Magazinrundschau - Archiv

Prospect

157 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 16

Magazinrundschau vom 17.04.2018 - Prospect

Maeve Marsden erinnert daran, dass Gin seit dem 18. Jahrhundert in Kampagnen gegen Alkoholismus feminisiert wurde, um das Skandalon des Trinkens zu vergrößern. Wenn von dem Schnaps als "Muttermilch", "Muttertränen" oder "Verderben der Mutter" gesprochen werde, so Marsden, verweist dies auf eine Propaganda, die immer wieder Gin-schwangere Frauen beschwor, die ihre Kinder im Rausch im Stich gelassen oder versehentlich getötet hätten, während über Missetaten von Seiten trunkener Väter Stillschweigen gewahrt wurde. Da stoßen ihr die neuesten Entwicklungen in Sachen Gin doch eher sauer auf: "Nicht nur hat der Gin seine Assoziation mit armen Frauen abgeschüttelt, er hat - vielleicht sogar genau deshalb - einen großen Marktwert entwickelt... Politisch und logistisch betrachtet, kann man das auf die Änderungen der Destillationsgesetzte in den vergangenen Jahrzehnten zurückführen, aber kulturell kann man eine Maskulinisierung dieser Sorte Schnaps beobachten, in deren Folge die Master Distillers - deren große Mehrheit männlich ist - als die James Bonds der Destillation vergöttert werden. Als Gin noch zu Hause von den Unterschichten hergerstellt wurde, war er ein Frauengetränk; jetzt, wo er angesagt ist, gehört er den Herren der Schöpfung. Er ist sogar so befreit von Weiblichkeit, dass 'Gin-Liebhaber' als Beschreibungsmerkmal genauso anerkannt ist wie Fan eines bestimmten Fußballvereins zu sein."
Stichwörter: Alkohol, Gin, Schnaps

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - Prospect

Sameer Rahim kommt, wenn auch aus einer anderen Richtung, zu einem ähnlichen Ergebnis wie Nedjib Sidi Moussa in Brooklyn Rail. Der Westen möchte bitte aufhören, Muslimen einen "moderaten" Islam vorzuschreiben. Der entwickle sich doch von ganz allein, glaubt er. Schließlich gebe es die unterschiedlichsten muslimischen Gesellschaften: "Es gibt zu viel Islam in den Studien über Muslime. Man sollte sich besser mehr auf die harten Themen konzentrieren: ökonomische Probleme, fehlgeschlagene Interventionen, Diktaturen, Ungleichheit, Klimawandel. All das trug zum Aufstieg des Islamischen Staates bei, Religion war kaum mehr als ein Anschubser. Entschärft man diese Probleme, gibt den Leuten verantwortliche Regierungen und die Chance auf einen Job, dann könnten gewalttätige religiöse Bewegungen, die vorgeben, Antworten bereit zu halten, ihre Anziehungskraft verlieren."

Außerdem: Lionel Shriver wehrt sich vehement gegen linke wie rechte Attacken auf die Meinungs- und Redefreiheit.

Magazinrundschau vom 19.07.2016 - Prospect

Die gerade in Großbritannien erschienene Sammlung "The Storyteller: Short Stories" mit fiktionalen Texten aus der Feder Walter Benjamins ist zwar in gewisser Hinsicht eine Mogelpackung, da der Philosoph und Essayist nicht besonders viele, im engeren Sinne belletristische Arbeiten hinterlassen hat, schreibt Adam Kirsch. Doch die im Band versammelten verstreuten Schriften kommen der Belletristik in Benjamins Werk noch am nächsten. Die Traumprotokolle zum Beispiel: Sie "entziehen sich der sprichwörtlichen Verschlafenheit anderer Leute, wenn Benjamin die unheimliche Art und Weise auf den Punkt bringt, in der Traum-Dinge sowohl sie selbst, als auch etwas völlig anderes sein können. ... Die Erscheinung Sowjet-Russlands in einem Spielzeug etwa ist auf surrealistische Weise evokativ. Sie vermittelt nicht nur die Tiefe des psychischen Engagement des Träumers in der Politik, sie stellt auch unbequeme Fragen danach, welchen ontologischen Status das kommunistische Utopia tatsächlich hat. Ist die UdSSR ein echter Ort oder bloß eine Projektionsfläche für Fantasien? Was versucht Benjamin, ein leidenschaftlicher, wenn auch exzentrischer Marxist, uns und sich selbst mit diesem Bild zu erzählen?"

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - Prospect

In Prospect erinnert Colm Toibin an James Baldwins Kurzroman "Giovannis Zimmer", der vor 60 Jahren erschien. Neben Werken von Henry James und Ernest Hemingway gehört dieser Roman in die Reihe amerikanischer Romane, deren Helden ihre Befreiung (oder eine Art von Befreiung) in Paris erleben. Baldwin hatte diesen Roman aus der Perspektive zweier homosexueller Weißer geschrieben. Der Kombination von afroamerikanischer und homosexueller Erfahrung fühlte er sich damals noch nicht gewachsen, schreibt Toibin. "Das Verschweigen und Enthüllen ist zentral für 'Giovannis Zimmer', während der Erzähler mal als heterosexuell erscheint, dann als homosexuell, dann als beides, immer sowohl vorbereitet wie unvorbereitet, sich oder seine Verwirrung durch einen Blick, ein Starren oder einen Moment klaren Erkennens preiszugeben. Diese Idee des Enthüllens und des Erkennens ist von besonderem Interesse, denn die Arbeit jedes Autors ist fast immer Maskerade. Ein Schriftsteller erfindet ein Double, jemanden, der dem Autor gleicht und sich dann wieder von ihm unterscheidet."

Magazinrundschau vom 25.08.2015 - Prospect

Jason Burke bezweifelt, dass es Glaube und Gewalt sind, die so viele für die Propaganda des Islamischen Staats empfänglich machen. Vielmehr sehnten sich die perspektivlosen jungen Männer nach der historischen Größe der ersten Kalifate, den Dynastien der Umayyaden und Abbassiden: "Viel Aufmerksamkeit wurde dem apokalyptischen Ton der IS-Rhetorik gewidmet. Auch wenn der zweifellos allgegenwärtig scheint, so ist doch das historische Element genauso mächtig und vielleicht noch weiter verbreitet. Filme über Kriegshelden der frühen islamischen Zeit, der Schlachten von Yarmuk oder Hattin, erreichen oft eine halbe Million Zuschauer auf YouTube. Die Lektüre eines inhaftierten IS-Kämpfers aus Indien bestand aus dem Koran und Biografien von Saladin und Khalid bin Walid, einem legendären muslimischen General des 7. Jahrhunderts. Das ist typisch. Wie bei allen militanten islamischen Gruppen, wählen sich die Rekruten fast alle Namen von bedeutenden Persönlichkeiten aus den ersten Jahrzehnten des Glaubens."

In einem großen Porträt Ai Weiweis, dem Londons Royal Academy eine ihrer seltenen Einzelausstellungen widmet, stellt Isabel Hilton klar, dass dessen Bedeutung nicht allein aus seinem Status als Dissident herrührt, sondern aus seiner künstlerischen Größe.

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - Prospect

Der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswany erklärt im Interview, warum seiner Ansicht nach das Militär eingreifen musste, als Präsident Morsi eigenmächtig die Verfassung ändern wollte und seine Gegner auf der Straße niederschießen ließ. Doch mit der jetzigen Regierung des Generals Abdel Fattah el-Sisi ist al-Aswany auch nicht einverstanden. "Unter Mubarak gab es keine Pressefreiheit. Man konnte nicht einen Artikel schreiben und einen Minister für etwas beschuldigen, ihm Gesetzesbruch vorwerfen oder seinen Rücktritt fordern. Aber unter Mubarak hatten wir immerhin die Freiheit zu reden. Der Deal war: Ich kann sagen, was ich will und Mubarak kann tun, was immer er will. Jetzt haben wir nicht einmal das. Man findet in den Medien kaum noch eine Möglichkeit eine Meinung zu äußern oder den Präsidenten zu kritisieren. Ich habe vor sechs Monaten meine wöchentliche Kolumne aufgegeben, weil keine Zeitung in Ägypten sie mehr tolerieren konnte."

Magazinrundschau vom 10.12.2013 - Prospect

In der Gesprächsreihe mit Kritikern trifft David Wolf diesmal auf Daniel Mendelsohn, der unter anderem für die New York Review of Books schreibt. Ein interessanter Einblick in die Schreibwerkstatt eines profilierten Literaturkritikers, der auch mit Ratschlägen für das akademische Curriculum nicht geizt: "Zunächst einmal denke ich, dass Studenten unter allen Umständen von der 'Theorie' ferngehalten werden sollten. Es sollte den Leuten nicht gestattet sein, das Wort 'Theorie' auch nur zu hören, bevor sie ihren Abschluss machen - aus dem guten Grund, dass es unmöglich ist, über Texte zu theoretisieren, bevor man nicht tief mit ihnen vertraut ist (...). Die Studenten sollte man lehren, das, was Texte sagen und wie sie es sagen, auf unverbildete Weise zu schätzen, damit sie dann lernen können, intelligent und klar darüber zu schreiben. Wenn man den Studenten ein Modell zur Auseinandersetzung mit Texten nahe bringen will, dann sollte es das der populären im Gegensatz zur traditionell akademischen Methode sein. Später dann, wenn sie Erfahrungen im close reading haben, wenn sie sich mit einer gewissen Anzahl von Werken auseinandergesetzt haben, sollte man ihnen die Theorie nahebringen. ... Das wäre aufregend. Doch die Eitelkeit von 19-Jährigen zu umschmeicheln, indem man sie denken lässt, sie wüssten irgendetwas von 'Theorie' bevor sie auch nur irgendetwas in angemessener Tiefe gelesen haben, erscheint mir reichlich aufgeblasen. Diese Herangehensweise hat eine ganze Generation von Akademikern hervorgebracht, deren Zugang zur Literatur verächtlich ist."

Magazinrundschau vom 26.11.2013 - Prospect

Andy Martin hat die freigegebenen FBI- und CIA-Akten über Jean-Paul Sartre und Albert Camus einem genauerem Blick unterzogen und dabei Bemerkenswertes festgestellt: Um sicherzugehen, dass es sich bei Existenzialismus und der Idee des Absurden nicht um codierte Umschriften kommunistischer Basistexte handelt, gerieten die Schnüffelbeamten im undercover besuchten Seminar selbst ins Philosophieren und wurden zu so etwas wie Neo-Existenzialisten: "Der Erzählkunst, der Philosophie und der Spionage ist ein gemeinsamer Ursprung eigen: Sie entstandenen aus einem Mangel an Informationen. Sartres Erwartung einer Welt der totalen Information hätte sie allesamt mit einem Schlag erledigt. An FBI, Schriftstellern oder französischen Philosophen bestünde kein Bedarf mehr. Existenzialismus und die Idee des Absurden bestehen auf einer Asymmetrie zwischen dem Sein und der Information. Agent James M. Underhill, der heldenhaft den sich entziehenden 'Albert Canus' verfolgte, brachte die Theorie mit einer klingenden Phrase auf den Punkt: 'Die Akte kommt zu keinem endgültigen Beschluss.'"

Außerdem philosophiert AC Grayling über Dimensionen und Definitionen der Armut und Charlotte McCann steht für die Skater im Gewölbe unter der Londoner Southbank ein, die dort einer weiteren Erschließung des Gebiets weichen sollen. Hier eine Kampagnenseite auf Facebook und eine automatisierte Bildstrecke auf flickr.

Magazinrundschau vom 15.10.2013 - Prospect

Frank Close freut sich über den Nobelpreis für Peter Higgs, der 48 Jahre warten musste, bis seine Theorie experimentell bestätigt werden konnte: "'Es ist leichter, Shakespeare oder Beethoven zu sein, als ein theoretischer Physiker', so stellte ich Higgs dem Publikum des Borders Book Festival in Melrose im Juni 2012 vor. Da ich mich in Schottland befand, mutmaßte ich, dass man selbst dann noch ein wundervolles Kunstwerk vor sich hätte, wenn man 'Macbeth' oder Mendelssohns 'Hebriden' geringfügig ändern würde. Tauschte man jedoch auch nur eine Handvoll mickriger Symbole in Peter Higgs' Gleichungen aus, kommen sie vollständig zum Erliegen. Seine Theorie ist aufregend konzeptionell, errichtet auf der Grundlage schöner mathematischer Strukturen. Hätte man hier eine Symphonie vor sich oder ein Werk der Literatur, hätte man ihren Wert schon vor Jahrzehnten erkannt. Doch der tatsächliche Wert einer physikalischen Theorie sollte nicht von der öffentlichen Meinung festgelegt werden, sondern auf Grundlage experimenteller Erprobung."

Außerdem erklärt David Isaacs, warum sich Cormac McCarthys Romane trotz ihrer filmartigen Ästhetik so schwer verfilmen lassen warum Ridley Scotts neuer, von McCarthy geschriebener Film "The Counselor" es dem Publikum zwar nicht leicht macht, aber "wenigstens rein filmisch" ist. James Woodall schlendert durch die große Paul-Klee-Ausstellung in der Tate Modern.


Magazinrundschau vom 01.10.2013 - Prospect

Es ist wirklich sagenhaft, mit welcher Konsequenz britische Magazine das Ausspionieren der eigenen Bevölkerung durch ihre Regierung ignorieren. Zum NSA-GCHQ-Skandal jedenfalls in Prospect kein Wort. Lieber guckt man Fernsehen! Sehr skeptisch ist Richard Beck, was den in zahlreichen Büchern, Magazin- und Zeitungsartikeln beschriebenen Quality-TV-Hype der letzten Jahre betrifft. Nicht nur hält er das Qualitätsmerkmal, dass heutige Serien mit literarisch langem Atem statt episodisch abgeschlossen erzählen, für gar so neu nicht. Auch ist er der Ansicht, dass um Antihelden gruppierte Serien wie "Dexter" und "Breaking Bad" keineswegs so frei und kühn in der Zeichnung ihrer Charaktere sind, wie ihnen das üblicherweise zugute gehalten wird. Er sieht darin vor allem eine demografische Zuspitzung: "Diese Figuren treten genau in dem Moment auf, als die Kabelsender (...) davon ablassen, das maximal größte Publikum zu adressieren. Stattdessen wenden sie sich nun, wie Brett Martin seinem Buch 'Difficult Men' schreibt, 'an spezifische, klar umrissene Bevölkerungsgruppen: wohlhabend, jung, qualifiziert, männlich und so weiter.' Trotz seiner bescheidenen Größe kann dieses Zielpublikum für Werbepartner sehr attraktiv sein, weshalb alle Prestige-Serien gut qualifizierte Profis umgarnen. Leute also, die viel arbeiten und ein Gutteil ihrer sozialen Identität in ihre Karrieren investieren."

Nach der gerade ausgestrahlten, letzten Folge von "Breaking Bad" entgegnet David Herman jedoch: "Die zunehmend verzweifelten Versuche von Walts Bewunderern, ihn zu verteidigen, zeigen uns, wie sehr wir alle am Bild des Helden festhalten, des Familienmenschen, des offensichtlich guten Mannes, der schwere Zeiten durchmacht. Wie Faust ist auch er für seinen Pakt mit dem Teufel verdammt worden. Doch all diese Tweets und E-Mails erzählen uns eine größere Wahrheit über das Amerika von heute. Der Zorn der amerikanischen, weißen (und insbesondere männlichen) Mittelklasse ist real. Die Welt guter Leute wurde auf den Kopf gestellt und es ist keineswegs klar, wie sie darauf reagieren. 'Breaking Bad' ist das große Drama darüber, was Amerika zu unseren Lebzeiten widerfahren ist."
Stichwörter: Faust, GCHQ, Hypes