Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 26.02.2019 - Aeon

Der Arabist Bruce Fudge liest dreißig Jahre nach seinem Erscheinen nochmal Salman Rushdies Roman "Die Satanischen Verse", der über der Rushdie-Affäre fast in Vergessenheit geriet und doch ein epochales Werk war. Rushdie schrieb ihn noch mit einem fast ans 18. Jahrhundert erinnernden Aufklärungsoptimismus, so Fudge. Eine seiner Ideen ist, dass sich das fiktionale Erzählen als weiße Magie gegen die schwarze der heiligen Texte stellen sollte. Und es gibt sozusagen eine Vorläufer-Figur des Erzählers im Roman selbst: "Die 'Satanischen Verse' erzählen unter anderem in stark fiktionalisierter Weise die Geschichte des Ibn Abi Sarh, des Schreibers von Mohammed, der die Offenbarung aufschrieb, wenn der Prophet sie rezitierte. Verschiedene Quellen sagen uns, dass Ibn Abi Sarh beim Diktat noch weiterschrieb, nachdem Mohammed aufgehört hatte zu sprechen, um Sätze mit Wörtern zu beenden, die er für die richtigen hielt. Als seine Ergänzungen entdeckt wurden, schüttelte man ihn. Wie sollten dies die Worte Gottes sein? Sie waren seine eigenen! Er verschwand und lief über zu den Feinden des Propheten. Nachdem die Muslime Mekka erobert hatten und der Islam triumphierte, verlangte Mohammed, dass Ibn Abi Sarh neben anderen Apostaten getötet werden sollte. Man überzeugte ihn, gegenüber seinem ehemaligen Schreiber Gnade walten zu lassen, aber später drückte er sein Bedauern aus, dass seine Gefolgsleute ihm nicht einfach den Kopf abgeschnitten hatten."

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Aeon

Immer stärker werden die Konvulsionen des amerikanischen Rassismus-Diskurses, der ja schon dazu geführt hat, dass auch hierzulande wieder unbedarft von Rassen gesprochen wird. Tim Whitmarsh warnt jetzt davor, rassische Kategorien auch dem Denken des antiken Griechenlands überzustülpen. Die Marmorstatuen waren nicht weiß, und Homer hat nicht in Schwarz und Weiß gedacht, selbst wenn er Achill dunkel nennt. "Einen Griechen weiß zu nennen, bedeutete, ihn zu effiminieren. Und Odysseus, umgekehrt, als schwarz zu beschreiben, hieß, ihn mit dem rauen Outdoor-Leben zu assoziieren, das er auf dem felsigen Ithaka verbrachte. Zu fragen, ob Achill und Odysseus weiß oder schwarz waren, hieße, Homer falsch zu verstehen. Seine farblichen Begriffe sollen Menschen nicht in rassische Kategorien einteilen, sondern sie als Individuen charakterisieren, seine subtilen poetischen Assoziationen verflüchtigen sich, wenn wir blond durch braun ersetzen, gebräunt durch schwarz (oder umgekehrt). Für die Griechen war die Welt einfach nicht in Schwarz und Weiß geteilt. Das ist eine bizarre Idee der modernen westlichen Welt, ein Produkt vieler verschiedener historischer Kräfte, vor allem des transatlantischen Sklavenhandels und der kruderen Aspekte der Rassentheorie des 19. Jahrhunderts. In Rom oder Athen sprach niemand von schwarzen oder weißen Völkern. Griechen bemerkten zwar eine unterschiedliche Schattierung in der Pigmentierung, und sie unterschieden sich selbst von den dunkleren Völkern Afrikas und Indien, manchmal auch in aggressiven, abwertenden Begriffen, die wir heute rassistisch nennen würden; aber sie unterschieden sich selbst auch von den helleren Völkern des Nordens. Die Griechen dachten von sich selbst nicht als weiß." Und wenn, dann waren die anderen höchstens Barbaren!

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - Aeon

Nicht nur Menschen können von links nach rechts wechseln - auch Begriffe können es, lernt man von Martin Jay, Professor für Europäische Geschichte in Berkeley. Der vielleicht populärste Begriff in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, das Elend des Kapitalismus zu beschreiben, war "Entfremdung", ein Begriff, den heute kein Linker mehr benutzen würde: "In der Blütezeit des marxistischen Humanismus konnte Entfremdung verstanden werden als Teil einer kapitalistischen Produktionsart, die jede Möglichkeit nicht entfremdeter Arbeit hintertrieb. Aber dann begann die Linke 'Klasse' weniger wichtig zu finden und sich mit Kultur statt Produktionsbedingungen zu befassen. Als linke Politik begann, die Toleranz der Unterschiedlichkeit zu feiern, wurde sie wachsamer, was die Stigmatisierung des Fremden anging - den Fremden im Innern eingeschlossen. Statt 'abgerundete Ganzheit' oder das Eintauchen ins warme Bad der gemeinsamen Einheit zu suchen, ging es bei diesem politischen Wechsel darum, die Tugenden wechselnder Identitäten und die Zerstreuung in einer Diaspora anzuerkennen. Feindschaft gegenüber dem fremden 'Anderen' sowohl außer- wie innerhalb ist jetzt auf die Seite der populistischen Rechten gewandert."
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Magazinrundschau vom 25.10.2016 - Aeon

Benjamin Peters erzählt auf Aeon die Geschichte des sowjetischen Internets, von dem sich dessen Mastermind Wiktor Gluschkow nicht weniger versprach als einen Siegeszug des "elektronischen Sozialismus" auf Grundlage der Kybernetik - und dabei an den Borniertheiten der sozialistischen Elite scheiterte. "Die Kräfte, die das OGAS-Projekt zum Erliegen brachten, ähneln jenen, die auch die Sowjetuntion in die Knie zwangen: Subversive Minister, am Status-Quo hängende Bürokraten, nervöse Fabrikchefs, verwirrte Arbeiter und sogar einige Wirtschaftsreformer opponierten dagegen, weil es in ihrem institutionellen Eigeninteresse lag. ... Der Sowjetstaat scheiterte daran, seine Nation zu vernetzen, nicht etwa, weil er zu rigide oder zu sehr von oben nach unten durchregierte wurde. Sondern weil er in der Umsetzung zu unentschlossen und zu tückisch war. Darin liegt eine gewisse Ironie. Die ersten globalen Computernetzwerke entstanden in den USA dank einer gut regulierten, staatlichen Finanzaustattung und kollaborativer Forschungszusammenhänge, während zeitgleich (und davon bemerkenswert unabhängig) die nationalen Netzwerkversuche der UdSSR wegen unregulierter Wettbewerbe und institutioneller Grabenkämpfe zwischen den sowjetischen Administratoren strauchelten. Das erste globale Computernetzwerk verdankt seine Existenz Kapitalisten, die wie kooperative Sozialisten handelten, und nicht Sozialisten, die sich wie konkurrierende Kapitalisten benahmen."

In einem Telepolis-Kommentar widerspricht Marcus Hammerschmidt letzterem allerdings ein wenig: "Viel eher hatten sich im sowjetischen Staatsapparat quasifeudale Strukturen breitgemacht, bei denen die einzelnen Minister und Parteigranden ihre Kompetenzbereiche wie kleine Könige verteidigten."

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Aeon

Wenn es um Künstliche Intelligenz geht, werfen selbst Technik-Visionäre wie Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk Schreckensszenarien über denkende, die die Menschheit versklavende Computer an die Wand, stöhnt Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik in Oxford. Ultraintelligenz, also Künstliche Intelligenz, die die menschliche Intelligenz übersteigt, kann zwar nicht logisch ausgeschlossen werden, sei jedoch höchst unplausibel: "Digitale Technologien können mehr und mehr Dinge besser als wir, da sie auf immer mehr Daten zurückgreifen und ihre Leistung verbessern, indem sie ihren eigenen Output als Input für die nächsten Operationen analysieren. AlphaGo, das von Google DeepMind entwickelte Computerprogramm, besiegte im Brettspiel Go den weltbesten Spieler, indem es auf eine Datenbank mit 30 Millionen Zügen zurückgreifen und seine Leistung in tausenden Partien gegen sich selbst steigern konnte. Es ist wie ein Zwei-Messer-System, das sich selbst schleifen kann. Was ist der Unterschied? Derselbe wie zwischen Dir und einer Spülmaschine, wenn es um den Abwasch geht. Was folgt daraus? Dass jede apokalyptische Vision bezüglich AI getrost verworfen werden kann. Wir, nicht Technologie, sind und werden in absehbarer Zeit das Problem sein."

Dazu passend geht Adrienne Mayor der Frage nach, was Entwickler von Künstlicher Intelligenz aus der griechischen Mythologie lernen können.

Magazinrundschau vom 03.05.2016 - Aeon

Steven Nadler, Professor für Philosophie und Judaistik in Wisconsin, gehörte im Jahr 2012 zu einem Beraterstab der Jüdischen Gemeinde von Amsterdam, die überlegte, den berühmten Bann gegen Baruch Spinoza, der von der portugiesisch-jüdischen Gemeinde im Jahr 1656 verhängt worden war, aufzuheben. Es war die strengste Strafe, die diese Gemeinde je gegen ein Mitglied verhängt hatte. Aber auch im Jahr 2012 beließ sie es noch bei dem Bann. Leicht fasslich erklärt Nadler, warum der leider so schwer lesbare Spinoza heute notwendiger ist denn je: "Spinoza wird oft als Pantheist bezeichnet, aber Atheist wäre die korrektere Beschreibung. Spinoza vergöttlicht die Natur nicht. Natur ist nicht der Gegenstand ehrfürchtiger Scheu oder religiöser Verehrung. 'Der weise Mann', sagte er, 'versucht die Natur zu verstehen, nicht sie anzuglotzen wie ein Dummkopf. Die einzig angemessene Einstellung zu Gott oder der Natur ist der Wunsch, sie durch den Intellekt zu begreifen."

Magazinrundschau vom 05.01.2016 - Aeon

Psychische Erkrankungen werden heute viel sensibler behandelt als vor hundert Jahren, aber sie werden auch noch benutzt, jedes aufmüpfige Verhalten als "krank" zu charakterisieren. Das hat eine Tradition, nicht nur in Ländern wie Russland oder China, sondern auch im Westen, erklärt Carrie Arnold. Gezeigt hat ihr das eine Auswertung der Akten der Psychatrie 1885-1973 im Ionia State Hospital in Michigan durch den Psychiater und Soziologe Jonathan Metzl. Bis in die 1950er hinein wurden vor allem weiße Hausfrauen als schizophren eingewiesen, die an Depressionen litten und "ihren Haushalt nicht in Ordnung halten konnten", stellte dieser fest. Als die Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern an Fahrt gewann, änderte sich das: "Als 1968 die zweite Ausgabe des psychiatrischen Handbuchs (DSM) erschien, hatten Psychiater die Kennzeichen für Schizophrenie verändert: von Symptomen wie Stimmungsschwankungen, leichte Bereitschaft zu weinen oder Verwirrtheit hin zu Zeichen von Größenwahn, Feindseligkeit und Aggression - oder anders gesagt: von weißen Ehefrauen aus der Vorstadt hin zu schwarzen Männern aus der Großstadt. Die Forscher dachten womöglich, dass die neue Terminologie ihnen helfen würden, wissenschaftlicher in ihrer Diagnose zu werden. Aber als sie in den Kliniken und in der Gesellschaft angewandt wurde, zeigte sich plötzlich, dass sie benutzt wurde, überproportional viele schwarze Männer als schizophren zu behandeln, besonders, wenn sie Teil der politischen Protestbewegung waren, sagt Metzl."

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - Aeon

Jahrhundertelang galten leere Hände als Zeichen für Luxus: wer etwas Nützliches in den Händen hielt, arbeitete - meist für andere -, während die Reichen und Mächtigen arbeiten ließen und ihre Hände frei hatten für angenehmere Beschäftigungen, schreibt die Harvard-Historikerin Joyce E. Chaplin. Das änderte sich, als Kameras, Radios, Taschenrechner und andere Geräte immer kleiner wurden. Vorläufiger Endpunkt dieser Entwicklung ist das Smartphone: "Darin geballt sind gleich mehrere geschichtliche Schrumpfstücke: Uhr, Ortungssystem, Kamera, Aufnahmegerät, Bildschirm, Telefon, künstliche Intelligenz, Spielkonsole, alles in einem Gerät, das in die Tasche deiner Jeans passt, jetzt wo du und alle anderen so ziemlich jeden Tag Jeans tragen können. Aber die wirklich interessante historische Entwicklung ist, dass du dein Gerät in der Hand hälst, mit stolz, dass jeder es sehen kann. Anstatt dass die meisten von uns Knechte sind, die zur Arbeit mit den Händen gezwungen werden, halten wir nun die Entsprechung dieser Arbeit in den Händen. Es gibt kein Stigma; wir sind Gleichgestellte."

Außerdem untersucht Jacob Burak, warum so viele große Männer von Rivalitäten angetrieben wurden, beispielsweise John Constable und Edward Turner, Michelangelo und Raphael, Gottfried Leibniz und Isaac Newton, Sigmund Freud und Carl Jung, Thomas Edison und Nikola Tesla oder Bill Gates und Steve Jobs. Und Craig Mod erklärt, warum er nach vier Jahren aufgehört hat, Ebooks zu lesen.

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - Aeon

Häufigkeit von Anrufen bei der Mutter, Fleischverzehr, Wahlverhalten, Wohltätigkeit - auf der Basis dieser und weiterer Kriterien untersucht Eric Schwitzgebel, ob sich Ethiker grundsätzlich moralischer Verhalten als der Rest der Bevölkerung. Sein Ergebnis: nein, aber sie haben ein schlechteres Gewissen dabei. Denn während sie in ihrem Verhalten keinerlei signifikante Abweichungen zum Durchschnitt aufwiesen, zeigt sich, "dass Ethiker in manchen Fällen moralische Normen außergewöhnlich ernst nehmen. Besonders eklatant sind unsere Ergebnisse zum Vegetariertum. In einer Umfrage unter Professoren aus fünf Bundesstaaten wurde "regelmäßig das Essen von Säugetieren, beispielsweise Rind- oder Schweinefleisch" zu sechzig Prozent im negativen Spektrum einer Neun-Punkte-Skala zwischen "moralisch sehr schlecht" und "moralisch sehr gut" bewertet. Im Gegensatz dazu finden nur 19 Prozent von Nicht-Philosophieprofessoren Fleischkonsum verwerflich. Das ist ein erheblicher Meinungsunterschied!"

Außerdem geht Hana Schank der Frage nach, warum nur 2 Prozent der Schachgroßmeister Frauen sind.

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Aeon

Warum verfällt man im Hotel so leicht in Melancholie? Die britische Autorin Suzanne Joinson beschreibt, wie sie durch übermäßiges Reisen ihre Identität und ihren Lebenswillen zu verlieren drohte, und wie sie in den surrealistischen Künstlerinnen Unica Zürn, Leonora Carrington und André Bretons Muse "Nadja" Schicksalsgenossinnen fand: "Alle drei lebten rastlose, nicht-stationäre Leben, und die Spiegel, Türen, Schlösser, Balkone und Bäder von Hotelzimmern wurden aktive Requisiten und Umgebungen, um "auf die andere Seite" zu gelangen - worin sie von den männlichen Künstlern in ihrem Umfeld stark ermutigt wurden. Die Surrealisten waren besessen von Begegnungen mit dem Unbewussten, von Liebeleien mit dem Wahnsinn, und meist waren es die Frauen, die in den Abgrund gestoßen wurden - oder sich entschlossen zu springen -, während ihre Gegenüber zuschauten. Durch die von Frauen geöffneten Pforten erlangten männliche Surrealisten einen reinen Zustand von psychischem Automatismus - in anderen Worten: Kunst jenseits der Beschränkungen von Vernunft und moralischer oder ästhetischer Kontrolle -, und das Hotelzimmer war häufig das ideale Theater für diese Experimente."