Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

355 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 36

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - New York Review of Books

Unvorstellbar, dass ein deutscher Schriftsteller so einen Text schreiben würde. Joseph O'Neill, Autor mehrerer Romane, überlegt mit Hilfe zweier neuer Bücher, woran es liegen könnte, dass die Demokraten so viele Wahlen verlieren, obwohl sie eine für den größten Teil der Bevölkerung weitaus vorteilhaftere Politik machen als die Republikaner. O'Neill interessiert sich in diesem Zusammenhang nicht die Bohne für abstrakte und moralische Theorien, sondern für die politische Strategie: Anders als die Demokraten, die auf Washington setzen, unterstützen die Republikaner unzählige lokale Graswurzelbewegungen mit dem Ziel, eine republikanische Basis in den Bundesstaaten aufzubauen, lernt er. "Es ist unbestritten, dass dieser Aufwand funktioniert hat. Tatsächlich hat er eine Art bolschewistisches Traumland hervorgebracht, in dem einige milliardenschwere Hyperkapitalisten und libertäre Extremisten einen beträchtlichen Kader von Berufsideologen und Organisatoren betreuen, die die langweilige, technische und hartnäckige Arbeit der Radikalisierung, Ausbildung, Belohnung und Kontrolle konservativer Gesetzgeber, politischer Theoretiker, Medienvertreter, Propagandisten, Administratoren, Evangelisten und Richter leisten. Dies führt zu einer selbsttragenden Avantgarde mit echter Macht, echtem Fachwissen und einem wilden Siegeswillen, der immer stärker jede Loyalität zu den ethischen und zivilen Normen einer modernen Demokratie überwiegt. Gerrymandering, Wählerunterdrückung, intellektuell unredliche Gerichtsentscheidungen und systematische Desinformation sind heute wesentliche republikanische Taktiken. Es gibt einen Grund, warum die GOP, trotz all ihrer materiellen Nutzlosigkeit, ein so gewaltiger politischer Gegner ist. Sie spielt, um zu gewinnen."

Weiteres: Anna Deavere Smith liest Colson Whiteheads Roman "The Nickel Boys". Und Langdon Hammer vertieft sich in die Dolphin-Briefe von Elizabeth Hardwick und Robert Lowell.

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - New York Review of Books

Vija Celmins: Untitled (Ocean), 1970. Bild: Modern Art Museum of Fort Worth

Susan Tallman freut sich über den großen Auftritt, den das Met Breuer Museum in New York der 1938 in Riga geborenen amerikanischen Künstlerin Vija Celmins mit einer umfassenden Retrospektive bereitet. Celmins' Kunst ist im Grunde reine Bildlichkeit, meint Tallman, keine Theorie, sondern Sehen und Malen, und zwar eines ohne Fluchtpunkt und ohne Hierarchien: "Celmins wird seit mehr als fünfzig Jahren bewundert, doch fiel es den Kritikern meist nicht leicht, die Eindringlichkeit und anhaltende Kraft ihres Werks zu erklären. In einer Kunstwelt, die lautstarke Behauptungen und die energische Annexion von Wandfläche belohnt, sticht ihre durchdachte, bescheidene Schwarzweiß-Kunst hervor. Während ein Großteil der zeitgenössischen Kunst stolz auf die eigene Kompliziertheit, ja Undurchschaubarkeit ist, sind Celmins Bilder und Zeichnungen von Nachthimmeln und Ozeanen gefällig und auf angenehme Art großzügig, selbst wenn sie sich mit gewichtigen Fragen zu den Mechanismen und Folgen von Repräsentation beschäftigt. All dies macht ihre Arbeiten schwer fassbar in der gegenwärtigen Kunstsprache. Wenn man etwa ihre Paarung identischer Steine betrachtet, kommt einem nicht das Word Simulacrum in den Sinn, sondern Erhabenheit."

Weitere Artikel: Recht spöttisch bemerkt David Graeber, wie in der Ökonomie die Grundfesten der Theorie erschüttert werden, ohne dass sich Ökonomen davon beirren lassen: "Seit der Rezession von 2008 haben Zentralbanken wie verrückt Geld gedruckt, um Inflation zu erzeugen und die Reichen dazu zu bringen, etwas Sinnvolles mit ihrem Geld anzufangen. Mit beidem waren sie erfolglos. Wir leben jetzt in einem völlig anderen ökonomischen Universum als vor dem Crash. Sinkende Arbeitslosigkeit treibt nicht mehr die Löhne nach oben. Geld zu drucken verursacht keine Inflation. Doch die öffentliche Debatte und die Weisheiten der Lehrbücher bleiben nahezu unverändert." In einer herben Attacke auf Generationen von Architekten, die das New Yorker Moma immer planloser ins Megalomane ausbauten, erinnert Martin Filler an den Ursprungsbau von Philip L. Goodwin und Edward Durell Stone. Der sei zwar kein architektonisches Meisterwerk gewesen, gründete aber auf einer grandiosen Idee: Nach all den europäischen Königspalästen und der diesen nachempfundenen Nationalgalerie die Ausstellung von Kunst zu demokratisieren.

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins untersucht Peter W. Galbraith die Entwicklungen im Nordosten Syriens: "Wenn es zu einem längeren Konflikt mit den Kurden kommt, kann die Türkei sich nicht weiter auf die unzuverlässigen syrischen Vertreter verlassen, was bedeutet, dass eine große Zahl türkischer Truppen einem gut ausgebildeten entschlossen Gegner gegenüberstehen wird. Verlustreiche Kämpfe mit Wehrpflichtigen sind nie sehr populär … Für die Parteien in der Region heißt all das: Russland und Iran halten zu ihren Verbündeten, die USA nicht. Als das Assad-Regime 2015 kurz vor dem Kollaps stand, kamen Russland und Iran zur Hilfe. Als die Kurden den IS besiegten und den Iran in der Region zu bezwingen schienen, ließ Trump sie fallen, obwohl die Kosten einer weiteren US-Präsenz gering waren. Kurz vor dem 40. Jahrestag des Beginns des Teheraner Geiseldramas, wird diese neueste Demütigung durch die Amerikaner besonders süß schmecken. Die Zukunft der syrischen Kurden hängt davon ab, wie sich die Dinge entwickeln. Auch wenn das syrische Militär und staatliche Institutionen jetzt in den Nordosten zurückkehren, fehlen Damaskus die Ressourcen, die Gegend vollkommen zu kontrollieren. Mit 70000 Frauen und Männern unter Waffen bleiben die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) eine starke kurdisch geführte militärische Macht, auch wenn die syrische Flagge ihre Uniformen ziert. Es ist auch nicht klar, ob die syrische Regierung die politischen Institutionen der Autonomen Verwaltung Nord und Ostsyriens (NES) in naher Zukunft auflösen kann oder will. Der SDF war weder Teil der Putin-Erdogan- noch der Pence-Erdogan-Vereinbarung. Obgleich er keine Wahl hat, den Schutz Russlands und der syrischen Regierung zu akzeptieren, heißt das nicht, dass er die Grenzregion, in der fast alle syrischen Kurden leben, aufgeben wird. Wenn Erdogan seinen Krieg fortsetzt, könnten die ethnischen Säuberungen gewaltig sein."

Weiteres: Tim Flannery liest Jacob Shells Buch über "Giants of the Monsoon Forest: Living and Working with Elephants". Elizabeth Bruenig schreibt über zwei Bücher, die sich mit Jesus, Maria und Magdalena beschäftigen. Und Zadie Smith vertieft sich in Celia Pauls Selbstporträt.
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Magazinrundschau vom 22.10.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins stellt Sophie Pinkham ein Buch von Bathsheba Demuth vor über die Beringstraße zwischen Russland und Alaska und die Menschen und Tiere, die dort leben: "Auch wenn es sich bei 'Floating Coast' um eine Umweltgeschichte handelt, kann man es auch als Meditation über eine Biosphäre lesen. Demuth beschreibt großzügig diese Landschaft, die sie liebt, seit sie als Teenager zuerst dort war, doch nicht so sehr mit politischem oder wirtschaftlichem Blick. Sie interessiert sich für die Tiere, Wale vor allem, und nimmt die Perspektive des Meeres ein; Verträge und Handelsabkommen, Monarchen und Präsidenten fließen in der Ferne vorüber. Obwohl die Beringstraße das Zentrum ist, wandert das Buch mit den Kreaturen, deren Geschichte es dokumentiert, und folgt den Walfangflotten bis nach Japan und Hawaii. Eines von Demuths zentralen Anliegen ist der Energietransfer zwischen den Organismen. Sie schreibt: 'Am Leben zu sein, bedeutet, Teil einer Kette von Verwandlungen zu sein.' In der Arktis verwandelt sich Sonneneinstrahlung vor allem im Meer in Kalorien, da reflektierendes Eis und Schnee die Möglichkeiten zur Photosynthese an Land dezimieren. Algen und Plankton bilden die Basis für Ökosysteme, zu denen kalorienreicher Fisch gehört, Wale, Walrosse und Seehunde, die den Landbewohnern als Nahrung dienen. Für die Menschen in Beringia, die Chukchi, Iñupiat und Yupik, stellten diese Tiere nie einen austauschbaren Profitquell dar, sondern immer ein Überlebensmittel. Mythen von Tieren, die sich in Menschen verwandeln und umgekehrt bezeichneten eine biologische Wahrheit: Die Verwandlung von tierischem Fleisch in den menschlichen Leib."

Außerdem: Regina Marler liest zwei Bücher über Alfred Stieglitz. Und Linda Greenhouse stellt Evan Thomas' Biografie der Obersten Richterin Sandra Day O'Connor vor.

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - New York Review of Books

Dreißig Jahre nach den Revolutionen in Warschau, Leipzig, Prag und Budapest blickt Timothy Garton Ash nach Mitteleuropa und eruiert, was schief gelaufen ist in den post-kommunistischen Gesellschaften. Keine Frage, meint er, der große Graben verläuft noch immer zwischen den Gewinnern und den Verlierern der Wende, aber nicht nur der Wohlstand ist ungleich verteilt, sondern vor allem auch Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und noch ein Ungleichgewicht gibt es: "Für mich persönlich ist es eine Quelle tiefer Befriedigung, dass so viele junge talentierte Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken nach Oxford kamen, um bei mir und meinen Kollegen zu studieren und wertvolle, produktive und befriedigende Lebenswege einschlugen. Aber sie führen ihr Leben selten zu Hause in ihren Ländern. Ich begegne ihnen eher in London, Paris, Wien oder Berlin. So schafft die individuelle Errungenschaft der Freiheit in den post-kommunistischen Ländern Europas das kollektive Problem der Emigration. Ihr Ausmaß ist erschütternd. Zwischen 1989 und 2017 emigrierten 27 Prozent der Bevölkerung aus Lettland, für Bulgarien liegt die Zahl bei fast 21 Porzent. Über drei Millionen Menschen verließen Rumänien in den gerade mal zehn Jahren nach dem Beitritt des Landes zur EU... Die Emigration ist das wahre Problem der Region, die Immigration ist das eingebildete."

In einem ebenfalls lesenswerten Essay verteidigt Zadie Smith die Freiheit der Fiktion, unter anderem gegen das Konzept der kulturellen Aneignung. Was ist so falsch daran, fragt Smith, andere Menschen zu imaginieren, sich in jemand anderen hineinzuversetzen? "Die Sprache ist zum bevorzugten Schlachtfeld geworden. Sie ist aber auch ein Behältnis, das Schreiben einengt. Der Begriff, den wir wählen - oder der uns angeboten wird - dient der Umschließung unserer Ideen, er formt und bestimmt die Art, wie wir denken oder denken, dass wir denken. Unsere Diskussionen über 'kulturelle Aneignung' zum Beispiel sind zwangsläufig von diesem Begriff beeinflusst. Und doch behandeln wir diese beiden sorgsam gewählten Wörter, als wären sie elementar, an sich neutral, vom Himmel geschickt. Dabei sind sie wie die gesamte Sprache verbale Behältnisse von Ideen, die nur das Aufkommen von bestimmten Gedanken zulassen, während sie die Möglichkeiten anderer begrenzen. Wie würden unsere Diskussionen über Literatur aussehen, frage ich mich, wenn wir das Schreiben über Andere nicht mit dem Begriff der kulturellen Aneignung labelten, sondern eher mit 'gegenseitiger Voyeurismus', 'tiefe Faszination für Andere' oder 'Belebung durch wechselseitigen Hautkontakt'? Unsere Debatten wären immer noch lebhaft, vielleicht auch immer noch wütend - aber ich bin sicher, sie wären nicht dieselben. Sind wir nicht ein bisschen zu passiv angesichts ererbter Konzepte? Wir erlauben ihnen, für uns zu denken, und sie stehen als Platzhalter da für das, worüber wir uns keine eigenen Gedanken machen."

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - New York Review of Books

In der New York Review of Books empfiehlt der Schriftsteller Jonathan Lethem wärmstens die Lektüre von Edward Snowdens Buch "Permanent Record": "Das intime Drama seiner Entdeckungen und Selbstentdeckungen, der Beginn seines Appetits auf Virtualität und Systeme, die Entwicklung seines Patriotismus sowohl in der frühen als auch in der späten Phase, seine kleinen Abenteuer als gewöhnlicher Arbeiter mit einem außergewöhnlichen Geist und vor allem die hilflose Entstehung seiner ethischen Krise - das ist großartige Lektüre. Was für ein seltsam gewöhnlicher Mann: Snowden ist entweder die am wenigsten rätselhafte Chiffre oder die gnomischste Nicht-Einheit, die es je gab. Man könnte ihm ewig dabei zusehen, wie er sich selbst studiert. ... Traurig stellt man fest, dass, würde ihm nicht nur vergeben, sondern er von der NSA wieder eingestellt werden, er genau der Richtige wäre, das technische Chaos zu beheben, das der andere, der frühere Edward Snowden, hinterlassen hat. Er würde einen guten Job machen."

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - New York Review of Books

In der neuen Ausgabe des Magazins berichtet Madeleine Schwartz über Trumps Abschiebungsgerichte, die sich nicht selten unmittelbar an der Grenze zu Mexiko befinden und in denen direkt der Regierung unterstellte, nach ihren Anweisungen arbeitende Richter im Akkord Migranten ausweisen: "Trumps Bestreben, Einwanderung einzudämmen, bedeutet viel Arbeit für die Gerichte. Einige Richter arbeiten in Gerichten, andere aus Gefangenenlagern heraus oder direkt an der Grenze. Innerhalb einer Woche habe ich vier Gerichte im Rio Grande Valley besucht, zwei Einwanderungsgerichte, ein Bundesgericht sowie Zelte, in denen Anhörungen stattfinden. Viele Anhörungen, die zur Ausweisung führten, dauerten nur Minuten. In Port Isabel wurde ein Mann wegen Kreditkartenbetrugs angeklagt, der zuvor von Grenzkontrolleuren in einem Gefängnis vor Ort aufgegriffen wurde. Die Anklage wurde fallengelassen, aber der Mann war illegal eingereist. Der Beweis war ein I-213, ein 'Eintrag als abschiebungswürdiger/unzulässiger Ausländer', den die Grenzkontrolle vorgenommen hatte. In einem ordentlichen Gericht wäre der Beamte, der das Formular ausgefüllt hat, gehört worden. Im Einwanderungsgericht ist das Formular Beweis genug, wie mir vom American Immigration Council später erläutert wird. Der zuständige Richter nahm das Formular über den illegalen Grenzübertritt als unbestrittene Tatsache. Er erklärte dem Mann, dass die Anklage auf 'Entfernung' auf 'eindeutigen Beweisen' beruhe. Er wandte sich an die Frau des Mannes, eine US-Bürgerin, die in eleganter Aufmachung im Gericht erschien: 'Es gibt einen Weg, auf legale Weise zurückzukehren, verbauen sie sich den nicht.' Cesar de Leon, der Anwalt des Mannes, erklärte mir später, dass sein Klient mit einem Eintrag als illegal Eingereister wohl nicht mehr zurück zu seiner Familie in den USA gelangen würde."

Und in einem weiteren freigeschalteten Artikel untersucht Helen Epstein anhand zweier neuer Publikationen, wieso die Inuit in Kanada und Grönland die höchste Selbstmordrate der Welt verzeichnen.

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books stellt J. M. Coetzee das Buch des Iraners Behrouz Boochani vor, der darin von seinen Erfahrungen als Flüchtling in einem australischen Lager in Papua Neuguinea berichtet. Und auch wenn Coetzee versteht, dass Einwanderung in ein anderes Land begrenzt werden können muss, so denkt er doch - mit Blick auf Südafrikas im Prinzip unfreundliche, in der Realität menschlich-chaotische Einwanderungspolitik -, dass die australische Regierung effizientere, aber auch besonders inhumane Methoden einsetzt: "Gejagt vom iranischen Regime aufgrund seines Einsatzes für die Belange der Kurden floh der Autor 2013 über Indonesien, wurde in letzter Sekunde von einem nicht seetüchtigen Boot gerettet und in eins der Lager des Commonwealth von Australien im Pazifik verbracht, wo er bis heute ausharrt … Das Betreiben der Lager war von Anfang an geheim. Die Insassen wurden nicht beim Namen genannt, sondern erhielten Nummern, Fotografien waren verboten. Für Informationen über das Leben in den Lagern sind wir auf Berichte wie den Boochanis und die von australischen Ärzten und Sozialarbeitern angewiesen, die trotz Verbots mitteilen, was sie dort erlebt haben. Auf Basis dieser Informationen müssen wir folgern, dass es sich bei den Lagern in Manus und Nauru nicht nur um temporäre Unterbringungen handelt, sondern um Straflager, wo die Insassen oder bürokratisch gesprochen 'Klienten' eine unbegrenzte Strafe dafür absitzen, dass sie Australien ohne Papiere angesteuert haben. Die Haltung der australischen Wachen, viele von ihnen Veteranen aus Afghanistan und dem Irak, scheint geprägt von ständiger Gewalt, die durch die Vermutung, unter den Häftlingen befänden sich als Flüchtlinge getarnte islamische Terroristen, noch befeuert wird. Die Lokalbevölkerung betrachtet die Flüchtlinge nicht minder feindselig. 2014 wurde das Lager auf Manus von der Polizei und von Zivilisten gestürmt, die Insassen angegriffen und einer von ihnen getötet … Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise waren auf Manu 1353 und auf Nauru 1233 Menschen interniert. Für Nauru ist das Lagergeschäft lukrativ. Für jeden Internierten verdient es 1400 US-Dollar Visagebühren pro Jahr, Australien kostet ein Gefangener rund 38.000 US-Dollar jährlich. Für denselben Gefangenen würden die Kosten auf dem Festland nur 7000 Dollar jährlich betragen."

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - New York Review of Books

Im Blog der New York Review of Books beklagt Sonia Faleiro die Methoden des amtierenden indischen Premiers Narendra Modi, dessen Amtszeit seit Mai 2014 vor allem durch Nichteinlösung seiner Wahlversprechen und das Stummstellen oppositioneller Stimmen auffällt: "Kritische Journalisten müssen mit Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen und Verhaftung rechnen. Modi nennt sie 'Prostituierte' … Vergangenen Juli wurde die Show 'Master Stroke' des respektablen Fernsehmoderators Punya Prasun Bajpai auf die schwarze Liste gesetzt, nachdem er nachgewiesen hatte, dass eine Video-Konferenz zwischen Modi und Bauernvertretern, die das Wachstum im ländlichen Raum belegen sollte, gefälscht war. Die Bauern hatten beteuert, ihre Einkommen hätten sich unter Modi vervielfacht, aber Bajpais Reporter fanden heraus, dass die Bauern einem vorgefertigten Skript folgten. Bajpai wurde daraufhin gewarnt, dass Sender, die nur zehn Prozent ihrer Zeit kritisch über Modi berichteten, von seiner Partei  Bharatiya Janata (BJP) gemieden würden. Sprecher der Partei standen dem Sender nicht mehr für Interviews zur Verfügung. Nachdem Bajpai vom Sender angewiesen wurde, Modis Namen und Bild in keinem kritischen Bericht mehr zu verwenden, schmiss Bajpai hin. Für die anderen Medien ein abschreckendes Beispiel. Die Mehrheit von ihnen berichtet seither nurmehr noch über den Indian National Congress (INC), auch wenn die Partei als Opposition ausgedient hat, und kritisiert längst verstorbene Kongressführer wie Nehru. Unterdessen bestimmen eindeutige Falschmeldungen, etwa über Modis Einsatz für Minderheiten die Nachrichten."
Stichwörter: Modi, Narendra, Indien, Zensur, Bjp

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - New York Review of Books

Unter besonderer Berücksichtigung von Oliver Mortons optimistischem Buch "The Moon: A History for the Future" rekapituliert James Gleick das Rennen zum Mond, das, ahem, von deutschen Ingenieuren ausgetragen wurde: "Geboren wurde es aus den Ruinen des V-2-Projekts. Mit einigem Recht nennt Douglas Brinkley in seinem Buch 'American Moonshot' die amerikanische Beschlagnahmung von Wernher von Brauns Blaupausen und Zeichnungen zusammen mit Tonnen an V-2-Teilen 'einen der großen technologischen Raubzüge der Geschichte'. Von Braun selbst schob schon lange Pläne, zu den USA überzulaufen, und der militärische Geheimdienst rollte ihm den roten Teppich aus und kehrte seine Kriegsverbrechen darunter. Die Rote Armee auf der anderen Seite schnappte sich Peenemünde und übernahm so viele Ingenieure und Raketenbauer wie sie finden konnte - weit weniger als von Braun den Amerikanern auslieferte, aber genug, um Stalins neues Raketenprogram zu starten."

In einem anderen Artikel erinnert Fintan O'Toole an den ersten und einzigen, noch dazu unverhohlen autobiografischen Roman von Boris Johnson - der Held "fährt mit dem Rad nach Westminster, ist seiner Frau untreu, ist auf schnoddrige Weise rassistisch und politisch opportunistisch und sieht aus wie ein soeben ertappter Ehebrcher auf der Flucht" - und benennt Parallelen und Unterschiede zwischen Trump und Johnson: "Während Trumps Anarchismus in Autoritarismus übergeht, geht Johnsons über in Nihilismus: Die Vagheit des Spaßmachers, die ihn an die Macht gebracht hat, wird ihm bei schweren Entscheidungen nichts nützen. Brexit ist längst kein Witz mehr. Aber was kommt da auf Johnson zu? Sein bester Witz, war gar keiner. Im November 2016 erklärte er, Brexit bedeute Brexit, und es würde ein titanischer Erfolg werden. In diesem historischen Moment des Handelns wider besseres Wissen ahnen die meisten von Johnsons Unterstützern , dass der Brexit tatsächlich die Titanic ist und sein ausweichendes Handeln nichts ausrichten wird. Aber wenn das Schiff schon untergeht, warum nicht mit Boris ein bisschen Spaß haben auf dem Oberdeck?"

Außerdem: Steven Simon and Jonathan Stevenson argumentieren gegen einen Krieg mit dem Iran. Und der Schriftsteller Joseph O'Neill liest zwei Bücher über Amerika als Nation: von Jill Lepore und Suketu Mehta,