Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 27.11.2018 - New York Review of Books

Von allen Büchern, die bisher über das System Donald Trump erschienen sind, ist dies das beste, meint der irische Autor Fintan O'Toole über Michael Lewis' "The Fifth Risk". Denn während Michael Wolff (hier) oder Bob Woodward (hier) versucht haben, Trump zu entlarven - als könnte der das selbst nicht am besten - kommt er bei Lewis kaum vor. Statt dessen guckt der genau dahin, wo nichts passiert, wo die Republikaner ihre Behauptung seit Reagan selbst wahrmachen, dass die Regierung nutzlos ist. Zum Beispiel in der Verwaltung, wo 139 von 704 Top-Posten nicht besetzt wurden. Dazu gehört die im Landwirtschaftsministerium angesiedelte Abteilung 'Lebensmittel, Ernährung und Verbraucherschutz', die ein Budget von 112,2 Milliarden Dollar im Jahr verwaltet. "Wenn Sie Lebensmittelmarken verachten, weil sie die faulen Armen ermuntern, sich aushalten zu lassen, wenn Sie Ihre Gewinne aus der Lieferung von Junk Food für Schulmahlzeiten erzielen, die an 30 Millionen amerikanische Kinder verfüttert werden, wenn Sie denken, dass die Gewährleistung gesunder Nahrung für schwangere Frauen und neue Mütter sozialistische Tyrannei ist, dann ist es am einfachsten, nichts zu tun. Vermeiden Sie jede Einweisungen durch ihre Vorgänger, damit Sie nicht lernen müssen, was diese Programme tun und warum sie es tun. Lassen Sie das Wissen und die Erfahrung, die in Menschen wie Concannon [dem Leiter der Behörde unter Obama] steckt, einfach verpuffen. Schaffen Sie ein Vakuum von Führung, Autorität und Verantwortlichkeit, das mit etwas Glück zu Gleichgültigkeit und Demoralisierung führen wird. Lassen Sie öffentliche Stellen an der Rebe verrotten und zeigen Sie dann auf die Fäulnis als Beweis dafür, dass Big Government nicht funktioniert."

Es gibt viele Gründe für die Bevorzugung von Minderheiten an Universitäten. Sie haben jedoch fast alle ihre Tücken. Mehr diversity zum Beispiel hieße, dass auch rechte Provinzler und Evangelikale aufgenommen werden müssten. Fokussiert man dagegen auf Rassismus, ist man auf der sicheren Seite, glaubt der Jurist Noah Feldman. "Ein gutes und faires Aufnahmeverfahren sollte nicht nur die Noten und Testergebnisse der Bewerber berücksichtigen, sondern auch die Hindernisse, mit denen sie konfrontiert sind. Dazu gehört die Erfahrung der strukturellen und wirtschaftlichen Ungleichheit, die in den Vereinigten Staaten zwangsläufig durch die Rasse beeinflusst wird. In diesem Sinne sollte die historische Rassendiskriminierung ein Faktor bei der Zulassung sein - nicht als rückwärtsgerichtete Wiedergutmachung, sondern wegen ihrer anhaltenden Auswirkungen auf die derzeitigen Bewerber. Es ist nicht rechtswidrig, die Auswirkungen des Rassismus auf die Antragsteller zu berücksichtigen, vorausgesetzt, dass diese Auswirkungen von Fall zu Fall anhand von Informationen, die sich aus Bewerbungsaufsätzen und soziologischen Bewertungen der Lebensumstände der Antragsteller ergeben könnten, berücksichtigt werden. Dies würde beispielsweise bedeuten, dass die Rasse der Bewerber an sich die Zulassung nicht beeinflusst, sondern nur indirekt, insofern die generationenübergreifende Diskriminierung ihre Erfahrungen und Möglichkeiten geprägt hat." Der Charme dieses Vorgehens besteht für Feldman vor allem darin, dass man Afroamerikaner gegenüber asiatischen Amerikanern bevorzugen könnte, ohne des Rassismus beschuldigt zu werden.

Außerdem: Elisa Gabbert liest Gedichte von A.E. Stalling und Terrance Hayes. Alex Traub berichtet über neue nationalistische Lehrpläne in Indien. Und Marcia Angell liest Bücher zur Opioid-Krise in den USA.

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - New York Review of Books

Tief deprimiert taucht der Historiker Christopher Clark aus zwei Büchern auf, die sich mit den Kriegen der Zukunft befassen, "The Future of War" von Lawrence Freedman und Robert H. Latiffs "Future War": "Es ist schwer, nicht von der Erfindungsgabe der Waffenexperten in ihren Untergrundlabors beeindruckt zu sein, aber auch schwer, nicht an der Art und Weise zu verzweifeln, wie ein solcher Einfallsreichtum von größeren ethischen Imperativen abgekoppelt ist. Und man kann nicht umhin, sich von der kühlen, zustimmenden Prosa beeindrucken zu lassen, in der die Experten der Kriegsstudien ihre Argumente abfassen, als ob Krieg eine menschliche Notwendigkeit wäre und immer sein wird, ein Merkmal unserer Existenz, so natürlich wie die Geburt oder die Bewegung von Wolken. Ich erinnerte mich an eine Bemerkung des französischen Soziologen Bruno Latour, als er im Frühjahr 2016 Cambridge besuchte. 'Es ist sicherlich von entscheidender Konsequenz', sagte er und überraschte die betont säkularen Kollegen im Raum, 'zu wissen, ob wir als Menschen in einem Zustand der Erlösung oder Verdammnis sind'."

Alexander Stille kommentiert den Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò an Papst Franziskus. Viganò beschuldigt darin den Papst, Anzeichen sexuellen Missbrauchs in der Katholische Kirche zu ignorieren und zu verheimlichen: "Die größte Verantwortung für das Problem liegt bei Papst Johannes Paul II., der über 20 Jahre auf diesem Auge blind war. Zwischen Mitte der 80er und 2004 gab die Kirche 2,6 Milliarden Dollar für die Beilegung von Prozessen allein in den USA aus, für Schweigegelder für Opfer vor allem. Fälle in Irland, Australien, England, Kanada und Mexiko folgten dem gleiche n deprimierenden Muster: Opfer wurden ignoriert, schikaniert, Täter in neue Gemeinden versetzt, wo sie weiter missbrauchten … Franziskus steht unter großem Druck. Opfer fordern die Untersuchung der Verantwortlichkeiten von Bischöfen und Kardinälen, die Bescheid wussten und nichts unternahmen. In der Folge könnten viele Kirchenführer in den Ruhestand gezwungen werden, die Kirche würde das für Jahre paralysieren. Wenn Franziskus nichts tut, droht ebenfalls Paralyse. Die beste Option scheint noch zu sein, die Beteiligung der Laien in Kirchendingen zu fördern und Frauen als Diakonissinnen zuzulassen. Doch es könnte zu spät sein und zu wenig."

Außerdem: Bill McKibben gruselt es bei der Lektüre eines Reports über den Klimawandel. Jed Perl besucht zwei Delacroix-Ausstellungen. Yasmine El Rashidi liest zwei Romane von Ali Smith. Und Robert Kuttner beugt sich über Adam Toozes "Crashed: How a Decade of Financial Crises Changed the World".

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - New York Review of Books

Die Welt, wie Donald Trump und sein Ideologe Steve Bannon sie sich wünschen, kommt dem Historiker Christopher R. Browning nur zu bekannt vor: "In den 1920er Jahren verfolgten die USA einen Isolationismus in der Außenpolitik und lehnten die Teilnahme an internationalen Organisationen wie dem Völkerbund ab. America First war allein Amerika, mit Ausnahme von finanziellen Vereinbarungen wie den Dawes- and Young-Plänen, die sicherstellen sollten, dass unsere 'gratis mitreitenden' ehemaligen Verbündeten ihre Kriegskredite zurückzahlen konnten. Gleichzeitig lähmten hohe Zölle den internationalen Handel, was die Rückzahlung dieser Kredite besonders erschwerte. Das Land erlebte eine Zunahme der Einkommensungleichheit und eine Konzentration des Reichtums an der Spitze. Sowohl der Kongress als auch die Gerichte scheuen Vorschriften zum Schutz vor den selbstverschuldeten Katastrophen der freien Marktwirtschaft. Die Regierung verabschiedete auch eine stark restriktive Einwanderungspolitik, die darauf abzielte, die Hegemonie der weißen angelsächsischen Protestanten gegen einen Zustrom katholischer und jüdischer Einwanderer zu erhalten. (Verschiedene Maßnahmen zur Verhinderung der asiatischen Einwanderung waren bereits zwischen 1882 und 1917 umgesetzt worden.) Diese Politik verhinderte, dass Amerika konstruktiv auf die Große Depression oder den Aufstieg des Faschismus, die wachsende Bedrohung des Friedens und die Flüchtlingskrise der 1930er Jahre reagieren konnte."
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Magazinrundschau vom 25.09.2018 - New York Review of Books

Jetzt schon legendär und ein performatives Gesamtkunstwerk ist die Ausgabe "The Fall of Men" über Männer, die von der Öffentlichkeit verurteilt wurden. Chefredakteur Ian Buruma musste bereits gehen, nachdem er sich noch in Interviews auf Slate.com und im Vrij Niderland hinter einen Text des geächteten kanadischen Radiomoderator Jian Ghomeshi gestellt hatte. Zahlreiche Kritikerinnen waren empört, dass Ghomeshi, dem über zwanzig Frauen vorgeworfen hatten, beim Sex gewalttätig geworden zu sein, ungeprüft seine Sicht der Dinge darstellen durfte. Ghomeshi, der bisher vor Gericht frei gesprochen wurde, bekennt eine gewisse Unsensibilität gegenüber Frauen, aber ein gewalttätiges Sexmonster sei er nicht. Und er attackiert die Medien, auf seine Kosten Clickbaiting betrieben haben und absurden Mechanismen zu folgen: "Wenn ein Mann heute öffentlich des sexuellen Übergriffs angeklagt wird, ist das erste, was er tut, sich zu entschuldigen. Meine eigene Erfahrung lässt mich daran zweifeln, dass eine solche Reuebekundung ernst gemeint ist. In einem Malstrom aus Verwirrung, Demütigung, Widerstand und den widersprüchlichen Reaktionen um einen herum - wie sehr kann man hinter einem 'I'm Sorry' stehen? Man will das Gefühl echter Reue in sich entfachen, denn alle Welt sagt einem, dass dies der erste Schritt zur Erlösung sei. Und man malt sich aus, wie ein großes Mea Culpa das Schicksal noch wenden könnte, unabhängig von der Richtigkeit der Vorwürfe. Aber was man in den ersten Tagen nach der öffentlichen Anklage wirklich fühlt, sind Angst und Wut. In der Reihenfolge."

Außerdem: Arlie Russell Hochschild liest Bücher zur Krise der Männlichkeit, die Delinquenz, Gewalt und Hass bei Jungen und jungen Männern in erster Linie mit dem Fehlen der Väter erklären. Hochschild findet das nicht ganz falsch, hätte es aber noch richtiger gefunden, wenn Kimmel auch dazu gesagt hätte, dass es da eine soziale Komponente gibt. Und dass die Abwesenheit der Väter auch der Masseninhaftierung junger schwarzer Männer geschuldet sei.

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - New York Review of Books

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins durchforstet der Kulturwissenschaftler Jackson Lears mit gleich neun Bücher zum Thema 1968 und die Gegenkultur in den USA, u.a. "In Search of the Lost Chord: 1967 and the Hippie Idea" von Danny Goldberg und "The Making of a Counterculture: Reflections on the Technocratic Society and Its Youthful Opposition" von Theodore Roszak. Wichtig scheint Lears die Erinnerung an die Ära in mehrfacher Hinsicht: So werde stets die popkulturelle Bedeutung hervorgehoben, die religiöse aber unterschlagen: "Letztere war es, die den amerikanischen Radikalismus von den Aufständen in Paris und anderen europäischen Städten im Frühling 1968 unterschied. Amerikanische Radikale ließen den antiklerikalen Geist der Europäer vermissen. Geistliche marschierten in den ersten Reihen der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung mit. Kings Entscheidung, sich gegen den Krieg auszusprechen, war zentral für die Legitimation des Widerstands … Die Frage, wie die Gegenkultur trivialisiert und dämonisiert wurde, verdient einen genaueren Blick auf die Machenschaften der Agents provocateurs und der Sensationspresse. Langfristig wurde ein Großteil der gegenkulturellen Gärmasse von der Therapiekultur der Selbstwahrnehmung oder der Identitätspolitik absorbiert. Gegenkulturelle Empfindsamkeit lebt fort in der ökologisch informierten Ahnung, dass der Mensch sich in die Natur einfügen muss, nicht sie beherrschen. Doch diese Empfindsamkeit existiert losgelöst von einer Kritik technokratischer Ratio, die etwa das wachsende Verteidigungsbudget und das nukleare Wettrüsten miteinbezieht. Die Macher des öffentlichen Diskurses sollten die gegenkulturelle Kritik eines technokratischen Ethos wiederausgraben, das den Sicherheitsstaat legitimiert. Ohne diese Kritik fehlt der oft moralisierend geführten Auseinandersetzung über die Außenpolitik die moralische Ernsthaftigkeit. Sich der religiösen Dimension der 60er-Proteste bewusst zu werden, erlaubt die Wiederbelebung eines vergessenen und bedeutsamen Teils unserer Vergangenheit."

Außerdem: Sue Halpern liest Bücher zur Geschichte der Privatsphäre in den USA.
Stichwörter: 1968, 60er, Identitätspolitik

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - New York Review of Books

Wenn #MeToo bisher vor allem auf die glamouröse Sphäre von Film und Medien beschränkt war, dann schafft Bernice Yeung mit ihrem Buch "In a Day's Work" ein gutes Gegengewicht, finden Alissa Quart und Barbara Ehrenreich: Die Journalistin recherchiert seit etlichen Jahren zu Ausbeutung und Missbrauch von armen Frauen, von Haushaltshilfen, Putzfrauen und Erntehelferinnen, die stets um ihre Existenz bangen müssen, ihre Rechte nicht kennen oder im Falle von Migrantinnen die Abschiebung fürchten müssen: "'In a Days's Work' bietet zahlreiche Beispiele von Frauen aus der Arbeiterklasse, die nur ein bisschen Ermutigung bräuchten, um ihre Rechte zu verteidigen. Georgina Hernández, Hotel-Putzfrau und Vergewaltigungsopfer, machte ihre Fall öffentlich, nachdem sie die Arbeitsaktivistin Vicky Márquez getroffen hatte, die sie überzeugte, dass eine Klage ihr bereits schwieriges Leben nicht noch härter machen würde. Nach dem ersten Schritt war sie 'stolz, dass sie ihre Ängste überwunden und dem, was ihr widerfahren war, etwas entgegensetzt hatte'. Yeungs Buch macht vor allem deutlich, dass Feministinnen nicht zuerst ein politisches Programm brauchen. Wir brauchen zuallererst Einigkeit oder, wie wir früher sagten, Schwesterlichkeit."

Mit den früheren CIA-, NSA- und FBI-Chefs Robert Mueller, Michael Hayden, John Brennan und James Comey hat Donald Trump unangenehme Gegner bekommen. Sie verabscheuen den lügenden und irrlichternden Präsidenten zutiefst und wissen, wie man eine Anklage eintütet. Auch wenn Tim Weiner als Autor kritischer Geheimdienstbücher kein Freund dieser eitlen, machtbewussten und durchaus konservativen Männer ist, nimmt er sie vor dem Vorwurf in Schutz, einen tiefen Staat zu bilden. Den habe es überhaupt nie gegeben, meint Weiner, nicht einmal unter J. Edgar Hoover: "Nach Watergate enthüllte die Untersuchung von Senator Church etliche Fälle von Amtsmissbrauch durch FBI, CIA und NSA. Berühmt ist sein Ausspruch, dass sich die CIA wie 'ein wildgewordener Elefant' aufführte. Doch dies verfehlte den bedeutendsten und verstörendsten Punkt in einer bis dahin unbekannten Geschichte. Es brauchte Jahre, um die harten Fakten zu erkennen: Bis auf sehr wenige Ausnahmen, führten die Herren der Nationalen Sicherheit Befehle aus dem Weißen Haus aus. Präsident Franklin D. Roosevelt hatte Hoover heimlich Überwachungen ohne richterlichen Beschluss erlaubt und damit ein klares Urteil des Obersten Gerichts von 1940 missachtet; Hoover behielt das Papier mit der Anordnung sein Leben lang in seiner Schublade. Von Eisenhower bis Nixon brachten Präsidenten das FBI, die CIA und die NSA dazu, Amerikaner und ihre politischen Gegner auszuspionieren. Die Schurken waren die Präsidenten, nicht die Nachrichtendienste."

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins überlegt Noah Feldman, welche Folgen eine mögliche konservative Mehrheit im Supreme Court für die amerikanische Rechtssprechung hätte: "Zu den ersten Veränderungen in republikanisch regierten Staaten würde die Verabschiedung restriktiver Abtreibungsgesetze gehören. Mississippi hat bereits ein Gesetz verabschiedet, dass Abtreibungen nach der 15. Woche verbietet, lange vor der Lebensfähigkeit … Die Folgen wären komplex. Um das Abtreibungsrecht zu schützen, müssten Demokraten Mehrheiten in jedem einzelnen Staat erlangen. Es könnte für Frauen unmöglich werden, in Staaten eine Abtreibung vorzunehmen, in denen nur die Gerichte bisher eine restriktivere Abtreibungsregelung verhindern konnten. Abtreibung könnte künftig im gesamten Süden und Südwesten verboten sein … Abtreibungsrechte würden ein wichtiges Thema der Demokraten werden, die versuchen würden, ansonsten republikanisch wählende Frauen, auf ihre Seite zu ziehen."

Außerdem: Jane Kramer liest Colm Toibins neuen Roman "House of Names", eine moderne Version der Atriden-Saga. Janet Malcolm singt ein Loblied auf den Schnappschuss. Silvana Paternostro versenkt sich in Santiago Gamboas "Return to the Dark Valley", einen satirischen Roman, der Kolumbien als "Republik des Guten" beschreibt. Und Wyatt Mason liest Bücher von Laurent Binet, unter anderem den Roman "The Seventh Function of Language", der viel Klatsch und Tratsch aus der poststrukturalistischen Pariser Szene um 1980 einarbeitet.

Magazinrundschau vom 12.06.2018 - New York Review of Books

Jeremy Waldron sieht keineswegs die Meinungsfreiheit auf dem Campus in Gefahr. Denn es geht ja nicht nur darum, 'Schneeflöckchen' vor anderen Standpunkten zu schützen, sondern die Auftritte von Rassisten oder Alt-Rightern zu verhindern. Und es könne ruhig immer ein bisschen laut werden, wenn junge Leute protestieren. Dennoch fragt er sich, ob die Universitäten ein Ort demokratischer Bildung sein können, als der sie oft so feierlich beschworen werden: "Gemeinschaftskunde mag ihren Platz an weiterführenden Schulen haben, aber sie gehört nicht ans College. Sigal Ben-Porath schreibt, dass 'StudentInnen ans College kommen, um zu lernen, und das gemeinsame Lernen - von Geschichte, Biologie oder Französischer Literatur - erfordert die Einhaltung von wissenschaftlicher Praktiken'. Im Chemie-Labor gibt es nicht viel zu diskutieren über Meinungsfreiheit. Aber Ben-Porath belässt es nicht dabei, sie fügt hinzu, dass es immer ein Element demokratischer Erziehung gebe, weswegen es sinnvoll sei, Dozenten am College zu haben, die StudentInnen auf ein politisches Leben vorbereiten. John Palfrey sagt Ähnliches über das College: 'Wir lehren nicht nur Mathematik, Wissenschaft, Lesen und Schreiben, Sprachen, Künste und andere akademische Fächer an unseren Universitäten. Wir lehren auch Charakter und moralische Entwicklung.' Die Idee dahinter ist eher, dass der demokratische Charakter aus der Art erwächst, wie ein Fach unterrichtet wird. Aber ist das eine realistische Erwartung? Warum sollte Toleranz die Tugend sein, die aus dem intensiven Studium der Trigonometrie erwächst? Warum nicht Skepsis oder Selbstvertrauen, eine Art angelernte Überlegenheit oder der Anspruch auf Privilegien? Man muss nicht aufs College gehen, um ein guter Bürger zu werden."

In der heutigen Türkei leben Trans-Menschen gefährlich, unter den Osmanen jedoch waren sie weithin akzeptiert erinnert uns Kaya Genc. In der osmanischen Dichtung wurden schöne Jungen, Muezzine und Schlachter besungen, ohne Rücksicht auf Klasse oder Geschlecht: "Der Osmanische Hof, der Frauen das Tanzen auf der Bühne verbot, ließ sich von männlichen Crossdressern unterhalten, Köçeks genannt, die am Hof des Sultane aufgezogen wurden, um in weiblichem Ornat aufzutreten, bis sie ihre jugendliche Schönheit verloren... Nach Reşat Ekrem Koçu, einem bekannten Stadthistoriker, hatte jede Taverne ihren eigenen Köçek. 'Einige kamen von den griechischen Inseln, vor allem von Chios; andere waren Zigeunerjungen, die in Derwisch-Klöstern aufgezogen wurden.' Die Namen der Jungen sind heute vergessen, doch ihre Künstlernamen haben überlebt. Der bekannteste von ihren war Ismail der Sommersprossige. Andere hießen Ägyptische Schönheit, Kanarienvogel oder Mondlicht."

Magazinrundschau vom 26.06.2018 - New York Review of Books

Die südafrikanische Autorin Panashe Chigumadzi würde das wohl anders sehen. Sie schreibt im Blog der NYRB über "gemischtrassige" Liebe, die ihrer Ansicht nach für Farbenblinde nicht zu haben ist. Sie hält es mit eher mit dem afroamerikanischen Bischof Curry, der die Predigt bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle hielt: "Curry nutzte die Kanzel der St. George's Chapel, um der farbenblinden Sentimentalität und dem hauchdünnen interrassischen Utopismus eine sanfte, aber entschlossene Rüge zu erteilen. Die Kraft der Liebe, 'zu erheben und zu befreien, ... uns den Weg zum Leben zu zeigen', so Bischof Curry, inspiriert von Martin Luther King Jr., scheint nicht in unserer Fähigkeit zu liegen, die Vergangenheit auszulöschen, sondern ihr direkt zu begegnen. Und so beschwor der Pastor nicht nur King, sondern auch den Sklavenhandel herauf - in einem Raum voller Hauptnutznießer und Erben der Architekten des Imperialismus und der Sklaverei - um uns daran zu erinnern, dass Liebe ohne Gerechtigkeit, ohne eine Abrechnung mit der Geschichte, die unsere gegenwärtigen Realitäten geschaffen hat, nicht wirklich Liebe ist."

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - New York Review of Books

Über den Völkermord in Ruanda herrschte zumindest in diesem Punkt immer Einigkeit: Hutu schlachteten eine Million Tutsi ab. Die Ruandische Patriotische Front (RPF) beendete das Morden, verübte selbst einige Massaker, ließ das Land dann aber zur Ruhe kommen. Jetzt will Judi Revers mit ihrem Buch "In Praise of Blood. The Crimes of the Rwandan Patriotic Front" die Geschichte umschreiben, erklärt Helen Epstein. Denn eigentlich waren beide Seiten schuld, und die Amerikaner haben sich mit ihrer Unterstützung der Tutsi ebenso schuldig gemacht wie die Franzosen mit ihrer Unterstützung der Hutu, resümiert Epstein, die diese These voll zu unterstützen scheint: "Revers Darstellung beginnt mit dem Oktober 1990, als mehrere tausend Kämpfer der RPF vom benachbarten Uganda aus Ruanda überfielen. Die RPF bestand aus den Kindern der ruandischen Flüchtlinge, die vor den anti-Tutsi-Pogromen in den frühen 60ern geflohen waren. Entschlossen, nach Ruanda zurückzukehren, hatten die Anführer der RPF, eingeschlossen Kagame, an der Seite von Ugandas Präsident Yoweri Museveni in dem Krieg gekämpft, der ihn 1986 an die Macht bringen sollte. ... Im August 1990, zwei Wochen vor dem Einfall der RPF, hatte die Hutu-dominierte Regierung in Ruanda den Flüchtlingen die Rückkehr erlaubt. Im Prinzip wenigstens. Die Entscheidung war unter großem internationalen Druck erfolgt, die Details waren vage und der Prozess hätte sich vermutlich ewig hingezogen. Aber die RPF-Invasion beendete alle potentiell friedlichen Lösungen des Flüchlings-Hin-und-Hers. Dreieinhalb Jahre lang besetzten die  Rebellen einen breiten Streifen im nördlichen Ruanda, während die ugandische Armee sie mit Waffen versorgte. Eine Verletzung der UN Charta und der Regeln der Organisation für afrikanische Einheit. Washington wusste das, unternahm aber nichts dagegen. Im Gegenteil, die amerikanische Auslandshilfe für Uganda wurde in den Jahren nach der Invasion  verdoppelt und 1991 erhielt Uganda zehn mal mehr Waffen aus Amerika als den vierzig Jahren davor zusammen."


Josep Baqué: 1.500. Animals, fieras, monstruos, i homes, primitius, any XV

Für einen anderen Beitrag besucht Sanford Schwartz zwei Ausstellungen in der National Gallery of Art, Washington, D.C. und im American Folk Art Museum in New York, die sich der Outsider-Kunst widmen: "Der Begriff 'Outsider' trifft den überraschenden und/oder befremdenden Effekt solcher Kunst ganz gut. Grob gesagt ist ein Outsider-Künstler jemand, der seine Kunst in relativer Isolation schafft, unabhängig von den Entwicklungen in der professionellen Kunst. Das bedeutet aber nicht, dass es immer so sein muss oder dass der Outsider sich seines Künstlerseins nicht bewusst ist. Auch heißt es nicht, dass der Outsider nur sporadisch Kunst schafft, viele von ihnen sind sehr produktiv."