Magazinrundschau

Mircea Cartarescu: Ich lebte in grauenhafter Einsamkeit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.06.2007. In der Lettre erzählt Mircea Cartarescu von der ersten Frau, mit der er Sex hatte. Das TLS sieht Russlands Zukunft dunkelschwarz. Przekroj stellt den Informatiker Lukasz Foltyn vor, der in die Politik geht. Outlook India zeigt die Grenzen für Habermas' Konzept der Öffentlichkeit in Indien auf. Der New Yorker ahnt, warum Murdoch das Wall Street Journal kaufen möchte. Elet es Irodalom denkt über die - noch - westeuropäische Öffentlichkeit nach. In Trouw beschreibt der protestantische Prediger Sam Janse den wunden Punkt der Niederländer in Afghanistan. Der Economist vergleicht zwei Bücher zur Postkolonial-Geschichte Indiens. Die Weltwoche findet die documenta zu elitär.

Lettre International (Deutschland), 01.07.2007

In der neuen, wie immer reichhaltigen und inspirierenden Lettre erzählt der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu, wie er die erste Frau kennenlernte, mit der er Sex hatte. "Ich war Philologiestudent, ein Graphomane, ausgeflippt, Dichter bis in die Zahnspitzen (jedenfalls in meiner Vorstellung) und trotzdem blaß, klein, tot vor Schwäche, so dass der einzige Teil der Menschheit, der mit interessierte, die Mädchen, durch mich hindurch schauten wie durch Fensterglas. Ich lebte in grauenhafter Einsamkeit." Das ändert sich erst als der 23jährige 1979 nach Cluj reist, zu einem Eminescu-Kolloquium, und dort Irina trifft. "Sie hatte Englisch und Rumänisch studiert, war hässlich, schlampig, und wenn sie ging, schien sie bei jedem Schritt über die eigenen Füße zu stolpern. Alle, was sie trug, sah aus wie mit der Heugabel auf sie geworfen. Von Anfang an fühlten wir uns wohl miteinander: zwei Verrückte, zwei Phantasten. Ich sprach nur in Zitaten meiner Lieblingsautoren, sie nur ironisch und in Parabeln..."

Die schwedisch-iranische Autorin und Wissenschaftlerin Haideh Daragahi porträtiert Fatemeh Baraghani, "die erste Frau in der islamischen Welt, die, vor mehr als 150 Jahren, in der Öffentlichkeit ihren Schleier abnahm. Sie glaubte, dass aller Reichtum Diebstahl sei, schrieb Gedichte und wissenschaftliche Abhandlungen (...) Ihre Lebensumstände waren bereits von dem französischen Diplomaten Comte de Gobineau, dem britischen Orientalisten Edward Brown und einer Reihe weiterer damaliger Iranreisender aufgezeichnet worden. Dass sie dem westlichen Feminismus dennoch unbekannt ist, dürfte, wie man nur vermuten kann, an einem eurozentristischen Provinzialismus liegen, dem das Vorstellungsvermögen fehlt, eine Frau ihres Formats mit dem Kulturkreis ihrer Herkunft in Einklang zu bringen."

Online lesen dürfen wir unter anderem Auszüge aus Dunja Melcics (mehr) Reportage über den Mord am serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic. Jean Baudrillard fragt: Warum ist nicht alles schon verschwunden? Daryush Shayegan (mehr) beschreibt den Schauplatz Teheran. Terry Glavin (mehr) erzählt von Glanz und Elend der Papageien und Ahmed Rashid spricht mit Georg Brunold über Pakistans rührige Islamisten.

Times Literary Supplement (UK), 20.06.2007

Nach der offenbar deprimierenden Lektüre einer ganzen Reihe von Büchern zur Lage in Russland sieht Charles King dunkelschwarz für Land und Leute. "Wenn die derzeitige Entwicklung anhält, wird Russland im nächsten Jahrhundert eine muslimisch geprägte, vielleicht sogar mehrheitlich muslimische Gesellschaft werden, eine Tatsache, die russische Intellektuelle, Politiker und die orthodoxe Kirche erst begreifen müssen. Bisher hat Russland auf die Politik zurückgegriffen, die schon im Zarenreich die Beziehung zum islamischen Süden kennzeichnete: den muslimischen Rand innerhalb Russlands, aber außerhalb des russischen Bewusstseins halten. Heute werden die Völker des Kaukasus - besonders Muslime - regelmäßig als diebisch und rebellisch verunglimpft, die für alles verantwortlich sind, vom organisierten Verbrechen bis hin zum Terrorismus. Sie werden als die größte Bedrohung für Russlands Sicherheit und Stabilität beschrieben. Diese Angst nicht nur vor Terroristen, sondern vor allen Menschen aus dem Süden hat keine kleine Rolle bei der Festigung von Putins Macht gespielt und ist verantwortlich dafür, dass der Chauvinismus in der russischen Gesellschaft so angestiegen ist."
Stichwörter: Orthodoxe Kirche

Literaturen (Deutschland), 01.07.2007

In einem großen, nur in der Print-Ausgabe des Sommer-Doppelheftes nachzulesenden Essay berichtet der in Zagreb lebende Schriftsteller und Publizist Miljenko Jergovic über die verwickelten balkanischen Verhältnisse, für die auch seine Familie, etwa der Onkel, Beispiele bietet: "Er wurde in Usora geboren, einem Weiler in Zentralbosnien, wo sein Vater, mein Großvater, Bahnhofsvorsteher war; er wuchs an den Gleisstrecken auf, die von der österreichisch-ungarischen Monarchie gebaut wurden und wechselte häufig die Freunde und Landschaften; von seinem Vater - einem Slowenen - lernte er Slowenisch, seine Muttersprache war Kroatisch, aber noch vor Slowenisch und Kroatisch sprach er Deutsch. Er lernte es von seinem Großvater, meinem Urgroßvater, einem hohen Eisenbahnbeamten, der Donauschwabe war, geboren in einem Städtchen, das heute in Rumänien liegt, und seine Ausbildung hatte er in Budapest und Wien erhalten."

Weitere Artikel: Der Schwerpunkt des Hefts ist Thomas Mann und seinem Roman "Doktor Faustus" gewidmet. Freigeschaltet ist daraus ein Artikel, in dem Ulrich Rüdenauer ein Radio-Projekt vorstellt, das den Roman als Hörspiel adaptiert. In seiner Kriminal-Kolumne feiert Franz Schuh die französische Bestseller-Autorin Fred Vargas. Sebastian Moll berichtet aus New York von den Büchern der US-PräsidentschaftskandidatInnen. Der Autor Ernst-Wilhelm Händler liest Richard Ford. Besprochen werden Edward St Aubyns Roman "Schöne Verhältnisse", der Suhrkamp-Band "Und jetzt?" über "Politik, Protest und Propaganda" heute und ein Film über den Denker Slavoj Zizek.
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Archiv: Literaturen

Przekroj (Polen), 25.06.2007

Es gibt auch originelle Politiker in Polen! Nachdem der Informatiker Lukasz Foltyn mit dem Messenger Gadu-Gadu in kurzer Zeit genug Geld verdient hatte, um sich dem Ernst des Lebens widmen zu können, gründete er eine "echte Sozialdemokratie", um das Geld der Reichen (auch seins) gerecht zu verteilen. Im Interview mit der Wochenzeitung "Przekroj" erklärt er, warum er sich für diese Rolle besonders geeignet fühlt: "Einen Armen mit meiner Weltanschauung würde man in unserem neoliberalen System als Taugenichts abtun, der den Reichen das Geld aus der Tasche ziehen will. Und so bin ich glaubwürdig. Ich brauche den Sozialismus nicht, um mit staatlichen Sozialleistungen mein Leben zu verbessern, denn ich kann mir alles leisten. (...) Ich weiß noch nicht, ob meine Partei bei Wahlen antreten wird, oder anders versuchen will, die Gesellschaft zu beeinflussen. Es geht nicht um Macht und erst recht nicht ums Geld - dafür bin ich bin der Beweis."

Lukasz Drewniak gerät ins Schwärmen, wenn er das Theaterfestival Malta in Poznan vorstellt, das gerade begonnen hat. Es hat zwar nicht die Bekanntheit und die Dimensionen von Avignon oder Edinburgh, aber "Malta ist demokratischer und weniger chaotisch. Es hat sich nicht in einen Supermarkt der Kunst verwandelt. Malta ist eine Insel der Kunst im Meer des Kommerzes".
Archiv: Przekroj

Nueva Sociedad (Argentinien), 01.06.2007

Freihandelsabkommen - mit den USA - oder regionale Wirtschaftsintegration? Emir Sader, Exekutivsekretär des Verbands der lateinamerikanischen Sozialwissenschaftler (CLACSO), vergleicht die zwei für die Staaten südlich der nordamerikanischen Grenze derzeit zur Verfügung stehenden Entwicklungsmodelle: Für Mexiko erwiesen sich demnach die Erfahrungen mit der ersten Variante als "große Enttäuschung. Nach einem kurzfristigen Entwicklungsschub im Grenzgebiet zu den USA - der vor allem Arbeit für Frauen und Kinder in Billiglohnfabriken ohne jegliches Recht auf gewerkschaftliche Organisation mit sich brachte -, wurde das investierte Kapital, sobald sich aussichtssreichere Bedingungen in China abzeichneten, umgehend wieder abgezogen und nach Asien umgeleitet." Anders funktionieren soll es zwischen den Mitgliedern der insbesondere von Venezuela vorangetriebenen Alternativa Bolivariana para las Americas (s. a. hier): "Gerechter Handel, wie ihn das Weltsozialforum vorschlägt: jedes Land gibt, was es kann, und bekommt, was es braucht." Die großen Gewinner dabei wären derzeit "Bolivien, Haiti, Ecuador und Nicaragua".

Al Hayat (Libanon), 24.06.2007

Mit Blick auf die Ereignisse in Palästina, dem Irak und dem Libanon warnt der syrische Menschenrechtsaktivist Akram al-Bunni davor, die Forderung nach einem demokratischen Wandel aufzugeben: "War die demokratische Option nicht schon eines altes Bedürfnis, eine alte Medizin, lange bevor die Krankheit der Korruption, der Rückständigkeit und Gewalt, unter der wir leiden, auftrat?! Stand die Forderung nach Demokratie nicht schon im Raum, bevor der Westen sie mit seinen Projekten politischer Entwicklung und Reform aufbrachte? Sie war für viele ein nationales Ziel an sich, um die Gesellschaft für die Herausforderungen und Bedrohungen von außen zu kräftigen." Angesichts der Tatsache, dass sich der Westen nun wieder seiner alten Politik zuwende und statt auf eine Demokratisierung auf politische Stabilität setze, werde die aktuelle Situation zum Prüfstein der einheimischen demokratischen Kräfte.

Dalal al-Bizri beschreibt die Siegesstimmung, die sich angesichts des 40. Jahrestages der arabischen Niederlage im Sechstagekrieg unter Islamisten ausbreite. Das Jahr 1967 stehe vor allem auch für eine Niederlage des säkularen arabisch-nationalistischen Denkens. Besonders empört ist Bizri aber über die Freude, die eine islamistische Kommentatorin jüngst über die zunehmende Geschlechtertrennung und Verschleierung an ägyptischen Stränden zum Ausdruck brachte. Für Bizri hat damit der "heilige Kampf gegen die säkularen Feinde 'im Inneren'" nun die Strände Alexandrias erreicht.
Archiv: Al Hayat
Stichwörter: Irak, Libanon, 1967, Sechstagekrieg

Magyar Hirlap (Ungarn), 24.06.2007

In der Nacht auf Samstag wurde in Budapest die Journalistin Iren Karman von unbekannten Tätern brutal zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Karman bereitete gerade ein neues Buch über die Mafia vor und deutete in ihrem Blog bei Nepszabadsag eine Kooperation zwischen der Mafia, hohen Polizeioffizieren und hochkarätigen Politikern an. In Ungarn haben solche Skandale nie ernsthafte Konsequenzen, schreibt Gyula T. Mate: "Die schockierende Geschichte wird jetzt eine Woche lang die Titelseiten beherrschen. Dann schreibt eines der Boulevardblätter, dass die Journalistin vielleicht gar nicht von der Mafia zusammengeschlagen wurde, sondern finanzielle Probleme oder eine enttäuschte Liebe dahinterstecken könnten. Vielleicht traut sich das Boulevardblatt sogar zu schreiben, die Journalistin habe das Ganze selbst inszeniert, um in die Schlagzeilen zu kommen. Monate später wird die Journalistin im Fernsehinterview erzählen, dass die Ermittlungen immer noch keine Ergebnisse erbracht haben." Kein Wunder, wenn Polizei und Mafia eng zusammen arbeiten, wie Mate vermutet.
Stichwörter: Mafia

Gazeta Wyborcza (Polen), 23.06.2007

50 Jahre nach der Erstausgabe ist in Polen Golo Manns "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" erschienen (hier die Webseite des Übersetzungsprojekts). Für den Historiker Robert Traba ist es ein Buch, das niemanden kalt lässt. "Manns 'Deutsche Geschichte...' überrascht durch seine reiche Beschreibung der historischen Realität und seine Sprachkunst, die vielen heutigen Geschichtsmonografien abhanden gekommen ist. Es ist bemerkenswert, dass es das meist gelesene historische Buch im Deutschland des 20. Jahrhunderts geblieben ist."

Weiteres: In einem Auszug aus Bozidar Jezerniks "Wild Europe: The Balkans in the Gaze of Western Travellers" (hier eine Besprechung aus der Times) beschreibt der slowenische Anthropologe, wie noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts westeuropäische Reisende die Brücke von Mostar den Römern zuschrieben, weil ihre architektonische Schönheit nicht in ihr Türkenbild passte. Ignacy Rutkiewicz begrüßt die polnische Ausgabe von Gregor Thums "Die fremde Stadt. Breslau 1945", für die der Historiker prompt einen Preis der Zeitschrift Odra erhalten hat (hier die lesenswerte Begründung). Dorota Zuberek schwärmt vom Filmfestival im malerisch gelegenen Städtchen Lagow, das am Sonntag begonnen hat. Diesmal heißt das Thema "Geschichte. Wahrheit und Versöhnung", und es werden Filme aus Litauen, Tschechien, Deutschland, Weißrussland, Lettland, Ungarn, Ukraine und der Slowakei gezeigt, die wohl kaum in den normalen Vertrieb kommen werden.

Outlook India (Indien), 02.07.2007

Wer sich über die Hindu-Presse informieren will, muss Sevanti Ninans kompetente Studie "Headlines from the Heartland" lesen", rät Ram Sharan Joshi. Einige indische Besonderheiten aber bekommen seiner Meinung nach doch zu wenig Aufmerksamkeit. "Die Anwendung von Habermas' Konzept der Öffentlichkeit stößt in Indiens vielfältiger und unregelmäßig entwickelter Gesellschaft an ihre Grenzen. Indiens postkoloniale agrarische Gesellschaft unterscheidet sich grundlegend von einer liberalen entwickelten Gesellschaft im Westen. Der grundsätzliche Klassencharakter der Hindu-Pressebarone war merkantil-kapitalistisch. Die Entwicklung vom merkantilen zum industriellen Kapitalismus und der Wechsel zur digitalen Drucktechnologie hat nicht unbedingt eine Veränderung der sozialen und beruflichen Beziehung zwischen hinduistischen Pressebaronen und muslimischen Gesellschaftern verursacht. Außerdem ist der jahrhundertealte Kastencharakter der Hindu-Presse ziemlich intakt. Eigentümer, Herausgeber, Redaktionsleiter haben unweigerlich einen Vaishya, Brahmin, Kayasth oder anderen 'Upper Caste'-Hintergrund. Das beeinträchtigt die demokratische Funktionsweise der Hindu-Presse."

New Yorker (USA), 02.07.2007

Ken Auletta schreibt über die Bemühungen des britischen Medienmoguls Rupert Murdoch, das Wall Street Journal unter seine Fuchtel zu bekommen und untersucht, was in diesem Fall aus der renommierten Zeitung werden würde. "Was Murdoch nicht freiwillig sagte, sind die anderen Gründe, weshalb er das Journal besitzen möchte. Trotz seines wirtschaftlichen Erfolgs hat er nie eine bedeutende Zeitung herausgebracht, und er scheint eine Besitztrophäe wie die Londoner Times weniger wegen ihres Prestiges als wegen ihres Einflusses zu schätzen - seine Macht, Wahlen zu beeinflussen, seine politischen Vorstellungen zu fördern und seine Konzerninteressen zu schützen."

Weiteres: John Cassidy schreibt über Hedgefonds beziehungsweise den Versuch, auf billige Art reich zu werden. Zu lesen sind außerdem die Erzählung "The Mahogany Elephant" von Maxim Biller und Lyrik von C.D. Wright und James Longenbach.

Joan Acocella rezensiert ein Buch von Alexander Waugh, Enkel von Evelyn Waugh, über die Vater-Sohn-Beziehungen in fünf Generationen seiner Familie: "Fathers and Sons" (Nan A. Talese). Joyce Carol Oates bespricht den ehrgeizigen Roman "New England White" (Knopf) von Stephen L. Carter. John Updike las eine "revisionistische" Studie über die amerikanische Wirtschaftskrise in den Dreißigern: "The Forgotten Man: A New History of the Great Depression" von Amity Shlaes (Harper Collins). Und David Denby sah im Kino Michael Moores neuen Dokumentarfilm "Sicko" über das amerikanische Gesundheitssystem und das Drama "Evening" von Lajos Koltai mit Vanessa Redgrave.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.06.2007

Vor einer Woche diskutierten in Prag über fünfzig Journalisten aus Mittel- und Osteuropa über die europäische Öffentlichkeit. Die Konferenz war von signandsight.com, dem englischsprachigen Dienst des Perlentauchers veranstaltet worden. Janos Szeky, der auch dabei war, macht sich in seiner Kolumne weitere Gedanken über die europäische Öffentlichkeit. "Vor fünfzig Jahren, als 'Europa' leider nur Westeuropa bedeutete, war die europäische Öffentlichkeit kein Thema", man sprach dieselbe Sprache. "Die Irritationen begannen erst, als das attraktive und selbstsichere Westeuropa das schlampige Osteuropa, das so viel Unrecht erlitten hat, kennen lernen musste. Eine Zeit lang zeigte Osteuropa von sich nur das, was Westeuropa problemlos verstehen konnte: gemeinsame Wurzeln, Mitteleuropa mit seinem Kafka und dem legendären Budapester Galgenhumor, die Opernhäuser im Beaux-Arts-Stil und Soziologen, die selbst keine geistigen Innovationen wagten, aber auf westeuropäische Tendenzen rasch und sensibel reagierten. Aber Mitteleuropa besteht nicht nur aus Ländern, die erfolgreich Westeuropa kopieren, sondern auch aus ganz neuen Staaten, die ihren Status intellektuell noch nicht bewältigt haben. Um sie zu verstehen, müsste Westeuropa ihre Sprachen und Kulturen erlernen, statt den Neukömmlingen eigene Modelle aufzuzwingen. Dieses Europa hat es noch nie gegeben, es muss neu erfunden werden."

Trouw (Niederlande), 23.06.2007

Menschlichkeit als Achillesferse: Kühl seziert der protestantische Prediger Sam Janse in seinem Essay "Himmlische Belohnung" die Taktik islamistischer Märtyrer: "An Waffenkraft sind die niederländischen Truppen in Uruzgan den Talibanmilizen weit überlegen, doch sollte man sie nie unterschätzen. Ihre ureigene Waffe ist die Todesverachtung (besser: Lebensverachtung) und die nutzen sie zu Dutzenden, zu Hunderten. Wie ein Insektenschwarm. Was schert es sie auch? In unserer Erlebniswelt dagegen trifft uns jeder getötete niederländische Soldat schwer. Nach dem Tod von Korporal Cor Strik wurde heiß diskutiert, ob wir unsere Truppen nicht abziehen sollten. Aus menschlichem und kulturellem Blickwinkel betrachtet ist diese Debatte ehrenwert, aus strategischem Blickwinkel ist sie lachhaft und gefährlich. Inzwischen sind drei holländische Soldaten durch Kriegsgewalt umgekommen. Werden es zehn, gehen in Den Haag zweifellos wieder die Rückzugsdiskussionen los. Und sollten hundert sterben, verwette ich ein Monatsgehalt darauf, dass wir die Mission beenden. Das ist unser wunder Punkt - und den kennen die Taliban."
Archiv: Trouw
Stichwörter: Den Haag, Märtyrer

Economist (UK), 22.06.2007

Zwei neue Bücher zur Postkolonial-Geschichte Indiens bespricht der Economist. Vor allem an Martha C. Nussbaums optimistischer Zukunftsversion hat der Rezensent seine Zweifel: "In der Tat sorgt gerade die extreme Ungleichverteilung von Indiens gegenwärtigem Aufschwung für neue Spaltungen. Amartya Sen, ein Ökonom und Nobelpreisträger, warnt davor, dass der Westen und der Süden des Landes eines Tages Kalifornien ähneln werden, während der Norden und der Osten sich mehr in Richtung Sub-Sahara-Afrika entwickeln. Martha Nussbaum plädiert für die von Rabindranath Tagore geforderte 'öffentliche Poesie' als Voraussetzung für eine Einheit, die nicht auf Rasse oder Religion beruht. Das wäre zwar ganz wunderbar, scheint heute, da ein hässlicher Konsumismus Indien erobert, aber fast unvorstellbar."

Weitere Artikel: Flaggenverbrennungen im Nahen und Mittleren Osten angesichts des Ritterschlags für Salman Rushdie - die Muslime Großbritanniens scheinen aber recht abgeklärt zu reagieren: "Es ist schwer zu sagen, wer für die normalen britischen Muslime spricht. Im Internet jedenfalls scheint man eher entspannt mit der Sache umzugehen: 'Was zum Teufel hat es mit Pakistan oder irgend einem anderen Land zu tun, wen wir hier zum Ritter schlagen?', lautet ein Kommentar in den Foren von BBC Asia." Besprochen werden außerdem noch eine Biografie der Henry-James-Freundin, Autorin und britischen Zelebrität Fanny Kemble und eine Geschichte Europas zwischen 1648 und 1815. Der Titel widmet sich unter der Überschrift "Märtyrer oder Verräter" der Palästinenserfrage.
Archiv: Economist

Foglio (Italien), 23.06.2007

Nachdem nun alle Zahlen und Berechnungen von der Renovierung des Turms von Pisa aus dem Jahr 2001 veröffentlicht wurden, kann Gabriella Mecucci den Fortbestand des Turms garantieren. Ganz unwissenschaftlich, dafür schöner sind die Geschichten dazu, warum er überhaupt so schief ist. "Man erzählt sich auch, es sei die Schuld des Guglielmo von Innsbruck, der Konstrukteur, der mit Bonanno Pisano zusammenarbeitete, einem der umstrittenen Architekten des Turms. Der Österreicher war bucklig, und um sich für seine verunstaltetes Äußeres zu rächen, sorgte er dafür, dass der Bau ebenfalls deformiert war. Und schließlich gibt es die eschatologische Erklärung, die die Neigung direkt auf den Willen Gottes zurückführt. Der wollte einen schiefen Turm haben, der immer gefährdet ist, aber nie umfällt; der sich wie durch ein Wunder aufrecht hält, zum ewigen Ruhm der göttlichen Macht."

Desweiteren porträtiert Fabiana Giacomotti die Musikerin Peggy Gilbert, die sich in den Dreißigern in den von Männern beherrschten Jazz vorwagte.
Archiv: Foglio

Spectator (UK), 22.06.2007

Rod Liddle steht der Aristokratie traditionell eher skeptisch gegenüber, der Ritterschlag für Salman Rushdie geht aber völlig in Ordnung. "Während der Rest von uns sich immer noch um den Kalten Krieg sorgte, warnte uns Rushdie vor dem Krieg, der kommen sollte. Er behandelte die islamische Revolution mit Kenntnis, philosophischer Eleganz und großartigem literarischen Einfallsreichtum. Und er tat das mit enormen Mut und Einsatz. Er ist vielleicht der einzige britische Schriftsteller, der den Kern des Islam und damit auch des Westens verstanden hat. Trotz der ihm auferlegten Beschränkungen hat er mindestens fünf erstklassige Romane oder Erzählbände produziert (das sind vier mehr als Will Self geschafft hat - und ich bin noch nett)."

Extravagante und schwule Piraten gibt es nicht erst seit Johnny Depp, berichtet Richard Sanders, der zu diesem Thema "The True Story of Bartholomew Roberts" veröffentlicht hat. "Wenn irgendjemand den Titel des 'Wahren Piraten der Karibik' verdient, war es der Waliser Bartholomew Roberts, der in seiner zweieinhalbjäheigen Karriere zwischen 1719 und 1722 die erstaunliche Anzahl von 400 Schiffen kaperte. - eine Zahl, mit der er alle seine Zeitgenossen in den Schatten stellt. Roberts war der lebende Beweis, dass die Realität immer sehr viel interessanter ist als die Fiktion. Er trank eher Tee als Rum. Er organisierte seine Schiffe nach strikt demokratischen, egalitären Richtlinien. Ein Drittel seiner Männer war schwarz. Und er war wahrscheinlich schwul." (Und trug er beim Entern Puschen?)
Archiv: Spectator

Al Ahram Weekly (Ägypten), 21.06.2007

Die ägyptische Bloggerszene blüht, weshalb das Goethe-Institut in Kairo die Internet-Kommentatoren nun explizit einlud, um mit jungen Filmemachern zu diskutieren. Das ist fast gelungen, notiert Sarah Carr. "In der Fragerunde forderte eine Zuhörerin die Filmemacher des Mittleren Ostens auf, doch weiterhin derlei Filme zu produzieren, um den Reichtum der arabischen Kultur dem Westen zu zeigen und die guten Seiten der Region zu betonen. Darauf bemerkte ein anderer Gast, dass er sich eigentlich nicht vorstellen könne, was für Gutes sie da denn im Sinn habe. Er fühle sich eher, als würde 'dieses Land uns jeden Tag auf dem Kopf herumtrampeln'. Er machte dann schnell einen Abgang, gefolgt von der Frau, die den ursprünglichen Kommentar gemacht hatte. Man hörte sie draußen weiter argumentieren, während die Organisatoren ihre Hoffnung ausdrückten, dass weitere Veranstaltungen folgen werden, um die unabhängige Kulturszene zusammenzubringen und zu stärken."
Stichwörter: Goethe-Institut

Guardian (UK), 23.06.2007

In dieser Woche antworten einige Autoren auf die Frage nach ihrer besten Reiselektüre, darunter Pico Iyer. "Ich werde nie vergessen, wie ich in dem winzigen Hotel in Thimpu, der hosentaschengroßen Hauptstadt von Bhutan saß, mitten im Winter, als scheinbar einziger Tourist in dem mittelalterlichen Königreich. Ich las in dem Licht einer einzelnen flackernden Kerze Graham Greene's 'The Comedians'. Vielleicht war es das Gefühl des Abgelegenen (keine Ampeln, im ganzen Land kein Fernseher), vielleicht die Abwesenheit jeder anderen Ablenkung, vielleicht war es das intensive Gefühl, dass einen befällt, wenn man in einem leeren Raum in einer stillen Stadt voller Kerzen sitzt (der Strom war schon ewig ausgefallen): Jedenfalls beeindruckte mich Greenes leidenschaftlicher und schonungsloser Blick auf den Wert des Engagements und den Schwachsinn des ironischen Kommentars von der Seitenlinie so sehr, dass ich gleich nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, ein Blatt des ramponierten Hotel-Briefpapiers herauszog und dem armen Autor einen langen, langen Brief schrieb (Greene war damals in seinen Achtzigern und bestimmt wenig erfreut, unleserliches Gekritzel aus Bhutan zu bekommen)."

Richard Harries warnt vor Christopher Hitchens Absage an die Religion "God is not Great" wie vor einem giftigen Pilz. "Wenn Ärzte eine falsche Diagnose stellen, kann das katastrophal sein, und es ist eine Katastrophe, was Hitchens da zu den Problemen der Menschheit sagt. Er glaubt, dass die Religion die Wurzel allen Übels ist. Ist sie nicht. Das Problem liegt in uns, besonders wenn wir in Gruppen mit einer dominanten Ideologie organisiert sind, ob nun säkular oder religiös. Hitchens Fehldiagnose offenbart nicht nur ein unheilvolles Nichtverstehen, sondern hat sehr ernste Konsequenzen in der modernen Welt, wo die Religion zu einem so bedeutenden Faktor geworden ist. Hitchens bestärkt Fundamentalisten in ihrer Auffassung, eine belagerte, rechtschaffene Minderheit zu sein, wo es doch darum geht, sie in ein Zwiegespräch mit anderen zu verwickeln."
Archiv: Guardian

Weltwoche (Schweiz), 21.06.2007

Die harscheste Kritik an der documenta und ihren Kuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack kommt aus der Schweiz. Claudia Spinelli findet die Zusammenstellung der Kunstwerke in höchstem Maße zufällig. Die Eitelkeit der Kuratoren überlagere jede Aussage. "Wirklich vielschichtige und vor allem auch einleuchtende Metaphern sind in der d12 eher selten. Das meiste wirkt sehr bemüht, wenn nicht belanglos: Wenn es um formale Analogien zwischen der kulturellen Produktion unterschiedlichster Provenienz - japanische Miniaturen und westliche minimalistische Zeichnungen - geht, dann ist das weder brisant noch besonders interessant. Eines ist in jedem Fall klar: Wer durch diese Ausstellung geht, sollte akademisch geschult, beseelt von österreichischer Bildungsbeflissenheit und bierernst sein. Dass selbst in diesem Idealfall kaum die intellektuellen Verbindungen hergestellt werden können, um die Setzungen des Ehepaars auch nur ansatzweise zu verstehen, ist Teil eines elitären Spiels, das man auch totalitär nennen könnte."

Mathias Plüss führt ein Interview mit dem österreichischen Physiker Walter Thirring. Der 80jährige spricht über Einstein, den er als junger Assistent kennen lernen durfte und über den Zusammenhang von Physik und Religion. "Für mich ist offensichtlich, dass ein Plan da ist, dem die Natur unterworfen ist. Diesen Plan haben wir mit den einsteinschen Gleichungen in den Händen, denn sie beschreiben die Gesetze des Kosmos. Intelligent nenne ich den Plan deswegen, weil er sich dem menschlichen Geist erschließt, genauer gesagt, dem intelligenten Geist, der zur Abstraktion der höheren Mathematik befähigt ist."
Archiv: Weltwoche

New York Times (USA), 25.06.2007

Die Keramiken der Inka aus Machu Picchu mögen ja unelegant sein, aber Peru will sie trotzdem zurück - vom Yale Peabody Museum. Die Fragen, die sich hier stellen, sind freilich, meint Arthur Lubow in der Titelgeschichte des New York Times Magazines. "Auch andere Nationen verlangen die Rückerstattung von Kulturschätzen, die mächtigere Nationen vor langer Zeit außer Landes gebracht haben. Die Griechen wollen den Parthenon-Fries vom British Museum zurück; die Ägypter wollen vom selben Museum den Rosetta-Stein zurückerhalten und außerdem die Nofretete-Büste aus dem Ägyptischen Museum in Berlin. Wo soll das enden? Vielleicht gibt eine umfassende Forderung aus China einen Vorgeschmack. Die chinesische Regierung hat im Kampf gegen die Plünderung der Gegenwart wie der Vergangenheit die Vereinigten Staaten um ein Importverbot für alle chinesischen Kunstgegenstände gebeten, die vor 1911 entstanden sind. Das Außenministerium denkt seit zwei Jahren über diese chinesische Forderung nach."

In der Sunday Book Review bespricht der Historiker Richard Evans die nun erschienene Übersetzung von Saul Friedländers großer Studie "Die Jahre der Vernichtung". Eine makellose akademische Arbeit, lobt Evans - aber auch sehr viel mehr als das: "Was 'Die Jahre der Vernichtung' auf literarisches Niveau hebt, ist die gekonnte Verflechtung individueller Zeugnisse mit der breiteren Beschreibung der Ereignisse. Friedländer lässt den Leser niemals vergessen, was die Prozesse, die er beschreibt, auf menschlicher und persönlicher Ebene bedeuten."

Außerdem gibt es unter anderem Rezensionen zu Per Pettersons Roman "Out Stealing Horses" und einem Buch, in dem Katie Rophie sieben ungewöhnliche Ehen in britischen Literaturzirkeln zwischen 1910 und dem Zweiten Weltkrieg porträtiert.