Die Korruption in Donald Trumps Amerika - von Putins Russland ganz zu schweigen - ist größer als die in der Ukraine, erklärtAnne Applebaum, die sich etwas mehr Nuancen in der Berichterstattung über die Ukraine wünschen würde: "Die Ukraine kämpft um ihr Überleben. Fast jede Nacht werden ukrainische Städte von Drohnen und Raketen getroffen. Dennoch wünschen sich viele Ukrainer auch jetzt noch eine Regierung, die der Öffentlichkeit gegenüber rechenschaftspflichtig ist", so Applebaum, die daran erinnert, was mit Alexej Nawalny geschah, nachdem er die Korruption Putins in dem Film "Putins Palast" für jeden sichtbar offengelegt hatte. Und die Amerikaner? "Steve Witkoff, ein Immobilienentwickler, und Jared Kushner, der Schwiegersohn des Präsidenten und Eigentümer einer Investmentgesellschaft, die 2 Milliarden Dollar aus Saudi-Arabien erhalten hat, führen derzeit die Hauptverhandlungen. Ihr russischer Gegenpart ist Kirill Dmitriev, der Leiter des russischen Staatsfonds, der enge Beziehungen zu seinem saudischen Pendant unterhält. Es wird vermutet, dass er Kushner bei Geschäften am Golf kennengelernt hat. Im vergangenen Monat enthüllte das Wall Street Journal, dass sich diese drei Geschäftsleute im Oktober in Miami Beach getroffen haben, um nicht nur über die Ukraine, sondern auch über zukünftige russisch-amerikanische Geschäftsabschlüsse zu sprechen. Russische Geschäftsleute, die als Putin nahestehend bekannt sind, haben amerikanischen Unternehmen 'Milliarden-Deals mit Seltenen Erden und Energie' in Aussicht gestellt, um 'die wirtschaftliche Landkarte Europas neu zu gestalten - und gleichzeitig einen Keil zwischen Amerika und seine traditionellen Verbündeten zu treiben', erklärte das Journal. Witkoff und Kushner nehmen keine Schmiergelder für Regierungsaufträge an, wie es einigen ukrainischen Beamten derzeit vorgeworfen wird. Die Korruption, für die sie stehen, ist tiefgreifender: Sie nutzen die Instrumente des amerikanischen Staates in einer Weise, die ihren Freunden und Geschäftspartnern zugute kommt, während sie gleichzeitig den Verbündeten Amerikas, den amerikanischen Bündnissen und dem Ansehen Amerikas schweren Schaden zufügen." In der Ukraine hingegen ermittelt eine staatliche Institution gegen die eigenen Regierung.
Robert F. Worth berichtet über die "Generation Untergrund" in der Ukraine: Weil russische Bomben gezielt Schulen treffen (in knapp vier Jahren hat Russland rund 3.500 Schulen beschädigt oder zerstört), baut man diese unterirdisch wieder auf, so Worth: "Charkiw, die größte Stadt im Nordosten, verfügt über sieben große unterirdische Schulen, und weitere sind im Bau. Die dafür aufgewendeten Mittel zeugen von der düsteren Erwartung, dass diese Einrichtungen noch viele Jahre in Betrieb sein werden. Ein Besuch ist ein unheimliches Erlebnis: Oberirdisch sind Schulhöfe und Klettergerüste leer und still. Erst wenn man zwei oder drei Stockwerke in den Bunker hinabsteigt, hört man das vertraute Kreischen und Lachen von Kindern." Die unterirdischen Schulen sind eine wichtige Maßnahme gegen die Isolation der Kinder, die über lange Zeiträume nur online unterrichtet werden konnten, wenn es denn überhaupt möglich war, Unterricht abzuhalten, erklärt Worth: "Die Jugendlichen der Ukraine werden bald erwachsen und müssen die fragile gesellschaftliche Einheit ihres Landes verteidigen. Möglicherweise müssen sie auch in einem Krieg kämpfen, der noch viele Jahre andauern könnte; mit etwas Glück werden sie dann die noch größere Last des Wiederaufbaus all dessen tragen, was Russland zerstört hat. 'Die Lichttemperatur wird so angepasst, dass sie die Qualität von natürlichem Licht nachbildet', erzählte mir Julia Baschkirowa, die Bezirksbildungsdirektorin der Stadt, als wir ein makelloses Treppenhaus hinabstiegen, um die Schule 105 in Charkiw zu besuchen. 'Die technischen Voraussetzungen wurden vom Rathaus entwickelt.' Sie öffnete eine schwere Tür zum Hauptkorridor der Schule, und plötzlich waren wir von Scharen von Schulkindern umringt. Es war wie in einem U-Boot. Jeder Quadratzentimeter Platz wurde für etwas anderes genutzt: Bücherregale, Projektoren, Wandkalender. Die Kinder essen ihr Mittagessen (das von der Schule bereitgestellt wird) an ihren Schreibtischen, da kein Platz für eine Cafeteria ist. Bunte Wandmalereien ersetzen Fenster. Kinder, die früher auf neun verschiedene Schulen verteilt waren, besuchen jetzt die Schule 105 im Schichtdienst, weil sich so viele Familien nach einem Offline-Schulerlebnis sehnen. Vielleicht wirkten deshalb alle, die ich sah, fröhlich."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wer hätte gedacht, dass konservative amerikanische Richter wie Islamisten argumentieren, wenn sie die Verfassung interpretieren? Und warum? Um Frauenrechte zu beschränken, was sonst. Das lernt man aus Jill Lepores neuem Buch "We the People: A History of the U.S. Constitution", aus dem The Atlantic einen langen Auszug bringt, der sich mit der Geschichte des Originalismus befasst. 1971 hatte der "Yale-Rechtsprofessor Robert Bork eine Methode der Verfassungsauslegung vorgestellt, die als Originalismus bekannt wurde. Der Begriff 'Originalismus' hielt erst 1980 Einzug in die englische Sprache und war vor 1987, als Reagan Bork für einen Sitz am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten nominierte, praktisch unbekannt. Die Nominierung wurde abgelehnt. Bork vertrat die Auffassung, dass die Verfassung nur unter Berücksichtigung der ursprünglichen Absichten ihrer Verfasser gelesen werden könne und dass jede andere Auslegungsmethode einer Änderung durch die Justiz gleichkomme." Zwei Jahre später legalisierte der Supreme Court in Roe v. Wade das Recht auf Abtreibung. Als Reagan 1981 Präsident der USA wurde, begann eine Kampagne der Republikaner, neu zu ernennende Bundesrichter routinemäßig auf ihre Auffassung zur Abtreibung zu überprüfen. Das "war damals sowohl neuartig als auch umstritten. Mitglieder von Reagans Justizministerium verteidigten diese Praxis mit dem Argument, dass sie stattdessen auf Originalismus prüften. Wie ein stellvertretender Generalstaatsanwalt in einem Memo an den Generalstaatsanwalt schrieb: 'Die Idee der 'ursprünglichen Absicht' darf nicht einfach als eine weitere Theorie der Rechtswissenschaft vermarktet werden, sondern ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil des verfassungsrechtlichen Systems der Gewaltenteilung.' Er betonte: 'Entgegen den Behauptungen wählen wir keine Richter aus, die der Nation eine 'rechte Sozialagenda' aufzwingen, sondern solche, die erkennen, dass auch sie an die Verfassung gebunden sind.'" Mit der Ernennung von Antonin Scalia 1986 zum Richter am Supreme Court, schaffte es der Originalismus dann an das höchste Gericht. Scalia schaffte es noch nicht Roe v. Wade zu kippen, dass gelang dann den drei originalistischen Richtern Neil Gorsuch, Brett Kavanaugh und Amy Coney Barrett. Sie folgten damit Scalia, der überzeugt war, Frauen hätten kein Recht auf Abtreibung, weil das nicht in der Verfassung stehe. "'Wenn ich sie finde - die ursprüngliche Bedeutung der Verfassung - bin ich gefesselt', sagte er und presste seine Hände zusammen, als wären sie gebunden. 'Die Verfassung ist kein lebender Organismus, um Himmels willen', sagte er und rezitierte dann den bekannten Refrain: 'Sie ist tot, tot!'" So könnte Ali Khamenei über den Koran sprechen.
Der Open Technology Fund der US-Regierung ermöglicht Radiostationen in aller Welt, Nachrichten an die Bürgerinnen und Bürger in Ländern und Regionen zu vermitteln, in denen Zensur auf der Tagesordnung steht, doch unter der Trump-Regierung sollen nun Gelder gekürzt werden. Warum das fatal wäre, erklärtAnne Applebaum für The Atlantic: "Seit der Gründung von Radio Free Europe 1950 haben Demokraten, Republikaner, Senatoren, Abgeordnete und jeder Präsident von Harry Truman bis Joe Biden alle daran geglaubt, es sei wichtig, der Bevölkerung in abgeschotteten Gesellschaften Zugang zu faktenbasierten Informationen zu schaffen, und das nicht nur zu deren eigenem Nutzen. Besser informierte Russen oder Iraner würden mit geringerer Wahrscheinlichkeit gegen uns in den Krieg ziehen, mit geringerer Wahrscheinlichkeit in andere Länder einmarschieren und mit größerer Wahrscheinlichkeit den Launen ihrer Diktatoren widerstehen. (…) Am 29. August hat die Behörde angekündigt, mehr als zwei Dutzend Abkommen aufzulösen, die das Global Engagement Center mit Ländern um die ganze Welt hatte. Diese Abkommen waren geschaffen worden, um mit einer gemeinsame Sprache und Taktik gegen russische, chinesische, iranische und terroristische Einflusskampagnen zu wirken. In dem Fax, das an die Angestellten ging, hat die Behörde insistiert, die Abkommen 'verletzen die in der US-Verfassung festgelegte Meinungsfreiheit'." Diese völlig bizarre Begründung freut vor allem jene, die an Meinungsfreiheit eh kein Interesse haben: "Hu Xijin, der frühere Chefredakteur von Global Times, einer staatlich unterstützten chinesischen Publikation, schrieb in den sozialen Medien, die 'Chinesen sind glücklich zu sehen, dass die amerikanische Anti-China-Ideologie-Festung von innen aufgebrochen wird'. Margarita Simonyan, die Chefin von RT, dem staatlichen Nachrichtensender Russland, hat diese Sicht in einer russischen Talkshow wiederholt: 'Heute ist ein Feiertag für meine Kollegen und mich bei RT und Sputnik.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mike Solana ist ein Peter-Thiel-Protegé, dessen eigener viel gelesener Newsletter ironischerweise Pirate Wire heißt. Christopher Beam hat den Mann vor einem Jahr in Atlantic porträtiert, jetzt schreibt Solana selbst dort einen Essay und rechnet mit der radikalen Linken ab. Er selbst hält zu viel Demokratie und Gewerkschaften für hemmend - er hält einen Dezisionismus à la Roosevelt für effizienter, der auch mal über demokratische Procederes hinwegging. Solana glaubt auch nicht, dass die liberale Linke um Ezra Klein und Derek Thompson die radikale Linke, für die beispielsweise Zohran Mamdani steht, von der Idee eines "neuen Wohlstands" (so der deutsche Titel von Kleins und Thompsons Buch) für alle überzeugen kann. Der Fehler, so Solana, ist der Linken inhärent: "Im Jahr 2021 verabschiedete Biden seinen mittlerweile berüchtigten Billionen Dollar teuren American Rescue Plan Act of 2021 und versprach unter anderem eine bessere Infrastruktur. Wir schreiben das Jahr 2025. Aber wo ist die Infrastruktur? Die Menschen fragen sich oft, wie solche Misserfolge zustande kommen. Haben wir einfach vergessen, wie man baut? Die Antwort ist einfach und deprimierend... Genauso wie das Hauptinteresse einer Lehrergewerkschaft nicht darin besteht, jungen Menschen die bestmögliche Ausbildung zu gewährleisten, sondern bessere Bezahlung und mehr Freizeit für Lehrer, besteht das Hauptinteresse unserer aufgeblähten staatlichen und lokalen Belegschaft bei Projekten nicht darin, die schnelle Fertigstellung sicherzustellen. Ihr Ziel ist es, Geld für ihre eigene eine feste Anstellung so lange wie möglich zu sichern. Was ist bis heute der Hauptzweck jeder NGO für Obdachlose in San Francisco, wenn nicht die Beschäftigung von NGO-Mitarbeitern? Denn dass damit das Problem der Obdachlosigkeit nicht gelöst wird, ist verdammt sicher."
Nicht nur an amerikanischen Unis grassiert Antisemitismus - oft ein Vorwand für Donald Trump, um die Unis zu maßregeln - sondern auch in Trumps eigenem Lager. Extrem populäre Journalisten und Blogger wie Carlson Tucker und Candace Owens haben nicht die geringste Scheu, Holocaustrelativierer wie Darryl Cooper auftreten zu lassen und selbst ein "differenzierteres" Bild von Hitler zu fordern. Yair Rosenberg erklärt sich diesen neuen Antisemitismus in der MAGA-Rechten mit einem Wunsch, in die alten Muster der Vorkriegszeit zurückzukehren: Amerika war vor dem Krieg wesentlich antisemitischer als nach dem Krieg, schreibt er. Noch während des Krieges war die Stimmung gegnüber Juden in Amerika ziemlich feindselig, kann er mit Bezug auf Umfragen belegen. Erst nach dem Krieg sah man sich als Befreier der Juden, und Antisemitismus war verpönt. Tucker, der J. D. Vance sehr nahesteht, und seine Kollegen wollen dies Rad jetzt herumdrehen, so Rosenberg: "Wenn sie die amerikanische Politik von Grund auf verändern wollen, dann müssen sie die Art und Weise ändern, wie Amerika über sich selbst und seine Vergangenheit spricht, haben diese rechtsextremen Figuren erkannt. 'Der Grund, warum ich mich immer wieder darauf konzentriere, ist wahrscheinlich derselbe, aus dem Sie es tun', sagte Carlson zu Darryl Cooper, dem Amateur-Holocaust-Historiker. 'Ich denke, es ist von zentraler Bedeutung für die Gesellschaft, in der wir leben, für die Mythen, auf denen sie aufgebaut ist. Ich denke, es ist auch die Ursache für die Zerstörung der westlichen Zivilisation - diese Lügen.'" Vor zwanzig Jahren hätten Äußerungen wie die zitierten noch Empörung hervorgerufen. Heute verblasst die Erinnerung an den Holocaust, und Rosenberg zitiert Statistiken: "Ende letzten Jahres befragte David Shor, einer der führenden Datenwissenschaftler der Demokratischen Partei, rund 130.000 Wähler dazu, ob sie eine 'positive' oder 'negative' Meinung über jüdische Menschen hätten. Kaum jemand über 70 gab an, eine negative Meinung zu haben. Bei den unter 25-Jährigen waren es mehr als ein Viertel."
Zweimal ist Friedenspreisträgerin Anne Applebaum in den Sudan gereist. Einmal in den nördlichen Teil, der von den Sudanese Armed Forces beherrscht wird, und einmal nach Darfur, wo die Rapid Support Forces die Überhand haben. Sie beschreibt in einer langen Reportage (eine Stunde Lesezeit) das Chaos und die Gewalt im Land, die totale Kompliziertheit der Konflikte, in denen sich verschiedene Ethnien, Schichten und Interessen überlagern und wo immer neue Milizen entstehen, wenn eine der Hauptkräfte in ihrer Dominanz nachlässt. Einerseits tummeln sich in dem Konflikt eine Menge Mittelmächte mit unklaren Interessen und Gier nach dem Gold, das in dem Land geschürft wird, zum Beispiel die Türkei, der Iran, Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Andererseits zeigt der Konflikt für Applebaum, wie eine Welt aussieht, in der Amerika und internationale Institutionen nicht mehr agieren. "Die erste Trump-Regierung hat die Idee der 'responsibility to protect' sofort fallen gelassen - und alle anderen taten es ihr gleich", schreibt sie, die auch den UN eine Mitschuld gibt. Man vergleiche die Situation nur mit dem Anfang des Jahrhunderts: "In den nuller Jahren waren amerikanische Kirchen, Synagogen und säkulare Gruppen ebenfalls empört und engagiert angesichts der Janjaweed, der Vorläufer der RSF, und der ethnischen Säuberung der Darfur-Region von nicht-arabischen Stämmen. Das United States Holocaust Memorial Museum in Washington projizierte 2006 dramatische Fotos aus Darfur auf seine Außenwände. Eine Fotoausstellung wanderte auch durch mehrere Universitäten. George Clooney, Angelina Jolie, Mia Farrow, Don Cheadle und Keira Knightley besuchten den Sudan, um auf die Lage aufmerksam zu machen und Spenden zu sammeln. Diese Kampagnen zeigten Wirkung. George W. Bush hatte enge Verbindungen zu den religiösen Hilfsorganisationen, die im Sudan tätig waren, und trat sein Amt mit der festen Absicht an, zu helfen. Die Obama-Regierung glaubte an die 'Schutzverantwortung' der USA... Beide investierten echte diplomatische und politische Anstrengungen im Sudan, vor allem weil die Amerikaner dies wollten. Keine der beiden Parteien würde das noch für ein Land in Afrika tun."
Rachel Ruysch: "Spray of Flowers, with a Beetle on a Stone Balustrade" 1741 Zachary Fine bietet Einblick in die idyllisch und gleichzeitig verstörende Welt der Blumenstillleben. Rachel Ruysch, schon zu Lebzeiten bekannt, eine einflussreiche Künstlerin des 17. Jahrhunderts, bewies, dass Blumen nicht bloß ihrer Schönheit wegen existieren: "Wenn der erste Glanz verblasst, schärft sich der Blick. Was ist das - eine Laubheuschrecke? Eine Sandeidechse? Auch wenn das Auge auf das Gemälde geheftet ist, ist das Gehirn woanders. Die Flammentulpe versetzt einen in die Türkei, die gewöhnliche Sonnenblume nach Nordamerika, die Schmetterlinge und Insekten auf die Pinnwand eines Entomologen. Es ist eine Fundgrube an Informationen für den wissenschaftlich interessierten Betrachter (und tatsächlich war der Auftraggeber, Pieter de la Court van der Voort, ein geschickter Gärtner mit einem Gespür für neue Gewächshaustechniken). Plötzlich ändert sich etwas. Zunächst scheinen die Insekten eine kleine Fiesta mit den Früchten zu feiern - Ameisen, Wespen und Spinnen knabbern an einem Pfirsich oder huschen auf eine Kastanie zu. Dann bemerkt man, dass die gespaltene Zunge der Sandeidechse nur Millisekunden davon entfernt ist, einen Schmetterling zu schnappen. Eine andere Eidechse in der Ecke hat gerade ein Vogelnest mit frischen Eiern infiltriert und scheint einen barbarischen Schrei auszustoßen. Das Gemälde beginnt unter dem Druck des Todes zu wanken. Der schwammige Waldboden sieht pilzartig aus; der Granatapfel wimmelt von seinen eigenen Samen; die Maiskörner werden zu Warzen; die Trauben sind Fischeier. Die gesamte Komposition schlittert und kriecht mit sich selbst. Mit einem Wort: Sie ist monströs. Als Betrachter kann man diese Noten auf und ab spielen - das ästhetische Vergnügen, die wissenschaftliche Anregung, die Grausamkeit der Natur als moralische Warnung - oder sie alle gleichzeitig im Kopf spielen. Manchmal hängt es einfach davon ab, wie nah man vor dem Gemälde steht."
Haben Sozialisten in den USA derzeit Oberwasser? Der Sieg Zohran Mamdanis bei den internen Vorwahlen der Demokraten im Vorfeld der New Yorker Bürgermeisterwahl scheint das nahe zu legen. Der Historiker Arash Azizi berichtet über die "Democratic Socialists of America", deren Mitglied Mamdani ist, und vermittelt einen anderen Eindruck; Die Organisation wird nicht von linken Pragmatikern wie Mamdani, Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez dominiert, sondern von sektiererischen, oft offen antidemokratischen Spinnern: Auf dem jüngsten Parteitag der Sozialisten deutete jedenfalls wenig "auf eine breite politische Bewegung hin, die darauf abzielt, Wahlen zu gewinnen und an die Macht zu kommen. Mamdani, AOC und Sanders waren abwesend, ebenso wie ihr einladender, praxisorientierter Politikstil. Tatsächlich hat die nationale Führung der DSA beschlossen, AOC nicht zu unterstützen, und viele in der Organisation stehen ihr inzwischen offen feindlich gegenüber. Einige brachten auf dem Parteitag sogar eine Resolution ein, um sie offiziell wegen ihrer 'stillen Unterstützung des Zionismus' zu rügen (...) Die überwiegend junge und weiße Teilnehmerschaft sprach kaum über die Präsidentschaft Donald Trumps (ein Antrag, eine solche Diskussion zu führen, wurde früh abgelehnt) und schien aus einem Zusammenschluss von Aktivisten zu bestehen, von denen viele auf Einzelthemen fokussiert waren. Einige waren damit beschäftigt, gegen das Fehlen einer Maskenpflicht auf dem Parteitag zu protestieren." Später im Text wird es noch gruseliger, etwa wenn Azizi die besonders radikalen Fraktionen der amerikanischen Sozialisten vorstellt. Diese umfassen beispielsweise "Red Star, einen selbsternannten 'marxistisch-leninistischen Flügel', der Hamas offen unterstützt und 'die Rolle der Vorhut bei der Organisation der Revolution' betont. Während Leute wie Sanders seit Langem den New Deal loben, verurteilt diese Gruppe dieses Modell als 'Zugeständnis an die weiße Arbeiterklasse, um ihre Loyalität gegenüber dem kapitalistischen Staat zu sichern'. In ähnlicher Weise kritisiert sie den von Sanders und AOC befürworteten Green New Deal, weil dieser es versäume, 'ein klares Bekenntnis zum Rückbau des Siedlerkolonialismus und des amerikanischen imperialistischen Projekts' zu formulieren. Ein weiterer Flügel, die Marxist Unity Group, fordert, dass sich die DSA 'von der Demokratischen Partei befreit und 'kämpft, um die Verfassung zu stürzen', mit dem Ziel, 'jede Institution zu zerstören, die dem Volk eine echte Volksdemokratie verweigert - einschließlich der Abschaffung des Senats, des Electoral College, des Obersten Gerichtshofs und des unabhängigen Präsidentenamts.'"
"J. D. Vance stellt ein Problem dar, das im Kern eine Frage des Charakters ist", meint George Packer in seinem ausführlichen Porträt des amerikanischen Vizepräsidenten. "In den Jahren nach der Wahl 2016 wandelte er sich von einem Mitte-Rechts-Memoirenschreiber und öffentlichen Redner, der eine komplexe Analyse der sozialen Missstände in Amerika und eine scharfe Kritik an Donald Trump vorbrachte, zu einem rechtspopulistischen Politiker, dessen illiberale Ideen und bissige Rhetorik das Original häufig übertrumpfen. Nach Ansicht von Vance und seinen Anhängern folgte dieser Wandel auf die Erkenntnis während Trumps erster Amtszeit, dass der Präsident die gefallene Arbeiterklasse des Landesinneren, die den jungen J.D. hervorgebracht hatte, wieder aufrichtete. Um seinen Leuten zu helfen, musste Vance seinen Frieden mit ihrem Meister machen. Seinen Kritikern zufolge entschied sich Vance zynisch dafür, seine wahren Werte zu verraten, um den einzigen Weg einzuschlagen, der einem ehrgeizigen Republikaner in der Trump-Ära offenstand, und als Konvertit, der unter Verdacht stand, verfolgte er diesen Weg mit aller Härte. ... Beide Versionen erinnern an den Protagonisten eines Romans aus dem 19. Jahrhundert - Pip in Dickens' 'Große Erwartungen', Lucien in Balzacs 'Verlorene Illusionen'. Ein Romanautor, der den Niedergang des amerikanischen Imperiums im 21. Jahrhundert schildern will, könnte einen Protagonisten wie J. D. Vance erfinden. Er taucht an allen wichtigen Stellen auf und verkörpert jedes wichtige Thema. Er ist das Produkt einer insularen Subkultur (der schottisch-irischen in den Appalachen von Kentucky) und wächst inmitten der Übel (Armut, Sucht, Zusammenbruch der Familie) einer sterbenden Stahlstadt in Ohio auf, die von der Deindustrialisierung heimgesucht wird. Er flieht rechtzeitig vor dem Irak-Krieg zum Marine Corps und dann in die zweifelhafte Umarmung der kognitiven Leistungsgesellschaft (Yale Law School, Risikokapital der Westküste, Medien der Ostküste). An einem Wendepunkt in seinem Leben und dem des Landes - 2016, mit dem überraschenden Erfolg von 'Hillbilly Elegy' und dann dem überraschenden Sieg von Trump - wird Vance zu einer Berühmtheit, zum gesalbten Sprecher der 40 Prozent des Landes, die die weiße Arbeiterklasse bilden, die plötzlich politische Macht und kulturelles Interesse hat. Er hat die Aufgabe, die Welt, aus der er kommt, der Welt zu erklären, der er gerade beigetreten ist. ... In einem anderen Zeitalter wäre sein Aufstieg vielleicht als Beweis dafür gewertet worden, dass der amerikanische Traum lebendig und weitgehend intakt ist. Aber unser Zeitalter hat keine einfach inspirierenden und verbindenden Geschichten mehr, und jedes Kapitel von Vances Erfolg ist Teil eines nationalen Scheiterns".
Der Rechtsanwalt und BeraterPaul Rosenzweigist entsetzt über die Demontage des Justizministeriums durch die Trump-Administration. Er sieht darin einen direkten Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit: "Ein Beispiel für den Missbrauch des Justizministeriums ist vielleicht das erschreckendste von allen. In einem kürzlich herausgegebenen Memorandum des Präsidenten wies Trump den Generalstaatsanwalt an, 'die Vorwürfe zu untersuchen bezüglich der Nutzung von Fundraising-Plattformen für 'Stroh-' oder 'Schein'-Beiträge und um ausländische Beiträge für politische Kandidaten und Komitees in den USA zu erheben, die alle gegen das Gesetz verstoßen'. Wäre die Untersuchung neutraler Natur, wäre dies vielleicht verständlich. Aber das ist sie nicht. In der Tat gibt es zwei große Fundraising-Plattformen: WinRed (die republikanische Plattform) und ActBlue (die demokratische). Obwohl WinRed Gegenstand von siebenmal so vielen FTC-Beschwerden war wie ActBlue, betrifft das Trump-Memorandum nur letztere. Indem er das Fundraising seiner Gegner ins Visier nimmt, nutzt Trump ganz offen die Befugnisse der Bundesbehörden, um die politische Opposition auszuschalten. Im Grunde benutzt Trump die Behörde, um künftige Wahlsiege der Republikaner zu sichern. Man kann sich kaum eine erschreckendere Variante von Lawrenti Berias berüchtigtem Ausspruch vorstellen: 'Zeige mir den Mann und ich zeige dir das Verbrechen.' ... Das Schlimmste ist, dass wir mit dem Verlust der Rechtsstaatlichkeit auch das System verlieren, auf dem unsere Demokratie beruht. Das Recht erzwingt sich nicht von selbst. Es existiert und belebt unsere Gesellschaft, weil wir daran glauben. Wenn dieser Glaube unter Trumps Angriffen zerbröckelt, leiden wir alle darunter."
Neben Wladimir Putin scheint Donald Trump noch einen anderen Lieblingspolitiker zu haben: Victor Orbán. Viel wird über Orbáns Politik derzeit im Weißen Haus geredet, ein republikanischer Politiker bezeichnete das Land gar als "eines der erfolgreichsten Vorbilder für konservative Prinzipien und Regierungsführung", erinnertAnne Applebaum. Für sie ist offensichtlich: Die USA steuern "rasant auf ungarischen Populismus, ungarische Politik und ungarische Justiz zu". Doch das bedeute auch, dass "ungarische Stagnation, ungarische Korruption und ungarische Armut bevorstehen." Denn von "Erfolg" könne bei Ungarn nun wirklich überhaupt nicht mehr die Rede sein - Orbán habe sein Land heruntergewirtschaftet, die Geburtenrate sinke immer weiter, qualifizierte Fachkräfte verließen das Land. Das ist auch kein Wunder, meint Applebaum, denn Orbán mache Politik nur für einen eingeweihten Kreis von Geschäftsleuten: "In Budapest werden diese Oligarchen auch NER, NER-Leute oder NERistan genannt - Spitznamen, die von 'Nemzeti Együttműködés Rendszere' oder 'System der Nationalen Zusammenarbeit' abstammen, dem orwellschen Namen, den Orbán seinem politischen System gab - und sie profitieren direkt von ihrer Nähe zum Staatschef. Direkt36, eines der letzten investigativen Medien in Ungarn, drehte kürzlich den Dokumentarfilm 'Die Dynastie' (den man hier anschauen kann). Darin wird beispielsweise gezeigt, wie Wettbewerbe um staatlich und von der EU finanzierte Aufträge ab etwa 2010 gezielt so gestaltet wurden, dass Elios Innovatív, ein Energieunternehmen im Mitbesitz von Orbáns Schwiegersohn István Tiborcz, sie gewinnen würde. Die EU untersuchte schließlich 35 Verträge und fand in vielen davon schwere Unregelmäßigkeiten sowie Hinweise auf Interessenkonflikte. In einer Erklärung von 2018 erklärte Elios, man habe sich an die gesetzlichen Bestimmungen gehalten, was zweifellos stimmt; der Sinn dieses Systems besteht darin, dass es legal ist (...) Der ungarische Geschäftsmann und ein ungarischer Ökonom, mit dem ich sprach - beide bestanden aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen auf Anonymität - hatten unabhängig voneinander berechnet, dass NERistan etwa 20 Prozent der ungarischen Wirtschaft ausmacht. Das bedeutet, wie mir der Ökonom erklärte, dass 20 Prozent der ungarischen Unternehmen 'nicht nach Markt- oder Leistungsprinzipien, sondern grundsätzlich über Loyalität' funktionieren."
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