Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 12.06.2018 - New York Review of Books

Jeremy Waldron sieht keineswegs die Meinungsfreiheit auf dem Campus in Gefahr. Denn es geht ja nicht nur darum, 'Schneeflöckchen' vor anderen Standpunkten zu schützen, sondern die Auftritte von Rassisten oder Alt-Rightern zu verhindern. Und es könne ruhig immer ein bisschen laut werden, wenn junge Leute protestieren. Dennoch fragt er sich, ob die Universitäten ein Ort demokratischer Bildung sein können, als der sie oft so feierlich beschworen werden: "Gemeinschaftskunde mag ihren Platz an weiterführenden Schulen haben, aber sie gehört nicht ans College. Sigal Ben-Porath schreibt, dass 'StudentInnen ans College kommen, um zu lernen, und das gemeinsame Lernen - von Geschichte, Biologie oder Französischer Literatur - erfordert die Einhaltung von wissenschaftlicher Praktiken'. Im Chemie-Labor gibt es nicht viel zu diskutieren über Meinungsfreiheit. Aber Ben-Porath belässt es nicht dabei, sie fügt hinzu, dass es immer ein Element demokratischer Erziehung gebe, weswegen es sinnvoll sei, Dozenten am College zu haben, die StudentInnen auf ein politisches Leben vorbereiten. John Palfrey sagt Ähnliches über das College: 'Wir lehren nicht nur Mathematik, Wissenschaft, Lesen und Schreiben, Sprachen, Künste und andere akademische Fächer an unseren Universitäten. Wir lehren auch Charakter und moralische Entwicklung.' Die Idee dahinter ist eher, dass der demokratische Charakter aus der Art erwächst, wie ein Fach unterrichtet wird. Aber ist das eine realistische Erwartung? Warum sollte Toleranz die Tugend sein, die aus dem intensiven Studium der Trigonometrie erwächst? Warum nicht Skepsis oder Selbstvertrauen, eine Art angelernte Überlegenheit oder der Anspruch auf Privilegien? Man muss nicht aufs College gehen, um ein guter Bürger zu werden."

In der heutigen Türkei leben Trans-Menschen gefährlich, unter den Osmanen jedoch waren sie weithin akzeptiert erinnert uns Kaya Genc. In der osmanischen Dichtung wurden schöne Jungen, Muezzine und Schlachter besungen, ohne Rücksicht auf Klasse oder Geschlecht: "Der Osmanische Hof, der Frauen das Tanzen auf der Bühne verbot, ließ sich von männlichen Crossdressern unterhalten, Köçeks genannt, die am Hof des Sultane aufgezogen wurden, um in weiblichem Ornat aufzutreten, bis sie ihre jugendliche Schönheit verloren... Nach Reşat Ekrem Koçu, einem bekannten Stadthistoriker, hatte jede Taverne ihren eigenen Köçek. 'Einige kamen von den griechischen Inseln, vor allem von Chios; andere waren Zigeunerjungen, die in Derwisch-Klöstern aufgezogen wurden.' Die Namen der Jungen sind heute vergessen, doch ihre Künstlernamen haben überlebt. Der bekannteste von ihren war Ismail der Sommersprossige. Andere hießen Ägyptische Schönheit, Kanarienvogel oder Mondlicht."

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - New York Review of Books

[Aktualisiert: Die Diskrepanz von Wählerstimmen zu Wahlmännerstimmen bei der Präsidentschaftswahl ist nicht durch "Gerrymandering" verursacht, sondern durch das Mehrheitswahlrecht, d.h. fallen 51% der Wählerstimmen eines Bundesstaates an einen Kandidaten, ist der ganze Bundesstaat gewonnen. "Gerrymandering" bezieht sich ausschließlich auf den unfairen Zuschnitt der Wahlkreise der Kongressabgeordneten.] Ein Trost ist, dass die Amerikaner Donald Trump ja eigentlich gar nicht gewählt haben - er hat bekanntlich gegen eine deutliche Mehrheit von drei Millionen Stimmen gewonnen. Eine der Ursachen dafür ist, dass vorwiegend die Republikaner, aber teilweise auch die Demokraten die Wahlkreise durch "Gerrymandering" derart manipuliert haben, dass in vielen Staaten total verzerrte Konstellationen von Wahlmännern zustande kamen. Für die Wahlen im nächsten Jahr werden den Demokraten gute Chancen eingeräumt - vorausgesetzt, es läuft einigermaßen fair ab. Unter dem schönen Titel "Ratfucked again" legt Michael Tomasky sehr lesenswert dar, wie es zu dieser zugleich bizarren und für die amerikanischen Demokratie entscheidenden Lage kommen konnte - und er macht Hoffnung, dass sie zu einer Korrektur fähig ist. Die Hoffnung besteht darin, dass die Politiker den Zuschnitt der Wahlkreise unabhängigen Kommissionen übergeben müssen: "Im Juni wird der Supreme Court über zwei Gerrymandering-Fälle verhandeln, einen aus Wisonsin, wo die Republikaner völlig willkürliche Linien zogen, einen in Maryland, wo die Demokraten die Übeltäter sind. Die Frage wird sein, ob eine Mehrheit des Gerichts nachvollziehbare Standards für parteiisches Gerrymandering definiert. Wenn ja, wird eine Flut von Gerrymandering-Prozessen folgen, aus der die Reformer die Hoffnung ziehen, dass sie den Prozess der Wahlkreis-Definition ein für alle Mal den Politikern entreißen können."

Sehr eingehend setzt sich der Romancier und Essayist Darryl Pinckney (Autor unter anderem eines Romans mit dem Titel "Black Deutschland") mit den Essays Ta-Nehisi Coates' auseinander, die ja inzwischen auch auf Deutsch erschienen sind. Verdienstvoll unter anderem, dass er Coates in eine Traditionsline des "Afro Pessimism" einordnet, zu der er etwa Malxolm X oder Frantz Fanon zählt - Denker, die aus der Geschichte der Unterdrückung von Schwarzen die Konsequenz der Segregation ziehen. Ist es auch eine Generationenfrage? Cornell West, Doyen der schwarzen Intellektuellen in den USA, ist jedenfalls mit Coates aneinandergeraten, und Pinckney, selbst 65, stimmt ihm zu: "West hat recht, oder jedenfalls bin ich auf seiner Seite, ein anderer alter Knacker, der glaubt, dass Geschichte von Menschen gemacht wird. Afro-Pessimismus und seine Auffassung des Rückzugs als Transzendenz ist der 'white supremacy' genauso behaglich wie der einst von Booker T. Washington verfochtene Rückzug zur Selbsthilfe. Afro-Pessimismus bedroht niemanden, und das weiße Publikum verwechselt seine Zerknirschung mit einem Lernerfolg. Leider irren sich schwarze Menschen, die die Fantasie vom Fortschritt aufgegeben haben, wenn sie glauben, mit Weißen gleichzuziehen, die stets mit sich zufrieden sind, egal, wer die Wahlen gewinnt. In der 'black church' gibt es keinen Afro-Pessimimus. Eine der überzeugendsten Aktionen gegen Afro-Pessimimus kam von weißen Teenagern gegen Waffen, die sich in die 'March for Our Lives'-Demonstrationen mischten, um alle Jugendlichen einzubeziehen, die unter Gewaltkulturen leiden."

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - New York Review of Books

Über den Völkermord in Ruanda herrschte zumindest in diesem Punkt immer Einigkeit: Hutu schlachteten eine Million Tutsi ab. Die Ruandische Patriotische Front (RPF) beendete das Morden, verübte selbst einige Massaker, ließ das Land dann aber zur Ruhe kommen. Jetzt will Judi Revers mit ihrem Buch "In Praise of Blood. The Crimes of the Rwandan Patriotic Front" die Geschichte umschreiben, erklärt Helen Epstein. Denn eigentlich waren beide Seiten schuld, und die Amerikaner haben sich mit ihrer Unterstützung der Tutsi ebenso schuldig gemacht wie die Franzosen mit ihrer Unterstützung der Hutu, resümiert Epstein, die diese These voll zu unterstützen scheint: "Revers Darstellung beginnt mit dem Oktober 1990, als mehrere tausend Kämpfer der RPF vom benachbarten Uganda aus Ruanda überfielen. Die RPF bestand aus den Kindern der ruandischen Flüchtlinge, die vor den anti-Tutsi-Pogromen in den frühen 60ern geflohen waren. Entschlossen, nach Ruanda zurückzukehren, hatten die Anführer der RPF, eingeschlossen Kagame, an der Seite von Ugandas Präsident Yoweri Museveni in dem Krieg gekämpft, der ihn 1986 an die Macht bringen sollte. ... Im August 1990, zwei Wochen vor dem Einfall der RPF, hatte die Hutu-dominierte Regierung in Ruanda den Flüchtlingen die Rückkehr erlaubt. Im Prinzip wenigstens. Die Entscheidung war unter großem internationalen Druck erfolgt, die Details waren vage und der Prozess hätte sich vermutlich ewig hingezogen. Aber die RPF-Invasion beendete alle potentiell friedlichen Lösungen des Flüchlings-Hin-und-Hers. Dreieinhalb Jahre lang besetzten die  Rebellen einen breiten Streifen im nördlichen Ruanda, während die ugandische Armee sie mit Waffen versorgte. Eine Verletzung der UN Charta und der Regeln der Organisation für afrikanische Einheit. Washington wusste das, unternahm aber nichts dagegen. Im Gegenteil, die amerikanische Auslandshilfe für Uganda wurde in den Jahren nach der Invasion  verdoppelt und 1991 erhielt Uganda zehn mal mehr Waffen aus Amerika als den vierzig Jahren davor zusammen."


Josep Baqué: 1.500. Animals, fieras, monstruos, i homes, primitius, any XV

Für einen anderen Beitrag besucht Sanford Schwartz zwei Ausstellungen in der National Gallery of Art, Washington, D.C. und im American Folk Art Museum in New York, die sich der Outsider-Kunst widmen: "Der Begriff 'Outsider' trifft den überraschenden und/oder befremdenden Effekt solcher Kunst ganz gut. Grob gesagt ist ein Outsider-Künstler jemand, der seine Kunst in relativer Isolation schafft, unabhängig von den Entwicklungen in der professionellen Kunst. Das bedeutet aber nicht, dass es immer so sein muss oder dass der Outsider sich seines Künstlerseins nicht bewusst ist. Auch heißt es nicht, dass der Outsider nur sporadisch Kunst schafft, viele von ihnen sind sehr produktiv."

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - New York Review of Books

Im aktuellen Heft des Magazins erklärt Geoffrey O'Brien aus Anlass eines Buches von David Bordwell (Reinventing Hollywood: How 1940s Filmmakers Changed Movie Storytelling), wie Hollywood ab 1940 das Erzählen im Film neu erfand: "Hollywood erfand sich neu, um mitzuhalten. Modernistische Stilisierungen, Freudsche Handlungsstränge, dokumentarischer Realismus, die jenseitige Abstraktion des Klangs, wie ihn das Theremin erzeugte, das waren nachvollziehbare Mittel, dem Produkt einen frischen Anstrich zu geben. Doch erst durch die Hand des individuellen Künstlers oder die expressive Wucht der Formen selbst konnten aus neuen Arten der Handlungskonstruktion neue Geschichten entstehen. Die Form selbst wurde die Geschichte. Die gespaltene Persönlichkeit von Laraine Day in 'The Locket' wird durch eine komplizierte Reihe von einander widersprechenden Rückblenden dargestellt, einen Kubismus a la Hollywood, der den Wahnsinn der Figur viel effektvoller vermittelt als jede Diagnose. Die Dreierromanze in Otto Premingers 'Daisy Kenyon' bekommt ihre unerwartete Mehrdeutigkeit nicht durch originelle Situationen oder Plot Points, auch wenn der Film diesbezüglich mit Konventionen bricht, sondern durch eine bewusst elliptische Darstellung, die die Intentionen der Figuren im Dunkeln lässt. Die Unergründlichkeit ihrer Motive und Absichten wird gesteigert durch die vollkommen objektive Erzählung, die fast den ganzen Film bestimmt … Sie täuschen vielleicht eine bestimmte Haltung vor oder legen sie nahe."

Außerdem in der Ausgabe: Max Nelson schreibt über die Chantal-Akerman-Retrospektive in der Cinémathèque Française in Paris. Simon Head liest Bücher über Digitalisierung und Überwachung.
Stichwörter: Hollywood

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - New York Review of Books

Im aktuellen Heft erörtert Jessica T. Matthews die möglichen Ergebnisse eines Treffens zwischen Trump und Nordkoreas Kim Jong-un und rät, keine allzu großen Erwartungen zu haben: "Washington weiß, was Pjöngjang will: diplomatische Anerkennung, ein formales Ende des Koreakrieges durch einen Friedensvertrag mit den USA, Anerkennung seiner Nuklearmacht, Aufhebung der Sanktionen und evtuell. wirtschaftliche Unterstützung. Was die USA im Gegenzug fordern sollten und was Kim zu geben bereit ist, ist weit weniger klar. In zwei Punkten sollte es keine Konzessionen geben. Erstens darf Washington nichts zwischen sich und seine südkoreanischen und japanischen Alliierten kommen lassen. Es darf sich keine 'America-First-Haltung' erlauben, die die eigenen Risiken höher gewichtet als diejeingen Südkoreas und Japans. Zweitens muss, Nordkoreas Neigung, internationale Verträge zu brechen in Betracht ziehend, alles, was verhandelt wird, genau geprüft werden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch im Fall Nordkoreas ein wichtiger Faktor. Überprüfung bedeutet, Nordkorea gibt eine genaue und ehrliche Deklaration seiner Waffen und allem, was damit zusammenhängt."

Anlässlich einiger Neuerscheinungen zeichnet Regina Marler ein umfassendes Bild der Fotografin Berenice Abbott, die als Autodidaktin und Assistentin von Man Ray begonnen hat: "Es muss ihren ehemaligen Arbeitgeber verärgert haben, dass einer von Abbotts frühen Porträt-Auftraggebern James Joyce war, der ihr mit seiner postoperativen Augenklappe in seiner Wohnung Modell saß (Fotos hier, hier und hier) und diese Erfahrung in 'Finnegans Wake' für die Ewigkeit festhalten würde. … Joyce hatte sich vorher auch von Man Ray fotografieren lassen - eine Werbekampagne für die Veröffentlichung von 'Ulysses' im Jahr 1922, im Auftrag von Sylvia Beach (Fotos hier, hier und hier). Man sucht vergeblich nach Anzeichen von Man Rays Einfluss auf Abbotts Werk. Ihre Porträts von Joyce (aus zwei verschiedenen Sitzungen) scheinen mehr von der Persönlichkeit des Schriftstellers zu vermitteln als Man Rays körniges, eng beschnittenes Profil und Dreiviertelansichten - vielleicht ein Effekt des natürlichen Lichts, das sie benutzte, oder ihrer größeren Tiefenschärfe. Die klassische Komposition ihres bekanntesten Bildes von Joyce (mit dem Hut) aus der zweiten Sitzung zeigt auch seine schönen, langen Hände, eine Offenbarung."

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - New York Review of Books

Jan-Werner Müller analysierte bereits in der letzten Ausgabe mit Rückgriff auf Paul Lendvai (unser Resümee) das System Victor Orban - ein "Disneyland der extremen Rechten", so Müller: "Das Christentum herrscht, Muslime sind nicht erlaubt, die traditionelle Familie triumphiert." Dabei habe Orban verstanden, dass autoritärer Populismus niemals Bilder aus Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts hervorrufen darf: "Keine Gewalt auf den Straßen, keine Überfälle der Geheimpolizei spät in der Nacht und die Bürger werden nicht gezwungen, politische Loyalität in der Öffentlichkeit zu bekennen. Stattdessen wird die Macht durch eine weitreichende Kontrolle der Justiz und der Medien gesichert; und nachdem viel davon geredet wurde, bedrängte Familien vor multinationalen Konzernen zu schützen, gibt es einen Kumpanei-Kapitalismus, in dem man politisch auf der richtigen Seite sein muss, um wirtschaftlich voranzukommen."

Seit 2014 stellt die rechtskonservative, hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) unter Ministerpräsident Narendra Modi die indische Regierung - ohne Koalitionspartner. Max Rodenbeck zeichnet im neuen Heft unter Rückgriff auf Prashant Jhas Buch "How the BJP Wins: Inside's Greatest Election Machine" den Triumphzug und die Manipulationsmechanismen der BJP nach: Neben einem mehrere Millarden teuren Wahlkampf, Stimmzettel-Manipulationen, Bestechung der Wähler durch Geld, Küchengeräte und Schnaps, sieht er den großen Erfolg auch in Modis Fähigkeit, die Ressentiments der 80-prozentigen hinduistischen Mehrheit gegenüber der 15-prozentigen muslimischen Minderheit subtil zu verstärken: "Jha zitiert einen Parteifunktionär, der zugibt, das Ziel sei, die Hindus zu vereinen, indem man sie sich wie Opfer fühlen lässt. Ein anderer gesteht: 'Wir wollen eine anti-muslimische Polarisierung. Warum so tun, als ob es anders wäre?"

Lindsey Hilsum hat einen gründlichen Blick auf die Kriegsberichterstattung in Zeiten von Twitter geworfen und warnt nun vor den Tücken des Labels Authentizität. Was ihr auch auffällt: Der westliche heroische Kriegskorrespondent, der vor zerbombten Häusern in die Kamera spricht, ist immer weniger gefragt. Dafür werden Reporter vor Ort mit ihren Videoaufnahmen und Fotos zur immer wichtigeren Informationsquelle: "Jüngere Zuschauer scheinen sich weniger für das Gesicht oder die Stimme des Reporters zu interessieren, wenn sie Nachrichten auf ihren Geräten ansehen. Oft setzen die sowieso auf Untertitel anstatt Voice-Over. Bei Informationen über Konfliktgebiete stehen rohe, dramatische Videos hoch im Kurs, die von lokalen Aktivisten und Journalisten aufgenommen wurden und zeigen, wie Bomben explodieren oder Kinder aus Trümmern gezogen werden, oft sogar von den Rettern selbst mit Helmkameras gefilmt - im Großen und Ganzen scheint es dem Online-Zuschauer nichts auszumachen, dass nichts davon von einem Reporter vermittelt wird."

Weitere Artikel: Claire Messud liest Caroline Frasers "Prairie Fires: The American Dreams of Laura Ingalls Wilder" . James Shapiro stellt sich der "Frage nach Hamlet". Und ein erstaunter Howard F. French lernt aus Lawrence James' Buch "Empires in the Sun: The Struggle for the Mastery of Africa", dass die britischen Kolonialherren alles in allem ganz honorig waren - jedenfalls gemessen an den anderen europäischen Invasoren.

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - New York Review of Books

In der neuen Ausgabe des Magazins bespricht Tamsin Shaw Alexander Klimburgs Buch "The Darkening Web: The War for Cyberspace" und macht auf den fatalen Fehler aufmerksam, nationale Sicherheitsinteressen durch Outsourcing mit den profitgesteuerten Unternehmen im Silicon Valley zu teilen: "Nach Klimbergs Auffassung hat die nationale Sicherheitsgemeinschaft ihre offensiven Kräfte im Cyberspace auf unverantwortliche Weise überentwickelt. Was das Streben nach Dominanz auf dem militärischen und nachrichtendienstlichen Gebiet betrifft, mag dies wahr sein. Aber durch die unwiderstehlichen kommerziellen Anreize des Silicon Valley, militärische Technologien zu entwickeln, hat die Regierung gleichzeitig privaten Konzernen unvergleichliche Macht und Kontrolle überlassen, obskuren globalen Unternehmen, die nicht von der Wahrheit profitieren. Es ist zur Zeit lächerlich einfach, wie Wladimir Putin uns schamlos gezeigt hat, ausländische Propaganda über die einschlägigen Plattformen zu verbreiten. Und selbst wenn die Unternehmen Mechanismen entwickeln, um die Ausbreitung von ausländischer Propaganda zu verhindern, werden wir immer noch auf den guten Willen einer Handvoll Milliardäre angewiesen sein. Sie sind und werden auch weiterhin dafür verantwortlich sein, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Informationen zu erhalten und die für die Gesundheit und den Erfolg unserer liberalen demokratischen Institutionen notwendigen Formen der Glaubwürdigkeit zu bewahren."

Ferner stellt Adam Hochschild Bücher vor, die sich mit den Waffenrechten in den USA befassen. Colm Toibin liest Lorcas "Poet in Spain". Und Thomas Nagel vertieft sich in Kwame Anthony Appiahs "As If: Idealization and Ideals ".
Stichwörter: Cyberwar

Magazinrundschau vom 13.03.2018 - New York Review of Books

Jason Faragos kurzer Essay über den Maler Jasper Johns ist viel mehr als eine Besprechung einiger Neuerscheinungen und Ausstellungen Johns'. Er denkt zugleich höchst intelligent über Johns' Flaggen nach, die zugleich ein Objekt und ein Bild sind und damit auch eine Loslösung von den Gesten des abstrakten Expressionismus. Er reflektiert die Symbolik dieser Flagge, die auch als Bebilderung des Risses zwischen amerikanischem Traum und Realität des Objekts gesehen werden kann. Und er reflektiert, was das eigentlich heute heißt, im Zeitalter eines tief empfundenen amerikanischen Niedergangs im Zeichen Trumps. Noch wichtiger ist ihm aber, dass Johns mit Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham zu einer Generation homosexueller Künstler gehörte, die zwar kein Coming out zelebrierten - aber das, was Kunst war, neu definierten: "Dies geschah fünfzehn Jahren vor den Homosexuellen-Protesten in New York. Als homosexuell bekannt zu sein, war bereits eine gefährliche Sache, selbst Klatsch konnte einen schon zerstören. In dieser erstickenden Atmosphäre traten Johns und sein Lover (Rauschenberg, d.Red.) als die wichtigsten Künstler ihres Jahrzehnts hervor, Nachfolger der Abstrakten Expressionisten, deren heftige Spritzer und Wunden als Ausdruck extremer Männlichkeit gelesen wurden. Noch 1965 durften die Leser die spitzen Bemerkungen des Kritikers Harald Rosenberg in Esquire lesen, der von einem 'Trend der letzten vier oder fünf Jahre' sprach, der 'Kumpelei von homosexuellen Malern und ihren nichtmalenden Gehilfen in Musik, Schriftstellerei und Museumsarbeit'." 

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe der Review beschreibt Enrique Krauze Venezuelas (Lebensmittel-)Krise und beschuldigt Präsident Maduro, der aus Angst vor den Imperialisten handele und die Zucht von Kaninchen anrege: "Ein Drittel der Bevölkerung hängt von importierten Essenspaketen mit Pasta, Reis, Milchpulver und Tunfisch ab. Maduro hat die Verteilung vom Verhalten der Menschen an den Wahlurnen abhängig gemacht. Wer nicht die richtigen Kandidaten wählt, verliert seine Essensmarken. Anstatt die Bolivianische Revolution von Chavez und ihre dickköpfige Statik zu beenden, verlegt sich Maduro darauf, externe Schulden zu bezahlen, den Import von Waren und Dienstleistungen zu beschränken und die Inflation anzutreiben, indem er Geld druckt. Die Menschen müssen wählen zwischen Essen und Medizin. Maduro und seine Anhänger halten die Krise für das Resultat eines Wirtschaftskrieges des US-Imperiums gegen Venezuela. Aber die USA waren stets der Hauptabnehmer des Öls. Verantwortlich sind die Regime Chavez und Madura, die 15 Jahre lang die Einkünfte aus dem profitablen Ölgeschäft vergeudet haben. Maduro ist nicht der glücklose Erbe des Chavismo, sondern sein natürliches Fazit, der Kater nach dem Fest … Eine mögliche Exit-Strategie müsste die sofortige Genehmigung von Lebensmittel- und Medizinimporten beinhalten, den Schuldenabbau und die Stundung der übrigen Verpflichtungen sowie die Öffnung gegenüber Importen. Diese Schritte müssten von radikalen politischen Veränderungen begleitet werden. Maduro müsste freie und faire Wahlen garantieren, politische Inhaftierte freilassen und die Nationalversammlung als einzige legitime Parlamentskörperschaft anerkennen."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins lädt der Sänger Ian Bostridge zu einer Reise durch die Geschichte englischer Kirchenmusik. Der Autor gedenkt seiner Zeit als jugendlicher Psalmensänger und sinniert über die Bedeutung von Händels Oratorium "Der Messias": "Zu den ersten Solisten des Stücks gehörte die Schauspielerin Susanna Cibber … eine skandalöse Figur im London des frühen 18. Jahrhunderts. 'Frau, für diesen Gesang seien dir alle Sünden vergeben', soll der damalige Kanzler von St. Patrick in Dublin gesagt haben. Händel war zweifellos von tiefen religiösen Instinkten geleitet, als er das Oratorium schuf. Von der Komposition des Halleluja-Chors sprach er in visionären Worten: 'Als hätte ich den Himmel und den Wahrhaftigen selbst geschaut.' … Und doch zeichnet das Werk im Kern eine unlösbare Dissonanz aus, ein mysteriöser ideologischer Graben, den es auch in Chorstücken von William Byrd und Britten gibt. 'Der Messias' gilt als Oratorium, unterscheidet sich aber von Händels anderen Oratorien, indem es die Geschichte von Christus selbst erzählt, nicht die irgendeines Helden des Alten Testaments. Der Text stammt hauptsächlich aus den Prophetischen Schriften des Alten Testaments über das Erscheinen des Messias. Aber trotz aller Dramatik der Musik dient die Zusammenstellung der Texte einem sehr speziellen ideologischen Zweck, indem sie das 'Mysterium der Gottesfurcht' und die Realität der Fleischwerdung betont. Es handelt sich, zumindest teilweise, um ein anti-deistisches Traktat."

Hier eine Aufnahme des "Messias" mit Christopher Hogwood und der Academy of Ancient Music, 1982 in Westminster Abbey:



Weitere Artikel: Yasmine El Rashidi berichtet aus Ägypten, wo die Leute - selbst ehemalige Aktivisten - unter Sisi in eine Art Apathie gefallen sind: "Wir hätten auch wie die Syrer enden können", wird die allgemeine Enttäuschung über den gescheiterten arabischen Frühling ins Positive gewendet. Michael Tomasky liest zwei Bücher - von Michael Wolff und David Frum - über Donald Trump. Craig Brown vertieft sich in die "Vanity Fair Diaries 1983-1992" von Tina Brown.