Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 17.04.2018 - HVG

2011 protestierte der Pianist und Dirigent András Schiff "gegen Rassismus und zunehmende diktatorische Tendenzen" in Ungarn und sagte alle seine weiteren Konzerte und Auftritte in Ungarn ab. In Berlin wird er jetzt an der Bareinboim-Said-Musikakademie die Klasse für Klavier leiten. Kurz vor den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag erklärte er im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi, was in Ungarn zu jener gesellschaftlichen "qualitativen Veränderung" führen könnte, die er 2011 als Bedingung für seine Rückkehr benannt hatte: "'Qualitative Veränderung' bedeutet, dass wir die Geschichte aufarbeiten müssen, wir müssen uns damit konfrontieren und daraus lernen. Mit der Anklage anderer und mit Selbstmitleid werden wir nicht weit kommen. (...) Ich möchte hoffen, dass noch zu meinen Lebzeiten jene allgemeine qualitative Veränderung eintritt, welche die Rückkehr ermöglicht. Wir bräuchten mehr Verständnis, Geduld und Hilfsbereitschaft."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - HVG

Ungarn heute erinnert den Theaterregisseur und Hochschullehrer Tamás Ascher im Gespräch mit Péter Hamvay  stark an das sozialistische Ungarn in den siebziger Jahren: "Der Mensch steht heute vor den selben Problemen wie damals: erneut ist es zur moralischen Frage geworden, welche Zuwendungen, Einladungen und Arbeiten angenommen werden können, welcher Zeitung ich Interviews gebe, welche Art von Kontakten zu staatlichen Institutionen oder zu den Repräsentanten des Staates noch annehmbar sind. An die Siebziger erinnert ebenfalls, dass der Mensch (zusammen mit anderen Kollegen) beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen und wahrscheinlich auch im Radio auf eine schwarze Liste gesetzt wird - worauf ich - wie damals - eher stolz bin."

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - HVG

Der Bildhauer András Sándor Kocsis war bis Januar Vorsitzender der Ungarischen Verleger und Buchhändler (MKKE) für die er seit 1991 arbeitete. Im Interview spricht er u.a. über Konstanten und Veränderungen. "Ich glaube schon, dass das in die Augen schauen vor 1325 Jahren eine ähnliche Bedeutung hatte wie heute. Die Affekte, die Liebe ändern sich kaum dramatisch, auch wenn sie von Zeit zu Zeit neu bewertet werden. Die fanatisierende Politik heute weckt tragischerweise mit ihrer Sprache und mit der Verbreitung der Nachrichten und Lügen ungeheuerliche Affekte. (...) Jeder Politiker müsste sich daran erinnern, dass es wesentlich leichter ist, den Brunnen mit Zyankalitabletten zu vergiften, als ihn später zu reinigen, was ziemlich unmöglich ist. Und eine genauso schlimme und auch die Zukunft betreffende Sünde ist es, die Seele einer Gesellschaft zu vergiften."

Magazinrundschau vom 13.03.2018 - HVG

Der 78-jährige Filmregisseur und Produzent Pál Sándor meldete sich vor kurzem mit dem Kostümfilm "Vándorszínészek" (Wanderschauspieler) zurück. Im Interview mit Ilda G. Tóth spricht er über das Fehlen zeitgenössischer Filme und warum er - zuvor durchaus produktiv - seit der Wende lediglich drei Spielfilme gedreht hat. "Ich kann mich zur Zeit nur durch Überlieferungen mit der Gegenwart beschäftigen. Als ich die Natur der Macht gut kannte, wagte ich es 'heutige' Filme zu machen. Jetzt stehe ich ratlos da. Oft fühle ich mich in meiner Umgebung nicht wohl. (...) Ich bin einen Schritt zurück getreten, weil sich 1989 etwas in unserem Leben ereignet hat. Es dauerte, bis ich bemerkte, wohin es uns verschlug. Vielen ging es so nach der Wende, das ganze Land versuchte sich in diesem vollkommen Neuen zu positionieren. Es hieß: die Freiheit ist hier. Dann stellte es sich heraus, dass die Freiheit ein wenig komplizierter ist als einfach nur hier zu sein."

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - HVG

Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht die Lyrikerin Krisztina Tóth u.a. über die Kompromisse, die man in Ungarn oft mit dem gegenwärtigen Regime schließen muss: "Viele treffen schmutzige Abmachungen, weil sie denken, dass sie nur ein Leben haben und in diesem einen Leben müssen sie die materiellen Zuwendungen maximieren. Doch zu diesem Leben gehört auch, was wir hinterlassen. Selbst kleinere Kompromisse dürfen nicht geschlossen werden, denn es ist sehr schwer, wieder zurück zu rudern. (...) Oder man manövriert zwischen Kompromissen, die zwangsläufig die Persönlichkeit beschädigen und erodieren. (...) In der zweiten Hälfte der achtziger Jahren, als ich erwachsen wurde, gab es ein gemeinsames Augenzwinkern, dass das System nicht mehr lange dauert. Die heutige Situation ist frustrierender. Wir wissen nicht, wann es zu Ende geht und welche Spuren und Wunden es an den Körpern, in den Seelen und in den Gehirnen hinterlässt."

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - HVG

Auch Ungarn gedenkt in diesem Jahr des Ersten Weltkriegs, der vor hundert Jahren endete. Mit der Organisation und Durchführung von Gedenkveranstaltungen wurde wie zuvor beim Holocaustgedenkjahr und im Gedenkjahr zur Revolution von 1956 die Historikerin Mária Schmidt und das von ihr geleitete "Haus des Terrors" beauftragt. Der Historiker und Publizist Péter Konok findet das fast folgerichtig, bringt man die nötige Portion schwarzen Humors dafür auf: "Selbstverständlich sind wir hier nicht im Reich der Vergangenheit unterwegs und auch nicht in der Rekonstruktion einer Vergangenheit, sondern im Rahmensystem einer heutigen propagandistischen und manipulativen Quasiwirklichkeit. ... Und so dient das Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg vor allem der Umstimmung der historischen Verantwortung. Der Leitfaden ist einfach aufzuspulen: fremder Angriff, nationale Einheit, glorreiches Kämpfen, Neuanfang, erfolgreiches Ungarn. Die demokratische Revolution von 1918, das zerstörerische Tun des hasenschartigen Károlyi, die Aufteilung des Landes und dann der Aufstieg und die Herrschaft von Miklós Horthy - wir kennen das Chanson. Ich könnte schreiben, dass uns nicht viel Überraschendes ereilen kann, doch ich könnte mich leicht irren: Wir könnten es noch erleben, dass György Soros den Friedensvertrag von Trianon unterschrieb."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - HVG

Ab März wird die von der Orban-Regierung gegründete Ungarische Kunstakademie (MMA) die Auszahlung einer monatlichen Künstlerrente vornehmen. Das umstrittene Institut soll die Anträge nicht überprüfen, für die Zusatzrente sollen in diversen Bereichen vergebene staatliche Auszeichnungen mittleren Grades ausschlaggebend sein. Die sofort entbrannte Debatte thematisierte zunächst ob überhaupt etwas von der MMA akzeptiert werden dürfe, denn mit diesem Schritt wäre sie gänzlich legitimiert. Auf der anderen Seite ist die Altersversorgung von Künstlern seit Jahrzehnten ungelöst. Péter Hamvay schreibt dazu: "Die Frage der Künstlerrenten war bereits vor der Wende ein problematisches Thema: Im Sozialismus waren die meisten Künstler nicht angestellt, sie lebten von ihren übersichtlichen Honoraren und erhielten aus einem staatlichen Fond eine sehr bescheidene Versorgung. Nach der Wende waren sie meist als Kleinunternehmer - oder wie es damals hieß Zwangsunternehmer - tätig. Die monatliche Künstlerrente ist eine logische Konsequenz des fragwürdigen staatlichen Anerkennungssystems - ob man es als die Anerkennung der Besten bezeichnet, als politisches Druckmittel auffasst oder als Honorarsystem für regimetreue Dienste ansieht. Jedenfalls ist ersichtlich, dass die Regierung wesentlich mehr für alte und namhafte Künstler ausgibt als für die ideologielose Unterstützung der jungen und mittleren Künstlergenerationen."
Stichwörter: Ungarn, Künstlerrente

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - HVG

Schon als Kind habe er das Prinzip der Macht abgelehnt, erklärt der Schriftsteller György Konrád im Interview. Denn: "Wer einmal an die Macht kommt, der wird alle Tricks daran setzen auch dort zu bleiben. Selbst die Intelligenteren unter ihnen werden Phrasen wiederholen. (...) Von Zeit zu Zeit von Ära zu Ära grüßen diese Schlagwörter einen wieder. Klasse, Nation, Religion - sind die Begriffe, unter denen es möglich ist, Unangenehmes zu verbreiten. Was wir jetzt sehen ist lediglich eine neue Applikation. (...) Diese Regierung wird nur dann von der Opposition - der netten und intelligenten jungen Generation inbegriffen - abgelöst, wenn sich ihre Mitglieder nicht gegenseitig hassen. Beruhigend empfinde ich, dass die Ungarn von einer stärkeren Kraft gen Europäischer Union gezogen werden als zu ihren Diktatoren. Unergründliche Entwicklungen könnten eines Tages dahinführen, dass der Ministerpräsident, wollte er nicht das Schicksal von Nicolae Ceaușescu teilen, freiwillig irgendwohin geht."

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - HVG

Der Historiker Krisztián Ungváry veröffentlichte vor kurzem ein Buch über Verbindungen zur Kommunistischen Partei und Agententätigkeiten der Abgeordneten des ersten freigewählten Parlaments von Ungarn in 1990. Die Akten sind bis heute nicht oder nur eingeschränkt zugänglich, weil - so die Argumentation von Ungváry in der Wochenzeitschrift HVG - die Führungsriegen der Parteien diese seit der Wende bis heute innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen für Erpressungen verwendeten. Über ein mögliches Ende der jetzigen Regierung denkt der Historiker ähnlich wie György Konrád letzte Woche. "Noch ist es für Orban nicht nötig, Oppositionspolitiker zu verhaften, doch seine Grundsätze sind mit denen Putins verwandt: das Parlament ist eine Kulisse, der Parlamentarismus und die Demokratie nur ein Schauspiel. Die Abgeordneten der Regierungspartei werden von einer Person ausgewählt und sie stimmen so homogen ab, wie es in der jüngeren ungarischen Geschichte seit den fünfziger Jahren noch nie der Fall war. Dennoch würde ich Ungarn nicht als Mafia-Staat bezeichnen, der Staat funktioniert wohl - als geschlossene Aktiengesellschaft."

2018 wird ein Erinnerungsjahr an die Ereignisse von 1968. Die Philosophin Ágnes Heller eröffnet mit einem Essay die Erinnerungsreihe. "Die neue Linke war vielleicht die erste globale Bewegung, von Frankreich bis Mexico, von Amerika bis Japan. Auf ihren Hauptstationen war sie stets mit grundsätzlichen politischen Zielen verbunden. (...) Bei uns in Ungarn fehlte der direkte politische Bezug, doch es gab andere Auswirkungen. Die alternativen Theater sind entstanden, die ersten Beatgruppen wurden populär und auch die Filme von Miklós Jancsó spiegelten die Idee der neuen Linken wider. Kurz: das junge ungarische intellektuelle Leben wurde im Zuge der neuen Linken 'westlich', zeitgemäß, europäisch. Letztendlich wurden die Teilnehmer der neulinken Revolution enttäuscht, aber anders als die Reformer des real existierenden Sozialismus. Letzterer hinterließ nur Katzenjammer und Unbehagen. Der Glaube daran wurde beschämend. Jene aber die sich von den neulinken Bewegungen von 1968 enttäuscht fühlen, können sich immer noch an ihren Glauben und ihre Grundsätze erinnern - ohne Scham und mit ein wenig Nostalgie."

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - HVG

Kürzlich erschien der neue Roman des Schriftstellers György Spiró mit dem Titel "Kőbéka" (Steinfrosch, Magvető, Budapest 2017. 248 Seiten), der die derzeitige ungarische Realität karikiert. Im Gespräch mit Péter Hamvay erklärt Spiro: "Lachen ist sehr wichtig und seit mehreren Jahrhunderten macht es das Leben erträglich. (…) Ich schreibe nicht über Mafia-Staaten, sondern über unterschiedliche archaische Strukturen, die in der modernen Welt weiter existieren, aber den Ideen der Aufklärung diametral entgegen stehen. In Ungarn ist die Mentalität, das nicht mit Arbeit, sondern durch Rauben Geld verdient werden könne, nicht neu. (...) Aus diesem langen, über anderthalbjahrhunderte dauernden Prozess entstand dann bei uns - ironischer Weise erst nach der Wende - der Homo Sovieticus, dessen Kennzeichen die Selbstaufgabe, der gewaltsame Kollektivismus, die Gleichgültigkeit, die Fügsamkeit und die Gutgläubigkeit sind."
Stichwörter: György Spiro
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