Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

192 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 20

Magazinrundschau vom 16.11.2021 - The Atlantic

Die Autokratien des 21. Jahrhunderts haben nichts mehr mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts gemein, schreibt Anne Applebaum in einem deprimierenden Ausblick auf das neue, erfolgreiche und sich ständig ausweitende Netzwerk von Pariah-Staaten: Belarus, China, Iran, Kuba, Russland, Venezuela, Myanmar, Syrien, Afghanistan, Saudi Arabien, Pakistan, die Türkei, Angola, Kasachstan, um nur ein paar zu nennen. "Heutzutage werden die Autokratien nicht mehr von einem Schurken geführt, sondern von ausgeklügelten Netzwerken aus kleptokratischen Finanzstrukturen, professionellen Propagandisten und Sicherheitsdiensten (Militär, Polizei, Paramilitärs, Überwachung). Die Mitglieder dieser Netzwerke sind nicht nur innerhalb eines Landes miteinander verbunden, sondern über mehrere Länder hinweg. Die korrupten, staatlich kontrollierten Unternehmen in der einen Diktatur machen Geschäfte mit den korrupten, staatlich kontrollierten Unternehmen in der anderen. Die Polizei in einem Land bewaffnet und trainiert die Polizei im anderen. Die Propagandisten teilen Ressourcen - die Trollfarmen - und Themen - dröhnende Botschaften über die Schwäche der Demokratie und das böse Amerika. Das heißt aber nicht, dass es einen supergeheimen Raum gibt, in dem sich die bösen Buben treffen wie in einem James-Bond-Film. Auch nicht, dass die neuen autokratischen Allianzen eine einheitliche Ideologie teilen. Unter den modernen Autokraten sind Leute, die sich selbst Kommunisten nennen, Nationalisten oder Theokraten. Diese Gruppe wird nicht von einem Land angeführt. Washington spricht zwar viel über den chinesischen Einfluss, aber was die Mitglieder in diesem Klub wirklich zusammenhält, ist das gemeinsame Verlangen, persönliche Macht und Reichtum zu sichern und zu vermehren. Anders als politische und militärische Allianzen früherer Zeiten, operieren die Ländern nicht als Block, sondern eher als ein Konglomerat von Firmen - man nenne wir es Autocracy Inc. Sie sind nicht durch Ideale verbunden, sondern durch Geschäfte - Geschäfte, die den westlichen Sanktionen die Schärfe nehmen sollen oder der persönlichen Bereicherung dienen." Fast genauso deprimierend findet Applebaum allerdings das Desinteresse des Westens, ausdrücklich auch der Linken, an diesen Ländern und ihren Oppositionsbewegungen.

Magazinrundschau vom 23.11.2021 - The Atlantic

David Brooks hat sich zur National Conservatism Conference gewagt und eine Menge sehr charmante und sympathische Menschen kennengelernt und eine Menge furchteinflößende Reden gehört. In Atlantic gibt er einen faszinierenden Einblick in die Diskussionen und das Denken vor allem der jungen Konservativen: "Wenn ich jedes Mal einen Schnaps hätte trinken müssen, wenn ein Redner Herbert Marcuse oder Antonio Gramsci zitierte, wäre ich an einer Alkoholvergiftung gestorben", erklärt er überrascht. "Die Konservativen haben schon immer gegen die kulturelle Elite - die Medien, die Universitäten, Hollywood - gewettert. Aber im Informationszeitalter sind die Kulturschaffenden jetzt die Titanen der Wirtschaft. Das dominierende Mittel dieser Wirtschaft ist die kulturelle Produktion. Wirtschaftliche Giganten sind kulturelle Giganten. Die Nationalkonservativen beschreiben also eine Welt, in der die Unternehmenselite, die Medienelite, die politische Elite und die akademische Elite zu einer Achse des Bösen geronnen sind, die alle Institutionen beherrscht und die Kanäle des Denkens kontrolliert." Und wer kann dagegen angehen? Überraschung! Der Staat, ausgerechnet. "Das ist die logische Konsequenz des Nationalkonservatismus: die Macht des Staates zu nutzen, um die großen Konzerne zu zerschlagen und zu demütigen und um gegen die kulturellen Werte der Küsten vorzugehen. Der Kulturkrieg verschmilzt mit dem wirtschaftlichen Klassenkampf - und es entsteht eine neue Rechte, in der ein intellektueller Kader, die Nationalkonservativen, die proletarischen Massen gegen die Kultur- und Konzerneliten aufhetzt. Alle politischen Kategorien Ihrer Großeltern werden dabei durcheinander gewirbelt." Donald Trump, ahnt Brooks, "hat besser als jeder andere das Zusammenwachsen der neuen amerikanischen Kultur- und Unternehmenselite und die Kraft der gegen sie gerichteten populistischen Wut verstanden. So könnte die Zurschaustellung von Ivy-League-Populismus, deren Zeuge ich in Orlando wurde, durchaus die alarmierende Zukunft der amerikanischen Rechten repräsentieren: die Verschmelzung von Kulturkrieg und Klassenkampf zu einer epischen marxistischen Götterdämmerung."

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - The Atlantic

McKay Coppins ist dem dubiosen Hedgefonds Alden Global Capital auf der Spur, der vergangenen Mai unter adnerem die altehrwürdige Chicago Tribune kaufte, ein Viertel der Nachrichtenredaktion feuerte und das Blatt regelrecht ruinierte. Welche Strategie steckt dahinter? "Was Lokalzeitungen heute bedroht, ist nicht nur die Digitalisierung oder abstrakte Marktkräfte. Sie werden von Investoren attackiert, die herausgefunden haben, dass man reich wird, indem man lokale Nachrichtenblätter ausnimmt wie eine Weihnachtsgans. Das Modell ist einfach: Personal entlassen, Immobilien verkaufen, Abo-Preise hochtreiben und so viel Geld wie möglich aus dem Unternehmen ziehen, bis die Leser schließlich die Abos kündigen und das Blatt am Ende ist oder nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Männer, die dieses Modell entwickelt haben, sind Randall Smith und Heath Freeman, Mitbegründer von Alden Global Capital. Seit sie vor einem Jahrzehnt ihre ersten Zeitungen gekauft haben, war kein anderer Investor weniger daran interessiert so zu tun, als würde er sich um die langfristige Gesundheit seiner Publikationen scheren. Forscher der University of North Carolina fanden heraus, dass Zeitungen im Besitz von Alden ihr Personal doppelt so stark reduziert haben wie die Konkurrenz. Nicht zufällig ist die Auflage auch schneller zurückgegangen, so Ken Doctor, Analyst der Nachrichtenbranche, der die Daten einiger der Zeitungen überprüft hat. Diese Zeitungen müssen nicht zu nachhaltigen Unternehmen werden, damit Smith und Freeman Geld machen. Mit aggressiven Kostensenkungen kann Alden seine Zeitungen jahrelang mit Gewinn betreiben und gleichzeitig ein immer schlechteres Produkt anbieten, gleichgültig gegenüber empörten Abonnenten. 'Das ist die Gemeinheit und die Eleganz des kapitalistischen Marktes, die da in die Presselandschaft gelangt', sagt Doctor. Bisher hat Alden seine Strategie hauptsächlich auf Wochenzeitungen beschränkt, aber Doctor gleubt, es sei nur eine Frage der Zeit ist, bis die Reihe an die Tageszeitungen kommt."
Anzeige

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - The Atlantic

Es ist gut, dass sich die gesellschaftlichen Codes verändert haben, dass die westlichen Gesellschaften weniger sexistisch, weniger rassistisch geworden sind, betont Anne Applebaum in einem großen Essay, in dem sie nichtsdestotrotz den neuen Puritanismus geißelt, der Amerikas Medien und Universitäten beherrscht und der sie an die Zeit erinnert, als Osteuropa sowjetisiert wurde - nicht durch Zang und Gewalt, sondern durch enormen Gruppendruck. Applebaum zeichnet ein Bild von einem entfesselten Online-Mob einerseits und einer illiberalen Universitätsbürokratie anderseits, die sich überbieten in Konformismus, Karrierismus und Ignoranz gegenüber rechtsstaatlichen Prinzipien. Und sie lässt etliche Personen zu Wort kommen, die in den vergangenen Jahren ihre Stelle verloren haben: "Die Leute hören auf, mit einem zu reden. Man wird toxisch. 'In meinem Department gibt es Dutzende von Kollegen, doch im vergangenen Jahr habe ich mit keinem einzigen gesprochen', sagt ein Akademiker. 'Ein Kollege, mit dem ich zehn Jahre lang mindestens einmal pro Woche zu Mittag gegessen habe, weigerte sich überhaupt noch mit mir zu reden, ohne eine einzige Frage zu stellen.' Ein anderer rechnet vor, dass von den etwas über zwanzig Mitarbeitern in seinem Department noch 'zwei mit ihm sprechen, 'einer von ihnen hat keinen Einfluss, der andere geht bald in Rente'. Ein Journalist erzählte mir, dass sich seine Bekannten, nachdem er gefeuert worden war, in drei Gruppen teilten. Die erste Gruppe, die der 'Helden', die auf ein faires Verfahren bestand, bevor man das Leben eines Menschen beschädigt, und die zu ihren Freunden stehen, war sehr klein. Dann gibt es die zweite Gruppe der 'Schurken', die glaubt, man habe sein Leben verwirkt, sobald nur eine Anschuldigung gemacht wird'. Einige alte Freunde oder Menschen, die er für Freunde hielt, schlossen sich sogar den öffentlichen Angriffen an. Aber die Mehrheit gehörte zur dritten Gruppe: 'Gut, aber nutzlos. Sie glauben nicht unbedingt das Schlechteste von einem und sie würden Dir gern ein faires Verfahren wünschen, aber naja, genaues wissen sie ja nicht. Sie haben schon Mitgefühl, aber einfach keine Zeit, Dir zu helfen. Oder zu viel zu verlieren.'" Einen Ausweg hat Applebaum auch nicht zu bieten, dafür die düstere Prognose, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Methode des public shaming von rechten Agitatoren übernommen wird.

Hunderttausende Afghanen und Afghaninnen haben das Land mittlerweile aus Angst um ihr Leben verlassen, vor allem natürlich die Gutausgebildeten, notiert Yasmeen Serhan mit Unbehagen, denn dieser Exodus bedeutet nicht nur einen schweren Schlag für die Taliban: "Es ist auch ein schwerer Schlag für die Afghanen selbst. Ohne all diese Ärzte, Ingenieure, Akademiker und öffentlichen Angestellten werden viele Institutionen und grundlegende Dienste, die das Land am Laufen halten, nahezu sicher zusammenbrechen."

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - The Atlantic

Wenn die Briten und Franzosen sich hassen - wie jetzt im Streit um den geplatzten U-Boot-Deal und Aukus -, dann nur, weil sie einander so ähnlich sind, glaubt Tom McTague. "Es gibt einen Witz, der mehr als nur ein Element von Wahrheit enthält: Britannien hat die EU nicht verlassen, um Britannien wieder groß zu machen. Es hat die EU verlassen, um französischer zu werden. Diejenigen, die Johnson nahe stehen, bewundern das, was sie als Frankreichs unverfrorene Verteidigung nationaler Interessen und rücksichtsloses Streben nach Vorteilen beschreiben würden - die französische Unnachgiebigkeit. Johnson als Britanniens ersten gaullistischen Premierminister zu bezeichnen, wäre übertrieben, aber es gibt sicherlich einige Überschneidungen: nationalistisch, wirtschaftlich interventionistisch, auf nationale Souveränität und nationalen Exzeptionalismus ausgerichtet. … In einem Sammelband seiner Kolumnen aus dem Jahr 2003 beschreibt Johnson in glühenden Worten, was er als Frankreichs erfolgreiche Durchsetzung seiner nationalen Interessen durch die EU ansieht. 'Die Europäische Gemeinschaft wird von Frankreich regiert', argumentiert er. Insbesondere lobt er die französischen Beamten und ihr 'schachartiges Genie, vorauszudenken und das französische nationale Interesse als den europäischen Traum zu verkleiden'. Nach Johnsons Ansicht ist Britannien von den Franzosen innerhalb der EU ausmanövriert worden. 'Es gibt kein britisches Gegennetzwerk', schreibt er im selben Artikel. … Nach Ansicht Johnsons, so ein hochrangiger Beamter in der Downing Street 10, habe Britannien nach dem Brexit nun die Chance, seine Rolle in der Welt unabhängig von der EU zu definieren, 'und kreativer und selbstbewusster zu sein, wenn es darum geht, wen wir unterstützen und wie wir es tun'. Er fügte hinzu: 'Und wenn sich das französisch anfühlt, dann soll es so sein.'"

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - The Atlantic

Sebastian Mallaby porträtiert das Valley-wiz-kid Peter Thiel, wobei Thiel mit seinen 54 Jahren schon ein alter Hase ist. Aus Max Chafkins Biografie über den Trump-Unterstützer Thiel erfährt er, wie Thiel als Student gemobbt wurde und worin das Geheimnis seines Erfolgs besteht: "Beim Venture Investment zeitigt Thiels Nonkonformismus die besten Ergebnisse. Sogar verglichen mit den nonkonformistischen Standards des Valleys ist Thiels Investment-Stil anregend zu nennen. Vielleicht wegen des Einflusses des Philosophen René Girard unterscheidet er besonders streng zwischen Nachahmer-Start-ups, die er verachtet, und wirklich originellen 'Moonshots', von denen viele scheitern, einige jedoch eine ganz neue Branche etablieren. Der einfache Weg für jeden Unternehmensgründer besteht darin, mehr von etwas Vertrautem zu machen. Im Gegensatz dazu gibt es keine bestimmte Formel für die Hervorbringung neuer Technologien oder Produkte, aber Thiel hat eine Strategie, die zu funktionieren scheint (und die wahrscheinlich aus seiner Zeit in Stanford stammt): Er bekämpft etablierte Weisheiten. Er argumentiert nach Grundprinzipien. Er fördert eigenwillige Außenseiter. Wie er in seinem Buch 'Zero to One' argumentiert, tappen Unternehmer, die nicht radikal ungewöhnlich agieren, in Girards Falle. Sie entwickeln vernünftige Pläne, die, eben weil sie vernünftig sind, auch anderen einfallen. Sie erschaffen keine neue Form oder einen neuen sozialen Maßstab. Im Wettbewerb mit der Konkurrenz werden sie keine Gewinne erzielen." (Einen Auszug aus Chafkins Thiele-Biografie kann man bei Bloombergs lesen.)

Und in einem weiteren Beitrag prügelt Ian Bogost auf das E-Book ein und sucht nach einem triftigen Grund, warum er dem herkömmlichen Buch so viel mehr abgewinnen kann: Es ist seine Buchmäßigkeit! "Angesichts der langen Geschichte der Buchmäßigkeit ist ein Buch weniger irgendein spezifisches Ding als ein Echo der langen Geschichte der Buchmacherei - und eine Hommage an die Idee von einem Buch, individuell und kollektiv, wie sie in unseren Köpfen existiert. Das unterscheidet Bücher von anderen menschlichen Technologien. Der Mensch musste schon immer essen, aber die Methoden der Landwirtschaft, der Konservierung und Verteilung haben sich weiterentwickelt. Der Mensch wollte sich schon immer fortbewegen, aber der Verkehr hat dafür schnellere und spezialisiertere Möglichkeiten erschlossen. Ideen und Informationen haben ebenfalls einen technologischen Wandel erfahren - Kino, Fernsehen und Computer, um nur einige zu nennen, haben den Ausdruck verändert. Aber wenn es ums Sammeln von Wörtern und Bildern geht, die zuerst auf Seiten und dann zwischen Deckeln gepresst werden, ist das Buch weitgehend gleich geblieben. Damit stehen Bücher auf Augenhöhe mit anderen Super-Erfindungen der menschlichen Zivilisation, mit Straßen, Mühlen, Zement, Turbinen, Glas und dem mathematischen Konzept der Null."
Stichwörter: Thiel, Peter, E-Book

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - The Atlantic

Poullain de la Barre, zeitgenössischer Stich.
Judith Shulevitz schickt über eine Distanz von mehr als dreihundert Jahren fast schon so etwas wie ein billet doux an den frühen Aufklärer und Cartesianer François Poullain de La Barre, einen der frühesten radikalen Feministen, der überhaupt erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde - auch Simone de Beauvoir zitiert ihn im "Anderen Geschlecht". Poullain (auch Poulain geschrieben) hat für Shulevitz zwei faszinierende Seiten: Sein Feminismus schließt den der Sorge ein: das Gebären und Aufziehen von Kindern gilt ihm als vollgültiger gesellschaftliche Beitrag mit Anspruch auf Honorierung. Aber er bleibt nicht dabei stehen: "Ein weiteres Verdienst von Poullain ist, dass er das Engel-im-Haus-Syndrom vermeidet, das die Frauen im viktorianischen Zeitalter einschränkte. Frauen können Mütter sein, aber sie können auch alles andere, behauptet er. Schließlich trennen die Cartesianer Geist und Körper, woraus folgt, dass, wie Poullain schreibt, 'der Geist kein Geschlecht hat'. Frauen sind genauso gut wie Männer in allen Bereichen, die keine rohe Kraft erfordern. 'Eine genaue anatomische Untersuchung zeigt keinen Unterschied', schreibt er an die Adresse seiner männlichen Leser. 'Das Gehirn einer Frau ist genau das gleiche wie unseres.' In seinem zweiten Buch, 'Über die Erziehung der Damen' (1674), schlägt Poullain eine wissenschaftliche Ausbildung für Frauen vor - und zwar für alle. Seine Vorstellung von Wissenschaft privilegiert Frauen sogar, denn wenn er 'wissenschaftlich' sagt, meint er evidenzbasiert, und er sieht Frauen als natürliche Wissenschaftlerinnen - nicht, weil sie so geboren werden, sondern weil zu seiner Zeit und unter den Mitgliedern seiner Klasse Frauen enger mit der materiellen Welt interagierten als Männer."

Magazinrundschau vom 03.08.2021 - The Atlantic

David Brooks, der als konservativer Kolumnist der New York Times gilt, hat vor Jahren ein Buch über die "Bobos" veröffentlicht, in dem er dieses soziale Milieu noch recht positiv sah. Nun kommt er darauf zurück - allerdings sehr kritisch mit dieser "brahmanischen Elite, die unter sich heiratet". Dazu muss man wissen, dass Bobos in Amerika - anders als Bobos als in Prenzlauer Berg, wo junge Erben, die als Bundesbeamte ihr Leben fristen, sich hinter der Biocompany-Kasse drängen - tatsächliches Geld verdienen, denn sie arbeiten oft in den boomenden Tech-Industrien. Brooks zeigt das an Statistiken: "2020 gewann Joe Biden nur etwa 500 Wahlbezirke, die aber laut Brookings Institution zusammen 71 Prozent der amerikanischen Wirtschaftstätigkeit ausmachen. Donald Trump gewann mehr als 2.500 Bezirke, die zusammen nur 29 Prozent dieser Aktivität generieren. Eine Analyse von Brookings und Wall Street Journal hat ergeben, dass noch vor 13 Jahren demokratische und republikanische Bezirke bei der Messung von Wohlstand und Einkommen nahezu gleichauf lagen. Jetzt klaffen sie immer weiter auseinander. Wenn Republikaner und Demokraten so reden, als lebten sie in unterschiedlichen Realitäten, dann liegt es daran, dass sie es tun." Hinzukommt noch die kulturelle Macht der Bobo-Klasse: "Die kreative Klasse hat kulturelle in wirtschaftliche Privilegien umgewandelt und umgekehrt. Sie kontrolliert das, was Jonathan Rauch in seinem neuen Buch 'The Constitution of Knowledge' als 'epistemisches Regime' beschreibt - ein riesiges Netzwerk von Akademikern und Analytikern, die bestimmen, was wahr ist. Vor allem aber besitzt sie die Macht der Salbung, sie bestimmt, was anerkannt und gemocht und was verachtet und abgetan wird. "

Magazinrundschau vom 17.08.2021 - The Atlantic

Auch der pensionierte US-Colonel Mike Jason fragt sich, wie es zu diesem schäbigen Ende kommen konnte: "Von meinen Einsätzen im Irak bis hin zu meiner Zeit in Afghanistan wurden größere systemische Probleme nie wirklich angegangen. Es ist uns nicht gelungen, die irakischen und afghanischen Streitkräfte als Institutionen aufzubauen. Wir haben es versäumt, die notwendige Infrastruktur zu schaffen, die sich mit der militärischen Ausbildung, dem Training, den Gehaltssystemen, der Karriereentwicklung, dem Personal und der Rechenschaftspflicht befasst - all die Dinge, die eine professionelle Sicherheitstruppe ausmachen. Durch die Rotation der Teams in sechsmonatigen bis einjährigen Einsätzen konnten wir die drängenden Probleme der irakischen und afghanischen Armeen und Polizeikräfte nicht lösen: endemische Korruption, sinkende Moral, grassierender Drogenkonsum, miserable Instandhaltung und ungeschickte Logistik. Wir waren sehr gut darin, Züge und Kompanien auf die Durchführung von Razzien und das Betreiben von Kontrollpunkten vorzubereiten, aber dahinter funktionierte wenig. Es ist bezeichnend, dass die besten Kräfte in Afghanistan heute die Kommandos der Spezialeinheiten sind, kleine Teams, die mutige und großartige Leistungen erbringen - aber nicht wegen einer sie stütztenden Institution, sondern trotz einer solchen."

Aber wurde wirklich gar nichts erreicht? Die Rückkehr der Taliban ist eine Katastrophe die afghanischen Frauen, schreibt Lynsey Addario. Und trotzdem gibt es Hoffnung: "Heute gibt es eine neue Generation afghanischer Frauen, die sich nicht mehr daran erinnern können, wie es war, unter den Taliban zu leben. 'Sie sind voller Energie, Hoffnung und Träume', sagte mir Shukriya Barakzai. 'Sie sind nicht so wie ich, wie ich es vor 20 Jahren war. Sie sind viel aufmerksamer. Sie kommunizieren mit der Welt. Es ist nicht [das] Afghanistan, das in einem Bürgerkrieg verbrannt wurde. Es ist ein entwickeltes, freies Afghanistan, mit freien Medien, mit Frauen."

George Packer, der Freunde und Kollegen in Afghanistan hatte, ist schlicht verzweifelt über den unglaublichen Bürokratismus, dem afghanische Helfer unterzogen werden, bis sie ein Visa und alle Papiere für die Aus- und Einreise beisammen haben. Hätte man nicht wenigstens das hinbekommen können? "Vielleicht waren die Bemühungen um den Wiederaufbau des Landes von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Aber dass wir die Afghanen im Stich gelassen haben, die uns geholfen, auf uns gezählt und ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, ist eine endgültige Schande, die wir hätten vermeiden können. Die Regierung Biden hat es versäumt, die Warnungen zu Afghanistan zu beherzigen, sie hat nicht mit der gebotenen Dringlichkeit gehandelt - und ihr Versagen hat Zehntausende von Afghanen einem schrecklichen Schicksal überlassen."

Magazinrundschau vom 29.06.2021 - The Atlantic

In einem Artikel des Magazins stellt George Packer fest, dass sich die Amerikaner nicht mehr auf gemeinsame Werte und Geschichte berufen mögen. Stattdessen hat das Versagen der Mittelklassendemokratie der Nachkriegsjahre laut Packer vier maßgebliche neue Narrative hervorgebracht, die sich aber nicht ohne Weiteres vereinen lassen: "Sie reagieren auf reale Probleme. Jedes von ihnen bietet einen Wert an, der den anderen fehlt und umgekehrt. 'Free America' feiert die unumschränkte Kraft des Individuums. 'Smart America' respektiert Intelligenz und möchte Veränderung. 'Real America' engagiert sich für einen Ort und verfügt über einen Sinn für Beschränkungen. 'Just America' fordert die Konfrontation mit dem, was die anderen zu vermeiden suchen. Die vier gründen in einer einzigen Gesellschaft, und sogar in einer so polarisierten wie der unseren formen, absorbieren und überschneiden sie ineinander. Doch zugleich neigen sie dazu, uns zu trennen und gegeneinander auszuspielen. Diese Spaltungen verkleinern jedes der Narrative in eine beschränkte und immer extremere Version seiner selbst. Alle vier Narrative sind außerdem von einem Statuswettbewerb angetrieben, der Angst und Ressentiments fördert und Gewinner und Verlierer hat. In 'Free America' sind die Macher die Gewinner und die Nehmer sind die Verlierer, die den Rest mit in die erstickende Abhängigkeit des Staates zwingen wollen. In 'Smart America' sind die ausgewiesenen Meritokraten die Gewinner, die Verlierer sind die schlecht Ausgebildeten, die sich gegen den Fortschritt stellen. In 'Real America' sind die hart arbeitenden Leute des weißen, christlichen Herzlandes die Gewinner, und eine verräterische Elite und andere, die das Land bedrohen, zählen zu den Verlierern. In 'Just America' sind die Gewinner die marginalisierten, die Verlierer die dominanten Gruppen, die die Macht nicht abgeben wollen. Ich möchte ungern in einer dieser Welten leben."

In einem weiteren Beitrag zeichnet Kaitlyn Tiffany die Firmengeschichte von Kodak nach: "Das Geschäftsmodell war einfach: Verteile zigmillionenfach billige Kameras, mitunter waren sie sogar gratis, und erschaffe eine lebenslange Kundschaft für das viel lukrativere Produkt des Films. Der Reichtum machte Kodak ehrgeizig. Man schuf das Filmformat für Hollywood, die Super-8-Technologie für den Homemovie-Markt, das System, um den Mond zu kartografieren, und Spionagekameras … 'Beweise es mit Kodak', 'Urlaub ohne Kodak ist vergeudeter Urlaub', 'Lass Kodak die Geschichte erzählen', gingen die Werbeslogans. 'Kodaking' wurde zum Verb, so wie 'Instagramming'."

Außerdem: Timothy McLaughlin und Rachel Cheung schreiben einen Nachruf auf das Tabloid Apple Daily, "aufrührerisch und sensationslüstern, feurig und unverschämt prodemokratisch", mit dessen Schließung durch die chinesischen Behörden die Pressefreiheit in Hongkong zu Ende geht. Und anlässlich von Laura Fairries Filmdoku "Lady Boss: The Jackie Collins Story" feiert Sophie Gilbert die britische Bestsellerautorin, die Frauen mit ihren Romanen wieder und wieder versichert hat, dass "ihre Lust und ihre Autonomie" so wichtig ist wie von jedem anderen.
Stichwörter: USA, Kodak, Pressefreiheit, Hongkong