Magazinrundschau - Archiv

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213 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 22

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - Eurozine

Der niederländische Schriftsteller Arnon Grunberg prüft , wie man sich mit Kontroversen über vergangenes Unrecht auseinandersetzen könnte, um in der Zukunft zu besseren politischen Entscheidungen zu gelangen: "Die Vergangenheit hat uns fest im Griff. Als ein Ort der Ungerechtigkeiten könnte man sie fast als ein 'Anderswo' betrachten, das nicht in Vergessenheit geraten und irgendwie 'repariert' werden sollte. Die Geschichte der Sklaverei etwa. Vergangenheit als Reservoir der Ungerechtigkeit wird in den USA teilweise aus Bequemlichkeit in der Black Lives Matter-Bewegung zusammengefasst. Ein anderes gutes Beispiel ist der Zweite Weltkrieg. Für andere ist die Vergangenheit eher eine vergangene Ära der Nostalgie mit großen Errungenschaften, die es heute nicht mehr gibt. Nehmen wir den Begriff 'Goldenes Zeitalter'. Er wurde von niederländischen Politikern instrumentalisiert, um das 17. Jahrhundert als Blüte der niederländischen Republik zu kennzeichnen. Wie sich also zur Vergangenheit verhalten? Mir scheint es unmöglich und sogar falsch, sich davon zu lösen. Amnesie ist keine Lösung. Ob die Vergangenheit ein Quell der Scham und Schuld ist oder des Trostes und der Nostalgie, stets geht es um die Schlüsse, die wir aus ihr ziehen und unsere Entschlossenheit dabei, schon allein deshalb, weil die heute so genannte Gruppenidentität auf eine Sammlung von Schlussfolgerungen aus dem Vergangenen reduziert werden kann, in die noch ein paar Rituale, Bräuche und Geschichten einfließen …Wie man Ungerechtigkeit verhindert und mit welchen Begriffen, ist eine politische Frage. Vergangenheit ist kein neutraler Ort. Sogar wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, wo Gut und Böse so eindeutig getrennt scheinen, gibt es Deutungskämpfe. Das ist unerlässlich. Politik ist nicht nur ein Ringen um die Gestaltung der Zukunft, sondern auch um die Deutung der Vergangenheit, weil dies der Nährboden ist, aus dem künftige Erwartungen und Ideale erwachsen."

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Eurozine

Der kamerunische Philosoph Jean Godefroy Bidima publiziert (im Original bei Esprit) eine Kritik der postkolonialen Ideologie aus afrikanischer Sicht. Statt einer Externalisierung aller afrikanischen Probleme - die selbstredend sehr stark durch externe Faktoren geprägt sind -, plädiert er für eine neue Selbstreflexion und Selbstkritik afrikanischer Eliten - auch gegen die Erwartungen der modischen Linken an westlichen Universitäten: "Der 'Postkolonialismus' ist zu einer Ware geworden, die vermarktet und verkauft werden muss. In der nordamerikanischen Hochschulmaschinerie dient er als Alibi, manchmal verwischt er die Grenzen zwischen Kritik und Ressentiment und drängt die Versäumnisse eines ungerechten Sozialsystems in den Hintergrund... Die afrikanischen Eliten - wie die der jüngsten Vergangenheit - werden keine poetische Aufgabe haben, solange sie nicht, wie die Büßer im Mittelalter, die den Beichtvater necken, lernen zu sagen: nescio ('Ich weiß nicht'). Erst dann werden sie den Entdeckungsdrang verspüren und sich auf einen echten symbolischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wiederaufbau Afrikas einlassen."

Sehr lesenswert außerdem Marci Shores Eröffnungstext zum Eurozine-Forum über Sinn und Unsinn historischer Vergleiche: Shore, eine Osteuropahistorikerin, denkt vor allem darüber nach, ob "Faschismus" das richtige Wort für die Trump-Regierung ist.

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Eurozine

Auch die Bulgaren könnten ein bisschen mehr Unterstützung von der EU in ihrem parteiübergreifenden Kampf gegen ihre korrupten Eliten gebrauchen, stellt man nach der Lektüre des Artikels von Evgenii Dainov fest. "In den letzten zehn Jahren hat die bulgarische Gesellschaft die Denkweise des 21. Jahrhunderts übernommen, wird aber weiterhin von Menschen regiert, die in den 1990er Jahren - dem Zeitalter der Mafiosi - feststecken. Heute wollen die Bulgaren sie loswerden und, wie der erste demokratische Ministerpräsident Bulgariens, Filip Dimitrov, zu sagen pflegte, ein 'normales westliches Land' werden. ... Es sind inzwischen eine Reihe bedeutender Dinge geschehen. Das erste ist, dass die bulgarische Nation endlich ihre Faszination sowohl für extremen Nationalismus als auch für autoritäre Regierungen überwunden hat. Zweitens haben die quasi-faschistischen Parteien, die in Koalition mit Bojko Borissows Partei GERB regieren, keine realistische Chance mehr, die Vier-Prozent-Hürde zum Parlament zu überwinden. Drittens zeigt die Tatsache, dass die Bevölkerung insgesamt gegen einen autoritären Ministerpräsidenten protestiert, dass in Bulgarien, anders als in anderen osteuropäischen Ländern, die Abhängigkeit von einem 'starken Mann' ihren Höhepunkt überschritten hat. Der Protest wird von Menschen mit liberal-demokratischen Forderungen angeführt. Zumindest in Bulgarien hat sich das Blatt des autoritären Populismus zu wenden begonnen."

Scharfe Kritik üben die Geschichtsprofessoren Cornell Fleischer, Cemal Kafadar und Sanjay Subrahmanyam an ihrem Kollegen Alan Mikhail, der mit einem Artikel in der Washington Post (die die Erwiderung der drei Historiker nicht abdrucken wollte) dem ottomanischen Sultan Selim ein kleines Thrönchen baute. Erst mal sei diese "Große Männer machen Geschichte"-Geschichtsschreibung ja wohl ziemlich altmodisch, schreiben die drei, und zum anderen sei sie fake history und zählen die Fehler auf: Selim hatte keineswegs die Handelsrouten zwischen dem Mittelmeer, China und Indien monopolisiert. Er war als religiöse Autorität in der muslimischen Welt nicht unangefochten. Er machte das Kaffeetrinken in der muslimischen Welt nicht populär (das war es längst). Und er trug keineswegs zur Verbreitung des Protestantismus bei, auch nicht indirekt: "Sein Hauptvermächtnis in konfessionellen Fragen hat nichts mit dem Protestantismus zu tun, sondern mit bitteren Erinnerungen an seine blutige Unterdrückung der 'Ketzerei' in seiner eigenen muslimischen Bevölkerung, eine bedauerliche Tatsache, die in dieser Art von 'Superman-Geschichte' völlig vernachlässigt wird, an die man sich aber zu einem Zeitpunkt erinnern sollte, an dem, dank BLM, staatliche Gewalt überall kritisiert wird."

Außerdem: Mischa Gabowitsch empfiehlt, sich erst einmal die verschiedenen Spielarten des Antifaschismus vor Augen zu führen, bevor man ihn als Kampfbegriff gegen die Rechten in den Debattenring wirft.
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Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Eurozine

Im aktuellen Magazin erkundet Tiit Tammaru die ethno-linguistische Segregation in der estnischen Hauptstadt Tallinn: "Tallin ist eine ethnolinguistisch spannende Stadt. Obgleich Estland sich eines vereinigten Wohnungs- und Arbeitsmarktes rühmen kann, ist seine Hauptstadt geteilt durch die Sprache: Estnische Muttersprachler leben in anderen Stadtteilen als die russischen Muttersprachler. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde Estlands Entwicklung von einem starken Glauben an den Markt getragen. Unter der sowjetischen Planwirtschaft spielte die Industrie zwar eine erhebliche Rolle, Estlands Stadtplanung aber war zentral organisiert und  die Bevölkerung weniger getrennt. Heute steht die ethno-linguistische Unterscheidung für Einkommensunterschiede und die räumliche Trennung … Die Trennung nach Muttersprachen ist Teil eines Teufelskreises, in dem Wohnbezirke, Arbeitsplätze und Schule miteinander korrelieren. Der Kreis beginnt mit der Geburt. Der Wohnort der Eltern bestimmt die Nachbarschaft, wo das Kind aufwächst, die Freunde, die Schule. Estlands paralleles Erziehugssystem ist ein weiterer Faktor: Sprachliche Trennung beginnt im Kindergarten, von wo aus die Kinder auf estnisch- und russischsprachige Schulen verteilt werden und damit auf verschiedene Erziehungswege. Auch wenn nicht alle russischen Kinder auch auf die russische Schule gehen und das Niveau des Estnischen auf den russischen Schulen verbessert wurde, lernen viele Kinder doch auf getrennten Schulen und überschreiten die sprachliche Grenze nicht."
Stichwörter: Estland

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - Eurozine

Auch in Weißrussland hätte es nach der Wende eine Stasi-Aufarbeitung geben müssen, sagt Swetlana Alexijewitsch in einem sehr langen Gespräch mit Siarhej Sapran (das ursprünglich in der weißrussischen Zeitschrift Dziejaslou erschien). So sei der Kommunismus zwar nicht wiedergekommen, aber die Gesellschaften haben sich nicht demokratisiert. Andererseits bemerkt sie, dass dann auch ihr Vater in den Sog der Aufarbeitung gekommen wäre, denn er war in der Partei: "Und auch seine Freunde. Sie waren intelligente und anständige Leute, die ehrlich an den Kommunismus glaubten. Mein Vater fand die Idee dahinter hervorragend, aber er sagte, dass Stalin sie kaputt gemacht hatte. Ich erinnere mich, wie ich mich nach meinem Afghanistan-Aufenthalt mit ihm gestritten habe. 'Glaub' denen nicht alles, was sie erzählen, Vater. Wir bringen da Leute um.' Zum ersten Mal hat mein Vater nicht geantwortet. Er weinte. Das war ein riesiger Schock. Aber er behielt seinen Parteiausweis bis zu dem Tag, an dem er starb. Als ich ihn da weinen sah, hörte ich auf zu streiten. Er tat mir leid. Ich verstand, dass das wichtigste für mich die liebevolle Beziehung zu meinem Vater war."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - Eurozine

Bisher konnte sich Weißrusslands Autokrat Aleksandr Lukaschenka auch deshalb an der Macht halten, weil er den Menschen im Land ein halbwegs gesichertes Auskommen versprach. Doch mit den Wirtschaftskrisen der letzten Jahre und der Coronakrise sieht er sich vor den Präsidentschaftswahlen ungewohnten Protesten ausgesetzt, berichtet Ingo Petz in einem weit ausholenden Text über die langanhaltenden Bemühungen der weißrussischen Opposition, die neue Fahrt aufgenommen haben: "Offensichtlich ist etwas faul in Lukashenkas 'Staat für das Volk'. Nicht wie bisher vor allem Minsk, sondern auch die Provinz, die gemeinhin als Hochburg Lukaschenkas gilt, hat sich gegen den Landesfürsten gewendet. Wer die Livestreams von den aktuellen Protesten und die Medienberichterstattung in den vergangenen Wochen und Monaten verfolgt hat, wird bestätigen, dass der Protest von allen möglichen Altersklassen und Berufsgruppen getragen wird und dass anscheinend auch der Mittelstand, dem Lukaschenka in den 2000ern zu seinem Wohlstand verholfen hat, seine politische Apathie aufgegeben hat und nun seinen Unmut kundtut. Wie auch viele Menschen, die sich vorher noch nie mit dem Regime angelegt oder politische Initiative gezeigt haben."

Magazinrundschau vom 07.07.2020 - Eurozine

Achille Mbembe sieht vor allem die Armen als Opfer der Coronakrise, besonders natürlich in Afrika - sie würden von einem gnadenlos kalkulierenden und globalisierten Kapitalismus einfach geopfert. Als Mittel dagegen empfiehlt er ein Wirtschaften und Agieren innerhalb von Communities und Ökosystemen: Und "die schiere Idee der Souveränität muss neu erfunden werden. In der Zukunft besteht die höchste souveräne Autorität im Ökosystem selbst. Dies war der Fall in präkolonialen afrikanischen Gesellschaften, wo die Herrschaft der Menschen implizierte, dass das Ökosystem im Gleichgewicht blieb. Wahrhaft menschliche Gesellschaften waren jene, die alle Ökosysteme und Arten umfassten."

Magazinrundschau vom 23.06.2020 - Eurozine

Muss auch die Ökologie entkolonialisiert werden? In einem aus Revue Projet übernommenen Interview beschreibt der französische Politikwissenschaftler Malcolm Ferdinand, wie mit der Kolonialisierung auch die Ausbeutung der Erde begann: "Wir haben verschiedene Beschleunigungen in der Umweltzerstörung gesehen, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, aber die ökologische Krise begann vorher. Sie rührt aus einer bestimmten Art, die Erde zu bewohnen, aus einem Denken, das sich berechtigt sieht, sich die Erde zum Wohle weniger anzueignen. Dieses koloniale Bewohnen geht auf das Ende des 15. Jahrhundert zurück, es begann in der Karibik, als Christoph Kolumbus in Amerika landete (auch wenn das Plantagenmodell noch weiter zurückreicht, etwa auf Madeira). Aber die Karibik spielt eine wichtige Rolle in der Moderne, denn das gewaltsame Zusammentreffen von Europäern und indianischen Amerikanern überschnitt sich mit der Erschließung der Erde. Nun konnten die Ressourcen beziffert werden, die auf dem Planeten zur Verfügung stehen. Für viele Forscher markiert dieser Moment den Beginn der Globalisierung."

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - Eurozine

Ein Land muss nicht groß sein, um eine überaus komplizierte Geschichte zu haben, in der es eine Menge politischer Fraktionen gibt, die einander in herzlichem Hass verbunden sind. In bewundernswerter Trockenheit, aber dennoch die ganze Zeit spannend erzählt Enda O'Doherty, ehemaliger Redakteur der Irish Times, im Grunde die ganze irische Geschichte der letzten hundert Jahre, um zu erklären, wie es in den letzten Wahlen in der Republik Irland zu einem so großen Erfolg von Sinn Féin kommen konnte. Sinn Féin ist jetzt im Dáil Éireann, dem Parlament in Dublin, die stärkste Partei, wird aber wohl kaum an die Regierung kommen. Erstmals könnten die beiden "Bürgerkriegsparteien" Fianna Fáil und Fine Gael mit ein paar weiteren Kräften koalieren. Diejenige Partei, die in der Außensicht eigentlich den Namen "Bürgerkriegspartei" verdient, also Sinn Féin, ist für die Republik so etwas wie ein Auffangbecken für die Frustrierten, so O'Doherty, spielt also die Rolle der Rechtspopulisten, ist dabei aber "links". Was den Norden angeht, bleibt sie aber unversöhnlich: "Die Politik von Sinn Féin gegenüber den Protestanten im Norden seit dem Abkommenm von Belfast war weniger eine Politik der 'ausgestreckten Hand' als eine Strategie der Spannung. In der Tat könnte man sagen, dass für Sinn Féin Politik in Nordirland auf die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln hinausläuft: Da mit den Protestanten kein sinnvoller Kompromiss erzielt werden kann, kann man auch alles tun, um sie zu besiegen. Darum drängt man im Moment auf ein baldiges Referendum zur irischen Wiedervereinigung, eine Strategie, die viele als potenziell gefährlich ansehen: Könnten Elemente innerhalb einer in die Enge getriebenen Community nicht zur Gewalt zurückkehren?"

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Eurozine

Zu Beginn des Jahres hielt Wladimir Putin einige einschlägige historische Reden, etwa am Holocaust-Gedenktag, in denen er Polen eine Mitschuld gab am Zweiten Weltkrieg und den Hitler-Stalin-Pakt zu einer Angelegenheit russischer Selbstverteidigung umdeutete. Im Interview mit New Eastern Europe sieht der polnische Politikwissenschaftler Ernest Wyciszkiewicz darin einen weiteren Versuch, einen Keil zwischen die EU und Polen zu treiben, jetzt wo die Warschauer Regierung im Rest Europas eh nicht besonders viel Ansehen genießt: "Aus Russlands Sicht ist Polen nicht dankbar genug für die Beendigung der deutschen Besatzung durch die Rote Armee. Wir sehen den Tag des Sieges, den 9. Mai, nicht im selben positiven Licht wie die Sowjets es in der Vergangenheit taten oder der russische Staat es heute tut. Für die Polen war das Ende des Zweiten Weltkriegs natürlich eine Befreiung von der Nazi-Besatzung. Aber das brachte uns keine Freiheit. Indem immer wieder die Bedeutung betont wird, die der sowjetische Beitrag zum Sieg über Nazi-Deutschland hatte, wird die Frage, welche Rolle die UdSSR zu Beginn des Krieges spielte, ausgeblendet. In Wahrheit erlebte Polen zwei Besatzungen: die deutsche im Westen und die sowjetische im Osten. Russland hat beschlossen, diese unangenehme Tatsache herunterzuspielen und den Fokus auf die frühen dreißiger Jahre zu legen: die Kooperation westlicher Mächte mit Hitler, das Münchner Abkommen von 1938 und Polens berüchtigte Annexion eines kleinen Teils der Tschechoslowakei. Das ist der Versuch, das Opfer des Krieges in einen Haupttäter zu verwandeln."