Maria Sorensen stelltukrainische, belarussische und russische Künstler vor, die sich auf kritische Weise mit ihren Heimatländern auseinandersetzen und sich, im Falle der beiden letzteren, den autoritären Regimen an der Macht widersetzen. Der russische KünstlerSergei Prokofiev erzählt mit seinem 3-D-Stift von Kriegstraumata, Deserteuren und Vergänglichkeit: "Als Reaktion auf aktuelle Ereignisse greift er oft auf unkonventionelle Werkzeuge und Materialien zurück. So hat er beispielsweise in einer seiner jüngsten Serien, in der er psychologische Abwehrmechanismen unter Stress untersucht, 'Kupferhüllen' über Plastikfiguren wachsen lassen, indem er diese in eine chemische Lösung tauchte. Wenn Prokofiev mit einem 3D-Stift zeichnet, sind seine Motive fast immer zerbrechlich, flüchtig und vergänglich: kriegsbeschädigte Gebäude und gefallene Soldaten, aus deren Körpern Sonnenblumen sprießen - leblos, namenlos. Die Werke, die in einer Ausstellung in Zürich gezeigt wurden, entstanden, indem er zuvor geschaffene 3D-Skulpturen in Brand setzte und den verkohlten Kunststoff zum Drucken verwendete. Mit jedem Druck wird das Bild immer blasser. Das Bild thematisierte Deserteure - Figuren, die aus dem kollektiven Gedächtnis verblasst sind. Millionen flohen aus dem Land in der Hoffnung, der Einberufung zum Kriegsdienst zu entgehen. In Prokofjews originellen und oft poetischen Werken wird Macht untergraben. In 'Feuerwerk auf dem Sumpf' wird dieses Symbol der militärischen Macht und des Patriotismus eines Reiches, das oft bei Militärparaden zum Einsatz kommt, stattdessen in russischen Hinterwäldern gefilmt, inmitten schlammiger Sümpfe, die die Unruhen widerspiegeln, die unter der Oberfläche der russischen Gesellschaft lauern. Er achtet darauf, weder die Aufmerksamkeit auf sich selbst noch auf sein Schaffen zu lenken, sondern lässt die Werke lieber für sich selbst sprechen. In unseren zahlreichen Gesprächen hat er sich zurückgehalten, näher auf die 'Rolle der Kunst' einzugehen. Er sagt, Kunst dieser Zeit solle der Selbstreflexionauf nationaler Ebene dienen - ein Wunsch, der nicht unbedingt der Realität entspricht."
Erschüttert, aber nicht gerade überrascht verfolgte Tihomir Loza, wie der Kriegsverbrecher Ratko Mladić im September mit großen Staatsehren beigesetzt wurde. Der Nationalismus ist wieder auf dem Vormarsch, hält Loza fest, insofern er denn je weg war. Denn die Serben hätten sich nie wirklich mit ihrer gewaltvollen Vergangenheit auseinandergesetzt. Aber auch die EU trägt Mitverantwortung am "demokratischen Verfall" Serbiens, kritisiert er. Aleksandar Vučić, der nach einem taktischen Rücktritt bei den nächsten Wahlen erneut für das Amt des Präsidenten kandidieren wird, hat das Land zunehmend autoritär regiert, wurde aber dennoch von europäischen Staatschefs hofiert: "Westliche Regierungen - insbesondere Frankreich und Deutschland - haben Vučić als unverzichtbaren Garanten für die Stabilität des Balkans behandelt. Seine Versprechen bezüglich des Kosovo, Serbiens Rolle als indirekter Munitionslieferant für die Ukraine, seine von der europäischen Industrie begehrten Lithiumreserven und seine gelegentlichen Distanzierungsgesten gegenüber Moskau hatten oft mehr Gewicht als die demokratischen Institutionen des Landes. Dieser Pakt war moralisch fragwürdig und strategisch kurzsichtig. Vučić hat ein System geleitet, in dem die Grenzen zwischen Regierungspartei, Staat, aggressiv parteiischen und oft unaussprechlich profanen Medien, organisierter Kriminalität, Kirche und Gewalt auf der Straße verschwommen sind. Europäische Institutionen haben den Abbau der Medienfreiheit, der Integrität von Wahlen und der Rechtsstaatlichkeit dokumentiert. Dennoch bereiten europäische Staats- und Regierungschefs ihm weiterhin zeremonielle Empfänge, Investitionsabkommen und den Anschein internationaler Unentbehrlichkeit. Der französische Präsident Emmanuel Macron empfing Vučić nur zwei Tage nach Mladićs Beerdigung im Élysée-Palast. Obwohl EU-Beamte die Beteiligung des serbischen Staates verurteilten, spielten sie deren Bedeutung herunter... Zwei Wochen später hielten Kameras eine auffallend herzliche Begegnung zwischen von der Leyen und Vučić bei der UN-Generalversammlung fest - demselben Mann, den sie wiederholt mit 'lieber Aleksandar' angesprochen hatte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewiediskutieren im Interview mit Ferenc Laczó über ihr Buch "Zurück zur Wirklichkeit", autoritäre Strömungen in der Linken, Klimaschutz und die Zukunft Europas. Die EU halten die beiden nach wie vor für "eine realistische Utopie". Allerdings, meint Cohn-Bendit, ist "Europa zu einem Akteur in einer viel größeren Welt geworden, einer Welt, die von Trump, Xi Jinping und Putin geprägt wird. Sie verfolgen ihre Interessen weltweit und stehen im globalen Wettbewerb. Dennoch verhalten sich die Europäer immer noch so, als reiche es aus, die Dinge einfach unter sich zu regeln, ohne darauf zu achten, was außerhalb geschieht. Die antiautoritäre Generation hat zu Recht die individuelle Freiheit betont, die Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Doch nun stehen wir vor einer anderen Frage: Wie verstehen wir die kollektiven Interessen unserer Gemeinschaft, und was bedeutet es eigentlich, uns zu verteidigen? Deshalb plädieren wir für einen obligatorischen nationalen Dienst - nicht nur für den Wehrdienst, sondern für ein obligatorisches Dienstjahr für alle, Frauen wie Männer. Im Idealfall sollte dies europaweit gelten. Ein Jahr lang würde jeder junge Mensch wählen, ob er in einem Krankenhaus, im Umweltschutz oder im Militärdienst arbeiten möchte, und dabei lernen, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Dies würde zu einem wahrhaft europäischen Projekt werden. Wenn man ein solches Fundament schafft, schafft man auch die Grundlage für eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit - denn Verteidigung bedeutet letztendlich, unsere gemeinsamen Interessen und unsere gemeinsamen Werte zu verteidigen. Das Bewusstsein dafür ist nach wie vor sehr unterentwickelt." Leggewie ergänzt: "Wir beginnen erst jetzt zu verstehen, was Mitterrand und Kohl erreicht haben. Unzählige Ideologen fordern heute 'weniger Europa' oder gar 'Europa verlassen'. Doch das wird nicht geschehen. Die Utopie ist zur Realität geworden. Erstens müssen wir uns also an die prinzipientreuen Föderalisten und jene erinnern, die sich ehrlich mit politischen Dilemmata auseinandergesetzt haben. Zweitens brauchen wir pragmatische Politiker, die am ehesten einen echten Wendepunkt herbeiführen können. Sie könnten konservativ sein, wie Péter Magyar. Drittens müssen wir die faktische Kraft der bereits erarbeiteten Realität berücksichtigen. Mit anderen Worten: Wir müssen die Bedingungen verstehen, unter denen eine optimistische politische Vision wieder entstehen könnte."
Im Jahr 2018 zahlte Sam Altman einen Vorschuss von 10.000 US-Dollar an das in Vancouver ansässige Start-up "Nectome" und zwar für einen Dienst, den das Unternehmen bis heute nicht anbieten kann, erinnert Moheb Costandi: Altman hofft darauf, dass sein Gehirn nach dem Tod konserviert, digitalisiert und so wiederbelebt werden kann. "Ich gehe davon aus, dass mein Gehirn in die Cloud hochgeladen wird", sagte er der MIT Technology Review damals. Wie realistisch ist die sogenannte "digitale Gehirnemulation"? Dabei "wird ein hochauflösendes digitales Abbild eines gesamten menschlichen Gehirns erstellt. Die Idee dahinter ist, dass ein solches Abbild - basierend auf detaillierten Daten des neuronalen Konnektoms einer Person - deren Erinnerungen reproduzieren und womöglich sogar ein eigenes Bewusstsein entwickeln könnte." Anstatt "das Gehirn selbst wiederzubeleben, geht der Gründer von Nectome davon aus, dass es eines Tages möglich sein wird, dessen Struktur sowie die darin gespeicherten neuronalen Informationen zu digitalisieren. Die so gewonnenen Daten könnten dann auf einen Supercomputer übertragen werden, um den Geist und das Bewusstsein des jeweiligen Individuums zu emulieren", lesen wir. Es war der Wissenschaft schon 1984 gelungen, ein gesamtes Nervensystem zu kartieren, allerdings das eines millimetergroßen Wurms, der nur 304 Neuronen besitzt. "Im Oktober 2024 gab das FlyWire-Konsortium bekannt, das vollständige Konnektom der Taufliege 'D. melanogaster' kartiert zu haben. Zwar besitzt die Taufliege ein Gehirn von der Größe eines Stecknadelkopfes, doch selbst mit moderneren Methoden benötigte das riesige, über 127 wissenschaftliche Einrichtungen weltweit verteilte Team sechs Jahre für die Kartierung des Konnektoms." Laut einer Studie von "Anders Sandberg und Nick Bostrom vom Future of Humanity Institute würde ein niedrig aufgelöstes Gehirnmodell, das Neuronen als einfache 'An/Aus'-Spiking-Einheiten und Synapsen als 'gewichtete' Verbindungen unterschiedlicher Stärke simuliert, zwischen einem Petaflop und einem Exaflop Rechenleistung benötigen. Zum Vergleich: Der schnellste Supercomputer der Welt - im Nationalen Supercomputing-Zentrum Chinas - erreichte knapp 2,2 Exaflops. Ein detaillierteres Modell, das Genexpression, Protein-Protein-Interaktionen und andere molekulare Prozesse berücksichtigt, die wahrscheinlich für die neuronale Funktion wichtig sind, würde vermutlich mindestens 10 Millionen Exaflops Rechenleistung benötigen. Die Speicherung all dieser Daten würde mindestens ein Exabyte (eine Milliarde Gigabyte), möglicherweise sogar zwei oder drei, erfordern. Obwohl es unmöglich ist, KI-Rechenzentren anhand ihrer Speicherkapazität zu ordnen, zählt der Colossus-Supercomputer von xAI in Memphis, Tennessee, zu den Anwärtern auf den Titel des 'größten'. Er verfügt über geschätzte 0,5 Exabyte Gesamtspeicher für das Training seines Algorithmus sowie über rund 200.000 Grafikprozessoren."
"Der urbane Raum war nie geschlechtsneutral", ruft Jovana Božović. Städte wurden nach den Bedürfnissen von Männern erbaut und diese Strukturen sorgen immer noch für Hindernisse im Alltag von Frauen. Das größte Problem für Frauen ist immer noch die Sicherheit, erklärt Božović, und das weltweit: In "Japan ist sexuelle Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Nahverkehr so weit verbreitet, dass es sogar einen eigenen Begriff dafür gibt: Chikan", im Kosovo ergab eine Studie des Kollektivs "Sestre, drugarice" ("Schwestern, Freundinnen"), dass 64 Prozent der Frauen im öffentlichen Raum schon einmal sexuell belästigt wurden, 58 Prozent davon minderjährig. Aber: Manche Städte haben schon wichtige Schritte getan, was die "geschlechtersensible Stadtplanung" angeht: "Die schwedische Stadt Umeå, die weithin als 'feministischste Stadt' der Welt gilt, berücksichtigt bei ihrer gesamten Stadtplanung die Geschlechtergerechtigkeit. 2019 wurde in der Stadt eine geschlechtersensible Bushaltestelle als Prototyp errichtet, um den Sicherheitsbedenken von Frauen im öffentlichen Nahverkehr Rechnung zu tragen. Akustische und optische Signale weisen auf die Ankunft des Busses hin, während drehbare Holzkabinen die Sicht verbessern, die Überwachung der Umgebung ermöglichen, Schutz vor Wind und Witterungseinflüssen bieten und ein Gefühl der Sicherheit im öffentlichen Raum schaffen. Darüber hinaus hat Umeå weitere feministisch inspirierte städtebauliche Maßnahmen ergriffen, darunter Bänke, die in Zusammenarbeit mit und speziell für Teenager-Mädchen zum Verweilen einladen; gut beleuchtete unterirdische Fußgängertunnel mit großen zentralen Ein- und Ausgängen sowie abgerundeten Wandecken für bessere Sicht; die Priorisierung des Winterdienstes nach Geschlecht, da Frauen häufiger zu Fuß gehen und öffentliche Verkehrsmittel nutzen; und die Räumung von Gehwegen und Haltestellen vor den Straßen. Zusätzlich organisiert die Stadt eine 'Gendered Landscape'-Tour, die bestehende feministische städtebauliche Maßnahmen mit denjenigen verbindet, die noch notwendig sind, um die Stadt wirklich zu einem Ort für alle zu machen. All dies wird durch Bildung, Forschung, die Integration von Geschlechterperspektiven in Daten zur städtischen Mobilität, das Engagement für die gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen an der Pflege und die aktive Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen unterstützt."
Barbara Gregov entdeckt erste Fältchen in ihrem Gesicht und nimmt das zum Anlass, gründlich über Schönheitsideale, Verjüngungsmethoden und Botoxspritzen nachzudenken. Auf ihrem Streifzug kommt sie an Literarischem und Profanem vorbei, Reality-Shows und Schauspieler(innen)gesichtern. Vor allem aber erinnert sie daran, wie Botox eigentlich entdeckt wurde. Die Geschichte beginnt beim Arzt Justinus Kerner, der während der Zeit der Napoleonischen Kriege zu einem Bakterium forschte, dass sich in kontaminierten Blutwürsten verbarg (wie Gregov schreibt, waren Blutwürste gerade in Zeiten der Lebensmittelknappheit sehr beliebt, weil man alle Teile eines Tieres darin verwursten konnte). Doch in den bei Raumtemperatur gelagerten Würsten konnte sich leicht das Bakterium Clostridium botulinum entwickeln, dass Botulinumtoxin verursachte, was für den Blutwurst-Verzehrer schlechte Folgen hatte: "Das Toxin wirkte schnell und heimtückisch. Das Opfer wirkte plötzlich verdächtig lethargisch, mit einem leeren, ausdruckslosen Gesicht - wie ein gelangweilter Leser! Doch unter der teilnahmslosen Oberfläche, bei vollem Bewusstsein, verfiel es langsam in einen Zustand der Lähmung. Zuerst fielen die Augenlider herab, die Sicht verschwamm und verdoppelte sich. Dann wurden Schlucken und Sprechen zunehmend schwieriger. Und sobald die Lähmung die Lunge erreichte, erstickte das Opfer qualvoll. Es gab so viele solcher Fälle, dass man zunächst eine Epidemie vermutete. Doch der skeptische Kerner testete unzählige Wurstrezepte, untersuchte über hundert Patienten und tötete unzählige unschuldige Tiere in Experimenten, bevor er zu dem Schluss kam, dass der Übeltäter tatsächlich ein biologisches Toxin war. Erst als er einen Tropfen des giftigen Wurstfetts auf seine Zunge gab, die daraufhin sofort taub wurde, erkannte er, dass das Toxin medizinisch genutzt werden könnte. Kerners Vorhersage bewahrheitete sich, allerdings erst anderthalb Jahrhunderte später, im selbstfinanzierten Labor des kalifornischen Augenarztes Alan B. Scott, der versuchte, das Toxin zur Behandlung von Schielen einzusetzen. Die Injektion einer tödlichen Substanz in den Augapfel beeindruckte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) zunächst nicht, doch Scotts Engagement und Weitsicht führten schließlich zu dem, was wir heute als Botox kennen. Botox wirkt, indem es die Nervenimpulse zu den Muskeln vorübergehend blockiert und so deren Kontraktion verhindert. Heute wird es in verschiedenen medizinischen Bereichen eingesetzt, von der Augenheilkunde und Neurologie bis hin zur ästhetischen Medizin."
In Russland überwacht der Staat immer stärker die Fruchtbarkeit von Frauen, berichtetOlga Borisova, Autorin und ehemaliges Mitglied von Pussy Riot, in einem Artikel, der ursprünglich bei Index on Censorship erschienen ist. Denn die Geburtenrate sinkt wegen des Krieges in der Ukraine und aufgrund der schlechten wirtschaftliche Lage, der Staat wird nervös. Zwar ist Abtreibung weiterhin legal, doch lässt eine Rhetorik der nationalen Mobilisierung" Schwangerschaften zunehmend "als patriotische Pflicht" erscheinen. Der Druck geht von Behörden aus, die unter anderem über ein Gesetz diskutieren, das "Anstiftung zur Abtreibung" unter Strafe stellen soll. Es ist so vage formuliert, das darunter auch eine ärztliche Beratung fallen könnte. Gleichzeitig machen rechtsextreme Aktivisten Druck auf Abtreibungsbefürworter und medizinische Einrichtungen, so Borisova, auch die orthodoxe Kirche spielt das Spiel mit: "Parallel dazu haben die Behörden seit September 2024 Initiativen zur Überwachung der weiblichen Fruchtbarkeit gestartet. In Moskau erhalten Frauen über das digitale Gesundheitssystem der Stadt Einladungen zu Bluttests zur Bestimmung des Anti-Müller-Hormons - einem Maßstab für die Anzahl der vorhandenen Eizellen und damit für die potenzielle Fruchtbarkeit." Offiziell dient das der Gesundheitsfürsorge. "Doch vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Politik des Staates wirken diese Tests wie ein Versuch, die reproduktive Kapazität von Frauen genauer zu erfassen. Wenn die Aufrechterhaltung der Geburtenrate zum nationalen Anliegen erklärt wird, beginnt man allmählich, die weibliche Fruchtbarkeit als staatliche Ressource zu betrachten. Frauen, die Einladungen zu Fruchtbarkeitsuntersuchungen erhalten haben, bezeichnen diese bereits als 'Grüße aus The Handmaid's Tale'."
Miriam Țepeș-Handaric blickt auf rechtsextreme Desinformationskampagnen in Rumänien und Bulgarien, die sich gezielt an die Roma-Bevölkerung der Länder richtet. In Bulgarien gibt es diese Strategie schon seit 2019, als rechtsextreme politische Kräfte und Organisationen das geplante Kinderschutzgesetz der Regierung sabotieren wollten und zu diesem Zweck das Netz mit Fake News fluteten: Die bulgarische Regierung plane, Kinder aus ihren Familien zu nehmen, damit sie von homosexuellen Paaren in Norwegen adoptiert werden könnten. So absurd das klingt, löste die Kampagne geradezu eine Panikwelle aus, berichtet die Autorin, vor allem in Roma-Familien. Der Anteil von Fällen, in denen Kinder von Behörden aus Familien genommen werden, ist in der Roma-Community viel höher als anderswo, erklärt Țepeș-Handaric, teilweise wegen struktureller Probleme innerhalb der Community, aber auch wegen staatlicher Willkür und Diskriminierung. Auch in Rumänien, beziehungsweise in der rumänischen Diaspora, versuchen Rechtsextreme immer wieder, mit diesem Thema Wählerstimmen unter den Roma zu fischen: "Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2024 besuchte George Simion, Vorsitzender der AUR, mehrere Mitglieder der rumänischen Diaspora: sowohl Rumänen, die von den Überschwemmungen in Spanien betroffen waren, als auch die Roma-Familie, deren Zwangstrennung gewaltsame Proteste in Großbritannien ausgelöst hatte (mehr hier). Aufnahmen, die zeigten, wie Kinder von britischen Behörden zwangsweise abgeführt wurden, einige von ihnen in Handschellen, gingen viral. Während zivilgesellschaftliche Akteure die Vorgehensweise der Sozialdienste in diesem Fall verurteilten und Roma-Aktivisten in beiden Ländern mit den Behörden zusammenarbeiteten, um die Spannungen abzubauen, löste die Situation laut Anda Constantin von der Stiftung 'Roma für Demokratie' eine neue Welle der Angst in den Roma-Gemeinschaften aus. Obwohl es sich um einen Einzelfall handelte, der die Diaspora und das britische Rechtssystem betraf, befürchteten manche Menschen, dass ihnen ihre eigenen Kinder weggenommen werden könnten - 'weil diese Angst ständig geschürt wird', so Constantin." (Allerdings berichtete die BBC schon 2012, dass "Kommunalbehörden wie Rotherham und Sheffield eine steigende Zahl von Roma-Eltern gemeldet hätten, für die Kinderschutzmaßnahmen gelten oder deren Kinder sogar in Pflege genommen wurden".)
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die amerikanische OsteuropahistorikerinMarci Shoreerinnert sich an die Ende Juni im Alter von 77 Jahren verstorbene kroatische SchriftstellerinSlavenka Drakulić. Schon als junge Studentin war Shore beeindruckt von Drakulics Texten, die sich mit dem Krieg und den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzen, später machte sie die Bekanntschaft der Autorin und freundete sich mit ihr an. Draculic "stellte Fragen, auf die es keine bequemen Antworten gab", so Shore: "Wie fühlte sich Radko Mladić, der 'Schlächter von Bosnien', nachdem seine dreiundzwanzigjährige Tochter Suizid mit seiner Pistole begangen hatte? Kann ein Schlächter dieselben Gefühle empfinden wie seine Opfer?" In ihrem Buch "Keiner war dabei" über die Prozesse gegen serbische Kriegsverbrecher in Den Haag "schreibt Drakulić über Zoran Vuković, einen bosnischen Serben, der sich wegen der Massenvergewaltigung bosnisch-muslimischer Frauen in der Stadt Foča vor Gericht verantworten musste. Slavenka hört zu, wie er aussagt: Nach der Vergewaltigung eines fünfzehnjährigen Mädchens habe er ihr erklärt, er habe sich entschieden, nicht so brutal gegen sie vorzugehen, wie es möglich gewesen wäre - in Anbetracht der Tatsache, dass seine eigene Tochter im selben Alter sei. Dies war im Grunde seine Verteidigung: Ich hätte schließlich noch grausamer sein können. Slavenka, deren Texte maßgeblich dazu beitrugen, das Ausmaß der Grausamkeit serbischer Kriegsverbrechen zu vermitteln, wurde zur Zielscheibe einer Hasskampagne kroatischer Nationalisten. Man bezeichnete sie als Hexe - weil sie Feministin, Antinationalistin und eine Humanistin war, die nach universellen Kategorien des Verstehens strebte. Auch darin erinnerten ihre Haltung und ihre Sensibilität an Hannah Arendt. Sie sah die Wurzel des Bösen nicht in einer genetischen Veranlagung der Serben, sondern in den Verwundbarkeiten, die der menschlichen Existenz innewohnen. Sie war der Überzeugung, dass 'die Dehumanisierung der Täter nur dazu beiträgt, das Kernproblem zu verkennen: Wir alle tragen das Potenzial für das Gute wie für das Böse in uns. In kritischen Situationen gibt es keine Gewissheit darüber, für welche Seite wir uns entscheiden werden.'" Einen weiteren Nachruf schreibt die Literaturkritikerin und Essayistin Marija Ott Franolić.
Zixuan Liu ergründet das rebellische Potential von Popkultur-Phänomenen in China am Beispiel der Pop-Punk-Band "The Flowers", die von 1998 bis 2008 existierte. Die Band wurde mit dem Debütalbum "On the Other Side of Happiness" (幸福的旁边, 1999) berühmt und sprach das Lebensgefühl vieler junger Chinesen an, lesen wir, "eingängig statt aggressiv, aber dennoch verwurzelt im DIY-Ethos des Punk und in jugendlicher Aufrichtigkeit." Obwohl "The Flowers" nicht explizit politisch waren, besaßen ihre Texte ein gewisses subversives Moment, so Liu, das sich jedoch mit zunehmendem Erfolg der Band immer weiter abschwächte. Nach ihrer Auflösung, startete der Sänger Da Zhang Wei nun unter dem Namen Wowkie Zhang eine Solo-Karriere. Mit ihm feierte nun eine neue Musikrichtung Erfolge: der sogenannte "Happyisme" bietet bunte, knallige Ablenkung, "eine Utopie der Flucht, die Fans in eine Blase einlädt, in der alles hell, rhythmisch und unbeschwert ist." Vom "kantigen Pop-Punk der Flowers bis zu Wowkie Zhangs neonfarbenem Happyism treten zwei aufeinanderfolgende utopische Logiken in der chinesischen Musik des 21. Jahrhunderts zutage. Die erste Phase - von 1999 bis 2005 - entwarf eine Jugend-Utopie des Widerstands: schnelle Akkorde, DIY-Stil und spielerische Respektlosigkeit eröffneten kurzzeitig einen Raum jenseits staatlich verordneter Gefühle und des aufkommenden Konsumismus. Doch wie Marcuse vielleicht vorausgesagt hätte, wurde dieser Funke vom Markt schnell aufgesogen: 'Xi Shua Shua' wurde zur Gala-Unterhaltung, Rebellion kommerzialisiert und entpolitisiert. Zhangs Solokarriere nach 2007 zeigt die zweite Mutation dieser Utopie: eine eskapistischeUtopie der Freude. Der 'Happyism' verkauft hyperpositive Gefühle - Regenbögen, EDM-Beats, einprägsame Slogans - die sofort den Druck mildern und fügt sich nahtlos in Chinas Diskurs über 'positive Energie' ein. Glück wird zum Simulakrum, zum Produkt, das Erlösung verspricht, während Kritik hinausgezögert wird. Fans finden in dieser bonbonfarbenen Blase dennoch kurzzeitige Freiheit, während Zyniker nur Ablenkung sehen. Die beiden Phasen offenbaren eine Dialektik, die heute typisch für den chinesischen Mainstream ist: Alternative Impulse tauchen ständig auf, werden monetarisiert und kehren dann in neuen Formen zurück. Kurzvideo-Plattformen mögen diesen Zyklus beschleunigen, doch jede Runde hinterlässt Spuren - Punk-Ikonografie, Meme-Ästhetik -, die den Nährboden für zukünftige Experimente bilden."
Genaue Zahlen, wie viele Frauen derzeit in russischen Gefängnissen sitzen, gibt es nicht, erklärt Eilish Hart in einem Artikel, der ursprünglich in New Eastern Europe erschienen ist. Experten sind sich allerdings sicher, dass die Anzahl weiblicher Gefangener steigt, dafür spricht auch die Zahl der gegen Frauen verhängten Urteile, die laut Hart in den letzten fünf Jahren stetig gestiegen ist: "Im Jahr 2025 machten diese ein Fünftel (87.000) aller Verurteilungen aus - ein Rekordwert für das moderne Russland, wie aus Daten der Justizabteilung des Obersten Gerichtshofs hervorgeht, die von dem unabhängigen Medium Verstka veröffentlicht wurden. Die Partnerzeitschrift von Eurozine, New Eastern Europe, konnte diese Zahlen nicht unabhängig überprüfen; Ende April entfernte die Justizabteilung sämtliche Statistiken zu Verurteilungen von ihrer Website." Seit dem Krieg gegen die Ukraine hat sich der Kurs des Kremls auch gegen Mütter verschärft, Frauen, denen politische Dissidenz vorgeworfen wird, konnten früher mit mildernden Umständen rechnen, wenn sie beispielsweise ein minderjähriges Kind großzogen. Das hat sich geändert, so Hart, gleichzeitig steigt der Anteil von Straftaten, die aus wirtschaftlicher Not begangen werden: "Laut der Soziologin Olga Zeveleva von der Universität Utrecht deutet dies auf zwei gleichzeitige Entwicklungen im Russland der Kriegszeit hin: die Feminisierung der politischen Verfolgung und der Armut. 'Auch wenn es in Russland viele politische Gefangene gibt, sind die Gefängnisse im Grunde Verwahrorte für Arme; das Gefängnis dient als Mittel zur Kontrolle von Armut', erklärt sie. 'Es gibt zahlreiche Verurteilungen, die auf wirtschaftliche Not zurückzuführen sind', fährt sie fort und nennt Diebstahl und Kleinkriminalität als Beispiele (...) Während offizielle Statistiken zum russischen Gefängnissystem entweder unzuverlässig, unvollständig oder nur eingeschränkt zugänglich sind, ist dies nicht der einzige Grund, warum so wenig über die inhaftierten Frauen bekannt ist. 'Es hat auch damit zu tun, , wie sehr die inhaftierten Frauen abgeschottet sind", erklärt Zeveleva. Russische Frauengefängnisse gelten als strenger reglementiert als Männergefängnisse, die bisweilen faktisch von Gefängnisgangs oder kriminellen Netzwerken kontrolliert werden. Da die Gefängnisverwaltung die volle Kontrolle ausübt, leben die Frauen unter ständiger Überwachung und strengen Vorschriften. 'Viele ehemalige Häftlinge berichten, dass ein durchschnittliches russisches Frauengefängnis ebenso streng geführt wird wie die Männergefängnisse mit den härtesten Haftbedingungen', sagt Zeveleva."
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