Magazinrundschau - Archiv

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211 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 22

Magazinrundschau vom 12.10.2021 - HVG

Der aus Siebenbürgen stammende Dramatiker Csaba Székely spricht im Interview mit Erna Sághy u.a. über die Motive seines neuen Stückes (inszeniert von Róbert Alföldi), in dem es um die Behandlung von Schwulen und Lesben innerhalb der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen geht. "Ich wollte einfach ein Stück über die transsilvanischen Schwulen schreiben. Es hat mich interessiert, wie sich die Ungarn in Siebenbürgen gegenüber einer Minderheit in ihren Reihen verhalten. Sind sie in der Lage soviel Verständnis und Akzeptanz zu zeigen, wie sie es von der rumänischen Mehrheitsgesellschaft erwarten? Eindeutig nicht. Das ist eine gesellschaftliche Lektion: die Ungarn erwarten, dass die Gesellschaft ihnen gegenüber Verständnis zeigt, doch sind sie nicht bereit dieses der eigenen Minderheit entgegenzubringen. Dies wird damit begründet, dass Schwulen und Lesben nicht wirklich eine Minderheit seien und dann würden die Kategorien kommen, was Homosexualität alles sei. Diese Einstellung trifft sich mit dem Pädophilen-Gesetz, das alles über einen Kamm schert. Homosexuelle gelten als Perverse, als exhibitionistische Bürgerschrecks und Ähnliches. Schließlich kommen jene - homophoben - Phrasen, wonach alles mit ihnen in Ordnung sei, solange sie mich in Ruhe lassen."

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - HVG

Zum hundertsten Geburtstag des ungarischen Filmregisseurs Miklós Jancsó verehrt Istvan Balla den zum Nationalheiligen avancierten Künstler, der sich zu Lebzeiten nicht vereinnahmen lassen wollte: "Als oppositioneller Filmemacher trotzte er der Macht, obwohl diese ihn zum eigenen Kader zählte. Als marxistischer Künstler tänzelte er weg von der fröhlichen Gruppe der Oppositionellen, die ihn aber selbstverständlich für einen der ihren hielt. Die Volkstümlichen hätten ihn ebenfalls selbstverständlich zum Fahnenträger gemacht, doch stattdessen wählte er - scheinbar! - die Urbanen. Jeder, der damals in den Elfenbeinturm der hohen Kunst Einzug halten wollte, reklamierte ihn als seinen Paten ... Es steht außer Zweifel, dass Jancsós Lebenswerk bis zum heutigen Tage eines der bekanntesten ungarischen Kulturprodukte auf der Welt ist. Dessen Formsprache wird von Filmemachern wie Martin Scorsese, Guillermo del Toro, Michael Haneke oder Béla Tarr als Ausgangspunkt angesehen, seine Kunst wird an allen Filmhochschulen und Universitäten gelehrt."
Stichwörter: Jancso, Miklos

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - HVG

In einem Interview mit Péter Hamvay spricht der Historiker János Gyurgyák u.a. über die Aussichten des Landes bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2022 in Ungarn. "Es gab schon vier, fünf Momente in der Geschichte von Fidesz, da dache ich, hier steht eine Wand, da geht es nicht weiter, und dennoch ist keine Verbesserung eingetreten. Mittlerweile warte ich nicht mehr darauf, was soll man denn an diesem System verbessern. (...) Ich bin kein Politologe und vielleicht irre ich mich, aber ich verspüre keine Wechselstimmung. Denn selbst wenn die Opposition gewinnt, wird sie nicht die Kraft haben, das Orbán-System wegzufegen. (...) Der Historiker in mir sagt, dass sich Systeme in Ungarn für die Dauer eines Menschenlebens einrichten und das gegenwärtige hat auch noch Reserven. Doch für mich ist das nicht ausschlaggebend. Wenn sich das Land weiterhin in sinnlosen und ungewinnbaren erinnerungspolitischen Kämpfen verliert, dann wird es verbluten."
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Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - HVG

Péter Hamvay stellt eine Studie von Luca Kristóf vor, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die die Veränderungen innerhalb der ungarischen kulturellen Elite und die Auswirkungen des durch die Regierung seit 2010 forcierten Elitenwechsels untersucht wurden. Zwar sind die Veränderungen beträchtlich, aber die kulturelle Elite erwies sich zumindest in den letzten elf Jahren am resistentesten im Vergleich zu anderen Eliten des Landen. Die Situation lässt sich immer noch mit den Worten des verstorbenen Péter Esterházy beschreiben: "Einen Staatssekretär kann man ernennen, einen Dichter nicht." Vergeblich, so Hamvay, "wurden aus beinahe allen Institutionen die linksliberalen Künstler hinausgefegt, denn in den breiten Schichten der Gesellschaft werden sie weiterhin als maßgeblich betrachtet. (...) Laut der Studie wurde seit 2010 ein Viertel der kulturellen Elite ausgetauscht. Die Veränderung - die gleichzeitig ein Rechtsruck ist - betraf mit ca. 50 Prozent in erster Linie die Leitung der kulturellen Institutionen sowie die Medien, was erheblich ist. Dennoch gelang der Austausch der kulturellen Elite nicht in dem Maße wie zum Beispiel in der Wirtschaft."

Magazinrundschau vom 14.09.2021 - HVG

Der neue Film des Regisseuren Gábor Herendi stellt die Konfrontation eines drogenabhängigen Schauspielers mit seinem Psychiater in den Mittelpunkt (Toxikoma, 2021). Der Kritiker Gellért Kovács spricht im Interview mit Dóra Matalin über die Frage, warum das Thema Drogenkonsum - insbesondere in ländlichen Regionen - in ungarischen Filmen kaum thematisiert wird. "Bis zur Wende war es ein Tabu, danach scheint es, als hätten die Filmemacher hierzulande keinen Zugang zum Thema Drogen gefunden. Es sind vielschichtige Gründe, warum hiesige Filme nicht die aktuelle Drogensituation reflektieren und wenn dann nur als Witz oder in einem Nebenstrang. Es gab und gibt erfolgreiche Kultfilme im Ausland. (…) Und es ist nicht einfache mit ihnen im Wettbewerb zu stehen, eine neue Herangehensweise oder Ausdrucksform zu entwickeln. Darüber hinaus sind ungarische Filmschaffende stets hauptstadtbezogen, die Drogensituation auf dem Lande konnte so nicht ins Blickfeld geraten. Ein Film entsteht aber auch, wenn er gefördert wird, also hängt es in erster Linie von den Entscheidungsträgern ab, welche Werke es in die Kinos schaffen. Gegenwärtig sind Dramedys und historische Filme beliebt, das Zeigen zeitgenössischer Gesellschaftsfragen hingegen weniger. Aber neben den sich rasch verbreitenden Designerdrogen schaffen es auch andere brennenden Fragen des heutigen Ungarns nicht auf die Leinwand. Im Gegensatz zu Polen, oder Rumänien, wo solche Filme regelmäßig entstehen."

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - HVG

Die katholische Theologin Rita Perintfalvi spricht im Interview mit Györgyi Balla u.a. über den Verlust der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Ungarn heute: "Wenn die Regierung eine Gruppe - wie jetzt die Homosexuellen - kriminalisiert und bestraft, wäre es die Aufgabe der Kirche ihre Stimme zu erheben, sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. Doch die Kirche interessiert die Situation ihrer Gläubigen nicht, was kein Zufall ist, denn sie wird nicht von den Gläubigen am Leben gehalten. (...) Die Ungarische Katholische Kirche muss sich mit ihrer kommunistischen Vergangenheit auseinandersetzen, die IM-Akten müssen geöffnet werden, sie muss der eigenen politischen Prostituierung, der Verflechtung mit den gegenwärtigen Machthabern ein Ende setzen. Buße und Wiedergutmachung werden benötigt, nur so kann Glaubwürdigkeit bewahrt werden. Seit der Flüchtlingskrise 2015 beobachte ich, dass die ungarische Katholische Kirche ihren eigenen Sarg zimmert."

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - HVG

Der Schriftsteller László Végel spricht im Interview über die Lage der Ungarn in der (heute in Serbien liegenden) Vojvodina vor und nach dem Balkankrieg. "Vor dem südslawischen Krieg lebten die Ungarn in der Vojvodina verhältnismäßig konsolidiert, sie schlossen mit dem westlich lächelnden Titoismus einen Kompromiss, wobei seine Schulden und Verbrechen vergessen wurden. Ausreisen wollte kaum jemand. Die ungarischen Arbeiter, die vorübergehend in den Westen gegangen waren, kamen zurück und lebten wieder in ihrem Geburtsort. Ihre Dorfhäuser rissen sie ab, bauten postmoderne Villen und kauften Wochenendhäuser am Meer. Sie nannten sich stolz Ungarn aus der Vojvodina und in Ungarn selbst reisten sie wie westliche Touristen. Der Krieg unterbrach dies unwiederbringlich. Der Großteil der Ungarn verlor sein Selbstbewusstsein und die Bindung zur Heimat. (...) In den neunziger Jahren begann eine Auswanderung, die seitdem nur zunahm. Die zukünftigen Generationen müssen klären, wie es sein kann, dass es den Ungarn in der Vojvodina nach Meinung ungarischer und serbischer Politikern noch nie in der Geschichte so gut ging wie jetzt, obwohl die Abwanderung noch nie so massenhaft war wie jetzt."

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - HVG

Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht Regisseur Kornél Mundruczó u.a. über seinen neuen Film "Evolution", der dieses Jahr in der Sektion "Cannes Premières" gezeigt wurde. "Wir behielten die dreiteilige Struktur mit den polnischen, Budapester und Berliner Schauplätzen bei. Der erste Teil spielt im Januar 1945 in Birkenau, als das polnische Rote Kreuz anfängt in den Todeslager die Überlebenden einzusammeln. Der zweite Teil spielt 2013 in Budapest, der dritte in einer nicht so fernen postpandemischen Zukunft in Berlin. Es kein gängiges filmisches Narrativ, wonach wir drei ziemlich gleich lange Teile aus unterschiedlichen Epochen sehen, die über Sickerströmungen doch zusammenhängen. Mit 'Evolution' möchten wir ein über Generationen reichendes Problem zeigen, sowohl über die Aufarbeitung von Traumata, als auch über den Hass. (...) Wir wollten keinen Holocaustfilm machen, sondern einen Film über Identität im Wandel, darüber, was wir in uns tragen und was wir weitergeben."

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - HVG

Im Interview mit Péter Hamvay spricht der Regisseur und Schauspieler Róbert Alföldi über seine Rolle als Hendrik Höfgens in der "Mephisto"-Inszenierung von András Urbán, angekündigt als "zeitgenössisches Kabarett" im Budapester Theater Atrium: "Ich denke, dass Hendrik Höfgen kaum mit sich ringt, genau aus dem Grunde nicht, weil es keine rote Linie gibt. Es gibt nicht die eine dramatische Entscheidung, mit der du dich an die Macht verkaufst, sondern es gibt kleine, kaum bemerkbare Schritte Richtung moralischem Untergang. Ich denke nicht, dass die heutigen Hendrik Höfgens mit sich selbst ringen, wahrscheinlich denken sie, dass sie etwas Gutes tun. Das entlastet sie freilich nicht, denn jeder trifft die Entscheidungen selbst und es liegt in der eigenen Verantwortung, ob jemand die Situation erkennt. Auch wenn das In-den-Schoß-der-Macht-Rutschen ein langsamer Prozess ist, ist es am Ende eindeutig, was jemand in dieser Position zerstört, was er aus Wut und Frustration vernichtet und wie er die erlangte Macht missbraucht."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - HVG

Der neueste Film der Regisseurin Ildiko Enyedi (Goldener Bär 2017 für "Körper und Seele"), "Die Geschichte meiner Frau", eine Literaturadaption des gleichnamigen Romans von Milán Füst (Leseprobe), läuft im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes. Mit Enyedi sprach Zsuzsa Mátraházi über die wiederholten Veränderungen des Drehbuchs: "Ich schrieb dieses Drehbuch mehrmals um. Eine der Versionen, von der mehrere Variationen entstanden, verwendete eine starke Formensprache, damit die Bilder genauso direkt 'ertönen', wie die durch unendliche Zeitdimensionen springende innere Narration des Kapitäns. Dann schmiss ich dieses Autorenkonstrukt raus und schrieb eine transparentere, als klassisch zu bezeichnende Version, bei der nicht ich spreche, sondern lediglich die Situationen und die Texte der Schauspieler blieben. Dann fing ich bei dieser Version an durch Verdichtung und mit dem Finetuning der gegenseitigen Beziehungen die Situationen zu verdeutlichen, was zuvor direkt ins Gesicht des Zuschauers gesagt wurde. Es war eine riskante Entscheidung, oft kam die Versuchung auf, auf den sicheren Boden des 'Autorenfilms' zurückzukehren. Letztlich bin ich glücklich, dass ich durchgehalten habe, ich denke, dass es dadurch ein besserer Film entstanden ist."