Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
03.04.2007. Der Merkur fragt sich, warum die Europäer vor Teheran katzbuckeln. Der Believer besucht das Haus von Thomas Bernhard in Oberösterreich. Prospect überlegt, ob der britische Sklavenhandel Reparationen nach sich ziehen sollte. Folio denkt nur ans Heiraten. In Le Monde fürchtet Claude Lanzmann die Verkehrspolitik eines Pariser Öko-Pausbacks. In der Gazeta Wyborcza erklärt Norman Davies, wie ein europäisches Geschichtsbuch aussehen könnte. Das NRC Handelsblad beschreibt die unmoralischen Folgen zu vieler Verbote. In Literaturen sieht Gerd Koenen die alten Probleme der Sowjetunion in Putins Russland heraufziehen. In der Weltwoche findet Roger Köppel, dass Putin sich eigentlich ganz wacker schlägt. In den Blättern stellt Robert Kagan klar: Die USA waren nie isolationistisch. Der New Yorker hält einen Paradigmenwechsel in der Literatur fest: Essen statt Sex.

Merkur (Deutschland), 01.04.2007

Der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel erinnert an die hilflosen bis bewundernden Reaktionen des Westens auf die iranische Revolution des Ayatollah Chomeini und betrachtet fassungslos, wie unbelehrbar sich die europäische Politik gegenüber dem Iran zeigt: "Mit fast denselben Worten, mit denen Jimmy Carter kurz nach der Geiselnahme dem Mullah-Regime das freundlich-absurde Angebot 'einer neuen und gegenseitig vorteilhaften Partnerschaft' unterbreitet hatte, schlug im Juni 2006 der Emissär der sechs Mächte, Javier Solana, dem Regime 'ein neues Verhältnis auf der Grundlage gegenseitigen Respekts und Vertrauens' vor. Teheran revanchierte sich für das Katzbuckeln auf die ihm eigene Art: am Tag der Ankunft von Solana weitete es die Urananreicherung demonstrativ aus."

Weitere Artikel: Hubert Markl verteidigt das Wort vom Sterbenlernen gegen Nicolas Chamforts hübsche Sentenz "Warum nur die Wendung 'Sterben lernen'? Ich finde, man trifft es schon sehr gut beim ersten Mal." Volker Gerhardt fragt sich, warum nach den Jahren der Physik, der Biologie und der Technik nun eigentlich die ganzen Geistewissenschaften in eins gepackt werden. Und ob sich Geist und Natur wirklich systematisch trennen lassen. Abgedruckt ist Nick Cohens Essay aus dem Observer über die "Amok laufende" Linke, die tatsächlich gegen den Sturz des "faschistischen Diktators" Saddam Huseein auf die Straße ging. Und Christoph Plate konstatiert, dass mit der Dämonisierung der USA im Nahen und Mittleren Osten ein wachsenden Desinteresse der Amerikaner an der Außenwelt einhergeht.
Archiv: Merkur

Weltwoche (Schweiz), 29.03.2007

Putin ist vielleicht kein lupenreiner Demokrat, aber seine Regierungsbilanz ist positiv, meint Roger Köppel: "Es war rückwirkend vielleicht ein Wunder, dass sich die Entwicklung nicht vollzog, die damals für plausibel gehalten wurde: dass Russland zu einer Art Weimarer Republik zerfallen würde mit den bekannten mörderischen Weiterungen. Man muss sich das Beispiel Jugoslawien vor Augen halten, um den Weg zu verstehen, den Moskau mit einigem Erfolg zurücklegte. Instruktiv in sachen Putin-Bashing bleibt der Fall Chodorkowski. Der Oligarch, der sich im Westen gern als Friedenstaube inszenierte, war ein rabiater Geschäftsmann, der sich sein Öl-Imperium dank behördlicher Duldung zu fragwürdigen Tiefstpreisen zusammenkaufte und mit Konkurrenten nicht gerade zimperlich umsprang. Vor allem aber kreuzte er die Wege des Kreml-Chefs, als er Duma-Abgeordnete bestach, um sich eine Gegenmacht zum Präsidenten zu sichern... Putin musste Chodorkowski stoppen. Falsch waren der Schauprozess und die plumpe Zerschlagung des Konzerns."

Im Interview mit Peer Teuwsen widerspricht der amerikanische Klimaforscher Richard S. Lindzen recht offensiv den "hysterischen" Theorien vom Klimawandel: "Wenn man die Unsicherheiten in den Daten berücksichtigt, hatte man Erwärmung von 1920 bis 1940, Abkühlung bis 1970, Erwärmung wieder bis Anfang der neunziger Jahre. Aber man kann das nicht so genau sagen, wie immer behauptet wird. Es gibt keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Temperaturen von heute und jenen in den zwanziger und dreißiger Jahren. Das System ist nie konstant. Und das Ende der Welt auszurufen angesichts von ein paar Zehntelgraden, ist lächerlich."
Archiv: Weltwoche

Prospect (UK), 01.04.2007

In Großbritannien (und vielleicht mehr noch in den USA) gibt es eine Diskussion über mögliche Reparationszahlungen der britischen Regierung an die Nachfahren der Sklaven. Schließlich haben die Briten enorm vom Sklavenhandel profitiert. Der Historiker James Walvin beschreibt das Dilemma (nur online): "Die Geschichte der Sklaverei ist nicht tot und vorbei. Auf beiden Seiten des Atlantiks ist die Trauer und der Schmerz der Nachfahren der Sklaven immer noch groß - größer, als die meisten Weißen ahnen. Obwohl die Reparations-Debatte mit dieser Stimmung zu tun hat, liegen ihre Wurzeln tiefer. Die Einigung zwischen Deutschland und Israel nach 1948 bildet einen Anfangspunkt, aber ebenso das Bewusstsein, dass 1833 das britische Parlament die Sklavenbesitzer mit 20 Millionen Pfund für den Verlust ihrer Sklaven entschädigt hat. Die Befreiten hingegen erhielten nicht einen Penny." Am Ende kommt Professor Walvin zu der Einsicht, dass Reparationszahlungen nicht möglich (weil viel zu hoch und darum nicht durchsetzbar) wären und schlägt statt dessen vor, die Erforschung der Sklaverei mit mehr Geld zu unterstützen.

In einem Artikel (ebenfalls nur online) zum selben Thema erinnert Arathi Prasad, Mitarbeiter des Abgeordneten Evan Harris, an die Geschichte des "Abolition Act" von 1807. Im Print gibt Richard Dowden, Direktor der Royal African Society, zu, dass die Debatte komplizierter ist, als sie ihm zuerst erschien.

Weitere Artikel: Der Titel ist der "Megalopolis" London und seinem Bürgermeister Ken Livingston gewidmet - mit einem Porträt und einem Interview. Die Schriftstellerin Maureen Freely, selbst in der Türkei aufgewachsen, beschreibt den Kampf zwischen Ultranationalisten und Demokraten in der Türkei. Paul Broks zeigt sich von Nicholas Humphreys evolutionsbiologisch inspirierter Studie über das Bewusstsein mit dem Titel "Seeing Red: A Study in Consciousness" nur halb überzeugt. Und Charles Grant gibt webexklusiv einen Ausblick auf die nächsten zwanzig Jahre der Europäischen Union.
Anzeige
Archiv: Prospect

Monde (Frankreich), 31.03.2007

Dem Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe weht derzeit heftig der Wind um die Ohren. Grund ist seine Verkehrspolitik, die bereits im Januar in der Liberation unter der Überschrift "Die Zerstörung von Paris" heftig gegeißelt wurde. Nun beschwert sich in Le Monde auch der Filmemacher Claude Lanzmann in einem herrlich beleidigten (und unfreiwillig komischen) Artikel über die "Ökologisierung" von Paris, namentlich und besonders über die Einführung von Busspuren. "Fahren Sie mal über den Boulevard Saint-Germain Richtung Boulevard Saint-Michel und versuchen Sie, nach rechts in die Rue de Seine oder de l'Odeon abzubiegen, das ist lebensgefährlich: durch die graue Spur neben der normalen Fahrspur begünstigt, rasen die Taxis bei Grün los und hindern einen am Abbiegen. Wenn Sie es trotzdem versuchen, haben Sie alle Chancen, mit Hochgeschwindigkeit gerammt zu werden. Auch die Fußgänger sind nicht in Sicherheit. Ich habe mich auf diesen aufs Pflaster gemalten Schachbrettmustern schon verlaufen, auf diesen Himmel-und-Hölle-Hüpffeldern, der neuesten Marotte dieses Öko-Pausbacks, wusste nicht, ob oder ob ich nicht losgehen sollte, und wer oder was mich eigentlich schützt. Ich bin nicht der Einzige." Wir wussten es schon immer: Das Leben in Saint-Germain des Pres ist gefährlich!
Archiv: Monde
Stichwörter: Claude Lanzmann

Literaturen (Deutschland), 01.04.2007

Der Historiker Gerd Koenen nutzt die Besprechung des postum erschienenen "Russischen Tagebuchs" der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja zur Beschreibung der für alle Kritiker prekären russischen Gegenwart: "Die Frage, wovor die Machthaber Angst haben, beantwortet sich also inzwischen wieder ganz ähnlich wie in der Sowjetunion: nicht vor diesen paar Frauen und alten Männern; nicht vor den wenigen Journalisten und Menschenrechtlern, die nur beschränkt, hauptsächlich über das Internet, Wirkung entfalten können; und auch nicht vor der Handvoll junger Männer und Frauen, die sich hier und dort mit wirren ideologischen Mixturen, vom Nationalbolschewismus bis zum Anarchismus, in desperate Geplänkel mit den Staatsorganen stürzen. Die Kreml-Herren fürchten sich vielmehr davor, dass deutlich wird, wie sehr sie ihre scheinbar unangreifbare Macht auf sozialen Treibsand gebaut haben."

Lesen darf man außerdem Verena Auffermanns Besprechung von Ingo Schulzes Erzählband "Handy". Frauke Meyer-Gosau hat "feenhafte Erscheinungen im Vorstellungsgelände der Gegenwart", konkret: Silke Scheuermann und Antje Ravic Strubel getroffen. Feridun Zaimoglu lauscht Kurzzeitbeziehungsabschlussgesprächen. Und Franz Schuh erklärt, warum er mit Benjamin Blacks (d.i. John Banvilles) erstem Kriminalroman "Nicht frei von Sünde" nicht glücklich wird - und ihn im übrigen auch gar nicht für einen Kriminalroman hält.
Archiv: Literaturen

Dissent (USA), 01.04.2007

Johann Hari bespricht eine Reihe von Büchern zum Islam in Europa, von Ayaan Hirsi Alis "Caged Virgin" bis Bruce Bawers "While Europe Slept" und weist auf einen gravierenden Denkfehler der Multikulturalisten hin: "Multikulturalismus ist von der Annahme ausgegangen, dass es einen reinen Islam gibt, einen, den die älteren Mullahs repräsentieren. Jetzt, da sich der Islam in einen liberalen und traditionellen Flügel aufspaltet, stellt dieser Ansatz die europäischen Länder näher zu den Reaktionären als zu den Feministinnen. Wir müssen sicherstellen, dass es keine staatlich finanzierten Islamschulen und Jugendclubs mehr geben wird, keinen privilegierten Status für reaktionäre Kleriker. 'Es muss für Kinder unmöglich werden', schreibt Bawer, 'in Westeuropa aufzuwachsen und ihre religiöse Bindung als einziges und oberstes Merkmal ihrer Identität anzusehen'. Um einen islamischen Bürgerkrieg ausbrechen zu lassen - einen, den die Liberalen gewinnen - muss sich Europa von zweierlei verabschieden: dem konservative Verlangen nach einem apokalyptischen Zusammenprall und der liberalen Fixierung auf den Multikulturalismus."
Archiv: Dissent

Groene Amsterdammer (Niederlande), 29.03.2007

"Unausgegoren" nennt der Arabist Hans Jansen im Interview zum zweiten Teil seiner vieldiskutierten Mohammed-Biografie die Kulturkritik junger Moslems. "Ich sprach letztens mit zwei Salafis, jungen Islam-Dogmatikern, und sie klangen sehr verständig. Es gibt da nur ein Problem: Sie haben keine Lösungen. Ihrer Kritik an Dingen, die mit Sexualität zu tun haben, an der Übersexualisierung der Werbung, kann ich nur zustimmen. Aber Frauen und Männer zu steinigen hilft nicht weiter. Die zunehmende Kommerzialisierung unseres Sozialwesens, auch das ist sicher zu kritisieren. Die Rente aber gleich ganz abzuschaffen, hilft ebenfalls nicht. In dieser Hinsicht sehe ich mich in der Nachfolge von Karel van het Reve. Auch die Kommunisten kritisierten die kapitalistischen Gesellschaft sicher zu Recht, doch sie hatten keine Lösungen. Das ist bei radikalen Moslems ebenso."

New Yorker (USA), 09.04.2007

Adam Gopnik hat sich durch die Literatur gewühlt und schreibt in einem wunderbaren Essay über Essen und Rezepte in der Literatur - die er teilweise nachkochte. "Heutzutage haben wir lange Kochsequenzen bei Ian McEwan, endlose Rezepte bei James Hamilton-Paterson, ausführliche Menüanalysen bei John Lanchester und detaillierte kulinarische Beschreibungen von Robert B. Parkers kraftmeierischem Detektiv Spenser. Kochen ist für unsere Literatur das, was Sex für das Schreiben in den Sechzigern und Siebzigern war, die Sache, die es wert ist, die Story anzuhalten, um sie sozusagen mit dem Leser zu teilen."

Weiteres: John Cassidy porträtiert den ehemaligen politischen Berater von George W. Bush, stellvertretenden Außenminister und Neocon, der den Einmarsch in den Irak unterstützt hat: Paul Wolfowitz. Seit 2005 ist er Chef der Weltbank und auch dort sehr umstritten - besonders wegen seiner Auffassung, korrupte Regime seien von Zahlungen der Weltbank auszuschließen. Zu lesen sind außerdem die Erzählung "Still-Life" von Don DeLillo und Lyrik von Dan Chiasson und Mary Kinzie.

Joan Acocella bespricht ein Buch über ein klassisches Schreibwerkzeug von Schriftstellern: "The Iron Whim: A Fragmented History of Typewriting". Clive James sucht nach der Literatur in - vorzugsweise europäischen - Kriminalromanen. Sasha Frere-Jones schwärmt von Prince, der freitags und samstags neuerdings in einem kleinen Club in Las Vegas auftritt - Eintritt: 175 Dollar. Peter Schjeldahl führt durch die Ausstellung "Global Feminism", mit der das Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art im Brooklyn Museum eingeweiht wird. John Lahr stellt eine Dramatisierung von Joan Didions Buch "Das Jahr des magischen Denkens" vor. Und Anthony Lane sah im Kino den im Zweiten Weltkrieg in Holland spielenden Thriller "Black Book" von Paul Verhoeven und das Drama "The Hoax" von Lasse Hallström.
Archiv: New Yorker

Foglio (Italien), 31.03.2007

Gabriella Mecucci erinnert an die Biennale von Venedig aus dem Jahr 1977, die dem Dissidententum gewidmet war. Mit Diskussionsrunden zur Reform des Kommuinismus und eine Ausstellung zur Samizdat-Literatur wurd die Biennale zum wichtigsten kulturellen Ereignis der Siebziger und zum Grund für Spannungen mit der UdSSR. "Riccardo Manzini ließ Biennale-Chef Ripa di Meana (mehr) zu sich kommen und hielt ihm einen kleinen Vortrag: 'Sehr verehrter Präsident, Ihre Entscheidung hat eine ernste Verstimmung in der UdSSR hervorgerufen. Nikita Rijov (der russische Botschafter) hat mich besucht und mir mitgeteilt, dass seine Regierung das Programm des Jahres 1977 als Akt schwerer Feindseligkeit, als Angriff auf die Sowjetunion empfindet.' Die Gegenmaßnahmen waren also im Kern der Institutionen angekommen und Ripa di Meana reichte seinen Rücktritt mit dem Hinweis auf die 'unerträgliche und inakzeptable Einmischung äußerer Mächte' ein. Es schien, dass Botschafter Rijov ins Schwarze getroffen hatte: es folgten gut einhundert parlamentarische Anfragen zwischen Parlament und Senat."
Archiv: Foglio
Stichwörter: Venedig

Believer (USA), 01.04.2007

Der Essayist Jonathan Taylor schreibt eine Hommage auf Thomas Bernhard und sein berühmtes Haus. Sie beginnt so: "Ich hatte einen Ausflug zu 'Das Bernhard-Haus' nahe dem Ohlsdorf-Tal in Oberösterreich geplant, nicht ohne Verlegenheit. Das war ja genau die Art Fangehabe, so dachte ich, die Bernhard selbst schamlos genannt hätte: Man latscht in einem Rundgang von Raum zu Raum eines Hauses, das zu einem kitschigen Museum umgewandelt wurde, wirft einen Blick auf die Besitzungen des Autors und starrt vielleicht - das schlimmste von allem - auf die Schreibmaschine des Autors auf dem Schreibtisch des Autors. Man hatte sich eigentlich erhaben gefühlt über die Art von Spionage und den Wunsch, etwas über einen Autor herauszufinden, indem man in seiner Küche herumstöbert."

Außerdem in der neuen Nummer der Zeitschrift: Ein Interview mit dem Metacomicautor Scott McCloud, der zugibt, den Poststrukturalismus nicht verstanden zu haben.
Archiv: Believer
Stichwörter: Thomas Bernhard, Spionage

Folio (Schweiz), 01.04.2007

Pünktlich zum Frühling wird Folio romantisch: Es geht ums Heiraten. Die Journalistin Shobhaa De hält die gute alte arrangierte Ehe für das Modell der Zukunft in einem von der Emanzipation der Frau verunsicherten Indien. "Die Männer in den asiatischen Gesellschaften sind auf Zurückweisung nicht eingestellt. Jahrhundertelang hat man ihnen eingeredet, die Welt - und die Frauen darin - gehörten ihnen. Sie brauchten nur mit dem Finger zu schnippen und auf eine zu zeigen: Das ist die Braut. Bingo. Und die Auserwählte werde vor Dankbarkeit überfließen. 'Träum weiter, Junge', erwidern heutige Frauen mit Nachdruck. 'Du bist nicht der Richtige.' Das ist eine gewaltige kulturelle Umwälzung, an der die Männer schwer zu kauen haben. An diesem Punkt kommt Mama ins Bild. Sie ist zur Hauptunterhändlerin geworden, zur Maklerin in Beziehungsfragen. Und die Jungs sind heilfroh darüber."

Weitere Aritkel: Ankja Jardine unterhält sich mit Pfarrerin Käthi La Roche über die Unfähigkeit vieler Heiratswilliger, alleine zu sein. Jardine untersucht auch, was die weltweit verteilten Kinder von Samenspender 5010 so machen. Michael Miersch versucht von Dompteuren zu lernen, wie man die Ehefrau bändigt. Till Raether widmet sich jenen, die nach dem Tod des Ehepartners übrig bleiben. Die Autorin Ruth Schweikert liefert eine Kurzgeschichte zur Hochszeitsnacht. Mikael Krogerus sinniert über den Heiratsantrag. Präsentiert werden außerdem einige Skurrilitäten rund um den Bund fürs Leben.

Luca Turin hat nicht geglaubt, dass Guerlain das "wahrscheinlich beste" Parfum der Welt ohne Verluste den neuen EU-Richtlinien anpassen würde, wie er in seiner Duftnote bekennt. "Erst als einige Leute im Haus selbst es ablehnten, an der Formel herumzudoktern, holte Guerlain den großen Edouard Flechier. Er hat einige Jahre über dem Problem gebrütet. Vor zwei Tagen erhielt ich eine Probe - Flechier hat das Unmögliche möglich gemacht. Das neue Mitsouko (hier mehr zur Geschichte des alten) entspricht allen Richtlinien und duftet sensationell: ein bisschen brotiger im Anlaut als früher, einen Hauch weniger süß im Fond, eine etwas kräftigere Irisnote im Herzen. Wenn ich zwischen dem alten und dem neuen Mitsouko wählen müsste, ohne alter Gewohnheit zu folgen, ich nähme vielleicht sogar das neue. Bravo!"
Archiv: Folio

Spectator (UK), 31.03.2007

Der in Frankreich lebende Theodor Dalrymple erklärt seinen Landsleuten das Land und seine Präsidentschaftskandidaten: Sarkozy spaltet, Royal wirkt wie ein Beruhigungsmittel - und Bayrou? "Bayrou ruft überhaupt keine Emotionen hervor. Dass er noch wenig geleistet hat, könnte sich als seine größte Stärke herausstellen. Ich erinnere mich, wie ein peruanischer Bürger einmal die Frage beantwortet hat, warum er in der wichtigsten Wahl des Landes für Fujimori gestimmt hatte: Ich habe ihn gewählt, weil ich nichts von ihm wusste. Das lässt eine relativ pessimistische Sicht auf die moralischen Qualitäten von Politikern vermuten, die mittlerweile in allen demokratischen Ländern weit verbreitet ist. Bayrou wird damit zu einem ernsthaft möglichen zukünftigen Präsidenten. Le Pen darf man nicht erwähnen, zumindest nicht in anständiger Gesellschaft. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der zugegeben hat, ihn zu wählen. Das lässt nur den Schluss zu, dass das französische Wahlsystem massiv zu seinen Gunsten manipuliert wird."
Archiv: Spectator

Europa (Polen), 31.03.2007

In der Wochenendbeilage der polnischen Tageszeitung Dziennik wird (immer noch) über Slavoj Zizeks Buch "Die Revolution steht bevor" diskutiert. Während einer Diskussion, die die Tageszeitung organisiert hat, entlarvt die Philosophin Agata Bielik-Robson den Slowenen als 'Trickster': "Hin und wieder taucht in der langweiligen akademischen Welt jemand auf, mit dem man nichts anzufangen weiß: er ist zu intelligent, um ihn als Scharlatan zu ignorieren, und zu provokant um ihn ernst zu nehmen. Die Anthropologen nennen diese Person einen 'Trickster': jemand, der die pure Subversion verkörpert und sie dazu benutzt, seine Umgebung zu verwirren. So geht Slavoj Zizek vor: er experimentiert mit Gestalten, die sich eines ambivalenten Ruhms im Westen erfreuen, und präsentiert uns so den wiedergeborenen Lenin quasi als Che - eine Ikone der Weltrevolution, als Vorbild zur Nachahmung". Den Rest der Debatte kann man hier nachlesen.
Archiv: Europa

Gazeta Wyborcza (Polen), 31.03.2007

In einem Interview erklärt der polnischste unter den britischen Historikern, Norman Davies, wie ein gemeinsames europäisches Geschichtsbuch aussehen könnte: "Wir sollten mit einem Vademecum anfangen, um die Fakten zu kennen, bevor wir über die verschiedenen Interpretationen diskutieren. Überhaupt können Historiker selten ihre Geschichte anderen Nationen verkaufen. Sie wissen zu viel und denken zu wenig darüber nach, wie dieses Wissen im Ausland aufgenommen werden könnte. Jemand sagte mir mal, nur ein Chinese könnte eine echte Geschichte Polens schreiben, weil die Angelegenheit sonst wieder in Streit um die Ehre ausrastet. Ein Polen könnte dafür die Geschichte Portugals schreiben."
Stichwörter: Norman Davies, Portugal

Economist (UK), 30.03.2007

Der Economist widmet dem Aufstieg Chinas einen Schwerpunkt. Seit sich die Welt für China interessiert, beginnt China, so die These, sich jetzt auch für die Welt zu interessieren: "Neueren Datums ist die kulturelle Entdeckung eines gewissen 'China-Chics' im Westen und in den reicheren Teilen Asiens: des verschwenderisch-epischen Kinos von Zhang Yimou; des super-hippen Nachtlebens eines wiedergeborenen Shanghai; dazu begeistert sich der Westen für moderne chinesische Kunst und zahlt Preise, die auf dem Gesicht eines manchen Malers inzwischen ein zynisches Lächeln zurücklassen. Die Welt, die nach China kommt: der Höhepunkt wird im nächsten Jahr erreicht werden, wenn in Peking die Olympischen Spiele stattfinden, einer Hauptstadt, in der die angesagtesten Architekten der Fertigstellung ihrer Vorzeigebauten entgegeneilen. (...) Eine noch erstaunlichere Geschichte wird freilich erst jetzt wahrgenommen: China geht hinaus in die Welt." Ein weiterer Artikel zum Thema porträtiert China als wenig geliebten, in letzter Zeit aber eher freundlichen Nachbarn.

Weiteres: Besprochen wird Ian McEwans neuer Roman "On Chesil Beach" - und zwar nach dem den Rezensenten enttäuschenden Vorgänger "Saturday" mit Erleichterung: "Ian McEwan hat seine Formkrise überwunden." Vorgestellt wird eine Studie, die die hervorragende Akustik griechischer Amphiteater mit den als Geräuschfilter agierenden Steinsitzen erklärt. Die afrikanischen Großstädte wachsen unaufhaltsam - der Economist berichtet von den Problemen in Johannesburg und Luanda. In einem Artikel zum umstrittenen Islam-Urteil einer Frankfurter Richterin werden die Integrationsprobleme Deutschlands auf den Punkt gebracht.
Archiv: Economist

NRC Handelsblad (Niederlande), 28.03.2007

Maarten Huygen sieht einen Grund für die neue "Verbotskultur" in den Niederlanden in der verlängerten Lebensdauer wohlhabender Westeuropäer. "Warum gibt es soviele Raucher in armen Ländern? Weil Rauchen dort nicht so schädlich ist. In diesen Ländern sterben die meisten Leute nicht an den Folgen des Tabakkonsums, sondern viel früher an ansteckenden Krankheiten oder anderen Qualen. Wenn Menschen länger leben, machen sie sich mehr Sorgen über Krankheiten, die sich vor allem im Alter auswirken." Ein Zuviel des Guten sei allerdings kontraproduktiv. "Gibt es zuviele Verbote, kann das Verhalten ins Gegenteil umschlagen. Das viktorianische London war die Welthauptstadt der Prostitution. Und jetzt ist das keusche Teheran ein Top-Markt für Heroin, Prostitution und Alkohol. Du musst nur die Regeln kennen - manchmal eben auch die ungeschriebenen."
Stichwörter: Alkohol, Heroin, Prostitution

London Review of Books (UK), 05.04.2007

Ruth Bernard Yeazell bespricht Hermione Lees Edith-Wharton-Biografie - und bewundert die Romanautorin als erstaunliches Produkt ihrer eigenen Selbsterfindung: "Wenn es in diesem Porträt der Künstlerin Legendenbildung gibt, dann ist die Legende eine ihrer vielen Schöpfungen. Obwohl die erfoglreiche Romanautorin den amerikanischen Glauben an die ständige Selbstverbesserung stets verachtete, war Edith Wharton, wie Hermione Lees Biografie deutlich macht, ihr Leben lang mit der Herstellung ihrer selbst beschäftigt. Mit staunenswerter Energie hat sie sich in eine Innenarchitektin, eine Schriftstellerin, eine Organisatorin karitativer Veranstaltungen, eine Kriegskorrespondentin, eine Französin ehrenhalber, eine Gärtnerin verwandelt. (...) Dem beträchtlichen Komfort zum Trotz, in den sie hineingeboren wurde - oder gerade deswegen - ist viel Wahres an dem Scherz einer Freundin, dass sowohl Teddy Roosevelt als auch Edith Wharton sich zurecht als 'Selfmademan' bezeichnen durften."

Weitere Artikel: Der Autor Colm Toibin schreibt über Samuel Becketts irische Schauspieler. Außerdem erläutert Donald MacKenzie die Regeln des modernen Ablasshandels mit Schadstoffemissionen. Peter Campbell bespricht eine Ausstellung im British Museum mit Aquarellen, die John White im 16. Jahrhundert von Amerika malte.

Blätter f. dt. u. int. Politik (Deutschland), 01.04.2007

Robert Kagan räumt mit dem Mythos auf, die USA seien jemals in ihrer Geschichte isolationistisch gewesen: "Die größten Imperialisten der amerikanischen Geschichte waren die angloamerikanischen Siedler Mitte des 18. Jahrhunderts." Begründet hat diesen Irrtum Benjamin Franklin, der erst die Briten gegen die Franzosen zum Siebenjährigen Krieg aufstachelte, um dann ganz das Unschuldslamm zu geben. "Die Überzeugung der Amerikaner, dass sie und nur sie wissen, was wahr ist, habe ich schon erwähnt. Ihre Einstellung zu dem, was wir heute als Multilateralismus versus Unilateralismus diskutieren, basiert auf dieser Überzeugung. Gewiss, wenn George Washington vor entangling alliances, außenpolitischen Verstrickungen, warnte, hatte er zunächst einmal ganz konkrete, zeitbedingte Gründe. Er wollte zu den Franzosen auf Abstand gehen und sich den Briten annähern. Vor allem darum geht es in seiner Farewell Address. Aber im Hintergrund der Abneigung gegen entangling alliances - insbesondere gegen ein Zusammengehen mit gleich starken, wenn nicht sogar überlegenen Mächten - stand doch die Sorge davor, sich Leuten auszuliefern, die die Wahrheit nicht kannten oder nicht verstanden. Aus diesem Grunde haben die Amerikaner es immer gescheut - bis zum heutigen Tage, denke ich -, die Macht mit anderen Nationen zu teilen. Das gilt selbst gegenüber anderen Demokratien. Ihre Geschichte ist suspekt. Sie haben sich nicht von Anfang an, ihre ganze Geschichte hindurch, an die von uns erkannten Grundprinzipien gehalten."

Außerdem zeichnen Behrooz Abdolvand und Nima Feyzi Shandi ein unheilvolles Szenario von einem Krieg gegen den Iran. Albrecht von Lucke fürchtet, dass die SPD die Profillosigkeit zu ihrem Programm gemacht hat.

Revista de Libros (Chile), 01.04.2007

Rafael Gumucio (mehr hier) beschäftigt die Frage, warum die Literatur die Götter braucht, und umgekehrt: "Die Literatur entstand, weil man eine Form benötigte, um das Göttliche auszudrücken, zu erklären, mit Sinn zu erfüllen. Goldene Tafeln, Wiederauferstehungen, Besuche im Paradies an der Hand des Erzengels Gabriel: Jede Religion beruht auf unglaublichen Geschichten, die mit Hilfe komplexer erzählerischer Verfahren glaubhaft werden müssen. In Literatur und Religion entscheidet einzig die Form, in der etwas erzählt wird, über Wahrheit oder Lüge des Erzählten. Zudem hat jede Religion ihre Lieblingsgattung: der griechisch-römische Pantheismus Epos und Tragödie, das Christentum Drama und Komödie, der Zen den Haiku, der Rationalismus die Geschichte, der Positivismus Soziologie und Roman, und unser heutiger Glaube an Fakten und Gefühle den Journalismus. Wie alle Religionen unterzieht unser Glaube an Statistik und Psychologie die alten heiligen Erzählungen einer Neulektüre - aber ohne Götter, Religion, Kontext. Nur nach ästhetischen oder sentimentalen Kriterien betrachtet, wird die Literatur allerdings bald zum bloßen musealen Objekt, das man im Glasschrank ausstellt. Solche niedlichen Dinge gehen dann schnell mal kaputt und werden ebenso schnell vergessen."

New York Times (USA), 01.04.2007

Angeleitet vom politischen Berater und medialen Zeremonienmeister Barack Obamas, David Axelrod, macht sich Ben Wallace-Wells im Magazin der New York Times ein Bild von dem farbigen US-Präsidentschaftskandidaten und lernt die Feinheiten der politischen Meinungsbildung kennen: "Für einen Wahlwerbespot wählte Axelrod eine zögerliche Ferneinstellung von Obama, wie er eine sonnige Straße in Süd-Illinois entlang geht, seinen langen Arm um die Schultern eines älteren, kleinen weißen Farmers gelegt. Das Video soll Obamas Gesprächsbereitschaft vermitteln, seine interkulturelle Kompetenz ... Der Zuschauer erfährt nur wenig über den Politiker Obama (außer dass er für den Wechsel stehen könnte), gibt ihm jedoch das Gefühl, die Person zu kennen ... Axelrod setzt darauf, dass die symbolische Bedeutung der Ethnien im Wandel begriffen ist. Eine der Kampagne zugrunde liegende Botschaft lautet: Afroamerikanische Kandidaten können die Zukunft repräsentieren."

Außerdem: Ann Hulbert überlegt, wie eine westlich orientierte Bildungsreform die Volksrepublik China umkrempeln könnte. Und im Interview mit Deborah Solomon erklärt der Neurowissenschaftler und Pulitzerpreisträger Douglas Hofstadter ("Gödel, Escher, Bach") künstliche Intelligenz für überbewertet.

Mit der historischen Genauigkeit und der Koranauslegung in Tariq Ramadans Mohammed-Biografie "In the Footsteps of the Prophet" will sich Stephanie Giry in der Book Review lieber nicht aufhalten. Wichtiger erscheint ihr, dass das Buch die umstrittenen politischen Ansichten seines Autors in ein versöhnliches Licht taucht: "Ramadan wörtlich zu nehmen, könnte zu jener Übereinkunft führen, die die Multikulturalisten in den Niederlanden und Frankreichs säkulares Establishment mit ihrer wachsenden muslimischen Bevölkerung zu erreichen versuchen. Seine universalistische, apolitische Sicht des Islams könnte die Lösung sozialer Reibungen befördern."

Weitere Artikel: In einem Essay spürt Jeremy McCarter der, wie er findet, verkannten dramatischen Kunst Thornton Wilders nach. Mitchell Cohen ist der Ansicht, John R. Bowens Abhandlung über Frankreichs Probleme mit dem kulturellen Pluralismus (Auszug "Why the French Don't Like Headscarves") biete keine Lösungen an. Und Nicholas Fox Weber preist Carolyn Browns Buch über Merce Cunningham und John Cage (Auszug "Chance and Circumstance") als echtes Insider-Porträt.