Magazinrundschau - Archiv

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181 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 19

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - Eurozine

Der in Prag lehrende Politologe Mark Galeotti untersucht (ursprünglich für die bulgarische Zeitschrift Critique & Humanism) die Art der russischen Einflussnahme, die alle westlichen Länder in den letzten Jahren heimgesucht hat und macht - auch unter Zitierung russischer Militärzeitschriften - klar, dass die Russen diese Einflussnahme als "Krieg" verstehen. Es kommt in Putins Doktrin auf die politische Wirkungen an, nicht auf die Mittel, so Galeotti. Aber er weiß auch eine Abwehr: "In vielerlei Hinsicht ist die beste Abschreckung gegen die Form des 'politischen Krieges' nicht so sehr eine direkte Reaktion - obwohl sie zweifellos ihren Platz haben kann -, sondern die Schaffung eines ausreichenden gesellschaftlichen Widerstands, so dass die Subversion wahrscheinlich scheitern wird. Der Kreml ist pragmatisch, und er wird keine politischen und wirtschaftlichen Ressourcen für unrealistische Operationen verschwenden, die zu peinlichem Scheitern verurteilt sind. Wenn das Schlachtfeld also im Bereich des guten Funktionierens von Regierung und Gesellschaft, der Governance, liegt, dann werden sich die Waffen und Maßnahmen erheblich von üblicher Kriegsführung unterscheiden: Entscheidend sind effektive Abwehrdienste, angemessene Aufsicht über den Geldfluss und ernsthafte Kontrolle der Korruption im eigenen Land, Medienbewusstsein für eine neue Generation von Bürgern, um sie weniger anfällig für Manipulationen aus welcher Quelle auch immer zu machen, und vor allem Bemühungen, die Wirksamkeit und damit Legitimität bestehender politischer Strukturen zu erhöhen."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Eurozine

Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, großer Fan politischer Leidenschaften, erklärt in Critique and Humanism, warum sie mehr Populismus in der Politik will, mehr Affekte und echte Gegnerschaft: "In progressiver Form stellt der Populismus nicht eine Perversion der Demokratie dar, sondern das beste Mittel zu ihrer Verteidigung. Das größte Hindernis für eine populistische Politik ist jedoch, dass die meisten linken Parteien nicht verstehen, welche Rolle allgemeine Affekte für politische Identitäten spielen und welche Bedeutung Leidenschaften haben, um sie in eine demokratische Richtung zu bewegen. Sie stehen unter dem Einfluss der dominierenden Strömung in der politischen Theorie, derzufolge Leidenschaften aus demokratischer Politik herausgehalten werden und Politik sich auf rationale Argumente und wohlüberlegte Prozeduren beschränken sollte. Vor allem hieraus entspringt die Feindschaft der Liberaldemokraten gegenüber dem Populismus, aber darum sind sie auch unfähig, auf den Rechtspopulismus zu reagieren. Dessen Bewegungen wissen, dass Politik immer in verschiedene Lager trennt und dass sie die Schaffung eines Wir/Sie-Gegenübers braucht. Sie wissen, dass man die Affekte mobilisieren muss, um kollektive politische Identitäten zu konstruieren."

Weiteres: In New Eastern Europe wirft Agnieszka Pikulicka-Wilczewska einen Blick auf das Bitocoin-Geschäft in Russland.

Magazinrundschau vom 30.10.2018 - Eurozine

Eurozine übernimmt aus Osteuropa einen Artikel, in dem die Soziologin Marta Bucholc und der Jurist Maciej Komornik noch einmal Punkt für Punkt die polnische Justizreform diskutieren, die Argumente der polnischen Regierung berücksichtigen und mit anderen Ländern vergleichen. Und obwohl sie zugeben, dass die polnische Justiz zu Recht als dysfunktional eingestuft wird, ziehen sie am Ende ein erwartungsgemäß verheerendes Fazit: "Die PiS sieht im Pluralismus ein Problem. Wo immer möglich, zielt sie darauf, Diversität auszulöschen. Pluralismus in Poland war der Verfassung von 1997 eingeschrieben, die ihren Ursprung nach auf den Geist des Rundes Tischs von 1989 zurückgeht. Anders als Fidesz in Ungarn hat die PiS die Verfassung nicht durch eine andere ersetzt. Aber sie versucht, sie als 'reinen, erstarrten Postkommunismus' zu diskreditieren und am Ende aufzuheben. Die PiS will mit der Justizreform die letzten Überreste von Postkommunismus tilgen. Sie ist ein Schlüsselelement in der Ideologie des 'Wandel zum Besseren', bei dem es vor allem darum geht, den Staat von seinen angeblichen Feinden zu säubern, Schlüsselpositionen im Staatsapparat mit den eigenen Leuten zu besetzen und den institutionellen Pluralismus auszuradieren, der einer Gewaltenteilung innewohnt."

Osteuropa selbst bringt in seinem Sonderheft zu Georgien einen sehr instruktiven Artikel des Philosophen Giga Zedania über Georgien als autokratische Demokratie, die Konkurrenz zweier Eliten und die Gleichzeitigkeit von Moderne und mittelterlichen Traditionen.

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Stichwörter: Polen, PiS, Justizreform, Georgien

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Eurozine

Slowenien rangiert in Fragen der Geschlechtergleichstellung weltweit auf Platz sieben, hinter den skandinavischen Staaten und Kanada. Die Feministin, Psychologin und langjährige Parlamentsabgeordnete, Metka Mencin Čeplak sieht darin durchaus ein Erbe staatlicher sozialistischer Frauenpolitik, wie sie im Interview mit der Zeitschrift Dialogi erklärt, das bei Eurozine auf Englisch erscheint. Heute fürchtet sie eine Retraditionalisierung der Rollenbilder und den Verlust von egalitären Triebkräften im Feminismus: "Ich bin heute viel skeptischer als früher, was die Institutionalisierung von Frauenpolitik angeht. Ich glaube zwar immer noch, dass es für Regierungen und öffentliche Einrichtungen essentiell ist, sich von Zielen und Regeln der Gleichstellung leiten zu lassen. Aber zugleich wird mir auch immer klarer, dass die Institutionalisierung zugleich Anfang und Ende einer Gleichstellungspolitik ist, wenn wir nicht wachsam bleiben und aufpassen, dass unsere Forderungen heruntergeschraubt werden. Und ich glaube, dass wir zurückfallen, wenn wir übersehen, wie schädlich sich der Kapitalismus auswirkt. Ich bin heute viel skeptischer gegenüber dem liberalen Feminismus, mit seinem Fokus auf das zahlenmäßige Verhältnis von Männern und Frauen in privilegierten Positionen, während er zugleich Klasse und andere Achsen von Ungleichheit und Unterwerfung übersieht."

Nicolas Léger liest in einem aus Esprit übernommenen Text Michel Houellebecq und Virginie Despentes parallel und erkennt in ihnen die großen Chronisten des modernen inegalitären Frankreichs: "Obwohl Houellebecqs kalter analytischer Stil des Überdrusses als das genaue Gegenteil von Despentes schwungvoller, wild musikalischer Prosa erscheint, arbeiten beide an derselben Aufgabe: Sie bieten in ihren Panoramen luzide Fresken einer Desillusionierung, die in den achtziger Jahren aufkam. Beide Autoren füllen ihre Sprache mit dem Atem und der Atemlosigkeit einer Generation, die immer schon wusste, dass sie verloren war. Das Individuum mag König sein, doch es ist eine König ohne Kleider, Herrscher über eine emotionale und existenzielle Wüste: allein und in betäubendem Komfort sterbend, außer wenn er zerschlagen und ausgeschlossen wird. Ratlos taumelt das Individuum durch die inegalitäre Welt, seiner eigenen Ohnmacht bewusst, oder schlimmer noch: ohne jedes Interesse, sich gegen die hegemoniale Ordnung und den permanenten Zustand sozialer Gewalt aufzulehnen."

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - Eurozine

Auf den Seiten von Eurozine verrät der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch etwas über das europäische Element in den Künsten in Weißrussland, das unter der Oberfläche des überkommenen sowjetischen Konservatismus rumort, Vorbote einer neuen weißrussischen Kultur, die bald schon international auftrumpfen wird, meint er: "Es mag paradox klingen, aber aufgrund meiner Beobachtung der gegenwärtigen Wirklichkeit, wage ich zu behaupten, dass das sowjetische Projekt in der weißrussischen Kultur die kommenden 20 Jahre nicht überleben wird. Dass heute in Weißrussland Künstler arbeiten, die die europäische Linie in der weißrussischen Kultur repräsentieren, ist das Ergebnis einer Desintegration früherer Mechanismen. Ein ähnlicher Prozess ist dafür verantwortlich, dass die Arbeit des sowjetischen und kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow in andere Sprachen übersetzt wurde: Er war Teil des Sowjet-Kultur-Projekts, für das er eintrat. Das Gleiche gilt für Wassil Bykau, Uladzimir Karatkewitsch und weitere. Auf eine Art ist der wohlverdiente Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch das Resultat ihrer Beziehung zu sowjetischen Umständen und dem System. Bisher spricht die neue Generation von Schriftstellern durch ihre Kunst über Themen, die für Europäer noch fremd klingen. Doch die jüngste Geschichte der Ukrainischen Literatur mit Namen wie Juri Andruchowytsch und Serhij Zhadan hat bewiesen, dass der Zugang zu einem breiteren europäischen Publikum auch Autoren möglich ist, die nicht notwendigerweise in der späten Sowjetzeit geschrieben haben. Daher möchte ich mit einer optimistischen Prognose schließen: Es ist gut möglich, dass es tolle in Weißrussland geborene Künstler gibt, deren Schicksal es nicht sein wird, auswandern zu müssen."

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - Eurozine

Truls Lie denkt über die Bedeutung von Kryptowährungen in Zeiten von Schuldenkrisen nach: "Es scheint angebracht zu fragen, ob Kryptowährungen Gesellschaften durcheinanderbringen oder, wie Freidenker meinen, so wichtig sind wie das Internet. Der Markt ist jedenfalls riesig. Es gibt vier bis fünf Milliarden Menschen ohne Bankkonto. Für sie kann ein Smartphone mit Kryptowährungen als digitales Portemonnaie dienen. Menschen in Entwicklungsländern, die nicht der oberen Mittelklasse angehören, könnten so Geld bezahlen und empfangen, ohne dass die Steuerfahnder korrupter Regime ihnen auf die Spur kommen … Krypto könnte das Bargeld der Zukunft sein, wenn koventionelles Geld zu unsicher wird, weil die Banken nur sehr geringe Bargeldreserven haben."
Stichwörter: Kryptowährungen

Magazinrundschau vom 28.08.2018 - Eurozine

In einem bitteren Essay rekapituliert der ukrainische Philosoph Mykola Rjabtschuk, wie sehr der Prager Frühling die Menschen in der Ukraine, in Russland und in Georgien über Jahrzehnte inspiriert hat - und wie wenig Solidarität die Revolutionäre von Kiew oder Tiflis aus Tschechien und der Slowakei erhalten haben: "Mir ging auf, dass ich Milan Kunderas vielgerühmten Essay über die "Tragödie Mitteleuropas" nicht sorgfältig genug gelesen hatte. Mein idealistischer Blick auf die Region war weitgehend von seiner überzeugenden Forderung gerpägt, zu Europa zu gehören und in die Familie der freien europäischen Nationen zurückzukehren. Ich ignorierte Brodskys Kritik an Kunderas Position, obwohl er sie sehr scharfsichtig als zu essentialistisch im Hinblick auf den Westen und zu exklusiv im Hinblick auf den Rest beschrieb. Kunderas explizite Botschaft war: Wir, die Tschechen, (die Polen, die Ungarn) sind Europäer in Kultur und Geschichte; wir wurden vom Westen in Jalta betrogen und an Stalin verkauft, wir nahmen dies nicht hin und werden dies nie hinnehmen; wir gehören nicht zum sowjetischen Reich, denn wir Mitteleuropäer sind anders, wir sind wie die Westler, und deshalb verdienen wir die Freiheit. Ob all die anderen Nationen im Sowjetischen Reich auch Freiheit verdienten - selbst wenn sie keine Mitteleuropäer oder nicht einmal Europäer wären - sagt Kunderas Text nicht deutlich, aber implizit und wahrscheinlich unabsichtlich errichtete er eine Hierarchie von mehr und weniger europäischen Nationen und daher mehr und weniger freiheitsliebenden und - verdienenden. Wie der ukrainische Philosoph Wolodimir Jermolenlo treffend bemerkte, mag Kunderas Konzept 'befreiend für Mitteleuropa gewesen sein, aber für das Europa weiter östlich war es desaströs. Anstatt die Mauer zwischen Ost und West niederzureißen, verschob er sie nur weiter nach Osten.'"

Außerdem spricht der russische Historiker Juri Slezkine über sein Buch "Das Haus der Regierung", in dem er die Geschichten der sowjetischen Revolutionäre der ersten Stunde erzählt.

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - Eurozine

Aloma Rodrigeuz bricht in einem aus Letras Libres übernommen Artikel eine Lanze für die Kritikerinnen des feministischen Mainstreams, vorneweg natürlich Camille Paglia, die nicht müde wird, Feministinnen ihre Ignoranz gegenüber Ästhetik und Psychologie vorzuwerfen. Sie empfiehlt aber auch Jessa Crispin, die in ihrem Buch "Why I Am Not a Feminist: A Feminist Manifesto" gegen einen unpolitischen Feminismus argumentiert, der sich auf einzelne Fälle von Misogynie kapriziert oder den Opferstatus von Frauen reproduziert. Besonders fatal findet Crispin das Argument des Mainsplaining: "In einem Essay ihres Buchs 'Men Explain Things to Me' lieferte Rebecca Solnit ein unschlagbares Argument, mit dem eine Frau jede Diskussion gewinnen kann: Wer Dir widerspricht, tut es aus Frauenfeindlichkeit. Das ist natürlich verlockend, wer kann einem Argument widerstehen, das einem immer Recht gibt? Es beengt jedoch den Diskurs und fördert die die Segregation, den in der Konsequenz dürften nur Frauen miteinander reden. Darum kann es dem Feminismus gehen, wenn wir Simone de Beauvoir und Mary Beard glauben. Dem Feminismus geht es darum, dass das, was Frauen zu sagen haben, auch von Männern gehört wird und ihre Äußerungen die gleiche Aufmerksamkeit erfahren. Das kritisiert Crispin auch in ihrem Manifest, aber sie geht noch weiter. Um zu zeigen, wie gefährlich es ist, eine Gruppe namens Frauen zu etablieren, vergleicht sie das mit dem Nationalismus und seiner Betonung von Gruppenidentität und gemeinsamer Werte, die von anderen abgelehnt würden... Wenn Menschen von Empowerment sprechen sieht Crispin darin oftmals nur Narzissmus, der darauf zielt, die eigne Gruppe ausschließlich mit positiven Eigenschaften zu belegen und die negativen über die andere Gruppe zu verhängen.' Mit solchen Projektionen', schreibt sie, 'verleugnen wir nicht nur all die Facetten, die die Menschlichkeit bei Männern ausmachen, wir verleugnen auch unsere eigene Menschlichkeit.' Wir sind keine vollständigen Menschen, wenn wir nur das Gute in uns Frauen sehen."

Weiteres: Gegen Russlands Geschichtspolitik, die den Blick auf den Stalinismus immer stärker verenge, hofft Daria Khlevnyuk auf Dezentralisierung und Pluralisierung. Außerdem übernimmt Eurozine von Osteuropa den Bericht von Memorial zum Hungerstreik von Oleg Senzow und zur Lage der ukrainischen Häftlinge in Russland.

Magazinrundschau vom 07.08.2018 - Eurozine

Online-Diskussionen geraten nicht nur aus dem Ruder, wenn sie sich auf toxische Themen beziehen, stellt Baptiste Campion in einem Beitrag fest, den Eurozine aus der belgischen Revue Nouvelle übernimmt. Ihre Destruktivität ergibt sich auch aus den Regeln, nach denen Twitter und Facebook den Austausch organisieren. Um konstruktiv zu werden, müssen Diskussionen zum Beispiel zu einer Synthese kommen: "Ein Austausch endet, wenn niemand mehr etwas beiträgt. Manche Plattformen erzeugen ein de-facto-Ende, indem sie nach einer bestimmten Deadline keinen Beitrag mehr zulassen, während andere keine Grenzen setzen und einen Thread einfach sterben lassen, wenn sich niemand mehr beteiligt. Aber der Mangel an neuen Beiträgern heißt nicht, dass der Austausch auch irgendwo hingeführt hat. Sind alle zu Wort gekommen? Sind alle Argumente gehört worden? Gibt es Punkte, auf die man sich einigen konnte, oder einen minimalen Konsens? Wir wissen es nicht. Wir können wohl zu Recht annehmen, dass die vielen Online-Diskussionen, in denen sich Tausende von Nutzern Tag für Tag engagieren, ihre Sicht auf die Dinge beeinflussen. Doch Plattformen machen einen Abschluss nicht möglich. Tatsächlich verhindern sie ihn sogar. Ein Austausch, in den sich jeder zu jeder Zeit einschalten kann und die Debatte entfachen, die von ihren vorigen Teilnehmern geschlossen wurde, wird sich immer im Kreis drehen, auch wenn das nicht in der Absicht der Nutzer liegt."

Außerdem: Der rumänische Ökonom Daniel Daianu fürchtet in einem sehr theoretischen Text um den liberalen Kern der Demokratien.

Magazinrundschau vom 14.08.2018 - Eurozine

Casabella 367 (1972); Domus, 487 (1970); Archigram 4 (1964); Bau, Januar 1969
Ein einflussreicher Architekt wird man nicht in erster Linie durch seine Gebäude, sondern durch seine Ideen. Beispiel Mies van der Rohe, dessen Ruhm in der ersten Hälfte der Zwanziger aus fünf Projekten entstand, die nie gebaut, sondern nur in Magazinen veröffentlicht wurden. Überhaupt war das Moderne an modernen Architekten nicht ihr Baumaterial, sondern ihr Zusammenspiel mit den Medien, meint Beatriz Colomina, die ein enthusiastisches Loblied auf die kleinen Magazine singt: "Die Geschichte der Avantgarde in der Kunst, in der Architektur und in der Literatur kann man nicht trennen von der Geschichte ihres Engagements mit den Medien. Und das nicht nur, weil Avantgardisten die Medien genutzt haben, um ihre Arbeit bekannt zu machen. Ihre Arbeit existierte einfach nicht vor ihrer Veröffentlichung. Futurismus gab es vor der Veröffentlichung des Futuristischen Manifests in Le Figaro 1909 nicht wirklich. Adolf Loos existierte nicht vor der Veröffentlichung seiner polemischen Schriften in den Tageszeitungen und in seiner eigenen kleinen Zeitschrift Das Andere (1903). Le Corbusier existierte nicht vor seiner Zeitschrift L'Esprit Nouveau (1920-25) und den Büchern, die aus ihren polemischen Seiten hervorgingen (Vers une architecture, Urbanisme, L'art decoratif d'aujourd'hui, Almanach). ... Diese Magazine berichteten nicht über die Welt. Sie brüteten ganz neue Welten aus und gaben Einblicke in Gesellschaften, die unter völlig anderen physischen, sozialen und intellektuellen Regeln leben. Jedes kleine Magazin ist eine transportable Utopie, ein von konventioneller Logik unbegrenzter Raum. Es perforiert die reale Welt mit alternativen Visionen, deren Wirkung mit jeder Wiederholung und viralen Verbreitung multipliziert wird. Frei von den Zwängen der Schwerkraft, der Finanzen, der sozialen Konventionen, der technischen Hierarchien und Verantwortlichkeiten, führt das sich ständig erweiternde Netzwerk von kleinen Magazinen zu einer neuen Architektur. Die transportable Utopie wird zur realen Baustelle."