Magazinrundschau - Archiv

HVG

364 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 37

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - HVG

Die Soziologin Andrea Szabó ermuntert die ungarische Gesellschaft, die Chancen ernst- und wahrzunehmen, die durch den Wahlausgang im April (unsere Resümees) entstanden sind: "Der dritte Systemwechsel, die dritte Wende wird nur dann mehr sein als nur ein Wechsel der Machthaber, wenn die neue Macht keine neuen Loyalitätsstrukturen aufbaut, sondern sich selbst Grenzen setzt. Politische Selbstbeschränkung, eine tatsächliche Gewaltenteilung, die Stärkung der Kontrollinstanzen, öffentliche Entscheidungsfindung, unabhängige, auf fachliche Eignung basierende Postenbesetzungen sowie die transparente Verwendung öffentlicher Gelder. Das sind keine technischen Details. Das sind die Grundvoraussetzungen für den Aufbau von Vertrauen. (…) Die große Chance der Wahlrevolution von 2026 besteht darin, dass die ungarische Gesellschaft nicht nur eine neue Regierung, sondern auch ein neues Verhältnis zur Macht schaffen kann. Kein Verhältnis als Untertanen, als Bewunderer oder als zynische Außenstehende, sondern als mündige Bürger. Vertrauen, aber kein blindes Vertrauen und schon gar kein bedingungsloser Gehorsam."
Stichwörter: Ungarn, Szabo, Andrea

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - HVG

Die Publizistin Réka Kinga Papp mahnt nach den Wahlen in Ungarn, dass die neue Regierung sich vor allem auf Partizipation und Inklusion konzentrieren sollte: "Die demokratische Landkarte der EU sieht ramponiert aus; und in (solch einer) Situation muss die Zweidrittelmehrheit an der Tisza ein - auch auf internationaler Ebene nutzbares - Beispiel für demokratische Wiedergutmachung und Wiederaufbau geben. Wie? Die Wähler, die Fidesz massenhaft den Rücken kehren, sind nicht plötzlich zu demokratisch engagierten, ihren Mitmenschen gegenüber barmherzigen, gutgläubigen Teamplayern geworden. Die Zerstörungsarbeit der Orbán-Regierungen hat die Staatsverwaltung und den politischen Apparat in ihren Grundfesten erschüttert. Zurück blieb ein ausgehöhltes, handlungsunfähiges institutionelles System, was sowohl Nachteil als auch Chance ist. Es gibt kaum institutionelle Unbeweglichkeit, die unprofessionellen, überzentralisierten und auf politische Anpassung ausgerichteten NER-Gremien stürzen hintereinander wie ein Kartenhaus zusammen. Man kann also bei Null anfangen - das ist ein Risiko und eine riesige Aufgabe. Im Schatten des NER haben mehrere Generationen engagierter Fachleute eine neue Art partizipativerer demokratischer Arbeitsweise erlernt, und auf der Ebene der Kommunalverwaltungen haben viele Wähler bereits erste Erfahrungen damit gemacht. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, ob die Tisza-Regierung in der Lage sein wird, dieses, von unten kommendes Wissen zu integrieren und zu nutzen. Das Sexappeal von Péter Magyar nach seinem Erscheinen lag gerade darin, dass er das Orbán-System von innen kannte. Wir werden sehen, ob neben ihm auch diejenigen genügend Raum erhalten, die die demokratische und gerechte Funktionsweisen von innen kennen."
Stichwörter: Magyar, Peter, Ungarn

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - HVG

In HVG beschreibt Beate Balog die Bedeutung der ungarischen Wahlen für die Slowakei und für die Situation der ungarischen Minderheit in der Slowakei: "Fico pflegte in erster Linie gute Beziehungen zu Orbán, nicht zu den Ungarn", erinnert sie. "Was sich mit dem Sieg von Péter Magyar tatsächlich geändert hat, ist, dass Fico nun nicht mehr vorgeben muss, Interesse an der ungarischen Minderheit zu haben. Der Konflikt zwischen den beiden Staatschefs wird jedoch keinen ethnischen Charakter haben", vielmehr gehe es um die Korruption, die eine neue Wirtschaftselite hat entstehen lassen, die nichts an den Staat wird zurückgeben wollen. "Es ist kein Zufall, dass wir auch in der Slowakei mit angehaltenem Atem auf das Ergebnis der Wahlen in Ungarn gewartet haben - als wären wir selbst zur Wahl gegangen. Die Medien berichteten minütlich, mit dem Gefühl, dass wir eine für uns ebenfalls schicksalhafte Wahl verfolgen. Viele ungarische Mitbürger in der Slowakei, die Orbán nicht unterstützt haben, konnten nach langer Zeit das Gefühl haben: Diese Unterstützung ist keine Voraussetzung mehr dafür, ein 'guter Ungar' zu sein. Denn wir sind alle miteinander verbunden - schicksalhaft, im Kampf für die Demokratie."

Magazinrundschau vom 21.04.2026 - HVG

Der Schauspieler Ervin Nagy wird nach den Wahlen als zukünftiger Minister für Kultur gehandelt. Er stellte sich sehr früh neben den jetzigen Wahlsieger Péter Magyar und nahm damit Rückschritte in seiner Karriere in Kauf. Ervin Nagy spricht im Interview mit Andrea Szabo über seine Pläne und Ambitionen als möglicher zukünftiger Minister. "Als bloße Dekoration würde ich natürlich weder ins Parlament noch ins Ministerium gehen. Ich möchte eine wichtige Rolle dabei spielen, das ungarische Kulturleben wieder an die europäischen Tische, in die europäischen Netzwerke und an die europäischen Fördermittel heranzuführen, den Rahmen für kulturelle Vielfalt zu gestalten und vor allem einen 'Kulturfrieden' zu schaffen. (…) Tatsächlich ließ die Verjüngung des Theaterlebens lange auf sich warten, und damit hat die Modernisierung des Theaters an Boden verloren. Wenn es nach mir geht, werden wir nicht so konservativ sein; talentierten jungen Menschen muss Raum, ja Theater geboten werden." Dafür lohnt es sich auch - zumindest vorerst - die Bühne zu verlassen, meint er: "Mir als kreativem Menschen eröffnet die Politik Perspektiven, die mich mit größerer Begeisterung erfüllen, als noch diese oder jene Rolle im Theater oder im Film zu spielen. Wenn ich zum Beispiel dabei helfen kann, ein internationales Filmfestival ins Leben zu rufen, das POSZT (das frühere Theaterfestival - Anm. d. Red.) in einer Provinzstadt neu zu organisieren, und ich dann bei den Off-Programmen junge Leute mit strahlenden Augen treffe und sehe, dass sie sich freuen, in einem so tollen europäischen Land zu leben, wäre das für mich eine riesige Freude. Bestimmte Teile der ungarischen Kultur gleichen derzeit einer Mondlandschaft, die wieder mit Leben gefüllt werden muss."

Magazinrundschau vom 14.04.2026 - HVG

Viktor Orbán wurde am Sonntag nach 16 Jahren Regierungszeit abgewählt. Árpád W. Tóta kann es in der Online-Ausgabe von HVG noch kaum fassen: "Es wird Phasen geben wie bei einer Trauer. Ungläubigkeit. Der Verdacht, dass es doch nicht wahr ist, dass wir doch wieder aufwachen werden. Angst, denn wir haben uns schon daran gewöhnt. Wir haben uns gewehrt, aber wir haben uns eingerichtet. Wir hatten Strategien, Geschäftspläne und Witztechniken dafür. Ein metastasierender Krebs verschwindet, der sich in jeder Faser und jedem Innersten festgesetzt hat. Wir wissen gar nicht mehr, wie gut es ohne ihn ist. Wir können gar nicht aufzählen, was sie alles gestohlen, zerstört und unter ihren Arsch gesteckt haben. Denn so ist die Staatspartei, und so war Fidesz. Wirtschaft, Kultur, Schule, Presse, Glaube, Straßenbild, unsere Außen- und Bündnisbeziehungen, unser Schlafzimmer. Es war ein ständiger Kampf, sich ihrer Sprache und ihrer engstirnigen Weltanschauung zu entziehen. (…) Die Vernichtung ist vollständig. Orbán und seine Bande erzählen seit Jahrzehnten, dass sie die Nation seien. Und seit Jahrzehnten erklären wir ihnen, dass das nicht stimmt. Die Nation ist größer und vielfältiger als jede Partei. Für Argumente und Logik waren sie taub. Es bedurfte einer emotionalen Wende um zu beweisen: Sie sind ganz sicher nicht die Nation. Höchstens eine seltsame Subkultur davon."

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - HVG

Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht die Schauspielerin Dorka Gryllus u.a. über ihre Erfahrungen als Regisseurin und ihr Leben in Budapest und in Berlin. "Ich glaube nicht, dass das Regieführen eine Flucht nach vorne ist. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mit neunzehn, als ich am Set von 'Sátántangó' beschloss, Schauspielerin zu werden, gesagt, dass ich Filmregisseurin werden will. Aber damals wurden wir darauf trainiert, hübsch und niedlich zu sein und keine eigenen Ideen einzubringen. Als ich einmal zu einem Regisseur sagte: 'Hör mal, ich habe darüber nachgedacht…', unterbrach er mich: 'Ach, Dorka, denk bloß nicht nach.' Es hat lange gedauert, bis ich anfing das, was ich mir ausdachte, als wertvoll zu empfinden. (…) Ich habe viel an Béla Tarr gedacht, als er starb, und mir erneut Interviews mit ihm angesehen. Diese Art von künstlerischer Hartnäckigkeit, Selbstbewusstsein und Kompromisslosigkeit, die er ausstrahlte, war mitreißend und wunderbar. Bei diesen Dreharbeiten, als ich neunzehn war, verspürte ich Euphorie. Das Gefühl, dass dort im Schlamm, im Dreck etwas ganz Großes geschieht, dass das das Leben ist. (…) In Ungarn sind meine Wurzeln stark, ich bin Teil des Netzwerks, viele kennen meine Eltern, ich kenne auch ihre Familien. Hier bin ich zu Hause, aber diese Art des freien Denkens, die ich in Berlin erlebe, ist ein notwendiger Teil meines Lebens. (...) Die Kommunikation ist dort direkt, während die Ungarn immer um den heißen Brei herumreden und ihre Meinung hinter den Sätzen verstecken."

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - HVG

In der vergangenen Woche wurden Berichte veröffentlicht, wonach in den letzten vier Wochen Wahlkampf für die anstehenden Parlamentswahlen mit einer verstärkten Einmischung Russlands zugunsten der Partei Viktor Orbans zu rechnen sei. Seitens der Regierung gab es weder eine Bestätigung noch Dementis. Die aus Siebenbürgen stammende Publizistin Boróka Parászka liefert Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit aus Rumänien und Moldawien, wie man solchen Einmischungsversuchen erfolgreich begegnen kann: "Rumänien und Moldawien haben bereits eine solche Belagerung durchgestanden, die nun auf Ungarn abzielt. Deshalb wissen wir, dass man sich an solche Eingriffe gewöhnen und sie meistern kann. Dazu braucht es genügend Humor und Realitätssinn, und man darf niemals vergessen, dass unverantwortliche Entscheidungen einen hohen Preis haben können." Die Orban-Konkurrenten müssten "begreifen, dass es keine Stimmen gibt, die man verschwenden darf. Die Stimmen der im Ausland lebenden Doppelstaatsbürger, der Landbewohner und der Stadtbewohner zählen alle. (...) Eine zweite Chance gibt es nicht. (…) Mit seiner letzten großen Anstrengung hat Rumänien die Demokratieprüfung bestanden. Es hat sich gezeigt, dass selbst die krasseste Propaganda ausgehebelt werden kann, und dass es sich deshalb lohnt, auch mit jenem politischen Konkurrenten zusammenzuarbeiten, den man sonst nicht im Geringsten ausstehen kann. Das Beispiel Rumäniens und Moldawiens ist eindeutig: Es ist schwer, aber nicht unmöglich, auch gegen den Putinismus und den daran anknüpfenden Orbánismus zu gewinnen. In diesem Spiel gibt es nur einen einzigen Wurf, darauf muss sich Ungarn vorbereiten."

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - HVG

Die junge Judit Polgár beim Blitzschach.

Vor kurzem hatte auf Netflix eine Doku über die ungarische Schachgroßmeisterin Judit Polgár Premiere, deren Leben als Inspiration für die Miniserie "Queen´s Gambit" diente. Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht die heute 50-jährige Polgár u.a. über die Regisseurin der Doku, Rory Kennedy, aber auch über die Anerkennung als Frau in der von Männern dominierten Schachwelt: "Die Männer machten mir mit Worten und Blicken klar, dass sie ein Mädchen für ungeeignet zum Schachspielen hielten. Kasparow, Fischer und andere waren grundsätzlich der Meinung, dass Frauen nicht klug genug seien, weder schachspielen noch dauernd unter Spannung stehen und kämpfen könnten. Als ich mit zehn Jahren einen internationalen Meister besiegte, begann ein anderer Spieler ihn zu foppen: 'Was ist los, hast du gegen ein kleines Mädchen verloren?' Darauf antwortete er: 'Warte, bis du selbst gegen sie spielst!' Aus diesem Grund war es den meisten unangenehm, gegen mich zu spielen. (…) Viswanathan Anand, der spätere fünffache indische Weltmeister, erklärte 2003, dass sie mich als Kollegin ansehen: 'Sie ist eine von uns.'"

Magazinrundschau vom 03.03.2026 - HVG

Anlässlich seines ersten Spielfilms "Feels like home" spricht der Regisseur Gábor Holtai im Interview mit Dóra Matalin über Auswirkungen autokratischer Mechanismen auf das Individuum: "Nicht nur in Ungarn werden die Stimmen immer lauter, die sagen, dass man für die eigene Sicherheit und den materiellen Wohlstand ein wenig Freiheit opfern muss. Ich mache Filme darüber, weil ich das Gefühl habe, dass wir derzeit keine Antwort auf diese autokratische Rhetorik und Manipulationstechnik in Verbindung mit Raubkapitalismus haben. (…) Es gibt Menschen, denen das nichts ausmacht und die auch begründen können, warum sie sich auf für sie finanziell äußerst vorteilhafte Situationen einlassen, die sie in demokratischeren Verhältnissen nicht erreichen könnten. Weil es gut für die Kinder und den Hund ist, weil wir in den Urlaub fahren können, weil meine Ehe dadurch glücklicher ist, weil wir gesünder sind, weil wir Geld für einen Privatarzt haben und so weiter. Es gibt viele Gründe, warum man sagen kann, dass so ein Mensch letztendlich Recht hat, dass dies berechtigte Ansprüche sind. Das Problem ist, dass es sich um kurzfristige Vorteile handelt, denn mit seiner Entscheidung konserviert er das System, das letztendlich nur einer sehr kleinen und immer kleiner werdenden Schicht zugute kommt. Es ist charakteristisch für Autokratien, dass die Zahl derer, die von ihren Vorteilen profitieren, immer weiter abnimmt."
Stichwörter: Ungarn, Autokratie, Holtai, Gabor

Magazinrundschau vom 24.02.2026 - HVG

Der letzte Film des Regisseurs Kornél Mundruczó, "At the Sea" mit Amy Adams in der Hauptrolle, lief im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Bálint Kovács spricht mit dem in Berlin lebenden Mundruczó u.a. über die allgemeine Situation in Ungarn sowie über die Möglichkeit, in den USA Filme drehen zu können. "Die kulturelle Entscheidungsfindung in Ungarn ist seit langem eindimensional. Ich verstehe, dass dies auf dem Papier demokratisch entstanden ist, und ich verstehe auch, dass dabei alle Seiten Verantwortung trugen. Die anzuerkennen ist wichtig. Aber inzwischen ist die Politik verkorkst und das öffentliche Leben giftig. Ein Neuanfang ist notwendig. Wir können nicht länger warten. Wir müssen mit der Heilung beginnen. Ein Land kann nicht von einem einzigen Gedanken, einem einzigen politischen Bedürfnis beherrscht werden, denn das führt niemals zu Gutem. Genauso wenig wie das Verschwinden von fachlicher Entscheidungsfindung, von Vertrauen und Vernunft. (…) Ich bin sehr froh, dass ich in den USA meine eigenen Drehbücher verwirklichen konnte, was eine Seltenheit ist; aber das hat auch dazu geführt, dass ich nicht für die großen Studios arbeite und nicht gebeten werde, Drehbücher anderer zu verfilmen. Das ist eine andere Art von Arbeit, für die ich - angesichts meiner geringen Flexibilität - wahrscheinlich auch nicht geeignet bin. Meine Filme haben ein sehr geringes Budget, und ich bin allen Schauspielern dankbar, die sich auf dieses Abenteuer einlassen - einschließlich Amy Adams, für die das ein Abenteuer ist, genau wie für mich. Ich mache englischsprachige Filme, weil ich keine ungarischsprachigen Filme machen kann. So dumm es auch klingen mag, ich würde mich über ein gesünderes Gleichgewicht freuen. Ich vermisse es sehr, in Ungarn zu drehen, ich vermisse ungarische Filme sehr."