Magazinrundschau - Archiv

Le Monde

93 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 10

Magazinrundschau vom 05.07.2016 - Monde

In einem langen Artikel in seinem Blog, das bei Le Monde erscheint, schreibt der Ökonom Thomas Piketty über den Brexit. Grundsätzlich ist er für die EU - aber nur mit einer stärkeren Regulierung, ohne die deutsche Austeritätspolitik und ohne das Finanzdumping der Briten. Darum fordert er auch Sanktionen gegen Länder, die ein "Dumping" bei Regulierungen oder in Finanzdingen betreiben: "Solange man nicht bereit ist, derartige Sanktionen zu verhängen, darf man sich nicht wundern, wenn Länder lieber außerhalb der EU prosperieren: Wenn man vom gemeinsamen Markt profitieren kann, während man in aller Ruhe die fiskalische Basis seiner Nachbarn unterhöhlt, warum nicht? Das legale und politische System Europas mit seiner Sakralisierung des Freihandels und der freien Zirkulation ohne ernsthaftes Gegengewicht in Form von Regulierungen führt uns direkt in eine ganze Serie von 'Brexits'."

Magazinrundschau vom 30.06.2015 - Monde

Mit Gewinn liest Hubert Guillaud für Le Monde Thierry Crouzets als Ebook publizierten Essay "La mécanique du texte", der sich mit dem Einfluss der Schreibtechnologien auf literarische Formen befasst: "In großen Linien breitet Crouzet diese mechanische Geschichte der Literatur aus, auch die stürmische Geschichte der Beziehung der Autoren zu den Computern: Für ihn beginnt das Genre des Thrillers mit der Textverarbeitung neu zu blühen, die das nicht chronologische Schreiben begünstigt, während der klassische Krimi, der mit der Schreibmaschine verfasst wurde, geradeaus voranschritt, mit einer Hauptperson und einer linearen Geschichte. Die meisten heutigen populären Romane könnten Satz für Satz getwittert werden, ohne dass ein Satz gekürzt werden müsste, betont er noch. Zeichen einer grundlegenden Tendenz, für die Twitter eher das Symptom als die Ursache wäre."

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - Monde

Welche psychischen, politischen und sozialen Triebfedern führen dazu, dass Menschen zu Massenmördern werden? Wie lässt sich die Dynamik des Völkermords verstehen, die Naziverbrechen, der Hutu-Terror oder der Wahn der Roten Khmer? In Le Monde sprechen darüber der kambodschanische Dokumentarfilmer Rithy Panh, der Journalist Jean Hatzfeld und der Politikwissenschaftler Jacques Sémelin. Panh erklärt: „In Kambodscha unterscheidet man drei Typen von Schlächtern: Die Anstifter, die Delegierer und diejenigen, die mit den eigenen Händen töten. Erstere sind oft die Perversesten.“ Und Jean Hatzfeld sieht frappierende Analogien zwischen dem Holocaust und dem Völkermord in Ruanda: "Aufstieg eines Diktators, Erklärung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe als „überzählig“, Übernahme dieser Aussage in politische Diskussionen, Theaterstücke, Witze oder Radioprogramme. „Und nach und nach kommt es zu einem Anstieg von Gewaltakten, der Kennzeichnung, Ausgrenzung und Diskriminierung der abgelehnten Volkgruppe. Das Gefühl der Immunität stellt sich ein. Und dann kommt der Krieg. Ohne das Chaos, das er hervorruft, ohne den Zustand des Unrechts, den er installiert, ist das Massenverbrechen nicht möglich.“"

Magazinrundschau vom 21.03.2014 - Monde

In seinem Blog mit dem schönen Titel "Philosophisches Durcheinander - Philosophie in all ihrem Chaos" unterhält sich Le-Monde-Journalist Nicolas Weill mit Florent Perrier über die Aktualität Walter Benjamins. Perrier ist Herausgeber der umfangreichen Benjamin-Biografie (Leseprobe) des Historikers und Germanisten Jean-Michel Palmier, der daran bis zu seinem Tod 1998 gearbeitet hatte. Durch sein Exil in Frankreich und seinen tragischen Tod 1940 wurde Benjamin zu einem Mythos. In Frankreich wird er als der "französischste" deutsche Denker verehrt; aktuell ist in der Reihe "Cahiers de L"Herne" eine Monografie über ihn erschienen. Perrier erklärt sich Benjamins ungebrochene Popularität auch bei nicht-akademischen Lesern damit, dass seine Schriften "alles andere als schwierig" seien. "Dennoch stimmt es, dass Walter Benjamin gelegentlich absichtlich oder weil sein Gedankengang häufig kopmlex ist, schwierige Schriften hinterlassen hat. Die klären sich jedoch stets, sobald der Leser sich bemüht, den Kontext herzustellen."

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - Monde

In Le Monde streiten sich Alain Finkielkraut und Daniel Cohn-Bendit seitenlang über Europa. Sie machen alles mögliche zum Thema - Islam, Integration, Neoliberalismus - und definieren glasklar die beiden Standpunkte, die man heute zu Europa haben kann. Cohn-Bendit: "Wir spüren, dass die Staatsnationen um Atem ringen. Sie verteidigen eine Idee der Zivilisation, der Kultur, die fehlgeleitet ist, weil sich die Welt in ungeheurer Geschwindigkeit verändert. Die europäische Identität zu bauen, heißt die nationale Identität zu überwinden." Finkielkraut: "Wir werden uns niemals von den europäischen Institutionen repräsentiert fühlen. Die Nation ist und bleibt das Gehäuse der Demokratie, denn diese - als ein Reich der Diskussion über das gemeinsame Leben - setzt eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Prämissen, eine gemeinsame Zukunft und eine Verbundenheit mit einer selben Vergangenheit voraus."

Magazinrundschau vom 31.01.2014 - Monde

Paris ist zu einer Bonbonschachtel geworden, die an alle, die haben - Touristen und bessere Schichten der Hauptstadt - ihre Süßigkeiten verteilt und den Rest der Bevölkerung in die Banlieue verbannt. Das Hauptthema des Kampfs um das Pariser Bürgermeisteramt muss also die Verhinderung eines weiteren "Embourgeoisement" der Haupstadt sein, meint Le Monde und verweist auf Anne Clervals Buch "Paris sans le peuple" (La Découverte, 2013). Auf einer ganzen Seite diskutieren überdies die Autoren Eric Hazan und Philippe Meyer, der folgende Sachlage schildert: "Gewiss, Paris ist nicht die einzige europäische Metropole, die eine Gentrification erlebt, aber Paris ist sehr speziell, eine Stadt von hundert Quadratkilometern mit 20.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. Wenn man die Gentrification in London oder Berlin beklagt, dann spricht man über Städte, deren Bevölkerungsdichte (4.800 in London, 3.800 in Berlin) den Wandel weniger gewaltsam und rapide macht. Überdies haben London oder Berlin nicht alle anderen Städte ihrer Länder an den Rand gedrängt."
Stichwörter: Banlieue

Magazinrundschau vom 27.01.2014 - Monde

Überaus düster sind die Perspektiven, die der ukrainische Autor Andrej Kurkow nach der Verabschiedung von Sondergesetzen für sein Land in Le Monde ausmalt: "Zu den Gesetzen, die der Präsident am 16. Januar dekretiert hat, gehört die amtliche Aufhebung parlamentarischer Immunität. Der Status des Abgeordneten kann in einem Federstrich in den Status des 'einfachen Bürger' verwandelt werden. Wenn die Ereignisse sich in den nächsten Tagen fortsetzen wie bisher, könnte im Westen des Landes ein Partisanenkrieg gegen die aktuelle Regierung und die machthabende Partei ausbrechen. Der ukrainsiche Staat könnte zuammenbrechen. Für Russland wäre es ein Vergnügen, den Süden und Osten dann zu seinem Protektorat zu erklären."
Stichwörter: Kurkow, Andrej

Magazinrundschau vom 07.01.2014 - Monde

Der Philosoph und Essayist Pascal Bruckner kommentiert den Plan des französischen Innenministers Manuel Valls, nach neuerlichen antisemitischen Entgleisungen (mehr hier) des Komikers Dieudonné dessen Auftritte zu verbieten. Bruckner schreibt: "Den Komiker verbieten hieße, seiner Sache zu dienen, seinen Thesen eine objektive Grundlage zu verleihen und eine Reklame für ihn zu machen, die er nicht verdient. Es scheint eher geraten, die Bußgelder zu verzehnfachen, die anfallen, wenn er entgleist, und ihn auf diese Weise kaltzustellen ... In puncto freie Meinungsäußerungist der angelsächsische Liberalismus dem französischen Zensurgeist vorzuziehen. Man kann Hass nicht per Dekret abschalten. Auch unter dem Risiko, ihn zu vervielfachen."

Magazinrundschau vom 19.11.2013 - Monde

"Arbeitgeber und Kirche schicken die Dummköpfe auf die Straße", so hat der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon die Proteste der "Bonnets rouges" in der Bretagne kommentiert. "So hat seit Jahrzehnten niemand mehr über die Bretonen gesprochen", schreibt empört der bretonische Autor Yannick Le Bourdonnec an die Adresse der "linken Zentralisten" in Frankreich. Die Bretagne hatte zu sechzig Prozent für François Hollande gestimmt, und doch sei sie für die klassische Linke in Frankreich schwer zu verstehen: "Was manche Beobachter am meisten irritiert sind diese sichtbare Gemeinschaftlichkeit jenseits sozialer Kategorien und die Bezüge zu einer Geschichte, die oft gegen Paris gemacht wurde. Nicht Klassenkampf liegt in diesen Protesten, sondern Entschlossenheit, eine Heimat zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - Monde

Während die Mordpolitik des syrischen Regimes in Deutschland kommunikativ beschwiegen wird, und man das Massaker mit Schulterzucken geschehen lässt, äußern sich in Paris die Intellektuellen immerhin noch. Ein Dossier in Le Monde mit verschiedenen Reaktionen zeigt allerdings, dass auch in Frankreich die Ratslosigkeit groß ist. André Glucksmann fordert eine militärische Intervention des Westens (wir zitierten am Samstag). Anders der Historiker und Publizist Tzvetan Todorov, der für eine Art aktives Nichtstun plädiert: "Sollte die Verantwortlichkeit für den Gaseinsatz geklärt sein, so wird eine partielle Sanktionierung auch nichts dazu beitragen, die Region vom Übel zu befreien. Andererseits wird Nichtstun möglicherweise noch mehr Schäden anrichten. Ist es die Lösung, einer der beiden Kriegsparteien zu helfen? Oder wäre es nicht besser zwei Feinde, die sich hassen, die 'Terroristen' auf der einen Seite und den 'Tyrannen' auf der anderen Seite, zu Verhandlungen zu drängen?"

Ähnlich Edgar Morin, der für einen "Kompromiss" optiert: "Ein solcher Kompromiss müsste zunächst ein Kompromiss unter den beteiligten Mächten sein. Eine solche Vereinbarung müsste zwischen Russland, dem Iran, den arabischen Ländern und den westlichen Ländern geschlossen werden, womöglich unter Ägide der UNO, und sie müsste den Kriegsparteien dann vorgeschlagen - ja aufgezwungen - werden. Es mag unerträglich erscheinen, dass Baschar al-Assad nicht sofort entfernt wird. Aber auch in Chile wurde die Demokratie nur durch einen Kompromiss erreicht, der den Henker Pinochet für zwei Jahre an der Staatsspitze beließ."

Außerdem fragt Annick Cojean in einem reichlich Marie-Claire-haften Artikel, warum gerade Léa Seydoux die angesagteste Schauspielerin Frankreichs ist. Könnte es daran liegen, dass sie gerade zwei Filme (nämlich "Grand central" und "La vie d'Adèle") im aktuellen Programm hat?