Magazinrundschau - Archiv

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24 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 3

Magazinrundschau vom 09.04.2019 - Tablet

Einen besseren Text über Alain Finkielkraut, zugleich über das gegenwärtige Klima in Frankreich, wird man so bald nicht finden. Und dabei ist Paul Bermans Essay ein Essay über einen Essayisten und zugleich eine Hommage, die auch zu einer berührend schlichten Aussage fähig ist: "Ich frage mich, ob es irgendwo in der Welt einen besseren Essayisten gibt." Indirekt ist Bermans Text auch eine Hommage auf Finkielkrauts große intellektuelle Liebe, den katholischen Dichter Charles Péguy, der zu den wenigen Dreyfus-Verteidigern aus seinem Milieu zählte. Was Finkielkraut an Péguy so liebt, erklärt Berman, ist, dass er es nicht bei der trockenen Vernunft des dreyfusianischen Arguments beließ, sondern das Vernunftargument mit der Liebe zur französischen Republik koppelte. Eine Rolle spielte natürlich, dass diese Liebe die französischen Juden einschloss: "Jemand sollte mal eine umfassende Anthologie aller warmherzig projüdischen Schriften von nicht jüdischen Autoren zusammenstellen", schlägt Berman vor: "Es würde kein dicker Band. Péguys verstreute Seiten über die Juden in 'Notre jeunesse', seinen Erinnerungen an die Dreyfus-Affäre von 1910, würden das halbe Buch füllen. Dass der junge Alain Finkielkraut von Péguy hingerissen war, ist leicht zu verstehen. Er startete ein Péguy-Revival, das zu einem lebenslangen Projekt wurde. Und er erneuerte einige von Péguys Gedanken für eigene Zwecke und verband sie in fruchtbarer und innovativer Kombination mit Ideen, die seine eigene Originalität ausmachen, die ich als patriotisch französisch, empört jüdisch, instinktiv rebellisch und (wie Péguy sagen würde) prophetisch beschreiben würde."

Außerdem im Tablet Magazine: ein Essay des Judaisten Jon D. Levenson über fortbestehende Muster christlichen Antisemitismus in weit moderneren christlichen und säkularen Diskursen.

Magazinrundschau vom 22.01.2019 - Tablet

In diesem Jahr hat die Revolution im Iran vierzigsten Jahrestag. Tablet widmet dem Ereignis und seinen Folgen gleich ein ganzes Dossier. In einem der Artikel stellt Asher Shasho Levy die jüdisch-persische Musikerin Maureen Nehedar vor, die 1979 im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern nach Israel emigrierte. Die Liebe zur persischen Musik aber blieb, zumal diese schon lange stark von Juden geprägt war: "Die Ära der Ṣafavid-Herrschaft (1501-1736), die den schiitischen Islam als offizielle Religion des neu vereinten Iran etablierte, brachte einen dramatischen Wandel im sozialen Status der Musik mit sich. Während dieser Zeit galt die gesamte nicht-liturgische Musik als haram (religiös verboten); die einzige erlaubte Musik war die von Geistlichen für religiöse Veranstaltungen genehmigte. Dieses Verbot bedrohte die Entwicklung und das Überleben der reichen Traditionen der persischen Musik. Doch die persische Musik gedieh und entwickelte sich in den Händen derer, die nicht an diese Einschränkungen gebunden waren: Dhimmi wie Zoroastrier, Armenier und vor allem Juden."

Hier singt Nehedar ein altes Liebeslied: "Juni Juni"


Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Tablet

Auch Claire Lehmann will von Identitätspolitik, wie sie heute praktiziert wird, nichts wissen. Zum Teil ist es einfach eine Karrierestrategie, auf seinen angeblich verletzten Gefühlen rumzureiten, meint sie. Zum anderen ist Identitätspolitik genau das Gegenteil von Multikulturalismus: "Menschen haben eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Zusammenarbeit und Solidarität - auch mit denen, mit denen sie nicht verwandt sind -, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Nachbar in ihrem Team ist. Ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Bindungen helfen den Menschen, kulturelle, ethnische oder religiöse Unterschiede zu überwinden. Wenn AktivistInnen die Unterschiede zwischen den Kulturen betonen und versuchen, Grenzen zu ziehen und diejenigen zu bestrafen, die aus der Reihe tanzen, dann schafft dies die Voraussetzungen für eine Eskalation von Intoleranz und Spaltung. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie Erfolg haben."
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Magazinrundschau vom 06.02.2018 - Tablet

Adam Kirsch bespricht den von Marie-Luise Knott herausgegebenen Briefwechsel zwischen Gerschom Scholem und Hannah Arendt, der nun auch auf Englisch vorliegt (auf Deutsch hatten wir den Band seinerzeit vorgeblättert). Besonders beeindruckt ihn der Streit der beiden über den Zionismus - gegen den Arendt ab 1948 eine prononciert kritische Position einnimmt: "Liest man ihr 'Zionism Reconsidered' heute noch einmal, ist es bemerkenswert, wie viele von Arendts Warnungen sich als prophetisch herausstellten. Nicht klar wird aus der Lektüre aber, ob die vergangenen siebzig Jahre ohne die Existenz Israels als jüdischem Staat besser gewesen wären. Arendts Art, die Politik am Ideal zu messen, statt sie als Kunst des Möglichen zu sehen, trägt zu ihrer Bedeutung als politische Philosophin bei, aber es führt auch dazu, dass sie bei der Analyse der aktuellen Tagespolitik versagt."

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - Tablet

In einem letzten Gespräch mit David Samuels, etwa ein Jahr vor seinem Tod, spricht Aharon Appelfeld über seine Familie, seine Ankunft in Israel und darüber, wie sich dort seine neue Sprache, das Hebräische, formte: "Ich hatte nie einen Lehrer, ich habe es mir selbst beigebracht. Als ich nach Israel kam, hatte ich mein bisschen Hebräisch verlernt. Ich verlor mein Deutsch. Ich verlor mein ukrainisches Russisch. Ich verlor die Brocken Rumänisch, die ich konnte. Alle Sprachen meiner Jugend hatte ich verloren." Das Yiddische half ihm: "Es gab damals Yiddisch-Vorträge in Tel Aviv. Das ging gegen den Ethos des Zionismus. Aber als junger Mann, mit 14, 15, 16 17 Jahren ging ich in jeden Yiddisch-Vortrag. Es gab Momente, in denen das Hebräische und das Yiddische vermischt wurden."

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - Tablet

In der Kosmologie der Criticial Whiteness, ist nicht der Rassismus das Problem, sondern das Weißsein. In den USA hat vor allem der Autor Ta-Nehisi Coates diesen Diskurs aus akademischen Nebendisziplinen in die öffentliche Debatte gebracht, als er in Atlanic proklamierte, dass Donald Trump das Weißsein zu einer "existenziellen Gefahr für das Land und die Welt" gemacht habe. In Tablet dröhnen Wesley Yang die Ohren, nicht nur weil das Denken in Identitäten immer Voraussetzung für rassistische Unterdrückung war, sondern auch weil diese Dogmatik voller Halbwahrheiten sich gegen jede Kritik abschotten kann: "Die Prämisse, die ihr zugrunde liegt ist einfach: Es gibt kein Weißsein ohne Herrschaft über Nicht-Weiße und keine Mannsein ohne Herrschaft über Frauen. Weder das eine noch das andere kann auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben. Es sind vielmehr Identitäten, die in Genozid, Kolonialismus und Sklaverei ihren Ursprung haben und die sich eben dann immer wieder gewaltsam manifestieren, wenn sie auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben wollen. Sie erlauben dem weißen Mann nicht nur, wie Aaron Bady sagt, sie zwingen ihn dazu, seine eigene privilegierte Erfahrung als normal zu betrachten und alle anderen als mindere Kopien seiner eigenen Existenz."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - Tablet

Im März 2012 tötete Mohamed Merah in Toulouse den französischen Soldaten Imad Ibn-Ziaten, vier Tage später die Soldaten Mohamed Legouad und Abel Chenouf, er schoss auch auf Loïc Liber, der als einziger überlebte. Zwei Tage später baute er sich vor der Ozar ha Torah Schule in Toulouse auf und erschoss einen Vater und drei Kinder. Mohamed wurde später von einem Sicherheitskommando getötet. Seinem Bruder Abdelkader, einem fanatischen Islamisten, wurde in Toulouse der Prozess gemacht. Marc Weitzmann hört die Zeugenaussagen und ist entsetzt, wie die muslimischen Hinterbliebenen vom Staat, ihren eigenen Imamen und linken Weltverbesserern behandelt wurden: Die Polizei behandelte sie als Verdächtige. "Ein anderer Grund für ihre Einsamkeit war die fehlende Unterstützung durch andere Muslime. Nicht ein Repräsentant der muslimischen Organisationen in Frankreich zeigte Solidarität und kondolierte ihnen. Nicht einer besuchte den Prozess oder machte auch nur die kleinste öffentliche Geste in ihre Richtung. Der Gegensatz zu den jüdischen Familien hätte nicht frappierender sein können ... Nein, die Juden, die so allein in der französischen Gesellschaft sind, waren nicht allein im Gerichtssaal. Aber die muslimischen Familien waren es. Kein Imam zeigte sich. Keiner der Linken, die so eifrig gegen 'Islamophobie' protestieren und den Rassismus und die soziale Diskriminierung verteufeln, schrieb auch nur ein einziges Wort der Unterstützung für Ibn Ziaten und die Lagouen Familien."

In einem zweiten, ebenfalls sehr lesenswerten Artikel beschreibt Weitzmann das an Berlin erinnernde totale Versagen der französischen Behörden im Fall Merah.

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Tablet

Paul Berman spricht sich in einer Reminiszenz an den "Summer of Love" zwar gegen LSD aus, aber sein kleiner Text klingt, als hätte er in Hommage auf sein früheres Ich doch nochmal eine Pille geschluckt. Außerdem liest er ein Buch von Danny Goldberg zum Thema. Berman ist tatsächlich um die Ecke von Haight und Ashbury aufgewachsen und war damals alt genug, um sich zu fragen, was für seltsame Wesen diese Hippies waren: "Hippie-Fahrer nahmen Hippie-Tramper mit. Den Joint zu teilen, war heilig. Aber wo lag die Quelle dieser Solidarität? Ich glaube, es war ein antisentimentales Lachen, ein bitteres, scharf feindseliges. Goldberg erinnert daran, dass Ronald Reagan 1967 zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde und sagte: 'Ein Hippie ist einer, der aussieht wie Tarzan, geht wie Jane und riecht wie Cheetah.' Hippietum war die massenhafte Erkenntnis, dass selbst der Rhythmus von Reagans Witz abstoßend war. Hippietum war ein Schauder des Ekels vor der Falschheit dieser Sorte von Witz. Ein Ekel vor sentimentalen Ahnungen, vor Selbstzufriedenheit, ein weiser und wissender Ekel vor dieser abschreckenden Geruchlosigkeit. Hippietum war der Zorn Cheetahs."

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - Tablet

Mit leichter Hand hingeworfen und doch überraschend und informativ liest sich David Mikics' Gesprächsporträt über den Computerwissenschaftler (und das Unabomben-Opfer) David Gelernter, der in Deutschland berühmt wurde, als ihn Frank Schirrmacher als einen der Vordenker der "Dritten Kultur" lancierte - Gelernter traf perfekt das von Schirrmacher ersehnte Profil eines Avantgardisten, der im Herzen erzkonservativ ist: Er gibt es selber gerne zu, rät zu Internetzensur und Wahrung der Sitten und betont, dass Kinder lieber richtig Mathe lernen sollen, statt gleich mit dem Coden anzufangen: "Sie müssen sich zum Coden hocharbeiten. In Amerika will man sich heutzutage zu nichts mehr hocharbeiten." Und er unterstützt Donald Trump, in dessen wissenschaftlichem Beraterstab er gerne mitwirken würde: "Es ist schwierig für mich nachzuvollziehen, dass Gelernter mit seiner Neigung zu altmodischer Höflichkeit, die einst Amerika regierte, irgendetwas an Trump respektabel finden kann. Aber Gelernter ist ein geborener Ikonoklast, und es gibt kaum eine bessere Methode, in der akademischen Welt als schwarzes Schaf zu erscheinen, als zu sagen, dass der Präsident doch alles in allem gar nicht so übel sei."

Außerdem jetzt online: Sean Coopers witzige und lange Reportage über einen Content-Marketing-Kongress aus dem Mai-Heft.

Magazinrundschau vom 18.07.2017 - Tablet

Marc Weitzmann führt die ungläubigen (und gläubigen) Leser in die Labyrinthe der jüdischen Gemeinden in Frankreich ein. Anlass ist der Tod der Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Ministerin Simone Veil und der Streit darum, dass auf ihren Wunsch der Kaddisch bei ihrer Trauerfeier von einer Rabbinerin gelesen wurde. Das führte zu Attacken orthodoxer Juden: "Die liberale Bewegung unter den französischen Juden wird seit Jahrzehnten marginalisiert. Eine Frau, noch dazu als Rabbinerin, den Kaddisch lesen zu lassen, wird von einem beträchtlichen Teil der in den Gemeinden aktiven Juden als unkoscher betrachtet. Die meisten von ihnen kommen aus dem Maghreb und haben sich in den sechziger Jahren angesiedelt, nachdem sie aus den ehemaligen Kolonien geflohen waren. Die meisten Lubawitscher und orthodoxen Juden, die man heute im traditionell jüdischen Pariser Stadtteil Marais sieht, kommen aus Tunesien und sprechen das Jiddisch, das sie an der Schule und nicht etwa zu Hause gelernt haben."

Dass es auch in den jüdischen Gemeinden der USA Reibungen gibt, zeigt Emma Greens Atlantic-Artikel über die Frage, wie konservative und orthodoxe Juden (was nicht dasselbe ist) mit "gemischten" Ehen umgehen.