Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
27.03.2007. In der Lettre erkundet der Anthropologe Filip de Boeck die Körper, die sich durch Kinshasa bewegen. Die New York Review of Books fragt sich, ob die übervollen Gefängnisse in den USA vielleicht doch sinnvoll sind. In Outlook India bespricht Taslima Nasrin die Autobiografie von Ayaan Hirsi Ali. In Reset.doc fragt Martha Nussbaum, warum Hirsi Ali nicht nach Indien statt in die USA gegangen ist. Im Espresso stellt Umberto Eco die Detektive unter den Philosophen vor. Tygodnik Powszechny sieht Großbritannien schon regiert von zwei Königen. In Elsevier fordert Afshin Ellian mehr Aufklärung über die Absichten der EU. Und der Spectator liefert einen Bericht aus der Größe-Null-Hölle an einer Mädchenschule.

Lettre International (Deutschland), 01.04.2007

Das Potenzial der Städte erkundet die neue Ausgabe der Lettre. Der Anthropologe Filip de Boeck hat Kinshasa besucht, die "wahnsinnige" Mega-Stadt, die zugleich "Aufbau und Zerstörung, Erektion und Impotenz, Überfluss und Armut, Orgie und Tod" sei: "In Kinshasa zählt vor allem der Körper. Wo Steine fehlen oder Beton einstürzt, ist ein anderes Material gefragt, nämlich der menschliche Körper. Allein die Tatsache, dass so viele Körper sich gemeinsam bewegen, arbeiten, essen, trinken, sich vereinen, beten, tanzen, fasten und leiden, verleiht Kinshasa sein eigenes Temperament, seinen typischen, oft fieberhaften Rhythmus. Der Körper, diese 'Wunschmaschine', wie ihn David Harvey nennt, gibt dem Chaos der Stadt eine gewisse Ordnung. Oder vielmehr sind es diese Körper, die der Stadt ihre eigene zwischenmenschliche Logik aufzwingen. Der Körper ist einer der wenigen Orte, wo die Bewohner Kinshasas ihren brutalen, als bloßes Überleben wahrgenommenen Alltag hinter sich lassen können. Sehr häufig wird dieser Körper auf die Ebene des Bauches oder des Phallus allein reduziert."

Der Historiker Karl Schlögel erinnert an das Moskau des Jahres 1937, das Moskau des großen Terrors: "Was gehört alles zu diesem Bild? Die Angst. Die Allgegenwart der Geheimpolizei. Die Rede von der Verschwörung. Die Allgegenwart des Misstrauens. Die Unberechenbarkeit. Die schockierende Erfahrung, dass alles möglich ist, dass es keinen Schutz und keine Verteidigungsmöglichkeit gibt. Die Erfahrung des vollständigen Ausgeliefertseins. Die Absurdität der Vorwürfe. Die Selbstbeschuldigung der Angeklagten, die Selbstverleugnung und Selbstanklage. Vollständige Willkür, dass es jeden treffen kann."

Weiteres: Carlos Castresana verteidigt das absolute Folterverbot, dessen Aufweichung eine Beleidigung der Menschenwürde darstellte. Nadine Gordimer denkt darüber nach, welches Zeugnis Literatur abgeben kann und muss. Der schwedische Autor Sven Lindqvist diskutiert die alliierten Bombenangriffe auf Nazi-Deutschland und kommt zu dem Schluss, dass sie weniger kriegstaktisch begründet waren als vielmehr aus der Konkurrenz britischer Waffengattungen. Sein Fazit: "Heutige Bombenangriffe werden heutige Gesetze nicht respektieren, solange die Verbrechen von gestern entschuldigt oder geradezu verherrlicht werden."

New York Review of Books (USA), 12.04.2007

Jason DeParle hat sich einem "amerikanischen Albtraum" bei Lichte genähert: den übervollen Gefängnissen. "Sieben von tausend Amerikanern sitzen hinter Gittern. Das sind fünf Mal so viel wie im historischen Durchschnitt und sieben Mal so viel wie in den meisten Ländern Westeuropas." Das Risiko afroamerikanischer Männer, im Gefängnis zu landen, ist acht Mal größer als das weißer Männer. Leider will daran niemand etwas ändern, konstatiert DeParle. Denn: "Die Masseninhaftierung scheint die Straßen sicherer gemacht zu haben. Der enorme Anstieg der Zahl der Gefängnisinsassen von 380.000 im Jahr 1975 auf 2,2 Millionen heute geht mit einem ebenso erstaunlichen Rückgang an Verbrechen einher."

Der Autor Stephen Greenblatt beschreibt, was er von Bill Clinton über Ethik und Macht bei Shakespeare gelernt hat: "Bei Shakespeare hat keine Figur mit einer klaren moralischen Vision den Willen zur Macht, und umgekehrt hat keine Figur mit einem starken Verlangen zur Herrschaft ein ethisch adäquates Ziel."

Der Milliardär und Philanthrop George Soros poltert gegen die Politik der USA und Israel, die palästinensische Regierung aus Hamas und Fatah nicht anzuerkennen. Er empfiehlt, dem von Saudi-Arabien vorgeschlagenen Kompromiss zu folgen. Jonathan Raban empfiehlt Andrew Sullivans Buch "The Conservative Soul", in dem der (bekennend) schwule, katholische Konservative ein ziemlich zerrüttetes Bild des republikanischen Amerikas zeichnet. Pankaj Mishra stellt zwei Bücher vor, die eine recht beklemmende Beschreibung nordafrikanischer Modernisierung geben: Hisham Matars Roman über Gaddafis Libyen "In the Country of Men" und Laila Lalamis marokkanischen Roman "Hope and Other Dangerous Pursuits". Sanford Schwartz bespricht die Martin-Ramirez-Ausstellung im American Folk Art Museum. William Finnegan liest John LeCarres "Mission Song".

Outlook India (Indien), 02.04.2007

Man muss Ayaan Hirsi Alis politische Ansichten nicht teilen, um von ihr beeindruckt zu sein, stellt Taslima Nasrin nach der Lektüre von Hirsi Alis Autobiografie "Mein Leben, meine Freiheit" fest. Nasrin erkennt in dem Buch vor allem die Erfolgsgeschichte einer Frau: "Ayaan ist ein Symbol für Mut, nicht nur für muslimische Frauen, sondern für alle Frauen, egal zu welcher Religion oder Kultur sie gehören. Sie hat ihren Platz in einer Männerwelt erobert - sie ist überall, obwohl sie von nirgendwo kam... Dass eine fromme Frau zur Atheistin wurde, bewegt mich nicht so sehr wie die Tatsache, dass eine verletzliche, abhängige, fragile, geschlagene und bedrohte Frau zu einer der einflussreichsten Personen in der Welt geworden ist. Das Leben einer jeden Frau ist weitaus vielschichtiger als die meisten sich vorstellen. Und wenn es eine Schwäche des Westens ist, sich mit einfachen Antworten zu begnügen, so weiß Ayaan, ihren Nutzen daraus zu schlagen."

Außerdem: Im Interview spricht die Pulitzerpreisträgerin Jhumpa Lahiri über Mira Nairs Verfilmung ihres Romans "The Namesake". Und Namrata Joshi äußert sich respektvoll über den Film, zieht die Lektüre aber trotzdem vor.
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Espresso (Italien), 29.03.2007

Nicht nur Wittgenstein zog seine Inspirationen aus Krimis, auch andere Philosophen demonstrieren eine Nähe zum Detektivroman, erläutert Umberto Eco, der auf diesen Gedanken wiederum von Renato Giovannoli und seinem neuen Buch "Elementare, Wittgenstein!" gebracht wurde. "Chesterton hatte den Kriminalroman als Symbol der größten Geheimnisse definiert, und Deleuze sagte, dass ein philosophisches Buch eine Art Krimi sein sollte. Und was sind die fünf Gottesbeweise des Thomas von Aquin anderes als Nachforschungen zu den Spuren, die ein großer Jemand hinterlassen hat. Aber auch in den 'Hard Boiled'-Geschichten selbst steckt eine Philosophie. Man betrachte Pascal mit seiner Wette: also, wir mischen die Karte neu und gucken dann, was passiert. So machen es auch Marlowe und Sam Spade."
Archiv: Espresso

New Yorker (USA), 02.04.2007

Hobbykoch und Autor Bill Buford porträtiert den Starkoch Gordon Ramsay (Bild), der es als einziger in London zu drei Michelin-Sternen gebracht hat und seit November nun in New York aufkocht. "Gordon Ramsey ist kein Monster und keineswegs einer der ausfallendsten Restaurantbetreiber. Obwohl ein verdeckt gedrehter britischer Dokumentarfilm ihn einmal bei einer Suada erwischte, bei der er in einem heftigen Angriff Obszönitäten auf einen jungen Assistenten niederprasseln ließ, was ihm den Ruf eines der 'unerträglichsten Chefs' des Landes eintrug, bringen ihm die Leute, die für ihn arbeiten, eine hartnäckige, fast irrationale Loyalität entgegen, die an Liebe grenzt. Aber er kann wütend werden, hilflos und unkontrollierbar wütend - keine irdische Wut, sondern etwas Düstereres - und er weiß nicht genau, wie er das stoppen kann."

Weiteres: Jeffrey Goldberg erklärt, wie Wal-Mart mithilfe demokratischer PR-Experten versucht, seinen Ruf bezüglich mieser Löhne, knausriger Vergünstigungen, Geschlechterdiskriminierung und Bruch von Gewerkschaftsvereinbarungen aufzupolieren. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Teaching" von Roddy Doyle und Lyrik von Adam Zagajewski und Charles Wright.

John Updike bespricht eine neue Biografie über Albert Einstein von Walter Isaacson, "Einstein: His Life and Universe". Arthur Phillips rezensiert die erstmals auf Englisch vorliegende Übersetzung von Sandor Marais Roman "Die jungen Rebellen". Alex Ross hörte die Pianisten Lang Lang und Yundi Li in der Carnegie Hall. Und David Denby sah im Kino den Actionfilm "Shooter" von Antoine Fuqua und "300", ein Film über die Schlacht bei den Thermopylen von Zack Snyder.

Nur im Print: Jane Kramer über den Papst und den interkonfessionellen Dialog und ein Artikel über den 400. Geburtstag der Stadt Jamestown.
Archiv: New Yorker

Tygodnik Powszechny (Polen), 19.03.2007

Aus Anlass des 50. Jahrestags der Römischen Verträge blickt das polnische Magazin zurück auf die Geschichte der europäischen Integration. Ein Themenschwerpunkt bilden "Nationen ohne Staat", online zu lesen ist der Beitrag über Schottland. "Das Verhältnis zu England besteht aus einer eigenartigen Mischung von Stolz und Überlegenheitsgefühl mit Komplexen und Abneigung. In öffentlichen Diskussionen, in Zeitungen und Internetforen - überall dominiert der Ruf nach Unabhängigkeit. Es ist nicht die Frage nach dem Ob, sondern nach dem Wann, behaupten die Schotten." Angetrieben werde der Seperatismus durch die Forderung, die Einnahmen aus der Erdölförderung im Land zu lassen, hindernd wirkt die Befürchtung, für den Zerfall Großbritanniens verantwortlich gemacht zu werden. Die Pläne sind jedenfalls weit vorangeschritten: es gibt eine Hymne, eine Flagge und einen Feiertag; unklar sei nur, ob ein Monarch "Mrs. Phillip Mountbatten, Herzogin von Edinburgh" (wie die Nationalisten Elisabeth II. nennen) ersetzen soll. "Letztens kam der Name von Prinz Harry ins Spiel - wäre das nicht schön, wenn das geteilte Großbritannien von zwei Brüdern regiert würde: William in England und Harry in Schottland."

Spectator (UK), 26.03.2007

Selbst nachdem einige Models verhungert sind, ist Schlanksein das Ziel aller Teenager. Die Schülerin Cleo Watson berichtet aus der Größe-Null-Hölle an ihrer Mädchenschule und stellt fest: "Nicht das dünne Model in der Vogue überzeugt die Mädchen an meiner Schule, in ihre Fußstapfen zu treten, es sind normale Leute wie Wayne Rooneys Freundin, Colleen, und ihre letzte allmächtige anti-Cellulite Jojo Diät. Oder die endlosen Geschichten von Leute aus der Serie "Real Life", die sehr viel sehr schnell Gewicht verloren haben. Das sind unsere Helden. Obwohl wir alle ziemlich helle Mädchen an einer guten Schule sind, sind unsere Vorbilder nicht professionäle Anwälte, Politiker oder Schriftsteller. Es sind zuerst und vor allem dünne Frauen. Wir alle lieben "Sex and the City", aber mir ist aufgefallen dass, obwohl viele von uns eine erfolgreiche professionelle Karriere anstreben, wir alle lieber Carrie wären, mit ihrer winzigen Taille, als Miranda, die weniger glamouröse Freundin, die Teilhaberin einer Anwaltsfirma ist, ein Baby hat und ein fantastisches Appartement."

Aus dem nachsynodalen apostolischen Schreiben, das Benedikt XVI. unter dem Titel "Sacramentum Caritatis" veröffentlicht hat, folgert Piers Paul Read, dass der Papst doch eher der traditionsbewussten Seite zuzurechnen ist. Read spricht sogar von "antiliberaler Revolution". "Ehelicher Verkehr sollte offen sein für die Weitergabe menschlichen Lebens, und die Ehe und die Familie sollte von 'jeder möglichen Fehlinterpretation ihrer wahren Natur' (etwa eheähnliche Geimeinschaften)."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Models, Vogue

Foglio (Italien), 24.03.2007

Wie ein von ekelhaften Urwaldbräuchen angewiderter Ethnologe inspiziert Claudia Cerasa hier und hier die Kunden von Easy Jet und Ryan Air. "Der zwanghafte Billigflieger isst günstig, hat viele Newsletter abonniert, sucht immer nach Angeboten, London gratis, Paris zum halben Preis, Last Minute und Last Second, er weiß nicht, wie man das Interent sinnvoll nutzt, aber kauft über Ebay, er benutzt E-Banking, mag keine Kreditkarten. Im Rucksack ein Routard-Reiseführer für London von 2001/2002, Termine, Rabattmarken für Lokale, eine Einladung ins Steak House Picadilly, weitere Rabattmarken, Essensgutscheine, eine Marlboro Classic Jacke und Bücher, die irgendetwas mit dem Reiseziel zu tun haben." Bleibt nur zu hoffen, dass Cerasa den Besitzer des Rucksacks am Leben gelassen hat.

Außerdem porträtiert Ugo Bertone den Vorstandsvorsitzenden der T-Shirt-Firma American Apparel, Dov Charney, dessen Ruf unter Belästigungs- und Diskriminierungsvorwürfen leidet.
Archiv: Foglio
Stichwörter: Bertone, Ebay, Newsletter

Economist (UK), 23.03.2007

Der Economist fragt sich, was in der digitalen Zukunft aus dem Buch wird. Manche Sach- und Fachbuchgenres mögen in ihrer papierenen Existenz bedroht sein - die Belletristik eher nicht: "Aber auch Kurzgeschichten-Anthologien oder Gedichte werden so wenig wie längere Roman verschwinden. Die Menschen suchen die Anleitung durch andere. Und sie brauchen Medien, die sich für das stressfreie Lesen in Betten und Badewannen und auf Stränden eignen. Vor allem wollen sie Bücher als das, als was sie sich erst im Zeitalter der Digitalisierung so recht erweisen. Bücher sind nicht in erster Linie Kunstwerke oder Vehikel für Ideen. Eher sind sie, wie Seth Godin gesagt hat, 'Erinnerungen an Gefühle', die wir beim Lesen hatten. Dafür werden die Menschen auch in Zukunft zahlen wollen."

Weitere Artikel: Nachdrücklich warnt der Economist vor den potenziell verheerenden Folgen einer zusehends restriktiven amerikanischen Immigrationspolitik: "Potenzielle Graduiertenstudenten und High-Tech-Arbeiter erleben bürokratische Alpträume und müssen Monate auf die richtigen Papiere warten. Und High-Tech-Firmen beschweren sich ständig darüber, dass sie die Visa für die besten Hirne der Welt nicht besorgen können." Aus den USA berichtet der Economist von Hollywood-gestützter Psychiatrie-Ausbildung. Los Angeles beginnt, sich selbst historisch zu werden - und das heißt: die lange Zeit in ihren ästhetischen Entscheidungen völlig freien Bauherren und Architekten sehen sich zusehends mit Regeln und Einschränkungen konfrontiert. Und in London sterben die Pubs - ausgerechnet in den besten Bezirken.
Archiv: Economist
Stichwörter: Digitalisierung, Pubs

Groene Amsterdammer (Niederlande), 23.03.2007

Nun hat auch Holland seine Gangsterrapper. Kees de Koning, langjähriger Kenner der niederländischen Musikszene und Chef des Hiphop-Labels "Top Notch", beschreibt im Interview das Milieu, dem die neuen Stars des "Nederhop" entstammen: "Fahren Sie mal raus in den Westen oder Südosten von Dordrecht, oder nehmen sie die Randbezirke einer beliebigen großen oder mittelgroßen Stadt - überall dort ist viel Elend. Denken sie an die vielen Armenküchen dort. Den Medien scheint nicht bewusst zu sein, dass fast zwanzig Prozent der Niederländer unterhalb der Armutsgrenze leben. Ein Rapper wie Kempi ist in so einer Welt aufgewachsen, saß darüber hinaus mehrere Jahre im Gefängnis. In seiner Musik beschreibt so jemand schlicht sein Leben, wird jedoch als Möchtegern-Gangster wahrgenommen, der Ghetto spielt."
Stichwörter: Hiphop, Holland

Al Ahram Weekly (Ägypten), 22.03.2007

Etwas neidisch guckt Hassan Nafaa nach Mauretanien. Dort macht die Militärregierung tatsächlich ihr Versprechen war und lässt Colonel Ely Ould Mohamed Vall, der 2005 durch einen Putsch an die Macht gekommen war, in freien Wahlen absetzen (mehr). Ein Beispiel für Ägypten? "Vor Mauretanien gab es nur einen einzigen Fall, in dem das Militär friedlich einer zivilen Regierung Platz machte - Siwar Al-Dahab im Sudan. Das macht das mauretanische Experiment nur noch wichtiger. Es könnte sogar ein Vorbote kommender Dinge sein. Ich habe das Gefühl, wir werden noch andere Fälle sehen, in denen das Militär als Brutkasten für Demokratie dienen könnte. Meine Gründe: erstens durchlebt die arabische Region gerade eine Art Unsicherheit und Verzweiflung, die in unkontrollierbarem Chaos enden könnte. Zweitens gibt es keine organisierten und vertrauenswürdigen Gruppen, die eine alternative politische Vision anzubieten hätten und einen friedlichen Übergang der Macht garantieren könnten. Und drittens ist die Öffentlichkeit bestürzt über die konventionelle Rolle des Militärs und hofft auf eine Veränderung, die den Prozess der Demokratisierung anstoßen könnte."

Weitere Artikel: Das Potenzial für eine Veränderung ist da. Ayman El-Amir denkt über die "schweigende Mehrheit" in der arabischen Welt nach, die keine Möglichkeit habe, sich frei zu äußern. Aber "wie Magma unter der Erdkruste ist sie glühend heiß, bewegt, ruhig brodelnd und auf den Moment des Ausbruchs wartend."
Stichwörter: Sudan

ResetDoc (Italien), 23.03.2007

Im Interview erklärt der ägyptische Autor Ala Al-Aswani "Der Jakubijan-Bau", Leseprobe), er könne theoretische Debatten über Demokratie nicht mehr hören. "Debatten, Konferenzen und Meetings über die Bedingungen der Demokratie sind sinnlos. Wir können nicht auf einem theoretischen Niveau über Demokratie diskutieren; zuerst müssen wir sie in die Praxis überführen. Um das Argument zu vereinfachen: Ich glaube, Demokratie basiert auf Respekt für die Menschenrechte, legitimierten Wahlen, dem Wechsel der Macht, ohne Gewalt und coup d'etats, und dem Recht der Menschen, ihre eigenen Führer zu wählen... Leider ist Tyrannei überall. Es gibt 22 arabische Länder und nicht eine Demokratie!"

Der Islam ist absolut vereinbar mit Frauenrechten, behauptet die Philosophin und Juristin Martha Nussbaum in einem Interview. Vorbild ist für sie Indien (nicht Pakistan). "Was wir in einigen Nationen sehen, ist nicht der Islam selbst, sondern eine politische Version des Islam, die nicht eine zwingende Interpretation der religiösen Texte ist... Ayaan Hirsi Ali hätte lieber nach Indien als in die USA gehen sollen. Dort hätte sie bestimmt bessere Chancen, als Frau eine führende Rolle in der Politik oder im intellektuellen Leben zu spielen. Man könnte auch Bangladesch erwähnen, eine Demokratie mit 85 Prozent Muslimen, wo Frauen (beide Musliminnen, Begum Khaleda Zia und Sheikh Hasina) die beiden wichtigsten politischen Parteien anführen."

Der iranische Philosoph Abdolkarim Soroush will das nicht zuletzt vom Papst verbreitete Vorurteil über den Widerspruch von Islam und wissenschaftlicher Vernunft zurechtrücken. Auch und gerade für den Iran treffe es nicht zu: "Die religiösen Intellektuellen des heutigen Iran bemühen sich um die Neubestimmung des Verhältnisses von Vernunft und Offenbarung. Besonders bei der Interpretation der Heiligen Schrift (d.h. des Koran) suchen sie die Unterstützung durch moderne Hermeneutik und die Erfahrungen des Christentums. Und ganz im Gegensatz zu dem, was der Papst zu glauben scheint (...), glauben diese religiösen Intellektuellen, dass der Islam gerade aus den vielen möglichen Interpretationen besteht und dass es unmöglich ist, den reinen Kern der Religion zu erreichen."
Archiv: ResetDoc

Elet es Irodalom (Ungarn), 23.03.2007

"Nicht mal am 15. März, einem der wichtigsten Nationalfeiertage Ungarns, waren die hohen staatlichen Würdenträger dieses Landes und die Parteichefs imstande, ihre gegenseitige Anwesenheit auch nur eine halbe Stunde zu ertragen, um die Einheit unseres Landes zu repräsentieren", klagt Ignac Romsics, einer der bekanntesten ungarischer Historiker im Interview mit Eszter Radai. Die politischen Fronten haben sich laut Romsics inzwischen so verhärtet, dass dies die Entwicklung des Landes insgesamt zurückwirft: "Große Entscheidungen, die im Interesse des ganzen Landes stehen, verzögern sich um Monate. Wenn doch mal eine Reform durchgezogen wird, erklärt die nächste Regierung sie wieder für nichtig ... Als Folge der Identitätspolitik der beiden Lager sind die Konturen von zwei Gefühlsgemeinschaften deutlich zu erkennen: Die Linke beruft sich auf den Rationalismus der Aufklärung und die liberalen und demokratischen Strömungen, die aus ihr geboren wurden. Die Rechte orientiert sich an konservativen und religiösen Ideologien, die gegen die Aufklärung formuliert wurden oder die sie nur eingeschränkt akzeptieren."
Stichwörter: Identitätspolitik

Elsevier (Niederlande), 23.03.2007

"Reine Fiktion" ist die Europäische Union inzwischen für die meisten Holländer, schimpft Rechtsexperte Afshin Ellian, seit kurzem Mit-Kolumnist von Leon de Winter. Dieser Überdruss komme daher, dass "die Bürger nicht mehr glauben, auf irgendetwas in der Union Einfluss nehmen zu können. Und dann kommen die Politiker mit ihrer sogenannten Selbstkritik, dass sie Europa den Europäern nur richtig erklären müssten. 'Europa muss besser vermittelt werden', sagte kürzlich der PvdA-Staatssekretär für Europäische Angelegenheiten Frans Timmermans. Wir sind doch nicht dumm! Wir sind keine Schafherde, die stumpf ihren Hirten hinterherläuft. Unsere Bürger wollen ganz genau wissen, worüber in Europa gesprochen, und was beschlossen wird. Und das funktioniert nur in einem nationalen Parlament."
Archiv: Elsevier

American Scholar (USA), 26.03.2007

Der Artikel von Michael McDonald über Peter Handkes Verteidigung von Milosevic (mehr hier) ist jetzt online. Und er hat bereits heftige Gegenreaktionen ausgelöst. Etwa von Michael Roloff, "Handkes erstem Übersetzer ins Amerikanische": "McDonalds Artikel ist nur die vorerst letzte Fortsetzung der immer selben Karikatur von Handkes politischer Position zu Jugoslawien, die auf das Werk eines Autors einprügelt, der missverstanden wird... Da McDonald unfähig ist, richtig zu lesen, überrascht der Missbrauch der Sprache nicht", schreibt Roloff auf der Website handke-discussion.blogspot.com. Und das ist nur der Anfang! Da sind die deutschen Feuilletons glatt baff.

Weltwoche (Schweiz), 22.03.2007

In seinem epischen Porträt versucht sich Bruno Ziauddin dem seit drei Jahren weltbesten Tennisspieler Roger Federer zu nähern. Federer scheint rundum perfekt zu sein, und sehr medieneffizient, wie wir im angehängten Kurzinterview erfahren. "Das Coole an meinem Job ist ja: Ich bin mein eigener Boss und kann machen, was ich will. Nicht wie ein Fußballer, der einfach irgendwohin transferiert wird oder dem man verbieten kann, sich in eine Hängematte zu legen, weil es nicht zum Image des Vereins passt. Es ist allein meine Entscheidung, ob ich in einem Anzug oder füdliblutt durch die Gegend laufe. - Noch zwei Fragen?"

Leider nicht online ist Anne Applebaums Charakterisierung von Wladimir Putin als ein dem Sowjetstil verhafteter Autokrat.
Archiv: Weltwoche

New York Times (USA), 25.03.2007

In einem spannenden Text im Magazin der New York Times untersucht der Journalist und Pulitzerpreisträger Max Frankel ("High Noon in the Cold War") den hochgradig sensiblen Handel mit Staatsgeheimnissen anhand des Falls des ehemaligen Cheney-Vertrauten Lewis Libby, der gerade des Meineids überführt wurde (mehr hier). Für die meisten sogenannten Top-Secret-Angelegenheiten, meint Frankel, gibt es eine simple Abmachung zwischen Regierung und Presse: "Die Regierung versteckt, was sie kann, und beruft sich dabei so lange es geht auf äußere Notwendigkeiten. Die Presse veröffentlicht, was sie kann, und argumentiert mit dem Recht auf Information. Bei diesem Spiel gewinnt mal die eine, mal die andere Seite. Jede kämpft mit den ihr zur Verfügung stehenden Waffen. Verliert die Regierung ein Geheimnis, passt sie sich der neuen Realität an. Verliert die Presse, gibt sie einfach die (Falsch-)Informationen raus, die sie hat ... Diese etwas heiklen Bedingungen haben lange dafür gesorgt, die sensibelsten Informationen zu schützen und diejenigen publik zu machen, die die Öffentlichkeit zu wissen verdient."

Erica Wagner erkundet derweil in der Book Review die Auswirkung mobiler Kommunikation auf die Weltliteratur: "Man denke an all die Geschichten, die auf dem einfachen Umstand beruhen, dass X nicht weiß, wo Y sich aufhält und keine Möglichkeit hat, es herauszufinden. Die Odyssee. Mit dem Handy wird sie zu einer Langversion von "Schatz, ich bin im Zug, soll ich etwas einkaufen?" ... Heute dagegen muss sich ein Autor richtig anstrengen, die Unerreichbarkeit einer Figur zu erklären ... Sei's ein umgeknickter Funkmast oder ein leerer Akku - etwas muss passieren, wenn Stille sein soll."

Weitere Artikel: Clive James erzählt viel über Leni Riefenstahl, nur leider gar nichts über die beiden Biografien, die er vorstellen wollte (Auszug Jürgen Trimborns "Leni Riefenstahl"). Jacob Heilbrunn findet Andrew Cockburns Argumente zu Aufstieg und Fall des Donald Rumsfeld überzeugend (Auszug "Rumsfeld"). Alex Kuczynski bespricht Hanne Blanks "gut recherchierte" Geschichte der Jungfräulichkeit (Auszug "Virgin"). Und Rachel Donadio besucht den New Yorker Buchkunsthändler Glenn Horowitz und seine Preziosen.