Magazinrundschau - Archiv

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248 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 25

Magazinrundschau vom 29.11.2022 - Eurozine

Im Moment wird gern die Haltbarkeit uralter sowjetischer Panzer bestaunt, mit denen in der Ukraine gekämpft wird. Tolle Sache, diese solide Wertarbeit. Aber als einer der größten Waffenexporteure der Welt hat die Tschechoslowakei während des Kalten Krieges auch Konfliktgebiete wie Irak, Niger oder Südsudan mit Kriegsgerät überschwemmt, erinnert Rosamund Johnston und denkt sich, dass die als superkapitalistisch verfemte "eingebaute Obsoleszenz" auch ihr Gutes hat: In den siebziger Jahren verkaufte die Tschechoslowakei einen Batzen Semtex an Libyen. Nachdem der Sprengstoff dort über ein jahrzehnt lang schlummerte, tauchte er auf einmal in Bomben in Nordirland und Großbritannien auf. Zum Entsetzen der kommunistischen Regierung in Prag war er offenbar auch verantwortlich für den Absturz einer Transatlantik-Maschine über Lockerbie, bei dem alle 259 Passagiere an Bord und elf Bewohner des schottischen Ortes getötet wurden. Als eine ihrer letzten Amtshandlungen erklärte sich die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei  zu einem Abkommen bereit, das die Markierung von Plastiksprengstoff vorsah, mit der man seine Herkunft nachverfolgen kann. Nach der Samtenen Revolution 1989 erklärte die Herstellerfirma Explosia, dass es die Haltbarkeit des Sprengstoffs von zehn auf fünf Jahre reduzieren würde. Semtex sollte nicht länger in Konflikten oder für Zwecke genutzt werden können, für die es nicht vorgesehen war."

Magazinrundschau vom 01.11.2022 - Eurozine

In einem klugen Gespräch mit ihrer polnischen Kollegin Agnieszka Holland spricht die ukrainische Filmregisseurin Iryna Tsilyk über die Rolle der Kunst in Zeiten des Krieges. Welche Kraft hat sie? Welche Moral? Was funktioniert überhaupt? "Es ist schade, dass Serhij Zhadan im Moment nichts schreiben kann. Einige Dichter können es, und sie erschaffen fantastische Dinge, wenn sie versuchen, den Moment zu erfassen oder über all das nachzudenken, was uns gerade verändert. Das geschieht gerade extrem schnell, es ist wichtig, diese Metamorphosen zu dokumentieren. Romanautoren und Regisseure von Spielfilmen brauchen jedoch Distanz, wenn sie sich einem Thema wie dem Krieg nähern. Man kann nicht objektiv sein, wenn man die Situation in Nahaufnahme sieht. Man muss sie aus einem weiteren Winkel betrachten, was unmöglich ist, wenn man mittendring steckt... Ich habe auch Angst, dass manche Mittel des Kinos eine moralische Linie überschreiten könnten. Ich habe viele Anfragen von ausländischen Produktionsfirmen bekommen, die mir Ideen und Skripte zu bestimmten Ereignissen des Krieges anboten, zu Bucha oder der Schlacht um Asowstal. Für mich ist es zu früh und zu gefährlich, diesen Weg zu gehen. Es ist ein Minenfeld. Menschen werden noch immer gefangen gehalten, gefoltert und vergewaltigt. Die Zeit ist noch nicht gekommen, Spielfilme zu drehen, wenn die Grausamkeiten noch stattfinden. Trotzdem frage ich mich selbst als Künstlerin oft: Soll ich mir nicht doch meine Kamera schnappen und die Realität dokumentieren?"

Magazinrundschau vom 18.10.2022 - Eurozine

Die russische Autorin Katja Margolis blickt verzweifelt auf die Taten- und Gefühllosigkeit, mit der ihre Landsleute auf den Krieg gegen die Ukraine reagieren. Für sie ist aber nicht die Frage, ob die Literatur schuld ist an der Apathie - wie manche ukrainische Aktivisten behaupten - oder ob sie ihr entgegenwirkt - wie etwa Michail Schischkin glaubt (unser Resümee). Entscheidend sei die russische Unfähigkeit, meint Margolis, sich mit der eigenen Kultur und Gesellschaft kritisch auseinanderzusetzen. Sie selbst erlebte einen Sturm der Empörung, als sie in der Novaja Gaseta Europe an Joseph Brodskys Schmähgedicht "Auf die Unabhängigkeit der Ukraine" erinnerte: "Leider verläuft die Geschichte der russischen Kultur und Gesellschaft in der Tat eher konträr zu dem Weg, den Schischkin zeichnet. Trotz des glänzenden und lehrreichen Kulturerbes und einer turbulenten Geschichte voller leicht verständlicher Lektionen haben viele Russen wenig oder gar nichts daraus gelernt und geben sich damit zufrieden, seit Jahrhunderten immer wieder demselben selbstzerstörerischen Lauf zu verfolgen. Bevor wir überhaupt anfangen, Literatur oder Kunst als Mittel zur Rettung in Betracht zu ziehen, müssen wir zunächst etwas über uns selbst lernen. Der englische Philosoph John Stuart Mill sagte berühmterweise, dass die Tyrannei der Gesellschaft über sich selbst größer sei als die Tyrannei eines Einzelnen über sie. Wenn man ein aktuelles Beispiel bräuchte, um diese Aussage zu bekräftigen, wäre das moderne Russland die perfekte Wahl. Viele von uns, Schischkin eingeschlossen, sind manchmal versucht, Russen als ohnmächtige und fatalistische Opfer einer gewaltigen bösartigen Macht darzustellen. Dies ist jedoch eine bequeme, passive und sich selbst erhaltende Sicht des russischen Geistes, hinter der man sich leicht verstecken kann, da sie sehr natürlich ist. Eine solche Position ist gefährlich und kontraproduktiv, ein zu einfacher Ausweg, da sie davon ausgeht, dass die Viktimisierung uns von der Selbstkritik befreit und dass diese Befreiung zudem eine inhärente Eigenschaft unserer Kultur und unseres literarischen Kanons ist."
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Magazinrundschau vom 11.10.2022 - Eurozine

Anna Efimova unterhält sich für New Eastern Europe (von Eurozine ins Englische übersetzt) mit Liliya Vezhevatova, einer Koordinatorin des Feministischen Antikriegs-Widerstands in Russland, über ihre Bewegung, die sich besonders auf Frauen ab 45 konzentriert. "Die Aktivisten verteilen unseren Samisdat (Selbstverlag), eine Zeitung für Frauen über 45 mit dem Namen Female Truth, in 20 russischen Städten und Gemeinden. Die russischen Behörden können die Daten über die Verluste der russischen Armee verbergen, so viel sie wollen, aber sie werden nicht in der Lage sein, Friedhöfe zu verstecken. ... Langfristig glauben wir jedoch, dass diese Gruppe eine Kraft sein wird, die die öffentliche Meinung über diesen Krieg erschüttert und umkehrt. Es sind unsere älteren Verwandten, die Mütter der Offiziere, der tschetschenischen Kriegsteilnehmer. Wir betrachten sie als Opfer der gegenwärtigen Situation. Als ihnen erzählt wurde, der Krieg in der Ukraine sei eine Nachfolge des Krieges von 1941-45 glaubten, wurden sie getäuscht und belogen. Wir verlagern den Krieg vom ideologischen Schlachtfeld in ihre Kühlschränke, Geldbörsen und Familien und machen ihn so real und nah, als würde er vor ihrer Haustür stattfinden. Wir sprechen sie mit universellen Themen von menschlichem Interesse an, wir sprechen über Preiserhöhungen, über ihre Lieblingsprominenten, die den Krieg missbilligen, und über die versprochenen Entschädigungen, die nie an die Familien der in der Ukraine gefallenen russischen Soldaten ausgezahlt worden sind. Die Zeitung hat sehr positive Kritiken erhalten. Menschen berichten uns, dass sie, nachdem sie ihren älteren weiblichen Verwandten die Zeitung in die Hand gedrückt hatten, ein Gespräch über den Krieg führen konnten. Sie taten dies zum ersten Mal seit Kriegsbeginn, ohne sich gegenseitig als Verräter zu beschuldigen. Durch die Wahl eines nicht radikalen Tons und das Eingehen auf die Interessen und Sorgen des Publikums hat unsere Zeitung diese Ergebnisse erzielt."

Außerdem: Kian Tajbakhsh feiert Irans ersten feministischen Aufstand: "Ich glaube, wir sind Zeugen von etwas, das es in der iranischen Geschichte noch nie gegeben hat: eine feministische soziale Bewegung. Die erneute Forderung nach einer rechenschaftspflichtigen Regierung und individueller Freiheit - dem liberal-demokratischen Ideal - ist aus dem Kampf gegen die patriarchalische Kontrolle über den Körper der Frauen und die paternalistische Beherrschung des öffentlichen Raums hervorgegangen. ... Die heutige feministische Bewegung, Frauen wie Männer, sagt Nein: Frauen werden in der Öffentlichkeit existieren, nicht als Mündel unter der Kontrolle männlicher Hüter religiöser Gesetze, sondern als gleichberechtigte Bürger. Sie fordern die Anerkennung der grundlegenden individuellen Menschenwürde und Freiheit, wie sie der moderne Mensch zu erwarten hat. Auch wenn diese Forderungen im Moment politisch noch unausgegoren sind, so sind sie doch zum Teil bereits mit umfassenderen Forderungen nach politischen Veränderungen verbunden."
Stichwörter: Ukraine-Krieg 2022, Russland, Iran

Magazinrundschau vom 29.08.2022 - Eurozine

Die Zeit wird Wladimir Putin nur dann in die Hände spielen, wenn im Winter die Solidarität des Westens nachlassen würde. Am Widerstandsgeist der Ukrainer wird es nicht liegen, und auch nicht an ihrem Präsidenten, der jeden Tag um sein Leben fürchten muss, betont Samuel Abrahám in einem eindrücklichen Text. Er erinnert daran, wie sowjetische Panzer 1968 in einem vergleichbaren Akt der Aggression die Tschechoslowakei besetzten, um den Prager Frühling zu beenden: "Die Zeit der Normalisierung von 1969 bis 1989 brach der Nation das Rückgrat. Die Menschen zogen sich in Hoffnungslosigkeit und inneres Exil zurück. Dies ging mit kultureller und intellektueller Verödung einher, von der jeder glaubte, sie würde Generationen anhalten. Niemand, nicht einmal die kommunistsichen Führer glaubten an die kommunistsiche Propaganda. Es herrschte ein Marionetten-Regime, am Rande des sowjetischen Imperiums. Warum dieser Vergleich mit einer ganz anderen Ära? Es ist klar, dass die Ukraine nicht nur für ihr Land und ihr politisches System kämpft, sondern auch für die menschliche Würde, die Russland nach einem Sieg ohne Zweifel auszulöschen versuchen würde, ein brutales, aber letzten Ende sinnloses Unterfangen. Doch in der Tat hat Russland damit bereits in den von ihm besetzten Gebieten begonnen, einige Ukrainer wurde sogar nach Russland deportiert. Eine erfolgreiche russische Besatzung würde die physische Zerstörung der Städte und die Vertreibung der Bevölkerung nach sich ziehen, ganz wie es schon in Mariupol und in der Ostukraine geschieht. Putin, der frühere KGB-Offizier in Ostdeutschland wieß mittlerweile, dass die russischen Soldaten nicht nur unwillkommen sind, sondern dass Kampfgeist und Würde bei den Ukrainern niedergerungen werden müssen und die Reulosen vertrieben oder ermordet. Die Lehre von 1968 in der Tschechoslowakei ist, dass die Folgen einer sowjetischen oder russischen Aggression schlimmer als die Niederlage selbst sind."

Magazinrundschau vom 23.08.2022 - Eurozine

Der ukrainische Schriftsteller Andrei Krasniaschik ist im März mit seiner Familie aus dem umkämpften Charkiw ins westukrainische Poltawa geflohen, wie er in momenthaften Splittern festhält: "Die Vertriebenen aus dem Donbass von 2014: Laut und unverschämt. Jetzt bin ich einer von ihnen, laut und unverschämt. Außer dass ich still bin. - Andere erkennen uns. Sie ermutigen uns. Sie fühlen mit und trösten uns. Doch in Wahrheit sind wir davongelaufen. Vor dem Krieg. - Ein Freiwilliger aus Lwiw verteilt Medikamente: 'Nicht den Kopf hängen lassen. Alles wird gut.' Er ist auf dem Weg nach Charkiw. In den Krieg." Über das Fragmentarische seiner Eindrücke wundert er sich nicht: "Ich weiß, woher dieser Stil kommt. Es ist der Stil der Nachrichtenkanäle auf Telegram. Das ist alles, was ich seit Beginn des Krieges gelesen habe. Fakten und Zustände. Wir werden später analysieren und reflektieren, nach dem Sieg. Jetzt analysieren und planen andere. Wir können das alles nur empfinden und durchstehen."

Magazinrundschau vom 16.08.2022 - Eurozine

Der ukrainische Philosoph Mykola Rjabschuk und der Historiker Serhij Jekeltschik sind sich ziemlich einig, dass Russlands imperialistische Wissensmonopolisierung und -identität, seine unterentwickelte Demokratie und fehlende Modernisierung als Nationalstaat dem Krieg gegen die Ukraine zugrunde liegen. Doch während Jekeltschik auch eine westliche Besessenheit von Russland für den Krieg verantwortlich macht, hält Rjabtschuk diese für zweitrangig: "Im Kern geht es um Russlands 'imperial knowledge': Seit dem 18. Jahrhundert wurde es produziert, machtvoll institutionalisiert, verbreitet, exportiert und im Westen als akademisches, objektives, wissenschaftliches Wissen etabliert, das bis vor kurzem unangefochten blieb. Daher rührt auch die westliche Fixierung auf Russland. Natürlich gibt es auch mächtige Wirtschaftsinteressen und Geschäftslobbys, aber ohne diese Herrschaft über das Wissen, ohne die Wahrnehmung Russlands als einziger Akteur in der Region, hätten sie nicht die freie Hand, die sie jetzt haben. Ich möchte diese Herrschaft über das Wissen dekonstruieren."

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - Eurozine

Rachael Jolley stellt das Projekt "Land der Erinnerung" vor, ein Grenzprojekt zwischen Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Belgien, das gerade in Zeiten des Ukrainekriegs besonders wichtig ist. Es soll jungen Menschen helfen, die Zerstörungen der Weltkriege des 20. Jahrhunderts und ihre menschlichen und sozialen Folgen zu verstehen. Teil davon "ist der Gedenkpfad Schumanns Eck, der sich durch die Wälder Luxemburgs in der Nähe von Wiltz schlängelt, wo im Dezember und Januar 1944/5 Tausende von Menschen im eisigen Winterkrieg der Ardennenschlacht, auch bekannt als Ardennenoffensive, starben. Auf der Grundlage von mehr als 500 Interviews, die der Gründer des Lehrpfads, Frank Rockenbrod, im Laufe von 25 Jahren geführt hat, haben sie eine Reise durch diese pockennarbigen Wälder und durch die Erinnerungen der Menschen, die hier gelebt und gekämpft haben, zusammengestellt, mit lebensgroßen Bildern von Soldaten und Zivilisten. Ihre Geschichten werden den Besuchern mit Hilfe von QR-Codes (Quick-Response-Codes, die auf Smartphones abrufbar sind) und Reiseführern erzählt. Wenn man durch den Wald spaziert und die winzigen Vertiefungen im Boden sieht, in denen sich die Soldaten stunden- und tagelang im Schnee versteckten, ohne Winterkleidung (einige waren direkt aus der Normandie gekommen) und nur mit den Zweigen der Bäume, die sie warm hielten, wird diese Geschichte viel realer. Die Vertiefungen im Boden, die Verstecke für Männer und Ausrüstung, bleiben erhalten. Wir erfahren auch von mutigen Momenten des Widerstands während der Nazi-Besatzung, als die Luxemburger gegen das Diktat streikten, das von ihnen verlangte, ihre Sprache aufzugeben."

Natalija Jakubova versucht sich zu erklären, wie so viele Russen Putin auf den Leim gehen können: "Putin hat sowohl das Militär als auch die Zivilbevölkerung mit einer sadistischen Frage konfrontiert: Was werdet ihr tun, wenn ein riesiges, scheinbar unglaubliches Verbrechen in eurem Namen oder durch eure Hände verübt wird? Wir wissen bereits, wie die Mehrheit der Zivilbevölkerung geantwortet hat: Sie leugnet die Existenz des Verbrechens. Als virtuelle Komplizen können sie sich nicht vorstellen, dass sie mitschuldig sind. Und die Leugnung ist für das Militär noch schlimmer. Sie begehen ein Verbrechen, sobald sie die Grenze überschreiten. Einige ergeben sich. Die meisten gehen in ihrer Verzweiflung 'bis zum bitteren Ende'. Sie haben sich mit einem Verbrechen infiziert. Dies ist wirklich eine Plage. Die meisten Russen sind auf dieses moralische Dilemma nicht vorbereitet. Eine gesunde Reaktion wäre gewesen, die unangenehme Wahrheit anzuerkennen, dass das 'Unmögliche' geschieht, und öffentlich zu erklären, dass sie die Legitimität dessen, was getan wird, nicht akzeptieren werden, dass sie nicht zulassen werden, dass ihre Regierung dies in ihrem Namen tut. Stattdessen ist in den meisten Fällen genau das Gegenteil eingetreten, nämlich die Bereitschaft, die Phantasien und Lügen zu glauben, die staatliche Rechtfertigung für den Krieg zu akzeptieren und ihn zu unterstützen und zu verbreiten. Täten sie das nicht, würden sie sofort mit Schamgefühlen und Verantwortung konfrontiert werden."

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - Eurozine

In der vom PEN Ukraine veranstalteten Gesprächsreihe #DialoguesOnWar haben sich Anfang Juni Francis Fukuyama und der ukrainische Autor Valerii Pekar unterhalten. Ob Putin Atomwaffen einsetzt, wird vor allem davon abhängen, ob er glaubt, damit davonzukommen, meint Pekar: "Wir kennen Russland und die russische Führung recht gut und wissen daher, dass Putin Atomwaffen einsetzen wird, wenn er sich stark und nicht schwach fühlt. Wenn er sich stark genug fühlt, wenn er das Gefühl hat, dass es außer diplomatischen Gesprächen keine Reaktion geben wird, wenn er das Gefühl hat, dass die ihn umgebende russische Elite ihn unterstützt und um ihn herum konsolidiert ist, dann wird er es tun." Für Fukuyama hat dieser Krieg ein Gutes: "dass die Menschen die Alternative zum Liberalismus sehen können - Putin ist die Alternative. Ich denke, der Ausgang des Krieges in der Ukraine wird große Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. Wenn es Putin gelingt, einen großen Teil der Ukraine einzunehmen und zu halten, wird er sagen können: 'Vergessen Sie das frühere Ziel, das Regime zu stürzen, wir haben es geschafft, den Donbass zu sichern und die Ukraine wirtschaftlich zu ersticken'. Er wird dies als eine Art Sieg darstellen können, und das wird viele Populisten rechtfertigen, die ihn unterstützt haben ... Deshalb denke ich, dass der Krieg eine viel größere Auswirkung auf die globale liberale Ordnung hat. Deshalb müssen andere liberale Demokratien auf der ganzen Welt der Ukraine weiterhin die größtmögliche Unterstützung gewähren, die sie leisten können."

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - Eurozine

Der Krieg gegen die Ukraine wird gelegentlich als Zeichen eines neuen oder alten russischen Imperialismus gewertet. Doch der Historiker Igor Torbakow sieht in der Invasion eher das Gegenteil, nämlich ein Ende des Imperialismus, was die Dinge nicht weniger gefährlich mache: "Als Wladimir Putin Ende Februar russische Panzer in die Ukraine rollen ließ, herrschte er noch immer über ein imperialistisches Staatswesen, das weitgehend die Methoden der indirekten Herrschaft bevorzugte. Vier Monate später gleicht Russland eher einem gekränkten, aggressiven Nationalstaat, der sich auf das 'Ansammeln von Land' konzentriert, als einem wohlmeinenden, regionalen Hegemon... Moskaus Ziel ist es nun, den postsowjetischen Raum neu zu gestalten und einen starken und lebensfähigen russischen Nationalstaat aufzubauen. Ein solches Bestreben wird seit langem von mehreren einflussreichen russischen Denkern unterstützt, von Petr Struve und Iwan Iljin bis hin zu Alexander Solschenizyn. Die beiden letztgenannten sind in diesen Tagen bei der Kremlführung besonders beliebt. In seinem umfangreichen politischen Kommentar aus den frühen 1950er Jahren prophezeite Iljin, dass das künftige Russland nach dem unvermeidlichen Fall des Kommunismus nur ein 'nationales Russland' sein könne. Ein ganz ähnliches Bild zeichnete Solschenizyn 1990 in seinem Pamphlet 'Wiederaufbau Russlands', in dem er Russlands 'imperiales Syndrom' entschieden anprangerte, Michail Gorbatschow aufforderte, sich unverzüglich von den 'kulturell fremden' Grenzgebieten im Südkaukasus und in Zentralasien zu trennen, und vorschlug, sich auf den Aufbau der von ihm so genannten 'Russischen Union' zu konzentrieren."