Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
02.08.2005. Im Merkur beschreibt Walter Laqueur das vergreiste Europa 2050. In der London Review of Books klärt uns Eric Hobsbawm über die sexuell aktivsten Abendländer auf. Das ES-Magazin erinnert an die Väter der Atombombe - fast alles Ungarn. Prospect und die Gazeta Wyborcza bilanzieren Rot-Grün. Im Nouvel Obs wehrt sich der Afrika-Historiker Elikia M'Bokolo gegen jede Form von Ethnizismus. In Polityka kündigt Jeremy Rifkins die Ära des Wasserstoffs an. Der Spectator verteidigt den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. New Republic fürchtet den Konservatismus der Republikaner.

Merkur (Deutschland), 01.08.2005

Eine klare Abfuhr erteilt der Historiker Walter Laqueur all jenen, die noch Visionen von einem "neuen europäischen Jahrhundert" hegen: "Das Europa des Jahres 2050 wird ein vergreister Kontinent sein", schreibt Laqueur: "Nach Befunden der United Nations Population Division lebten im Jahre 1900 21 Prozent der Weltbevölkerung in Europa. Heute sind es weniger als 12 Prozent, 2050 werden es den Vorausschätzungen dieser UN-Behörde nach 7 Prozent und am Ende unseres Jahrhunderts weniger als 4 Prozent sein. Diesen Projektionen zufolge wird die deutsche Bevölkerung von gegenwärtig 82 Millionen bis Ende des Jahrhunderts auf 32 Millionen sinken, die Einwohnerschaft Italiens wird von 57 auf 15 Millionen schrumpfen, die Spaniens von 40 auf 11,9. Noch dramatischer wird der Niedergang in Osteuropa sein. Bis 2050 wird die Einwohnerzahl der Ukraine um 43 Prozent abnehmen, in Bulgarien werden es 34 Prozent weniger sein, in den baltischen Staaten 25 Prozent, und nichts anderes wird auch in der Russischen Föderation erwartet. Am Ende unseres Jahrhunderts werden im Jemen mehr Menschen leben als in Russland."

Ulrich Speck sieht in seiner Geschichtskolumne die Historisierung (oder Entmythologisierung) der RAF mit den Arbeiten von Gerd Koenen und Wolfgang Kraushaar auf einen guten Weg gebracht. Marius Meller sichtet die Literatur nach 68, von Uwe Tellkamps "national-apokalyptischer" Aufputschungsprosa "Eisvogel" (Leseprobe) bis zu Andreas Maiers nominalistischem Deeskalierungsprojekt "Kirillow". Michael Zeller schreibt über seine Reise nach Bosnien. Außerdem geht es um Cees Nooteboom, die "Gefühlsgeschichte der Bibliothek" und die "Ausgewanderten" in Gottfried Kellers Werk.
Archiv: Merkur

London Review of Books (UK), 04.08.2005

Der Historiker und Publizist Eric Hobsbawm erklärt "Between Sex and Power", Göran Therborns umfassende und globale Analyse zur Entwicklung der Familie im 20. Jahrhundert, zur Pflichtlektüre. Wer weiß schon, dass die beiden Gegenspieler des Kalten Krieges, die USA und die UdSSR, auch die weltweit höchsten Scheidungsraten vorzuweisen hatten? Oder dass die sexuell aktivsten Abendländer die Finnen sind? Was Hobsbawm an diesem "tief beeindruckenden" Buch aber fehlt, ist der Zusammenhang von Wirtschaft und Familie in der jüngsten Zeit. "Als der Neoliberalismus in der Ökonomie triumphierte, konnten seine Unzulänglichkeiten nicht länger verborgen bleiben. Im Licht der Erkenntnisse dieses Bandes, muss man annehmen, dass wir diesen Punkt auch in der Ideologie des kulturellen Libertinismus erreichen."

Die aktuelle Biennale in Venedig gilt als konservativ. Der Literaturwissenschaftler Hal Foster ist ganz froh darüber. "Was das wirklich heißt, ist nicht sicher, vielleicht nur, dass diese Ausstellung nicht so chaotisch ist wie wie des Italieners Francesco Bonami im Jahr 2003. Dieser Konservatismus hat jedenfalls Vorteile: man kann verschiedene Tendenzen erkennen, die es einem erlauben, sich im sonst so inkohärenten internationalen Kunstgeschehen zu orientieren. So unterschiedlich sie auch daherkommt, ein Großteil der derzeitigen Kunst folgt vier oder fünf Formaten und Verfahren."

Außerdem bemerkt Andrew O'Hagan voller Wehmut, wie der auch in der Welt der Literatur nicht unbedeutende Tavistock Square nach dem Selbstmordattentat in Bus Nr. 30, da von der Polizei hermetisch abgeriegelt, mit einem Schlag aus dem öffentlichen Leben verschwand. In den Short Cuts verortet Thomas Jones das Internet.

Espresso (Italien), 04.08.2005

Je öfter er widerlegt wird, desto höher schnellen die Verkaufszahlen. Umberto Eco untersucht den Erfolg von Dan Browns Reißer "Sakrileg" und äußert eine beunruhigende Vermutung: Die Leser glauben gern, dass Jesus und Maria Magdalena einen Sohn hatten. "Ich denke das ist es, was der Kirche Sorgen bereitet. Der Glaube an den 'Kodex' (und einen anderen Jesus) ist ein Zeichen der Entchristianisierung. Wenn das Volk nicht mehr an Gott glaubt, sagte Chesterton, heißt das nicht, dass sie an nichts mehr glauben, sondern an alles. Sogar an die Massenmedien."

Paul Auster (mehr) hat seinen neuen Roman "Brooklyn Follies" zunächst exklusiv in Dänemark herausbringen lassen. Andrea Visconti hat mit der Hilfe von Soren Hammerstrom immerhin herausgefunden, dass - wer hätte das gedacht - wieder einmal absurde Zufälle im Mittelpunkt stehen und - kein Zufall - Präsident Bush unerhört offen kritisiert wird. Ein Interview zum Buch hier, eine umfangreiche Auster-Fanseite hier. Roberto Calabro berichtet, dass etwa 3.000 Italiener nicht an den Papst, sondern an die Magie der Druiden glauben und sie auch zu praktizieren versuchen. In der Titelgeschichte lässt sich der terrorbesorgte Antonio Carlucci von Roms Bürgermeister Walter Veltroni versichern: "Die Ordnungskräfte tun alles, was nötig ist."
Anzeige
Archiv: Espresso

Elet es Irodalom (Ungarn), 01.08.2005

Der Physiker Istvan Hargittai erinnert sich an Leo Szilard und weitere vier Spitzenforscher ungarischer Abstammung, die in den 1930ern in die USA emigrierten und das Manhattan-Projekt initiierten: "Szilard suchte die Lösung für alle Probleme mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Als er in verschiedenen Besprechungen wegen seines nicht typisch amerikanischen Auftretens und des starken Akzents Misstrauen bemerkte, nahm er irgendwann einen echten Amerikaner in die Besprechungen mit, der nur die Rolle hatte, Vertrauen zu erwecken. Nachdem Leo Szilard, Jenö Wigner und Edward Teller Einstein dazu bewegen konnten, den berühmten Brief an Roosevelt zu schreiben, der den Präsidenten auf die Gefahr einer Atombombe aus Deutschland aufmerksam machte, wurden die ungarischen Atomphysiker auf die größte Vertrauensprobe gestellt. Roosevelt stellte eine Kommission aus Politikern, Forschern und Militärexperten auf, aus der die ungarischen Physiker wegen des strengen Geheimcharakters ausgeschlossen wurden, bis endlich die Entdeckung gemacht wurde, dass die in der Kommission verhandelten Geheimnisse gerade von diesen Ungarn stammten."

Prospect (UK), 01.08.2005

Hans Kundnani bilanziert die Generation Rot-Grün. "Im Rückblick wird klar, dass die 68er in den Jahrzehnten vor 1998 über den größten Einfluss verfügten. Sie werden immer mit der Liberalisierung der deutschen Gesellschaft in Zusammenhang gebracht werden, der Konfrontation mit der Nazivergangenheit, dem Aufkommen der ökologischen Politik und der Verbreitung von postnationalen, postindustriellen Werten. Die Jahre in der Regierung erscheinen im Vergleich wie ein Antiklimax."

Exklusiv im Web erinnert die niederländische Abgeordnete und Menschenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali ("Ich klage an") daran, an wem sich die muslimischen Terroristen orientieren. "Mohammed selbst konstruierte das Haus des Islam, indem er militärische Taktiken anwendete, die Massenmord, Folter, gezielte Tötungen, Lügen und die wahllose Zerstörung von Produktivgütern einschlossen." Ali rät zu einer Neueinschätzung des Religionsgründers. "Diese Vorschläge lassen viele Menschen im Westen zusammenzucken. Viele glauben, dass die Kritik an einer heiligen Figur kein höfliches Verhalten ist, irgendwie unangebracht. Dieser kulturelle Relativismus verrät die Grundwerte, auf denen unsere offene Gesellschaft aufgebaut ist. Wir sollten uns niemals selbst zensieren."

Ruaridh Nicoll erzählt in seinem Porträt des kubanischen Nationalballetts die schöne Geschichte, wie bei einer Vorführung in Havanna der Plattenspieler seinen Geist aufgab, Alihaydee Carreno und Leonardo Reale (mehr) aber einfach weitermachten. "Die Schönheit dieser beiden, die allein tanzten auf einer leeren Bühne, begleitet nur von dem leisen Atmen von sechzehnhundert Leuten, ließ die Zeit still stehen."

Weiteres: Schwerpunkt ist der Islam in England. Ehsan Masood hofft, dass die Attentate die von konservativen Südostasiaten dominierte britische Variante offener und moderner werden lassen. Aatish Taseer porträtiert einen fünfundzwanzigjährigen Gotteskrieger aus Manchester, der britische Muslime für Afghanistan rekrutierte. Passend zum hiesigen Prozess gegen Holger Pfahls fordert Joe Roeber ein Ende der staatlich betriebenen Korruption im Waffengeschäft. Ebenfalls nur im Web spekuliert Michael Axworthy, dass die Wahl des konservativen Mahmoud Ahmadinejad zum iranischen Präsidenten den Niedergang des religiösen Establishments einleiten könnte. Und Matthew Reisz fragt sich in einer Besprechung einiger Bücher, ob die große literarische Tradition des Londoner East End am Ende ist.
Archiv: Prospect

Gazeta Wyborcza (Polen), 30.07.2005

Wojciech Pieciak blickt zurück auf sieben Jahre Rot-Grün in Deutschland, benennt die wichtigsten Probleme in der Außenpolitik: den Bruch mit den USA, das egoistische Bündnis mit Frankreich und die Männerfreundschaft mit Putin, die sich über alle politischen Zweifel in Europa hinweg setzt, und wagt eine Vorschau auf das, was ab Herbst zu erwarten ist: "Wenn die neue deutsche Regierung ihre Außenpolitik in diesen drei Bereichen ändern will, läge das nicht nur im Interesse Amerikas und der EU, sondern auch Polens. Es müssen keine revolutionären Veränderungen sein, und es geht auch nicht darum, dass Deutschland von heute auf morgen Soldaten in den Irak schickt. Aber schon eine Änderung des Stils und der Sprache, wie sie in den Äußerungen der Christdemokraten und Liberalen hörbar ist, würde viel bedeuten. Dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen in den letzten Jahren auf dem schlechtesten Stand seit 1989 waren, lag nicht nur an bilateralen Verstimmungen (vor allem historischer Art), sondern an grundlegenden Unterschieden in den Ansichten über den Irak, die USA und Russland."

"Wenn in Deutschland eine christdemokratische Regierung entsteht, und in Frankreich Sarkozy Präsident wird, kann eine Abkehr vom sozialen Europa beginnen. Es gibt zwar keine Rückkehr zum liberalen Europa, aber wir können auf Abbau einiger die Wirtschaftsentwicklung hemmenden Regulierungen hoffen", prognostiziert wiederum der Wirtschaftsexperte Jacek Rostowski im Interview. "In Polens Interesse liegt, dass ein Europa des Marktes gewinnt, auch weil wir uns viele sozialstaatliche Lösungen nicht leisten können, die zumal schon in anderen Ländern zur Stagnation geführt haben. Deshalb kann das Scheitern der EU-Verfassung eine Chance sein, da sie, entgegen der in Frankreich verbreiteten Meinung, ein soziales Europa fortschrieb."
Stichwörter: Irak

Nouvel Observateur (Frankreich), 28.07.2005

In der Reihe über die Ethnologie nach Levy-Strauss interviewt Gilles Anquetil den in Paris lehrenden Afrika-Historiker Elikia M?Bokolo, der sich gegen "Ethnizismus" in Ethnologie und Geschichtswissenschaft wendet: "Die letzten Tempelwächter dieses Begriffs sind allerdings die Ethnologen... und die Sammler afrikanischer Kunst." M?Bokolo möchte dagegen einen offenen Begriff von Identität verfechten: "Der schlimmste Gefallen, den man den Afrikanern tun kann, ist sie in den Begriff der Ethnie einzuschnüren. Ethnien sind keine Wesenheiten, sondern Prozesse. Zu sagen 'ich bin Peul oder Bambara' heißt heute etwas anderes als in zehn Jahren. Es gibt kein ethnisches Schicksal. Aber es gab einen Ethnizismus, der zahreiche Tragödien und Genozide ausgelöst hat."

New Yorker (USA), 08.08.2005

Louis Menand porträtiert den amerikanischen Schriftsteller und Literaturkritiker Edmund Wilson, der ab den Zwanzigern für Vanity Fair, den New Yorker und die New York Review of Books schrieb. Wilson lehnte es ab, als Kritiker zu gelten, und bezeichnete sich selbst immer nur als Journalist. "Er hatte keinerlei Interesse an der Kritik als solcher. Er schrieb ein paar wenige Essays über die kritische Literatur, die ihn beeinflusst hatte - marxistische und historische Interpretationen - schenkte den Kritiken seiner Zeitgenossen dagegen keine Aufmerksamkeit, es sei denn, sie waren selbst gute Autoren. (...) Er verabscheute, was er 'Abhandlungsliteratur' nannte - theoretische oder sozialwissenschaftliche Arbeiten - und mied sie, es sei denn, erneut, sie schienen ihm eine literarische oder schöpferische Kraft zu haben. Wenn er mit einem Buch die Geduld verlor, legte er es einfach weg, und was er ignorierte, ignorierte er ohne das geringste Schamgefühl."

Weiteres: Elsa Walsh porträtiert den konservativen Politiker Harry Reid, der im Senat die demokratische Minderheit anführt. In einer Glosse erläutert Jack Handey, was er den Marsmenschen über unseren Planeten erzählen würde. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Gomez Palacio" von Roberto Bolano.

Adam Kirsch bespricht zwei Gedichtbände von Theodore Roethke und James Wright. Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung mit Arbeiten von Winslow Homer in der National Gallery. Joan Accocella beschreibt die "surrealistische" Tanzszene von Downtown. Und David Denby sah im Kino "Broken Flowers" von Jim Jarmush und Werner Herzogs (mehr) Dokumentarfilm "Grizzly Man" über den amerikanischen "Heiligen und Narren" Timothy Treadwell.

Nur in der Printausgabe: ein Text von Jonathan Franzen über Vögel, Liebe und das Leben in der freien Natur, ein Artikel über die Zukunft der Nachrichten in den Medien und Lyrik von Franz Wright und Matthew Sweeney.
Archiv: New Yorker

Polityka (Polen), 27.07.2005

In der polnischen Wochenzeitung spricht Jacek Zakowski mit Jeremy Rifkin über die steigenden Ölpreise: "Das Ende unserer Welt ist schon heute sehr nah: billiges Reisen, jeder hat seinen Privat-PKW, günstiges Heizen. Immer öfter werden wir feststellen müssen, dass wir uns das nicht leisten können. Das geschieht graduell, und wir wissen nicht, wann eine qualitative Veränderung eintreten wird. Aber es ist unabwendbar. Wir können entweder seelenruhig warten, bis das Öl ausgeht oder auch, dass es den Ärmeren nicht mehr zugänglich ist, oder uns ernsthaft mobilisieren und nach neuen Energiequellen suchen. Es ist Zeit für eine Revolution - wir können es tun und haben die Mittel." Da der Ölpreis laut Rifkin bald 100 Dollar erreichen wird, sollten wir auf Energiegewinnung aus Wasserstoffzellen setzen - er kündigt die "Ära des Wasserstoffs" an.

"Eine schöne Vision - aber doch nur Utopie", kommentiert der Schriftsteller Edwin Bendyk Rifkins Prophezeiungen. Leider sei die Theorie wissenschaftlich nicht ganz stichfest. "Wasserstoff kann nur auf dem Weg der Elektrolyse gewonnen werden, wozu Unmengen von Energie gebraucht werden. Was Rifkin nicht sagt ist, dass diese Energie nicht aus grünen Quellen gedeckt werden kann. Selbst in Frankreich, dem Land wo achtzig Prozent des Stroms von Atomkraftwerke erzeugt werden, hat man errechnet, dass die Umstellung aller Autos auf Wasserstoffbetrieb den Bau der doppelten Menge an AKW's erfordern würde." Trotzdem sollte man Rifkin aufmerksam lesen - wie in jeder Utopie sei das Potenzial seiner These wichtiger als ihr praktischer Gehalt.
Archiv: Polityka
Stichwörter: Jeremy Rifkin

Economist (UK), 29.07.2005

Wie wird sich London durch die Anschlägen verändern, fragt der Economist und fürchtet sich vor allem vor politischen Ermächtigungsfantasien. "Es gibt eine einfache Faustregel. Wenn man sich schwer vorstellen kann, dass etwas jemals wieder normal wird, tut es genau das in kurzer Zeit. Die Ursachen der langfristigen Erschütterung und des Schadens sind subtiler. Ein Großteil der Probleme wird nur indirekt von den Attacken verursacht werden, und dann eher von der Antwort auf den Terror als dem Terror selbst."

Aids ist das große Thema in dieser Woche. Im Wissenschaftsteil liest man, dass neue Formen der Vorbeugung mehr Erfolg versprechen als die Fortschritte in der Behandlung. Im Leitartikel wird das Moralisieren der Politiker im Kampf gegen die Krankheit als Hindernis gewertet. Und es gibt einen Bericht über die rasche Ausbreitung von Aids in China.

Außerdem erfährt man, dass Bäume doch nicht gut für den Wasserhaushalt sind, dass ein dünnes Blättchen im Gehirn für das Bewusstsein zuständig sein könnte und dass die Telefonfirmen zwischen Internet und Unterhaltungselektronik ums Überleben kämpfen. Der Spezialreport widmet sich dem wachsenden Einfluss Chinas auf die Weltwirtschaft. Besprochen wird schließlich Fred Siegels Biografie des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani.
Archiv: Economist
Stichwörter: Aids

Nepszabadsag (Ungarn), 01.08.2005

In einem Interview über die Grenzen der Redefreiheit spricht sich der Philosoph und eine der legendären Gestalten der demokratischen Opposition Janos Kis dagegen aus, die diskriminierende Äußerungen gegen die ungarischen Roma strafrechtlich zu sanktionieren: "Die Verschärfung von Strafen gegen verbale Diskriminierung würde nichts nutzen, aber sie würde die Redefreiheit, eines der wertvollsten Güter moderner Demokratien gefährden. Es ist unmöglich, ein Gesetz gegen haßerfüllte Rede zu schaffen, das nicht auch gegen leidenschaftliche Gesellschaftskritik einsetzbar wäre." Kis plädiert für sozialpolitische Lösungen der Probleme der Roma, statt ihre Diskriminierung strafrechtlich zu sanktionieren: "Nicht deshalb sind heute diskriminierende Äußerungen gegen die Roma zu hören, weil wir jetzt Redefreiheit haben und vor der Wende keine hatten. Der Staatssozialismus hat eine Scheinlösung für das Problem der ungarischen Roma gefunden. Die Wege des gesellschaftlichen Aufstiegs blieben ihnen zwar versperrt, aber sie durften als Aushilfsarbeiter in der Industrie arbeiten. Die sozialistische Großindustrie ist nach der Wende zusammengebrochen, die meisten Arbeitsplätze für Niedrigqualifizierte sind verschwunden. Das stieß die Roma in die Arbeitslosigkeit und Armut zurück. Dies ist ist das eigentliche Problem."
Archiv: Nepszabadsag

Spectator (UK), 01.08.2005

Der Spectator zieht diese Woche in den Krieg - jedenfalls mit der Klappe. "Aufwachen, Leute, es ist Krieg!", ruft Mark Steyn seinen Landsleuten zu. Er fordert das Ende der subtilen Unterscheidungen und liefert seine eigene Variante der "Blut, Schweiß und Tränen"-Rede ab (hier Churchills Original). Patrick Sookhdeo behauptet im Titel, der Islam sei prinzipiell kriegerisch und weist auf eine theologische Regel hin, die besagt, dass bei widersprüchlichen Aussagen Mohammeds die später geäußerte Meinung bindend ist. Nun ist es aber so, dass der Prophet Mohammed im Laufe seines Lebens immer mehr zum Krieger wurde. "Das heißt, dass das Mantra 'Islam bedeutet Frieden' seit fast 1400 Jahren veraltet ist. Nur 13 Jahre lang stand der Islam für Frieden und nichts als Frieden. Ab 622 wurde er zunehmend aggressiv, wenn auch mit Perioden der friedlichen Koexistenz, besonders in der Kolonial-Periode, als die Kriegstheologie nicht vorherrschend war."

Natürlich sind die Attentate eine Folge des Irakkriegs, konstatiert Peter Oborne, der in diesem Fall den Verlautbarungen der Islamisten mehr vertraut als den Erklärungen Tony Blairs. Der Leitartikel sekundiert und fordert von der Regierung: "Lügt uns nicht an!" Prinz Hassan von Jordanien empfängt Douglas Davies in seinem eleganten Haus im Westen von London, um die Terrorakte kategorisch zu verdammen und ihren religiösen Ursprung zu betonen. "Wir müssen akzeptieren dass die Terroristen Produkte der Geschichte des Islam sind."

Und schließlich verteidigt Andrew Kenny den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima mit dem Hinweis auf die Unfähigkeit der japanischen Soldaten zum Pragmatismus. "Hart, mutig und stoisch, wurden sie in dem Moment nutzlos, als man ihren Kommandeur tötete. Sie konnten nicht selbständig denken und wurden, ohne Befehle und Führer, zu einem grimmigen und unerbittlichen Mob, ohne Chance auf den Sieg, aber furchtbar gefährlich in ihrer Ablehnung der Niederlage. Sie kapitulierten einfach nicht."
Archiv: Spectator

New Republic (USA), 08.08.2005

Ihr Konservatismus hindert die Republikaner daran, angemessen auf die Bedrohung durch terroristische Nuklearangriffe zu reagieren, warnt J. Peter Scoblic. Die Wahrscheinlichkeit, dass bis 2010 eine Atombombe auf amerikanischem Boden explodiert, beträgt nach diversen Schätzungen immerhin bis zu fünfzig Prozent. Eine Gefahr, mit der die Neokonservativen strukturell überfordert sind. "Die Bush-Administration glaubt nicht an international bindende Abkommen - eine Konsequenz des Konservatismus, der darauf besteht, das jede Reduzierung der amerikanischen Souveränität auch den amerikanischen Interessen schadet. 2001 lehnte das Weiße Haus eine Eingabe ab, die vorsah, die Konvention über biologische Waffen zu unterstützen, die den Besitz von Bakterien zur offensiven militärischen Nutzung untersagt. Das hätte uns die Möglichkeit gegeben, verdächtige Labore in anderen Ländern zu untersuchen."
Archiv: New Republic

Ozon (Polen), 28.07.2005

"Es ist Krieg", schreibt der Publizist Tomasz P. Terlikowski. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg haben wir es mit einem Vierten Weltkrieg zu tun, behauptet er - wegen des Islams. Dabei sei der Islam nur die Hülle, in die der Hass gegen den Westen und seine Werte gekleidet werde, er habe mit dem traditionellen Islam so viel gemeinsam wie alte arabische Städtchen mit den Sozialghettos europäischer Metropolen. "In diesem neuen Krieg werden nicht zwei Zivilisationen miteinander konfrontiert, sondern zwei Nihilismen: ein pseudoreligiöser und ein weltlicher. Sie unterscheiden sich nur durch ihre Lebenskraft - während es den Muslimen nicht daran fehlt, erscheinen die Europäer wie geistig Impotente, denen alles egal ist. Langeweile und Gleichgültigkeit haben schon mehrmals Imperien gestürzt."

Fast wie eine kleine Sensation wirkte die Nachricht, dass das Museum der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau nicht nach den Entwürfen Daniel Libeskinds oder Peter Eisenmans gebaut wird, sondern von einem finnischen Unternehmen unter Leitung von Rainer Mahlamäki, einem Nicht-Juden. "Vielleicht haben wir gewonnen, weil wir die Erwartungen der Jury erfüllt haben: das Gebäude sollte eine ruhige Form haben, und das gegenüber liegende Mahnmal für die Helden Ghetto-Aufstandes nicht überschatten. Ein dramatisches Element ist der Bruch am Eingang, der den Gang der Juden durch das Rote Meer symbolisiert. Dass es nicht jeder versteht? Architektur darf keine offensichtlichen Symbole benutzen, sondern muss abstrakt sein. Nie würde ich ein Gebäude in Form eines gebrochenes Judensterns entwerfen", erzählt der Architekt im Interview.
Archiv: Ozon

New York Times (USA), 31.07.2005

Konventionelle Medien wie Zeitungen und Fernsehsender stecken in der Klemme, konstatiert Richard A. Posner in einer umfangreichen Bestandsaufnahme. Die wachsende Konkurrenz zwingt dazu, sich politisch eindeutiger zu positionieren. Das wiederum führt zu einem stetigen Vertrauensverlust, weil die Zuschauer hinter der Berichterstattung nur mehr politische Motive vermuten. Und dann sind da noch die Blogs und die anderen neuen Medien, die es mit sich bringen, "dass die etablierten Medien ihre Geschichten schneller herausbringen müssen und für die Überprüfung weniger Zeit bleibt. Während die Blogosphäre also ein wunderbares System ist, um Fehler schnell zu korrigieren, ist es nicht klar, ob sie wirklich dazu beitragen, die Netto-Fehlerquote im Mediensystem zu verringern."

Weiteres: Was haben Herman Melvilles Bartleby (Originaltext und mehr von Melville) und Astrid Lindgrens (mehr) Pippi Langstrumpf gemeinsam? Beide waren Autisten, behauptet Polly Morrice und hat auch eine Erklärung, warum Autismus nach wie vor sehr angesagt ist im Literaturbetrieb: Die Krankheit bleibt ein Rätsel. Liesl Schillinger glaubt, dass Joanne K. Rowlings Erfolg mit Harry Potter darin gründet, dass ihre Fantasiewelten so viel mit der Wirklichkeit zu tun haben. Weshalb die Bücher auch immer düsterer werden.

Aus den Besprechungen: Joe Queenan tut Edward Kleins offenbar recht kritische Biografie von Hillary Clinton als "schmierig" ab. Und Joseph J. Ellis bewundert Harvey J. Kayes Porträt des Journalisten und Verfassungsvaters Thomas Paine, in dem Paine als linker und "klarsichtiger Radikaler" geschildert wird.

Lynn Hirschberg trifft für das New York Times Magazine die Independent-Ikone Jim Jarmusch, der für seinen neuem Film "Broken Flowers" Bill Murray engagiert hat. "Als Jarmusch über seine Vergangenheit sprach, tat er das oft in der abwägenden Manier eines Kulturanthropologen. Sein ganzes Leben hindurch hat er Einflüsse und Mentoren gesucht und kultiviert, und obwohl viele seiner Lehrer nun gestorben sind, scheinen sie in seinem Kopf herumzuschwirren wie weise, eigensinnige und deklamierende Geister."

Außerdem erwartet Noah Feldman von den Irakern keine perfekte Verfassung. Das haben nicht mal die Amerikaner geschafft. Carlene Bauer fragt sich, ob die vielen Mormonen-Komödien auch Ungläubige ansprechen. Richard Rubin erinnert an den berüchtigten Mord an dem vierzehnjährigen Schwarzen Emmett Till vor fünfzig Jahren. Die weißen Täter wurden von einer weißen Jury freigesprochen, um gleich darauf alles gegenüber einem Reporter zuzugeben. Im Titel beschäftigt sich Jonathan Mahler mit der Lateinamerikanisierung des Baseballs.