Magazinrundschau - Archiv

Pitchfork

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Magazinrundschau vom 13.07.2021 - Pitchfork

Während der überwältigende Teil der USA im Sommer 1969 den Blick hoch zum Mond richtete, fand in New York über mehrere Wochen das Harlem Cultural Festival statt - ein Festival mit schwarzen Musikern für ein zum großen Teil schwarzes Publikum. Dass dabei auch zahlreiche Stunden Filmmaterial entstanden sind, war bislang kaum bekannt. Roots-Schlagzeuger Ahmir "Questlove" Thompson hat das Material gesichtet und mit "Summer of Soul" einen 90-minütiges Filmdokument daraus montiert, beziehungsweise "kuratiert", wie er sagt. Mit Pitchfork spricht er über den Stellenwert des Festivals in der Geschichte der schwarzen Musik der USA, den er mit dem Hinweis auf den "Woodstock"-Film, der das Hippie-Festival erst zur Legende machte, illustriert: "Ich frage mich: Wäre dieser Film früher erschienen und vergleichbar ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und mit Relevanz aufgeladen worden, hätte sich das in meinem Leben niedergeschlagen? Das letzte Jahr war erschöpfend: Jede Plattform, jedes Vehikel, jede Serie und jeder Film befasst sich mit Folterpornos, mit schwarzem Schmerz. Ich weiß, es geht dabei darum, der Geschichte gegenüber authentisch zu sein, aber darin liegt auch die Geschichte, dass wir Schmerz gegenüber eine hohe Toleranz haben. Mir war gar nicht klar gewesen, wie wichtig es ist, das mit schwarzer Freude in die Balance zu bringen." Um Schmerz geht es aber auch im fertigen Film: "Ich sprach mit Rockgitarrist Billy Davis von 5th Dimension darüber: 'Ich habe Dich nie beim Singen von Predigergospels gehört. Ich habe nie gewusst, dass Dein Bariton brummt.' Und als dann Marilyn McCoo damit begann, sich zu öffnen, wie schmerzhaft es gewesen ist, auf beiden Seiten des Zauns spielen zu und von beiden Seiten kritisiert zu werden - nicht schwarz genug, nicht weiß genug -, da hat mich das echt getroffen. Als jemand, der mal in der Vorband für die White Stripes auf Tour war, nur um danach einen Monat mit Lauryn Hill unterwegs zu sein, konnte ich das gut nachvollziehen. Man musste das Register wechseln." Ein paar fantastische Eindrücke des Films verschafft der Trailer:

Magazinrundschau vom 08.06.2021 - Pitchfork

Der Begriff "Asian American" war einst ein Schlagwort der US-Studentenbewegung der 60er, um das missliebige Wort "oriental" als Bezeichnung wegzubekommen - aber längst hat der Begriff seine eigenen Tücken entwickelt, erklärt Cat Zhang (sehr sehenswert zu dieser Problematik ist auch die aktuelle Sendung von John Oliver): Der Begriff vereint völlig unterschiedliche Migrationsgeschichten und -wellen eines ganzen Kontinents und verdeckt innerhalb der auf diese Weise homogenisierten Communitys erhebliche Dynamiken und Unterschiede. Und selbst wohlmeinende Medien, die "Asian American Music" feiern und zelebrieren wollen, tappen dabei in die Exotismusfalle und präsentieren dann lediglich Musik von Menschen, deren von Migration geprägte Familiengeschichten man ihnen eben buchstäblich im Gesicht ansieht, ohne auf die Spezifität von "Asian American Music" einzugehen. Ein Hot Spot, an dem sich asiatische, afrikanische und amerikanische Musik zusammentaten, waren zum Beispiel die Jazzdebatten an amerikanischen Colleges in den 70ern. "In Stanford diskutierten der Saxophonist Francis Wong und ein Freund über McCoy Tyners 'Sahara', das Downbeat-Album des Jahres 1973. Das Cover zeigte Tyner mit einer japanischen Koto in den Händen. 'Wir sprachen darüber, wie eine asiatisch-amerikanische Version des Jazz sein könnte', erinnert sich Wong. 'Also nicht nur Asian-Americans, die Jazzstandards spielen, sondern was wir konkret beitragen könnten.' Insbesondere die Bay Area war ein reichhaltiger Ort für den kulturellen Austausch. ... Unterdessen missfällt vielen Künstlern, mit denen ich sprach, der Ausdruck 'Asian American Musik' aus Sorge darüber, dass er essenzialisieren oder eine vereinheitliche Ästhetik beschreiben könnte. Wer oder was 'Asian America' ist - darüber wird es nie eine allgemein griffige Auffassung geben. Deshalb ist das Nachdenken über die Musik darüber auch so endlos herausfordernd. Zum Beispiel auch, weil es wichtig ist, sich daran zu erinnern, dass 'Asian American' eine Konstruktion ist, die zum beträchtlichen Teil von Krieg und Kolonialisierung geformt ist. Wegen der Allgegenwärtigkeit des amerikanischen Militärs in Asien lässt sich von vielen zeitgenössischen Musiken - von den Elektropionieren des Yellow Magic Orchestras bis zum psychedelisch informierten Thai molam - sagen, dass sie asiatische und amerikanische Aspekte aufweisen. Die 'originalen K-Pop Stars', ein einnehmendes südkoreanisches Trio namens The Kim Sisters, begannen ihre Karriere damit, vor Soldaten während des Koreakriegs amerikanische Folk, Jazz und Country-Standards zu singen. Jahre später trug der Vietnamkrieg nicht nur zur Entstehung des vietnamesischen Rock'n'Roll bei, sondern auch des kambodschanischen Rock'n'Rolls, da die US-Radiosender über die Grenzen hinweg sendeten. 'Asian American Jazz ist cool, aber ehrlich gesagt: Die beste 'Asian American Music' findet man auf der anderen Seite des Pazifiks', sagt der Musiker und Historiker Julian Saporiti." Wer einmal in diese Compilation mit Rock- und Soulmusik aus dem Saigon der 60er und 70er gehört hat, wird ihm kaum widersprechen können:

Magazinrundschau vom 27.04.2021 - Pitchfork

Der Klimawandel ist ein blinder Fleck der Popmusik, schreibt Jayson Greene. Ihre Versuche, sich ihm zu stellen, sind eher überschaubar, vor allem aber selten angemessen, etwa Grimes' Versuch, den Klimawandel auf ihrem aktuellen Album "Miss Anthropocene" zu einer Art negativen Popikone umzudeuten. Auch drastische Musikgenres wie Death Metal und Hardcore bleiben in ihren apokalyptischen Szenarien greller Effekt, findet er. Als ästhetisches Gefäß für den "Climate Grief" - also die beinahe depressive Trauer darum, dass sich das globale Habitat im Zeitlupentempo der Katastrophe nähert - hält er klassische und experimentelle Musik für viel geeigneter. "Eine Schar elektronischer Künstler und Komponisten haben sich den Klängen, die die Erde selbst von sich gibt, zugewendet, als ob sie versuchen, den Planeten selbst beim Akt des Trauerns zu fassen zu kriegen. ... Matthew Burtners Arbeit 'Glacier Music' (2019) beginnt mit dem eigentlich ja beruhigenden Klang fließenden Wassers, was hier aber mit Vorahnungen aufgeladen ist. Der in Alaska geborene Komponist verbindet in seinen Arbeiten Saiten- und Holzblasinstrumente mit dem unheimlichen Brummen, das Gletscher von sich geben, bevor sie bersten. ...  Der in San Francisco ansässige, elektroakustisch arbeitende Komponist Erik Ian Walker hat dem kompositorischen Rahmen seiner Arbeit 'Climate' (2019) Klimadatenvariable übergelegt: Ansteigende Karbondioxid-Werte korrelieren mit dem Tempo, Ph-Werte des Ozeans mit der Form, die Lufttemperatur an der Oberfläche mit Höhe und Harmonie, die Ein- und Abgabe von Wärme mit Verzerrung und Modulation ... Walker konzentriert sich auf die Jahre 1800 bis 2300, wobei jede Minute 25 Jahren der Menschheitsgeschichte entspricht. Die Musik beginnt einfach, elegisch, begleitet von wenigen Streichern, die gegen tiefes Synthesizergemurmel ansingen", aber "wenn die Temperatur ab dem Jahr 2024 um 2,6 Grad Celsius und damit ein gutes Stück über jenen Schwellenwert angestiegen ist, der einen katastrophalen, irreversiblen Wandel noch aufhaltbar erscheinen lässt, sticht die Musik entschieden ins Chaos. Der Takt entgleitet, während die Violinen und Synthesizer röcheln und schreien und sich zu einer einzigen, qualvollen Stimme verbinden." Eine Kurzversion der Komposition kann man hier (nach einer etwa vierminütigen Einführung) hören:

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Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Pitchfork

Eine Regel des Youtube-Algorithmus besagt offenbar: Wer nur lange genug in den Tiefen des Musikarchivs, das der Videodienst längst darstellt, gräbt, landet per Empfehlung irgendwann automatisch im heute so benannten City Pop, der Hochglanz-Popmusik, wie sie im prosperierenden Japan der 80er gespielt wurde. Längst hat sich im Westen darum eine ganze Subkultur gebildet, berichtet Cat Zhang. Manche Stücke, die seinerzeit in Japan gerade mal fünfstellig absetzten und heute vergessen wären, haben mittlerweile Zugriffszahlen im beträchtlichen Millionenbereich - etwa "Plastic Love" von Mariya Takeuchi, dessen unglaublichen Youtube-Erfolg dieses Video zu erklären versucht. "Auf Youtube schwelgen die Hörer in ihren Erinnerungen an Japan: 'Ich erinnere mich an die Zeit, als ich mit offenem Fenster durch die Nacht von Tokio fuhr. An den Gebäuden leuchtete Neon, alle hatten eine gute Zeit. Die 80er waren großartig', schreibt ein Kommentator unter dem populären Mix 'warm nights in tokyo [ city pop/ シティポップ]', bevor die Illusion sich verflüchtigt: 'Moment Mal, ich bin 18 Jahre alt und lebe in Amerika.' ... Als ich mit dem Musikwissenschaftler Ken McLeod sprach, erklärte er, dass viele internetbasierte Genres eine Art 'retro-futuristischer Melancholie' hegen, aber auch eine Obsession mit dem 'sich beschleunigenden Kollaps des Kapitalismus, wie ihn der Kollaps des japanischen Traums darstellt'. Die Boomzeit Japans, mit ihren Neon-Metropolen und schier unendlichen Konsumfreiheiten, verkörpert das verlorene Versprechen der kapitalistischen Utopie, die in der Rezession der 90er zerschmettert wurde. Beim Genuss dieser Musik können die Hörer diesen schönen, naiven Optimismus, der diese Zeit scheinbar definierte, zugleich auskosten und betrauern. ... Wie es ein Kommentator unter einem Youtube City Pop ausdrückte und darin viel Zustimmung fand: 'Ich vermisse die Zukunft.'" Und wenn man sich das Vorschaubild dieses Mixes ansieht: Wer nicht?

Magazinrundschau vom 12.01.2021 - Pitchfork

Pophistoriker Simon Reynolds holt für einen Essay nochmal Virginia Astleys 1983 erschienenen, englischen Ambientklassiker "From Gardens Where We Feel Secure" aus dem Plattenschrank. Oh merry England, will man am liebsten ausrufen bei dem pastoral-bukolischen Idyll, das einen darauf klanglich umwebt. Sonderbar mutet es erst auf den zweiten Blick an: Wenn man weiß, dass Astley aus der britischen Punkszene der 70er stammt und vor allem angesichts der politischen Verwerfungen Großbritanniens zum Zeitpunkt des Entstehens - der Wiederwahl Thatchers unter den Eindrücken der Falklandkriege und einer verarmenden Bevölkerung. "Thatcher zog erneut in den Krieg, doch diesmal nicht gegen äußere Gegner, sondern gegen den 'Feind im Innern', die streikenden Minenarbeitern, die härteste und trotzigste Organisation der Reste von Großbritanniens Industrieproletariat. Während Thatchers Amtszeit warfen die alternativen Musiker im Land mit Protestsongs um sich: Crass' 'How Does It Feel? (to Be the Mother of a Thousand Dead)?', Robert Wyatts schräg-melancholisches 'Shipbuilding' und Test Depts Zusammenarbeit mit dem Chor der Waliser Minenarbeiter. Astleys Album als Antwort auf oder sogar als Kommentar zu dieser Zeit zu begreifen, ginge zu weit. Aber das liebevoll nachgebildete sommerliche Idyll wird von den politischen Krisen der 80er überschattet, nicht zuletzt, weil die Auffassung von England als ein grünes, liebliches Land mit dem nostalgischen Konservatismus der Thatcher-Ära verbandelt ist. Sowohl der Albumtitel, als auch das Stück 'Out on the Lawn I Lie in Bed' entspringen W.H. Audens Gedicht 'A Summer Night' von 1933, einer mystischen Vision von Gemeinschaft und erotischer Zärtlichkeit in einem Landgarten in den Malvern Hills. Doch die Schatten des nahenden Konflikts in Europa ziehen sich durch Audens Gedicht - wie auch eine Ahnung des Privilegs, das allein einen so angenehmen Rückzug gestattet: 'Auch frage nicht welch' zweifelhafter Akt/unsere Freiheit gestattet in diesem englischen Haus/unsere Picknicks im Sonnenschein.' Man muss sich nicht anstrengen, um dieses Schuldbewusstsein mit dem imperialen Flashback des Sommers 1982 zu verbinden, als Großbritannien im Südatlantik die Muskeln seiner Flotten spielen ließ. Könnte es sein, dass das offensichtliche Thema des Albums - pastoraler Frieden - einen pazifistischen Subtext enthält?" Hier kann man selbst eine Antwort auf diese Frage suchen:

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - Pitchfork

Für skeptischere Hörer mögen Enyas Balladen klingen wie verlangsamte, seifige Achtziger-Jahre-Balladen. Einem weiteren Publikum in Deutschland in Deutschland mag der pompöse Synthesizer-Ethnomythos-Jugendstil-Kitsch von "Orinoco Flow" bekannt sein.



Aber Enya ist ganz offenbar auch eine Musikerin für Musiker, eine, die sehr sehr viele heutige Popmusiker durch ihre Art der Studioarbeit beeinflusst hat, und zwar die allerunterschiedlichsten, erzählt Jenn Pelly. Sie hat mit einigen von ihnen gesprochen Zum Beispiel mit der großartige Melodikerin Weyes Blood, mit den Musikern der Death Metal Band Blood Incantation, die Enya so sehr verehren, dass sie sich ihren Namen auf ihre Joppe sticken. Und gar mit dem verrückten Avantgardisten Oneohtrix Point Never, alias Daniel Lopatin. "Enyas Studio-Innovationen standen nicht immer im Zentrum ihres Narrativs, aber sie sind zentral, wenn Lopatin sagt, dass er sie 'fast als eine Göttin' betrachtet. In den zehner Jahren stand Lopatin an der Spitze einiger Underground-Musiker, die Experimentelles, Elektronik, Noise und New Age verschmolzen. Im Alter von sechs Jahren, in den Achtzigern, sah er Enya zum ersten Mal im Fernsehen - sie spielte 'Boadicea', ihre Hände auf dem Roland Juno-6 keyboard - und er hatte eine Offenbarung: Den gleichen Synthesizer hatte sein Vater im Keller und benutzte ihn für seine Gigs. 'Aber als ich auf dem VH1-Video sah, wie sie ihn spielte, blitzte es in mir auf: Man kann mit diesem Instrument also auch zaubern', sagt Lopatin. 'Das ist der Ursprung meiner Kreativität.'"

Hier "Boadicea":



Und hier "The Station" von Oneohtrix Point Never:

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Pitchfork

Der Pophistoriker Simon Reynolds führt uns auf Pitchfork durch die Geschichte der Conceptronica, einem jüngeren Phänomen elektronischer Musik an der Schnittschnelle zwischen Pop, Diskurs und audiovisueller Kunst - oder kurz: ein Audioerlebnis mit einer ziemlich komplexen ästhetischen Textur. Die Pressemitteilungen dazu "lasen sich wie der Begleittext am Eingang eines Museums. Auch ist mir aufgefallen, dass ich mich mit diesen Veröffentlichungen tatsächlich so befasste, als würde ich ein Museum oder eine Galerie besuchen: Meist hörte ich sie nur einmal, während ich dazu begleitend Besprechungen las oder Interviews mit dem Künstler, die so bedrohlich theoretisch ausfallen konnten wie ein alter Essay in Artforum. Diese konzeptuellen Arbeiten muteten selten an wie Platten, die sich auf bequeme, wiederholt abrufbare Weise dem eigenen Leben anschmiegen. Sie waren Statements, denen man sich stellen, die man assimilieren konnte, Entwicklungen, mit denen man Schritt halten musste. Ihr Framing funktioniert wie ein Pitch an den herumbrowsenden Kunden - weniger als Aufforderung, den Release zu kaufen, sondern eher ihn als solchen abzukaufen. Conceptronica ist weniger ein Genre, sondern eher ein Modus künstlerischer Operation und Publikumsreaktion, der sich durch die Landschaft hipper Musik pflügt, von hochaufgelöster digitaler Abstraktion bis zu Stilen wie Vaporwave und Hauntology. Konzept-basierte Projekte ermöglichen den Künstlern einen Weg, in einer übersättigten Aufmerksamkeitsökonomie zu bestehen, während sie zugleich ihren Enthusiasmus für einen kaum überschaubaren Raum an Ideen reflektieren können. Die meisten Conceptronica-Künstler waren auf der Kunsthochschule oder haben ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert und sie haben keine Berührungsängste, ihre Arbeiten und ihre Diskurse mit Referenzen an die Kritische Theorie und Philosophie zu durchsetzen." Ein paar Beispiele:





Magazinrundschau vom 26.02.2019 - Pitchfork

Am Sonntag wurde Peter Farrellys "Green Book" als bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet. Der Film erzählt, wie der schwarze Jazzpianist Don Shirley und sein von rassistischen Vorbehalten geprägter Chauffeur sich bei einer Tour in den 60ern durch die Südstaaten näher kommen. Ganz so locker ging das damals alles nicht vonstatten, schreibt Natalie Weiner in einer Reportage, für die sie die letzten verbliebenen schwarzen Musiker dieser Jazz-Ära nach ihren Erfahrungen befragt hat. "Womit schwarze Musiker auf Tour in der Zeit vor dem Civil Rights Act besonders zu kämpfen hatten, war die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Im Film bleiben Shirley und Drehbuchautor Vallelonga im selben Hotel, solange die Reise durch den Norden geht. Sobald sie den Süden erreichen, muss Shirley sich mit schäbigeren Unterkünften zufrieden geben. Ich habe mit fünf legendären Jazzpianisten gesprochen und alle gaben sie an, dass das Problem deutlich umfassender war und auch nicht von einem 'Green Book' zu bewältigen war, wie das 'The Negro Motorist Green Book' verkürzt genannt wurde, eine bis ins Jahr 1966 veröffentlichte, echte Reihe von Reiseführern für schwarze Reisende. 'Man wusste einfach, wohin man gehen konnte', erinnert sich der 92-jährige Jimmy, der ältere Bruder von Albert 'Tootie' Heath und Bandleader sowie früherer Gastmusiker bei Miles Davis und Freddie Hubbard. 'Viele der großen Hotels blieben uns versperrt. Sie sagten uns einfach, sie hätten keine Zimmer mehr frei', sagt Tootie, der in dieser Zeit hauptsächlich durch den Norden und mittleren Westen tourte. 'Wir riefen an und machten eine Reservierung. Als wir dann auftauchten und sie uns sahen, sagten sie, dass es ihnen wirklich leid täte, aber sie wären bereits voll belegt und dass irgendwer wohl einen Fehler gemacht habe. Was natürlich nicht der Wahrheit entsprach.'"

Außerdem geht Daniel Dylan Wray der Frage nach, ob wir in einem goldenen Zeitalter für experimentelle Film-Soundtracks leben.

Magazinrundschau vom 25.09.2018 - Pitchfork

Seit Cher 1998 die Frage stellte, ob wir an ein Leben nach der Liebe glauben, ist Autotune aus der Popmusik nicht mehr wegzudenken: Der Stimmeffekt war ursprünglich gar nicht als ausgestelltes Gimmick konzipiert, erklärt der Pophistoriker Simon Reynolds in einem großen Überblick über die Geschichte dieser spezifischen Stimm-Modulation. Vielmehr ging es ursprünglich darum, Unebenheiten in der Stimmlage auszugleichen, um ein homogeneres Klangbild zu erzielen. "Die Vorliebe für diese Effekte und die Vorbehalte dagegen sind Teil desselben Syndroms. Hierin zeigt sich eine zutiefst in Konflikte verstrickte Verwirrung unseres Begehrens: Wir sehnen uns nach dem Echten und Wahren, während uns die Perfektion des Digitalen und die damit einhergehenden Möglichkeiten und Flexibilitäten fortlaufend verführen. Deswegen kaufen junge Hipster überteuertes Vinyl - wegen der Aura des Authentischen und der analogen Wärme, während sie im Alltagsgebrauch dann doch den Komfort der Downloadcodes in Anspruch nehmen. Doch hat es jemals so etwas wie 'natürlichen' Gesang gegeben? Zumindest seit der Erfindung von Aufnahmetechniken, Mikrofonen und Live-Verstärkern? An den Wurzeln des Rock'n'Roll steht Elvis Presleys von einem Rückwandecho ummantelte Stimme. Mit großer Begeisterung haben die Beatles künstliches Double-Tracking eingesetzt, ein von Ken Townsend, dem Studiotechniker der Abbey Roads, erfundenes Verfahren, das den Gesang stärker betont, indem eine zweite Gesangsspur leicht asynchon an das identische Original angelegt wurde. John Lennon veränderte das natürliche Timbre seiner Stimme, indem er sie auf variabel rotierende Leslie-Lautsprecher legte und die Bandgeschwindigkeit seiner Aufnahmen verlangsamte. Hall-, EQ- und Phasing-Effekte, aufgeschichtete Gesangsspuren und die Technik, die besten Takes zu montieren, um auf diese Weise ein übermenschliches Pseudo-Event hervorzubringen, das als Echtzeit-Performance nie stattgefunden hat - all diese sich immer mehr als Standard etablierenden Studiotechniken spielen an der Integrität dessen herum, was das Ohr des Hörers erreicht. Und all dies geschah noch vor der digitalen Ära mit ihrer großflächig erweiterten Palette an Modifikationsmöglichkeiten."

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - Pitchfork

Rihanna - Popgöttin und Modediva. Rebecca Bengal hat schon einige von Rihannas Kolleginnen auf dem Olymp gesehen - aber keine hat so viel Eindruck hinterlassen, schreibt sie. "Vielleicht das Bewundernswerteste an ihr ist, dass sie mit dem selben Aplomb anspruchsvolle und weniger anspruchsvolle Mode tragen kann. Olivier Rousteing von Balmain, einer der ersten großen Designer, der Rihanna mit offenen Armen aufgenommen hat, verglich sie mit Prince, Michael Jackson und David Bowie. ... Wir lieben jene Rihanna, die totalen Glamour verströmt, wenn sie die mit Silber ausgeschmückte, den Körper umschmeichelnde Robe trägt oder jenes tiefrote Kleid, als sie durch den Spiegelsaal von Versailles tanzte und als erste schwarze Frau das Gesicht einer Werbekampagne von Dior wurde. Wir lieben aber auch jene Rihanna, die mit ihrer Vorliebe prunkt, einfach gar keine Hosen zu tragen, wenn ihr gerade danach ist, ob nun im Club, auf der Straße oder in den ersten Reihen einer Modeshow - einfach eine Jacke oder ein Kapuzenpulli oder ein T-Shirt, vielen Dank. Wir lieben jene Rihanna, die sich auf Instagram beim Kiffen zeigt, die Rihanna, die aus einem Restaurant, einem Event oder Club stürmt, ein gefülltes Glas Wein in der Hand - eine gleichermaßen von zahlreichen Modeblogs und Time dokumentierte Verhaltensweise (was im übrigen nicht zu ihrem Nachteil gereicht: In diesem Jahr wurde Rihanna von diesem Magazin zu einer der einflussreichsten Personen der Welt gekürt). ... Regelmäßig adressiert sie ihre 88 Millionen Twitter-Follower und 62 Millionen Instagram-Follower als beste Freunde, an die sie ihre Mode-Selfies wie persönliche Geschenke verteilt. Das ist Popstartum zum Mitmachen: Die Alltagsoutfits, der Straßen-Stil, der Bühnenlook und die Cinderella-Momente auf dem Roten Teppich gehören auch den Fans. In ihrem Kleiderschrank finden sich endlose Anknüpfungspunkte, Orte, mit denen sich jeder ihrer Fans identifzieren und für sich beanspruchen kann."