Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 14.08.2018 - HVG

András Hont vergleicht die neurechten Entwicklungen in Ungarn mit der Situation in den USA und stellt wesentliche Unterschiede fest, wobei auch abzusehen ist, dass die ungarische Regierung ihren nächsten Gegner im Sinne einer neuaufgelegten "geistig-moralischen Wende" bereits als Ziel erfasste: die kulturelle und wissenschaftliche Elite des Landes. "Die revolutionäre Rhetorik - abgesehen davon, dass sie von der getanen Arbeit ablenkt und statt dessen die anstehenden 'Herausforderungen' zum Thema macht - soll die jugendliche Leidenschaft befeuern. Die Revolte allerdings wird ein wenig dadurch aus der Bahn geworfen, dass die herrschende Macht hinter den Revolutionären steht. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der hiesigen Bewegung und den Verhältnissen jenseits des Atlantiks. Die Künstlerwelt von Hollywood und New York, die amerikanische Universitätsaristokratie sind stark und einflussreich - unabhängig von Trumps Sieg. In Ungarn fechten Vertreter der kulturellen und wissenschaftlichen Elite ihre letzten Überlebenskämpfe. Betrachten wir die Ereignisse des Sommers, den begonnenen Kulturkampf, werden genau sie die neuen Ziele der Revolution werden und nicht die Europäische Kommission oder das 'Netzwerk von Soros'."

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - HVG

In der vergangenen Woche verstärkte sich die in Regierungskreisen geführte Debatte über die grundlegende Änderung der Kulturpolitik hin zu einem markanten rechten Kurs in den Film- und Theaterkünsten sowie in der Literatur. Der vorläufige Höhenpunkt wurde letzten Samstag im rumänischen Tusnad erreicht, wo der ungarische Ministerpräsident bei seiner jährlichen Ansprache vor den dort lebenden Ungarn umwälzende Veränderungen im Bereich der Kultur ankündigte, ohne näher auf Einzelheiten einzugehen. "Die neuen Angriffe passen in den Zeitgeist, der in Ermangelung eines besseren Begriffs mit dem Namen Trump beschrieben werden kann", kommentiert Péter Hamvay. "Der konservative ungarische Magen muss es noch verdauen, dass die Angelegenheiten der Welt nunmehr von Milo Yiannopulos gedeutet werden. Aus dieser Sicht sind der bereits zur Seite gedrängte ehemalige Kulturminister Géza Szőcs, die aufs Abstellgleis geschobene ehemalige Direktorin des Balassi Instituts Judit Hammerstein oder der Direktor des Petőfi Literaturmuseums Gergely Prőhle so unerwünschte, 'obsolete' Figuren, wie alle linksliberalen Intellektuellen. Viktor Orbán muss sich lediglich zurücklehnen und zugucken, wie die Intelligenzija in diesem Kulturkampf verblutet, damit ihr Platz von Publizisten, welche 'die Sprache des Volkes' besser verstehen, übernommen werden kann."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - HVG

Der Historiker Gábor Klaniczay (CEU) wurde vor kurzem zum ordentlichen Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt. Aus diesem Anlass sprach er mit Péter Hamvay über sein bedrohtes Lebenswerk: "Wenn ich es in einem tragischen Ton formulieren müsste, würde ich sagen, dass das gegenwärtige Regime alles vernichten will, wofür ich in meinem Leben gekämpft habe. Trotzdem sage ich, dass die letzten dreißig Jahre für mich die Zeit des Schaffens, der Gründung und Entwicklung waren und ich weiß, dass Vieles davon erhalten bleiben wird, gleichgültig was die Regierung unternimmt. In den 19 Jahren des Collegium Budapest wirkten viele hundert Wissenschaftler in Ungarn, die Budapester Bücherschau (BUKSZ) existiert noch und auch die Central European University steht. Es wäre eine unverzeihliche Sünde, sie zu verjagen, denn mit ihr ist hier in Budapest etwas aufgebaut worden, wovon bereits Matthias Corvinus träumte: eine internationale Ideenfabrik in Ungarn, die es uns erlaubt, an den internationalen Diskursen teilzunehmen können und Zutritt zur geistigen Elite der Welt zu gewinnen."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 17.04.2018 - HVG

2011 protestierte der Pianist und Dirigent András Schiff "gegen Rassismus und zunehmende diktatorische Tendenzen" in Ungarn und sagte alle seine weiteren Konzerte und Auftritte in Ungarn ab. In Berlin wird er jetzt an der Bareinboim-Said-Musikakademie die Klasse für Klavier leiten. Kurz vor den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag erklärte er im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi, was in Ungarn zu jener gesellschaftlichen "qualitativen Veränderung" führen könnte, die er 2011 als Bedingung für seine Rückkehr benannt hatte: "'Qualitative Veränderung' bedeutet, dass wir die Geschichte aufarbeiten müssen, wir müssen uns damit konfrontieren und daraus lernen. Mit der Anklage anderer und mit Selbstmitleid werden wir nicht weit kommen. (...) Ich möchte hoffen, dass noch zu meinen Lebzeiten jene allgemeine qualitative Veränderung eintritt, welche die Rückkehr ermöglicht. Wir bräuchten mehr Verständnis, Geduld und Hilfsbereitschaft."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - HVG

Ungarn heute erinnert den Theaterregisseur und Hochschullehrer Tamás Ascher im Gespräch mit Péter Hamvay  stark an das sozialistische Ungarn in den siebziger Jahren: "Der Mensch steht heute vor den selben Problemen wie damals: erneut ist es zur moralischen Frage geworden, welche Zuwendungen, Einladungen und Arbeiten angenommen werden können, welcher Zeitung ich Interviews gebe, welche Art von Kontakten zu staatlichen Institutionen oder zu den Repräsentanten des Staates noch annehmbar sind. An die Siebziger erinnert ebenfalls, dass der Mensch (zusammen mit anderen Kollegen) beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen und wahrscheinlich auch im Radio auf eine schwarze Liste gesetzt wird - worauf ich - wie damals - eher stolz bin."

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - HVG

Der Bildhauer András Sándor Kocsis war bis Januar Vorsitzender der Ungarischen Verleger und Buchhändler (MKKE) für die er seit 1991 arbeitete. Im Interview spricht er u.a. über Konstanten und Veränderungen. "Ich glaube schon, dass das in die Augen schauen vor 1325 Jahren eine ähnliche Bedeutung hatte wie heute. Die Affekte, die Liebe ändern sich kaum dramatisch, auch wenn sie von Zeit zu Zeit neu bewertet werden. Die fanatisierende Politik heute weckt tragischerweise mit ihrer Sprache und mit der Verbreitung der Nachrichten und Lügen ungeheuerliche Affekte. (...) Jeder Politiker müsste sich daran erinnern, dass es wesentlich leichter ist, den Brunnen mit Zyankalitabletten zu vergiften, als ihn später zu reinigen, was ziemlich unmöglich ist. Und eine genauso schlimme und auch die Zukunft betreffende Sünde ist es, die Seele einer Gesellschaft zu vergiften."

Magazinrundschau vom 13.03.2018 - HVG

Der 78-jährige Filmregisseur und Produzent Pál Sándor meldete sich vor kurzem mit dem Kostümfilm "Vándorszínészek" (Wanderschauspieler) zurück. Im Interview mit Ilda G. Tóth spricht er über das Fehlen zeitgenössischer Filme und warum er - zuvor durchaus produktiv - seit der Wende lediglich drei Spielfilme gedreht hat. "Ich kann mich zur Zeit nur durch Überlieferungen mit der Gegenwart beschäftigen. Als ich die Natur der Macht gut kannte, wagte ich es 'heutige' Filme zu machen. Jetzt stehe ich ratlos da. Oft fühle ich mich in meiner Umgebung nicht wohl. (...) Ich bin einen Schritt zurück getreten, weil sich 1989 etwas in unserem Leben ereignet hat. Es dauerte, bis ich bemerkte, wohin es uns verschlug. Vielen ging es so nach der Wende, das ganze Land versuchte sich in diesem vollkommen Neuen zu positionieren. Es hieß: die Freiheit ist hier. Dann stellte es sich heraus, dass die Freiheit ein wenig komplizierter ist als einfach nur hier zu sein."

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - HVG

Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht die Lyrikerin Krisztina Tóth u.a. über die Kompromisse, die man in Ungarn oft mit dem gegenwärtigen Regime schließen muss: "Viele treffen schmutzige Abmachungen, weil sie denken, dass sie nur ein Leben haben und in diesem einen Leben müssen sie die materiellen Zuwendungen maximieren. Doch zu diesem Leben gehört auch, was wir hinterlassen. Selbst kleinere Kompromisse dürfen nicht geschlossen werden, denn es ist sehr schwer, wieder zurück zu rudern. (...) Oder man manövriert zwischen Kompromissen, die zwangsläufig die Persönlichkeit beschädigen und erodieren. (...) In der zweiten Hälfte der achtziger Jahren, als ich erwachsen wurde, gab es ein gemeinsames Augenzwinkern, dass das System nicht mehr lange dauert. Die heutige Situation ist frustrierender. Wir wissen nicht, wann es zu Ende geht und welche Spuren und Wunden es an den Körpern, in den Seelen und in den Gehirnen hinterlässt."

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - HVG

Auch Ungarn gedenkt in diesem Jahr des Ersten Weltkriegs, der vor hundert Jahren endete. Mit der Organisation und Durchführung von Gedenkveranstaltungen wurde wie zuvor beim Holocaustgedenkjahr und im Gedenkjahr zur Revolution von 1956 die Historikerin Mária Schmidt und das von ihr geleitete "Haus des Terrors" beauftragt. Der Historiker und Publizist Péter Konok findet das fast folgerichtig, bringt man die nötige Portion schwarzen Humors dafür auf: "Selbstverständlich sind wir hier nicht im Reich der Vergangenheit unterwegs und auch nicht in der Rekonstruktion einer Vergangenheit, sondern im Rahmensystem einer heutigen propagandistischen und manipulativen Quasiwirklichkeit. ... Und so dient das Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg vor allem der Umstimmung der historischen Verantwortung. Der Leitfaden ist einfach aufzuspulen: fremder Angriff, nationale Einheit, glorreiches Kämpfen, Neuanfang, erfolgreiches Ungarn. Die demokratische Revolution von 1918, das zerstörerische Tun des hasenschartigen Károlyi, die Aufteilung des Landes und dann der Aufstieg und die Herrschaft von Miklós Horthy - wir kennen das Chanson. Ich könnte schreiben, dass uns nicht viel Überraschendes ereilen kann, doch ich könnte mich leicht irren: Wir könnten es noch erleben, dass György Soros den Friedensvertrag von Trianon unterschrieb."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - HVG

Ab März wird die von der Orban-Regierung gegründete Ungarische Kunstakademie (MMA) die Auszahlung einer monatlichen Künstlerrente vornehmen. Das umstrittene Institut soll die Anträge nicht überprüfen, für die Zusatzrente sollen in diversen Bereichen vergebene staatliche Auszeichnungen mittleren Grades ausschlaggebend sein. Die sofort entbrannte Debatte thematisierte zunächst ob überhaupt etwas von der MMA akzeptiert werden dürfe, denn mit diesem Schritt wäre sie gänzlich legitimiert. Auf der anderen Seite ist die Altersversorgung von Künstlern seit Jahrzehnten ungelöst. Péter Hamvay schreibt dazu: "Die Frage der Künstlerrenten war bereits vor der Wende ein problematisches Thema: Im Sozialismus waren die meisten Künstler nicht angestellt, sie lebten von ihren übersichtlichen Honoraren und erhielten aus einem staatlichen Fond eine sehr bescheidene Versorgung. Nach der Wende waren sie meist als Kleinunternehmer - oder wie es damals hieß Zwangsunternehmer - tätig. Die monatliche Künstlerrente ist eine logische Konsequenz des fragwürdigen staatlichen Anerkennungssystems - ob man es als die Anerkennung der Besten bezeichnet, als politisches Druckmittel auffasst oder als Honorarsystem für regimetreue Dienste ansieht. Jedenfalls ist ersichtlich, dass die Regierung wesentlich mehr für alte und namhafte Künstler ausgibt als für die ideologielose Unterstützung der jungen und mittleren Künstlergenerationen."
Stichwörter: Ungarn, Künstlerrente