Michael Hardt, Antonio Negri

Empire

Die neue Weltordnung
Cover: Empire
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783593369945
Gebunden, 480 Seiten, 34,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirtensohn. "Empire" ist eine politische Diagnose des postmodernen Kapitalismus im Zeitalter der Globalisierung. Die Phase des Imperialismus ist zu Ende, abgelöst wurde er vom "Empire", einem Weltreich ohne Zentrum und mit umfassendem Herrschaftsanspruch, das in seinem rastlosen Drang nach Ausdehnung jeden nationalstaatlichen Rahmen sprengt. Zugleich ist es ein Reich vollendeter Totalität, in dem es keinen moralischen oder kritischen Standpunkt von "außen" mehr gibt. Es verfügt über eine biopolitische Maschinerie, die jeden Einzelnen kontrolliert. In den Arbeitsformen der "New Economy", wo intellektuelles Wissen und die Hoffnung auf eine bessere Welt zusammenfließen können, verorten die Autoren ein neues "Proletariat". In ihrer Analyse entwickeln sie den Gedanken der Vielheit der Menschen, die nach Wegen zu einer neuen Gesellschaft sucht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.04.2002

H. D. Kittsteiner argumentiert in seiner Rezension mit dem ironischen Gestus des mit allen Wassern gewaschenen Veteranen, der unter den schicken neuen Diskursen und Begriffen die Obsessionen des guten alten Marxismus aufspürt. Dabei bewegt sich seine Rezension zuweilen auf einem Abstraktionsniveau, das wohl nur erklimmen kann, wer schon in den sechziger Jahren in einschlägigen "Kapital"-Kursen trainierte. Dennoch wird im Großen seine Kritik an dem neuen theoretischen Kultbuch "Empire" deutlich. Kittsteiner sieht in ihm den Versuch eines postmarxistischen Marxismus. Das "Empire" - Hauptbegriff der Schrift - erscheint, wenn man Kittsteiner richtig versteht, als eine Art absolut gesetzter Imperialismus, dem keine Nation mehr Grenzen setzt, der kein "Außen" mehr zulässt und sich auch als "postmodern vernetzter Weltmarkt" verstehen lässt. Solange sie das Empire beschreiben, argumentieren die Autoren nach Kittsteiner mit Marx. Aber sie wollen uns auch "herrlichen Zeiten entgegen" führen und das "Empire" mit einem "Willen, dagegen zu sein" überschreiten - und hier kommen in Negris und Hardts "Konglomarat aus disparaten geistesgeschichtlichen Traditionen" Nietzsche, Foucault, Deleuze und Guattari ins Spiel. Hier wird auch gegen die an sich als irreversibel angesehene Globalisierung das revolutionäre Subjekt der "Multitude" erfunden, dem Kittsteiner aber lieber nicht folgen will. Denn die Palästinenser, die Studenten vom Tienanmen-Platz und die Indios aus Chiapas zu einer, wenn auch inhomogenen, "Multitude" im Kampf gegen das "Empire" zusammenzuschweißen, ist für Kittsteiner "schon ein starkes Stück 'Theorie'". Hardt und Negri setzen hier die rosarote Brille der Ideologie auf, die hofft, das "reaktionäre Konfliktpotenzial" heutiger "Clashs of Civilisation" in den Kampf eines modernen Weltproletariats zurückzuverwandeln, moniert Kittsteiner.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.03.2002

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Hardt und der italienische Philosoph Antonio Negri haben dem Lexikon eine weitere Definition für "Empire" beschert, berichtet Rezensent Peter Felixberger. Bisher kannte man nämlich Empire als Bezeichnung für das britische Weltreich, für das französische Kaiserreich unter Napoleon I. und für den dazugehörigen Kunststil, informiert der Rezensent. Und nun also "Empire" als eine dezentralisierte postkoloniale Macht, die in sämtliche Lebensbereiche des Menschen eingreift, grübelt Felixberger. "Glänzend", so der Rezensent, haben die Autoren den Übergang von der Moderne zur Postmoderne, vom Imperialismus zum Empire analysiert, aber!, kritisiert Felixberger, dabei bleibt es auch. Der Rezensent findet es ungenügend, die Vergangenheit umfassend und kritisch zu beleuchten, um dann eine Etikettierung für die Gegenwart einzuführen, ohne dieses Etikett mit genügend Inhalt zu versehen und sich stattdessen in "hochtrabender Vermutungsrhetorik" zu üben. Der Kapitalismus werde zwar grandios analysiert, brillant auch eine Argumentationslinie für die politische Ideengeschichte entwickelt, aber die Gegenwart betrachten die Autoren nicht ideologiefrei, schreibt Felixberger. Trotz aller Kritik ist er aber der Überzeugung, dass diese Studie "höchste Beachtung" verdient, denn sie sei die erste, die eine politische Theorie im Übergang zu dieser neuen Herrschaftsform entwickelt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.03.2002

Es schein "in" zu sein, bestimmten Büchern eine programmatische Funktion zuzuschreiben, denkt Jan Engelmann und nennt auch gleich zwei Beispiele: Naomi Kleins "No Logo" und Giorgio Agambens "Homo Sacer". Und nun also Michael Hardts und Antonio Negris "Empire". Doch das, meint der Rezensent, liest sich nicht so "flamboyant" wie der Stoff, aus dem die Träume der Leser und Kritiker sind. Dreiviertel des Textes kreisten um eine gründliche Neulektüre der gesamten abendländischen Ideengeschichte, nur am Rande gäben der Literaturwissenschaftler Hardt und der Philosoph Negri Handlungstipps für ein "gemeinsames Dagegensein". Engelmann honoriert die Absicht der Autoren, gründlich Begriffsschutt abzubauen und dann eine Demokratietheorie zu erörtern. Dabei reihen sie sich selbstbewusst in die illustre Tradition anderer Denkerpaare wie Marx und Engels, Adorno und Horkheimer, Deleuze und Guattari ein, unterschlagen aber, moniert der Rezensent, Kluge und Negt, die sich mit ganz ähnlichen Fragen seit Jahrzehnten auf hohem Niveau auseinandersetzten. "Empire" übt neben allem theoretischem Tiefgang einen "exotischen Reiz" aus, so Engelmann, allerdings sei es angesichts der Komplexität des Textes nicht gerade einfach, Denker und Aktivisten mit diesem Buch zusammenzubringen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.03.2002

Schon vor dem Erscheinen auf dem deutschen Buchmarkt rankten sich die Gerüchte um das Gemeinschaftswerk des italienischen "Linksradikalen" Antonio Negri und dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt, weiß Hans-Martin Lohmann. Die einen hätten es vorab für ein "Kultbuch der Globalisierungsgegner", die anderen für ein neues "kommunistisches Manifest", die dritten für ein "Modephänomen" gehalten, berichtet der Rezensent. In den USA ist das Buch sowohl "überschwänglich gelobt" als auch "hart kritisiert" worden, und auch Lohmann denkt, dass beides passt. Zunächst einmal freut sich der Rezensent, dass hier neue Gedanken artikuliert würden, auch solche, die der globalisierungskritischen Bewegung aufstoßen dürften. Denn die Autoren glaubten nicht daran, der neuen Herrschaftsform des "Empire", einer Macht, die sich aus der Verschränkung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft speist, mit Mobilisierung begegnen zu können, sondern einzig aus dem singulären Unbehagen, das diese Herrschaftsform evoziere - eine Einschätzung, die Lohmann nicht teilt, weil er der diese "individuelle Aufruhr" nicht ganz nachvollziehbar findet. Auf jeden Fall aber ist der Rezensent überzeugt, dass dieses Buch seit langem das erste sei, das sich ernsthaft mit dem dumpfen und begriffslosen Unbehagen an der Globalisierung auseinandersetze und dieses Unbehagen mit soziologischem, philosophischem und politischem Inhalt fülle. "Empire" sei, so Lohmann, eine "grandiose Gesellschaftsanalyse", eine, die eine Richtung für "das gute Leben" vorgebe. Großes Lob spendet der Rezensent auch den beiden Übersetzern Thomas Atzert und Andreas Wirtensohn, die das oft "eigenwillige" Englisch in ein "vorzügliches" Deutsch übertragen hätten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

Der Rezensent Micha Brumlik ist in seiner Besprechung etwas zögerlich, insofern er die "anregenden Ingredienzen" dieses Buches für die theoretische Debatte durchaus anerkennt, aber die Bereitschaft den Thesen zuzustimmen in Abhängigkeit von einer wohlwollenden Lesart des Lesers sieht. Wer die grundlegenden Voraussetzungen dieses Buches teilt, werde dann mit einer Fülle von neuartigen Perspektiven belohnt, die sich von der Untersuchung sozialer Systeme ablöst, und ihr Hauptaugenmerk auf eine Philosophie von Unterwerfung und Befreiung richteten. In seiner mit Zitaten und großen Philosophennamen reich getrüffelten Kritik untersucht Brumlik das Buch auf spinozistische Einflüsse, nimmt Spinoza, diesen "frühen Demokraten der klassischen Tradition", allerdings zugleich in Schutz vor den anarchistischen Bestrebungen der Buchautoren. Viel Raum widmet Brumlik auch den Begriffen des "Empire", das unter amerikanischem Einfluss seine Unterwerfungsprozesse vollzieht, und der "Multitude", aus der die Autoren offensichtlich eine Hoffnung auf Überwindung dieser Unterwerfung ziehen. Ein "belebendes theoretisches Gebräu", schließt der Rezensent.
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