Magazinrundschau - Archiv

The Spectator

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Magazinrundschau vom 03.09.2019 - Spectator

Viele Briten haben genug von Brexit-Diskussionen. Sie wollen jetzt aus der EU aussteigen, egal wie, und die Sache hinter sich bringen. Aber es ist eine Illusion, zu glauben, ein "No deal"-Austritt würde wenigstens einen sauberen Bruch bedeuten, wie Boris Johnson behauptet, erklärt Ivan Rogers, ein langjähriger Staatsbeamter, der Britannien zwischen 2013 und 2017 in der EU vertreten hat, seinen Landsleuten. Diese Vorstellung "ermutigt eine Öffentlichkeit (in der viele verständlicherweise die Nase voll haben vom Spiel der Politik) zu glauben, dass ein 'Abschluss' nur wenige Wochen entfernt sein könnte. Aber das ist völlig irreal. Die Realität eines 'no deal' ist, dass alle ungeklärten Fragen über unsere zukünftigen Beziehungen zur EU ungelöst bleiben und nicht einmal sicher ist, ob es danach überhaupt Verhandlungen zur Lösung dieser Probleme geben wird. Es wäre also nur der Anfang und nicht das Ende. Die von den Ministern propagierte Vorstellung, dass die Unternehmen nach einem 'No Deal'-Ausstieg in acht Wochen endlich die 'Klarheit' und 'Gewissheit' haben würden, die sie benötigten, ist lächerlich. Sie wüssten nicht einmal, ob es irgendeine Art von Präferenzabkommen (mit anderen Worten, eins, das wesentlich über die WTO-Verpflichtungen hinausgeht, aber wesentlich weniger tief geht als die Mitgliedschaft im Binnenmarkt und in der Zollunion und damit weniger Handelsvolumen mit dem Kontinent liefert, als wir es jetzt haben) mit unserem größten Handelspartner geben wird, geschweige denn, welche Art von Abkommen und wann."

Fraser Nelson, der Boris Johnson eigentlich für einen Guten hält, der nach dem Brexit mehr Globalisierung und Freihandel will, nicht weniger, hört beim Premier in jüngster Zeit einen "subtile, aber unwillkommene Änderung des Tons" heraus. In welche Richtung marschiert Johnson denn nun eigentlich, fragt er sich verwirrt. "Wir haben auffallend wenig über seine Vision von einem 'globalen Brexit' gehört, sein großes Thema als Außenminister war und seine angebliche Agenda für die Zeit nach dem 31. Oktober. Oder von seinem Versprechen eines 'liberalen Konservatismus', eine Waffe, die - versicherte er den Abgeordneten - sie vor der gelben Gefahr einer Renaissance der Liberaldemokraten retten würde. Seine Hauptpriorität ist es, Wähler von Nigel Farages Brexit-Partei zu gewinnen, und das erfordert eine andere Taktik. Statt des liberalen Toryismus hören wir also von Plänen, Menschen länger einzusperren und dafür mehr Gefängnisse zu bauen. Die Wähler der Brexit-Partei strömen zu den Tories, die nun über eine komfortable Mehrheit verfügen. Und es gibt noch mehr. Vor einigen Wochen wurde angekündigt, dass die Freizügigkeit, das visafreie System, das alle EU-Bürger überall auf dem Kontinent frei leben und arbeiten lässt, am 31. Oktober um 23.00 Uhr endet. Wodurch wird sie ersetzt? Die Regierung hat sich nicht entschieden. Das hat Millionen von Menschen in Unsicherheit und Panik versetzt: Was wird mit ihnen geschehen? Und ihren Kindern in der Schule hier?"

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Spectator

Gesetze gegen Hate Speech? Bloß nicht, denkt sich die amerikanische Autorin Lionel Shriver und empfiehlt den Briten (ebenso wie den Franzosen), sich ein Beispiel am amerikanischen Supreme Court zu nehmen, der - in Gestalt von Richter Samuel Alito verkündete, dass die Meinungsfreiheit in ihrer stolzesten Form die Freiheit verteidigt, eine Meinung zu verkünden, "die wir hassen". Und: "Jetzt, da sich jedermanns Anspruch auf 15 Minuten Ruhm über Jahre erstreckt, hat das digitale Zeitalter uns gezeigt, dass die Ergüsse unserer Mitmenschen schrecklich sind. Das Geschrei des Internets enthüllt die deprimierende Verbreitung von Unwissenheit, Neid, Bitterkeit, Groll, Bosheit, Vorurteilen und Dummheit in unserer Mitte. Widerwillig denke ich, dass ich lieber über all das Gift da draußen Bescheid wissen möchte, als die Welt in wahnhafter Unschuld zu durchstreifen".

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - Spectator

Dass Quentin Tarantino nicht nur den räudigen B- und C-Genres aus den Bahnhofskinos der 70er huldigt, sondern auch ehrfürchtig zu den großen Italowestern-Opern von Sergio Leone aufblickt, weiß man allerspätestens seit "Inglourious Basterds", dessen Inszenierung deutlich von Leones Ästhetik beeinflusst war und für dessen Soundtrack der Regisseur sich ausgiebig in Ennios Morricones Fundus bedient hatte. In einem Essay für den Spectator erläutert Tarantino seine Leidenschaft für den italienischen Regie-Großmeister nun genauer - wie stets beim hyperaktiven US-Filmemacher nicht unbedingt allzu tiefgründelnd und mitunter auch in Sichtnähe zum Klischee, aber ein paar schöne Beobachtungen finden sich eben doch: "Designer Carlo Simi ist ein unbesungenes Genie - Leones Geheimwaffe, genau wie Ennio Morricone. Die Sets und Kostüme in den amerikanischen Western der späten 60er waren nichts besonderes: Die Kostüme kamen stets aus dem Fundus des Studios, für das eben gerade gedreht wurde. Carlo Simi hingegen schuf Outfits mit einem Elan wie aus einem Comicheft und das manchmal ganz buchstäblich - einer der drei Sergios blätterte einmal durch einen Comic und rief aus: 'Hey, verpass' ihm so einen Umhang!' Diese verrückten Kostüme erledigen die halbe Charakterarbeit, egal, ob es sich dabei um die Schurken, Helden oder Abenteurer handelt. Leone bezeichnete sie einmal als Ritterrüstung. Und aus ihnen spricht der popkulturelle Zeitgeist. Die Staubtücher in 'Spiel mir das Lied vom Tod' sind genauso zeitlos wie die Trenchcoats bei Melville. Spricht man über Leones Western, dann spricht man über das beste Produktionsdesign, das beste Kostümdesign und über die Filme mit den besten Requisiten aller Zeiten. Es gibt einfach nichts Vergleichbares."

Unten eingebettet: Ein kleines Tributvideo zu Ehren von Carlo Simi. Außerdem der Hinweis, dass Tarantino im Blog seines Kinos in Los Angeles regelmäßig über die Filme schreibt, die er dort handverlesen präsentiert (leider kann man keine Autorenprofile verlinken - aber mit einen bisschen Scrollen findet man rasch die entsprechenden Einträge).

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Magazinrundschau vom 26.06.2018 - Spectator

Der afroamerikanische Philosophiestudent Coleman Hughes reitet eine scharfe Attacke gegen die Verfechter von Quoten und "Vielfalt". Ersteres findet er schlicht rassistisch und letzteres heuchlerisch: "Warum sehen wir die aufgeladensten Forderungen nach Vielfalt und Sensibilität gerade an Orten, die bereits am vielfältigsten und sensibelsten sind? ... Befürworter der Vielfalt gehen nicht dorthin, wo sie am meisten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sie am mächtigsten sind. Wenn amerikanische Institutionen weiterhin die falschen Götter der Vielfalt und Inklusion anbeten, dann werden wir 'Rasse' nie vergessen können. In der Tat haben die Progressiven in den USA die Diskussion über Rasse gekapert, so dass selbst die Formulierung 'ohne Ansehen der Rasse' jetzt wie eine malerische Plattitüde aus einer vergangenen Ära klingt - selbst für diejenigen, die wie ich glauben, dass es das einzig erstrebenswerte Ziel ist. Martin Luther King sprach von einem Traum, dass seine vier Kinder 'eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden'. Dieser Traum rückt immer weiter weg, während die Agenda der Vielfalt die Rassendiskriminierung für das 21. Jahrhundert in Schwung bringt."

Magazinrundschau vom 20.06.2017 - Spectator


Luisa Casati im "Brunnen-Kostüm" von Paul Poiret in den 1910ern

Und noch drei Ladies, die durch ihr extravagantes Äußeres Furore machten: Luisa Casati, Doris Castlerosse und Peggy Guggenheim, denen Judith Mackrell gerade ein Buch gewidmet hat. Die drei kannten sich nicht, schreibt Sofka Zinovieff, aber sie wohnten alle drei zu verschiedenen Zeiten im selben venezianischen Palazzo: "Sie bilden ein großartiges Trio. Alle drei Frauen kamen hier nach Krisen und gescheiterten Ehen und machten den Palazzo zu ihrer persönlichen Bühne, mit Venedig als perfektem Hintergrund. Traditionell tolerant gegenüber dem Karnevalesken und erotisch Kühnem erlaubte es ihnen diese 'der See entsprungenen' Stadt, große exotische Fische in einer kleinen Lagune zu sein. Während Luisa Casati in der gotischen Belle Epoche ein lebendes Kunstwerk wurde, nutzte Doris Castlerosse ihren sexuellen Glamour, während der glänzenden 1930er Jahre so viele Juwelen einzusammeln wie möglich. Peggy Guggenheim war auch eine Sammlerin von Liebhabern, aber eine, die Kunst und Leben vermischte, bis ihr Zuhause zu einer erstaunlichen Galerie geworden war."

Magazinrundschau vom 16.05.2017 - Spectator

Norman Lebrecht erzählt - leider nicht ausführlich genug - die sehr sehr traurige Geschichte des Emil Gilels, der ein großartiger Pianist war (unvergleichlich seine Aufnahme der "Pathétique") und doch auf ewig vom noch großartigeren Swjatoslaw Richter überstrahlt werden wird. Gilels war ein Mann des Regimes, wo Richter sich nicht einfangen ließ. Und doch litt Gilels vielleicht noch mehr unter Stalin und seinen Nachfolgern, weil auch er bespitzelt wurde - von seinem Schwager Leonid Kogan, einem "phänomenalem Geiger": "Mstislaw Rostropowitsch, der mit Kogan und Gilels in einem Trio spielte, brach mit der Gruppe, als er erfuhr, dass der Geiger auf einer ihrer Tourneen ein Dossier zusammenstellte. Andere Musiker lernten, auf ihre Worte zu achten, wenn Kogan in der Nähe war. Der arme Gilels musste selbst in der Intimität seiner Familie jedes Wort auf die Goldwaage legen. Für ihn gab es keinen Platz, den er sicher nennen konnte."

Hier spielen Gilels, Kogan und Rostropowitsch:

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - Spectator

Der Streit um Dana Schutz' Gemälde hat eine Menge Artikel ausgelöst. Herausgegriffen sei eine ästhetische Kritik am Gemälde, die eine sinnvolle Diskussion jenseits der (anti)rassistischen Attacke Hannah Blacks ermöglicht. Jacob Willer bekennt, dass er Schutz eigentlich schätzt. Aber nicht so "Open Casket". Die Provokation des Bildes geht für ihn nicht von "Kultureller Aneignung" aus: "Es mag viel eher Schutz' Kunstfertigkeit - oder Gekünsteltheit - sein, die beleidigt: In ihrem verzerrten Pinselstrich findet sich ein klares stilitisches Echo Francis Bacons, und die Verletzungen in Tills Gesicht als Gelegenheit für ein Experiment in modernem Stil zu nutzen - das ist wirklich impertinent. Ich wünschte nur, wir würden uns mehr über solche selbstbezügliche Stilisierung Gedanken machen und darüber dass Kunstfertigkeit ein Hindernis für echte künstlerische Auseinandersetzung sein kann."

Auß0erdem wendet sich Mary Wakefield im Spectator gegen die "mad, bad crusade against 'cultural appropriation'".

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Spectator

Als Boko Haram in Nigeria 300 christliche Schulmädchen entführte und versklavte, wurde die Welt einen Twittersturm lang kurz wachgerüttelt. Jetzt sind die Christen in Nordnigeria wieder vergessen, schreibt Douglas Murray, obwohl weiterhin ein christliches Dorf nach dem anderen überfallen wird: "Für die Außenwelt liegt das, was den Christen in Nordnigeria widerfährt, jenseits unserer Vorstellung und unserer Interessen. Diese Dörfer, jedes mit seinem eigenen 'höchsten Führer', wurden im 19. und 20. Jahrhundert von Missionaren bekehrt. Aber jetzt spüren diese Christen, vom Bischof abwärts, dass sie unsympathische Figuren geworden sind, gar eine Peinlichkeit für den Westen. Die internationale Gemeinschaft gibt vor, die Situation sei ein 'Wie du mir, so ich dir'-Problem und nicht eine einseitige Abschlachterei. In Nigeria berichtet die Presse entweder gar nicht, oder sie vernebelt absichtlich die Situation."

Magazinrundschau vom 15.12.2015 - Spectator

Ahmed Raschids Analyse der Situation in Afghanistan scheint Meek zu bestätigen: Nach fünfzehn Jahren Besatzung und Milliarden Hilfsgeldern rücken die Taliban wieder vor. "Eine schwache Regierung in Kabul war unfähig zur politischen Einigkeit. Die Taliban leben wieder auf, während andere, ähnliche Gruppen einen großen Teil der afghanischen Provinz kontrollieren. Und das - mit dem potentiellen Verbreitungsfaktor Isis - bedeutet, dass Afghanistan heute vielleicht schlechter dran ist als 2001, als die fremden Streitkräfte intervenierten. Sie werden über dieses Problem nur sehr wenig lesen, denn Afghanistan wird heute von den meisten westlichen Führern als altes Problem betrachtet, eins, das ihre Vorgänger verfolgte, und mit dem sie nichts zu tun haben wollen. Aber Sie können sich darauf einstellen, im nächsten Jahr mehr über Afghanistan zu hören, denn die schlimme Situation dort wird immer schlimmer."

Magazinrundschau vom 20.01.2015 - Spectator

Kraftwerk haben die moderne Popmusik mehr geprägt als jede andere Band. William Cook staunt über eine Zeit, als Deutschland noch keine Angst vor neuer Technologie hatte: "Seit dem Start vor 45 Jahren war Kraftwerks Einfluss überall zu spüren, in jedem Pop-Genre, das man sich vorstellen kann - und einige, bei denen man es nicht kann. David Bowie war der erste in der Reihe, mit seinem Album "Heroes" 1977 machte er Kraftwerk-Gründer Florian Schneider groß. New Order nutzten Schneiders Musik für ihre Synthesizer-Hymne "Blue Monday", REM ist eine von Hunderten von Gruppen, die dem Zug folgten. HipHop, House und Techno sind ohne Kraftwerk unvorstellbar. Sie waren die erste Band, die sich moderne Technologie zu eigen machten - nicht nur mit den eingesetzten Instrumenten, sondern auch in den Themen ihrer Songs."

In der Titelgeschichte überlegt Qanta Ahmed, wie man den Islam von den Islamisten befreien kann.