Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

375 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 38

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - New York Review of Books

Ob Frauenrechte und insbesondere Abtreibungsrechte in den USA gewährleistet sind, hängt weniger vom Supreme Court ab als von den einzelnen Bundesstaaten, erklärt Madeleine Schwartz. Und die haben Abtreibungen vielfach nicht nur praktisch unmöglich gemacht, sie sind auch zunehmend darauf aus, Frauen vor Gericht zu zerren, die wegen angeblich persönlichen Fehlverhaltens eine Fehlgeburt erlitten haben. Betroffen sind vor allem arme Frauen: "Unser Rechtssystem ist mehr und mehr gegen sie aufgestellt. Da die Müttersterblichkeit, oft aufgrund einer Kombination aus Armut und einem kaputten Gesundheitssystem, zugenommen hat - und die Müttersterblichkeit in den USA ist bereits sehr viel höher als in den meisten Industrieländern, insbesondere unter schwarzen Frauen -, haben Politikerinnen den rechtlichen Schutz von Föten gesetzlich verankert. Jedes Jahr werden fast ein Dutzend solcher Gesetze erlassen. Die Regierung verfolgt Frauen immer eifriger - sei es, weil sie Abtreibungen vornehmen lassen oder den Zugang zu Abtreibungen erleichtern oder einfach einen Schwangerschaftsverlust erleiden, der die Vorstellung der Staatsanwälte vom Verlauf einer Schwangerschaft sprengt. ... Bei vielen Frauen, die schwanger sind, gilt jedes Problem oder jeder Verlust, der auftritt, potenziell als eine kriminelle Handlung. Jahrzehntelang waren schwarze und braune Frauen das Ziel der Gesetze für die Gefährdung von Föten; diese Fälle fanden in der Presse relativ wenig Beachtung. Laut Lynn Paltrow, der Gründerin und leitenden Anwältin der NAPW, sind es jetzt weiße Frauen, die Drogen konsumiert haben, die mit größerer Wahrscheinlichkeit verhaftet werden. 'Seit 2005 sind die meisten Verhafteten Frauen mit niedrigem Einkommen, weiße Frauen vom Land', sagt sie, fügt jedoch hinzu, dass schwarze und braune Mütter im gesamten Strafrechtssystem nach wie vor unverhältnismäßig stark ins Visier genommen werden."

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - New York Review of Books

Die mexikanische Schriftstellerin Valeria Luiselli schreibt anlässlich einer Ausstellung im Museum of Modern Art in New York in einem sehr schönen Essay über die Fotografien von Dorothea Lange. Ein großer Teil ihres Werks war jahrzehntelang unbekannt oder gar unter Verschluss, zu ungemütlich, zu brutal, zu entlarvend waren ihre Fotografien, von denen viele in staatlichem Auftrag entstanden. Etwa von den Farmern, die in den großen Staubstürmen in den Dreißigern ihr Land verloren. Langes Fotografien sind in dem Buch "An American Exodus" versammmelt, unterlegt von Zitaten der Fotografierten, die ihr Ehemann, der Agrarökonom Paul Taylor gesammelt hatte. Das Buch "lässt uns die frühen Ruinen des amerikanischen Kapitalismus und die von ihm verwüsteten Körper sehen und fast hören. Die Kombination von Bildern und Worten - wobei die Worte die Stimmen der porträtierten Personen waren und nicht die autoritative Stimme des Künstlers, Kurators oder Herausgebers - war eine Möglichkeit, die Dokumentarfotografie als ein Vehikel für eine Vielzahl von Stimmen zu verstehen. In gewisser Weise nimmt Langes Methode die zeitgenössischer Journalisten wie Swetlana Alexijewitsch vorweg: Ihre Dokumentationsart hat eine chorische Qualität - eine Sammlung von Stimmen, die in verschiedenen Tönen und mit unterschiedlichen Texturen über ein gemeinsames Anliegen sprechen."
Stichwörter: Lange, Dorothea

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - New York Review of Books

Dass der amerikanische Justizminister William Barr Falschmeldungen Donald Trumps - etwa über angeblich massenhaften Wählerbetrug durch Briefwahl - unterstützt, wundert Fintan O'Toole überhaupt nicht. Denn Barr glaubt nicht an das Recht, er glaubt an die Macht, meint der irische Journalist in einem großen Porträt Barrs. "Seit Beginn seiner politischen Karriere in der Regierung von George H.W. Bush, in der er als Mitarbeiter des Generalstaatsanwalts, stellvertretender Generalstaatsanwalt und schließlich als Generalstaatsanwalt tätig war, war es Barrs größtes Anliegen, die Rechte einer quasi päpstlichen Präsidentschaft durchzusetzen. In einem für das Protokoll bestimmten Interview mit dem Miller Center der Universität von Virginia erinnerte Barr daran, dass er in die Regierung geholt wurde, um das Büro des Rechtsberaters zu leiten, weil der Leiter von Bushs Übergangsteam, Boyden Gray, 'darauf bedacht war, jemanden in diese Position zu bringen, der an die Exekutivgewalt glaubte'. 'Glaubte an' ist hier entscheidend. Barrs Verständnis von exekutiver Autorität ist ebenso wenig ein Ergebnis verfassungsrechtlicher Argumentation wie die Annahme der Unfehlbarkeit des Papstes durch einen eifrigen Katholiken das Ergebnis einer kühlen biblischen Analyse ist. Es ist eine Frage des Glaubens. Barr erklärte in diesem UVA-Interview, warum er glaubte, dass Bush das Recht habe, nach dem Einmarsch in Kuwait einen Krieg gegen den Irak zu führen, ohne die Zustimmung des Kongresses einzuholen: 'Erstens glaubte ich, dass der Präsident keine Genehmigung des Kongresses benötigte und er verfassungsmäßig befugt war, einen Angriff gegen die Iraker zu starten. Aber ich wusste auch, dass es keine große Rolle spielte, was ich dachte, denn das war es, was er tun würde. Er glaubte, er habe die Autorität dazu, und das ist letztlich wichtiger als das, was ich glaube.' Was Barr damit sagen will, ist, dass, selbst wenn er geglaubt hätte, dass Bush allein keinen Krieg erklären konnte, das keine Rolle gespielt hätte. Entscheidend ist, was der Präsident glaubt. Wenn er Vertrauen in seine eigene Autorität hat, ist es die Aufgabe seiner Anwälte, dieses Vertrauen nicht in Frage zu stellen, sondern zu verteidigen. Das ist es, was Barr zum perfekten Wegbereiter des Autoritarismus macht. In seinen Augen schränkt das Gesetz den Willen des Präsidenten nicht ein, sondern dient ihm vielmehr."
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Magazinrundschau vom 13.10.2020 - New York Review of Books

Niemand hat Jordanien eine große Überlebenschance gegeben, weiß Ursula Lindsey: Das Königreich liegt eingekeilt zwischen Israel und Saudi-Arabien, besteht fast nur aus Wüste und Flüchtlingen und ist komplett von Geldzahlungen aus den Golfstaaten abhängig. Mit dem sinkenden Ölpreis und den schwindenden Einnahmen wird Jordanien noch unwahrscheinlicher, fürchtet sie: "Das Verlangen nach Veränderung sei mit dem entsetzlichen Ende des Arabischen Frühling stark gedämpft worden, glaubt Mustafa al-Tal, ein Autor und Medienmanager aus einer prominenten jordanischen Familie (sein Onkel Wasfi al-Tal war dreimal Premierminister, bevor er von einer palästinensischen Miliz erschossen wurde): 'Die Wut ist noch da, die Frustration ist noch da, aber es gibt auch etwas Neues: Angst. Die Regierung nutzt für sich, was in Syrien passiert ist... Die Leute sagen sich jetzt, ist doch nicht so schlimm, wenn ich arm bin. Ich muss meine Meinung nicht sagen können. Hauptsache, ich werde nicht getötet.' Um Proteste in Jordanien zu untergraben, sagt al-Tal, spielen die Behörden die Unterschiede hoch, zwischen Islamisten und Säkularen, Ost- und Westbankern, Stadt und Land, Flüchtlingen und Einwohnern. Dabei besteht der größte Unterschied heute zwischen den Besitzenden und den Armen. Die Ungleichheit ist der Geografie der Hauptstadt eingeschrieben. Amman ist eine der teuersten Städte der Region, obwohl der monatliche Mindestlohn bei 220 jordanischen Dinar liegt (310 Dollar) und fünfzehn Prozent der Bevölkerung in extremer Armut leben, also von weniger als einem Dollar am Tag. Amman ist eine junge Stadt:, etwas mehr als hundert Jahre alt, ihre beigen Steinhäuser liegen verstreut auf den Hügel, den von tiefen Tälern und Highways getrennt sind. Vor allem in den letzten Jahrzehnten ist Amman schnell gewachsen, völlig planlos und fast ganz im Dienste des Autoverkehrs. Ein kleines historisches Zentrum ist der Treffpunkt zwischen den dichtbevölkerten Arbeitervierteln in Ost-Amman - wo auch die meisten palästinensischen und syrischen Flüchtlinge leben - und dem weitläufigen, luxuriösen West-Amman, wo ausländische Botschaften, Privatschulen, Ministerien und Malls ihren Sitz haben und ein Espresso so viel kostet wie in London oder New York. Je weiter man sich in der Stadt nach Westen bewegt, desto größer werden die Villen und Gärten, desto mehr Range Rovers, Hummers und Mercedes SUV stehen auf den Straßen. Es gibt Viertel voller Delis, Eisläden und Cafés, aber ohne einen einzigen Bürgersteig."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - New York Review of Books

In der New York Review of Books zeichnet Jonathan Stevenson ein ziemlich gruseliges Bild von dem, was Amerika - und die Welt - erwarten könnte, wenn Donald Trump die Wahl verliert: Er ermuntert jetzt schon militante Gruppen wie die "Proud Boys", die "Three Percenters" und die "Patriot Prayer", Demonstranten der Demokraten oder von BLM zur Gewalt aufzustacheln, um dann gegen diese mit noch größerer Gewalt vorgehen zu können. Ein Bürgerkrieg also, in dem Trump zwar nicht auf das Militär setzen kann, aber auf staatliche Behörden "wie das FBI, das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, Customs and Border Protection, die Drug Enforcement Administration, Immigration and Customs Enforcement, den US Marshals Service, das Federal Bureau of Prisons und den obskuren Federal Protective Service - alle mit sehr unterschiedlichen Aufgaben und unzureichender Ausbildung für die städtische Polizeiarbeit. ... Darüber hinaus scheint der Federal Protective Service - eine Abteilung des Department of Homeland Security mit einem Jahresbudget von über einer Milliarde US-Dollar, der für die 'Kontrolle der Massen' in Portland und anderswo verantwortlich war - hauptsächlich mit externen Auftragnehmern aus privaten Militärunternehmen, das heißt mit Söldnertruppen, besetzt zu sein. Laut Berichten des US Government Accountability Office hat die Behörde in jüngster Zeit ihr Personal nur unzureichend überprüft, einige waren wegen Schwerverbrechen verurteilt worden oder hatten eine unzureichende Ausbildung im Umgang mit Schusswaffen."

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - New York Review of Books

Nirgends wurden versklavte Afrikaner grausamer und tödlicher ausgebeutet als auf den englischen Zuckerplantagen der Karibik. Fara Dabhoiwala zeigt, wie die englische oder schottische Aufklärung mit der Rechtfertigung der Sklaverei vor sich selbst einknickte: "Wichtiger noch als die Frage der Sprachmacht war im 18. Jahrhundert die Definition des Menschseins. Die Abolitionisten erklärten, dass die Eloquenz von Sklaven und Afrikanern ihren gleichen Rang als Menschen bewiesen, doch die meisten Europäer hielten es für selbstverständlich, dass schwarzes Sprechen von Natur aus minderwertig sei, wenn nicht tierisch. Als 1753 der Philosoph David Hume beweisen wollte, dass 'Weiße' allen anderen menschlichen 'Arten' überlegen seien, griff er beherzt zu einem westindischen Beispiel, das eigentlich das Gegenteil bewies: 'In Jamaika sprechen sie von einem Neger, als hätte er Stimme und Verstand; aber er wird wohl für eine recht dürftige Fähigkeit bewundert, wie ein Papagei, der ein paar Wörter hintereinander sagen kann.' Eine schwarze Stimme konnte nicht mehr sein als rohes Geschrei. Auf derartiges Denken stützte sich die Akzeptanz des Sklavenhandels. Auch wenn Hume es nicht einmal für nötig hielt, den Namen des Mannes zu nennen, den er so verächtlich machte, handelte es sich bei ihm nicht um einen Sklaven, sondern einen ungewöhnlich privilegierten freien schwarzen Jamaikaner, Francis Williams, einen Mann von Besitz, der in London als Anwalt ausgebildet worden war, ein des Lateinischen mächtiger Poet und Mathematiker, der seinerseits Sklaven besaß. Da die Weißen auf den westindischen Inseln so erpicht darauf waren, die Unterscheidung zwischen Sklaverei und Freiheit synonym zu machen zu der zwischen Schwarz und Weiß, war es für sie äußert ärgerlich, wie einer führender Sklavenbesitzer beklagte, dass Williams nicht den Anstand besaß zu schweigen, sondern öffentlich darauf pochte, dass Hautfarbe nichts mit Intelligenz zu tun habe: 'Tugend und Verstand haben keine Farbe, auch nicht Kunst oder ein aufrichtiger Geist', schrieb er. Weiße Jamaikaner versuchten wiederholt, seine Stimme zum Schweigen zu bringen, doch niemals ganz erfolgreich. Als das Parlament der Insel ein Gesetz verabschiedete, dass seine Rechte stutzen solle, reichte Williams erfolgreich bei den englischen Behörden Beschwerde ein - als gebildeter, wohlhabender freigeborener Sklavenbesitzer."

Weiteres: Jonathan Freedland liest Neuerscheinungen zur politischen Desinformation, mit der vor allem Wladimir Putins Klickfabriken etliche Demokratien destabilisierte, darunter Thomas Rids "Active Measures" und Philip N. Howards "Lie Machines". In keinem Land zirkuliert so viel Desinformation wie in den Vereinigten Staaten, erschrickt Freedland: "Die USA wiesen den höchsten Stand an Informationsmüll auf, während der Präsidentschaftswahl 2016 lag das Verhältnis von seriösen Nachrichten und Infomüll, die bei Twitter geteilt wurden, bei eins zu eins."

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - New York Review of Books

In der neuen Nummer des Magazins versucht Namwali Serpell, mit Hilfe der 1978 entstandenen Fotografien von Ming Smith das Mysterium des 1914 in Alabama geborenen Jazzmusikers Sun Ra, geboren Herman Poole Blount, zu ergründen: "Sein Jazz oszilliert wild von Wirrwarr zu Melodie, reitet Dissonanzen in Harmonien, jagt dahin zwischen sprudelnden Noten und plötzlicher Stille - die Synkope, die einen Rhythmus zu einem Rhythmus macht. Sun Ras Kunst in all ihren Erscheinungen bietet diese Herausforderung für seine schwarzen Hörer: Wenn wir alle nichts sind, sondern nur Mythen, warum das nicht in Form übersetzen? Warum nicht glitzernde schwarze Materie erschaffen, glitzernde schwarze Materie sein? … Glaubte Sun Ra tatsächlich, er wäre früher einmal zum Saturn transmaterialisiert worden? Wollte er wirklich seine schwarzen Brüder und Schwestern retten, indem er sie ins All schickte? … Egal. Sun Ra hat niemals einen Rückzieher gemacht und erklärt, alles sei nur ein Witz gewesen. Mit seinen Strategien der Unterlassung verwandelte er einen 'Nigger' in einen 'farbigen Intellektuellen' in einen Gott, machte aus Luft Gold, wurde groß, lebender Mythos, Mensch unter Menschen, ein freundliches Prisma. Das ist es, was die schillernden dunklen Fotografien Ming Smiths von Herman Blount, Sonny, Le Sony'r Ra, Sun Ra enthüllen. Er ist der Junge, der 'Feuer' schrie, er ist das Feuer selbst, er ist das schimmernde Dazwischen."

Für einen musikalischen Einstieg: Sun Ra und sein Intergalactic Arkestra 1972:



Außerdem: Jason DeParle bespricht Bücher, die sich mit dem Problem der Kinderarmut befassen. Und Mark Mazower stellt Biografien über den marxistischen Historiker Eric Hobsbawm vor.
Stichwörter: Sun Ra

Magazinrundschau vom 23.06.2020 - New York Review of Books

Die amerikanischen Colleges waren einst eine egalitäre Kraft, seufzt Jonathan Zimmerman, heute verstärken sie noch die sozialen Unterschiede. Dass hier Eliten reproduziert werden, können weder die wenigen Stipendien für ärmere Studenten verschleiern noch die gern zelebrierte Diversität: "40 Prozent aller Undergraduates gehen vorzeitig ab. 34 Millionen Amerikaner, mehr als ein Prozent der Bevölkerung, haben ihr College ohne Abschluss, aber mit Schulden verlassen. Sie werden doppelt so häufig arbeitslos wie Studierende mit Abschluss, und viermal häufiger können sie ihre Kredite nicht zurückzahlen", schreibt Zimemrmann: "Die Studienkredite in Amerika überstiegen kürzlich 1,5 Billionen Dollar. 22 Prozent der Schuldner sind in Verzug. Die Zahl wird sich noch erhöhen, da die Trump-Regierung Restriktionen für profitorientierte Colleges gelockert hat, deren Studenten die höchste Verzugsrate überhaupt haben. Selbst wenn sie nicht säumig werden, können verschuldete Studenten seltener ein Haus kaufen, auf weiterführende Unis gehen und für die Rente sparen, dafür müssen sie häufiger Heirat und Elternschaft hinausschieben, wie der Ökonom und frühere College-Präsident James V. Koch in seinem Buch 'The Impoverishment of the American College Student' schreibt. Die Schuldenlast drückt am schwersten auf Nichtweißen, besonders auf Frauen. Vier von fünf schwarzen Amerikanern schließen ihr College verschuldet ab, im Durchschnitt tragen sie siebzig Prozent mehr Schulden als weiße Studenten. Das liegt auch daran, dass sie häufiger profitorientierte Einrichtugnen besuchen. Wie Tressie McMillan Cottom in ihrer Studie 'Lower Ed' schreibt, studieren dort mehr arme schwarze und lateinamerikanische Frauen als an allen staatlichen und privaten Colleges zusammen. Eine sinnvolle Wahl für sie, denn die profitorierntierten Schulenhaben das Beantragen von Krediten vereinfacht: Das Geld kann auch für die Miete, Kinderbetreuung und tausend andere Kosten genutzt werden, mit denen arme Amerikaner zu kämpfen haben."

Kann man Donald Trump mit seinen Fantasien von Reinheit und Größe, der Dämonisierung seiner Gegner und seinem Hass auf die freie Presse und alles Intellektuelle als Faschisten bezeichnen? Kann Amerika überhaupt faschistisch sein? Und wie sähe ein amerikanischer Faschismus aus? In einem dramatischen Artikel blickt Sarah Churchwell auf die dreißiger Jahre zurück, als Lynchmorde, Ku-Klux-Klan-Terror und die SA-ähnlichen Paradetrupps von Louisianas Senator Huey Long eine Ahnung davon gaben: "Samuel Moyn argumentierte kürzlich gegen einen Vergleich des Trumpismus mit dem Faschismus, weil seine Politik tief in der amerikanischen Geschichte wurzele. Es brauche keine Analogien zu Hitler, um diese zu erklären. Aber eine solche Argumentation geht davon aus, dass der Faschismus nicht seine eigenen tiefen Wurzeln in Amerika haben könnte. Es ist zweifelhaft - um nicht zu sagen exzeptionalistisch - zu glauben, dass alles, was genuin amerikanisch ist, nicht faschistisch sein kann. Fachleute wie Robert O. Paxton, Roger Griffin und Stanley betonen seit langem, dass der Faschismus seinen Anhängern niemals als etwas Fremdes erscheint: Seine Behauptung, für das Volk zu sprechen und nationale Größe wiederherzustellen bedeutet, dass jede Version von Faschismus seine eigene lokale Identität hat. Wer glaubt, dass eine nationalistische Bewegung nicht faschistisch sei, weil sie im eigenen Land entstanden ist, verkennt den entscheidenden Punkt."

Weiteres: Jessica Riskin besteht auf dem Fünfklang der wissenschaftlichen Methode, der aus "Beobachtung, Hypothese, Vorhersage, Experiment und Bestätigung" bestehen kann oder aber aus "Vergleich, Formalisierung, Analogie, Interpretation und Veranschaulichung". FintanO'Toole widmet sich der Clankriminalität in Washington.

Magazinrundschau vom 26.05.2020 - New York Review of Books

Wie konnte Amerika nur so ein unglückliches Land werden, fragt die Schriftstellerin Marilynne Robinson in einem großen Abgesang auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Löhne sinken, die staatlichen Schulen und Universitäten verlieren an Unterstützung, die Lebenserwartung für Weiße sinkt. Immer weniger Amerikaner glauben noch, dass es ihren Kindern besser gehen wird, kaum jemand glaubt noch an die amerikanischen Ideale: "Das Coronavirus kann sich möglicherweise abschwächen, vielleicht kann es behandelt werden. Aber ein Niedergang an Hoffnung und Sinn ist eine Krise der Zivilisation, die Nachdenken erfordert und eine eingehende Sorge um das Wohl der gesamten Gesellschaft und ihren Platz in der Welt... Die Vereinigten Staaten zogen Millionen von Einwanderern an. Sie schufen großartige Städte und Institutionen wie auch eine unverwechselbare Kultur, die in der ganzen Welt Einfluss genoss. Bis vor kurzem brachten sie gerechte, anständige Regierungen hervor, die einigermaßen plausibel den Idealen einer Demokratie gerecht wurden. Das ist die bescheidene Beschreibung jener Energien, die Generationen bewegt haben. Optimismus ist immer die oberste Rechtfertigung der eigenen Existenz. Er scheint naiv, bis er nicht mehr da ist. Der Glaube, dass die Dinge besser werden, und die Erwartung, dass sie es sollten, schaffen aber erst den gesellschaftlichen Nährboden, auf dem Fortschritt entsteht."

Ein Grund könnte die miserable Ernährung sein. "Hoch stapeln und billig verkaufen", lautet die Devise der amerikanischen Nahrungsmittelindustrie, doch in der Coronakrise offenbaren Michael Pollan nicht nur zusammenbrechende Lieferketten, massenhafte Erkrankungen in den Schlachthöfen und kilometerlange Autoschlagen vor Essenstafeln die Mängel der Branche. Verheerend sei auch eine industrielle Landwirtschaft, die vor allem auf dem Anbau von Mais und Soja beruht: "Was wir anbauen, ist nicht unbedingt Essen, sondern Futter für Tiere oder Grundstoffe, die zu Fastfood, Snacks und Limonaden verarbeitet werden können, fruktosehaltiger Maissirup. Während einige Bereiche der Landwirtschaft während der Pandemie ums Überleben kämpfen, werden die Mais- und Sojaernten vermutlich mehr oder weniger unbeschadet bleiben. Das liegt daran, dass sie wenig Arbeitskraft benötigen, meist nur einen einzigen Farmer auf einem Traktor, der allein Hunderte von Hektar ernten kann. Solche Nahrung wird als letzte aus den Supermärkten verschwinden. Leider macht uns dieses Essen (ebenso wie viel Fleisch und wenig Obst und Gemüse) anfällig für Fettleibigkeit und chronische Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes Typ 2. Aufgrund dieser Risikofaktoren wird ein mit Covid-19 infizierter Mensch sehr wahrscheinlich mit einem schweren Krankheitsverlauf im Krankenhaus enden. Das Center für Disease Control and Prevention berichtet, dass 49 Prozent aller im Krankenhaus Behandelten unter Bluthochdruck litten, 48 Prozent waren übergewichtig und 28 Prozent hatten Diabetes."

Angesichts einer weiteren drohenden Krise empfiehlt Francesca Mari Aaron Glantz' "Report "Homewreckers", der rekonstruiert, wie die Politik nach der Finanzkrise die Banken rettete, aber Millionen von Hausbesitzern in den Ruin trieb, deren Immobilien sich dann Investoren unter den Nagel reißen konnten: "Diese Politik verschafften Unternehmen nicht nur die finanziellen Anreize für Zwangsvollstreckungen, sondern ermöglichte auch einen riesigen und anhaltenden Wohlstandstransfer von Hauseigentümern zu privaten Investoren, wobei Tausende von Eigenheimen in Mietobjekte verwandelt wurden, die über dem Marktwert vermietet werden."

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - New York Review of Books

Mehrere Bücher sind jüngst über Franz Boas und die von ihm gegründete Schule der Anthropologie erschienen, zu der Margaret Mead, Zora Neale Hurston und Ruth Benedict (also nebenbei eine Menge Frauen) gehörten. Boas, der in Deutschland aufgewachsen war und in Heidelberg und Kiel studiert hatte, bevor er 1886 nach Amerika ging, und schließlich an der Columbia University lehrte, hat zwar noch im Auftrag der amerikanischen Regierung Schädel vermessen, um rassische Differenzen zu sondieren - aber er war einer der ersten, der die komplette Fruchtlosigkeit solcher Studien erkannte und sich gegen einen "wissenschaftlichen" Rassismus wandte. Kwame Anthony Appiah bespricht drei Bücher über Boas und seine Schule, darunter ist das wichtigste, Charles Kings "Gods of the Upper Air - How a Circle of Renegade Anthropologists Reinvented Race, Sex, and Gender in the Twentieth Century", schon auf Deutsch erhältlich. Er schildert Boas' heroischsten Moment: "Im Jahr 1925, nachdem der Johnson-Reed Act eine Beschränkung 'nicht nordischer' Immigration verfügt hatte, veröffentlichten Boas und einige seiner Schüler - darunter Melville Herskovits und Edward Sapir - eine Serie kraftvoller Essays in The Nation, in denen sie den wissenschaftlichen Rassismus entlarvten und kritisierten. Diese Interventionen veränderten das intellektuelle Klima. Thomas F. Gossett übertrieb in seiner klassischen Studie "Race - The History of an Idea in America" (1963) nicht, als er schrieb: 'Das wichtigste Ereignis, das sich der Flut des Rassismus in den zwanziger Jahren entgegenstellte, war ein Mann, der ruhig fragte, wo denn der Beweis sei, dass 'Rasse' Mentalität und Temperament festlegt."

Kings Buch wird zeitgleich auch von Jennifer Wilson in The Nation besprochen, für die Boas' und Meads Anthropologie leider eine kulturalistische Kehrseite hat: "Auch wenn ihre Befunde als revolutionär gelten - sowohl für die Sozialwissenschaften als auch für das allgemeine Publikum - sie legten doch die Basis für einen neuen, linksliberalen Rassismus, der mehr auf kulturelle als auf physiologischen Differenzen basierte."