
Donald Trumps Erhebung von
Zöllen ist dem Versuch geschuldet, die USA möglichst autark zu machen,
meint Ben Chu. Das widerspricht dem Trend zur Globalisierung, der in den letzten Jahrzehnten die Handelspolitik der Welt und insbesondere der USA bestimmte. "Handel und Verflechtung, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, sind Teil unseres Wesens - und waren es schon immer. Dennoch ist es müßig zu leugnen, dass der
Impuls zur Autarkie ebenfalls sehr tief in unsere Psyche und unsere Geschichte hineinreicht", meint Chu, der in der neuerlichen Hinwendung zur Autarkie auch etwas persönliches ausmacht: Die "
Tugend der Eigenständigkeit", die von Menschen in allen Jahrhunderten hochgehalten wurde. Auch in den USA: "Im Januar 1790 erhob sich
George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, um seine erste Botschaft an den US-Kongress zu richten: 'Ein freies Volk sollte nicht nur bewaffnet, sondern auch diszipliniert sein', erklärte er, 'und seine Sicherheit und sein Interesse erfordern, dass es solche Manufakturen fördert, die es in Bezug auf
lebenswichtige,
insbesondere militärische Güter von anderen unabhängig machen.' ... Eine der ersten Amtshandlungen des ersten Kongresses war die Einführung von Zöllen. Das so genannte 'Amerikanische System' inspirierte den nach Pennsylvania ausgewanderten Deutschen
Friedrich List 1841 zu einem
einflussreichen Buch, in dem er ein 'nationales System der politischen Ökonomie' empfahl, das die kanonischen Argumente von Adam Smith und David Ricardo über die Rationalität von Nationen, die Freihandel betreiben, verwarf. List vertrat stattdessen die Ansicht, dass Länder mit einem großen, noch nicht ausgeschöpften Industriepotenzial, die versuchten, den
Produktivitätsvorsprung des Spitzenreiters - in diesem Fall Großbritanniens - aufzuholen, ihre unreifen Fabriken mit starken Einfuhrbeschränkungen vor dem Wettbewerb mit dem Spitzenreiter schützen sollten, bis sie stark genug waren, um
konkurrenzfähig zu sein. Es ist auch heute noch ein überzeugendes Argument für die Staats- und Regierungschefs sowohl der Entwicklungsländer als auch der wohlhabenden Länder, das oft angeführt wird, um den Handelsprotektionismus als Eckpfeiler der Industrialisierungs- oder Reindustrialisierungsstrategien zu rechtfertigen. Es ist schon erstaunlich, wenn man Washingtons erste Rede vor dem Kongress mit dem vergleicht, was
Trump im Jahr 2025 vor derselben Institution sagte. 'Wenn wir keinen ... Stahl und viele andere Dinge haben, haben wir kein Militär und, offen gesagt, werden wir nicht lange ein Land haben', begründete der 47. Präsident die Wiedereinführung von Zöllen auf Stahlimporte. ... Indem er die Handelspolitik ausdrücklich mit der nationalen Eigenständigkeit und den Verteidigungsfähigkeiten verknüpfte, ließ Trump
Ideen wieder aufleben, die bereits bei der Gründung der US-Republik eine Rolle spielten." (Hingewiesen sei noch auf die
List-Biografie von Roland Brecht, die vor zwei Jahren im Kohlhammer Verlag erschien.)