Ruth Schweikert

Ohio

Roman
Cover: Ohio
Ammann Verlag, Zürich 2005
ISBN 9783250600510
Gebunden, 220 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

"Wenn du mich eines Tages verlässt oder vor mir stirbst", hatte Merete am dritten Hochzeitstag noch halb scherzhaft gesagt, "dann werde ich traurig sein und verzweifelt, aber ein klein wenig auch erleichtert, so elf, zwölf, dreizehn Prozent." Durban, Südafrika. Ein letzter Blick auf die schlafende Merete, bevor Andreas das Hotelzimmer verlässt, und wie beiläufig ist es da, das Ende ihrer gemeinsamen Geschichte. Einer Liebesgeschichte, die vor neun Jahren beinahe ebenso wortlos und selbstverständlich ihren Anfang genommen hat. Aber wie und womit hat es wirklich angefangen? Die Antworten liegen verschwiegen in Familiengeschichten - jede einzelne von ihnen hat sich einmal wahr angefühlt. Und sie reichen weit zurück. Nach Celerina im Engadin, zum Beispiel, oder weiter, nach Ohio in Amerika, wo die Sehnsucht nach Glück ihren Ort haben muss, irgendwo zwischen den sich unendlich hinziehenden Maisfeldern und den modernsten Fabriken der Welt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2005

Pia Reinacher wundert es nicht, dass nach derart hochgespannten Erwartungen das dritte Buch der Schweizer Autorin Ruth Schweikert enttäuschend ausgefallen ist. Sie beurteilt es kategorisch als "missglückten Versuch", den Forderungen nach einer "repräsentativen Frauenfigur" nachzukommen und stellt bedauernd fest, dass Schweikert sich, statt sich ganz auf ihre Protagonistin zu konzentrieren, in zahllosen Nebengeschichten und -figuren verzettelt. Im Mittelpunkt steht die Ehe- und Trennungsgeschichte von Merete und Andreas, und in dem "an Drastik keineswegs armen Szenario" findet die Rezensentin durchaus Lobenswertes. Zu ihrer Enttäuschung "schweift" die Autorin aber immer wieder in "geschwätzige Binnengeschichten" über die Ehen der Eltern und Großeltern ab und überlädt ihr zudem Buch mit "prätentiösen Abschweifungen" in die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte der Schweiz. Bei der Schilderung der Geschichte der Eltern Meretes versuche sich Schweikert gar in einer "sozialkritischen Analyse" der Schweizer Gesellschaft, die die psychoanalytische Erklärung der "neurotischen Selbstbeschädigung" der Tochter liefern soll. Dazu kommen "ebenso ambitionierte wie hilflose Bemerkungen" zu "Politik, Wirtschaft und Fungesellschaft" der Schweiz der 90er Jahre, bedauert die Rezensentin weiter, die es schade findet, dass sich eine "begabte" Schriftstellerin derartig von ihren "authentischen Stoffen" entfernt hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.08.2005

Beeindruckt und mit Sympathie betrachtet Stefan Kister das inhaltliche wie narrative Durcheinander des neuen Romans von Ruth Schweikert. "Konsequent" sei das Prinzip, ein Leben ohne Eckpunkte als Puzzle zu sehen und auch so zu erzählen. So sei ein vielstimmiges "Panorama der neueren Geschichte" entstanden, von der Nachkriegszeit über die 68er bis in die Gegenwart, in dem die Einzelschicksale ebenso zerstückelt erscheinen wie die historischen Epochen. Glücklicherweise übernehme die Autorin dabei nicht die Rolle einer ordnenden Hand, die alles in ein logisches Ganzes zusammenfügt, sondern belasse es beim vorhandenen Chaos - konsequent, wie gesagt, und intelligent dazu. Selbst am Ende steht ein Kunstgriff, stellt Kister fest: Schweikert übertrage die Autorenschaft einer Romanfigur und bewahre sich so davor, "in ihr eigenes Messer zu laufen".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.04.2005

Versprochen - und recht groß angekündigt - war dieser zweite Roman von Ruth Schweikert bereits für das Jahr 2002. Dann aber kam es immer wieder zu Verzögerungen. Auf die Frage, ob sich das Warten gelohnt hat, antwortet Sibylle Birrer zwar nicht mit einem klaren Nein. Jedoch ist sie der Ansicht, dass das lange Umschichten und Feilen und Weitererzählen, das dem Buch deutlich anzumerken sei, eher geschadet als genutzt hat. Die Geschichte als solche ist eher einfach, es geht um das Ende einer Liebe, erzählt wird von einer Nacht, an deren Ende der Mann Selbstmord begehen wird. Eingeflochten aber sind, so Birrer, allzuviele Vor- und Nebengeschichten, die bedeutungsvoll scheinen, ohne dass die Bedeutungsversprechen je eingelöst würden. Sehr wohl sei das Talent der Autorin zu spüren, sehr wohl finde sich "Sensibles und Gelungenes" - gerade darum aber ist die Rezensentin insgesamt eher enttäuscht.