Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 31.10.2017 - Merkur

Der Historiker Karl Schlögel besingt Petersburg, die Stadt des großen Epochenbruchs, die natürlich nicht Europäische Kulturhauptstadt werden konnte, aber ganz gewiss Hauptstadt des Jahres 2017. Das Jahr 1917 beschreibt er so "Es gibt kein Holz, um die Häuser zu heizen, Wasserleitungen gefrieren und platzen, wenn der Frühling kommt, die Stadtbewohner retten sich, indem sie ihr Mobiliar und ihre Bibliotheken verheizen, um zu überleben. Es ist die Situation, in der der Himmel über der Stadt klar geworden ist, weil die Fabriken zu arbeiten aufgehört haben, und wo aus dem Pflaster der Prospekte das Gras hervorbricht, wo Häuser und Zäune und alles, was an brennbarem Stoff vorhanden ist, in die burzujki, in die Kanonenöfen wandert. Rückeroberung der Stadt durch die Natur. Die Zeitgenossen haben das Sterben der Stadt mit letzter Kraft beschrieben und gezeichnet, und manche meinten, sie sei nie in reinerer Schönheit erstrahlt als in dem Augenblick, da sie starb - als die 2,1-Millionen-Stadt auf 700.000 Einwohner zurückgeschrumpft war und die Fabriken ihre Arbeit eingestellt hatten. Aber wir wissen auch, dass sie kämpfte, überlebte, ins Leben zurück fand."

Weiteres: Matthias Dell rekapituliert in seiner Medienkolumne den NSU-Prozess, bei dem ihn die kühle Arroganz der Bundesanwaltschaft gegenüber den Opfervertretern so abstößt wie ihn dann allerdings der Auftritt von Volker Bouffier "ästhetisch begeistert".

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Merkur

Noch vor zwanzig Jahren waren Exoplaneten eine echte Sensation, heute sind sie der heißestes Trend in der Physik, erzählt der Astronom Aleks Scholz. Jede Jahr muss er seine Vorlesungen umschreiben, weil es etwas Neues zu berichten gibt, und die Nasa wirbt mit lustigen Sprüchen für Reisen ins Weltall: "Fliege mit uns zu einer Welt, auf der das Gras immer roter ist als zu Hause": "Mittlerweile kennen wir Planeten, die weder zu heiß noch zu kalt für Lebewesen sind. Wir kennen Planeten mit flüssigen Ozeanen, Planeten mit Atmosphären und solche mit festem Boden. Wir können Planeten vermessen und wiegen und herausfinden, woraus sie bestehen. Als Nächstes werden die Atmosphären unter die Teleskope genommen. Atmosphären könnten Spuren von Leben tragen, Sauerstoff zum Beispiel, eine Ozonschicht, vielleicht die Abgase einer Zivilisation oder die Spuren von nuklearer Verwüstung, ein spektraler Fingerabdruck, der darauf  hinweist, dass dort draußen nicht nur tote Materie ist oder war. Was danach kommt, ist unklar. Was tatsächlich auf  so einem Planeten herumläuft, seien es Schleim, Schildkröten oder Springtamarine, können wir mit den bisherigen Methoden nur erahnen."

Roberto Simanowski hat keine Angst vor dem Todesalgorithmus selbstfahrender Autos und es würde wohl auch nichts nützen: "Die Möglichkeit, den Stecker zu ziehen, wenn die ermächtigte künstliche Intelligenz sich gegen unsere (unmittelbaren) Interessen stellt, wird es nicht geben. Sie wird klüger sein, als wir denken."

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - Merkur

Nur die großen Kulturdenkmäler lässt der Islamische Staat offentlichkeitswirksam zerstören, noch mehr Artefakte vertickt er gewinnträchtig auf dem internationalen Kunstmarkt, schreibt Steffen Groß. Dass jetzt immer mehr Staaten diese von modernen "Monument Men" oder Kultur-Blauhelmen schützen lassen wollen, liegt daran, dass dem Markt selbst mit strengeren Regeln nicht beizukommen ist: "Die Gewinnspannen, die im illegalen Handel mit Antiken realisiert werden, sind exorbitant. Zwischen den Beträgen, die den Raubgräbern vor Ort von der untersten Ebene der Zwischenhändler gezahlt werden, und den Endpreisen liegen leicht einige tausend Prozent. Laut Unesco, Interpol und Scotland Yard beträgt der Umsatz des illegalen Handels mit Kulturgütern jährlich weltweit sechs bis acht Milliarden Dollar. Der Markt ist damit nach dem illegalen Waffen- und dem Drogenhandel dem Volumen nach der drittgrößte."

Außerdem: Stefan Krankenhagen wirft einen Blick ins House of European History.

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Merkur

Im Merkur erklärt uns Felix Philipp Ingold das Geschichtsbild der Neuen Chronologie - eine Bewegung des russischen Mathematikers Anatoli Fomenko, der davon ausgeht, dass unsere Zeitrechnung wissentlich um tausend Jahre fehldatiert wurde: Die griechische Antike wird damit in den in den Zeitraum vom 11. bis zum 16. Jahrhundert verschoben, Jesus wurde auf der Krim geboren und zwar als byzantinischer Kaiser Andronikos I. Komnenos, und das Russentum war die eigentliche Gründungsmacht des Westens. Man kann darüber lachen - viele russische Universitäten nehmen Fomenko laut Ingold ernst - oder man kann dagegen argumentieren, der wachsenden Popularität dieser Thesen tut das keinen Abbruch, so Ingold. "Obwohl viele - die meisten - Thesen der Neuen Chronologie auf wissenschaftlichen Kongressen und in wissenschaftlichen Publikationen falsifiziert worden sind, nimmt Fomenkos Anhängerschaft unentwegt zu und wird zu einer esoterischen Massenbewegung, die auch außerhalb Russlands mehr und mehr Beachtung findet. Im Internet, in Workshops, in staatlichen und privaten Medien genießt er längst Kultstatus und gewinnt zusehends den Rang eines prophetischen Meinungsführers, der dem Russentum durch die Erhellung und Neuauslegung der 'vaterländischen' Geschichte gleich auch eine lichte Zukunft zu garantieren scheint: In dürftiger Zeit evoziert schönfärberische Geschichtsfälschung verpasste Möglichkeiten und regt gleichzeitig zu ihrer künftigen Verwirklichung an."

Außerdem: Heiko Christians denkt über Wege aus der pädagogischen Provinz nach.

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - Merkur

Trump und Brexit, Norbert Hofer und Marine Le Pen verdanken ihren Aufstieg zum Teil auch einer radikalen, nicht mehrheitsfähigen Linken, fürchtet Christoph Möllers, aber vor allem verdanken sie ihren Erfolg dem politischen Ennui der bürgerlichen Mitte, die in der Welt, die gerade zerfällt, überdurchschnittlich gut lebt. Statt auf Parteien setzen diese Mittelschichten auf Institutionen, die Kirche, den liberalen Eigennutz, auf Fakten und Expertise, die Moral oder Identitäten: "Zugleich besteht gerade bei engagierten Mittelschichten, die über besondere Ausdrucksmöglichkeiten verfügen, die Tendenz, mit politischen Motiven noch einmal zu tun, was ohnehin getan wird: Geld für ein Projekt organisieren, Webseiten designen, Aufsätze im Merkur schreiben, Projekte planen oder Unterschriften sammeln. Dagegen ist nichts zu sagen, nur dürfte es sich als Selbsttäuschung erweisen, dies als genuin politisches Engagement zu verstehen. Wer die Ordnung so, wie sie ist, für schützenswert hält, wird sich ihren politischen Formen anvertrauen müssen - und das bedeutet vor allem anderen, in politische Parteien einzutreten und einen relevanten Teil seiner Zeit in diesen zu verbringen. Wer Demokratie und Freiheit für Lebensformen hält, wird sie nicht an das System delegieren und sich über dieses beklagen dürfen."

Weiteres: Rembert Hüser schreibt über das Pendeln nach Berlin. Peter Rehberg spricht mit Didier Eribon über Emanzipation, Aufstieg und Verrat.

Magazinrundschau vom 06.06.2017 - Merkur

Für seine Design-Kolumne hat sich Christian Demand durch so unbedarfte, aufgeblasene oder niveaulose Neuerscheinungen zum Thema gearbeitet, dass er der geisteswissenschaftlichen Publizistik bereits das Totenglöckchen läutet. Das Verschwinden akademischer Buchverlage werden Historiker als "fahrlässige Selbstabschaffung" diagnostizieren, schreibt Demand: "Damals, so werden sie konstatieren, flossen die öffentlichen Druckkostenzuschüsse in derart breiten Strömen und vermeintlich so zuverlässig durch die Republik, dass zahlreiche Unternehmen ihr bisheriges Geschäftsmodell als unnötig riskant zu empfinden begannen und lieber auf das Prinzip der feudalen Pfründewirtschaft umstellten. Fortan zogen sie an sich, was an subventionierten Druckaufträgen irgend zu bekommen war, und ließen wahllos Aufsatzsammlung um Aufsatzsammlung, Qualifikationsschrift um Qualifikationsschrift, Kongressaktenkonvolut um Kongressaktenkonvolut zwischen Buchdeckel binden und mit einer ISBN versehen. Ihr ehemaliges Kerngeschäft - Stoffentwicklung, Lektorat, Programmpflege, Öffentlichkeitsarbeit - versahen sie nur noch minimalinvasiv, sofern sie es nicht gleich komplett an dieselben Autoren und Forschungsverbünde delegierten, die ohnehin bereits das Geld und die Inhalte frei Haus lieferten. So kam es, wie es kommen musste: Die Leser verloren zunehmend die Lust, sich durch den rasant aufquellenden, amorphen Schriftenbrei zu quälen."

Patrick Eiden-Offe liest die Karl-Marx-Biografie "Greatness and Illusion" von Gareth Stedman Jones, eines früheren Herausgebers der New Left Review, und freut sich immerhin, dass er den Marx des Kapitals in den Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung stellt. Denn soviel ist klar: "Auf den jungen Marx kann sich jeder berufen."

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Merkur

Martin Burckhardt schreibt eine kleine Geschichte der Digitalisierung, in welcher der Computer kein Medium ist, sondern eine immaterielle Kathedrale, eine kollektiv und über Generationen hinweg errichtete Architektur. "Meine Computergeschichte beginnt in dem Augenblick, da sich das 18. Jahrhundert unter Strom setzt - und ein Gebilde in die Welt entlässt, das man als 'Humanprozessor' bezeichnen könnte. Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Jahr 1746 versammeln sich, unter der Leitung des Abbé Nollet, gut sechshundert Mönche auf einem Feld im Norden Frankreichs und verkabeln einander mit Eisendraht. Als der Kreis geschlossen ist, berührt der Versuchsleiter eine Antenne, die aus einem wassergefüllten Behälter herausragt. Und was passiert? Alle Mönche beginnen zu zucken. Mutet dieses Setting wie eine spiritistische Séance im Großformat an, so handelt es sich doch um eine klassische, cartesianische Versuchsanordnung. Man hatte mit der Leydener Flasche den Kondensator entdeckt und wollte nun wissen, wie schnell sich das elektrische Fluidum bewegt."

Beim Blick in die Fotodatenbank befällt Günther Hack eine profunde Schwermut - ein Gefühl, dem er in einem großen (auf ZeitOnline zugänglich gemachten) technikphilosophischen Merkur-Essay über die Melancholie der Digitalfotografie nachgeht. Die Software wird gegenüber dem Bild zunehmend übergriffig, beobachtet er - das liegt nicht nur an der Datenfülle der Meta-Tags, die die Fotos, für das menschliche Auge zunächst unsichtbar, stillschweigend begleiten und es nach äußeren Parametern fixieren, sondern auch daran, wie Codec-Optimierungen dafür sorgen, dass die digitalen Rohdaten der Bilder immer noch besser ausgelesen werden: Das Bild selbst wird nie in einen fertigen Endzustand überführt. "Der Ort der Meisterschaft in der Fotografie liegt nicht mehr auf den Straßen des Garry Winogrand, sondern in den Softwarestudios. Barthes' Empfindung 'So ist es gewesen' wird verdrängt von einem 'Genau zu diesem Zeitpunkt ist es gewesen', an diesem Ort. Es geht um eine Emotionalität, um eine Melancholie, die nicht mehr aus dem Sehen hervorgeht, sondern aus dem Rechnen. Vor wie vielen Jahren war das? Wie alt bin ich gewesen? Wie lange ist das her? Oft dämpfen die Metadaten die Wucht eines Bilds, betten es ein in die Oberflächen der Archivsoftware wie in vergoldete barocke Rahmen: So mag es gewesen sein, aber im Inneren des Fotoapparats geschah auch noch das und das und das. Der entscheidende Moment ist aufgehoben, das Bild gekapselt, in Watte eingepackt, unschädlich gemacht. Die Metadaten der Bilddateien sind ambivalent, wie das Geld bei Georg Simmel. Sie isolieren, ermöglichen aber zugleich ganz neue Verbindungen."

Außerdem: In ihrer Filmkolumne betrachtet Elena Meilicke Eric Edelmans oscarprämierte Dokumention "O.J.: Made in America" als achtstündige Studie des amerikanischen Lebens, aber auch als Höhe- und Endpunkt der Saga um O.J. Simpsons Aufstieg, um Rassismus, Mord und Freispruch. Und Danilo Scholz und Adam Tooze verteidigen die technokratische Politik der EU gegen den Soziologen Wolfgang Streeck.

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - Merkur

Was soll nach dem Brexit nur aus Nordirland werden?, fragt Pól Ó Dochartaigh, der die irische Teilung mit der deutschen vergleicht und die irisch-nordirische Grenze eigentlich nur innerhalb der EU praktikabel findet: "Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 zwischen London und Dublin kann jeder Nordire die doppelte Staatsbürgerschaft für sich reklamieren, muss aber nicht zwei Pässe haben, weder in Großbritannien noch in Irland sind Personalausweise eingeführt worden. Meine in Belfast lebenden Eltern sind im eigenen Land wohnhafte doppelte Staatsbürger mit irischem Pass. Ihre probritischen Nachbarn mit britischem Pass werden als britische Staatsbürger anerkannt, die ebenfalls im eigenen Land wohnen. Wie soll man da per Ausweis das Recht zur Ein- und Ausreise kontrollieren, wenn eine 'harte (EU)Grenze' entsteht?"

Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach plädiert für eine Trennung von Politik und Bildung und kann auch der Forderung nach mehr Engagement und Teilnahme wenig abgewinnen: "Werden die ungebildeten Köpfe aktiv (fromm zu glauben, es gäbe davon nur wenige), wird das demokratische Ethos teilweise dramatisch auf seine Tauglichkeit geprüft. Es wäre also insgesamt besser, wenn jene, die nichts von Politik verstehen, sich auch nicht zu heftig um sie kümmern."

Magazinrundschau vom 28.02.2017 - Merkur

Wir leben jetzt im Anthropozän. Klimawandel, Verschmutzung der Meere und Verlust der Artenvielfalt summieren sich nicht nur zu einer ökologischen Megakrise, sondern zu einem neuen erdgeschichtlichen Zeitalter. Eva Horn findet das gut. Nur wenn wir Epochenumbruch anerkennen, können wir Mensch und Zukunft neu denken: "Das kann einerseits bedeuten, sich - wie Biologen, Klimawissenschaftler oder auch Paläontologen - noch einmal völlig neu Gedanken über den Menschen als Spezies zu machen, eine Spezies, die ihre ursprünglichen Existenzbedingungen 'in der Mitte der Nahrungskette' zwischen Großraubtieren und Kleinsäugern innerhalb kürzester Zeit so umfassend verändert hat, dass sie nun die Lebensbedingungen fast aller anderen Lebewesen beeinflusst und nicht selten bedroht. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung würde erklären, warum weder der Mensch selbst noch die Ökosysteme sich dem neuen Status des Homo sapiens als dominanter Spezies evolutionär haben anpassen können. Es kann andererseits auch bedeuten, den Menschen nicht mehr als Krone der Schöpfung zu verstehen, sondern als Teilnehmer an Netzwerken sehr unterschiedlicher Handlungsträger, die Pflanzen, Tiere, Landschaften, Ressourcen, Atmosphären und Dinge umfassen."

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Merkur

Der große Nachteil des Geldes ist, dass es keinen abnehmenden Grenznutzen hat: Man kann also nie genug von ihm bekommen, hält Werner Plumpe fest, der mit Simmel, Luhmann und Co über das Geld nachdenkt. Die Verteufelung einer von Gier getriebenen Welt geht aber eigentlich fehl, meint Plumpe: "Die wirtschaftshistorische Forschung legt im Gegenteil nahe, dass berechnendes Verhalten und Hartherzigkeit in der älteren Welt der großen Knappheit und der prekären Existenz sehr viel weiter verbreitet waren als in den  Zentren des gegenwärtigen Kapitalismus, in denen der relative Überfluss zu einer Art materieller Entlastung und dadurch auch zu größeren Handlungsspielräumen geführt hat. Es wäre ziemlich absurd, die Beschwörungen einer geldgequälten Welt mit der Realität zu verwechseln, zumal derartige Verhältnisse in den eigenen Lebenserfahrungen, im Freundeskreis und im Alltag doch gerade nicht die Regel sind: Wessen Freunde sind schon berechnend und geldgierig?"

Dirk Baecker denkt über Heiner Müllers Diktum nach, dass die Aufgabe der Kunst darin besteht, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.
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