Magazinrundschau - Archiv

Merkur

206 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 21

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - Merkur

Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers fühlt sich nach einem Besuch eines Nachwuchsschachturniers zu einigen grundsätzlichen Gedanken über die Meritokratie, über das Verhältnis von Verdienst und Gerechtigkeit herausgefordert. Was wird honoriert: Leistung oder Erfolg, Können oder soziale Geschmeidigkeit, Talent oder Mühe? Und warum verschafft der Golfclub mehr soziales Prestige als der Schachclub? "Wenn es zuträfe, dass die Begabung zum Schachspiel Intelligenz indiziert oder gar fördert und dass Intelligenz eine sozial relevante Eigenschaft ist, könnte man sich dennoch wundern, warum Schachclubs nicht die Golfclubs unserer Zeit sind. Anders formuliert: Während im Golfclub sozialer Erfolg von außen nach innen transportiert wird, könnte es beim Schachclub doch umgekehrt sein. Gut Golf zu spielen, dürfte als Indikator für andere Fähigkeiten nur begrenzt aussagekräftig sein, gut Schach zu spielen schon eher. Schließlich ist die Suche nach Talent gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ein großes Thema der allgegenwärtigen Innovationssemantik. Wenn ich in einen Golfclub eintrete, um Beziehungen mit sozialem, finanziellem oder politischem Kapital zu knüpfen, warum gehe ich dann nicht in einen Schachclub, um intellektuellem Kapital zu begegnen oder dieses zu rekrutieren? Warum ist es nicht attraktiver, jemanden mit einem IQ von 140 kennenzulernen als den örtlichen Bankchef?"

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - Merkur

Jan von Brevern stellt das kuratorische Konzept des indonesischen Künstlerkollektivs ruangrupa für die documenta 15 vor und erklärt, was es mit "lumbung" auf sich hat: Der Titel der im kommenden Jahr startenden Schau bezieht sich auf die traditionelle indonesische Reisscheune: "Im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum steht ein indonesischer Reisspeicher aus Sulawesi, mehr als sieben Meter hoch, gleich in der Eingangshalle  - nach eigener Auskunft das 'Wahrzeichen' des ethnologischen Museums. 'Reis ist das Grundnahrungsmittel in Tana Toraja', schreibt die ehemalige stellvertretende Direktorin dazu, 'und Reis spielt eine zentrale Rolle im rituellen Leben der Menschen.' Auf solche Rituale bezieht sich auch ruangrupa. Als Speicher für kollektiv verwaltete Lebensmittel stehe die Reisscheune für die 'gemeinsame Nutzung von Ressourcen und gegenseitige Fürsorge'. Es ist, man muss es zugeben, ein schönes Bild, das das Künstlerkollektiv da gefunden hat. Sie nennen es ein 'künstlerisches und ökonomisches Modell' … Das ist ziemlich genau das Idealbild der 'warmen Gemeinschaft', wie es Ferdinand Tönnies gegen Ende des 19.  Jahrhunderts in einer Urszene der Soziologie  - allerdings für einen ganz anderen Kulturkreis  - als Gegenbild zur anonymen, städtischen 'kalten Gesellschaft' gezeichnet hatte. Gemeinschaft stand bei Tönnies für eine ursprüngliche Geborgenheit, die im Prozess der Moderne abhandengekommen war … Anruf bei Judith Schlehe. Sie ist Direktorin des Instituts für Ethnologie an der Uni Freiburg und auf Indonesien spezialisiert. Die Verwendung von 'lumbung' als Metapher für Gemeinschaft und Solidarität erstaunt sie. Tatsächlich gebe es Reisscheunen in ganz Indonesien zwar in sehr unterschiedlicher Form. Sie dienten aber allesamt keineswegs als kommunale Speicher, sondern seien bis heute ein Bestandteil der Gebäudeensembles der Eliten, erläutert sie. 'Für Umverteilung stehen sie also gerade nicht, sondern im Gegenteil für eine enorm stratifizierte Gesellschaft mit großen Ungleichheiten' … Offenbar hätte 'lumbung' das Zeug zu einer äußerst interessanten Metapher. Im Bild der Reisscheune könnten die Ambivalenzen sichtbar werden, die die Utopie von Gemeinschaft bis heute bereithält. Auch die merkwürdigen Prozesse, in denen Traditionen erfunden werden, an deren Urwüchsigkeit dennoch fest geglaubt wird, könnten thematisiert werden  - und damit die komplizierten Verstrickungen von Identität. Man wüsste ja gerne mehr darüber, wer in Indonesien den Traum von 'lumbung' aus welchen Gründen träumt  - und wer davon eher Albträume bekommt."

Magazinrundschau vom 31.08.2021 - Merkur

Diedrich Diederichsen, Herold der Intersektionalität im deutschen Pop-Journalismus, wischt alle Zweifel an ihrer Richtigkeit vom Tisch, rückt ihre KritikerInnen in die Nähe der Querfront und erkennt die Vorzüge der aktuellen Debatte auch darin, dass sie Karrieren beendet: "Das Kulturleben der ganzen Welt, man erkennt das an den (überwiegend visuellen) Kunstformen, die tatsächlich auf der ganzen Welt präsent sind und diskutiert werden, macht eine massive, und es ist vielleicht nicht einmal falsch zu sagen: revolutionäre Veränderung durch, die auf zwei bis drei Ebenen läuft, die miteinander verschränkt sind. Auf einem Makrolevel stellt sich in allen kulturellen Bereichen die Frage, was von ihnen legitimerweise übrigbleiben kann, wenn sie im weiteren Sinn ganz dekolonisiert sein werden. Welche Vorstellungen von Geschichte, Fortschritt, Zukunft, Modernität, Ökologie würden eine Revision der eurozentrischen Philosophie und Geschichtsschreibung überleben? Auf einem Mesolevel betrifft das die Zusammensetzung, Firmenpolitik, Hierarchien, Karrierewege und Autoritäts- und Legitimitätsbegriffe der kulturellen Institutionen - denn das ist ja meistens der wahre Hintergrund von normativen, als 'Darf man noch?' übersetzten Fragen; dass diese Debatten institutionelle Konsequenzen haben, die sie früher, als sie an verschiedenen gegenkulturellen und minoritären Orten auch schon geführt wurden, nicht hatten."
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Magazinrundschau vom 10.08.2021 - Merkur

Der Blick auf die deutsche Geschichte war immer schon von internationalen Paradigmen bestimmt, schreibt der Historiker Sebastian Conrad: Das historische Narrativ der Nachkriegszeit, das im Holocaust die zentrale Erfahrung des 20. Jahrhunderts sah, werde nun abgelöst durch ein globaleres Narrativ. Konstruktion stecke in beiden: "Angesichts der Ungeheuerlichkeit der Shoah verblasste die kurze Zeit der deutschen Kolonialherrschaft zu einer Fußnote. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass Kolonialismus zunächst nur über den erinnerungspolitischen Umweg als Thema salonfähig werden konnte. Der Holocaust fungierte dabei als 'Türsteher': Um Einlass in den Kreis der legitimen Fragestellungen zu erhalten, mussten koloniale Fragestellungen ihre Relevanz gewissermaßen durch den Bezug auf die Gewaltverbrechen des Nationalsozialismus unter Beweis stellen. Das konnte zu Verrenkungen führen. Ein Produkt dieser Konstellation war beispielsweise die Kontinuitätsthese: der Herero-Genozid als Vorläufer des Holocaust, ja sogar in direkter kausaler Ursachenkette. Von dieser These ist in der Forschung nicht viel übriggeblieben. Aber sie zeigt, wie schwer es koloniale Themen hatten, gegen die Dominanz der Erinnerung I anzukommen und überhaupt Gehör zu finden. Seit der Jahrtausendwende, verstärkt noch nach dem 11. September 2001, treten die beiden Erinnerungen I und II immer mehr nebeneinander, beeinflussen sich gegenseitig. Während sich vorher koloniale Themen über den Holocaust definieren mussten, wird heute der Nationalsozialismus bisweilen geradezu als eine Ausprägung des Imperialismus interpretiert. Das ist bislang eine wissenschaftliche Debatte, die in der breiteren Öffentlichkeit noch wenig Resonanz hat. Aber daran sieht man: So wie sich nach 1945 der internationale Rahmen gewandelt hat, innerhalb dessen die deutsche Vergangenheitspolitik zu verorten war, bringen auch heute tiefgreifende gesellschaftliche und geopolitische Verschiebungen das Bedürfnis nach einer erinnerungspolitischen Neuausrichtung mit sich. Die europäische Integration brachte die Erinnerung I mit sich; die Globalisierung, um es verkürzt zu sagen, die Erinnerung II."

Ekkehard Knörer blickt auf das Theater im Lockdown mit all seinen digitalen Manövern zurück und kann eigentlich nur Sebastian Hartmann attestieren, im Digitalen "das Theater als Theater überschritten" zu haben: "Das Hartmann-Theater war für diese Fragestellung und Reflexion schon vor der Pandemie hervorragend präpariert. "Seit seinen Anfängen im unmittelbaren Castorf-Umfeld in den späten neunziger Jahren haben sich Sebastian Hartmanns Inszenierungen vor allem in der neueren Zeit in Richtung einer ganz eigenen Form von Multimedialität entwickelt. In den besten seiner Arbeiten aus den letzten Jahren wird nicht einfach der von Darstellerinnen und Darstellern gesprochene Text aus dem Zentrum gerückt, das wäre ja noch die vertrauteste postdramatische Übung, sondern es wird radikal das Zentrum als solches entfernt. Stattdessen geht es um die Organisation im Grunde gleichberechtigter Elemente, die als Module offen ineinandergefügt sind: Raum und Musik; Kostüm und Text; Intensität und Leerlauf; Festlegung und Improvisation; entstehende Kunst und vergehende, dabei be- und entschleunigte Zeit; aufgezeichnetes projiziertes und in realer Präsenz produziertes Bild; Bewegung und Stillstand von Körpern und Dingen."

Magazinrundschau vom 01.06.2021 - Merkur

Der Chemiker und Philosoph Jens Soentgen lässt sich durch das Braunkohlerevier von Hambach führen, einem der größten Tagebaue der Welt, unweit von Köln. Noch kommen aus den Hambacher Kraftwerken ein Drittel der gesamten Kohlendioxidemissionen von Nordrhein-Westfalen, doch wenn der Tagebau 2030 stillgelegt wird, soll das Baggerloch mit dem Wasser des Rheins gefüllt werden und Deutschlands zweitgrößten See - nach dem Bodensee - bilden. Es ist eine gespenstische, faszinierende Tour, die Soentgen da mit dem Paläobotaniker Ulrich Lieven machen darf: "Schaufelradbagger graben die Kohle ab. Sie sind etwa zweihundert Meter lang und hundert Meter hoch, die größten selbstfahrenden Arbeitsmaschinen, die es auf der Welt gibt. Sie sind das eigentliche Werkzeug, mit dem die Kohle herausgefördert wird. So ein Bagger, erläutert Lieven, kann 13-000 Tonnen wiegen, gebaut wird er aus Stahl. Und damit kenne man auch die Kosten, denn fertig verbauter Stahl koste ungefähr so viel wie gute Butter. Ich gebe zu, dass ich nicht behalten habe, welchen Butterpreis Lieven zugrunde legt, aber der Vergleich gefiel mir trotzdem. Es dürfte keine größeren und teureren Maschinen geben als diejenigen, mit denen wir Brennstoffe für unsere Feuer gewinnen. Wir halten schließlich an einem frisch aufgeschlossenen Kohleflöz. Er ist braunschwarz; man erkennt in den Massen schon aus der Ferne einzelne Baumstämme, die sich beim Näherkommen als richtiges, allerdings braunschwarzes Holz erweisen, bestens erhalten, als wäre es gestern erst abgestorben und dann eingefärbt worden, ohne Mühe kann man alle Jahresringe erkennen, Zeichen längst vergangener Jahre. Ungefähr vor vierzehn Millionen Jahren bildete sich der unterste Flöz Frimmersdorf aus Bäumen und Pflanzen eines sumpfigen Walds."

Magazinrundschau vom 04.05.2021 - Merkur

Soso, denkt sich der Architekt Philipp Oswalt, die Neugestaltung der Paulskirche erscheint der Staatsspitze heute revisionsbedürftig, der Berliner Dom mit seiner brachialen Hohenzollerngruft von 1905 wurde dagegen anstandslos saniert. Wo blieb da die Kommission, die erinnerungspolitisches Desaster beklagte? Hier werde mit zweierlei Maß gemessen, glaubt Oswalt, wenn die von Rudolf Schwarz neugestaltete Paulskirche, die historischen Ruin und demokratischen Aufbruch zugleich symbolisiert, der "emotionalen Leere" und "symbolischen Impotenz" geziehen wird, als wäre sie die "Notbaracke der Demokratie": "In der Neugestaltung reichen die hohen Fenster bis zum Fußboden und öffnen den Raum, die zweite Fensterreihe und das Oberlicht spenden - anders als 1848 - zusätzlich Helligkeit. Der demokratische Versammlungsraum wird in Licht getaucht und damit als Endpunkt eines schwierigen, dunklen Weges zelebriert. Doch genau diese Erzählung, die gleichermaßen Tradition wie Traditionsbruch zum Ausdruck bringt, ist heute bei manchen nicht mehr erwünscht. Der 'damals sinnfällige doppelte Bezug' sei heute nicht mehr zeitgemäß und 'viel zu intellektualistisch, um Gedenkort der deutschen Demokratie zu sein' (Herfried Münkler). Die Erinnerung möge doch bitte heroischer, stolzer, ungebrochener ausfallen. Der Bundespräsident verweist positiv auf die ungebrochenen nationalen Gedenkkulturen der Franzosen und US-Amerikaner just in dem Moment, in dem die postkolonialen Debatten deren Legitimation infrage stellen. Steinmeier und Grütters nehmen für sich in Anspruch, mit ihrer erinnerungspolitischen Offensive nicht zuletzt der aktuellen Gefährdung unserer Demokratie durch den Rechtspopulismus entgegenzutreten. De facto jedoch nehmen sie Argumentationsmuster auf und Positionen ein, die in wesentlichen Punkten von denen der Rechtspopulisten nicht zu unterscheiden sind."

Weiteres: Ulrich Gutmaier erinnert sich an die Deutsch Amerikanische Freundschaft und das Berlin der Achtziger mit türkischer Community, DDR-Smog und SO 36.

Magazinrundschau vom 13.04.2021 - Merkur

Algorithmen basieren heute nicht mehr auf Regeln, sondern auf Mustern, erklärt Paola Lopez in einem lesenswerten Artikel über künstliche Lernsysteme. Seit Übersetzungsprogramme nicht mehr auf Grammatik basieren, sondern auf Unmengen von beispielhaften Daten, sind sie viel besser geworden. Problematisch werden Algorithmen jedoch, wenn sie von der faktischen Vergangenheit normativ auf die Zukunft schließen: Wo einmal ein Erdbeben stattgefunden, wird wahrscheinlich wieder eines stattfinden, wer einmal im Gefängnis war, wird wieder dort landen. Für wessen Gesundheit bisher wenig Geld ausgegeben wurde, wird auch in Zukunft keins brauchen. Die österreichische Arbeitsvermittlung arbeitet mit einem Algorithmus, der die Chancen auf Wiederbeschäftigung einschätzt, um eine Entscheidungshilfe für Fördermaßnahmen zu geben: "Mit Ergebnissen wie diesen: Ein weiblicher Geschlechtseintrag wirkt sich negativ auf die Chancen aus, ein männlicher demgegenüber positiv. Was das Alter betrifft, werden die Chancen ab dreißig schon schlechter, ab fünfzig sieht die Sache noch problematischer aus. Negativ: eine nichtösterreichische oder gar eine Nicht-EU-Staatsangehörigkeit; ebenso: gesundheitliche Beeinträchtigungen oder Betreuungspflichten - Letztere allerdings nur bei Frauen. Das klingt alles nicht gut, ist aber noch nicht diskriminierend, zumindest wenn man es entlang des epistemischen Fundaments solcher Systeme betrachtet. Es handelt sich schlicht um eine statistische Analyse vergangener, gruppenbezogener Daten. Diese zeigt, dass der Arbeitsmarkt Menschen mit bestimmten Dateneinträgen strukturell besser behandelt als andere."

Weiteres: Jan-Werner Müller erkennt die Bedeutung des guten Verlierers in der Demokratie.

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Merkur

Claus Leggewie wirft anhand einiger Neuerscheinungen (vor allem Raphaëlle Branches Studie "Papa, qu'as-tu fait en Algérie? Enquête sur un silence familial") und älterer Bücher noch einmal einen Blick auf das Trauma des Algerienkriegs und erweist sich als ein profunder Kenner der Materie (tatsächlich hat er schon 1984 ein Buch über die deutschen Helfer der "Kofferträger" des FLN veröffentlicht). Auch für die "Pieds noirs", also die am Ende des Kriegs in die Metropole geflüchteten Algerienfranzosen (die übrigens oft spanischer oder italienischer Herkunft waren) findet er gerechte Worte: "Die rund 800.000 Pieds-noirs, die Algerien in einer wahren Massenflucht verließen, wurden als 'rapatriés' registriert, obwohl die große Mehrheit nicht aus Frankreich stammte oder seit Generationen in Nordafrika gelebt hatte. Frankreich bot ihnen weder Heimat noch Vaterland und kümmerte sich wenig um die materiellen und emotionalen Verluste der Pieds-noirs. Eher fungierten sie, darin den deutschen Heimatvertriebenen ähnlich, summarisch als Sündenböcke."

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - Merkur

Der SPD ist ihr Niedergang nicht unbedingt nur selbst zuzuschreiben, meint der Jurist Christoph Möllers. Überall in Europa seien sozialdemokratische Parteien im Niedergang, und so wenig hole die SPD in der Regierung gar nicht mal heraus. Aber es wird der Partei nichts nützen, denen gegenüber Recht behalten zu haben, die sie eh nicht wählen, erkennt Möllers und macht einige zentrale Schwachpunkte der Partei auf: "Eine Partei, die für Gewerkschafter und Schriftsteller erste Wahl war, konnte viel von sich selbst lernen. Nicht zufällig ging beides parallel verloren. Nicht nur ist das klassische Arbeitnehmermilieu der SPD geschrumpft, die SPD hat auch noch Anteile innerhalb des verbliebenen Milieus verloren - zugleich ist sie für Intellektuelle keine interessante Wahl mehr. Die Partei wirkt heute an geistigem Austausch außerhalb der Parteigrenzen weitgehend desinteressiert. Die Grundwertekommission ist ein überaltertes Gremium, die Debattenlage tendiert zur Selbstvergewisserung. Man versichert sich, es immer schon gut gemeint zu haben, und solche Feststellungen werden natürlich nicht dadurch interessanter, dass sie zutreffen. Natürlich wäre es eine Professorenfantasie zu glauben, Parteien bedürften einer nennenswerten intellektuellen Entourage, um erfolgreich Politik zu machen. Die CDU beweist das Gegenteil. Für ihren politischen Erfolg war es nicht entscheidend, ob sie sich wie in der frühen Kohl-Zeit um die Intellektuellen bemühte oder gerade nicht, wie sonst fast immer. Aber vielleicht gilt für die SPD eben anderes, vielleicht war sie auf die Kombination von Hand- und Kopfarbeit besonders angewiesen. Diese versprach einen geerdeten Avantgardismus, der auch jenseits beider Milieus noch ein interessiertes Publikum mitnehmen konnte."

Weiteres: Katharina Teutsch nimmt sich noch einmal Thomas Hettches Roman "Herzfaden" vor, der bei seinem Erscheinen durchweg positiv besprochen worden war, ihr allerdings als preziöser "Entnazifierungskitsch" erscheint.
Stichwörter: SPD, Sozialdemokratie

Magazinrundschau vom 05.01.2021 - Merkur

Der deutsch-israelische Künstler Eran Schaerf reagiert im Merkur-Blog auf das Anti-Antisemitismus-Heft der Texte zur Kunst vom September und macht sich - mal polemisch, mal assoziativ - Gedanken über Fragen der Erinnerungskultur und des Israelboykotts: "Es ist Corona-Zeit. Der zivile Flugverkehr in Israel ist weitgehend lahmgelegt, aber in einem Flughafen herrscht reger Verkehr. Beladen mit militärischer Ausrüstung 'Made in Israel' fliegen Flugzeuge des Typs Iljuschin-76 der Cargo-Gesellschaft Silkway nach Aserbaidschan. Die Waffen werden von Aserbaidschan gegen die armenische Enklave Bergkarabach eingesetzt. Mit der Offensive Aserbaidschans - auch gegen zivile Ziele - ist der Bergkarabach-Konflikt erneut ausgebrochen. Corona sagte ich schon. Die israelische Wirtschaft ist im Tief, ein schlechter Zeitpunkt, um Geschäfte zu unterlassen. Aserbaidschan auf eine Unterlassung des Waffenhandels mit Israel anzusprechen, könnte jemand an Judenboykott erinnern. Tut auch niemand. Ich muss Franz anrufen, Franz Werfel, der 'Die vierzig Tage des Musa Dagh' über den Völkermord an den Armeniern geschrieben hat. Ich muss ihn erst einmal damit updaten, dass 'der Staat der Shoah-Überlebenden' den Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich nicht anerkennt. Dann würde ich ihn fragen, ob er… 'als Jude, oder was?', würde er mich unterbrechen …ob er denkt, dass die 'jüdische Erfahrung der Shoah' israelische Juden auf die Idee bringen sollte, dass ihre Waffenlieferungen die armenische Erfahrung des Genozid empathielos vernachlässigen. Aber ich rufe Franz nicht an. Womöglich würde er mir noch sagen, dass die Toten nur fiktive Geschichten erzählen können und Fiktion ist Kunst und als Künstler wäre ich der BDS-Nähe verdächtig und könnte meinen Job verlieren. Das wäre ja nicht so schlimm, doch Selbstboykott ist hier nicht das Thema." Mehr zu den Ruder- und Rückrudermeisterschaften der Texte zur Kunst in der Antisemitismusfrage hier.

Im Heft schreibt zudem Aleida Assmann einmal mehr über den Streit um Achille Mbembe und die BDS-Resolution des Bundestags, aber auch über die erweiterte Antisemitismus-Definition, die die Bundesregierung von der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen hat, und zwar in einer Fassung, die auch Kritik an Israel mit einschließen kann, wie Assmann moniert: "Insgesamt hat die Verlagerung des Schwerpunkts der Antisemitismus-Bekämpfung durch BDS und IHRA dazu geführt, dass das Bedrohungspotential inzwischen weniger im rechtsradikalen Spektrum als im Milieu von linken und liberalen Intellektuellen gesucht wird." Assmann antwortet in dem Artikel auch auf einen Essay von Perlentaucher Thierry Chervel zur Mbembe-Debatte.

Mit dem in jeder Hinsicht an Selbstbetrug grenzenden Humboldt-Forum wird der Historiker Jürgen Große nicht so bald seinen Frieden machen, wie er in einem Rückblick auf dreißig Jahre Rekonstruktionsdebatte deutlich werden lässt: "Nähert man sich dem Schlossbau von Osten, dann stößt man auf andere, wohl ähnlich ungewollte Macht-Kultur-Ambivalenzen. 'Humboldt Forum' ist dort in prekärer Orthografie zu lesen. Doch ausgerechnet die östliche, angeblich zu Stadt und Bürgerschaft 'geöffnete' Fassade huldigt mit ihren schießschartenartigen Fenstern dem italienischen razionalismo. Dieser typische Stil der faschistischen Epoche kontrastiert dem wilhelminischen Neubarock des Berliner Doms, der nördlich anschließt. Funktionalität moderner Machtstaatlichkeit neben flügelschlagendem Engelsvolk! Schweift der Blick weiter südwärts, ergibt sich baustilistisch ein harmonischer Effekt. Dort nämlich zeichnen sich die Umrisse des einheitsdeutschen Außenministeriums ab. Einer der Hausherren hatte die gewaltstaatliche Vergangenheit des Amts erforschen lassen. Dessen steinerne Hülle jedoch zeigt eines der klarsten Bekenntnisse zu Albert Speer, die im neuen Berlin entstanden sind."