Magazinrundschau - Archiv

Merkur

195 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 20

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Merkur

Die Kluft zwischen rechtlicher Gleichheit und tatsächlicher Gleichstellung bleibt frustrierend, nicht nur für Frauen, sondern auch für Menschen dunklerer Hautfarbe, für Muslime und Juden. Dennoch hält der Philosoph Christoph Türcke Proporz- oder Paritätsgesetze für den falschen Weg, und das nicht nur, weil damit jeder Gedanke an Solidarität und Empathie negiert wird, demzufolge sich Angeordnete auch jenseits eigener Betroffenheit für die Belange anderer einsetzen können: "Das 'linke' Projekt der paritätischen Besetzung des Parlaments ist 'rechter' als beabsichtigt. Es befördert auf die softe Tour das Vordringen von Wirtschaftszwängen in die politische Sphäre. Der Lobbyismus hört dadurch, dass er durch Paragrafen und Proporzberechnungen verrechtlicht wird, ja nicht auf, ein Abkömmling des Wirtschaftslobbyismus zu sein. Absehbar, dass dieses Paritätskonzept weniger die Basisdemokratie vorantreiben als zu einer Lobbydemokratie führen wird, in der das Parlament wie in vorbürgerlicher Zeit wieder nach Proporz zusammengesetzt ist; freilich nicht als Vertretung von Ständen, sondern von vielen mobilen Gruppen, die allesamt ihre eigenen 'authentischen' Sprecher abordnen. Ein hochbewegliches Hightech-Parlament zeichnet sich ab, das strukturell gleichwohl eher einer archaischen Stammesversammlung als dem aktuellen deutschen Bundestag ähnelt."

Die Autorin Anne Rabe erinnert sich an ihre Kindheit in den neunziger Jahren im Osten, zum Beispiel an ihre Grundschulzeit, als sie und die anderen Kinder auf dem Weg zum Hort an einem Kiosk vorbei kamen: "Vor diesem Kiosk stand häufig eine Gruppe von jugendlichen Neonazis rum, die sich freute, wenn wir an ihr vorbei mussten. Denn zu unserer Hortgruppe gehörte auch ein vietnamesisches Mädchen. Sie kreisten uns ein und begannen, das Mädchen zu beschimpfen. Unsere Versuche, sie zu verteidigen, belustigten die Kahlköpfe. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, in dem ein erwachsener Passant auf die Idee gekommen wäre, uns Erstklässlern zu helfen."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - Merkur

Hans Blumenberg als großen Stilisten zu preisen, hält der Philosoph Heinrich Niehues-Pröbsting für blanken Unfug. Blumenbergs Aneinanderreihung von Substantiven waren nicht nur unschön, sondern unverständlich: Die Passion ist der Gattungsakt der Erneuerung des Eigentums durch Gehorsam? Nein, meint Niehues-Pröbsting, Blumenberg zu lesen bringt es nicht. Man muss ihn erlebt haben, um das Feuer seines Denken zu begreifen: "Obwohl politischer Relevanz und philosophischer Tagesaktualität bar, waren seine Kolloquien, Seminare und Vorlesungen an- und aufregender als alle Veranstaltungen mit politischem Bezug oder zu aktuellen philosophischen Positionen, die ich bis dahin mitgemacht hatte. Schwer, genau zu sagen, woran das lag. Der inzwischen verstorbene Blumenberg-Assistent Fellmann hat seinem Lehrer eine latent erotische Ausstrahlung zugeschrieben, was mir allerdings etwas schräg erscheint; da wird der Begriff der Erotik doch überstrapaziert. Eher würde ich von einer Lebendigkeit der Gedanken und des Geistes sprechen, die ansteckend wirkte und sich auf den Hörer übertrug. Davon ging eine Faszination aus, die in seiner Freitagsvorlesung ein breites Publikum anzog, das weit über die Fachstudenten hinausreichte. Für junge und unerfahrene Studenten und Studentinnen konnte das bisweilen allerdings gefährlich werden, wenn sie nämlich glaubten, sie könnten sich selber die Leichtigkeit zulegen, mit der sich Blumenberg in der gesamten Philosophie und darüber hinaus in der Geistesgeschichte bewegte, und dabei die harte Arbeit übersahen, die hinter dieser Leichtigkeit steckte. Manche sind daran gescheitert."

Weiteres: In seiner Ästhetikkolumne seziert Wolfgang Kemp das International Art English, das Kennerschaft und criticality ausweist: "Space ist für Artspeak das Hauptwort aller Hauptworte, verdünnt und vermehrt in einer langen Reihe dazugehöriger Substantive und Sachverhalte. Unverzichtbar sind terms wie: intersection, parallel, void, enfold, involution, displacement, liminal, rupture, platform, abyss, site. Im Deutschen geht nichts ohne Position, Aporie, Dystopie, Choreografie, rhizomatisch, Schwelle usw." Vanessa de Senarclens rekapituliert die Geschichte der ehemals deutschen Bibliotheken in Polen.

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - Merkur

Seit den neunziger Jahren ist die Globalgeschichte das angesagte Paradigma der Geisteswissenschaften, doch nach dem Brexit und Donald Trump dürfte nun auch die Corona-Pandemie der Vorstellung zunehmender Weltintegration einen Strich durch die Rechnung machen, schreiben die Historiker Stefanie Gänger und Jürgen Osterhammel: "Die Wirklichkeit lehrt uns derzeit nicht nur, dass Integration und Beschleunigung reversibel sind und globale Prozesse regressiv verlaufen können. Zu Verschiebungen dürfte es auch an anderer Stelle kommen. Wenn das 'Globale' zunehmend mit Pandemie und Katastrophe assoziiert wird, was bedeutet das für die bislang herrschende 'Euphorie für Bewegung, Mobilität und Zirkulation', die Sebastian Conrad bereits vor einigen Jahren in der weltweiten globalhistorischen Community festgestellt hat? Und was folgt daraus für den Umgang mit vordergründig technischen Fachbegriffen wie 'Konnektivität' oder 'Zirkulation', die Globalhistorikerinnen und -historikern allzu leicht über die Lippen kommen und von ihnen fast ausschließlich mit positiver Konnotation verwendet werden? Die Helden der Globalgeschichte sind die Reisenden, die Kosmopoliten und cultural brokers. Die gegenwärtige Krise aber hat die Wahrnehmungen und Wertungen innerhalb weniger Tage und Wochen (normalerweise verläuft Einstellungs- und Wertewandel eher träge) radikal umgepolt: Die bedrohliche, toxische, gar todbringende Seite von 'Konnektivität' und weltweiten Verbindungen, die zuvor allenfalls im Widerstand gegen eine ökonomische Globalisierung aufschien, tritt nun für alle sichtbar hervor. Der Reisende wird zum Unheilbringer, der cultural broker zum grenzüberschreitenden Verbreiter von Verschwörungsfantasien."

Chris Decker erkundet das zerklüftete Terrain, auf dem sich "diverse Kilmatologenkulturen" angesiedelt haben, um Daten und Materialien zur Erforschung ihres Gegenstands zu bergen und zu bewahren: "Eisbohrkerne, Baumringe, Algen, Korallen, Seesedimente, Stalagmiten und eben Archivmaterial bilden die Grundlage für Erkenntnisse zum wilden Schwanken des Klimas über Zeiträume, die von Jahrzehnten zu Jahrhunderttausenden reichen. Weit hinter den Beginn der Industrialisierung, bei der die aus der Zeitung bekannten Kurven von CO2 und Temperatur ansetzen."
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Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Merkur

Warum diskutieren wir darüber, wenn Katy Perry und Kim Kardashian ihre Haare in Braids oder Cornrows tragen, aber nicht, wenn sich David Beckham oder Lars Eidinger die Fingernägel lackieren?, fragt Heide Volkening in ihrer Popkolumne und diskutiert das Konzept der kulturellen Aneignung im Pop mit Blick auf Judith Butlers "Unbehagen der Geschlechter", das ja gerade wesenhafte Differenzen ablehnte, weil sie auf auf diskriminierenden Strukturen beruhten: "Das ökonomische Szenario reicht nicht als Erklärung, auch David Beckham und Lars Eidinger verdienen gutes Geld mit der Inszenierung einer ehemals 'metrosexuell' genannten Form von Männlichkeit. Zweitens ist auch das Konzept der geschlechtlichen Parodie bei Butler etwas anderes als ein Kleidertausch, also eine Aneignung von Zeichen im Sinne der Kostümierung. Zu fragen wäre, ob Formen des racial drag in der Fankultur, ob Verkörperungen des Anderen durch Frisur, Musikvorlieben oder Kleidungsstile nicht ähnlich wie Gender-Aneignungen als fantasmatische Identifikationen verstanden werden können, die über karnevaleske Verkleidungen hinausgehen. Womöglich lässt sich sogar noch in den stereotypisierten Kostümen des Karnevals eine vergleichbare Form der Identifikation beobachten."

Christian Demand untersucht Distinktionsstrategien im modernen Wohnen, für die Schlichtheit und Strenge noch immer unüberbietbar sind: "An das dignifizierende Potenzial derartiger Rangzuschreibungen schließen insbesondere die Wohn- und Wohnbegleitindustrien für ökonomisch Bessergestellte an, deren Rauminszenierungen selten sybaritische Opulenz zelebrieren. In der Mehrzahl der Fälle setzen sie vielmehr auf die edle Entrücktheit vollendeter Reduktion. Von der Immobilienwerbung über die internationalen Design- und Lifestylemagazine bis hin zum Coffee-Table-Architekturbuchmarkt ist die visuelle Standardformel dafür seit gut dreißig Jahren im Wesentlichen dieselbe: ein urbaner, an die 'geadelte Sachlichkeit' der Avantgardearchitektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angelehnter, formstrenger, farbarmer, weiträumiger Minimalismus." (Aber nein, farbarm wohnt man oft nur noch im risikoscheuen Deutschland! Hier die colori pareti 2020 und die colori primari)

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - Merkur

Der Merkur stellt die komplette Aprilausgabe frei zugänglich online. Sehr großzügig! Robin Detje ist zum Beispiel in die SPD eingetreten und kommt mit leichtem Schleudertrauma aus seiner ersten Abteilungssitzung: "Deutschland ist ein Lied mit dem immergleichen Refrain. Deutschland ist eine Platte, die hakt. Feigheit und Opportunismus, Opportunismus und Feigheit und Geldgier. Dazu diese fundamentale Unfähigkeit, sich auch überhaupt nur vorzustellen, dass ein Konflikt sich austragen ließe. Ich könnte immer die gleiche Kolumne schreiben, über das Land mit der lähmenden Zukunftsangst vor seiner eigenen Gegenwart, eine Kolumne, die dann von der Realität immer bestätigt, aber nie anerkannt werden würde, was mir in alle Ewigkeit meinen Job garantiert. Meine einzige Hoffnung ist, dass es nicht funktioniert."

Tilman Baumgärtel beobachtet, wie der Ruf von Hongkongs Polizei auf den Hund gekommen ist, seit ihr Bild vom chinesischen Staatsfernsehen und nicht mehr von den großen Regisseuren des Actionskinos bestimmt wird: "Dabei hatten Regisseure wie Johnnie To Kei-fung oder Alan Mak in den letzten Jahrzehnten die Polizei in ihren Filmen immer wieder als effektive, engagierte, unkorrumpierbare und dem Allgemeinwohl verpflichtete Institution porträtiert. Seit immer deutlicher wird, dass China versucht, in Hongkong verstärkt ins politische und kulturelle Geschehen einzugreifen, kann man diese Filme auch als einen Versuch auffassen, die Rechtsstaatlichkeit und das Potential des politischen Modells Hongkongs zu betonen. Die Gesetzestreue seiner Polizei fungierte immer als Lackmustest einer fairen, regelbasierten öffentlichen Ordnung, die es in China nicht gibt."

Weiteres: Johanna Hedva liest Benjamin Mosers bisher nur auf Englisch erschienene Susan-Sontag-Biografie. Marcus Twellmann widmet sich dem Konzept der Urbanormativität, mit dem Gregory M. Fulkerson und Alexander R. Thomas urbane Dominanz gegenüber dem ländlichen oder peripheren Raum beklagen, und stellt fest: Auch wenn Populisten gegen eine Vorherrschaft der Städte Stimmung machen, lässt sie sich nicht ganz leugnen. Felix Heidenreich betrachtet Emanuel Macrons Strategie der digitalen Souveränität.

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Merkur

Carolin Amlinger kann ihn gut verkraften, den eigenwilligen Sound, mit dem Klaus Theweleit in seinen "Männerfantasien" Affektzustände und Körperstrukturen faschistischer Männer untersuchte. Und wie Theweleit die Angst von Freikorps-Soldaten vor allem Fließenden und Weichen aufzeigte, vor sozusagen "weiblichen" Körperzuständen, gegen die es einen "männlichen" Panzer zu bilden galt, das findet Amlinger auch heute in Zeiten einer rechten Männerbewegung relevant und schlagend. Wobei es heute nicht nur darum gehe, Natur, Sinnlichkeit oder Körper zu kontrollieren, sondern auch die Realität: "Die politische Rechte betrachtet diese ontologische Relativität moderner Gesellschaften mit Argwohn. Die existentielle Überwältigung, die Zustände des Fließens und Strömens bei soldatischen Männern auslösen, lässt sich ebenso erkenntnistheoretisch lesen; die Verflüssigung von absoluten Wahrheitsansprüchen ist für die Neue Rechte Ausdruck zivilisatorischer Auflösung... Die Aufkündigung von Wirklichkeitskonventionen, die in Zeiten gesellschaftlichen Wandels virulent werden, wird als Derealisierung erlebt, als Verlust fester Fundamente und sozialer Stabilität. Ob der Queer-Feminismus die Binarität traditioneller Geschlechterkonzepte hinterfragt oder Migranten und Migrantinnen eine homogenes Kulturmodell hybridisieren - in den Augen der Neuen Rechten ist die Komplexitätszunahme moderner Gesellschaften Ausdruck einer politischen Krise. Der Verlust kultureller Festlegungen befeuert die Angst vor der Körperauflösung der wirkmächtigsten Ganzheitsmaschine, der Nation."

Oliver Staudt diskutiert außerdem schon sehr intensiv Thomas Pikettys demnächst erscheinende Geschichte der Ungleichheit "Kapital und Ideologie". So viel vorweg: "Als entscheidende politische Herausforderung unserer Zeit wird die 'identitäre Falle' identifiziert. Die Sozialdemokratie sei im Grunde Opfer ihres eigenen bildungspolitischen Erfolgs geworden, indem sie sich schleichend von einer Arbeiterpartei in eine Akademikerpartei verwandelt habe. Die ehemalige Klientel empfinde sich heute als Globalisierungsverlierer und drohe, zwischen einer 'Kulturlinken' (gauche brahmane) und einer 'Businessrechten' (droite marchande) politisch heimatlos geworden, sich auf die nationale Identität zurückzuziehen. In der Regierung Macrons, de facto aber auch bei den britischen remainers, sieht Piketty eine Koalition dieser zwei Lager von Globalisierungsgewinnern, die sich selbst als progressiv betrachten und einen verächtlichen Blick auf die Abgehängten werfen."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Merkur

Im Merkur sucht Kevin Vennemann dem kapitalistischen Arbeitsmarkt und dessen Mechanismen der Entfremdung mit Hilfe von Heike Geißlers 2014 erschienener autofiktionaler Erzählung "Saisonarbeit" auf die Spur zu kommen. Karl Marx' Arbeitstheorie im Gepäck und Maya Derens Kurzfilm "Meshes of the Afternoon" von 1943, beleuchtet Vennemann die erzählerische Besonderheiten Geißlers, die das Thema Arbeit und Selbst, wie Vennemann es im Titel fasst, eindrucksvoll literarisiert: "In 'Saisonarbeit' gibt es zwei Hauptfiguren: eine Ich-Erzählerin und eine erzählte Figur. Die Erzählerin berichtet von der Zeit der erzählten Figur bei Amazon, vom ersten Moment bis zum letzten und darüber hinaus. Dabei benutzt sie aber nicht die dritte Person Singular - sie. Sondern die direkte, formale Anrede - Sie. Die Erzählerin leitet also die angesprochene, erzählte Figur an, ihre Welt gemäß den Instruktionen der Erzählerin zu errichten. Ein Beispiel, ganz zu Beginn: 'Ihr Freund hat Ihnen vorm Losgehen viel Glück gewünscht und nochmals gesagt, Sie müssten das nicht machen. Aber das stimmt nicht, Sie müssen das machen, Sie müssen jetzt das Erstbeste versuchen, um Geld ins Haus zu bekommen.' ... Heike Geißlers Erzählerin denkt im Namen ihrer Angesprochenen anders: 'Sie bevorzugen es, auf Menschen zu treffen, die sind, was sie tun, und Sie wurden vor einigen Jahren gefragt, ob es Ihnen um Authentizität gehe. Das war die Frage eines etwas irritierten Journalisten, die Sie bejahten.' Teilweise zumindest mag der kritische Erfolg von Saisonarbeit daran gelegen haben, dass es Geißler gelungen ist, die vollkommene menschliche Leere einzufangen, in der das Fließband vor sich hin rattert, jener entauthentifizierende Inbegriff der Arbeitsteilung. Geißler reißt auf diese Weise das entsetzlichste Zukunftsszenario an, das die meisten von uns, die wir in ihrem literarisch gebildeten Publikum aufmerksam zuhören und zustimmend nicken, in Erwägung zu ziehen vermögen: die Möglichkeit nämlich, dass auch wir dereinst unser Privileg einzubüßen gezwungen sein könnten, wirklich fest daran zu glauben, dass wir tatsächlich Menschen seien, 'die sind, was sie tun.'"

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Merkur

Heute wird Kultur oft als Gegenpol zur Migration gesetzt, als wäre sie das verlässlich Bleibende gegenüber dem stetig unzuverlässigen Wandel. Doch aus dem Blickwinkel der Deep History ergibt sich für den Wissenschaftsphilosophen Oliver Schlaudt eine ganz anderes Bild: Erst die Migration hat den frühen Menschen abgenötigt und ermöglicht, sich einen Vorrat an Techniken anzueignen, mit dem sie auf Veränderungen reagieren kann: "Das Rätsel, wie sich der Mensch in seiner langen Migrationsgeschichte neue Habitate erschließen konnte, löst sich nun auf. Mit dem Auftauchen von Kultur begegnen die frühen Menschen der Natur nicht mehr einfach mit einem unveränderbaren Organismus (beziehungsweise einem Organismus, der sich nur auf der unendlich langsamen Skala der Evolution verändert), sondern durch eine variable Kultur. Mit den schneidenden Kanten steinerner Abschläge, die bereits vor über drei Millionen Jahren auftreten, wurden große Tierkadaver als Nahrungsquelle zugänglich. Mit den - sehr viel jüngeren - Jagdwaffen war der Mensch nicht mehr darauf angewiesen, Aas zu finden oder Raubtiere von ihrer Beute zu vertreiben, sondern konnte nun selbst jagen. Auch mit dem Feuer vermochten Menschen sich als Nahrungsquelle zu erschließen, was vormals unerreichbar oder wertlos war. Die Kultur bildet einen Puffer zwischen dem menschlichen Organismus und seiner Umwelt. Sie transformiert die ökologische in eine kulturelle Nische."

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - Merkur

Leider in einem etwas absurden Sprachenmix, aber doch sehr lesenswert eruiert der Politikwissenschaftler Philip Manow, ob der Populismus heute ein Symptom für eine Krise der Demokratie oder eine Krise der Repräsentation ist. Seine These: Im 18. und 19. Jahrhundert war der Pöbel ökonomisch, politisch und ästhetisch strikt vom Volk unterschieden. Die moderne Demokratie versagt niemandem die gleichen Rechte und die Teilhabe: "Ansonsten aber muss diskursiv ausgeschlossen werden, was sozial längst eingeschlossen ist, durch ein Regime des Sagbaren und des Unsagbaren. Die Demokratie selber hat dafür keine eigenen Stoppregeln, zumindest keine prinzipieller, sondern nur solche praktischer Art. Deren Funktionskrise erleben wir gerade - aber anders verstanden als üblicherweise: nicht in dem Sinne, dass etwas Vorhandenes nicht mehr angemessen repräsentiert wird, sondern in dem Sinne, dass etwas immer Vorhandenes sich heute durch Repräsentation nicht mehr effektiv unterdrücken lässt. Repression by representation funktioniert nicht mehr wie gewohnt, die Disziplinierungsfunktion der Demokratie lässt nach."

Zu spät, ruft Moritz Rudolph den Rechtspopulisten im Osten zu, die sich hinter Pegida oder dem AfD-Slogan "Vollende die Wende" scharen: "Der Osten versucht sich also noch einmal an jener Revolte, um die er sich damals leichtfertig bringen ließ. Die Tragik besteht aber darin, dass der Augenblick, in dem sie möglich war, vorbei ist und sich nicht künstlich wiederherstellen lässt. Es gab nur diesen einen geschichtlichen Moment, aber den ließ man ungenutzt verstreichen. Seither geistert die Revolte als Zombie durchs Land und findet keine Erlösung."

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - Merkur

Warum wurde und wird eigentlich der Antisemitismus der Brüder Grimm so beharrlich in Abrede gestellt oder minimiert, fragt der Schriftsteller Gerhard Henschel und stellt in erschreckender Folge judenfeindliche Zitate von Jacob und Wilmhelm Grimm den Beschwichtigungen ihrer Adepten gegenüber. Das beginnt etwa so: "Heinz Rölleke, der hochverdiente Nestor der Märchenforschung, schrieb 2007 in einem Aufsatz, man sage den Brüdern Grimm 'zuweilen unbesehen, einigermaßen töricht und ganz zu Unrecht' Antisemitismus nach. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Rölleke selbst Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch von 1833 herausgegeben hat, in dem es heißt: 'Ich bemerke nur daß die Juden immer mehr überhand nehmen, ganze Tische u. Plätze sind damit angefüllt, da sitzen sie mit der ihnen eigenen Unverschämtheit, fressen Eis u. legen es auf ihre dicken u. wulstigen Lippen, daß einem alle Lust nach Eis vergeht. Getaufte Juden sind auch zu sehen, aber erst in der 5ten oder 6ten Generation wird der Knoblauch zu Fleisch.'"

Weiteres Sonja Asal denkt vor Windrädern im Schwarzwald darüber nach, ob nicht auch Landschaft Schutz genießen sollte. Danilo Schulz rekapituliert in einem langen Essay die französische Kolonialpolitik, die im Gegensatz zur Sklaverei viel später abgeschafft und auch heute noch weniger kritisch reflektiert wird.