Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
23.09.2002. In der NY Review of Books macht sich Ahmed Rashid Sorgen um Pakistan. Outlook India fürchtet gar, dass die pakistanischen Fundamentalisten die Wahlen gewinnen werden. In Atlantic Monthly rühmt Christopher Hitchens die virtuose Handhabung von Zärtlichkeiten und Peitsche durch May Gray, Lord Byrons Kindermädchen. Die NYT Book Review empfiehlt allen Musen: no Sex. Das TLS stellt Peter Ackroyds "idea of Englishness" vor. L'Express widmet sich den Wahlen in Deutschland. Im Nouvel Obs beklagt Toni Negri das Drama der Linken.

New York Review of Books (USA), 10.10.2002

Ahmed Rashid ("Taliban") empfiehlt zwei neue Bücher, die sich mit der heiklen Situation in Pakistan beschäftigen: "Eye of the Storm" des früheren BBC-Korrespondenten in Islamabad, Owen Bennett Jones, und "In the Shadow of Jihad and Afghanistan" der Korrespondentin des New Yorker, Mary Ann Weaver (deren großes Bin-Laden-Porträt aus dem Jahr 2000! man beim New Yorker noch lesen darf). Besonders der amerikanischen Regierung scheint er die Lektüre ans Herz legen zu wollen, die ihre Politik im Mittleren Osten inzwischen gänzlich dem Pentagon überlassen habe. "The domestic political crisis is now reaching a boiling point but is conveniently ignored by Washington as long as President Pervez Musharraf continues to support the war against terrorism", meint Rashid. "Few Westerners seem to realize how grave Pakistan's situation has become. India has become increasingly bellicose. Al-Qaeda cells are firmly planted inside the country. Law and order has broken down as militant groups kill foreigners and Pakistani Christians. The country's economy is in an acute recession, with widespread unemployment. Some 40 percent of the population, or about 56 million Pakistanis, live below the poverty line; their numbers have increased by 15 million since Musharraf took power. There is a deep polarization between the secular democratic parties and the Islamic right wing. The country and the army's future are now at stake, as well as Pakistan's involvement in the war against terrorism."

Des weiteren werden zwei Artikel aus der vorigen Ausgabe fortgesetzt: Thomas Powers Artikel über die amerikanischen Geheimdienste (hier der erste Teil), sowie Andrew Nathans und Bruce Gilleys Bericht über Chinas neue Führer (hier der erste Teil).

Daniel Mendelsohn bespricht Oliver Parkers Verfilmung von Oscar Wildes "The Importance of Being Earnest". Pica Iyer versucht, das nahezu täglich wachsenden Oeuvre des journalistischen Tausendsassas William Buckley zu fassen. Und schließlich druckt die Review einen Auszug aus Alfred Brendels Buch "Ausgerechnet Ich", in dem sich der Pianist mit NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer über Mozart unterhält und das nun in englischer Übersetzung erscheint.

Outlook India (Indien), 30.09.2002

Anita Pratap kritisiert vehement die Kriegspläne der "texanischen Öl-Junta" und das Schwarz-Weiß-Denken der Weltmacht. Bisher gebe es nämlich keinerlei Beweise, dass Saddam Hussein die Al-Quaeda unterstützt. "But Bush wants him, dead or alive, preferably dead. He wants to attack Iraq and he wants to attack now. So you have to be with him or against him and don't you dare be against him. It isn't an option, you see. Because then you are part of the Evil Axis. You wonder how Americans can be so blind that they don't see such an attitude as being arbitrary, arrogant unilateralism of the worst kind."

Islamische Fundamentalisten haben gute Chancen bei den bevorstehenden Wahlen in Pakistan, berichtet Mazhar Abbas. In Karachi etwa sind die Häuser voll mit Graffiti a la "Death to the US", viele halten Präsident Musharaff für eine Marionette der USA. Deshalb sehen sie die Fundamentalisten als einzige politische Alternative, schreibt Abbas. "Many fear the Islamists could step into Pakistan's political vacuum. With liberal and popular politicians like Benazir Bhutto and Nawaz Sharif nudged out of the elections process, the electorate could vote Islamists to vent their disenchantment against the military regime."

Der Titel beschäftigt sich mit den bisher fairen und transparenten Wahlen im Kaschmir, die von 28 ausländischen Diplomaten beobachtet werden. In der lesenswerten Aufmacher-Reportage schildert Prem Shankar Jha, dass die Teilnahme an den Wahlen für viele in der Vergangenheit den sicheren Tod bedeutete. Noch jetzt trauen sich viele Menschen nicht in die Wahlkabine. "The reason was that the indelible ink mark put on the fingernail to indicate that person had voted, which takes several days to rub off and is simply a nuisance in the rest of India, was virtually a passport to death in Kashmir. For, it is not only the army that looks at people's fingers but also the militants." Auch der BBC-Korrespondent Daniel Lak beurteilt die Lage vorsichtig hoffnungsvoll: "I look forward to the day when Kashmir is peaceful and prosperous, if only because journalism would be easier."

Weitere Artikel: Soma Wadhwa beschreibt die Auflösung der traditionellen indischen Großfamilie. "I value my privacy too much to live with my children", wird der 75-jährige Kulbhushan Malik zitiert, der mit seiner 67-jährigen Frau Prabha in ein kleines Appartment gezogen ist. Besprochen werden die Memoiren des ehemaligen Herausgebers der indischen "Illustrated Weekly", M.V. Kamath, und Christoph Kremmers Geschichte der Kriege um die Teppiche, die zugleich eine Chronik des Niedergangs des Islams ist.

The Atlantic (USA), 01.10.2002

"The history of the 1990s needs to be rewritten", verkündet Joseph Stiglitz, ehemals Wirtschaftsberater von Bill Clinton, Chefökonom der Weltbank und Nobelpreisträger in seinem Rückblick auf die Roaring Nineties. Die einfache Gleichung nämlich, wonach Clinton für Prosperität, Jobs und sinkende Armut steht, während Bush die Rezession, gefälschte Bilanzen und Firmenpleiten gebracht hat, gehe gar nicht auf, eröffnet Stiglitz uns: "It would be nice for us veterans of the Clinton Administration if we could simply blame mismanagement by President George W. Bush's economic team for this seemingly sudden turnaround in the economy, which coincided so closely with its taking charge. But the economy was slipping into recession even before Bush took office, and the corporate scandals that are rocking America began much earlier: Accounting standards slipped; deregulation was taken further than it should have been; and corporate greed was pandered to", schreibt Stiglitz: "We have focused so hard on our own economic mythology, and on managing globalization to our short-term benefit, that we have been blind to what we're doing to ourselves and the world."

Weitere Artikel: Christopher Hitchens hat die neue Byron-Biografie von Fiona MacCarthy gelesen und möchte vor allem dem Kindermädchen May Gray ein Denkmal setzen, das den jungen Byron so lange mit Zärtlichkeiten, Peitsche und Höllenandrohungen traktiert haben soll, bis er das intime Verhältnis von Sex und Grausamkeit, von Autorität und Unterordnung gewinnbringend für die romantische Bewegung verinnerlicht hatte. (Mehr zu Byron im Netz finden Sie hier.) Thomas Mallon erkennt bei der britischen Jungautorin Zadie Smith ("Zähne zeigen") das typische "second novel"-Syndrom, ihr zweiter Roman "The Autograph Man" liefere "too little too soon". Und Alice McDermott schließlich hält William Trevors neuen Roman "The Story of Lucy Gault" für die bislang traurigste Geschichte, die der anglo-irische Schriftsteller jemals erzählt habe. Außerdem gibt es natürlich die Lyrik im Netz: Zu hören sind Gedichte von Lola Haskins, Jonathan Musgrove, Marilyn Krysl, zu lesen ist eins von Laura Fargas.

Nur im Print: Philip Jenkins, Religionswissenschaftler und Historiker an der Pennsylvania State University, sieht das Christentum an einem historischen Wendepunkt, der sich mindestens so epochal auswirken wird wie die Reformation (Online-Leser können sich mit einem Interview mit Jenkins über seine These trösten). Und der unvergleichliche William Langewiesche schließt mit "Dance of the Dinosaurs" seine dreiteilige Serie über die Aufräumarbeiten von ground zero ab. Diesmal geht es um die tribalistischen Auseinandersetzungen zwischen den Gewerkschaften, Feuerwehr, Polizei und Stadtregierung.
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Archiv: The Atlantic

New York Times (USA), 22.09.2002

Erstaunt stellt Judith Shulevitz im "Close Reader" fest, wie gekonnt die Schriftstellerinnen des viktorianischen Englands die ihnen von der Gesellschaft auferlegten Beschränkungen für ihre Profession nutzten. Christina Rossetti, Emily Dickinson, Elizabeth Barrett Browning und Emily Bronte lebten bei ihren Eltern, mussten kein Geld verdienen, konnten sich jederzeit von den langweiligen Tee-Runden zurückziehen und waren durch ihren Mangel an formaler Bildung prädestiniert für originelle Ideen. "After all, poetic composition is the art of finding beauty in constraint, of turning limitation into aesthetic opportunity, and that, we know, is a feat these women were forced to perform incessantly. As Dickinson, with her great talent for ambivalence, put it: 'Essential Oils / are wrung / The Attar from the Rose Be not expressed by Suns / alone / It is the gift of Screws / ...'."

Wir bleiben bei den Frauen: Francine Prose hat in ihrem neuen Buch neun Musen berühmter Künstler porträtiert. Und hat dabei herausgefunden, dass diese beileibe keine passive oder gar eine Opferrolle innehatten. Nicht alle waren allerdings so erfolgreich wie Lou Andreas-Salome, schreibt Stacy Schiff: "Lou managed a sexless romance with Nietzsche, an equally sexless 43-year marriage to a philologist, a torrid affair and long relationship with Rilke and a friendship with Freud, all the while turning out a small library of her own work, some of it critical of the men she so invigorated. She was smart enough to leave them all wanting more, behavior that illuminates two central tenets of musedom: sex has relatively little to do with it; longing, on the other hand, is key. Freud spoke of directing his remarks to Lou's empty seat in the lecture hall. Impossible though it sounds, 'Thus Spake Zarathustra' has been described as a balm to a broken heart. The muse should be as charming as she is unobtainable, a fantasy bartender."

Eva Hoffmann bewundert die "ruhige Schönheit" von "About Nature", einem posthum veröffentlichten und in Versen gehaltenem Frühwerk W.G. Sebalds. "Sebald's writing here, as in all his work, is nourished by precise detail, by the quiddity of the material world; but its scope derives from the largeness of his temporal imagination." (Hier das erste Kapitel). Mindestens ebenso beeindruckt ist Edward Hirsch von Abba Kovners letztem Gedichtband, der durch seinen knappen, schnörkellosen, ja, finalen Stil überzeugt (das erste Kapitel). Claire Dederer lobt Nani Powers neuen Roman "The Good Remains", eine Elegie auf den Süden der USA und den Untergang seiner Tradition (das erste Kapitel). Und Robert Harris folgt bereitwillig Tony Horwitz, der auf den Spuren Captain Cooks die Welt bereist und dabei notiert hat, wie die westliche Zivilisation Cooks Paradiese verändert hat.

Kurz besprochen werden Bücher über die Drucke von Roy Lichtenstein, das Leben des kleinsten Mannes von England, die schönste Stadt der Welt, Florenz, oder die Schlacht bei Gettysburg. Und die Krimikolumne beschäftigt sich mit sadistischen Psychologen, emotionalen Hausfrauen sowie traditionsbewussten Killern in der Londoner Portobello Road.

Merkur (Deutschland), 07.09.2002

Das diesjährige Doppelheft widmet sich dem Lachen, und da der Merkur in ihm nicht weniger als die westliche Zivilisation begründet sieht, ist dies eine ernsthafte Angelegenheit. "Wo in der Öffentlichkeit über die Mächtigen gelacht wird, wo Presse und Medien auch über die in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft Bestimmenden lachen, wo sogar die Religion und Gott zum Gegenstand des Gelächters werden können", heißt es im Editorial, "da befinden wir uns mit Sicherheit im Westen, jedenfalls in einer Demokratie, und das ist, mit wenigen Ausnahmen, das gleiche".

Harald Martenstein geht - entgegen aller Erwartung - gar nicht mit der Spaßgesellschaft ins Gericht, sondern vor allem mit ihren intellektuellen Kritikern, die in ihr eine totalitäre Gesellschaftsform, wenn nicht gar einen Vergnügungsfaschismus wähnen. Martenstein vermutet hinter der Aversion gegen die Spaßgesellschaft unter anderem verletzte Eitelkeit einer vom Volk geschmähten Kulturkritik: "Das 20. Jahrhundert kann man als lange, heftige und letztlich unglückliche Liebesaffäre zwischen den Intellektuellen und dem Volk beschreiben. Die einen wollten die anderen befreien, sie auf den Thron setzen, ihnen die Welt zu Füßen legen. Aber das Volk war eine misstrauische und undankbare und vor allem sehr egoistische Geliebte. Das ist ja das Dumme an der Demokratie: das Volk setzt Maßstäbe. Es sagt: Gefall mir, oder lass mich in Ruhe. Nein, die Intellektuellen werden vom Souverän, dem Volk der Spaßgesellschaft, weder geliebt noch gebraucht, und das nehmen sie dem Volk übel."

Martin Seel liefert eine ganz und gar ernst gemeinte Phänomenologie des Humors, seiner moralischen Grundlagen und politischen Bedeutung: Denn für Seel ist Lachen über sich selbst, die Bereitschaft, die eigene Position zur Disposition zu stellen, das Herzstück der Demokratie. Außerdem ist Robert Gernhardt "Lied vom Lachen" zu lesen.

Im Print finden sich noch eine Menge weiterer lesenswerter Texte: etwa über die Philosophie des Lachens, über Individualismus und Freiheitlichkeit des englischen Humors (vor dem sich Karl Heinz Bohrer ehrfurchtsvoll verneigt), über das Menschrecht auf Spaß, kurze Röcke und Küsse in der Öffentlichkeit, über Homerisches Gelächter und die Frage, warum Götter lachen, Gott jedoch nicht, oder über Lachkrämpfe und deutsche Humorlandschaften.
Archiv: Merkur

Times Literary Supplement (UK), 21.09.2002

Peter Ackroyd, gerühmter Autor mehrerer Biografien von Thomas More bis T.S. Eliot, hat offenbar für eine neue literarische Sensation gesorgt. In seinem neuen Buch "Albion" geht er seiner großen und wahren Leidenschaft nach, wie Rezensent Terry Eagleton schreibt, "the enduring love affair with a certain idea of Englishness, an idea that runs as deep in his writing as property in Jane Austen or memory in Proust". Und die stellt sich laut Eagleton folgendermaßen dar: "England is about muddle rather than metaphysics, amiable anecdotes rather than grand narratives. The culture is cross-grained, eclectic and mongrelized, and its enemies are purity and abstraction. Recondite knowledge, being quirky, charming and gloriously pointless, is characteristically English, whereas rational, purposive knowledge is unnervingly Continental." Zu dem Buch selbst bemerkt Eagleton: "The book, to be sure, is a symbolic rather than social history of England. Ackroyd's England is a Chestertonian realm of monks, mystics and morris dancers, not of slave traders, colonial adventurers and industrial manufacturers... 'Albion' is Othello without Iago."

Ganz in Ackroyds Banne hat sich das TLS auch in den weiteren Artikel Good Old England verschrieben: Linda Colley erklärt britische Kolonialgeschichte mit "Size does matter!". Grevel Lidop lobt Alathea Hayters Buch über den Kolonialisten, Opiumhändler und Dichterbruder John Wordsworth "The Wreck of the Abergavenny". Und Michael Caines schließlich bespricht neue Biografien zu Shakespeares Counterparts Christopher Marlowe und Richard Edwards.

Nouvel Observateur (Frankreich), 19.09.2002

Toni Negri, Galionsfigur der italienischen Linken, gibt in einem Interview Auskunft über seinen Weg von den Roten Brigaden zu den Globalisierungsgegnern. Negri, der nach seiner Verurteilung in Italien 14 Jahre im französischen Exil lebte und danach im italienischen Gefängnis zusammen mit dem Amerikaner Michael Hardt die vielgelobte Gesellschaftsanalyse "Empire" verfasste, lebt heute in Rom unter Hausarrest und hat jetzt mit "Du retour" eine Art politiktheoretische Autobiografie geschrieben. Befragt, wie diese wohl im heutigen Berlusconi-Italien aufgenommen werde, antwortet er, das Problem in Italien sei nicht die Rechte. "Das wahre italienische Drama, und ganz Europas, ist die Linke. Konfus, etatistisch, im Wesen bürokratisch, versteht sie überhaupt nichts von der Globalisierung (...) Der alte industrielle Kapitalismus ist tot. Die Arbeiterklasse ist tot. (...) Die neuen Ausgeschlossenen, die Mehrheit der Unsicheren, alle jene, die sich gegen die fortgesetzte Korruption der 'Gemeinschaft' verbünden wollen: das sollte die Linke dringend in ihr Wirtschaftsprogramm aufnehmen."

Im vergangenen Jahr gewann Roman Polanski mit seinem Überlebensdrama aus dem Warschauer Ghetto, "Der Pianist", die Goldene Palme in Cannes. Jetzt wurde der Film erstmals in seinem Heimatland Polen gezeigt - und Polanski wurde gefeiert: von 2000 Zuschauern, darunter alle, die im polnischen Kulturleben Rang und Namen haben. Der Warschau-Korrespondent des Nouvel Obs berichtet von der Veranstaltung, die Polanski sichtlich rührte: "Cannes war schon heftig, aber das hier übertrifft alles."

Weitere Artikel: Mit einer eigenen Beilage begleitet das Magazin die Ausstellung "Matisse-Picasso", die ab 22. September im Grand Palais gezeigt wird. Das Großereignis versammelt über 150 Arbeiten aus allen Museen der Welt. Unter anderem zu lesen: die Geschichte ihrer "turbulenten Freundschaft" und Auskünfte darüber von Picassos einstiger Lebensgefährtin Francoise Gilot. Für einschlägig Interessierte lohnt vielleicht auch ein Blick ins Dossier: Hier geht es in dieser Woche um die Bedrohung der französischen Weinwirtschaft und was diese dagegen zu tun gedenkt. Lesenswert: ein Interview über die "Rettung der französischen Ausnahme" und die "Fallen des Elitismus" mit Jacques Berthomeau, seines Zeichens "controleur general des Offices au ministere de l'Agriculture et animateur du groupe de reflexion Vin & Cie".

New Yorker (USA), 23.09.2002

Seymour Hersh rollt in einem ausführlichen Report den Fall "Zacarias Moussaoui" auf, der als zwanzigster Mann an den Anschlägen vom 11. September beteiligt gewesen sein soll. Hersh sieht bei sämtlichen US-Behörden gehörigen Pfusch am Werk: Moussaoui war bereits im August 2001 von den Einwanderungsbehörden festgesetzt worden, der französische Geheimdienst hatte das FBI mit Informationen über Moussaoui versorgt. "Americans wondered if the F.B.I. and other government agencies, with the 'twentieth hijacker' in custody, had bungled the chance to put the pieces together and possibly stop the attacks ... Moussaoui has said in federal court that he was a member of Al Qaeda, but he has denied any involvement in the hijackings. Many present and former F.B.I. and C.I.A. officials have told me that they believe he was 'a wanna-be'. Nevertheless, they said, Moussaoui may have crucial knowledge about Al Qaeda. The real bungling, this official and others believe, has been the handling of Moussaoui since September 11th and the framing of the indictment against him; for one thing, no federal prosecutor has discussed a plea bargain with him since the indictment, late last year."

Weiteres: Noah Baumbach weiß, in welchen New Yorker Restaurants jede Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Jessica Shattucks schreibt die Kurzgeschichte "Bodies".

Besprechungen widmen sich Carole Seymour-Jones's Biografie über Vivienne Eliot, Rohinton Mistrys Roman "Family Matters", Stephen Jay Goulds Opus "The Structure of Evolutionary Theory", der Ausstellung "Exposed: The Victorian Nude", die jetzt im Brooklyn Museum zu sehen ist, sowie zwei Filmen: Andy Tennents Komödie "Sweet Home Alabama" und dem Kolonialepos "The Four Feathers" von Shekhar Kapur

Archiv: New Yorker

Economist (UK), 21.09.2002

In einem langen Hintergrundartikel zu den deutschen Wahlen erklärt das Magazin schon mal, wo die Reformen des neuen Kanzlers ansetzen müssen. Hier nur ein paar der dingendsten Punkte: "In the 2002 world competitiveness ratings, compiled by the International Institute for Management Development, Germany slipped to 15th out of 49 countries. For its notoriously inflexible labour-market policies, it ranked among the lowest. Industrial labour costs in western Germany are higher than in any other country. Germany's tax and social-welfare burden is one of the heaviest in the world. Its share of world trade is falling. Demographic decline is threatening to explode its social-welfare structure. Its health system, the second-most-costly in the world, is under stress. Its schools, once its pride, are failing: Germany came a humiliating 21st in last year's OECD study of the educational performance of 15-year-olds. The country is staggering under a massive public debt. And, despite government denials, it may well breach the EU's 3% budget-deficit limit for euro-zone members this year."

Weitere Artikel: Im Wissenschaftsteil werden neue Funde erklärt, die Aufschluss über den Stand der Technologie im alten Griechenland geben. Im Bücherteil wird das Buch "The Bank Slate" (Auszug) des MIT-Forschers Steven Pinker besprochen, der neulich auch in der FAZ an die Linke appellierte, endlich die biologischen Prägungen des menschlichen Geistes anzuerkennen.

Archiv: Economist

Express (Frankreich), 19.09.2002

Pünktlich zu den Wahlen bringt der Express ein Deutschland Spezial. In einem Interview beleuchtet der Wissenschaftler Alfred Grosser Deutschlands Vergangenheit, die Wiedervereinigung und Deutschlands Rolle in Europa. In jedem Fall lasse sich Deutschland nicht auf Hitler oder Schumacher reduzieren. Helmut Kohl hätte mal besser die französische Geschichte, insbesondere die Ludwigs des XVIII studieren sollen, meint er. Aber mit Habermas ist er sich einig: Es sei wichig, die Staatsbürgerschaft als moralische Haltung zu begreifen und nicht als nationale Haltung. Da sollten sich die anderen europäischen Länder mal ein Beispiel an Deutschland nehmen, insbesondere Frankreich, ein Land, aus dem der Nationalismus noch nicht verschwunden sei. Nachzulesen ist das alles in Alfred Grossers Buch "L?Allemagne de Berlin, differente et semblable".

Weitere Artikel: Blauweiß ist die Farbe des Paradieses und des Geldes, schreibt Michel Faure in seinem Porträt von München, der Stoiber-Stadt. Blauweiß ist auch die Fahne Bayerns, "blau wie ein Sommerhimmel und weiß wie hübsche nackte Frauen in der Sonne". So schwelgt er in Vergleichen. Deutschland ist 'en panne', konstatiert dagegen Blandine Milcent in einer Reportage mit dem Blick auf Deutschlands Osten. Ein kafkaeskes Land, resümiert sie.

In der Bücherschau stellt Francois Busnel junge französische Autoren vor: Nicolas Fargues, Yann Moix, Charles Pepin und Christoph Ono-dit-Biot. Selbst für einen Auftritt im Fernsehen sind sie sich nicht zu schade. Warum? Weil man von dem angezogen wird, was man eigentlich abstoßend findet, so die Antwort. Ausführlich bespricht Francois Busnel Nicolas Fargues Roman "One Man Show", eine beißende Satire auf das Pariser Verlagsmilieu (einen Auszug lesen Sie hier).
Archiv: Express

Espresso (Italien), 26.09.2002

In einer Reihe über den Krieg gegen den Terror nimmt Mauro Martini diesmal den russischen Präsidenten Putin unter die Lupe. Der spricht zwar derzeit intensiv mit Saddam Hussein, wird aber wohl letztendlich einem Krieg gegen den Irak zustimmen, schätzt Martini. Noch spielt er aber auf Zeit, zuerst will Putin nach Martinis Informationen einen 40-Milliarden-Dollar schweren Kooperationsvertrag mit Bagdad abschließen, der russischen Firmen den Zugang zu irakischem Öl sichert. Denn "Putin wird von seiner eigenen Öl-Lobby bedrängt. In den vergangenen Jahren hat sich russisches Öl gut verkauft, besonders aufgrund der Nachfrage durch die USA, die ihre eigenen Reserven schonen wollen. Die russischen Öl-Geselllschaften haben enorme Profite eingefahren und sehen sich heute bereit, am Weltmarkt mitzumischen. Dazu müssen sie aber ihre Präsenz am Perischen Golf ausbauen."

Annalisa Piras schickt einen Lagebericht aus London, wo die Überfalle auf der Straße und auf Prominente dramatisch zunehmen. "Die neue Welle der Kriminalität, die über London hereinbricht, fällt zusammen mit dem erxplosionsartigen Anstieg der Jugendgangs und dem Konsum von Crack. Zwei amerikanische Phänomene, die schon lange auch für Europa vorhergesagt wurden, aber erst jetzt zu spürbaren Effekten in Großbritannien führen." Londons Bürgermeister Ken Livingstone will im nächsten Jahr 12 000 Polizisten einstellen.

Außerdem berichtet Alessandra Cardone aus Sierra Leone, wo während des Bürgerkriegs 250 000 Kinder und Jugendliche vergewaltigt wurden. Der kleinere Teil von Soldaten, die meisten innerhalb ihrer eigenen Familien. In einem Gespräch gesteht die Schauspielerin Kate Hudson schließlich ihre Unfähigkeit, lange von Black-Crowe Sänger und Ehemann Chris Robinson fernzubleiben und ihre Bewunderung für ihre Mutter Goldie Hawn.
Archiv: Espresso

Spiegel (Deutschland), 23.09.2002

Wer wissen will, warum in Deutschland die Reformen einfach nicht vorankommen, braucht 85 Cent für die Titelgeschichte. Im Preis enthalten ist ein Interview mit Ralf Dahrendorf über unsere fatale Sehnsucht nach dem Konsens.

Zum Nulltarif gibt es eine Geschichte über die unlauteren Geschäftspraktiken der Zeitarbeitsfirmen, ein Gespräch mit Amr Mussa, dem Generalsekretär der Arabischen Liga, über Amerikas Irak-Problem sowie einen Artikel über Müllprobleme im antiken Rom.
Archiv: Spiegel