Magazinrundschau - Archiv

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66 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 7

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - Novinky.cz

Iva Přivřelová unterhält sich mit der bosnischen Filmemacherin Jasmila Žbanić, deren Film "Quo vadis, Aida?" über das Massaker von Srebrenica dieses Jahr viel positives Echo fand. Allerdings nicht von überall: "In Venedig haben wir uns lieber kundig gemacht, ob sich serbische Journalisten auf dem Festival befinden, um uns darauf vorzubereiten, was auf der Pressekonferenz passieren könnte, denn die meisten serbischen Zeitungen werden von der Regierung kontrolliert. Es war aber keiner da. Trotzdem erschien am Tag der Premiere eine negative Rezension in Serbien, obwohl der Schreiber den Film gar nicht gesehen haben konnte." Žbanić betont, dass alle ihre Filme von der Gegenwart handeln, auch "Quo vadis, Aida?", obwohl er zum großen Teil 1995 spielt. "Serbische Nationalisten leugnen immer noch den Genozid, was die Überlebenden verletzt und die politische Landschaft sowohl in Serbien als auch in Bosnien beeinflusst." Oft höre sie von Europäern, dass die Geschehnisse des Jugoslawienkriegs nicht viel mit dem europäischen Kontinent zu tun hätten. "Dabei sind wir alle viel mehr miteinander verbunden, als uns lieb ist. Indem wir zugelassen haben, dass es zum Massaker von Srebrenica kommen konnte (…) haben wir gleichsam die eigenen europäischen Nationalisten angespornt. Denn sie haben erkannt, dass man einen Genozid begehen kann, ohne dafür bestraft zu werden. Unlängst habe ich ein Interview mit Breivik gelesen, der all diese jungen Leute in Norwegen umbrachte - und er erwähnte Ratko Mladić und Radovan Karadžić (…) als Menschen, die er bewundere. Zur Zeit des Interviews waren die beiden noch keine verurteilten Kriegsverbrecher, sondern ganz normale europäische Bürger. Wären sie schon Jahre zuvor verhaftet und bestraft worden, wäre es womöglich auch mit Breivik anders verlaufen. Das meine ich, wenn ich sage, wir sind alle miteinander verbunden."

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - Novinky.cz

Kateřina Smejkalová berichtet über die unlängst veröffentlichte Studie "Eine Gesellschaft - Unterschiedliche Lebenswelten", die das Prager Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen mit der Demokratischen Masaryk-Akademie und dem Meinungsforschungsinstitut STEM über die Zufriedenheit beziehungsweise Unzufriedenheit der Tschechen mit der Entwicklung nach 1989 durchgeführt hat. Deutlich geworden sei dabei: Sowohl die Bürger, die die Gesamtentwicklung des Landes positiv sähen, als auch jene, die dem Sicherheitsgefühl und einer größeren menschlichen Nähe der Vorwendezeit nachtrauerten, hegten eine sehr skeptische Distanz zur Politik. Dennoch zweifelten auch die kritischen Stimmen, die "starke Persönlichkeiten an der Staatsspitze" forderten, ausdrücklich nicht die Demokratie als solche an und wünschten sich keine autoritären Politikformen. In beiden Gruppen würden ferner die Immigration als auch die Stellung der Roma in der Gesellschaft als drängende Probleme gesehen und sehr kompromisslos bewertet. Ein weiteres Fazit der Studie: "Die oft genannte These von der Polarisierung der Gesellschaft in dem Sinne, dass es zwei Lager gäbe, die in allen Fragen gegensätzliche Positionen einnähmen, trifft nicht zu." Man müsse eher von einer Fragmentarisierung sprechen, da sich je nach Thema ganz unterschiedliche Lager bildeten. Smejkalová zieht hier eine klare begriffliche Unterscheidung: Während die Pluralität der Meinungen in einer Gesellschaft natürlich und wünschenswert sei, berge die Fragmentarisierung die Gefahr des Zerfalls und der Unmöglichkeit, zu einer Einigkeit oder zu konstruktiven Kompromissen zu gelangen.
Stichwörter: Tschechien

Magazinrundschau vom 08.06.2021 - Novinky.cz

Die tschechisch-deutsche Publizistin Alena Wagnerová erkennt in einem Essay gewisse Ähnlichkeiten zwischen den hierarchischen Machtstrukturen der Katholischen Kirche und der Kommunistischen Partei: Indem Lenins Vorstellung der Arbeiterklasse als Avantgarde sich institutionalisierte, entstanden autoritäre, hierarische Strukturen, die der katholischen Kirche ähnelten. "Ihre Priester wurden Funktionäre und ihr 'unfehlbarer' Kopf die Stalinsche Komintern." Im Prozess der Institutionalisierung hätten sich bei beiden Institutionen die geistigen Grundlagen verändert (wenn auch bei den Katholiken schon viele hundert Jahre vorher). "Aus der Verkündigung und der Botschaft wurde ein Dogma (…), aus der Idee eine Ideologie, aus den einst Verfolgten wurden Verfolger, was früher oder später bedeutet, dass sich Macht und Gewalt verbünden und eine blutige Spur hinterlassen: bei der katholischen Kirche durch Kreuzzüge, Inquisition und Exkommunikationen, bei der kommunistischen Partei durch Schauprozesse, Hinrichtungen, Arbeitslager - und Panzer." Freilich habe es in beiden Institutionen immer auch einfache Gläubige beziehungsweise Parteimitglieder sowie geistige Eliten gegeben, die die ursprüngliche Botschaft hochhalten wollten. Doch in autoritär-hierarchischen, undemokratischen Institutionen würden Kritik und Reformversuche immer zum Problem, da sie automatisch Machtverlust bedeuteten. Und Wagnerová kommt zum Fazit: Der Bedeutungsverlust der verbliebenen kommunistischen Parteien sollte der katholischen Kirche in ihrer derzeitigen Krise eine Lehre sein.
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Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Novinky.cz

Štěpán Kučera unterhält sich mit dem tschechischen Soziologen Zdeněk Konopásek über das gewandelte Verhältnis von Wissenschaft und Politik. "Die politische Kraft der Wissenschaft", so Konopásek, "beruhte paradoxerweise lange Zeit in ihrer Apolitizität. Wissenschaftler mischten sich in unsere Kontroversen wie Schiedsrichter aus einer anderen Welt. Sie legten uns nackte, neutrale Fakten vor, die von jeglichem politischen Charakter bereinigt waren. Man glaubte allgemein, über eine wissenschaftliche Wahrheit könne man nicht abstimmen. Die Logik der Politik hingegen funktionierte völlig anders. Die Politik, dachte man, stütze sich nicht auf objektive Fakten, sondern auf eine mächtige Mehrheit subjektiver Meinungen. Aus diesem Grund wird noch heute eine Regierung aus Fachleuten als Ausnahmezustand empfunden, als Überbrückungsmaßnahme, bevor wieder die eigentliche Politik beginnt. Heute allerdings, wenn ich da als Forscher mit Fakten ankomme, komme ich nolens volens auch mit einem politischen Standpunkt. Eine wissenschaftliche Intervention ist immer auch ein Eingriff in Politik." Kein Wissenschaftler sei freilich im Besitz der absoluten Wahrheit. "Die Wissenschaft steckt im Grunde voller 'alternativen Wahrheiten' - man nennt sie Hypothesen, Theorien, Modelle und Tatsachen." Wenn wir den Experten in der Coronakrise vorwerfen, dass sie sich untereinander nicht einig sind, so Konopáselk, und von ihnen erwarten, mit einer Stimme zu sprechen, dann sei das ein Missverständnis, denn vollkommene Einmütigkeit unter Wissenschaftlern sei selbst im Rahmen ihres jeweiligen Fachgebiets eher die Ausnahme. "Mit einer Stimme über Covid sprechen sollte die Regierung, nicht die Wissenschaftler."
Stichwörter: Coronakrise

Magazinrundschau vom 22.12.2020 - Novinky.cz

Die Soziologin Irena Reifová hat in einer Untersuchung von elf tschechischen Reality-TV-Sendungen (Formate à la "Ehefrauentausch", "Tisch gedeckt!" oder "Schuldenbezwinger") eine Erniedrigungkultur ausgemacht, in der Arme bloßgestellt und stigmatisiert würden, wie sie im Gespräch mit Zbyněk Vlasák berichtet. Oft werde die "Geschichte" um einen Konflikt herum aufgebaut, der zwischen jemand Bessergestelltem und jemandem aus niedriger sozialer Schicht bestehe. Eine Schlüsselrolle komme der Kamera zu, die demonstriere, wie verwahrlost der betreffende Haushalt ist: vom nicht gesäuberen Katzenklo bis zur fleckigen Tischdecke, die natürlich in Großaufnahme gezeigt wird. Nicht nur Leute innerhalb der Sendung äußerten sich abschätzig, auch auf den dazugehörigen Online-Fanseiten sei das Verdikt einheitlich: Die Zuschauer empören sich etwa darüber, "dass es da keine Zahnbürste gibt und es den betreffenden Leute an Verantwortungsgefühl, Arbeitseifer und Moral mangelt". Reifová hat außerdem bewusst Zuschauer aus verschiedenen Gesellschaftsschichten befragt und festgestellt, dass selbst Angehörige einer Subkultur, die solche Sendungen mit ironisch-belustigter Distanz ansähen, sich geringschätzig über die Armen äußerten. Hinter der "Schadenfreude" (dies als deutsches Wort) stehe oft die "Selbstversicherung, dass man selbst nicht ganz so schlimm dran ist". Interessanterweise werde etwa im belgischem Fernsehen ein solches Armutsbashing nicht betrieben. "Dort nimmt man die Armut nicht zwangsläufig als individuelles Versagen wahr, sondern als etwas, das gesellschaftliche Ursachen hat. In Tschechien dagegen sehen wir Armut als etwas, was jemand selbst verschuldet hat und Gegenstand moralischer Ächtung sein sollte. Die sozialen Strukturen, die hinter dieser Armut stehen, sehen wir nicht."

Magazinrundschau vom 15.12.2020 - Novinky.cz

Im Gespräch mit Tereza Butková erklärt die tschechische Philosophin Eliška Fulínová, wir hätten verlernt, mit der Ungewissheit zu leben. "In der Neuzeit und der Moderne setzte sich der Anspruch durch, dass die Eindeutigkeit, die bis dahin in abstrakten Systemen des Weltbegreifens geherrscht hatte, auch in der konkreten Welt bestehe - und damit fingen die Schwierigkeiten an." Zur Inspiration in Sachen Unsicherheit empfiehlt sie uns die alten griechischen Denker. "Es geht nicht nur um die Fähigkeit, die Wirklichkeit in ihrer wesentlichen Widersprüchlichkeit und Vieldeutigkeit wahrzunehmen. Es geht auch um einen anderen Perspektivenzugang, wie ihn die Postmoderne zu öffnen versucht hat, was ihr aber nicht immer auf eine für den Leser verdauliche Weise gelang. Die postmodernen Denker sind oft schwer zugänglich, weshalb es in mancher Hinsicht leichter sein kann, Hesiod oder Homer zu lesen, als sich durch Deleuze hindurchzubeißen. (…) Das griechische Denken maß vor allem der Perspektivität und Relativität eine enorme positive Bedeutung bei. Die Griechen waren daran gewöhnt, dass sich nicht einmal ihre Götter einig wurden. Auch der göttliche Blick war nicht von Eindeutigkeit, universeller Wahrhaftigkeit oder einem einzigen Guten geprägt. Ich halte das für eine der bedeutendsten Lehren, die wir von ihnen übernehmen könnten. Verschiedene Menschen sehen die Dinge verschieden, und das ist in Ordnung so. Wir sollten diese Verschiedenheit nicht unterdrücken, sondern sie anerkennen und zu respektieren lernen. Dass jemand die Dinge anders sieht als ich, heißt nicht, dass er ein Feind ist oder dumm."
Stichwörter: Fulinova, Eliska

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Novinky.cz

Im Gespräch mit Zbyněk Vlasák äußert sich der tschechische Cyber-Spezialist und Philosoph Jan Romportl, Leiter des Centre for Artificial Intelligence bei O2 und Mitautor des gerade erschienenen Buches "Antropocén", über die Auswirkungen der sozialen Medien: "Das Hauptproblem der sozialen Netzwerke, das in der Konsequenz unsere Demokratie und den Gesellschaftsvertrag bedroht, auf dem unsere Gesellschaft beruht, ist, dass in der Jagd nach Aufmerksamkeit der Nutzer ihre Algorithmen die sehr effektive Strategie des 'Teile und herrsche' entwickelt haben. Die wurde in der Folge von Interessengruppen genutzt, die von der Spaltung der Gesellschaft profitieren. Dass die Leute eine Menge Zeit auf Facebook verbringen, hatten wir schon vor zehn Jahren geahnt. Und damals habe auch ich behauptet, dass sich damit leben lässt, dass wir eben nicht mehr vor dem Fernseher, sondern vor dem Computer hocken. Aber dass die Informationsgesellschaft zu einer Desinformationsgesellschaft werden würde, damit hatte keiner gerechnet. Und das ist das größte Problem, dem wir jetzt gegenüberstehen.(…) Diese Algorithmen fesseln unsere Aufmerksamkeit zuerst durch Inhalte, die immer extremer werden, zweitens umgeben sich mich mit Nutzern, die in das gleiche konkrete 'Kaninchenloch' gezogen wurden. Dadurch entstehen soziale Blasen, die sich allmählich verfestigen und isolieren. Jeder, der dann in deren Reichweite mit einer anderen Meinung auftaucht, erscheint paradoxerweise auf einmal als Extremist. Und da für viele Menschen die sozialen Netzwerke die primäre Informationsquelle darstellen, geht der Gesellschaft die gemeinsame Basis verloren, der geteilte Informationsfluss, aus dem sich zwar jeder herauspicken könnte, was er wollte, der aber das Bewusstsein aufrechterhielte, dass es noch andere relevante Perspektiven auf eine Sache gibt." Trotzdem möchte Romportl nicht nur das Böse in den sozialen Netzwerken erkennen: "In den Neunzigerjahren dachte ich, dass Falschinformationen dank des Internets für immer verschwinden würden, dass uns keine Rückkehr in den Totalitarismus mehr droht. Das war naiv von mir, aber etwas von diesem Idealismus hat das Internet geprägt und existiert immer noch. Ja, wir haben soziale Netzwerke voller Coronaleugner, was uns jetzt in der Realität Menschenleben kostet. Aber ohne die sozialen Netzwerke hätte sich im Frühling keine so große Welle der Solidarität erhoben, es hätten nicht so viele Menschen Masken genäht und ein Projekt wie Covid19CZ wäre unmöglich innerhalb eines Tages entstanden."

Magazinrundschau vom 27.10.2020 - Novinky.cz

Tschechien ist derzeit das Land mit den dramatischsten Corona-Ausbreitungszahlen, und nun hat ausgerechnet der Gesundheitsminister Roman Prymula gegen die eigenen Regeln verstoßen, in dem er ein Restaurant besuchte (das geschlossen hätte sein sollen) und dabei nicht einmal die vorgeschriebene Maske trug. Wie fatal das ist, beschreibt der Politologe Jiří Pehe in seinem Kommentar: "Die Geringschätzung seitens der Politiker von Verordnungen, deren Einhaltung sie selbst von den Bürgern verlangen, und das anschließende unwürdige Verschleiern solcher Versagen stellt ein großes Problem dar. Denn der Erfolg im Kampf gegen Covid-19 hängt unter anderem vom Vertrauen der Bürger in die staatlichen Institutionen ab. Es ist kein Zufall, dass bisher diejenigen Länder den Kampf gegen die Pandemie am besten bewältigen, in denen ein hohes Maß an Vertrauen in die Staatsinstitutionen und generell in die Vernunftbestimmtheit der Politik besteht, wie dies in Norwegen, Finnland, Dänemark, Island oder Neuseeland der Fall ist." Während in diesem Frühling noch über 60 Prozent der tschechischen Bevölkerung der Regierung und ihren strengen Maßnahmen vertraute und eine entsprechend große Welle der Solidarität ihre Erfolge zeitigte, habe inzwischen die chaotische Politik von Andrej Babiš, besonders aber das Verhalten mehrerer Politiker, die "Wasser predigten und Wein tranken" dieses Vertrauen verspielt. "Wir könnten uns darüber freuen, dass sich das Ende von Babiš' politischer Karriere nähert, aber leider sitzen wir mit ihm zusammen in einer gefährlichen Falle. Sogar ein Teil der Opposition argumentiert, dass man in einer Krise von solchen Dimensionen nicht mittendrin die Führung wechselt, aber wie soll man die Krise bekämpfen, wenn immer weniger Menschen der Führung des Landes vertrauen? Das Versagen Roman Prymulas, auf dessen Fachkompetenz und Besonnenheit viele Menschen angesichts des schwachen Bilds des Premiers gesetzt hatten, macht nun den Kampf gegen die Pandemie bei uns noch ungleich komplizierter."

Magazinrundschau vom 01.09.2020 - Novinky.cz

Der Schriftsteller Jiří Kratochvíl, seit Jahrzehnten eine feste Größe der tschechischen Literatur - und mit seinem neuen Roman für den Magnesia-Litera-Preis nominiert -, warnt in einem Gespräch mit Monika Rychlíková vor vorschnellen Abverurteilungen von Schriftstellern, wie im Falle des Denunziationsvorwurfs gegen Milan Kundera. "Ich habe nämlich selbst eine ähnliche Hetzjagd erlebt, und zwar in den übelsten Zeiten, den 80er Jahren, als ich mich nicht verteidigen konnte. Damals gelangte aus dem Exil eine Verlautbarung in die Dissidentenkreise, ich sei Mitarbeiter der Staatssicherheit. Nach 1990 hat sich das erledigt, ich wurde per Lustrationsgesetz offiziell entlastet, und der Autor, der das Gerücht verbreitet hatte, hat sich bei mir entschuldigt. Aber das Erleben dieser Hetzjagd werde ich nicht mehr los, es quält mich immer noch, und deshalb bin ich bei diesem Thema besonders empfindlich." Kratochvíl erzählt auch davon, was für ein Segen die Dissidentenliteratur der Achtziger für ihn war und wie isoliert er zuvor gewesen sei, als er immer nur schrieb, um seine leserlosen Manuskripte hinterher zu verbrennen. "In den Siebzigern bewegte ich mich faktisch als Hilfsarbeiter durch die verschiedensten Gewerbe, allerdings konnte ich das Geschichtenerzählen nicht sein lassen. Ich war ein verbotener Schriftsteller und damals noch ohne Kontakt in die Szene der Dissidentenliteratur, ich lebte also in einer Art literarischem Autismus. (…) Und dann, Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre, hatte ich eingefleischter Einzelgänger auf einmal ein reges gesellschaftliches Leben. Die Begegnung mit der Dissidentenszene ist der wichtigste Teil meines Lebens. Nur unter so außergewöhnlichen Bedingungen nämlich hat man die Chance, die Bedeutung von Literatur zu erkennen."

Magazinrundschau vom 25.08.2020 - Novinky.cz

In den letzten Wochen hat sich in Tschechien eine Art Historikerstreit über die Zeit des tschechoslowakischen Kommunismus und besonders der sogenannten "Normalisierung" zwischen 1968 und 1989 entwickelt. Der an der Prager Karlsuniversität lehrende Michal Pullmann und andere Kollegen werden darin als "revisionistische Historiker" bezeichnet, da sie in ihrer Forschung neben den Mächtigen auch die normale Bevölkerung während des Kommunismus stärker in den Fokus nehmen und zum Schluss kommen, dass das Regime in der Gesellschaft eine gewisse Legitimität und Unterstützung fand. Der Politologe Jiří Pehe fasst in einem Kommentar die emotionale Debatte zusammen: "Pullmann und die anderen Historiker streiten nicht ab, dass das Regime repressiv und verbrecherisch war, sie machen jedoch darauf aufmerksam, dass nicht wenige Menschen sich mit ihm arrangierten und etliche zum Beispiel seine Sozialpolitik schätzten. Sie machen darauf aufmerksam, dass es sich um kein klassisch diktatorisches Regime handelte, in dem auf der einen Seite eine Junta der Macht steht und auf der andere Seite der beherrschte Rest der Gesellschaft, sondern dass es durch komplizierte Mechanismen die ganze Gesellschaft durchdrungen hatte, die sich zum größten Teil konform verhielt. Die Kritiker aus dem antikommunistischen Lager lehnen diese Interpretation ab. Ihrer Ansicht nach konnte das Regime nur mittels Angst und Einschüchterung existieren und habe eine eigene Legitimität weder besessen noch generiert. Sie beschuldigen Pullmann und Kollegen der Relativierung des Bösen, das der kommunistische Totalitarismus dargestellt habe." Pehe erinnert jedoch daran, dass die kommunistische Ära kein Monolith gewesen sei, sondern verschiedene Ausformungen gehabt habe - vom stalinistischen Totalitarismus der fünfziger-Jahre über die Liberalisierung der sechziger-Jahre bis hin zur Normalisierung, über die sogar Václav Havel als "posttotalitäres Regime" geschrieben habe. Der größte interpretatorische Knackpunkt sei zudem der Prager Frühling von 1968, in dem man einen "dritten Weg", den Sozialismus mit menschlichem Antlitz, gesucht habe. Insgesamt nimmt Pehe die "revisionistischen Historiker" in Schutz und plädiert für einen genaueren Blick auf die unterschiedlichen Facetten der kommunistischen Ära.