zumindest beginnen wir zu begreifen, wie unglaublich schön und komplex Walgesänge sind, dass sich im vokalen Repertoire von Meisen syntaktische Kombinationen finden, und dass Delfine mit ihrem charakteristischen Pfeiftönen uns in Individualität und Einzigartigkeit der Stimme weit übertreffen."

Eigentlich setzt der chilenisch-amerikanische Autor Ariel Dorfman große Hoffnungen in den demokratischen Aufbruch in Chile und den Konvent, der dem Land eine neue Verfassung geben soll, um die alte noch von Augusto Pinochet eingeführte zu ersetzen. Aber jetzt dringt Dorfman darauf, jetzt nicht vom Kurs abzukommen: "Der Konvent ergeht sich in Streitgkeiten. Eine laute Gruppe radikaler Delegierte besteht auf einer Reihe von Maximalforderungen - sie will den Präsidenten, den Kongress und die Gerichte durch eine vage definierte Nationalversammlung ersetzen - als wäre das Chile das revolutionäre Russland von 1917. Wenn die Delegierten in den grundlegendsten Reformen keinen Konsens erreichen, werden sie den Gegnern der neuen Verfassung Munition für die Abstimmung im Herbst liefern. Der Konvent versagt allerdings auch darin, seine bisher beträchtlichen Fortschritte zu vermitteln, immerhin hat er bereits mehr als tausend Änderungsvorschläge für die Magna Charta abgearbeitet. Das wird verschlimmert durch eine konzertierte Kampagne der Feindseligkeit von Rechtsaußen. Man stelle sich nur vor, die Väter der amerikanischen Verfassung hätten 1787 in Philadelphia ihre Gedanken im Angesicht permanenter und ätzender Desinformation auf Facebook und Twitter entwickeln müssen."

Magazinrundschau vom 14.12.2021 - New York Review of Books

Die USA können anderen Ländern keine Ratschläge mehr in Sachen Demokratie erteilen, erklärt der Jurist Lawrence Lessig in etwas überschießender Rhetorik, sie seien ja selbst schon ein failed state. All die Verfahrenstricks, mit denen sich die Republikaner die politische Oberhoheit sichern - parteiliche Wahlkreiszuschnitte, Wählerdiskriminierung, das Filibustern, das Electoral College, die korrumpierenden Wahlkampfspenden - machten Amerika zu einer Minderheitendemokratie: "Wie sonst nur segregationistische oder sektiererische Regimes, etwa das Südafrika der Apartheid, der Irak unter der sunnitischen Herrschaft der Baath-Partei oder Syrien unter den Alawiten ist die amerikanische Republik, die ursprünglich als repräsentative Mehrheitsdemokratie entworfen wurde, zu einem Minderheitenstaat geworden." Lessigs Rettungsaufrufe klingen dann auch eher verzweifel als konstruktiv: "Wir haben es heute mit einer republikanischen Partei zu tun, die im Grunde der Mehrheitsdemokratie den Krieg erklärt hat. Die Führung dieser Partei widersetzt sich auf allen Ebenen dem fundamentalen Prinzip der Mehrheitsherrschaft. Anstatt ihre Politik so auszurichten, dass sie wirklich eine Mehrheit der Amerikaner anspricht, haben sich die Republikaner auf eine Minderheitenstrategie verlegt, um faktisch eine parteiliche, quasi-ethnische Gruppe gegen mögliche demokratische Herausforderungen zu schützen. Sie manipulieren das System, damit die Mehrheit nicht herrschen kann. Angesichts dieser Bedrohung braucht Amerika, was Franklin Delano Roosevelt den Worten Arnold Hyatts zufolge war: Einen Staatsmann, der eine 'zögernde Nation dazu brachte, in den Krieg zu ziehen, um die Demokratie zu retten'. Besser noch wäre ein Winston Churchill, der eine abgelenkte Nation davon überzeugte, dass unsere Demokratie fundamental bedroht ist und dass wir einen Krieg führen müssen, um sie zu retten. Aber wir haben keinen Churchill, der uns durch diesen Kampf führen kann. Wir haben einen Chamberlain. Anstatt die Bedrohung beim Namen zu nennen und Amerika gegen sie in Stellung zu bringen, bemüht sich Präsident Joe Biden, die Differenzen in versöhnlichem Ton zu behandeln."

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - New York Review of Books

Mit immer groteskeren Mitteln klammern sich Daniel Ortega und seine Frau Rosario Murillo in Nicaragua an die Macht. Vor den Wahlen am 7. November wurde alle Gegenkandidaten von den Listen gestrichen oder gleich ins Gefängnis geworfen. Und vor allem schonen Ortega und Murillo auch nicht die alten sandinistischen Kampfgefährten, wie Alma Guillermoprieto erzählt: "In Nicaragua kursieren Spekulationen, dass Ortega mit seinen 76 Jahren schon längst dement sei und völlig unfähig zu regieren: Bei seinen seltenen Auftritten erscheint er oft verwirrt und tatterig. Vielleicht hat er auch schon vergessen, was in der Nacht vom 27. Dezember 1974 geschah: Kurz vor Mitternacht stürmten dreizehn Mitglieder der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN), einer kleinen Rebellengruppe, die den bewaffneten Kampf gegen den rechten Diktator Anastasio Somoza aufgenommen hatte, eine Party, die zu Ehren des amerikanischen Botschafters in Nicaragua gegeben wurde. Der Botschafter war bereits gegangen, aber viele von Somozas Würdenträger waren noch da. Diese Gesellschaft - darunter José María Catillo, ein Minister verschiedener Ressorts, Somozas Onkel, der lange in Washington als Botschafter des Landes fungiert hatte, ein oder zwei weitere Botschafter, noch ein Minister, die Gattinnen - wurden Geiseln der Rebellen. Es war ein außergewöhnlicher Coup der Guerilla, wenn man bedenkt, dass nur einige wenige des Kommandos gestandene Kämpfer waren; die anderen waren Jugendliche mit wenig oder gar keiner Erfahrung. Nur wenige Sandinisten des Trupps sollten die Kämpfe überleben, die schließlich zum Sturz Somozas im Juli 1979 führten, aber zu ihnen gehörte Hugo Torres, der Stellvertretende Kommandeur der Operation, früherer Jurastudent von 26 Jahren mit einem verschmitzten Auftreten und einem Hang zu tollkühnen Taten. Angesichts dieser Geiselnahme, die seine eigene Familie betraf, erklärte sich Somoza mit Verhandlungen einverstanden. Schon am folgenden Tag versprach er eine Million Dollar Lösegeld, die Verlesung eines FSLN-Kommuniqués und - am wichtigsten -  der Freilassung von vierzehn sandinistischen Gefangenen. Zu denen, die Torres und seinen Gefährten auf ewig ihre Freiheit verdanken würden, war ein ernster 29-jähriger Militanter namens Daniel Ortega, der bis dahin den Großteil seines jungen Erwachsenenlebens damit verbracht hatte, in einem von Somozas schrecklichen Gefängnissen zu schmoren. Die Zeiten ändern sich: Ortega wird sich demnächst als Präsident wiederwählen lassen, und der Mann, der ihn einst befreite, Hugo Torres, ist jetzt 73 Jahre alt und Ortegas Gefangener."

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - New York Review of Books

Künstliche Intelligenz kommt nicht als "deus ex machina" über uns, weiß Sue Halpern und liest in Kate Crawfords "Atlas of AI" nach, welche Kosten sie für den Planeten verursacht: Auch KI gründet auf Ausbeutung und führt zu gigantischen CO2-Emissionen, lernt Halpern, vor allem aber reproduziert sie Vorurteile und Stereotype. Letzteres liegt an den Daten, mit denen Entwickler die Systeme füttern: "Historische Daten haben zum Beispiel das Problem, dass sie historische Muster widerspiegeln und verstärken. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein so genanntes Talentmanagementsystem, das vor einigen Jahren bei Amazon entwickelt wurde. Ziel war es, die Einstellung potenzieller Software-Ingenieure durch ein KI-System zu automatisieren, indem es Hunderte von Lebensläufen sortierte und so bewertete, wie Amazon-Käufer Produkte bewerten. Die KI wählte die Bewerber mit der höchsten Punktzahl aus und lehnte den Rest ab. Als sich die Entwickler die Ergebnisse ansahen, stellten sie jedoch fest, dass das System nur Männer empfahl. Das lag daran, dass das KI-System mit einem Datensatz von Amazon-Lebensläufen von Mitarbeitern trainiert worden war, die das Unternehmen in den letzten zehn Jahren eingestellt hatte und die fast alle Männer waren. In seiner überraschend anschaulichen Untersuchung der KI-Regulierung 'We, the Robots?', verweist der Rechtswissenschaftler Simon Chesterman auf die Prüfung eines anderen Programms zur Lebenslaufkontrolle, bei der festgestellt wurde, dass 'die beiden wichtigsten Faktoren, die auf die Arbeitsleistung hinweisen, der Name Jared und die Tatsache sind, dass man in der High School Lacrosse gespielt hat.' Verzerrung kann auch auf andere Weise unbeabsichtigt in KI-Systeme einfließen. Eine Studie, in der die drei wichtigsten Gesichtserkennungssysteme untersucht wurden, ergab, dass sie in nur einem Prozent der Fälle das Geschlecht nicht erkennen konnten, wenn es sich um einen weißen Mann handelte. Handelte es sich jedoch um eine dunkelhäutige Frau, so lag die Fehlerquote bei zwei der Unternehmen bei fast 35 Prozent und bei dem dritten bei 21 Prozent. Dies war kein Fehler. Die Entwickler der Algorithmen trainierten ihre Algorithmen auf Datensätzen, die hauptsächlich aus Menschen bestanden, die ihnen ähnlich sahen."

Magazinrundschau vom 14.09.2021 - New York Review of Books

Nicht nur für Feministinnen war die Kontrolle des Bevölkerungswachstums lange Zeit tabu. Doch jetzt setzen vor allem amerikanische Klima- und Umweltschützer wieder darauf, selbst die hippe New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez fragte, ob es noch okay sei, Kinder zu bekommen. Dabei gibt es kein einziges Modell, das Klimafolgen allein auf die Zahl der Menschen zurückführt, lernt Anna Louie Sussman in Jade Sassers Streitschrift gegen die neuen Malthusianer,"On Infertile Ground". Und mehr noch: "Das Argument, dass Bevölkerungskontrolle den Klimawandel aufhalten kann, hat seinen Reiz, aber es übersieht etliche so unangenehme wie offensichtliche Tatsachen. Eine ist, dass Menschen in geradezu absurd unterschiedlichem Maße konsumieren, auch wenn wachsende Lebensstandards in den aufstrebenden Ländern, vor allem der Eliten dort, zu wachsendem Konsum führen. Der CO²-Verbrauch pro Kopf lag 2017 in den USA bei 16,16 Tonnen, verglichen mit 0,15 Tonnen in Madagaskar, wo Sasser die Familienplanungsprogramme von Umweltschutzverbänden untersuchte. Zudem sind ausgerechnet die Länder mit dem höchsten Verbrauch auch die Länder, wo die Fertilität auf oder unter die Reproduktionsrate gefallen ist. Doch anstatt diesen Trend zu begrüßen, versucht die Politik in diesen Länder, ihn umzukehren, aus Angst vor einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und unterfinanzierten Rentensystemen... Nun Programme zu rechtfertigen, die Frauen vom Kinderkriegen abbringen sollen, weil sie vielleicht zu nah an bestimmten Landschaften leben, bedeutet, die Schuld nicht bei den verheerenden Logiken zu suchen, sondern bei den Individuen. Die Meeresschutz-Organisation Blue Ventures zum Beispiel setzt sich für Biodiversität an der Westküste von Madakaskar ein, betont die Bedeutung des 'menschlichen Stressfaktors' für die Küsten und betreibt deshalb Familienplanung in den dortigen Gemeinden. Aber was ist die größere Bedrohung für Madagaskars Küsten: Große Familien oder die globale Nachfrage nach Meeresfrüchten?"

Vielleicht sind gar nicht Afghaninnen und Afghanen an der Demokratie gescheitert, sondern die USA, überlegt Fintan O'Toole in gewohnter Eloquenz: "Von Beginn an lag das grundlegende Problem des amerikanischen Einsatzes in Afghanistan in den Defiziten der amerikanischen Demokratie. Eine gut funktionierende Republik fällt ihre Entscheidungen - besonders solche über Krieg und Frieden - mit einem offenen Prozess rationaler Überlegung. Sie stellt naheliegende Fragen: Was tun wir? Warum tun wir es? Was sind die finanziellen und menschlichen Kosten? Was ist der Nutzen? Wann wie wird es enden? Die Ursünde des Afghanistankrieges - für die nie gebüßt wurde - war das Versagen der politischen Institutionen in den USA, die grundlegendsten Standard einer kritischen Selbstbefragung zu erfüllen."