Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 31

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - Eurozine

Die Welt war schon einmal mindestens so extrem in rechts und links geteilt wie heute. Die Ukrainer können ein Lied davon singen. Zu Beginn der dreißiger Jahre gab es in der Ukraine Massenerschießungen von Bauern, die sich gegen die Zwangskollektivierung durch die Sowjets sträubten - ein Vorspiel zum Holodomor. Viele flohen über den Dnjestr nach Rumänien. 1932 versuchte der Völkerbund den Flüchtlingen zu helfen, aber mit Hitlers Machtübernahme in Deutschland wurden sie vergessen, erzählt der Historiker Maksym Snihyr vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Sein Forschungsgebiet sind Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die in Rumänien aufgenommen wurden: Das Problem der Flüchtlinge vor Zwangskollektivierung und Holodomor wurde im Westen allerdings sehr schnell vergessen - denn die Nazis produzierten nach 1933 eine Flüchtlingswelle, die die westeuropäischen Länder direkter betraf. "Der Völkerbund musste Ad-hoc-Maßnahmen ergreifen, um diese neuen Flüchtlinge aufzunehmen." Die immer stärker werdenden Nazis machten "plötzlich einen anderen Paria-Staat - die Sowjetunion - zu einem akzeptableren politischen Partner. Mitteleuropäische Länder wie Polen und Rumänien hatten schon 1932 begonnen, die Lage zu sondieren, in der Hoffnung, einen Nichtangriffspakt mit den Sowjets auszuhandeln. 1933 zeigte die UdSSR Interesse an einem Beitritt zum Völkerbund, und im Vergleich zum aufstrebenden Dritten Reich wurden die Sowjets von Politikern der Mitte entweder als das kleinere Übel oder sogar als Vorbild dafür angesehen, wie man mit Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation umgeht. Unter diesen Umständen würde jede Rhetorik, die die sowjetischen Errungenschaften nicht lobte, geschweige denn die Handlungen der Bolschewiki verurteilte, als Spiel in Hitlers Hände wahrgenommen werden. ... Eine Gräueltat überschattete die andere. Hitler wurde zum Feind Nummer eins. Doch in diesem erzwungenen Wandel wurde das extreme Leid eines Volkes unter Stalins Herrschaft ignoriert, sodass Flüchtlinge auf beiden Seiten des Dnjestr mittellos blieben und totgeschwiegen wurden."
Stichwörter: Holodomor, Ukraine

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - Eurozine

Als "wegweisend und unvergesslich" bezeichnet Stefano Bottoni die Niederlage Victor Orbáns bei den ungarischen Wahlen. Möglich gemacht wurde dieser Umbruch nicht nur durch jahrelange strategische Arbeit der Tisza-Partei und Péter Magyars, sondern auch durch eine Graswurzelbewegung, die sich "in einem außergewöhnlichen Akt der Volksmobilisierung systematischer Einschüchterung entgegenstellte". Seit "2024 haben sich in Hunderten ungarischer Ortschaften spontan über zweitausend 'Thiza-Inseln' gebildet, darunter auch Dörfer, in denen es vermutlich seit 1945/46 oder den turbulenten Tagen des Aufstands von 1956 keine politische Aktivität mehr gegeben hat. Obwohl sich die genaue Zahl nicht schätzen lässt, kann man mit Sicherheit sagen, dass sich in den letzten zwei Jahren Hunderttausende Menschen aktiv in der Oppositionspolitik engagiert haben. Und das in einem Land mit kaum acht Millionen potenziellen Wählern. Die Thiza-Inseln haben keinen Rechtsstatus und sind nicht formell mit der kleinen Parteizentrale verbunden. Ihre Mitglieder bilden eine basisdemokratische Bürgergemeinschaft." Das beste Beispiel für Basisaktivismus lieferte Tisza am Wahltag, als sie 50.000 unbezahlte Freiwillige mobilisierte, die "in den Wahllokalen patrouillierten, die am stärksten vom Stimmenkaufsystem betroffen waren, das die Fidesz' etabliert hatte. Wie der Dokumentarfilm 'A szavazat ára' ('Der Preis der Stimme') aufdeckte, reichte dies vom Transport von Wählern zu den Wahllokalen bis hin zur Ausgabe von Alkohol und Drogen an Abhängige. ... In den Gebieten, in denen der 'Wahltourismus' am strengsten überwacht wurde, hinderten die Beobachter Zehntausende Menschen daran, ihre Stimme in betrügerischer Absicht abzugeben."

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - Eurozine

Der Politologe Hamit Bozarslan beleuchtet die komplexen geopolitischen Verschiebungen, die der Krieg der USA und Iran gegen den Iran zur Folge haben. Vor allem die israelischen Interessen stehen im Kontext einer langen Vorgeschichte, meint er: "Anders als viele andere Konflikte, darunter jener, der 2003 zum Einmarsch anglo-amerikanischer Streitkräfte in den Irak führte, weist dieser neue Krieg einen klaren historischen Zusammenhang auf und ist Teil zweier Ereignisketten: einer langen, die bis zur Islamischen Revolution von 1979 zurückreicht und die Zerstörung Israels als oberstes Ziel festlegte; und einer deutlich kürzeren, die mit den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 begann. Während der gesamten ersten Ereigniskette forderte Israel die Zerstörung der iranischen Militärkapazitäten, um sein eigenes Überleben zu sichern. Seit dem 7. Oktober macht Israel jedoch keinen Hehl mehr aus seinem Bestreben, bis in die 2030er-Jahre zum Machtzentrum des Nahen Ostens zu werden und die Region nach seinen eigenen Vorstellungen umzugestalten. Ein Beweis dafür ist der herzliche Empfang, der Narendra Modi im Februar 2026 zuteil wurde. Er schwärmte ausführlich von dem Bündnis zwischen den beiden 'Demokratien' und 'Zivilisationen'. Netanjahu strebt zudem danach, sein Land in internationale Bündnisse einzubinden, die weit über den Nahen Osten hinausreichen. Das mit Zypern und Griechenland geschlossene Militärbündnis hat Israel außerdem zu einer bedeutenden Seemacht im Mittelmeer gemacht. Schließlich hat sich die Koalition der nationalistischen Parteien unter Führung des israelischen Ministerpräsidenten, die den Krieg zur Marginalisierung jeglicher Opposition genutzt hat, zu einem echten Hegemonialblock entwickelt und dürfte bei den für Herbst 2026 geplanten Wahlen erneut an die Macht kommen."

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - Eurozine

"Die Unsicherheit in der deutschen Verteidigungsdebatte sitzt tief", schlussfolgert Isabelle de Pommereau, nachdem sie die verschiedenen Dimensionen des deutschen Diskurses über Wehrpflicht und Aufrüstung resümiert hat. Pazifistische Bewegungen sind in Deutschland besonders stark, die Notwendigkeit der Verteidigung ist im gesellschaftlichen Bewusstsein noch nicht angekommen, anders als in den baltischen Staaten, stellt sie fest: "In Finnland, Schweden und den baltischen Staaten wird Verteidigung als gesellschaftliches Projekt betrachtet. Zivile Vorsorge, Krisenkommunikation und die Abwehr von Desinformation sind Kernelemente der nationalen Sicherheit. Die Erfahrung der russischen Besatzung - oder deren unmittelbare Nähe - hat die Verteidigung zu einer existenziellen Notwendigkeit gemacht. Bürgerinnen und Bürger werden darin geschult, auf Notfälle zu reagieren, die Infrastruktur zu schützen und den Staat in Krisen zu unterstützen, wodurch die überlasteten Streitkräfte entlastet werden. Deutschland hingegen hat nach dem Kalten Krieg einen Großteil seiner Zivilschutzinfrastruktur abgebaut, in der Annahme, der Frieden sei von Dauer. 'In der Ukraine ist Resilienz keine Sache, die der Staat einfach so vermittelt', erklärte Oksana Huss, eine ukrainische Politikwissenschaftlerin, die heute an der Universität Duisburg lehrt, dem Publikum an diesem Abend. 'Sie entsteht horizontal.' Nach der Revolution der Würde 2014, so erläuterte sie, habe die lokale Selbstorganisation den Gesellschaftsvertrag neu gestaltet - Netzwerke, die später während der umfassenden russischen Invasion das Funktionieren der Städte sicherten. 'In Deutschland', fügte sie hinzu, 'erwarten viele immer noch, dass der Staat alles regelt. In einer echten Krise funktioniert das nicht.'"

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - Eurozine

Der Ausschluss russischer Athleten von wichtigen Sportveranstaltungen als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine wird nach und nach rückgängig gemacht, berichtet der ukrainische Schriftsteller und Journalist Mykola Riabchuk. Das IOC erlaubte beispielsweise 2024 die Teilnahme russischer Sportler bei der Olympiade, darunter auch "höchst fragwürdiger Persönlichkeiten" wie den Eiskunstläufer Petr Gumennik, der mit einer militärisch inspirierten Kür in Soldatenuniform für Aufsehen sorgte. Gefährlich und naiv findet Riabchuk die rhetorische Frage von UEFA-Chef Aleksander Čeferin, der in einem Interview wissen wollte, "ob das Verbot russischer Vereine den Krieg beendet habe. ... Natürlich können Sanktionen im Sport keine Kriege verhindern, die mit harter Macht geführt werden; sie können aber die Kriegsfähigkeit eines Staates erheblich schwächen, indem sie seine Mittel für internationale Propaganda, Beschönigung und nationalistische Mobilisierung einschränken. Ein weiteres Argument, das Sportbefürworter häufig zur Rechtfertigung ihrer versöhnlichen Politik gegenüber Schurkenstaaten anführen, ist die angebliche Autonomie des Sports von der Politik. Selbst in Demokratien trifft dies nur teilweise zu. Und in Autokratien ist es eine bewusste, skrupellose Lüge. Der Begriff der Autonomie liegt dem zugrunde, was Experten als 'Sportwashing' bezeichnen - dem Prozess, durch den Regime mithilfe der Förderung populärer Sportveranstaltungen und der dabei demonstrierten organisatorischen Fähigkeiten von ihren unschönen, repressiven Aktivitäten im Inland und ihren Aggressionen im Ausland ablenken."

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In einem ausführlichen Interview erklärt die britische Politikwissenschaftlerin Mary Kaldor den Unterschied zwischen "alten" und "neuen" Kriegen: Russland konzentriere sich in seiner Kriegsführung immer mehr auf die Techniken des "neuen Krieges", also hybride Kriegsführung, Spaltung und Unterwanderung von Gesellschaften, Verbreitung von Fake News. Europa muss sich darauf einstellen, fordert Kaldor: "Ich war mein Leben lang in der Friedensbewegung aktiv und sehe mich als Friedensaktivistin. Doch Friedensaktivistin zu sein ist etwas anderes als Pazifistin zu sein. Wer sagt, wir sollten die Ukraine nicht mit Waffen unterstützen, meint im Grunde, wir sollten kapitulieren. Ich weiß, es gibt ein durchaus überzeugendes Argument: 'Wäre es uns allen nicht viel besser ergangen, wenn wir im Zweiten Weltkrieg nicht gegen Hitler gekämpft und einfach kapituliert hätten? Viele Menschen hätten überlebt, anstatt zu sterben.' Wäre es uns besser ergangen? Meine Ansicht ist jedoch mit dem Völkerrecht verbunden. Wir haben die letzten Jahrhunderte damit verbracht, gewaltfreie Mechanismen zur Konfliktlösung, Wahlen, Gerichte und Polizeiarbeit zu entwickeln. Die Polizei darf Gewalt anwenden. Jeder darf sich verteidigen, wenn er angegriffen wird und niemand da ist, der ihm helfen kann. Selbstverteidigung ist in zivilen Situationen erlaubt, nicht nur im Krieg. Sie ist für die Gerechtigkeit notwendig."

Magazinrundschau vom 17.02.2026 - Eurozine

Lucija Tunković widmet sich einer besonders gefährlichen und abstoßenden Seite Künstlicher Intelligenz: Durch Bildgenerierungs-Tools wie Veo 3 oder Elon Musks KI-Chatbot "Grok" verbreiten sich frauenfeindliche Videos rasend schnell im Netz, von KI-generierten Pornos, bei denen die Gesichter realer Frauen auf nackte Körper montiert werden bis zu Mordfantasien: "Hinter dem YouTube-Profil 'Woman Shot A.I' veröffentlichte ein anonymer Nutzer vom 20. Juni 2025 bis Mitte September Videos mit Titeln wie 'Japanische Schülerinnen in die Brust geschossen', 'Sexy Hausfrau in die Brust geschossen', 'Tragisches Ende einer Reporterin' und 'KI-Kopfschuss'. Die KI-generierten Inhalte zeigen Frauen, die Sekunden vor ihrer Ermordung um Gnade flehen, bevor sie erstochen, in die Brust geschossen oder enthauptet werden. Die Videos hatten über tausend Follower und mehr als 175.000 Aufrufe." Hier "geht es nicht um die Schattenseiten des Internets, wo in fremder Unterwäsche, Ketamin und Munition gestöbert wird, sondern um Videos, die auf einer globalen Videoplattform zugänglich sind, die täglich von Millionen von Erwachsenen und Kindern genutzt wird. Die Tatsache, dass keiner der bestehenden Verifizierungsmechanismen das Problem erkannte - zuerst Veo 3, das angeblich alle Anfragen blockiert, die gegen Googles Richtlinien verstoßen, und dann YouTube - zeigt, wie leicht Gewalt gegen Frauen hingenommen wird. Das umstrittene Profil wurde erst entfernt, nachdem das unabhängige Medienportal 404 Media über den Fall berichtet und eine Stellungnahme von YouTube angefordert hatte - also erst, als 'Woman Shot A.I.' zu einem potenziellen PR-Problem wurde."

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - Eurozine

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Hanna Nordenhök unterhält sich mit drei wichtigen Autoren aus Mexiko: Fernanda Melchor, Luis Jorge Boone and Emiliano Monge ist gemeinsam, dass sie in ihren Büchern auf Kinder als Ich-Erzähler zurückgreifen - eine Technik, die in der mexikanischen Literatur Tradition hat, wie wir lesen. Warum hat die kindliche Perspektive ein Comeback? In Melchors Romanen spielt beispielsweise die Sichtweise seelisch versehrter Kinder eine große Rolle. Nicht nur in ihrem Roman "Die Saison der Wirbelstürme" geht es um ein junges Mädchen, Norma, das sexuellem Missbrauch ausgesetzt ist. Melchor beschreibt hier eine toxische "Verwechslung" von Erwachsensein und Kindlichkeit, die sie auch auf die mexikanische Gesellschaft überträgt. Norma ist ein Kind, das "in Bezug auf eine kindische Erwachsenenwelt 'parentifiziert' wird. Norma's Mutter ist nicht die Erwachsene, sie ist ein Kind, das trinkt und Männern hinterherläuft, und Norma bleibt mit der Verantwortung für ihre Geschwister zurück. Ihr Stiefvater, der sie missbraucht, hat die gleiche Tendenz. In der mexikanischen Gesellschaft ist diese Infantilisierung der Erwachsenenwelt ein soziales und damit politisches Problem. Mexikaner lieben es, sich Autoritäten zu unterwerfen, weil wir ein angeborenes Bedürfnis haben, Kinder zu sein. Und ein Erwachsener, der ein Kind sein muss, ist jemand, dessen Bedürfnisse zu dem Zeitpunkt, als sie erfüllt werden sollten, nicht erfüllt wurden. Es gibt eine unerfüllte Sehnsucht nach Zärtlichkeit, eine Sehnsucht, die von anderen infantilen Erwachsenen korrumpiert wurde. Populistische Führer machen sich dieses Bedürfnis natürlich zunutze. 'Unterwirf dich mir, und alle deine Probleme werden verschwinden.' Für jemanden, der seit Generationen verletzt wurde, ist dieses Versprechen sehr verlockend."

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - Eurozine

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Oxana Gherman stellt in einem ursprünglich bei New Eastern Europe erschienenen Artikel zeitgenössische Literatur aus Moldau vor. Die sowjetische Herrschaft lastet immer noch als Trauma auf den Moldauern, so Gherman, deshalb kreisen auch viele neuere Romane um individuelle Erfahrungen unter dem Sowjet-Regime. So zum Beispiel Tatiana Țîbuleacs 2018 erschienener Roman "Grădina de sticlă" ("Der gläserne Garten"), der "das menschliche Schicksal in einem der schmerzhaftesten Kapitel der Geschichte der Republik Moldau schildert. In ihrer Geschichte verwebt Țîbuleac persönliches Leid mit dem kollektiven Trauma eines Landes, das einem Experiment der Identitätsauslöschung ausgesetzt war. Die Protagonistin ist ein verlassenes Kind, das von einer Russin aus Chișinău adoptiert wurde. Zunächst scheint alles gut zu laufen: Das Mädchen findet Geborgenheit und ein menschenwürdiges Leben. Doch vom ersten Tag an wird ihr der Name genommen und sie erhält einen neuen - Lastochka (russisch für Schwalbe). Lastochkas wahre Identität bleibt im gesamten Roman unbekannt. Nach und nach wird sie zu einem Objekt, einem Besitz ihrer Adoptivmutter, degradiert und zur Knechtschaft gezwungen. Erst später erfährt sie, dass sie genau zu diesem Zweck aus dem Waisenhaus gekauft wurde. Die schmerzhaftesten Erlebnisse im Roman drehen sich um das Erlernen der russischen Sprache - einer Sprache, die Tamara, die Adoptivmutter, als prestigeträchtig und unverzichtbar betrachtet. Für Lastochka wird dieser Prozess zur Tortur. Was sie anfangs fasziniert, wandelt sich bald in etwas, das sie abstößt. Die russische Sprache wird ihr durch Demütigung und Gewalt aufgezwungen. Sie erträgt den Albtraum, unter Zwang eine Fremdsprache zu erlernen. Als sie sich weigert, Russisch zu sprechen, wird sie brutal bestraft. Die Frage der Sprache, die in einer Reihe tief bewegender Episoden dargestellt wird, weitet sich allmählich zu einer umfassenderen Auseinandersetzung mit Macht, Identität und Zugehörigkeit aus."

Magazinrundschau vom 06.01.2026 - Eurozine

Im Interview mit Mirjana Tomić gibt der bulgarische Politiologe Ivan Krastev einen Ausblick darauf, was 2026 politisch wichtig werden könnte. So viele konkrete Vorhersagen möchte er gar nicht machen, es sind vor allem drei wichtige Ereignisse, die das politische Klima bestimmen werden, glaubt er: Die Aussicht auf eine Art Waffenstillstand, von Frieden möchte er nicht sprechen, in der Ukraine, die Mid-Term-Wahlen in den USA, aber auch die Wahlen in Ungarn im April. "Diese werden aus vielen Gründen für Europa von entscheidender Bedeutung sein. Die ungarische Regierung spielt in der neuen politischen Konstellation Europas eine sehr wichtige Rolle, in der Präsident Trump sehr deutlich gemacht hat, dass er bestimmte politische Präferenzen und politische Freunde hat. Herr Orbán ist nicht nur Trumps ältester Freund in Europa, sondern meiner Meinung nach auch der strategisch wichtigste Verbündete. Ein Großteil der intellektuellen, finanziellen und institutionellen Infrastruktur der europäischen extremen Rechten hat ihren Sitz in Ungarn. Ihre wichtigsten Beziehungen zur amerikanischen MAGA-Bewegung laufen über ungarische Kanäle. Wenn Orbán die Wahl gewinnt, wird dies die Trump-freundliche Rechte in Europa konsolidieren und Auswirkungen auf andere Länder haben. Wenn Orbán verliert - und das wäre natürlich eine der Ironien der Geschichte -, würde dies in der 'Orbán-Ära der extremen Rechten' in Europa geschehen. Aber die Geschichte ist bekannt für ihren Sinn für Humor. Wir sollten diese Möglichkeit also nicht unterschätzen. Es könnte in beide Richtungen gehen."
Stichwörter: Krastev, Ivan

Magazinrundschau vom 15.12.2025 - Eurozine

Afra Wang untersucht, wie sich das Bild Chinas in den USA ändert. Galt das Land früher als weniger entwickelt und den USA unterlegen, wächst die Bewunderung, vor allem bei jungen Menschen: "Manchmal verflacht diese Naivität China zu einem glänzenden Idealbild, ignoriert Widersprüche und übersieht die Kosten. Auf TikTok und Instagram präsentiert sich China als schillerndes Spektakel: Drohnen formen dreidimensionale Gebilde über Chongqing, Magnetschwebebahnen gleiten in Zeitlupe dahin, Fabriken produzieren Elektroauto-Komponenten in rasender Geschwindigkeit, und die Straßenmode der Nachtmärkte von Chengdu ist allgegenwärtig. Der Sinofuturismus, einst ein von Lawrence Lek geprägter Begriff der Kunstwelt, hat sich zu einer Massenästhetik entwickelt. Er ist heute die visuelle Standardsprache, durch die Millionen von Westlern China wahrnehmen." Doch "diese Bewunderung für China entspringt auch der Krise Amerikas. Vor einigen Monaten hörte ich den Ökonomen Daron Acemoglu auf einer Veranstaltung in London erklären, dass liberale Demokratien sowohl an Zahl als auch an Legitimität verlieren. Junge Menschen zweifeln zunehmend am demokratischen Modell, und die Sympathie für autoritäre Alternativen hat sich von den Rändern in die Mitte verlagert. Antiliberale Ideen gewinnen an Einfluss. In einer postindustriellen Wirtschaft, die von Automatisierung, digitaler Technologie und Globalisierung geprägt ist, hat Amerikas Verlustgefühl China auf seltsame Weise anziehend gemacht. Der Politikwissenschaftler Rory Truex von der Princeton University formulierte es drastischer: Amerika erlebt eine Aushöhlung der Demokratie (...) Die Ironie ist offensichtlich: Truex hat seine Karriere der Erforschung des chinesischen Autoritarismus gewidmet und analysiert nun ähnliche autokratische Muster im eigenen Land."