Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 26.01.2026 - New York Review of Books

Der Schriftsteller Joseph O'Neill schlägt Alarm: Trump und die Republikanische Partei sind dabei, die USA in ihren Grundfesten zu verändern. Um den Ernst der Lage zu begreifen, muss man, so O'Neill im Gespräch mit Daniel Drake, zwei Arten von Politik unterscheiden: "Zum einen Politik im technischen Sinn - also Wahlpolitik, die sich auf Wirtschaft, Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung, Einwanderung, Kriminalität und 'Bezahlbarkeit' konzentriert. An dieser Front steckt die GOP in Schwierigkeiten. Auch wenn Trump weiterhin die Loyalität fast aller Republikaner genießt, haben sich Unabhängige und demografische Gruppen, die für seinen Sieg 2024 entscheidend waren - etwa Latinos und junge Wähler - deutlich von der Republikanischen Partei abgewandt. Wenn die Zwischenwahlen einen normalen Verlauf nehmen, können die Demokraten damit rechnen, das Repräsentantenhaus und vielleicht sogar den Senat zu erobern - noch vor Kurzem war das undenkbar. Die zweite Art von Politik ist rohe Machtpolitik. Hier wird es schwierig. Die Republikanische Partei, angetrieben von der Fantasie, Liberale und Minderheiten ein für alle Mal zu zerschlagen, ist im Kern darauf ausgerichtet, eine Einparteienherrschaft zu errichten. Dies ist die Absicht ihrer Basis, ihrer Politiker in Washington und in den Bundesstaaten, ihrer Richter am Obersten Gerichtshof, ihrer Propagandisten und Ideologen - und natürlich ihres designierten obersten Führers. Diese Absicht zeigt sich überall: vom bösartigen Eifer bestimmter Apparatschiks in der Regierung bis hin zur höflichen, aber folgenreichen Beihilfe älterer Staatsmänner im Kongress und am Obersten Gerichtshof. Chief Justice Roberts mag nicht aktiv von einer republikanischen Diktatur träumen, doch er hat seine Macht bewusst eingesetzt, um genau dieses Szenario voranzutreiben." Die aktuelle Führung der Demokraten ist, so O'Neill weiter, schlecht dafür gerüstet, einer solchen Machtpolitik etwas entgegen zu setzen.

Magazinrundschau vom 15.09.2025 - New York Review of Books

Mark O'Connell beschäftigt sich mit dem derzeit schier unaufhaltsamen Aufstieg der Firma Palantir; und insbesondere mit "The Technological Republic", dem Buch, das der Palantir-CEO Alexander Karp gemeinsam mit Nicholas W. Zamiska verfasst hat. Angefüllt mit Banalitäten ist diese Veröffentlichung, stöhnt O'Connell. Was die Frage aufwirft: "Warum wollte Alexander Karp dieses Werk überhaupt schreiben? Ich vermute, seine Gründe hängen zumindest teilweise mit dem Silicon-Valley-Kult um die Tech-Gründer als Philosophenkönige zusammen und mit Karps Wunsch, nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch als öffentlicher Intellektueller wahrgenommen zu werden. Dieses Buch existiert letztlich nur, weil es beweist, dass Karp ein Buch geschrieben hat. Viel ist über seine akademischen und intellektuellen Qualifikationen geschrieben worden. Er hat einen Doktortitel in Sozialtheorie von der Goethe-Universität Frankfurt. (Es wird oft betont, er habe dort bei Jürgen Habermas studiert, doch das scheint übertrieben: Laut Die Welt schrieb er Habermas mit der Bitte an, seine Dissertation zu betreuen, woraufhin Habermas ihn an einen Kollegen verwies.) In seinen Aktionärsbriefen zitiert er Adorno. Er wirft gern mit Begriffen wie Hermeneutik und Ontologie um sich." Letztlich jedoch ist sein Denken ähnlich schlicht wie das seines Palantir-Mitstreiters Peter Thiel, findet O'Connell: "Karps Freundschaft mit Thiel wird oft als eine beschrieben, die sich um ideologische Unterschiede herum strukturiert. Thiel, der Trump unterstützte, bevor es profitabel oder populär war, gilt weithin als Libertärer. Karp hingegen hat sich in der Vergangenheit öffentlich als Progressiver bezeichnet und sich gelegentlich - absurderweise - sogar selbst als 'Sozialist' identifiziert. In Wirklichkeit ist Karp jedoch nicht mehr ein Progressiver, als Thiel - dessen Vermögen gleichfalls zum großen Teil aus Regierungsaufträgen stammt - ein Libertärer ist."

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - New York Review of Books

Wie könnte eine bessere Zukunft im seit Jahrzehnten von Bürgerkriegen geplagten Myanmar aussehen? Das fragt sich Francis Wade angesichts heftiger Kämpfe, die nach einem Militärputsch im Jahr 2021 ausgebrochen sind. Eine breite Koalition wehrt sich inzwischen gegen die Militärs, angeführt vom National Unity Government (NUG). Allerdings ist die Opposition auch untereinander zerstritten, sie zerfällt vor allem in der Peripherie in eine Reihe ethnischer Gruppierungen, die untereinander oftmals verfeindet sind. Außerdem schwelt ein Konflikt zwischen den buddhistischen Bamar, die die Bevölkerungsmehrheit stellen, und den zahlreichen kleineren Ethnien. Wade glaubt nicht, dass das Konzept eines starken Zentralstaats eine gute Perspektive darstellt für ein post-Bürgerkriegs-Myanmar: "In einem sehr weiten Sinne haben die Konflikte es den Menschen ermöglicht, sich einen Staat vorzustellen, der nicht mehr durch seine Ursprünge in imperialer Eroberung und aggressiver zentralistischer Herrschaft gefesselt ist. Wenn man - wie viele im Widerstand - versucht, die zentripetale Kraft des Militärs, der Nationalen Liga für Demokratie oder jeder anderen Instanz zu entfernen, von der aus Autorität vom Zentrum nach außen strömt, beginnt Myanmar weniger wie ein moderner Nationalstaat auszusehen und mehr wie das Flickwerk von Machtzentren, die das Gebiet in den Jahrhunderten vor der Kolonisierung prägten. Glaubt man der Junta, bedeutet dieser Weg eine Fragmentierung und den Zusammenbruch des Staates - ein Szenario, das für die Bevölkerung katastrophale Folgen hätte. Doch wie der verstorbene Politikwissenschaftler und Südostasien-Experte James C. Scott einst fragte: 'Warum den 'Zusammenbruch' beklagen, wenn damit meist die Auflösung eines komplexen, fragilen und typischerweise unterdrückerischen Staates in kleinere, dezentralisierte Fragmente gemeint ist?' Die Entstehung neuer politischer Einheiten in Myanmar deutet darauf hin, dass eine Mehrheit darin den einzig gangbaren Weg sieht, den Konflikt zu beenden."
Stichwörter: Myanmar

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - New York Review of Books

Was genau steckt hinter Donald Trumps von Elon Musks Department of Government Efficiency (DOGE), das Einfluss und Umfang der staatlichen Bürokratie der USA radikal zu beschränken soll? Quinn Slobodian identifiziert drei unterschiedliche intellektuelle Strömungen, die sich in DOGE vereinigen: "Diese Strömungen stammen aus unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Quellen: dem Wall-Street-Silicon-Valley-Komplex der schuldenbasierten Startup-Kultur; konservativen Denkfabriken, die den New Deal endgültig begraben wollen; und der online vernetzten Welt des Anarchokapitalismus und des right-wing-Akzelerationismus. Innerhalb der neuen Regierung bemüht sich jede dieser Strömungen, ihre Ziele zu verwirklichen. Die erste strebt einen schlanken Staat an, der sich darauf beschränkt, die Kapitalrendite zu maximieren; die zweite einen gefesselten Staat, der nicht in der Lage ist, soziale Gerechtigkeit zu fördern; und die dritte und radikalste, einen handlungsunfähigen Staat, der die Regierungsgewalt an konkurrierende Projekte privater, dezentraler Herrschaft abtritt. Wir sind dabei herauszufinden, wie gut sie zusammenarbeiten und sich gegenseitig stärken können. Der zukünftige Zustand der Regierung - und damit des Landes - hängt davon ab, wie weit die Dynamik der aktuellen Situation trägt." Was wird am Ende dabei herauskommen? Vielleicht, mutmaßt Slobodian, in der Tat eine Art Revolution: "Die staatliche Souveränität der USA wird bis zu einem gewissen Grad erodiert sein, wenn sich der Staub des Silicon-Valley-Leninismus gelegt hat und die Computer der Bürokratie mit leerem Bildschirm hochfahren. Diese Aussicht beunruhigt mit Recht diejenigen, die an checks and balances und an die Notwendigkeit eines Staates glauben, der mehr tut, als Waffensysteme zu finanzieren, KI-Datenzentren zu subventionieren und Gehälter für Grenzpolizisten auszuzahlen. In wohlwollenden Beobachtern hingegen wecken die Vorgänge in Washington dieselbe Euphorie, die der anarchokapitalistische Ökonom Murray Rothbard empfand, als er den Zerfall der Sowjetunion verfolgte. Es sei, sagte er, 'ein besonders wunderbares Ereignis, das sich direkt vor unseren Augen abspielt - der Tod eines Staates.'"

Magazinrundschau vom 04.07.2023 - New York Review of Books

Gabriella Torres-Ferrer: Untitled (Valora tu mentira americana), 2018. Foto: Whitney Museum

Warum sind die Strände, mit denen uns die Karibik verheißen wird, eigentlich immer leer? Und warum wiegen sich dort sanft die Kokospalmen im Wind, obwohl diese Bäume in der Karibik überhaupt nicht heimisch sind? Carolina Miranda hatte in diesem Frühjahr gleich in drei Ausstellungen in New York, Chicago und San Juan Gelegenheit, Klischees der Karibik zu hinterfragen. Alle drei zeigen der betroffenen Kritikerin aber auch, dass in der karibischen Wahrnehmung die Tropenstürme inzwischen an die dritte Stelle der historischen Verheerungen gerückt sind, nach Sklaverei und Kolonialismus. Der Hurrikan Maria verwüstete 2017 Puerto Rico und kostete dreitausend Menschen das Leben. Er deckte aber auch auf, in welch miserablem Zustand die Insel bereits war, wie sie leider erst zum Ende der drei Schauen schreibt: "Die Verwendung des Hurrikans Maria als Grundlage für die Ausstellung 'No existe un mundo poshuracán' im Whitney Museum birgt das Risiko, das Ruinöse gegenüber dem Möglichen überzubetonen. Einige, die an der Ausstellung beteiligt sind, bewerten die dann auch ambivalent. 'Viele meiner puertoricanischen Künstlerfreunde auf dem Archipel und in der Diaspora stört es, dass uns ausgerechnet der Katastrophenkapitalismus in kulturellen Institutionen wieder sichtbar macht, einschließlich dem Whitney', schreibt die Essayistin Carina del Valle Schorske im Katalog. 'Wie die Katastrophe uns auch ein wenig berühmt gemacht, wie sie uns um ein bisschen Veränderung gebracht hat'. Der Titel der Ausstellung nach einem Gedicht der puertoricanischen Schriftstellerin Raquel Salas Rivera scheint dieses Unbehagen anzuerkennen ... Die Ausstellung, die eine ganze Etage des Whitney-Gebäudes einnahm, brachte - wie Salas Riveras Gedicht - Ausdrucksformen von Trauer, Wut und Widerstand auf genau die Insel (Manhattan), auf der die ruinösen Schulden Puerto Ricos entstanden sind. Die Besucher wurden von einem zerbrochenen hölzernen Laternenpfahl begrüßt, den die Künstlerin Gabriella Torres-Ferrer aus den Trümmern von Maria geborgen hatte. Der Mast trug noch ein Plakat für eines der halbjährlichen Referenden über den politischen Status der Insel, Inszenierungen der Demokratie, die in keiner Weise verbindlich sind. Darauf steht: 'Valora tu Ciudadanía Americana' (Wertschätzen Sie Ihre amerikanische Staatsbürgerschaft), ein Plädoyer für die Staatsbürgerschaft gegenüber der Unabhängigkeit. Das Jahr des Hurrikans markierte ironischerweise auch den hundertsten Jahrestag des Jones-Shafroth-Gesetzes, das den Puertoricanern die amerikanische Staatsbürgerschaft verlieh - wenn auch nicht das Recht, an Bundeswahlen teilzunehmen. Auf Englisch trägt Torres-Ferrers Beitrag den Untertitel 'Value Your American Lie'."

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - New York Review of Books

Ganz so pragmatisch wie Hassan Abbas es in "The Return of the Taliban" vorschlägt, würde Steve Coll zwar nicht mit den Herrschern in Kabul umgehen wollen, aber in dem gut informierten Buch lernt er gleichwohl, dass die internationale Kritik an der Unterwerfung der Frauen den Taliban herzlich egal ist. Die Macht ihres Emirs Mullah Hibatullah Akhundzada können höchstens die machthungrigen jungen Wölfe gefährden, etwa Innenminister Sirajuddin Haqqani, dessen Familie enge Beziehungen zu Saudi-Arabien, dem pakistanischen Geheimdienst und Al Quaida hat. "Ein weiterer vermeintlicher Jungtürke im Taliban-Kabinett ist der Verteidigungsminister Mullah Jakub Mudschahid, der Anfang dreißig und ein Sohn von Mullah Omar ist. Gegenüber Steve Inskeep von NPR sagte er letztes Jahr, es sei 'offensichtlich', dass er bessere Beziehungen zu den USA wolle. Als aufstrebender Spross einer bekannten Familie gehört er zu einer Klasse von dynastischen Politikern, die in ganz Südasien bekannt sind. Bei einem offiziellen Besuch in Katar im vergangenen Jahr wurde er fotografiert und wirkte an Bord seines Regierungsjets und bei Gesprächen mit katarischen Führern sehr entspannt. Zu Beginn dieses Jahres machte auch Yakub Bemerkungen, die als indirekte Kritik an Hibatullah angesehen wurden. Abbas vertritt die Auffassung, dass die 'Kampflinien' zwischen den 'relativ pragmatischen Taliban in Kabul und ihren äußerst konservativen Kollegen' in Kandahar gezogen sind. Bisher hätten die Spaltungen allerdings nur zu einer 'politischen Lähmung' geführt."

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - New York Review of Books

Charles Glass hat ein Visum für Syrien ergattert, allerdings nur eines für Touristen, deswegen konnte er nur begrenzt recherchieren. In Damaskus erlebt er nichts als Resignation und Bitterkeit. Die amerikanischen Sanktionen treffen die Bevölkerung hart, aber nicht alle müssen unter ihnen leiden, wie ihm unter anderem ein neues Vier-Sterne-Hotel zeigt: "Neben den heruntergekommenen Wohnungen und Häuser der Armen, die sie sich Essen und Heizung nicht mehr leisten können, gibt es die neonbeleuchteten Restaurants, Cafés und Nachtclubs der wohlhabenden Viertel Abu Rummaneh und Malki. Verschlimmert wird das Unglück dadurch, dass sich Syrien in einen 'Narkostaat' verwandelt hat, wie ihn der Economist nennt, der zusammen mit libanesischen, jordanischen und saudischen Schmugglern illegale, süchtig machende, amphetaminähnliche Captagon-Pillen im Wert von Milliarden von Dollar produziert und exportiert. So mancher Ferrari und Maserati, der vor teuren Restaurants parkt, wurde mit Drogengeldern gekauft. Nachkommen alter, aber jetzt verarmter Handelsfamilien haben nur Spott für die Neureichen übrig, die ihr Vermögen im Krieg gemacht haben und es durch Umgehung der Sanktionen noch vergrößern. 'Das Regime ist immer noch da, aber das Volk leidet', sagt ein Diplomat. 'Wiederaufbau' ist ein verbotenes Wort, denn internationale Organisationen dürfen nur tröpfchenweise humanitäre Hilfe leisten, aber keine Mittel für den Wiederaufbau stellen. Das Caesar-Gesetz droht, jeden zu bestrafen, der sich am Wiederaufbau der durch den jahrelangen Krieg zerstörten syrischen Infrastruktur beteiligt. Das ist die Logik der Sanktionen."

Magazinrundschau vom 13.09.2022 - New York Review of Books

Dass Russland jetzt Weizentransporte aus der Ukraine passieren lässt, wird die Ernährungslage in den nordafrikanischen Ländern verbessern. Nicht verändern wird sich die Lage in Jemen, Südsudan und Äthiopien, wo das Aushungern der Zivilbevölkerung zur Taktik der kriegführenden Parteien gehört, mahnt Alex de Waal: "Hunger ist in einem Krieg die beliebteste Waffe:einfach, billig, still und grauenhaft effektiv." Aber de Waal betont auch, dass nicht nur Russland oder China die Verurteilung derartiger Verbrechen verhindern, auch die USA und Großbritannien halten an einem Recht auf See- und Handelsblockaden fest. "Die saudische Luftwaffe stützt sich auf amerikanische Ausrüstung, und die US-Navy hilft Saudi-Arabien dabei, die Blockade des Jemen im Roten Meer durchzusetzen. Der Jemen, das ärmste Land der arabischen Welt, war bereits von Nahrungsimporten abhängig und von ernster Wasserknappheit betroffen, bevor die Blockade verhängt wurde. In diesem Jahr muss das Welternährungsprogramm dreizehn Million Jemeniten versorgen, das ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung, aber nur ein Teil der Bedürftigen. Die UN beißen sich auf die Zunge, weil sie nicht die Länder kritisieren wollen, die ihre humanitären Programme finanzieren. Im Dezember 2020 schätzten sie, dass seit Beginn des Krieges 131.000 Jemeniten an 'indirekten Gründen' gestorben seien - ein Euphemismus für Hunger und Mangel an Medikamenten. Die Zahl wurde bisher nicht aktualisiert. Keine der kriegführenden Parteien lässt internationale Agenturen Untersuchungen durchführen, die das wahre Ausmaß der Krise erkennen lassen würden. Sie haben gute Gründe, die Zahlen zu fürchten... Im vergangenen Juni war Mark Lowcock, damals der Chef der UN-Nothilfe, kurz davor, eine Hungersnot in Tigray auszurufen. Aber das UN-System als Ganzes umging das Problem mit seinen Euphemismen wie 'Gefahr einer Hungersnot' oder 'am Rande einer Hungersnot', weil niemand die Zahlen hatte, um zu beweisen, dass die Tigrayer bereits an Hunger starben. Neun Monate nach Lowcocks Versuch, bei den UN Empörung und Taten auszulösen - er verließ einen Monat später seinen Posten -, schätzte ein belgisches Forscherteam, dass bereits 265.000 Tigrayer verhungert seien. Die Zahlen dürften mittlerweile höher liegen. Das Welternährungsprogramm veröffentlichte kürzlich eine Untersuchung, derzufolge ein Drittel aller Kinder in Tigray unterernährt seien, doch die äthiopische Regierung unter Abiy Ahmed hat den Mitarbeitern anscheinend nicht erlaubt, Zahlen zu den toten Kindern zu erfassen. Ohne diese Zahlen, sagte eine Sprecherin des WEP, kann keine Hungersnot ausgerufen werden. 'Wir wissen es ja nicht genau', sagte sie."

Magazinrundschau vom 12.07.2022 - New York Review of Books

Seit der indische Schriftsteller Amitav Ghosh 2016 mit seinem Buch "Die große Verblendung" die Debatte um den Klimawandel in der Literatur entfacht hat, steht die Frage im Raum, welche Verantwortung die Literatur und Kritik im Angesicht des Klimawandels tragen. Seitdem haben etliche Autoren an der Frage weitergearbeitet, Gosh selbst natürlich, aber auch Martin Puchner in "Literature for a Changing Planet" oder Michael Rawson in "The Nature of Tomorrow". Aaron Matz liest diese Neuerscheinungen, aber beruhigen können sie ihn nicht: "Wenn man Literaturkritik über den Klimanotstand liest, bekommt man das ungute Gefühl, dass wir alles falsch gemacht haben. Worauf haben wir die ganze Zeit geachtet? Wir mögen uns sicher sein, dass wir zwischen bleibenden und vergänglichen Büchern unterscheiden können. Wir wissen vielleicht, welche Romane wir in unsere Lehrpläne aufnehmen müssen und warum. Aber wenn der Kataklysmus auch nur halb so schlimm wird wie erwartet, dann ist unsere Urteilssicherheit vielleicht nicht mehr von Bedeutung. Das bedeutet nicht, dass literarischer Wert aus prognostischer Kraft resultiert. Doch eine Zukunft mit einer Erwärmung um 2,5 Grad wird unsere Vorstellungen von der Welt so durcheinander bringen, dass eine Literatur, die uns veraltet oder indifferent erscheint, vielleicht auch unlesbar wird. Wird diese Zukunft auch die Literaturwissenschaft antiquiert erscheinen lassen? Heute werden jedes Jahr zahlreiche Romane über den Notstand veröffentlicht, viel mehr als zu der Zeit, als Ghosh vor sechs Jahren sagte, dass es kaum welche gäbe, und es gibt inzwischen zahlreiche kritische Werke, die sich mit ihnen beschäftigen. Aber diese Arbeiten schwanken zwischen der Bewertung vergangener literarischer Leistungen und der Befürchtung über den zukünftigen Zustand der Kritik und des Planeten. Die Warnung der Kritiker an die Romanautoren lautete, dass nachlässige Bücher von heute die Schuld von morgen beweisen werden; vielleicht fürchten wir Kritiker nun selbst das gleiche Schicksal."

Magazinrundschau vom 12.04.2022 - New York Review of Books

In ihrer feministischen Geschichte "When Women Ruled the World" porträtiert Maureen Quilligan die vier Renaissance-Herrscherinnen Maria Tudor, Maria Stuart, Elisabeth I. und Katharina von Medici. Dass Quilligan dabei mit vielen Vorurteilen und Stereotypen aufräumt, findet die britische Historikerin Erin Maglaque sehr lobenswert, aber hier eine insgeheime friedliebende Schwesternschaft zu beschwören, die sich mithilfe wunderbarer Geschenke gegen männliche Intrigen und Kriegsführung behauptete, geht ihr zu weit: "Selbst wenn Frauen eher dem Frieden zuneigten, war dies eine angeborene Tugend ihres Geschlechts oder eine Folge der zeitgenössischen geschlechtsspezifischen Erwartungen an königliche Herrschaft? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Sicherlich wollten die Königinnen als friedliebend wahrgenommen werden; Elisabeth bemühte sich sehr darum, ihren weiblichen Wunsch nach Frieden auszustellen. Am Ende huldigt Quilligan der Königin geradezu, wenn sie schreibt, dass diese die Loyalität ihrer Untertanen durch ihre 'Beständigkeit, durch ihre Tapferkeit, ihre Intelligenz und offen gesagt durch den schönen Vortrag, den Witz, die Einfachheit und Ehrlichkeit von Good Queen Bess sowie den erhebenden Stil ihrer Reden' gewann. Es ist wahr, dass sie wusste, wie man eine ausgezeichnete Rede hält. Dieselbe Good Queen Bess ließ 1569 nach einem Aufstand katholischer Aristokraten, der Grafen von Westmorland und Northumberland, siebenhundert Bürger im Norden töten, obwohl die Grafen keine Unterstützung in der Bevölkerung erhalten hatten. Königinnen wie Elisabeth werden in der feministischen Geschichte und Populärkultur verehrt, weil sie Macht besaßen, ein seltenes weibliches Gut. Aber Macht hat ihre eigene Geschichte. Die vom liberalen Feminismus des 21. Jahrhunderts geliebte Handlungsmacht ist aber nicht dasselbe wie die Souveränität des 16. Jahrhunderts. Die Souveränität, die einem Herrscher durch Geburt verliehen war, wurde ebenso durch Zustimmung wie durch staatlich autorisierte Gewalt aufrechterhalten. Quilligan gibt sich alle Mühe, diese Gewalt wegzuerklären: Die von Elisabeth angeordnete Hinrichtung Maria Stuarts war etwa beklagenswerte Folge der Machtkämpfe von Männern. Die Königinnen glaubten an religiöse Toleranz, es sei denn, sie taten es nicht, und dann waren es die männlichen Figuren der patriarchalischen Reformation, die dafür verantwortlich waren, dass die friedlichen Instinkte der Königinnen gestört wurden. Und doch können wir das Töten nicht wegdiskutieren, denn es war für die Bedeutung von Souveränität in der frühen Neuzeit von grundlegender Bedeutung - selbst wenn Frauen die Haftbefehle unterzeichneten."