
In
HVG nimmt der junge
Regisseur Jákob Ladányi Jancsó Abschied von
Béla Tarr, stellvertretend für dessen Schüler: "Als ich Castings machte und ihm die Aufnahmen brachte, sagte er immer nur: 'gut', 'nicht gut', und man konnte ihm nie eine Begründung entlocken, denn er urteilte nach seinem Bauchgefühl. Und am Ende hatte er immer Recht. Er sah den Menschen
sehr präzise und mit tiefer Empathie, das war sein Geheimnis. Auch uns, seine Schüler. Zu jedem hatte er eine gänzlich andere Beziehung, denn er hatte keine festen Methoden. Für ihn waren diese Beziehungen zwischenmenschlicher Natur, die jeweils ihre eigenen Dynamiken hatten. Das bedeutete natürlich nicht, dass er ein netter, in allem unterstützender Lehreronkel war. Er konnte sehr streng, ja sogar grausam sein. Ein Problem oder ein Gedanke hielt ihn oft die ganze Nacht wach, und dann rief er an. (...) Oft weckte er mich
mitten in der Nacht mit einer Idee oder einem Gedanken. Einmal, weil ihm etwas nicht gefiel. Im Halbschlaf antwortete ich ihm: 'Fick dich, Béla, wenn du mich schon mitten in der Nacht weckst, könntest du dann wenigstens ein bisschen netter sein?' Darauf antwortete er, dass es in diesem Moment ein Problem wäre, wenn er nett wäre, denn das würde bedeuten, dass er
nicht mehr an mich glaube. Zu meinem Glück war er nie nett. Aber seine Unterstützung, seine Aufmerksamkeit und seine Lehren werden mein Leben bis zum Ende prägen. (…) Er hat mir gezeigt,
mit welcher Haltung man leben und Filme machen muss und nicht das 'wie'. Zum 'wie' sagte er immer nur, wir sollten Neues schaffen und unsere eigene Sprache finden. Er hat uns immer dazu ermutigt, aus der Reihe zu tanzen und
mutig zu sein. Oft hat er uns wütend zugerufen: 'Ihr seid die Jungen, schnappt euch ein verdammtes Handy und
erfindet die Filmsprache neu!' Und er war wirklich punkiger und rebellischer als alle anderen. Er hasste die Filmindustrie, hat sich ihr nie unterworfen, genauso wenig wie irgendeinem System, der Zensur oder der Politik. '
Auf den Knien kann man nicht leben und niemals einen echten Film machen.'"