Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

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Magazinrundschau vom 02.01.2019 - The Atlantic

Was eint die Rechtspopulisten auf der ganzen Welt? Ihr Rassismus? Kann man zum Beispiel von Rodrigo Duterte nicht sagen. Der Kampf gegen Ungleichheit und Globalisierung? Dann hätten die Polen nie rechts gewählt. Nein, die Rechtspopulisten - von Bolsonaro, über Trump, Duterte bis Victor Orban und Matteo Salvini - haben nur eins gemeinsam, meint Peter Beinart: den Kampf gegen Frauen. Dazu gehört ganz wesentlich die Verschärfung oder Abschaffung des Rechts auf Abtreibung und die öffentliche Verächtlichmachung - bis hin zu offenen Vergewaltigungsdrohungen - von Konkurrentinnen (Duterte forderte seine Soldaten gar auf, weibliche Rebellen "in die Vagina" zu schießen, das würde sie "nutzlos" machen.) "Langfristig erfordert ein Sieg über die neuen Autoritäten mehr als nur die politische Stärkung von Frauen. Er erfordert eine Normalisierung ihrer Ermächtigung, damit Autokraten weibliche Führer und Demonstranten nicht zu Symbolen politischer Perversität machen können. Und er erfordert die Auseinandersetzung mit dem tiefer liegenden Grund, warum viele Männer - und einige Frauen - die politische Macht von Frauen als unnatürlich ansehen: weil sie die Hierarchie, die sie zu Hause sehen, untergräbt. "'Der erste [Geschlechts-]Unterschied, den Individuen bemerken', sagte die Politologin Valerie Hudson mir, 'ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern im eigenen Haus. Das schafft die erste politische Ordnung, wie die Dinge natürlicherweise geregelt sein sollten.' Es ist daher nicht verwunderlich, dass Autoritäten oft erfolgreich sind, wenn Frauen - insbesondere feministische Frauen - die männliche Dominanz des öffentlichen Lebens in Ländern bedrohen, in denen Männer noch immer im privaten Bereich das Sagen haben."

Außerdem: Dahlia Lithwick liest Jane Sherrons Biografie der amerikanischen Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg, die zeige, dass man kein Gangster sein muss, um Dinge zu ändern. Und Stephen Metcalf fragt: Warum ist Andy Warhol immer noch so berühmt?

Magazinrundschau vom 11.12.2018 - The Atlantic

Rachel Donadio ahnt zwar den Sturm, den sie in den literarisch-feministischen Twitter-Sektionen auslösen wird, trotzdem möchte sie noch einmal die Frage nach der Identität von Elena Ferrante aufwerfen, deren Neapel-Saga gerade im amerikanischen und italienischen Fernsehen läuft. Der italienische Journalist Claudio Gatti hat zwar herausgefunden, dass die Honorare an die langjährige Christa-Wolf-Übersetzerin Anita Raja gehen, doch Donadio glaubt, dass Raja die Bücher zusammen mit ihrem Mann schreibt, dem in Neapel aufgewachsenen Schriftsteller Domenico Starnone. In einem Offenen Brief an die italienische Autorin trägt sie zahlreiche Indizien zusammen, E-Mails, Interview-Äußerungen, die Bücher von Starnone, aber auch weitere Texte von Raja: "Von George Eliot bis Colette, die ihre Beststeller unter dem Namen ihres Mannes schrieb, gaben sich Frauen zu allen Zeiten männliche Pseudonyme, um veröffentlicht zu werden. Raja erkundet dieses Phänomen in ihrer Einleitung zu einer italienischen Übersetzung von Christa Wolfs Roman 'Kein Ort. Nirgends' von 1979 über zwei Dichter, die gemeinsam Selbstmord begingen: Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, eine Frau, die im frühen 19. Jahrhundert in der Gestalt eines Mannes schrieb. 'Um dem Schmerz der Existenz etwas entgegenzusetzen', schreibt Raja über Günderrodes Leiden als Frau in einer männlichen Gesellschaft, 'sieht Karoline keine andere Möglichkeit, als sich selbst in einen Mann zu verwandeln ... ihre eigene Identität zu verleugnen'. Wenn 'es in den Augen der Welt erfordert, als Frau zu sterben, um eine Stimme zu haben', dann ist sie bereit, diesen Preis zu zahlen, 'denn sie spürt die Dringlichkeit, sich selbst auszudrücken, so stark, dass es für sie sogar hinnehmbar wird, sich selbst auszulöschen'. Du bist das gegenteilige Phänomen. Du nimmt einen Frauennamen an und bist doch fest entschlossen, jede verifizierbare weibliche Identität zu verwischen. Wenn ein männlicher Autor in Dein Schaffen involviert ist, wie ich nunmehr glaube, hast Du jedoch auch die einfache Vermutung unmöglich gemacht, dass er der Beeinflussende und nicht der Beeinflusste ist."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - The Atlantic

Teenager und junge Erwachsene haben immer weniger Sex, jedenfalls in den USA und in Europa, lernt Kate Julian, die sich für die Titelgeschichte mit dem Thema beschäftigt hat. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber besonders schwerwiegend dürfte die Tatsache sein, dass immer mehr Menschen unfähig sind zu sozialer Interaktion mit Unbekannten. "Ich erwähnte gegenüber mehreren Personen, die ich für dieses Stück interviewte, dass ich meinen Mann 2001 in einem Aufzug getroffen hatte. (Wir arbeiteten auf verschiedenen Stockwerken derselben Institution, und in den folgenden Monaten kamen viele weitere Gespräche zustande - im Aufzug, im Pausenraum, auf dem Weg zur U-Bahn.) Ich war fasziniert, wieviele Frauen daraufhin seufzten und sagten, dass sie gerne jemanden auf diese Weise treffen würden. Und dennoch dachten etliche von ihnen, dass sie es sehr seltsam fänden, würde ein Unbekannter im Aufzug mit ihnen ein Gespräch anfangen. 'Hau ab, du Widerling!', stellte sich eine Frau ihre Reaktion vor. 'Immer wenn wir schweigen, schauen wir auf unsere Handys', erklärte ihre Freundin nickend. Eine andere Frau fantasierte mir vor, wie es wäre, wenn ein Mann sie in einer Buchhandlung anmachen würde. (Sie würde ihr Lieblingsbuch in der Hand halten. 'Was ist das für ein Buch?', würde er sagen.) Aber dann schien sie aus ihrer Träumerei auszubrechen und wechselte das Thema zu 'Sex and the City' und wie hoffnungslos veraltet die Serie heute erscheine. 'Miranda trifft Steve in einer Bar', sagte sie in einem Ton, der darauf hindeutet, dass das Szenario genauso gut aus einem Roman von Jane Austen stammen könnte."

Ausgerechnet der renommierteste Bürgerrechtsverein der USA, die ACLU, hat sich kürzlich öffentlich dagegen ausgesprochen, die Rechte eines Angeklagten auf ein faires Gerichtsverfahren zu stärken. Zumindest auf dem Universitätscampus, schreibt ein entsetzter Conor Friedersdorf. Eine neue Richtlinie von Erziehungsministerin Betsy DeVos soll sicherstellen, dass künftig nach Title IX Angeklagte Zugang zu allen Unterlagen und Beweismitteln bekommen und Ankläger wie Kläger sich gegenseitig oder von ihren Anwälten ins Kreuzverhör nehmen dürfen. Bisher konnte die Universität eine Klage von einem einzelnen Ermittler untersuchen lassen und dem Angeklagten, dem die Ergebnisse nicht mitgeteilt werden, dann nur noch ihren Beschluss überreichen. Die ACLU protestierte gegen die neue Richtlinie auf ihrer Webseite und auf Twitter: Sie schwäche den Schutz vor sexuellen Übergriffen und "'fördert einen ungerechten Prozess, begünstigt unangemessen die Angeklagten und entlässt die Schulen aus ihrer Pflicht nach Titel IX, unverzüglich und fair auf Beschwerden über sexuelle Gewalt zu reagieren. Wir werden weiterhin Überlebende unterstützen.' Vor allem ein Satz war für die Bürgerrechtler schockierend: Die Richtlinie fördere 'einen ungerechten Prozess, der die Angeklagten unangemessen begünstigt'. Seit wann hält die ACLU ein Verfahren, das den Angeklagten begünstigt, für unangemessen oder ungerecht?" Die Rechten jedenfalls freuen sich bereits über diese Argumentationslinie, seufzt Friedersdorf.

Außerdem: Peter Beinart denkt über Chancen und Risiken einer neuen linken Welle (der dritten seit den dreißigern und den sechzigern) bei den Demokraten nach. Mike Mariani wundert sich, dass die Nachfrage nach Exorzisten in Amerika steigt.
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Stichwörter: Sex, Acclu, Bürgerrechte

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - The Atlantic

Im neuen Heft des Magazins erkundet Judith Shulevitz die Möglichkeiten (und Gefahren) von Amazons Voice Service Diensten Alexa und Echo: "Alle Furcht vor dem Unterlaufen der Privatsphäre konnten den Siegeszug dieser Geräte nicht aufhalten. Amazon gibt keine exakten Zahlen heraus, aber ein Sprecher sprach von einigen zehn Millionen Nutzern … Bis 2021, so eine Untersuchung der Firma Ovum, wird es fast so viele Voice-Assistants auf dem Planeten geben wie Menschen. Ein Grund dafür ist Amazons massive Vermarktung zu Discount-Preisen. Es geht um die Kolonisierung des Raumes, Haushalte, Büros, Pkw. In der näheren Zukunft wird alles, von der Beleuchtung über die Klimaanlage und den Kühlschrank bis zum Klo stimmengesteuert sein … Aber diese Geräte haben auch einen Appeal, der über bloßen Konsumismus hinausgeht. Sogar diejenigen unter uns mit einer gesunden Skepsis gegenüber neuen Technologien, kaufen Smart-Speakers … Man könnte denken, Alexa ist nur eine neue Art, das zu tun, was wir ohnehin schon am Bildschirm machen, Einkaufen, Nachrichten lesen, Informationen finden. Doch so einfach ist es nicht. Es geht nicht um den Ersatz von Fingern und Augen durch Mund und Ohren. Wir reden hier von einer Veränderung des Status, den die Technologie bisher hatte, ein Upgrade. Wenn wir mit einem persönlichen Assistenten sprechen, heben wir die Technik auf eine Stufe mit uns."

An anderer Stelle hebt man den Menschen auf die Stufe der Technik, sozusagen. Michael Joseph Gross hat über das Biological Technologies Office von Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency, sie ist dem Pentagon unterstellt) recherchiert, dem der Neurowissenschaftler Justin C. Sanchez vorsteht. Hier versucht man, das menschliche Hirn mit haarfeinen Elektroden zu verdrahten. Ursprünglich sollte das Behinderten helfen, aber man kann es natürlich auf für Soldaten im Einsatz nutzen: "Ein Zweck der Abteilung ist es, 'die Fähigkeiten des Kämpfers wiederherzustellen und zu erhalten', und zwar mit verschiedenen Mitteln, darunter auch solchen, die Neurotechnologie benutzen - also technische Prinzipien auf die Biologie des Nervensystems anwenden. So entwickelt das Programm Restoring Active Memory beispielsweise Neuroprothesen - kleine elektronische Komponenten, die in das Gehirngewebe implantiert werden -, die die Gedächtnisbildung verändern sollen, um traumatischen Hirnverletzungen entgegenzuwirken. Betreibt DARPA auch geheime biologische Programme? In der Vergangenheit hat das Verteidigungsministerium solche Dinge getan. Es hat Tests an menschlichen Probanden durchgeführt, die fragwürdig, unethisch oder möglicherweise sogar illegal waren. Das Big Boy-Protokoll verglich zum Beispiel die Strahlenbelastung von Seeleuten, die auf einem Schlachtschiff über und unter Deck arbeiteten, und informierte die Seeleute nie darüber, dass sie Teil eines Experiments waren. Letztes Jahr fragte ich Sanchez direkt, ob eine der neurotechnologischen Arbeiten der DARPA speziell klassifiziert wurde. Er brach den Augenkontakt ab und sagte: 'Ich kann nicht - wir müssen das Thema vergessen, weil ich so oder so nicht antworten kann.' Als ich die Frage persönlich formulierte - 'Sind Sie an einem klassifizierten neurowissenschaftlichen Projekt beteiligt?' - schaute er mir in die Augen und sagte: 'Ich mache keine klassifizierte Arbeit auf der Seite der Neurotechnologie.'"

Magazinrundschau vom 18.09.2018 - The Atlantic

In einem dunklen Essay erinnert sich Anne Applebaum an ihre Silvesterparty 1999 in Polen: Die Hälfte ihrer damaligen Freunde würden heute nicht mehr mit ihr reden. So viele seien dem Gift der PiS-Lügen erlegen. Applebaum zieht durchaus Parallelen zur Vergangenheit. Aber im Gegensatz zu den Dreißigern "verlangen die polarisierenden Bewegungen des 21. Jahrhunderts in Europa ihren Anhängern sehr viel weniger ab. Sie brauchen keinen Glauben in eine komplette Ideologie, und darum brauchen sie keine Gewalt oder Terrorpolizei. Sie zwingen die Leute nicht zu glauben, dass Schwarz Weiß ist, Krieg Frieden und Staatsbauernhöfe 1.000 Prozent über dem Plan liegen. Die meisten entfalten keine Propaganda, die mit der Alltagsrealität in Konflikt steht. Und doch beruhen sie alle auf einer Lüge, wenn schon nicht auf einer großen, dann auf dem, was der Historiker Timothy Snyder mir gegenüber mal eine 'mittelgroße Lüge' nannte oder einen Haufen mittelgroßer Lügen. Um es anders zu sagen: All diese Regimes ermuntern ihre Anhänger, an einer alternative Realität zu glauben, und sei es von Zeit zu Zeit."

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - The Atlantic

In einem interessanten Beitrag der neuen Ausgabe überlegt Jesse Singal, wie wir mit Kindern und Jugendlichen umgehen sollten, die sich als Transsexuelle fühlen (etwa 150.000 der 13-17-Jährigen in den USA beschreiben sich so) und eine Geschlechtsumwandlung möchten. Am Beispiel der 14-jährigen Claire zeigt sie die Probleme - auch der Eltern - auf: Nicht jedes Unbehagen am eigenen Geschlecht ist Ausdruck einer krankhaften Störung der Geschlechtsidentität, manchmal ist es auch einfach nur die Pubertät oder eine verzerrte Vorstellung von den Geschlechterrollen: "Für viele junge Menschen mag die Geschlechtsumwandlung, sozialer Art bei Kindern, physischer Art bei jungen Erwachsenen der richtige Weg sein. Aber eben nicht für alle. Manche Kinder sind seit früher Kindheit dysphorisch, kommen aber irgendwann mit ihrem Körper zurecht. Andere entwickeln die Störung erst in der Pubertät, aber ihr Leiden ist zeitlich begrenzt. Wieder andere identifizieren sich schließlich weder mit weiblich noch männlich. Die Vielfalt dieser Erfahrungen zu missachten, und nur die zu sehen, die anscheinend in einem 'falschen Körper' geboren wurden, kann Schaden anrichten. Das behaupten die sogenannten 'Rückumwandler'. Sie glauben, ihre Störung habe ihre Ursache nicht in einer tief sitzenden Differenz zwischen ihrer Geschlechtsidentität und ihrem Körper, sondern in psychischen Problemen, Traumata oder Frauenhass oder einer Kombination aus allem. Sie kritisieren, sie seien durch Gruppendruck oder Ärzte zu einer hormonellen oder chirurgischen Behandlung bewegt wurden. Einige dieser Eingriffe sind irreversibel; stimmliche Veränderungen, Körperbehaarung, Brustgewebe sind dauerhaft. Kinder, die mit entsprechenden Hormonen behandelt wurden, können unfruchtbar bleiben."

Außerdem: Stephen Metcalf schreibt über das Rätsel Jean-Michel Basquiat, dessen Bilder im Wert immer mehr steigen.

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - The Atlantic

Angesichts dieses Artikels fühlt man sich versucht, sich die Chemnitzer Ereignisse nochmal aus ganz anderer Perspektive anzusehen. Michael Carpenter, Politologe an der University of Pennsylvania, legt einige krasse Fälle der Instrumentalisierung von Neonazis, Rockern und Kampfsportgruppen durch russische Geheimdienste dar. Schauplätze sind vor allem Osteuropa, aber auch Schweden und sogar die USA. Der krasseste Fall war Montenegro, "wo der russische Militärgeheimdienst GRU versuchte, einen Staatsstreich zu organisieren, um den Premierminister des Landes zu ermorden und Chaos bei der jüngsten Parlamentswahl im Land im Oktober 2016 zu verbreiten. Der Plan der GRU, so Montenegros Chef-Sonderstaatsanwalt bei der Untersuchung des versuchten Coups, beinhaltete die Verwendung von Cyberattacken, um sich in populäre Messaging-Apps wie Viber und WhatsApp zu hacken und falsche Gerüchte zu verbreiten, dass die Stimmenauszählung von der regierenden Partei manipuliert worden sei. Mit diesen Falschinformationen, so die Staatsanwälte wollte die GRU Demonstranten auf der Straße mobilisieren. Dann sollte eine Gruppe gemieteter Söldner in gestohlenen montenegrischen Polizeiuniformen das Parlamentsgebäude stürmen und auf Demonstranten schießen, um Panik und Aufruhr zu schaffen. Im anschließenden Chaos sollte der Premierminister ermordet werden, um das Land führungslos zu machen." Carpenter verweist auf eine Rekonstruktion der Ereignisse von Montenegro im Telegraph vor einem Jahr."

Magazinrundschau vom 07.08.2018 - The Atlantic

Nicht Bill Gates, nicht Mark Zuckerberg, nicht Warren Buffett oder die Google Boys sind die reichsten Männer überhaupt - Jeff Bezos toppt sie inzwischen alle. Auf 150 Milliarden Dollar schätzt Annie Lowrey in Atlantic sein Vermögen und bezeichnet ihn als "einsamen Hektomilliardär". Dass er so reich werden konnte, ist nur leider nicht allein seinem unternehmerischen Genie zu verdanken, sondern ist Zeugnis eines Versagens der Politik, schreibt sie. Denn einen Teil seines Reichtums in dieser unternehmerfreundlichen Zeit verdankt Bezos der Allgemeinheit: "Das Unternehmen ist profitabel und hat Geld, um in Innovationen und Expansion zu investieren, weil seine Arbeitskräfte so billig sind. Natürlich nicht billig für die Steuerzahler, die die Billiglöhne mit Programmen wie dem 'Earned Income Tax Credit', 'Medicaid' und Beihilfen zur Ernährung aufbessern. Jeder dritte Mitarbeiter von Amazon im Bundesstaat Arizona bezieht berichten zufolge Lebensmittelmarken." Darüberhinaus könne Amazon auch Unternehmen auspressen, denn seine Dominanz im E-Commerce, "besonders in Märkten wie der Buchbranche hat Amazon die Macht gegeben, neben seinen eigenen Angestellten auch die Unternehmen zu drücken, die es beliefern."
Stichwörter: Amazon, Zuckerberg, Mark

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - The Atlantic

Der 95-jährige Henry Kissinger macht sich Sorgen um die Zukunft. Künstliche Intelligenz mag ja sehr gut in der Medizinwissenschaft oder auf dem Gebiet neuer Energien oder bei Umweltfragen. Aber wo ist der Voltaire der KI, der Kant oder der Locke? "Künstliche Intelligenz ist unfähig, ihre Schlussfolgerungen zu erklären. In bestimmten Bereichen - Mustererkennung, der Analyse von Big Data, Risikoanalyse - übertrifft KI vermutlich schon jetzt die menschlichen Fähigkeiten. Wenn ihr Rechenpotential weiter rapide wächst, dann mag sie sogar bald fähig sein, Situationen in einer Art und Weise zu optimieren, die sich wenigstens marginal, möglicherweise sogar erheblich von der Art unterscheidet, wie Menschen die Situation meistern würden. Doch wenn KI an diesem Punkt angelangt ist, wird sie dann in der Lage sein, in für Menschen verständlicher Weise zu erklären, warum ihre Handlungen optimal sind? Oder werden die Entscheidungsmöglichkeiten der KI die Erklärfähigkeit der menschlichen Sprache und Vernunft übersteigen? In der ganzen Geschichte der Menschheit haben Zivilisationen einen Weg gefunden, die Welt um sich herum zu erklären - im Mittelalter mit Religion, während der Aufklärung mit Vernunft, im 19. Jahrhundert mit Geschichte, im 20. Jahrhundert mit Ideologie. Die schwierigste, zugleich wichtigste Frage an die Welt, auf die wir zusteuern, ist aber diese: Was wird aus dem menschlichen Bewusstsein, wenn seine Erklärungskraft von der KI übertroffen wird, wenn Gesellschaften nicht länger fähig sind, die Welt, in der sie leben, in Begriffen zu erklären, die eine Bedeutung für sie haben?"

Außerdem: In einem langen persönlichen, aber auch mit viel Zahlenmaterial unterfüttertem Text denkt Matthew Stewart über die 9,9 Prozent nach, zu denen er als studierter Philosoph und Berater selbst gehört, die immer mehr Kapital ansammeln und den Abstand zu den unteren 90 Prozent immer mehr vergrößern.

Magazinrundschau vom 17.04.2018 - The Atlantic

Trotz riesiger Erfolge einiger weniger Blockbuster: Das Kino befindet sich rein vom Publikumszuspruch her insgesamt auf dem absteigenden Ast - auch wenn heutzutage mehr (und in Zukunft noch mehr) audiovisuelle Inhalte als je zuvor gesehen werden, Streaming sei Dank. Vor diesem Hintergrund wirft Derek Thompson einen Blick in die Kristallkugel und mutmaßt, welche Pläne Disney mit seiner Streaming-Offensive in naher Zukunft verfolgen könnte: Sollte der für einen Großteil der aktuellen Blockbuster-Produktion verantwortliche Konzern tatsächlich den Marktkonkurrenten Fox samt dessen Backkatalog schlucken können, bildet das soviel Muskeln auf dem Streaming-Markt, dass Disney sich dazu entschließen könnte, auf das Kino künftig ganz zu verzichten - schließlich schmälern die Umsätze etwa der Kinobetreiber die eigene Rendite empfindlich. Beispiel "Black Panther", mit dem der Konzert im ersten Monat der Kinoauswertung etwa 575 Millionen Dollar verdient hat: "Gut möglich, dass Disney, um sein Königreich zu retten, das Schloss selbst in die Luft jagen muss. ... Was, wenn Disney den Mittelsmann umgeht und einen mit Spannung erwarteten Film wie 'Black Panther' parallall zur Kinopremiere online stellt - oder ihn sogar exklusiv seinen Abonnenten anbietet? Kurzfristig mag sich das finanziell ruinös auswirken, auf all die einmaligen Ticketkäufer zu verzichten. Doch der langfristige Wert von Abozahlungen, die sich so lange wiederholen bis sie aktiv eingestellt werden, gewinnt rasch an Durchschlagskraft. Wenn das Debüt des Films bloß vier Millionen Leute dazu bringt, für ein Jahr lang ein Disneyflix-Produkt für zehn Dollar pro Monat zu abonnieren (also etwa so viele Abonnenten, wie Netflix im Quartal der Premiere von 'House of Cards' an sich binden konnte), dann würde Disney bereits im ersten Jahr einen Erlös von knapp 500 Millionen Dollar erzielen. 'Black Panther' war ein massiver Hit als Kinofilm - doch der Hit hätte sogar noch massiver ausfallen können, hätte man den Film dafür genutzt, um aus einmaligen Kinogängern langjährige Disney-Abonnenten zu machen."