Magazinrundschau - Archiv

HVG

173 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 18

Magazinrundschau vom 08.01.2019 - HVG

Was genau zeichnet eigentlich Populismus aus, fragt sich der Schriftsteller Gergely Péterfy, vor allem den Populismus, der in uns allen stecken mag: "Kommunismus und Faschismus mochten inmitten ihrer satanischen Taten als Engel der Kraft und der Schönheit erscheinen; der Populismus lernte soviel vom Liberalismus, dass er sich darum nicht bemüht. Er ist kein vor Kraft strotzender und von der erdrückenden Last der Traditionen befreiter Proletarier, der die Laufrichtungen der Flüsse ändert, Stahl gießt, den Bourgeois zertritt und Gleichheit und Brüderlichkeit erschafft; er ist auch nicht der blonde blauäugige Arier, der mit Siegfried'scher Urkraft die Herrschaft des spöttischen Zynismus, der verdorbenen Gene und des Geldes beendet. Das revolutionäre Ideal des Populismus ist eine plattfüßige, fettwanstige, prinzipenlose, egoistische, feige, hässige, lügnerische, habgierige und hirnlose Gestalt. Darin liegt seine Zauberkraft: endlich ein Ideal, dem man entsprechen kann. Das Menschenideal der liberalen Welt ist ironisch, tolerant, neugierig, solidarisch, offen und selbstreflexiv. Dieses Ideal lädt gewaltige Lasten auf den Menschen. Die Hälfte der Menschheit kann damit nichts anfangen: manchmal vielleicht auch ich nicht, oder auch du nicht, lieber Leser. Jene, die sich liberal nennen, wären alle und immer so? Bei weitem nicht! Das Teufelchen ist im Inneren. Von dort muss es verbannt werden."

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - HVG

Der Publizist Tamás Gompez kommentiert in der Neujahrsausgabe der Wochenzeitschrift HVG den bedenklichen Schritt der Regierung, in der Nacht des ersten Weihnachtsfeiertags die Statue des Ministerpräsidenten der 1956er Revolution, Imre Nagy aus der Nähe des Parlaments entfernt zu haben. Zuvor äußerten sich mehrere prominente Persönlichkeiten des Orbán-Regimes kritisch und zum Teil ablehnend über Imre Nagy, der nach der Niederschlagung der Revolution in einem Scheinprozess verurteilt und hingerichtet worden war. Interessant ist dieser Schritt weiterhin, weil der gegenwärtige Ministerpräsident Orbán mit einer Rede bei der symbolischen Wiederbestattung von Imre Nagy 1989 seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte und eine breite Bekanntheit erlangte. Die Veranstaltung selbst wird als Meilenstein der "Wende" angesehen: "Was für eine Macht entfernt mitten in der Nacht aus der Nähe des Parlaments die Statue jenes Politikers, der wegen seiner führenden Rolle in der 1956er Revolution von der kommunistischen Diktatur hingerichtet und in ein unmarkiertes Grab gestoßen wurde? Die Betonung liegt nicht auf 'entfernen' sondern auf 'mitten in der Nacht'. Weil jeder weiß, was für eine Macht die Statue jenes Menschen entfernt hat, dessen symbolische Wiederbestattung als Anfangspunkt der Gründung der freien und demokratischen Republik gilt, bekannter als: die Wende. Es ist eine Macht, die die Freiheit genau so hasst wie die Demokratie, jedoch für Symbolik wohl ein Gefühl hat. (...) Der Platz vor dem Parlament sollte den Rahmen eines nationalen Konsenses verkörpern und so bringt die Entfernung der Statue von Imre Nagy zum Ausdruck, dass der durch das kommunistische Regime ermordete Ministerpräsident nicht mehr Teil der Werteordnung und des die Identität bestimmenden Kanons der politischen Gemeinschaft Ungarns ist."
Stichwörter: Nagy, Imre, Ungarn

Magazinrundschau vom 18.12.2018 - HVG

Nach einer Zählung des Investigativ-Portals Átlátszó werden im kommenden Jahr 476 Zeitungen, Magazine, Internetportale, Radio- und Fernsehsender in der neu errichteten regierungsnahen Medienstiftung programmatisch vereint. Die bisherigen Eigentümer - alle als regierungsnahe Oligarchen bekannt - übertrugen ihre Eigentumsrechte auf die Stiftung ohne eine Entschädigung. Yvette Szabó und Richárd Tóth denkenüber die Gründe für diese großzügige Transaktion nach. "Die Schenkungslust der bisherigen Eigentümer zeigt genau, dass sich die Medien lediglich solange rechnen, wie die Staatsmacht die von ihr kontrollierten Anzeigen- und Werbeausgaben direkt oder indirekt in Richtung dieser Firmen lenkt. Daraus folgt, dass das neue Stiftungsvermögen lediglich solange einen Wert hat, wie der Staat dahinter steht. Die Existenz der Stiftung ist lediglich in einem politischen Abhängigkeitsverhältnis interpretierbar, marktbasiert ist sie wertlos. Beobachter stellen fest, dass Orbán mit dieser Umstrukturierung für Jahrzehnte die Struktur und Kontrolle der Presse organisieren will. Dass ein eventueller Regierungswechsel seine Pläne zunichte machen könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn."
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Magazinrundschau vom 11.12.2018 - HVG

László Seres rekapituliert einige Entscheidungen der ungarischen Regierung und fragt, warum die nationalkonservative Regierung das Land so widerstandslos in Richtung Moskau treiben lässt: "Viktor Orbán vollzieht ganz allmählich mit dem Land einen Spurwechsel, und wir alle fahren mit. Seit Jahren lässt er in der ungarischen Botschaft in Moskau eine Visumsfabrik für den Schengenraum betreiben, mit deren Hilfe mehrere Tausend zweifelhafte Gestalten ins Land gelangen konnten … Mit an den Haaren herbeigezogenen Ausreden verhindert er die Annäherung der Ukraine und nun auch Mazedoniens an die Nato. Er verfolgt kritische NGOs und vertreibt die Central European University aus Ungarn. Zufällig verstößt keiner dieser Schritte gegen den Willen des Kremls. Und wenn wir zu den Ereignissen der vergangenen Tage hinzufügen, dass Orbán bereit ist, die Hilfe der amerikanischen Altright-Größe Steven Bannon für die Wahlen zum Europaparlament anzunehmen (womit er zeigt, dass ihm die Europäische Volkspartei offensichtlich gleichgültig geworden ist), dann erscheint es klarer, was sich hier gerade abspielt und in welche Richtung wir uns gerade bewegen. Die Frage ist nun nicht mehr, warum dies alles für ihn gut ist, sondern warum soll es für das Land gut sein?"
Stichwörter: Orban, Viktor, Ungarn

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - HVG

Die wissenschaftsfeindliche Atmosphäre in Ungarn verstärkt noch modernisierungsablehnende und kulturpessimistische Haltungen, befürchtet der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler Péter Róna: "Die ungarische Gesellschaft sucht nicht nach einem Lenker und einem System, das hilft die Rahmenbedingungen für ein lebenswertes Leben zu setzen, sondern sie wartet auf einen Führer, der sagt, was passieren soll und für den Gehorsam Schutz verspricht. Es gibt keine Opposition, denn auch sie wartet auf einen Führer, hinter dem man sich aufreihen kann. Aber das Verlangen nach Unterordnung ist die Verneinung der moralischen Autonomie des Individuums und letztlich die Verneinung der Demokratie. Rechtstaatlichkeit, das System der 'Checks and Balances', bleibt solange ein Fetisch, bis wir nicht geklärt haben, wie wir die Rolle des Staates sehen, was wir von ihm und von uns erwarten. Ich befürchte, dass die Mehrheit genau das erwartet, was eingetreten ist."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 25.09.2018 - HVG

Der Schriftsteller János Térey denkt in der HVG über Inspiration und der Förderung von Kunst in "kulturkämpferischen Zeiten" nach: "Es ist gut, wenn Kunst anerkannt wird, ein Segen wenn dafür gezahlt wird und zwar viel. Und trotzdem halte ich es nicht für eine gesunde Situation - eigentlich halte ich es sogar für unverantwortlich - wenn unser Überleben ausschließlich vom schriftstellerischen Funktionieren abhängt, denn jenes Funktionieren wird von einer besonderen Stimmung - nennen wir es Inspiration oder Flow - ermöglicht, einer begnadeten Lage, in der alles mit allem zusammenhängt, ein prickelndes Getöne, wenn 'die PCs zuvor grüßen' wie bei Esterházy. Ich muss darauf warten. Und wenn die Inspiration da ist, kann sie auch schnell wieder gehen. Ich kann abstürzen. Ich schätze die tägliche Bereitschaft der Journalisten, doch als Schriftsteller kann ich nicht jeden gesegneten Tag talentiert sein. (…) Gegenwärtig denke ich viel darüber nach, ob ich wieder einen bürgerlichen Beruf ausüben sollte. Sicherlich werde ich kein Gärtner und auch kein Schiffskapitän mehr, doch es wäre gut die Literatur als Leidenschaft beizubehalten, wie es als Teenager begann."

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - HVG

Der Publizist Sándor Révész betont den universalen Charakter des Holocaust und plädiert dafür, dass die Holocaust-Erinnerung in Ungarn nicht gänzlich zu einer Angelegenheit der jüdischen Gemeinden wird: "Es sollte auch nicht beklatscht werden, wenn die Scheinheiligen des Regierungslagers mit gespaltener Zunge bei allen möglichen Anlässen den Holocaust als Tragödie der ungarischen Nation deklarieren und betonen, dass es 'ungarische Staatsangehörige' waren, die 1944 in den Tod deportiert wurden. Als wären die aus den nicht ungarisch-sprachigen Gebieten verschleppten Deportierten keine Opfer. Als wären neunzig Prozent der Opfer des Holocaust ohne ungarische Staatsbürgerschaft weniger Opfer, als jene, die durch den ungarischen Staat und durch den von Viktor Orbán wiederholt angepriesenen Staatsmann, Miklós Horthy, an die Henker ausgeliefert wurden. Wer über die tragischen Erkenntnisse des Holocaust in Ungarn sprechen will, der sollte nicht die nationale Zugehörigkeit der Opfer betonen, sondern die Mitwirkung von Ungarn."

Magazinrundschau vom 18.09.2018 - HVG

Die Schriftstellerin Terézia Mora spricht im Interview mit HVG über den nach den Wahlen im April entbrannten sogenannten "Kulturkampf" in Ungarn, bei dem es auch um eine Neubestimmung des literarischen Kanons im Sinn der nationalistischen Regierung geht. "Dieser sogenannte 'Kulturkampf' begann bereits vor Jahren bei den ausländischen Buchmessen. Die ungarische Seite lud mich als Moderator ein, und ich nahm das Gespräch mit dem von mir hochgeschätzten ungarischen Schriftsteller gerne an. Bald gab es dann einen weiteren, von der ungarischen Seite bevorzugten Autor als Teilnehmer. Daraufhin sagte ich den Auftritt ab. Die ungarische Seite strich dann die ganze Veranstaltung und so konnte sich keiner der beiden Autoren vorstellen. (...) Die ungarische Seite war tief beleidigt, als viele sich nicht mehr instrumentalisieren lassen wollten. Die nicht lesende Masse wird sicherlich das Mantra wiederholen, dass Esterházy und die anderen Herausgepickten keine guten Schriftsteller seien. Und mit der obligatorischen 'christlich-nationalen Erziehung' in den Kindergärten kann die Regierung wohl auch den Literaturkanon neu schreiben, wie es früher unter der marxistisch-leninistischen Werteordnung geschah - wenn die Eltern dies so zulassen."
Stichwörter: Mora, Terezia, Ungarn

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - HVG

Die aus Siebenbürgen stammende Schriftstellerin und Theaterkritikerin Andrea Tompa wägt im Interview mit Zsuzsa Matrahazi die Erfolgsaussichten der durch die Regierung versuchten Neuausrichtung des Literaturkanons ab. "Nach meiner achtzehn Jahre dauernden Erfahrung mit einer Diktatur kann ich sagen, dass Menschen keine schlechten Werke oder Propagandaveröffentlichungen lesen. Kunst, die einer äußeren Erwartung entsprechen will, ist nie gut. Sie wäre auch nicht gut, wenn ich zum Beispiel den imaginierten Erwartungen Péter Esterházys entsprechen wollte. Auch die Exemplare der 'Nationalbibliotheks'-Reihe schmücken lediglich die Zimmer von Schuldirektoren auf dem Lande, doch die Menschen in der U-Bahn lesen etwas anderes. Ich hoffe, dass die vom Markt lebende Literatur nicht so ausgeliefert ist, wie das Theater oder andere Felder, die auf staatliche Institutionen angewiesen sind. Aber leider kann es das Überleben der Literatur durchaus beeinflussen, wenn Museen, Kulturhäuser und Bibliotheken, die Autoren-Leser-Begegnungen organisieren, sich den kulturkämpferischen Vorgaben beugen und gewisse Schriftsteller nicht mehr einladen."

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - HVG

In den vergangen Wochen wurden mehrere konservative Medienunternehmen von regierungsnahen Oligarchen übernommen und dann entweder ganz eingestellt (wie die Wochenzeitschrift Heti Válasz) oder durch die Entlassung kritischer Journalisten über Nacht auf Regierungslinie gebracht, wie der Nachrichtensender HírTV und die populärwissenschaftliche Zeitschrift Kommentár. Péter Hamvay ahnt, warum das Regierungslager die Wochenzeitschriften bisher in Ruhe gelassen hat: "Bei der Machtübernahme von Fidesz 2010 waren die kritischen Medien in der Mehrheit, heute herrscht in beinahe jedem Segment ein Übergewicht der Regierungsmedien. Ausnahmen bilden die Wochenzeitschriften und die Online-Nachrichtenportale. Beim ersteren sind nicht nur die Titeln in der Mehrheit (Élet és Irodalom, Magyar Narancs, HVG, 168 óra) sondern auch die Auflage. Jedoch handelt es hierbei um Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von fünfzig- bis sechzigtausend, die lediglich ein schmales, politisch bewusstes und anspruchsvolles intellektuellen Milieu erreichen. Nicht ohne Grund ist dies die am schwersten erreichbaren Leserschaft für die mit der Wiederholung von einfachen Slogans operierenden Regierungsmedien. Und es ist auch kein Zufall, dass die Regierung anstatt diesen Nachteil aufzuholen, sich in der Zukunft eher um die Einverleibung des Fernseh- und Online-Marktes konzentrieren wird, wo die größten Skalps zu holen sind, nämlich RTL und Index."
Stichwörter: Fidesz, Oligarchen