Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 20.02.2018 - HVG

Auch Ungarn gedenkt in diesem Jahr des Ersten Weltkriegs, der vor hundert Jahren endete. Mit der Organisation und Durchführung von Gedenkveranstaltungen wurde wie zuvor beim Holocaustgedenkjahr und im Gedenkjahr zur Revolution von 1956 die Historikerin Mária Schmidt und das von ihr geleitete "Haus des Terrors" beauftragt. Der Historiker und Publizist Péter Konok findet das fast folgerichtig, bringt man die nötige Portion schwarzen Humors dafür auf: "Selbstverständlich sind wir hier nicht im Reich der Vergangenheit unterwegs und auch nicht in der Rekonstruktion einer Vergangenheit, sondern im Rahmensystem einer heutigen propagandistischen und manipulativen Quasiwirklichkeit. ... Und so dient das Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg vor allem der Umstimmung der historischen Verantwortung. Der Leitfaden ist einfach aufzuspulen: fremder Angriff, nationale Einheit, glorreiches Kämpfen, Neuanfang, erfolgreiches Ungarn. Die demokratische Revolution von 1918, das zerstörerische Tun des hasenschartigen Károlyi, die Aufteilung des Landes und dann der Aufstieg und die Herrschaft von Miklós Horthy - wir kennen das Chanson. Ich könnte schreiben, dass uns nicht viel Überraschendes ereilen kann, doch ich könnte mich leicht irren: Wir könnten es noch erleben, dass György Soros den Friedensvertrag von Trianon unterschrieb."

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - HVG

Ab März wird die von der Orban-Regierung gegründete Ungarische Kunstakademie (MMA) die Auszahlung einer monatlichen Künstlerrente vornehmen. Das umstrittene Institut soll die Anträge nicht überprüfen, für die Zusatzrente sollen in diversen Bereichen vergebene staatliche Auszeichnungen mittleren Grades ausschlaggebend sein. Die sofort entbrannte Debatte thematisierte zunächst ob überhaupt etwas von der MMA akzeptiert werden dürfe, denn mit diesem Schritt wäre sie gänzlich legitimiert. Auf der anderen Seite ist die Altersversorgung von Künstlern seit Jahrzehnten ungelöst. Péter Hamvay schreibt dazu: "Die Frage der Künstlerrenten war bereits vor der Wende ein problematisches Thema: Im Sozialismus waren die meisten Künstler nicht angestellt, sie lebten von ihren übersichtlichen Honoraren und erhielten aus einem staatlichen Fond eine sehr bescheidene Versorgung. Nach der Wende waren sie meist als Kleinunternehmer - oder wie es damals hieß Zwangsunternehmer - tätig. Die monatliche Künstlerrente ist eine logische Konsequenz des fragwürdigen staatlichen Anerkennungssystems - ob man es als die Anerkennung der Besten bezeichnet, als politisches Druckmittel auffasst oder als Honorarsystem für regimetreue Dienste ansieht. Jedenfalls ist ersichtlich, dass die Regierung wesentlich mehr für alte und namhafte Künstler ausgibt als für die ideologielose Unterstützung der jungen und mittleren Künstlergenerationen."
Stichwörter: Ungarn, Künstlerrente

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - HVG

Schon als Kind habe er das Prinzip der Macht abgelehnt, erklärt der Schriftsteller György Konrád im Interview. Denn: "Wer einmal an die Macht kommt, der wird alle Tricks daran setzen auch dort zu bleiben. Selbst die Intelligenteren unter ihnen werden Phrasen wiederholen. (...) Von Zeit zu Zeit von Ära zu Ära grüßen diese Schlagwörter einen wieder. Klasse, Nation, Religion - sind die Begriffe, unter denen es möglich ist, Unangenehmes zu verbreiten. Was wir jetzt sehen ist lediglich eine neue Applikation. (...) Diese Regierung wird nur dann von der Opposition - der netten und intelligenten jungen Generation inbegriffen - abgelöst, wenn sich ihre Mitglieder nicht gegenseitig hassen. Beruhigend empfinde ich, dass die Ungarn von einer stärkeren Kraft gen Europäischer Union gezogen werden als zu ihren Diktatoren. Unergründliche Entwicklungen könnten eines Tages dahinführen, dass der Ministerpräsident, wollte er nicht das Schicksal von Nicolae Ceaușescu teilen, freiwillig irgendwohin geht."

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - HVG

Der Historiker Krisztián Ungváry veröffentlichte vor kurzem ein Buch über Verbindungen zur Kommunistischen Partei und Agententätigkeiten der Abgeordneten des ersten freigewählten Parlaments von Ungarn in 1990. Die Akten sind bis heute nicht oder nur eingeschränkt zugänglich, weil - so die Argumentation von Ungváry in der Wochenzeitschrift HVG - die Führungsriegen der Parteien diese seit der Wende bis heute innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen für Erpressungen verwendeten. Über ein mögliches Ende der jetzigen Regierung denkt der Historiker ähnlich wie György Konrád letzte Woche. "Noch ist es für Orban nicht nötig, Oppositionspolitiker zu verhaften, doch seine Grundsätze sind mit denen Putins verwandt: das Parlament ist eine Kulisse, der Parlamentarismus und die Demokratie nur ein Schauspiel. Die Abgeordneten der Regierungspartei werden von einer Person ausgewählt und sie stimmen so homogen ab, wie es in der jüngeren ungarischen Geschichte seit den fünfziger Jahren noch nie der Fall war. Dennoch würde ich Ungarn nicht als Mafia-Staat bezeichnen, der Staat funktioniert wohl - als geschlossene Aktiengesellschaft."

2018 wird ein Erinnerungsjahr an die Ereignisse von 1968. Die Philosophin Ágnes Heller eröffnet mit einem Essay die Erinnerungsreihe. "Die neue Linke war vielleicht die erste globale Bewegung, von Frankreich bis Mexico, von Amerika bis Japan. Auf ihren Hauptstationen war sie stets mit grundsätzlichen politischen Zielen verbunden. (...) Bei uns in Ungarn fehlte der direkte politische Bezug, doch es gab andere Auswirkungen. Die alternativen Theater sind entstanden, die ersten Beatgruppen wurden populär und auch die Filme von Miklós Jancsó spiegelten die Idee der neuen Linken wider. Kurz: das junge ungarische intellektuelle Leben wurde im Zuge der neuen Linken 'westlich', zeitgemäß, europäisch. Letztendlich wurden die Teilnehmer der neulinken Revolution enttäuscht, aber anders als die Reformer des real existierenden Sozialismus. Letzterer hinterließ nur Katzenjammer und Unbehagen. Der Glaube daran wurde beschämend. Jene aber die sich von den neulinken Bewegungen von 1968 enttäuscht fühlen, können sich immer noch an ihren Glauben und ihre Grundsätze erinnern - ohne Scham und mit ein wenig Nostalgie."

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - HVG

Kürzlich erschien der neue Roman des Schriftstellers György Spiró mit dem Titel "Kőbéka" (Steinfrosch, Magvető, Budapest 2017. 248 Seiten), der die derzeitige ungarische Realität karikiert. Im Gespräch mit Péter Hamvay erklärt Spiro: "Lachen ist sehr wichtig und seit mehreren Jahrhunderten macht es das Leben erträglich. (…) Ich schreibe nicht über Mafia-Staaten, sondern über unterschiedliche archaische Strukturen, die in der modernen Welt weiter existieren, aber den Ideen der Aufklärung diametral entgegen stehen. In Ungarn ist die Mentalität, das nicht mit Arbeit, sondern durch Rauben Geld verdient werden könne, nicht neu. (...) Aus diesem langen, über anderthalbjahrhunderte dauernden Prozess entstand dann bei uns - ironischer Weise erst nach der Wende - der Homo Sovieticus, dessen Kennzeichen die Selbstaufgabe, der gewaltsame Kollektivismus, die Gleichgültigkeit, die Fügsamkeit und die Gutgläubigkeit sind."
Stichwörter: György Spiro

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - HVG

Man zahlt einen Preis für Widerstand, aber es lohnt sich, meint der Schriftsteller und Dramatiker Mihály Kornis, eine bedeutende Figur schon der ungarischen Samisdat-Literatur, im Gespräch mit Sándor Révész: "In gewissen Momenten muss man auch öffentlich zu seiner Überzeugung stehen. Die Politik redete oft in mein Leben rein und es kann nicht behauptet werden, dass ich nicht erwidert hätte. Ich habe mich oft gegen die Macht gestellt, manchmal sogar gegen die öffentliche Meinung. So erhielt ich auch keine staatlichen Auszeichnungen und ich stehe auch nicht dort, wo ich meiner Meinung nach stehen sollte. Doch langfristig wird es besser für mich sein, dass mich diese heutige Welt ausspuckte."

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - HVG

Die ungarische Regierung unterstützt bedenkenlos regierungsnahe Presse mit der Schaltung von Anzeigen oder mit bezahlten Kampagnen wie die gegen George Soros, die knapp 3,8 Millionen Dollar gekostet hat. Protest wurde nur laut, als jetzt das amerikanische Außenministerium verkündet hat, im kommenden Jahr die unabhängige Regionalpresse in Ungarn mit 750 000 Dollar zu unterstützen. Die Summe ist im Vergleich gering, sie kann dennoch das Überleben von unabhängigen Redaktionen - und damit die Hoffnung auf einen Wechsel - sichern. "Dies ist in der Tat Einmischung, kräftig und präzise", lobt der Publizist Árpád W. Tóta. "Die Geste an sich sagt bereits, dass in Ungarn die Pressefreiheit ohne Hilfe von außen nicht garantiert ist. Auf eine andere brennende Frage gibt es noch keine Antwort, nämlich warum bei uns die Demokratie von den USA aufgebaut und geschützt wird. Wir sind kein Mitgliedsstaat der USA, sondern der Europäischen Union. (...) Die Erhaltung der Presse in den osteuropäischen Nationen, welche in Zensur und autoritärer Unwissenheit versinken, läge in erster Linie in der Verantwortung Europas. Es wäre eine unerhebliche Investition im Vergleich dazu, was ein freilaufender Autokrat aus dem Kohäsionsfond in die eigene Tasche und in die seiner Familie schaufelt, was die Union ebenfalls nicht verhindern kann."

Magazinrundschau vom 31.10.2017 - HVG

In der Wochenzeitschrift HVG spricht der Schriftsteller Gábor Németh über das Problem der politisch korrekten Sprache unter den Bedingungen seines Landes: "In einem Land wie Ungarn ist es gefährlich und problematisch, einfach gegen das politisch korrekte Sprechen zu plädieren. PC ist angreifbar, gewiss, aber nicht die Intention, die die politisch korrekte Sprache hervorbrachte. Problematisch wird Political Correctness, wenn sie die künstlerische Freiheit beeinträchtigt - wenn etwa in einem alten Text das Wort 'Neger' durch 'Diener' ersetzt wird oder wenn die Ansichten eines Protagonisten oder des Roman-Erzählers mit der privaten Meinung des Verfassers verwechselt werden und sie dann als unmöglich gelten. Das zweite Übel ist noch größer:  Wenn PC bedeutet, dass mit Wörtern die Wirklichkeit, bestimmte Themen oder Erfahrungen ausgeschlossen oder tabuisiert werden. Wenn wir sagen, dass ein gegebenes Problem nicht existiert, nur weil wir nicht richtig darüber reden können."

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - HVG

Im Interview Péter Hamvay skizziert der Theaterregisseur Róbert Alföldi die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Ungarn: "Heute sind wir so weit, dass Menschen dafür arbeiten, dass ihre Kinder ins Ausland ziehen können. Ein ganzes Land arbeitet dafür, dass seine Zukunft von hier verschwindet. (…) Wir hätten es nur glauben müssen, dass wir unser eigener Herr sind und dass wir niemand anderem die Schuld geben können, wenn die Sachen um uns herum nicht funktionierten. Dass wir unsere Arbeit gewissenhaft ausüben müssen, und unsere Taten Konsequenzen haben. Stattdessen hatten wir immer eine Ausrede und akzeptierten dieses Verhalten auch von unseren Politikern. Wir wollten ihnen auch die irrationalsten Versprechen glauben. Dann kam einer, der keine Hemmungen hat und um uns und um sich herum eine virtuelle Realität aufbaute. Dort sind alle dumm, nur wir sind klug, die Wirtschaft brummt, Bildung, Forschung und Lehre sind exzellent, und das ungültige Referendum ist gültig."

Magazinrundschau vom 29.08.2017 - HVG

Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht der Schriftsteller Gergely Péterfy über Ähnlichkeit von Orbáns Ungarn mit dem der Kádár-Ära, seine bürgerliche Familie und ihre tradierte Ablehnung des Autoritären: "Vor sechs, sieben Jahren schaltete ich die staatlichen Sender mit derselben Bewegung ab wie mein Großvater die damaligen Sender, und wie er damals auf Radio Free Europe wechselte, so höre ich seitdem deutsches und österreichisches Radio. Die fundamentale Abneigung gegenüber der literarischen, politischen, öffentlichen und wirtschaftlichen Kollaboration ist ebenfalls die Alte ... Zwischen den vierziger und achtziger Jahren verschwanden jene gesellschaftlichen Schichten des Landes, mit denen eine normale, liberale Demokratie hätte gestaltet werden können: das größtenteils vernichtete und die bürgerliche Tradition verkörpernde Judentum und dann das zermürbte, dissidente christliche Bürgertum. Die gebildeten Intellektuellen verlassen gerade wieder das Land. Was bleibt, ist die form- und gestaltlose Menschenmasse ohne Tradition. Der Homo Sovieticus kann kommen, die Putinisierung."
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