Magazinrundschau - Archiv

HVG

169 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 17

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - HVG

Die wissenschaftsfeindliche Atmosphäre in Ungarn verstärkt noch modernisierungsablehnende und kulturpessimistische Haltungen, befürchtet der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler Péter Róna: "Die ungarische Gesellschaft sucht nicht nach einem Lenker und einem System, das hilft die Rahmenbedingungen für ein lebenswertes Leben zu setzen, sondern sie wartet auf einen Führer, der sagt, was passieren soll und für den Gehorsam Schutz verspricht. Es gibt keine Opposition, denn auch sie wartet auf einen Führer, hinter dem man sich aufreihen kann. Aber das Verlangen nach Unterordnung ist die Verneinung der moralischen Autonomie des Individuums und letztlich die Verneinung der Demokratie. Rechtstaatlichkeit, das System der 'Checks and Balances', bleibt solange ein Fetisch, bis wir nicht geklärt haben, wie wir die Rolle des Staates sehen, was wir von ihm und von uns erwarten. Ich befürchte, dass die Mehrheit genau das erwartet, was eingetreten ist."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 25.09.2018 - HVG

Der Schriftsteller János Térey denkt in der HVG über Inspiration und der Förderung von Kunst in "kulturkämpferischen Zeiten" nach: "Es ist gut, wenn Kunst anerkannt wird, ein Segen wenn dafür gezahlt wird und zwar viel. Und trotzdem halte ich es nicht für eine gesunde Situation - eigentlich halte ich es sogar für unverantwortlich - wenn unser Überleben ausschließlich vom schriftstellerischen Funktionieren abhängt, denn jenes Funktionieren wird von einer besonderen Stimmung - nennen wir es Inspiration oder Flow - ermöglicht, einer begnadeten Lage, in der alles mit allem zusammenhängt, ein prickelndes Getöne, wenn 'die PCs zuvor grüßen' wie bei Esterházy. Ich muss darauf warten. Und wenn die Inspiration da ist, kann sie auch schnell wieder gehen. Ich kann abstürzen. Ich schätze die tägliche Bereitschaft der Journalisten, doch als Schriftsteller kann ich nicht jeden gesegneten Tag talentiert sein. (…) Gegenwärtig denke ich viel darüber nach, ob ich wieder einen bürgerlichen Beruf ausüben sollte. Sicherlich werde ich kein Gärtner und auch kein Schiffskapitän mehr, doch es wäre gut die Literatur als Leidenschaft beizubehalten, wie es als Teenager begann."

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - HVG

Der Publizist Sándor Révész betont den universalen Charakter des Holocaust und plädiert dafür, dass die Holocaust-Erinnerung in Ungarn nicht gänzlich zu einer Angelegenheit der jüdischen Gemeinden wird: "Es sollte auch nicht beklatscht werden, wenn die Scheinheiligen des Regierungslagers mit gespaltener Zunge bei allen möglichen Anlässen den Holocaust als Tragödie der ungarischen Nation deklarieren und betonen, dass es 'ungarische Staatsangehörige' waren, die 1944 in den Tod deportiert wurden. Als wären die aus den nicht ungarisch-sprachigen Gebieten verschleppten Deportierten keine Opfer. Als wären neunzig Prozent der Opfer des Holocaust ohne ungarische Staatsbürgerschaft weniger Opfer, als jene, die durch den ungarischen Staat und durch den von Viktor Orbán wiederholt angepriesenen Staatsmann, Miklós Horthy, an die Henker ausgeliefert wurden. Wer über die tragischen Erkenntnisse des Holocaust in Ungarn sprechen will, der sollte nicht die nationale Zugehörigkeit der Opfer betonen, sondern die Mitwirkung von Ungarn."
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Magazinrundschau vom 18.09.2018 - HVG

Die Schriftstellerin Terézia Mora spricht im Interview mit HVG über den nach den Wahlen im April entbrannten sogenannten "Kulturkampf" in Ungarn, bei dem es auch um eine Neubestimmung des literarischen Kanons im Sinn der nationalistischen Regierung geht. "Dieser sogenannte 'Kulturkampf' begann bereits vor Jahren bei den ausländischen Buchmessen. Die ungarische Seite lud mich als Moderator ein, und ich nahm das Gespräch mit dem von mir hochgeschätzten ungarischen Schriftsteller gerne an. Bald gab es dann einen weiteren, von der ungarischen Seite bevorzugten Autor als Teilnehmer. Daraufhin sagte ich den Auftritt ab. Die ungarische Seite strich dann die ganze Veranstaltung und so konnte sich keiner der beiden Autoren vorstellen. (...) Die ungarische Seite war tief beleidigt, als viele sich nicht mehr instrumentalisieren lassen wollten. Die nicht lesende Masse wird sicherlich das Mantra wiederholen, dass Esterházy und die anderen Herausgepickten keine guten Schriftsteller seien. Und mit der obligatorischen 'christlich-nationalen Erziehung' in den Kindergärten kann die Regierung wohl auch den Literaturkanon neu schreiben, wie es früher unter der marxistisch-leninistischen Werteordnung geschah - wenn die Eltern dies so zulassen."
Stichwörter: Mora, Terezia, Ungarn

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - HVG

Die aus Siebenbürgen stammende Schriftstellerin und Theaterkritikerin Andrea Tompa wägt im Interview mit Zsuzsa Matrahazi die Erfolgsaussichten der durch die Regierung versuchten Neuausrichtung des Literaturkanons ab. "Nach meiner achtzehn Jahre dauernden Erfahrung mit einer Diktatur kann ich sagen, dass Menschen keine schlechten Werke oder Propagandaveröffentlichungen lesen. Kunst, die einer äußeren Erwartung entsprechen will, ist nie gut. Sie wäre auch nicht gut, wenn ich zum Beispiel den imaginierten Erwartungen Péter Esterházys entsprechen wollte. Auch die Exemplare der 'Nationalbibliotheks'-Reihe schmücken lediglich die Zimmer von Schuldirektoren auf dem Lande, doch die Menschen in der U-Bahn lesen etwas anderes. Ich hoffe, dass die vom Markt lebende Literatur nicht so ausgeliefert ist, wie das Theater oder andere Felder, die auf staatliche Institutionen angewiesen sind. Aber leider kann es das Überleben der Literatur durchaus beeinflussen, wenn Museen, Kulturhäuser und Bibliotheken, die Autoren-Leser-Begegnungen organisieren, sich den kulturkämpferischen Vorgaben beugen und gewisse Schriftsteller nicht mehr einladen."

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - HVG

In den vergangen Wochen wurden mehrere konservative Medienunternehmen von regierungsnahen Oligarchen übernommen und dann entweder ganz eingestellt (wie die Wochenzeitschrift Heti Válasz) oder durch die Entlassung kritischer Journalisten über Nacht auf Regierungslinie gebracht, wie der Nachrichtensender HírTV und die populärwissenschaftliche Zeitschrift Kommentár. Péter Hamvay ahnt, warum das Regierungslager die Wochenzeitschriften bisher in Ruhe gelassen hat: "Bei der Machtübernahme von Fidesz 2010 waren die kritischen Medien in der Mehrheit, heute herrscht in beinahe jedem Segment ein Übergewicht der Regierungsmedien. Ausnahmen bilden die Wochenzeitschriften und die Online-Nachrichtenportale. Beim ersteren sind nicht nur die Titeln in der Mehrheit (Élet és Irodalom, Magyar Narancs, HVG, 168 óra) sondern auch die Auflage. Jedoch handelt es hierbei um Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von fünfzig- bis sechzigtausend, die lediglich ein schmales, politisch bewusstes und anspruchsvolles intellektuellen Milieu erreichen. Nicht ohne Grund ist dies die am schwersten erreichbaren Leserschaft für die mit der Wiederholung von einfachen Slogans operierenden Regierungsmedien. Und es ist auch kein Zufall, dass die Regierung anstatt diesen Nachteil aufzuholen, sich in der Zukunft eher um die Einverleibung des Fernseh- und Online-Marktes konzentrieren wird, wo die größten Skalps zu holen sind, nämlich RTL und Index."
Stichwörter: Fidesz

Magazinrundschau vom 28.08.2018 - HVG

Nach einem neuen Erlass sollen ab dem kommenden Hochschuljahr in Ungarn die Studienfächer der Gender Studies eingestellt werden. Dies wird auch als weiterer Schritt zur Aufhebung der Autonomie der Universitäten bewertet, wogegen im In- und Ausland heftig protestiert wird. "Eine endgültige Entscheidung gibt es bisher nicht, doch es ist vielsagend dass die Universitäten während der Sommerpause nur 24 Stunden Zeit bekamen, das Vorhaben zu beurteilen, berichtet Péter Hamvay. "Es wurden keinerlei Studien beigefügt, die die Auflösung des Studiengangs stützen. Später wurde eine Begründung nachgereicht, wonach der Studiengang wirtschaftlich nicht rational sei und auf dem ungarischen Arbeitsmarkt keinerlei Bedarf dafür bestehe. Mit dieser Begründung könnten jedoch Fächer von der Altphilologie bis hin zur Assyrologie und Ägyptologie sowie die meisten geisteswissenschaftlichen Fächer eingestellt werden. Die Universitäten lehren und betreiben zahlreiche Wissenschaften, die keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen aufweisen."

Kam die Anordnung von oben? Árpád W. Tóta glaubt es nicht. "Viktor Orbán interessieren die Sozialwissenschaften nicht. Wahrscheinlicher sind untergeordnete Opportunisten, die mit diesem Vorhaben auf Anerkennung des Regimes hofft. Der Bildhauer, der 'nationale Stauten' macht, weil die auf jeden Fall übernommen werden, auch wenn sie wie Stuhlbeine aussehen. Der Journalist, der keinen originellen Satz schreiben kann und sich somit auf Denunzierungen spezialisiert, weil diese auch bei Polizeiberichten funktionieren. Der Regisseur, der auf die Bühne Pferde und Kreuze schiebt, weil die so ungarisch sind und weiß, dass er damit keinen Oscar und keinen Goldenen Bären erhalten wird - er hasst jene, die das schafften - aber er weiß auch, wenn er Federgras in den Misthaufen steckt, er das auch verkaufen kann: An den Staat. (...) Kleinliche, primitive Menschen, die zwar nicht laufen können, aber fürs Beinstellen reicht es gerade. (...) So erging es in den Dreißigern Jahren dem deutschen Atomphysiker, in den Fünfzigern Jahren dem russischen Kybernetiker. Und so erging es in beiden Regimen den Psychologen. Mit Machtinstrumenten ausgestattet, sich ins Fäustchen lächelnd machten jene neidischen nichtsnutzigen "Niemande" Existenzen kaputt und beriefen sich dabei stets auf Heimatliebe und Treue. Sie konnten dies tun, weil niemand gegen sie das Wort erheben und sagen konnte, dass es dem Vaterland schadet, wenn die Politik der Wissenschaft die Richtung vorschreibt."

Magazinrundschau vom 14.08.2018 - HVG

András Hont vergleicht die neurechten Entwicklungen in Ungarn mit der Situation in den USA und stellt wesentliche Unterschiede fest, wobei auch abzusehen ist, dass die ungarische Regierung ihren nächsten Gegner im Sinne einer neuaufgelegten "geistig-moralischen Wende" bereits als Ziel erfasste: die kulturelle und wissenschaftliche Elite des Landes. "Die revolutionäre Rhetorik - abgesehen davon, dass sie von der getanen Arbeit ablenkt und statt dessen die anstehenden 'Herausforderungen' zum Thema macht - soll die jugendliche Leidenschaft befeuern. Die Revolte allerdings wird ein wenig dadurch aus der Bahn geworfen, dass die herrschende Macht hinter den Revolutionären steht. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der hiesigen Bewegung und den Verhältnissen jenseits des Atlantiks. Die Künstlerwelt von Hollywood und New York, die amerikanische Universitätsaristokratie sind stark und einflussreich - unabhängig von Trumps Sieg. In Ungarn fechten Vertreter der kulturellen und wissenschaftlichen Elite ihre letzten Überlebenskämpfe. Betrachten wir die Ereignisse des Sommers, den begonnenen Kulturkampf, werden genau sie die neuen Ziele der Revolution werden und nicht die Europäische Kommission oder das 'Netzwerk von Soros'."

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - HVG

In der vergangenen Woche verstärkte sich die in Regierungskreisen geführte Debatte über die grundlegende Änderung der Kulturpolitik hin zu einem markanten rechten Kurs in den Film- und Theaterkünsten sowie in der Literatur. Der vorläufige Höhenpunkt wurde letzten Samstag im rumänischen Tusnad erreicht, wo der ungarische Ministerpräsident bei seiner jährlichen Ansprache vor den dort lebenden Ungarn umwälzende Veränderungen im Bereich der Kultur ankündigte, ohne näher auf Einzelheiten einzugehen. "Die neuen Angriffe passen in den Zeitgeist, der in Ermangelung eines besseren Begriffs mit dem Namen Trump beschrieben werden kann", kommentiert Péter Hamvay. "Der konservative ungarische Magen muss es noch verdauen, dass die Angelegenheiten der Welt nunmehr von Milo Yiannopulos gedeutet werden. Aus dieser Sicht sind der bereits zur Seite gedrängte ehemalige Kulturminister Géza Szőcs, die aufs Abstellgleis geschobene ehemalige Direktorin des Balassi Instituts Judit Hammerstein oder der Direktor des Petőfi Literaturmuseums Gergely Prőhle so unerwünschte, 'obsolete' Figuren, wie alle linksliberalen Intellektuellen. Viktor Orbán muss sich lediglich zurücklehnen und zugucken, wie die Intelligenzija in diesem Kulturkampf verblutet, damit ihr Platz von Publizisten, welche 'die Sprache des Volkes' besser verstehen, übernommen werden kann."
Stichwörter: Ungarn, Orban, Viktor

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - HVG

Der Historiker Gábor Klaniczay (CEU) wurde vor kurzem zum ordentlichen Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt. Aus diesem Anlass sprach er mit Péter Hamvay über sein bedrohtes Lebenswerk: "Wenn ich es in einem tragischen Ton formulieren müsste, würde ich sagen, dass das gegenwärtige Regime alles vernichten will, wofür ich in meinem Leben gekämpft habe. Trotzdem sage ich, dass die letzten dreißig Jahre für mich die Zeit des Schaffens, der Gründung und Entwicklung waren und ich weiß, dass Vieles davon erhalten bleiben wird, gleichgültig was die Regierung unternimmt. In den 19 Jahren des Collegium Budapest wirkten viele hundert Wissenschaftler in Ungarn, die Budapester Bücherschau (BUKSZ) existiert noch und auch die Central European University steht. Es wäre eine unverzeihliche Sünde, sie zu verjagen, denn mit ihr ist hier in Budapest etwas aufgebaut worden, wovon bereits Matthias Corvinus träumte: eine internationale Ideenfabrik in Ungarn, die es uns erlaubt, an den internationalen Diskursen teilzunehmen können und Zutritt zur geistigen Elite der Welt zu gewinnen."
Stichwörter: Ungarn