Magazinrundschau - Archiv

Tablet

19 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2
Zurück | 1 | 2 | Vor

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - Tablet

In der Kosmologie der Criticial Whiteness, ist nicht der Rassismus das Problem, sondern das Weißsein. In den USA hat vor allem der Autor Ta-Nehisi Coates diesen Diskurs aus akademischen Nebendisziplinen in die öffentliche Debatte gebracht, als er in Atlanic proklamierte, dass Donald Trump das Weißsein zu einer "existenziellen Gefahr für das Land und die Welt" gemacht habe. In Tablet dröhnen Wesley Yang die Ohren, nicht nur weil das Denken in Identitäten immer Voraussetzung für rassistische Unterdrückung war, sondern auch weil diese Dogmatik voller Halbwahrheiten sich gegen jede Kritik abschotten kann: "Die Prämisse, die ihr zugrunde liegt ist einfach: Es gibt kein Weißsein ohne Herrschaft über Nicht-Weiße und keine Mannsein ohne Herrschaft über Frauen. Weder das eine noch das andere kann auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben. Es sind vielmehr Identitäten, die in Genozid, Kolonialismus und Sklaverei ihren Ursprung haben und die sich eben dann immer wieder gewaltsam manifestieren, wenn sie auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben wollen. Sie erlauben dem weißen Mann nicht nur, wie Aaron Bady sagt, sie zwingen ihn dazu, seine eigene privilegierte Erfahrung als normal zu betrachten und alle anderen als mindere Kopien seiner eigenen Existenz."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - Tablet

Im März 2012 tötete Mohamed Merah in Toulouse den französischen Soldaten Imad Ibn-Ziaten, vier Tage später die Soldaten Mohamed Legouad und Abel Chenouf, er schoss auch auf Loïc Liber, der als einziger überlebte. Zwei Tage später baute er sich vor der Ozar ha Torah Schule in Toulouse auf und erschoss einen Vater und drei Kinder. Mohamed wurde später von einem Sicherheitskommando getötet. Seinem Bruder Abdelkader, einem fanatischen Islamisten, wurde in Toulouse der Prozess gemacht. Marc Weitzmann hört die Zeugenaussagen und ist entsetzt, wie die muslimischen Hinterbliebenen vom Staat, ihren eigenen Imamen und linken Weltverbesserern behandelt wurden: Die Polizei behandelte sie als Verdächtige. "Ein anderer Grund für ihre Einsamkeit war die fehlende Unterstützung durch andere Muslime. Nicht ein Repräsentant der muslimischen Organisationen in Frankreich zeigte Solidarität und kondolierte ihnen. Nicht einer besuchte den Prozess oder machte auch nur die kleinste öffentliche Geste in ihre Richtung. Der Gegensatz zu den jüdischen Familien hätte nicht frappierender sein können ... Nein, die Juden, die so allein in der französischen Gesellschaft sind, waren nicht allein im Gerichtssaal. Aber die muslimischen Familien waren es. Kein Imam zeigte sich. Keiner der Linken, die so eifrig gegen 'Islamophobie' protestieren und den Rassismus und die soziale Diskriminierung verteufeln, schrieb auch nur ein einziges Wort der Unterstützung für Ibn Ziaten und die Lagouen Familien."

In einem zweiten, ebenfalls sehr lesenswerten Artikel beschreibt Weitzmann das an Berlin erinnernde totale Versagen der französischen Behörden im Fall Merah.

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Tablet

Paul Berman spricht sich in einer Reminiszenz an den "Summer of Love" zwar gegen LSD aus, aber sein kleiner Text klingt, als hätte er in Hommage auf sein früheres Ich doch nochmal eine Pille geschluckt. Außerdem liest er ein Buch von Danny Goldberg zum Thema. Berman ist tatsächlich um die Ecke von Haight und Ashbury aufgewachsen und war damals alt genug, um sich zu fragen, was für seltsame Wesen diese Hippies waren: "Hippie-Fahrer nahmen Hippie-Tramper mit. Den Joint zu teilen, war heilig. Aber wo lag die Quelle dieser Solidarität? Ich glaube, es war ein antisentimentales Lachen, ein bitteres, scharf feindseliges. Goldberg erinnert daran, dass Ronald Reagan 1967 zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde und sagte: 'Ein Hippie ist einer, der aussieht wie Tarzan, geht wie Jane und riecht wie Cheetah.' Hippietum war die massenhafte Erkenntnis, dass selbst der Rhythmus von Reagans Witz abstoßend war. Hippietum war ein Schauder des Ekels vor der Falschheit dieser Sorte von Witz. Ein Ekel vor sentimentalen Ahnungen, vor Selbstzufriedenheit, ein weiser und wissender Ekel vor dieser abschreckenden Geruchlosigkeit. Hippietum war der Zorn Cheetahs."
Stichwörter: Paul Berman, Hippies, 1967

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - Tablet

Mit leichter Hand hingeworfen und doch überraschend und informativ liest sich David Mikics' Gesprächsporträt über den Computerwissenschaftler (und das Unabomben-Opfer) David Gelernter, der in Deutschland berühmt wurde, als ihn Frank Schirrmacher als einen der Vordenker der "Dritten Kultur" lancierte - Gelernter traf perfekt das von Schirrmacher ersehnte Profil eines Avantgardisten, der im Herzen erzkonservativ ist: Er gibt es selber gerne zu, rät zu Internetzensur und Wahrung der Sitten und betont, dass Kinder lieber richtig Mathe lernen sollen, statt gleich mit dem Coden anzufangen: "Sie müssen sich zum Coden hocharbeiten. In Amerika will man sich heutzutage zu nichts mehr hocharbeiten." Und er unterstützt Donald Trump, in dessen wissenschaftlichem Beraterstab er gerne mitwirken würde: "Es ist schwierig für mich nachzuvollziehen, dass Gelernter mit seiner Neigung zu altmodischer Höflichkeit, die einst Amerika regierte, irgendetwas an Trump respektabel finden kann. Aber Gelernter ist ein geborener Ikonoklast, und es gibt kaum eine bessere Methode, in der akademischen Welt als schwarzes Schaf zu erscheinen, als zu sagen, dass der Präsident doch alles in allem gar nicht so übel sei."

Außerdem jetzt online: Sean Coopers witzige und lange Reportage über einen Content-Marketing-Kongress aus dem Mai-Heft.

Magazinrundschau vom 18.07.2017 - Tablet

Marc Weitzmann führt die ungläubigen (und gläubigen) Leser in die Labyrinthe der jüdischen Gemeinden in Frankreich ein. Anlass ist der Tod der Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Ministerin Simone Veil und der Streit darum, dass auf ihren Wunsch der Kaddisch bei ihrer Trauerfeier von einer Rabbinerin gelesen wurde. Das führte zu Attacken orthodoxer Juden: "Die liberale Bewegung unter den französischen Juden wird seit Jahrzehnten marginalisiert. Eine Frau, noch dazu als Rabbinerin, den Kaddisch lesen zu lassen, wird von einem beträchtlichen Teil der in den Gemeinden aktiven Juden als unkoscher betrachtet. Die meisten von ihnen kommen aus dem Maghreb und haben sich in den sechziger Jahren angesiedelt, nachdem sie aus den ehemaligen Kolonien geflohen waren. Die meisten Lubawitscher und orthodoxen Juden, die man heute im traditionell jüdischen Pariser Stadtteil Marais sieht, kommen aus Tunesien und sprechen das Jiddisch, das sie an der Schule und nicht etwa zu Hause gelernt haben."

Dass es auch in den jüdischen Gemeinden der USA Reibungen gibt, zeigt Emma Greens Atlantic-Artikel über die Frage, wie konservative und orthodoxe Juden (was nicht dasselbe ist) mit "gemischten" Ehen umgehen.

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - Tablet

Über die extrem bedrängte Lage Homosexueller im Iran schreibt Arsham Parsi in einem Iran-Dossier des Magazins - die Lage verbessert sich offenbar auch nicht unter dem "Reformer" Hassan Rohani: "Menschenrechtsaktivisten berichten, dass seit der Machtergreifung des Ayatollah Khomeini 1979 über 4.000 Angehörige sexueller Minderheiten hingerichtet wurden. Allerdings schätzt man, dass die Anzahl und Häufigkeit von Hinrichtungen noch viel höher ist, weil die Menschen oft unter Anklagen wie Vergewaltigung, Betrug oder Verrat verurteilt werden, um zu rechtfertigen, dass man sie als Kriminelle ansieht. Diese veschleierten Anklagen erlauben es der iranischen Regierung, die Bestrafung schwuler Iraner zu verbergen, während gleichzeitig das Recht der Minderheiten, ihre Leben zu führen, eingeschränkt und die Umstände der Hinrichtungen verdunkelt werden."

Passend ein jetzt online gestellter älterer Artikel von Aditi Angiras im Himal Magazin, der den Memoirenband des indischen homosexuellen Aktivisten Siddharth Dube liest - immerhin aber gibt es in Indien Anzeichen für eine Lockerung der Politik und für eine Abschaffung des aus Kolonialzeiten stammenden  Paragrafen 377 des indischen Strafgesetzbuchs, der Homosexualität, aber auch alle nicht-koitalen Sexualpraktiken verbietet.

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - Tablet

Wenn es um die Vor- und Frühgeschichte von Punk geht, wird meist die desolate Situation im New York der frühen 70er als urbaner Nährboden für den schroff-ironischen, auch vor Nazi-Symbolen nicht halt machenden Zynismus der frühen Proto-, Krypto- und tatsächlichen Punks genannt. Dass zahlreiche Protagonisten in diesem Umfeld aus jüdischen Familien mit einschlägigen historischen Erfahrungen stammen (Alan Vega, Lou Reed, Lenny Kaye, Chris Stein, Jonathan Richman zum Beispiel), wird in dieser Perspektivierung meist bis zur Unterschlagung vernachlässigt, schreibt Steven Lee Beeber. Punk - eine Reaktion also auf die Traumata der Shoah unddie Eichmann-Prozesse? Beeber macht diesen Punkt jedenfalls stark: "Ist es wirklich überraschend, dass die Kids, die im Fernsehen den Eichmann-Prozess gesehen haben, später Bands wie die Dictators und Shrapnel gründeten? Und Songs schrieben, die 'Master Race Rock' und 'Blitzkrieg Bop' hießen? Mit Textzeilen wie 'First rule is, the laws of Germany; second rule is, be nice to mommy; third rule is, don't talk to Commies; fourth rule is, eat kosher salamis'? In ihrem Essay 'Notes on Camp' schreibt Susan Sontag darüber, dass Juden und Homosexuelle auf jeweils sehr eigene Weise auf Unterdrückung reagieren: Juden mit der Waffe der 'moralischen Ernsthaftigkeit' und Homosexuelle mit der Ironie von 'Camp'. Die Juden, die Punk erschufen, reagierten mit einer neuen Sensibilität - einer Art von 'Concentration Camp'."

Und hier die Ramones mit ihrem "Blitzkrieg Bop":


Magazinrundschau vom 14.03.2017 - Tablet

Paul Berman nimmt für die Reflexion der laufenden Ereignisse die Vogelperspektive ein. Von sehr weit oben betrachtet geht für ihn nun die 1968 eingeläutete Phase der "liberalen Revolution" zu Ende - der "Arabische Frühling" war ein letztes Aufflackern dieser Revolte für eine gesellschaftliche Modernisierung -, und mit Brexit und Trump hat die Phase der Konterrevolution begonnen, für deren engstirnigen Identitarismus aber auch der Islamismus steht: "Die liberale Revolution hat fünfzig Jahre lange gedauert, bis die Konterrevolution sie hinwegfegte. Wie lange wird diese dauern? Wir wissen nur, dass wir es nicht wissen. Sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 hatte kein einziger ernstzunehmender Experte ihren Ausgang einigermaßen akkurat vorhergesagt. Das heißt nicht, dass politische Experten in den USA dumm sind. Es heißt, dass wir in eine neue Ära eingetreten sind, in der die analytischen Begriffe der Vergangenheit nicht mehr greifen - ein Grund mehr, Angst zu haben."

Magazinrundschau vom 24.01.2017 - Tablet

David Samuels führt ein quicklebendiges Interview mit Bernard Henri Lévy, dessen Buch "The Genius of Judaism" gerade in Amerika erscheint. Lévy spricht über Sartre, Borges, Benny Lévy und nicht ohne Spitzen auch über Alain Finkielkraut: "Ich respektiere ihn. Er ist einer der französischen Autoren heute, für die ich Achtung habe. Er ist ein guter Schreiber und ehrlicher Denker. Aber ich stimme ihm in nichts zu. Er ist ein Denker, und die größte Uneinigkeit liegt im Thema Identität. Ich scheiße auf Identität. Ich scheiße drauf. Identität ist eine philosophische Frage, die mich nicht interessiert... Für mich ist Identität ein Gefängnis, eine Begrenzung unseres Seins, ein Mythos, eine Illusion. Ich kann nichts damit anfangen... Und dann diese Frankreich-Obsession. Klar, was in Frankreich passiert, ist sehr wichtig. Aber es ist auch nicht das Ende der Welt. Ich war immer gegen Provinzialismus. Frankreich langweilt mich sehr schnell."

Magazinrundschau vom 06.12.2016 - Tablet

Faszinierend liest sich Jacob Siegels ausführliches Porträt des jüdischen Autors Paul Gottfried, eines brillanten, aber nie arrivierten Intellektuellen, der zu den Erfindern der Alt-Right-Bewegung gehört und als Mentor des viel jüngeren Alt-Right-Anführers Richard Spencer gilt. Unter anderem lernt man einiges über das jüdische Leben in Amerika - als ungarischer Jude habe Gottfried stets missbilligend auf die russischen Juden herabgeblickt, die bei den Neocons eine Rolle spielten. Interessant ist auch Siegels ideologische Analyse von Gottfrieds Ideen, die auf eine Revision des Begriffs des Faschismus hinausläuft: "In seinem Buch 'Fascism: The Career of a Concept' begründet Gottfried, warum der 'ursprüngliche Faschismus' Spaniens und Italiens einer anderen Art angehörte als der deutsche Nazismus. Hitler, so das Argument, war nicht eigentlich ein Faschist, sondern die rechtsextreme Antwort auf Stalin. Vor ein paar Jahren wäre das als eine interessante, ein bisschen abstrakte Historikerdebatte erschienen. Heute ist klar, dass es auch einem politischen Zweck dient. Es nimmt rechtsextremer Politik das Stigma des 'Faschismus'. Gleichzeitig hilft es eine ganze Gruppe von Begriffen zu retten, die von der Assoziation mit dem Faschismus infiziert sind, wie 'ethnischer Nationalismus' oder 'Race Science' und sie zur Wiederverwendung tauglich macht."
Zurück | 1 | 2 | Vor