Magazinrundschau

Benny Lai: Der Geruch der Priester ist unergründlich

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
03.07.2007. Foglio erschnuppert den Geruch der Priester. Der Merkur analysiert den Opfernationalismus in China. Die London Review erinnert an das Ereignis in China, dessen Name nicht genannt werden darf. Der New Yorker schreibt über die Frage, die sich Jean Sibelius einmal zu oft gestellt hat. Outlook India wirft Salman Rushdie ein übersteigertes Interesse am Küssen vor. Die Gazeta Wyborcza versucht, die Grenzen der antideutschen Phobie auszuloten. Die New York Review of Books beschreibt Putins Waffen der Wahl für die Presse. Nepszabadsag sorgt sich um die Überalterung Osteuropas. Al Ahram verzweifelt an der arabischen Welt. Die Weltwoche bescheinigt Hillary Clinton die Emotionalität einer Parkuhr.

Foglio (Italien), 30.06.2007

Benny Lai war von 1951 bis 1978 Korrespondent im Vatikan. Nur wenige kennen soviele Anekdoten und Geschichten aus dem kleinsten Staat der Welt. Stefano di Michele hat Lais Erinnerungen an "Il 'mio' Vaticano" sehr genossen und zitiert hier und hier ausgiebig daraus. "Wer von außen zum Vatikan kommt, dem erscheint er groß. Wer dort lebt, spürt genau das Gegenteil. Alle wissen, was Du machst, was Du isst, ob Du spät aufgestanden bist... Der Geruch der Priester ist unergründlich: es ist ein süßlicher, schläfriger Duft, ein wenig nach altem Fleisch und Körpersäften. Die Kleidung ist damit getränkt und wird so konserviert. Manchen Frauen gefällt das, es ist schließlich auch ein männlicher Duft. Wenn er nicht sein langes schwarzes Gewand trägt, bleibt dem Priester nur der Geruch seiner Kaste."
Archiv: Foglio
Stichwörter: Duft, Geruch, Vatikan

Merkur (Deutschland), 01.07.2007

Siegfried Kohlhammer beschreibt, wie Chinas KP den Nationalismus als ideologisches Mittel zur Unterdrückung der Opposition oder Abwehr der "geistigen Verschmutzung" durch westliche Ideen nutzt. Dabei werde aber nicht mehr - wie noch unter Mao - der siegreiche Kampf des chinesischen Volkes gegen den Imperialismus beschworen. "Der neue chinesische Nationalismus ist ein 'Opfernationalismus', um eine treffende Formulierung des südkoreanischen Historikers Jie-hyun Lim zu benutzen. Ein solcher Opfernationalismus sollte jedoch nicht mit einer pazifistischen oder passiv-nachgiebigen Politik verwechselt werden; er kann Ressentiments und Hass und den Wunsch nach Rache wecken und schüren sowie als aggressive Rechtfertigung der eigenen Politik, auch der eigenen aggressiven Politik, dienen: Können denn Opfer Unrecht tun?"

Weiteres: Der in Hongkong lehrende Soziologe Carsten A. Holz legt offen, wie sich seine Zunft der Chinawissenschaftler ideologisch und finanziell von den Pekinger Machthabern korrumpieren lässt. Karl Heinz Bohrer stellt klar, dass ein unabhängiger Geist nicht notwendig subversiv sein muss. Und in einer Ökologiekolumne prangert der Zoologe Josef Reichholf die Fremdenfeindlichkeit deutscher Biologen an, die durch die Einwanderung fremder Arten die heimische Artenvielfalt bedroht sehen: "Wo kann eine aktuelle Überfremdung drohen, wenn längst über 90 Prozent des Landes von Arten bedeckt sind, die von Natur aus dort gar nicht vorkommen würden?"
Archiv: Merkur

London Review of Books (UK), 05.07.2007

Chaohua Wang erinnert an das Ereignis, an das in China niemand erinnern darf: den Mord an den Tienanmen-Demonstranten. Wang erzählt eine bezeichnende Anekdote: "Am 4. Juni diesen Jahres trug sich etwas Seltsames zu. In Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sezuan, einer Stadt mit elf Millionen Einwohnern, konnte man in einer Abendzeitung die folgende Kleinanzeige lesen: 'Ein Salut auf die tapferen Mütter der Opfer des 4. Juni'. Einige Leser entdeckten die Anzeige, scannten sie und stellten sie ins Internet, wo sie sich rasch verbreitete. Die Behörden stellten sofort Nachforschungen an. Innerhalb weniger Tage waren drei Redakteure der Zeitung gefeuert. Wie war es gelungen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen? Die in den achtziger Jahren geborene junge Frau, die für die Kleinanzeigen zuständig war, hatte denjenigen, der die Anzeige in Auftrag gegeben hatte, angerufen und gefragt, worauf sie sich beziehe. Als man ihr sagte, es gehe um ein Minenunglück, hatte sie sie freigegeben. Sie hatte nie etwas von den Ereignissen des Jahres 1989 gehört. So frisst die Zensur ihre eigenen Kinder."

Weitere Artikel: Alastair Crooke sichtet neue Literatur zum Thema Palästina. Der selbst eminente und bald neunzigjährige Literaturwissenschaftler Frank Kermode hat sich durch einen Band mit Briefen des eminenten Forschers und Dichters A.E. Houseman gelesen, die offenkundig nicht zum Spannendsten der Briefliteratur gehören. Außerdem schlägt das Buch, wie Kermode klagt, von alleine zu, wenn man es loslässt. In den "Short Cuts" bespricht der Filmkritiker J. Hoberman Daniel Leabs Geschichte der Entstehung des Films "Animal Farm" nach dem Buch von George Orwell. In der Kunst-Kolumne informiert Peter Campbell über die Ausstellung "How We Are: Photographing Britain" in der Tate Britain.
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Magyar Narancs (Ungarn), 28.06.2007

Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat seit 1996 9.000 Stolpersteine in deutschen Ortschaften verlegt, die an die Menschen erinnern, die während des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Nun verlegt er die Steine auch in Ungarn. Szabolcs Molnar hat ihn auf seiner Reise begleitet: "In Szolnok blieb ein Greis neben uns stehen. Barna Szabo, für den wir gerade einen Stein legen, sei der interessanteste Publizist der Stadt gewesen, eine legendäre Figur der literarischen Kaffeehäuser und der beste Freund seines Vaters gewesen, sagte der Herr. In Szeged wurden wir von einer älteren Dame überrascht, die das Kunstwerk ergänzte, in dem sie plötzlich einen Kieselstein auf unseren gerade verlegten Stolperstein legte. Für sie, die Tochter des ermordeten Laszlo Müller, sei es ein ganz besonderes Geschenk, dass sie jetzt in der Stadt ein Stück Erinnerung hat." Nach den ersten 50 Stolpersteinen des deutschen Künstlers wollen Ungarn das Projekt übernehmen: "Die Stolpersteine müssen von der Baubehörde des jeweiligen Ortes genehmigt werden, was bis jetzt problemlos verlaufen ist. Aber die Bürokratie könnte das Engagement bremsen, befürchtet Laszlo Böröcz von der Galerie 2B, der ungarischen Partnerorganisation des Projektes.?
Stichwörter: Bürokratie, Stolpersteine

New Yorker (USA), 09.07.2007

In einem lesenswerten Essay porträtiert Alex Ross den finnischen Komponisten Jean Sibelius und seine Musik. "Komponieren ist vermutlich die einsamste aller künstlerischen Beschäftigungen. (...) Namenlose Schrecken schleichen sich in den Schwebezustand zwischen Komposition und Aufführung, solange eine Partitur stumm auf dem Tisch liegt. Hans Pfitzner hat diesen Moment der Panik und des Zweifels 1917 in seiner 'musikalischen Legende' über den italienischen Renaissancemeister 'Palestrina' dramatisiert. Die Figur des Palestrina spricht für Kollegen quer durch alle Jahrhunderte, wenn er seine Arbeit unterbricht, um zu schreien: 'Was soll das alles? Ach, wozu nur?' Jean Sibelius hat sich diese Frage womöglich einmal zu oft gestellt.?

Weiteres: In einer ausführlichen Reportage berichtet Jon Lee Anderson über den Opiumkrieg der Taliban in Afghanistan. David Sedaris räsoniert über ein Leben in einer Welt voller Antiquitäten. Zu lesen sind außerdem die Erzählung "If I Vanished" von Stuart Dybek und Lyrik von Clive James und Jean Sprackland. Louis Menand rezensiert eine Studie über das Wahlverhalten "The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Politics" (Princeton). Tim Parks bespricht die Biografie "Garibaldi: The Invention of a Hero" von Lucy Riall (Yale). Anthony Lane sah im Kino den Science-Fiction-Film "Transformers" von Michael Bay und Werner Herzogs "Rescue Dawn", eine fiktionale Fortsetzung seines Dokumentarfilms "Little Dieter Needs to Fly" über den deutsch-amerikanischen Kampfpiloten Dieter Dengler.

Nur im Print: ein Text von Orhan Pamuk über die Ankunft des Hot Dog in der Türkei und ein Bericht über einen rätselhaften Meteoriten in New Jersey.
Archiv: New Yorker

Outlook India (Indien), 09.07.2007

Priyamvada Gopal, Professorin für "postcolonial studies" in Cambridge, wirft Salman Rushdie vor, nur noch den Islamismus, aber nicht mehr den Westen zu kritisieren: "Als gäbe es nicht auch jüdische Fundamentalisten, die die gleichen Dinge hassen - und außerdem noch die Existenz der Palästinenser! Ist Amerika wirklich ein leuchtendes Beispiel für ein politisches Vielparteiensystem und eine verantwortliche Regierung? Rushdie erwähnt auf seiner Liste der 'wichtigen Dinge' eine 'gerechtere Verteilung der Ressourcen', aber er betont doch das 'Küssen an öffentlichen Plätzen, Schinkenbrötchen und topaktuelle Mode' - Dinge, die vor allem den Glitterati der Metropolen am Herzen liegen." (Diese Dinge liegen auch den Höhlenbewohner der Metropolen sehr am Herzen, wie eine spontane Umfrage in der Perlentaucherredaktion ergab.)
Stichwörter: Islamismus, Salman Rushdie

Gazeta Wyborcza (Polen), 02.07.2007

"Wo sind die Grenzen für die antideutsche Phobie der polnischen Regierung und ihrer irren Politik gegenüber dem bisher wichtigsten internationalen Partner?", fragt der Politologe Piotr Buras. "Während sich in Deutschland die Überzeugung durchsetzt, dass es eine antideutschere polnische Regierung in absehbarer Zeit nicht geben wird, können wir sicher sein, dass in den kommenden Jahren mit einer pro-polnischeren Regierung in Deutschland nicht zu rechnen sei. (...) Man kann nur hoffen, dass entweder unsere Regierung vernünftig wird oder dass bald jemand anderes regiert. Und dann werden die Deutschen sehen, dass man mit Polen doch vernünftig reden kann - über gemeinsame und gegensätzliche Interessen."

Philip Zimbardo, Autor des berühmten Gefängnisexperiments, hat ein neues Buch zum Skandal von Abu Ghraib geschrieben, das Artur Domoslawski bespricht. "In Abu Ghraib hatten die Befehlshaber und auf höherer Ebene die US-Regierung eine Situation herbeigeführt, in der nicht nur die Inhaftierten, sondern auch die Wärter zu Gefangenen wurden. Wer die Regeln macht, ist mitverantwortlich. Nur wurde keiner der Schöpfer des Systems je angeklagt." Das System, konkreter: der Druck von seiten der Vorgesetzten, die Verhörtechniken 'effizienter' einzusetzen, führte dazu, dass ganz normale Menschen zu Monstern wurden - das nennt Zimbardo den "Luzifer-Effekt".

Bauten der Moderne galten im post-1989 Polen als hässliches Erbe der kommunistischen Zeit. Erst langsam macht sich ein Bewusstsein für ihre kulturhistorische Bedeutung breit. Davon zeugt eine Ausstellung, die letzte Woche im Warschauer Zentrum für Zeitgenössische Kunst eröffnet wurde. Auf PR-Berater macht die Platte aber noch keinen Eindruck, erkennt Anna Zymer: "Die Ausstellung zeigt, wie das in Plattenbausiedlungen organisierte Leben die polnische Kultur beeinflusst hat. (...) Sie zeigt die 'Betonwüsten' als einen Schmelztiegel, in dem künstlerische Ideen entstanden und entstehen. Der fehlende Wille von Sponsoren, im Kontext der Ausstellung ihr Logo zu platzieren zeigt, dass das negative Stereotyp der Platte immer noch wirkt."
Stichwörter: Antideutsche, Mons, Logo

Al Hayat (Libanon), 01.07.2007

Mit Verbitterung schreibt die libanesische Kolumnistin Dalal al-Bizri über die Ereignisse in Gaza: "Die 'Sieges'-Feierlichkeiten gehen in unseren Ländern weiter. Jetzt ist Gaza an der Reihe. So sprach (der politische Führer der Hamas) Khaled al-Mashal aus Damaskus von einem 'Sieg des Islam' in Gaza. Einem Sieg durch Niedermachen, Zerstören, durch Gemetzel, durch das Runterstoßen der Menschen von Gebäuden, durch Angriffe auf die verbliebenen Christen und deren Kirchen." Im Unterschied zu vergangenen Erfolgen der Islamisten, die sich, wie die Nazis in Deutschland, durch Wahlen etablieren konnten, handle es sich bei der Machtübernahme der Hamas in Gaza nun um einen Putsch bewaffneter Milizen. "Was aber will die Hamas wirklich?", fragt Bizri und verweist auf ein Interview, welches Mahmoud Zahar, ein Führungsmitglied der Hamas, kürzlich Spiegel Online gab: "In dem Interview bestätigte er, das die Hamas 'natürlich einen islamischen Staat gründen' wolle, 'aber mit der Unterstützung des ganzen Volkes.' Dass heißt, nachdem man die Kontrolle über den Verstand und den Geist der Bevölkerung gewonnen hat."

Von der wachsende Bedeutung des Islam in den lokalen Kämpfen berichtet auch Muhammed al-Haddad: "In der Zeit des Kolonialismus war die Religion ein Faktor, der die Identität bewahren half, aber niemand strebte danach, nach dem Kolonialismus ein religiöses Emirat einzurichten. Die ausgegebene, vereinende Parole war 'Unabhängigkeit', ohne religiöse Programmatik. Es gibt nicht eine arabische Gesellschaft, deren Befreiung vom Kolonialismus von einer religiösen Bewegung verwirklicht worden wäre. Alle arabischen Gesellschaften wurden von politischen Bewegungen befreit, die unter der Parole der Einheit und der Zusammengehörigkeit der Nation angetreten waren."
Archiv: Al Hayat

Spectator (UK), 30.06.2007

Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe, der vor einigen Tagen den Man Booker International Prize erhalten hat, erzählt Clemency Burton-Hill von seiner besonderen Verbindung mit dem Spectator. "Ich arbeitete beim nigerianischen Rundfunk und hatte das Magazin abonniert. Eines Tages sah ich dort eine Anzeige für eine Firma, die Manuskripte abtippte. Ich hatte diesen Roman geschrieben, also schickte ich ihnen das einzige Exemplar auf der ganzen Welt. Ich hörte nichts von ihnen. Ich schrieb und schrieb und schrieb. Sie nahmen ihre Anzeige aus dem Spectator, was mir wirklich Angst machte. Glücklicherweise erzählte ich es meiner Chefin, einer tatkräftigen Engländerin. Sie fuhr im Urlaub zurück nach England, ausgerüstet mit Name und Adresse der Firma. Kurz darauf schickten sie mir mein Manuskript zurück. Der Roman hieß 'Things Fall Apart'."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Chinua Achebe, England

ResetDoc (Italien), 03.07.2007

Die neue Ausgabe von Reset.doc versammelt Beiträge einer Konferenz zu al-Dschasira und den neuen arabischen Medien vom Mai in Santa Barbara. Patricia Kubala widmet sich der Rolle der Religion in den ägyptischen Medien, die bei den staatlich-säkularen Sendern überhaupt nicht vorkommt, bei den privaten umso mehr. Fatwa-TV nennt sie die Sender, "in denen eine religiöse islamische Persönlichkeit, ob sie nun eine institutionelle Autorität genießt oder nicht, ihre rechtliche Meinung zu rituellen Praktiken oder alltäglichem Verhalten verbreitet. Diese Programme sehen meist so aus, dass eine religiöse Persönlichkeit Telefonanrufe oder E-Mails beantwortet, in denen Zuschauer Lösungen für individuelle Probleme suchen. Doch da diese Fragen in einem öffentlichen Raum gestellt werden, erwecken sie den Eindruck, als wären die Fragen nicht nur für den individuellen Frager von Bedeutung, sondern für die gesamte muslimischen Gemeinschaft."

Weitere Artikel: Courtney C. Radsch beschreibt die Vorreiterrolle von al-Dschasira bei der Etablierung staatsferner Medien. Schließlich gibt es auch einige Anmerkungen zum Thema von Yigal Carmon, einstiger Oberst bei der israelischen Armee und spätere Gründer des verdienstvollen Middle East Media Research Institute (Memri).
Archiv: ResetDoc

Point (Frankreich), 29.06.2007

In einem Interview spricht der kanadische Politologe und Philosoph Charles Taylor, dessen Theorien unter anderem auch Tony Blair und Bill Clinton inspiriert haben, über sein Kernthema, den Kommunitarismus. Auf die Frage, ob seine Formel von der "Suche nach sich selbst" nicht reiner Narzissmus sei, antwortet er: "Wie der deutsche Philosoph Herder schon im 18. Jahrhundert schrieb, will jedes menschliche Individuum entsprechend seinem eigenen Maßstab leben. Das ist, was ich 'Suche nach Authentizität' nenne. Das Problem dabei besteht nicht darin, zu bewerten, sondern realistisch zu sein. Meine These ist, dass wenn man unsere Gesellschaften verstehen will, man diesem Bedürfnis nach Authentizität Rechnung tragen muss. Nehmen wir noch einmal den Fall der Homosexuellen: Das Problem besteht nicht darin zu bewerten, ob es gut oder schlecht ist, dass ein Mann bis ans Ende zu seinem Verlangen nach einem anderen Mann steht. Das Wichtige ist, dass er das Recht einfordert, als solcher anerkannt zu werden. Er will nicht, dass die Gesellschaft ihn an seiner Identitätssuche hindert, und er ist bereit, dafür in seiner Gemeinschaft zu kämpfen."
Archiv: Point

New York Review of Books (USA), 19.07.2007

Jamey Gambrell beschreibt in einem Feature, wie Putin immer stärker versucht, die Medien in seinem Land mundtot zu machen: "Die Ermordung von Journalisten ist nur die sichtbarste Manifestation einer stetigen Kampagne gegen die Presse. Viel effektiver sind die wirtschaftlichen, rechtlichen und administrativen Maßnahmen, mit denen systematisch die Menschenrechte, die Arbeit von Informationen sammelnden Organisationen und anderen unabhängigen Mitgliedern der Zivilgesellschaft unterdrückt werden. Häufige Rechnungsprüfungen, teure und zeitaufwändige Registrierungen gehören zu den Waffen der Wahl. In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Razzien bei Nachrichtenorganisationen gegen 'illegale Software'; das obere Management wurde zwischen staatlich kontrollierten und 'privaten' Fernsehsendern ausgetauscht, Direktiven gaben vor, 50 Prozent positive Nachrichten zu präsentieren; es gab 'Stop-Listen' von Politikern und Aktivisten, die nicht öffentlich genannt werden dürfen, beendet wurden Live-Übertragungen und Talkshows."

Weiteres: In einem Essay zur Zukunft der Biotechnologie setzt Freeman Dyson große Hoffnungen auf diese Industrie, solange sie nicht auf große und zentralisierte Konzerne setzt. Außerdem schreiben in dieser literarischen Sonderausgabe etliche Schriftsteller über ihre lieben Kollegen: Anita Desai über Primo Levi, Al Alvarez über Ian McEwan, Tim Parks über Elfriede Jelinek, Hilary Mantel über Mischa Berlinski, Claire Messud über Andrew O'Hagan, Francisco Goldman über Roberto Bolano und Joyce Carol Oates schließlich über Amnesie-Romane.

Economist (UK), 29.06.2007

In seiner Titelgeschichte warnt der Economist davor, die Supermacht USA zu unterschätzen, auch und gerade im Vergleich mit dem aufstrebenden China: "Amerika wird es wahrscheinlich immer stärker mit China zu tun bekommen, ob es nun amerikanische Firmen aufkauft, olympische Goldmedaillen gewinnt oder Raketen ins All schießt. Einfach durch sein Wachstum stellt China ein Problem für die Pazifik-Politik dar. Das heißt aber alles nicht, dass es nun automatisch die USA überholen wird. Politisch ist es in fragilem Zustand und der Vorsprung der USA ist enorm. Darüber hinaus ist die Ökonomie kein Nullsummenspiel - bisher hat China eher zur Steigerung des amerikanischen Reichtums beigetragen."

Weitere Artikel: Ein neues Gebühren-Gesetz, erfahren wir, droht den Internet-Radiosendern der USA den Garaus zu machen. Außerdem geht es um die Zeitungspläne des französischen Tycoons Bernard Arnault, die Museen in Sarajewo und den traurigen Zustand des Dixieland-Jazz in New Orleans Besprochen werden unter anderem die englische Ausgabe von Papst Benedikts XVI. bzw. Josef Ratzingers Jesus-Buch und eine Biografie des großen Konservativen Sir Robert Peel. Angela Merkel bekommt für ihre Europa-Politik das Prädikat: "Meisterin in der Kunst des Möglichen."
Archiv: Economist

Nepszabadsag (Ungarn), 28.06.2007

Die osteuropäischen Länder dürften in zwanzig Jahren den höchsten Altersdurchschnitt der Welt haben, stellt eine Studie der Weltbank fest. Die Geburtenrate sinke so stark, dass die Wirtschaftsentwicklung der Region gefährdet sei. Der dramatische demografische Wandel Osteuropas stelle eine ähnlich große gesellschaftliche Umwälzung dar, wie die Wende von 1989, meinen die Autoren der Studie, Arup Banerji und Gordon Betcherman: "In den ehemaligen sozialistischen Ländern leben heute 400 Millionen Menschen. 2025 wird der Anteil der über 65-Jährigen unter ihnen viel höher sein, als heute. In den kommenden zwei Jahrzehnten wird die Bevölkerung fast um 24 Millionen Menschen schrumpfen... Die Situation ist weltweit einmalig, weil diese Länder eine viel schlechtere Ausgangsposition im Kampf gegen die Probleme ihrer alternden Gesellschaften haben als Westeuropa. Andere, ähnlich schnell alternde Länder der Welt müssen sich nicht gleichzeitig mit der Entwicklung moderner wirtschaftlicher und politischer Institutionen befassen."

Balazs Pocs spottet über die Filme, mit denen die EU-Kommission auf YouTube ein junges Publikum erreichen will: "Wer möchte ganze zehn Minuten lang über die Vorteile des Navigationssystems Galileo informiert werden, das später und teurer als geplant realisiert werden soll? Das Stück zum Klimawandel weckt ebenfalls wenig Begeisterung: In einer nachgestellten Reportage, die wohl lebensnah wirken soll, empfiehlt uns ein freundlicher Herr, nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Büro zu fahren... Die Filme der EU erinnern an die Filme in der Propaganda-Nachrichtenschau, die während des Sozialismus alle Kinobesucher über sich ergehen lassen mussten. Die Jugendlichen von heute können sich das kaum noch vorstellen. Schön, dass die EU ihnen unfreiwillig eine Reise in die Vergangenheit anbietet."
Archiv: Nepszabadsag

Al Ahram Weekly (Ägypten), 28.06.2007

Nach den Tagen der Gewalt in Palästina, Irak und Libanon legt der Politologe Amr Hamzawy, Fellow am Carnegie Endowment for International Peace in Washington, einen recht deprimierten Essay über die Chancen der Demokratie in den arabischen Ländern vor: "Unsere Gesellschaften sind wirklich in einer Krise. Sie schwanken zwischen Zögern und radikaler Entschlossenheit ohne jede Legitimität (Unterstützung durch die Bevölkerung) in Fragen, die für uns absolut wesentlich sind, wie die Beziehung zwischen Individuum, Gruppe und Staat, die Rolle der Religion in der Politik, die Definition einer bürgerlichen Orientierung für die Politik und - ganz grundlegend - ein System, um Mehrheiten und Minderheiten auszubalancieren. Hier ist die Dominanz einer extremen Kultur der Gewalt zugleich Folge und Ursache für die Unfähigkeit, Mechanismen einer friedlichen Konstruktion von Harmonie zu schaffen." Am beeindruckendsten der Schluss des Artikel: "Heute verweigert mein Geist die Suche nach analytischen Perspektiven oder Formulierungen, die auch nur die leiseste Hoffnung zurückbringen können."

Prospect (UK), 01.07.2007

Auf dem Titel des Magazins der neue Premier Gordon Brown, der als erster Intellektueller in diesem Amt seit, na ja, sehr langer Zeit, unter die Lupe genommen wird. John Lloyd zeigt sich durchaus beeindruckt von Browns Belesenheit - wenn sie auch nicht alle Gebiete umfasst. "Bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich ihn getroffen habe, empfahl ich ihm 'Der Leopard', den großen sizilianischen Nachkriegsroman von Giuseppe di Lampedusa, den ich gerade wiederlas. Brown grunzte und ging nicht darauf ein. Mir schien, dass Romane nicht zu den Dingen gehören, die ihn vordringlich interessieren."

In weiteren Artikeln zeichnet Daniel Johnson unter anderem ein sehr viel skeptischeres Bild der intellektuellen Fähigkeiten Browns und Iain McLean skizziert die britische Vorgeschichte Intellektueller an der Macht.

Weiteres: Ben Lewis denkt angesichts von Damien Hirsts diamantenbesetztem Schädel, den er sehr kritisch sieht, darüber nach, wie man heute "auf oberflächliche Weise oberflächliche von auf tiefe Weise oberflächlicher" Kunst unterscheiden kann und ob das überhaupt lohnt. Besprochen wird Ramachandra Guhas Buch zur Geschichte der jüngeren indischen Vergangenheit mit dem Titel "India after Gandhi". Ausschließlich online gibt es einen Nachruf auf den Philosophen Richard Rorty. Außerdem hat Prospect jetzt ein Blog mit dem Titel "First Drafts" (also: erste Entwüfe), in dem im ersten Monat seiner Existenz schon sehr viel los war.
Archiv: Prospect

Weltwoche (Schweiz), 28.06.2007

Ein wenig vorteilhaftes Bild zeichnet Beatrice Schlag von der "Auster" Hillary Clinton, die in ihrem Kampf um die amerikanische Präsidentschaft die "Emotionalität einer Parkuhr" verbreite. Von der Hingabe, mit der sie noch während der Lewinsky-Affäre für die Ehre ihres Mannes stritt, sei nichts mehr übrig: "Der Öffentlichkeit vom eigenen Mann als gutgläubige Idiotin vorgeführt zu werden, ist mehr, als die meisten Frauen aushalten. Nicht alle verstanden, warum sie bei ihm blieb. Aber es berührte jeden. Neun Jahre später ist Hillary Clinton eine erfahrene Senatorin und als erste Frau in den USA Favoritin für die demokratische Präsidentschaftskandidatur. Vor diesem nach dem Lewinsky-Skandal unvorstellbaren Comeback will man auch heute noch den Hut ziehen. Schwieriger geworden ist das Bewundern. In eigener Sache ist Hillary Clinton - elende und verbreitete Frauenkrankheit - so reserviert und spröde, wie sie im Einsatz für ihren Gatten rückhaltlos und leidenschaftlich war. Man hört und sieht ihr zu und spürt - nichts."

Das Autorenduo Sami Yousafzai und Urs Gehriger hat den neuen Militärchef der Taliban, Mansur Dadullah, aufgestöbert:, der sich im Interview nicht die Chance entgehen lässt, kräftig dem Westen zu drohen: "Auf einem steinigen Hausboden sitzend, hinter sich eine AK-47 an die Wand gelehnt, gelobt Mansur Dadullah, der sein Alter mit 35 Jahren angibt, das Werk seines Bruders weiterzuführen. Sein Bruder Mullah Dadullah war der legendäre 'Schlächter von Urusgan', der mit gefilmten Enthauptungen und Selbstmord-Attacken die Taliban wieder in die Schlagzeilen brachte. Nach monatelanger Jagd wurde er im Mai von Koalitionstruppen erschossen. Er werde eine neue 'Front von Selbstmordattentätern anführen', verkündet Mansur, an Freiwilligen mangle es nicht."
Archiv: Weltwoche

New York Times (USA), 01.07.2007

Die Autorin Martha Southgate überlegt in der Book Review, warum es so wenig erfolgreiche junge schwarze Schriftsteller in den USA gibt. Toni Morrison etwa habe ihren ersten Roman erst mit fast vierzig veröffentlicht. "Bis dahin hatte sie viele Jahre lang als Lehrerin und Lektorin bei Random House gearbeitet... Was hält uns also auf? Manchmal ist es einfach die ganz normale Schwierigkeit, Familie, Schreiben und Geldverdienen unter einen Hut zu bringen. Doch afroamerikanische Schriftsteller zeugen auch von einem größeren Problem, das man als interne oder kulturelle Sanktionierung bezeichnen könnte. Es ist einfach schwerer, sich für ein Leben als Schriftsteller zu entscheiden, wenn man kein finanzielles Polster oder keine lange Tradition besitzt, sich in die Boheme zu stürzen."

Weitere Artikel: Andrew Meier hat Anna Politkowskajas nun auch auf Englisch erschienenes "Russisches Tagebuch" gelesen, muss aber festellen, dass sie von ihrem Übersetzer und ihrem Lektor kaum besser behandelt wurde als von Putin. Besprochen werden unter anderem auch Mildred Armstrong Kalishs Erinnerungen an ihre Methodisten-Kindheit im Iowa der Großen Depression und Paul Colliers Vorschläge zur Bekämpfung der Armut "The Bottom Billion".

Im Magazin berichtet Jack Hitt, wie die Nasa mit Hilfe von Garagen-Bastlern versucht, ihrer Mondmission neues Leben einzuhauchen. In einem Wettbewerb hat sie fast alles ausgeschrieben, was man so braucht - vom fliegenden Auto bis zur Mond-Sonde. Als einen der Tüftler stellt Hitt den arbeitslosen Peter Homer aus Maine vor, der es mit seiner Erfindung auf ein Preisgeld von 200.000 Dollar gebracht hat: "Ein Raumschiff zu erfinden hatte Homer schnell ausschließen müssen, er entschied jedoch, dass die Erfindung eines neues Weltraum-Handschuhs im Bereich seiner Möglichkeiten lag... Das klingt zwar nicht nach der glamourösesten aller Aufgaben beim Entdecken unbekannter Welten, nicht einmal nach einem großen Problem. Doch ein solcher Handschuh geht mit vielen Widrigkeiten einher, die - wie ein Kieselstein im Schuh - ein Team im Weltraum halb wahnsinnig machen kann. Weil die Luft im Weltraum-Anzug unter hohem Druck steht, muss ein Astronaut jedes Mal, wenn er einen Muskel bewegt, den Widerstand des Anzugs überwinden. Und wenn es wie bei einer Hand um höchst präzise Bewegungen geht, sind die feinen Sehnen schnell erschöpft und die Finger wundgescheuert."
Stichwörter: Lektor, Toni Morrison, Nasa