Magazinrundschau

Is it possible? It's Günter Grass!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.04.2015. Der Völkermord an den Armeniern war eben das: ein Völkermord, notiert die Financial Times. Auch Israel sollte das als Tatsache anerkennen, meint Tablet. Die NYRB erzählt, wie ukrainische Oligarchen die Ostukraine unterstützen. In Eurozine warnt Mykola Riabchuk vor einem neuen Totalitarismus in der Ukraine. In der LRB fragt sich Christopher Clark, wer Kaiser Wilhelm II. ganz ernst nahm. La Vie des idees fordert mehr künstlerischen Patriotismus. Pitchfork sucht den Wert der Musik. Und Aeon fragt: Warum explodieren unsere Gehirne nicht, wenn wir Filme sehen?

Financial Times (UK), 17.04.2015

David Gardner liest für die Financial Times einige Neuerscheinungen zum Völkermord an den Armeniern und findet eben diesen Begriff des Völkermords unabweisbar. Auch "Argumente der Jungtürken, die Armenier hätten sich mit den Russen verbündet, um dem Reich in den Rücken zu fallen, halten einer näheren Untersuchung nicht stand - trotz der Hoffnungen mancher Armenier und der skrupellosen Einmischung europäischer Mächte. Die meisten Armenier fürchteten eine Russifizierung so sehr wie eine Turkifizierung und blieben loyal, so sehr, dass sie sich trotz der Pogrome von 1894 bis 96 und 1909 nicht vorstellen konnten, wie ihnen geschehen würde."

Außerdem in der Financial Times: ein langes Porträt des Erfinders, Designers und Revolutionärs mancher Elektrogeräte James Dyson.

Tablet (USA), 20.04.2015

Viele jüdische Autoren haben zur Erforschung des Völkermords an den Armeniern beigetragen, schreibt Peter Balakian im jüdischen Tablet Mag, aber Israel hat sich aus politischen Gründen bis heute geweigert, den Völkermord beim Namen zu nennen. "Könnte der hundertste Jahrestag des armenischen Genozids - der aus Ironie der Geschichte mit dem Niedergang der türkisch-israelischen Beziehungen zusammenfällt - Gelegenheit sein, die moralischen Konzessionen zu überdenken, die Israel in dieser Frage macht? Angesichts der unermüdlichen türkischen Kampagne zur Leugnung des Genozids und zur Durchsetzung seines Geschichtsbilds in den demokratischen Gesellschaften auf der ganzen Welt hätte eine israelische Anerkennung der Tatsachen einen wichtige ethische Bedeutung."
Archiv: Tablet

New York Review of Books (USA), 07.05.2015

Tim Judah berichtet, wie sich die Ukraine auf einen langen Konflikt vorbereitet. In Kiew ist die Stimmung düster, im Osten den Landes nutzen beide Seiten den Waffenstillstand, um sich für die nächsten Kämpfe zu rüsten. Und was machen die Oligarchen in London? "Donezk ist die Heimatstadt und das geschäftliche Kernland von Rinat Achmetow, dem reichsten Oligarchen der Ukraine. Letzten Sommer drohten die Rebellen, seinen Besitz zu beschlagnahmen, die Kohleminen und die Stahlwerke, taten am Ende aber nichts dergleichen. Achmetow beschäftigt ungefähr 300.000 Menschen. Als der Krieg ausbrach, behaupteten einige, dass der Oligarch, der dem geschassten Präsidenten Viktor Janukowitsch nahestand, die Separatisten unterstützt habe, um seine Interessen zu wahren. Dafür gab es nie Beweise. Doch während das Management seiner Firmen Donezk verlassen hat, werden alle Arbeiter, die sich weiterhin im Rebellengebiet befinden, weiterbezahlt, auch wenn die meisten Minen oder Fabriken nicht weiterlaufen. Achmetow hilft auch, Zehntausende von Menschen durch humanitäre Lieferungen zu ernähren. Wenn er das nicht täte, müssten sich die Rebellen und Russland um die Leute kümmern."

Weiteres: Thomas Powers bewundert in einer Ausstellung in New Yorker Metropolitan Museum die Kunst der Prärie-Indianer, wie zum Beispiel Howling Wolfs Erinnerung an das Sand Creek Massacre. Freeman Dyson liest eine neue Einstein-Biografie von Steven Gimble. Und Annie Sparrow geht Hinweisen nach, dass das Assads Regime seine Chlorbestände für Kampfeinsätze benutzt, anstatt damit Trinkwasser zu reinigen.
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Eurozine (Österreich), 15.04.2015

In Krisenzeiten droht Totalitarismus, warnt Mykola Rjabtschuk in Eurozine. Da Extremisten keine Skrupel kennen, erreichen sie schnelle Siege. Die Situation ist in der Ukraine nicht neu: "In dem klassischen Film "Arsenal" von Oleksandr Dowschenko aus dem Jahr 1929 gibt es eine anschauliche Szene, in der ein Beamter der Ukrainischen Volksrepublik, ein Intellektueller der alten Schule mit runder Brille, den Versuch unternimmt, einen bolschewistischen Saboteur zu exekutieren, es aber nicht über sich bringen kann, ihm ins Gesicht zu schießen, und ihn daher auffordert, sich mit dem Gesicht zur Wand zu drehen. Der Bolschewik spürt die Schwäche des Intellektuellen und weigert sich hartnäckig, ihm den Rücken zuzudrehen. "Schieß mir ins Gesicht!", verlangt er, und da sein potenzieller Exekutor noch immer zögert, geht der Bolschewik auf ihn zu, nimmt ihm die Pistole aus der Hand und sagt verächtlich: "So ist es also, du kannst nicht? Ich aber schon!" Er tötet seinen Gegenspieler, ohne Reue, ohne zu zögern und ohne einen einzigen Gedanken an den absoluten Wert des menschlichen Lebens zu verschwenden."

Außerdem in Eurozine: Der Osteuropaforscher Nikolay Mitrokhin erzählt, wie russische Intellektuelle auf die Charlie-Hebdo-Massaker reagierten. Und Simon Davies fürchtet stärkere Überwachung in Europa nach den Terrorattentaten von Paris und Kopenhagen.
Archiv: Eurozine

HVG (Ungarn), 21.04.2015

Der Theaterregisseur und Hochschullehrer Tamás Ascher, bis zum letzten Jahr Rektor der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE), feierte kürzlich seinen sechsundsechzigsten Geburtstag. Im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi klagt er über die immer erdrückenderen Bruchlinien entlang der politischen Lager in der ungarischen Theaterlandschaft: "Dass Lügen, Halbwahrheiten und Beschuldigungen zu großen Theorien aufgebaut werden, ist unerträglich. Dahinter steckt nichts als Unersättlichkeit, Raumbesetzungsbedürfnis und Verletztheit. Ähnliche Situationen erlebte ich auch vor der Wende. Damals wurden Künstlergemeinschaften, die den Servilismus ablehnten, unter dem Vorwand gepeinigt, den Sozialismus zu verteidigen. Heute ist es die Nation. Damals beschuldigte man mich, den Westen nachzuäffen oder einfach, ein Liberaler zu sein. Die Freiheit als wichtigster Referenzpunkt war in der Kádár-Ära genauso ein rotes Tuch wie heute.
Archiv: HVG
Stichwörter: Ascher, Tamas, Hvg, SZFE

London Review of Books (UK), 20.04.2015

John Röhls vielfach gepriesene Biografie Kaiser Wilhelms II. ist jetzt auch auf Englisch erschienen. Christopher Clark ist vom dritten Band ("Der Weg in den Abgrund") beeindruckt, aber nicht überzeugt. Der deutsche Kaiser, meint Clark, sei zwar wirklich ein penetranter und aggressiver Kriegstreiber gewesen, aber es hätte ihn doch niemand ernst genommen: "Hatte der Kaiser wirklich so große Macht? Wie entscheidend waren seine Interventionen für die deutsche Außenpolitik? Das Haupthindernis in der Beantwortung dieser Frage ist schlicht und einfach, dass Wilhelms Ziele alles andere als beständig waren. Wenn er im Laufe seiner Amtszeit eine klare und konsistente Politik verfolgte hätte, könnten wir seine Intentionen mit dem Ergebnis vergleichen und so seinen Einfluss messen. Doch mit seinen Interventionen schoss Wilhelm oft aus der Hüfte, seine Ziele waren diffus und veränderten sich stetig. Empört über einen Streik von Berliner Straßenbahnarbeitern schickte der Kaiser 1900 ein Telegramm an den Kommandanten des Gardekorps: "Wenn die Truppe ausrückt, erwarte ich mindestens 500 Tote" - eine so ungeheuerliche Forderung, dass niemandem im Traum einfiel, ihr tatsächlich nachzukommen."

Außerdem stecken die Briten mitten im Wahlkampf: James Meek berichtet aus Grimsby, dem einstigen Sitz der britischen ausgedienten Fischereiflotte. Weil die EU vor zwanzig Jahren die Fangquoten regulierte, wählen die Leute dort jetzt alle Ukip. Richard Seymour fragt, worin die Labour Party eigentlich ihren Sinn sieht abgesehen, wenn sie alle konservativen Rezepte übernimmt.

Proceso (Mexiko), 18.04.2015

Juan Alberto Cedillo berichtet von "Kollateralschäden" des Krieges der Drogenkartelle gegen die mexikanische Zivilgesellschaft: "Nach der Welle von Ermordungen und Entführungen von Universitätsangehörigen durch das organisierte Verbrechen im besonders stark vom Terror betroffenen Nordosten Mexikos wandern zahlreiche Studenten in andere Landesteile oder die USA ab. Ihre bisherigen Lehrstätten stellten derweil vorläufig oder auch endgültig den Lehrbetrieb ein. Manchen war von Angehörigen der Kartelle "Schutz" gegen monatliche Zahlungen von bis zu 350 000 Pesos angeboten worden. Die Zweigstelle der Universidad del Valle de México in Reynosa wurde mehrere Tage lang unter militärische Bewachung gestellt. Kaum waren die Soldaten wieder abgezogen, wurde der Campus von Kriminellen überfallen. Lehrer der Universidad Autónoma de Tamaulipas wiederum müssen regelmäßig Beträge an die Drogenkartelle abführen, während die Studenten gezwungen werden, Lose von Lotterien zu erwerben, deren Preise niemals ausbezalt werden."
Archiv: Proceso

Rolling Stone (USA), 14.04.2015

Andy Greene erzählt die immer noch zu schön um wahr zu seiende Geschichte des Bill Withers, der einige der schönsten Soul-Songs aller Zeiten schrieb und sang und dann von der Szenerie verschwand, weil er keine Lust mehr hatte auf das Pop-Business (jetzt wird er in die Rock"n"Roll-Hall of Fame aufgenommen). Er ist inzwischen 76. Mit Musik angefangen hat er überhaupt erst mit 29. Der Produzent Clarence Avant erkannte sein Talent und heuerte Booker T. Jones für die erste Studio-Sitzung an: "Jones, der berühmte Stax-Keyboarder blätterte durch sein Rolodex und heuerte die Creme der Los-Angeles-Szene an: als Drummer Jim Keltner, als Bassist Donald "Duck" Dunn, Stephen Stills an der Gitarre. "Bill kam in einer klapprigen Karre aus der Fabrik und hatte alte Brogan-Stiefel an, und er hatte ein Notizbuch voller Songs", sagt Jones. "Als er uns alle im Studio sah, wollte er kurz unter vier Augen mit mir sprechen und fragte: "Booker, wer wird die ganzen Songs denn singen?" Ich sagte: "Du, Bill." Er dachte, da käme noch ein Sänger. Withers fühlte sich sehr unsicher. Aber dann kam Graham Nash ins Studio: "Er setzte sich zu mir und sagte, Du weißt gar nicht, wie gut du bist", sagt Withers. "Das werde ich nie vergessen.""

Am berühmtesten sind natürlich "Ain"t No Sunshine" und "Lean on Me". Unser Lieblingssong ist aber "Use Me" (unübertrefflich die Studioaufnahme)! Hier in einer Live-Aufnahme der BBC:

Vanity Fair (USA), 15.04.2015

Vanity Fair bringt einen umfangreichen, sehr lesenswerten Auszug aus Josh Karps neuem Buch, das sich ausschließlich mit Orson Welles letztem, Ruine gebliebenem Film "The Other Side of the Wind" beschäftigt, eine Satire auf "New Hollywood", über einen Regisseur namens Hannaford, der aus Europa zurückkehrt, um einen letzten großen Film zu drehen. Bei einer Hollywood-Zeremonie zu Ehren von Welles versuchte der Regisseur mit einigen Szenen aus dem Film letztmals Finanzmittel einzuholen: "Die präsentierte Szene findet in einem Vorführsaal statt, in dem einer von Hannafords Mitarbeitern sich darum bemüht, den unvollendeten Film des Regisseurs (für den er, genau wie Welles, eine letzte Kapitalspritze benötigt) an einen hübschen, jungen Studioboss, der auf Robert Evans basiert, zu verkaufen - was die ganze Sache ziemlich unbequem machte. Noch schlimmer wurde es, als sich herausstellte, dass Hannafords Film keinen Dialog und keine Story hatte, und nichts anderes darstellt als ein wunderschön gefilmtes Desaster, das nicht einmal der Verkäufer erklären konnte. ... Welles behauptete zwar, im Anschluss ein Angebot erhalten zu haben, dass die Produktionsgesellschaft Astrophore es jedoch in Erwartung anderer - besserer - Angebote abgelehnt habe. Bogdanovich aber kann sich an kein Studio und keinen Produzenten erinnern, der Welles Geld zur Fertigstellung seines Films über einen Regisseur, der zur Fertigstellung seines Films Geld sucht, geben wollte. "Das war die bittere Ironie des Ganzen ", sagt er, "sie applaudierten wie blöde, aber keiner rückte auch nur einen Cent heraus.""
Archiv: Vanity Fair

Fast Company (USA), 07.04.2015

Wie tiefgreifend die Erschütterungen sind, die von Netflix für HBO ausgehen, verdeutlicht Nicole Laporte auf sehr eindrückliche Weise mit einer Reportage über die händeringenden Versuche des eigentlich boomenden PayTV-Senders, sich mit einem eigenständigen Onlineangebot auch auf dem Streamingmarkt der Zukunft zu positionieren: Nach langwierigen, aber am Ende gescheiterten Versuchen, dieses Unternehmen in house anzugehen, hat man nun Bündnisse mit dem Sportprogrammanbieter MLB und Apple geschmiedet und die nur auf Apple-Produkten laufende App HBO Now zu Wege gebracht. "Geschäftsführer Richard Plepler verliert über diese Entscheidung keine Tränen. Die technologische Seite des Projekts zu delegieren, ist für HBO ein strategischer Wendepunkt zurück zu den Wurzeln: HBO war schon immer ein Content-, kein Tech-Unternehmen. ... Aber ist HBO Now wirklich so ein alles umwerfendes Ereignis? Mit der Kooperation mit Apple stellt Plepler einen coolen Service vor, der lediglich einen Tippser vom Bildschirm entfernt ist, ganz ohne eine vorangegangene, zähe Pay-TV-Authorisierung. Doch auch wenn Version 1.0 jetzt nicht mehr störanfällig ist und mit viel Premium-Content lockt, stellt sie dennoch nur einen Abglanz dessen dar, was zuvor einmal geplant war. Wenn das Produkt wirklich gut ist, dann führt es HBO sichtlich an Netflix heran. Doch nicht weit genug, um den Gegner tatsächlich zu erlegen."
Archiv: Fast Company