Magazinrundschau

Es ist nur eine Schramme

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
21.02.2011. In den französischen Magazinen sind sich Intellektuelle von rechts bis links einig: Westen, mach den Mund zu, der Maghreb spricht. In Nepszabadsag erklärt der Historiker Laszlo Karsai, warum er sich den Holocaustleugnern in seinem Landd stellt. In HVG fordert der amerikanische Designer Karim Rashid: Können wir bitte die Zukunft entwerfen? Tehelka fragt: Was ist die Zukunft ohne Subversion? Der New Yorker erzählt, wie General Hassan al-Roweny Demonstranten auf dem Tahrir-Platz küsste.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 17.02.2011

Bei den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz haben Männer und Frauen erstmals gleichberechtigt nebeneinander agiert, stellt Fatma Khafagy, Mitglied der Allianz für arabische Frauen, fest. Sie hofft, dass das so bleibt und macht Vorschläge, wie es weitergehen könnte, zum Beispiel mit der Änderung des Familienrechts: "Das ägyptische Familienrecht gibt es in der jetzigen Form seit 1920, das Parlament hat sich fast ein Jahrhundert lang geweigert, es zu ändern. Dieses Gesetz hat Frauen in ihrer Privatspäre diskriminiert und sie versklavt. [...] Lasst uns die Revolution nutzen um abzuschaffen, was das Regime jahrzehntelang anstrebte: Teile und herrsche. Lasst uns die Revolution nutzen, um die Frauen zu befreien, damit sie Seite an Seite mit den Männern ein gerechtes und gleichberechtigtes Ägypten aufbauen können."
Stichwörter: Familienrecht, Tahrir

Telerama (Frankreich), 17.02.2011

Die tunesische Revolution lasse sich durchaus erklären, meint der syrisch-französische Publizist und Intellektuelle Farouk Mardam-Bey, da die Idee vom freien Individuum in der arabischen Welt schon seit etlichen Jahren kursiere: "Der Westen hat zu sehr die Tendenz, alles zu vermischen: Dschihad, Fundamentalismus, politischen Islam, Volksreligiosität. Aber das Spektrum des Islam ist komplex. Zwischen Al-Qaida und den Muslimbrüdern gibt es keine größere Nähe als zwischen Pol Pot, um ein Beispiel aus dem kommunistischen System zu nehmen, und der reformistischen kommunistischen Partei von Enrico Berlinguer in Italien... Gibt es denn eine demokratische Tradition in Ägypten? Diese Frage Alain Finkielkrauts und einer gewissen Anzahl französischer Intellektueller hat einen rassistischen Beigeschmack. In ihren Augen sind arabische Welt und Demokratie offenbar unvereinbar. Aber gab es in Spanien am Ende der Franco-Diktatur eine demokratische Tradition? Oder in Portugal, der alten Kolonialmacht, das 36 Jahre unter der Knute von Diktator Salazar stand? Demokratie ist ein Lernprozess und es gibt kein Volk, das ein für alle mal dagegen geimpft ist."
Archiv: Telerama

Monde (Frankreich), 18.02.2011

Als Emanzipationsmodell will der Philosoph Alain Badiou die Erhebungen der arabischen Völker verstanden wissen, als einen Wind, der die Arroganz des Westens hinweg fegt. Diese Bewegungen sind für Badiou kommunistisch - nicht dem Buchstaben, aber dem Geiste nach, denn es gehe um die "gemeinsame Erschaffung eines kollektiven Schicksals": "Die Völker Tunesiens und Ägyptens sagen uns: Sich zu erheben, den öffentlichen Raum der kommunistischen Bewegung schaffen, ihn mit allen Mitteln zu verteidigen, indem man seine sukzessiven Etappen erfindet, das ist die Wirklichkeit einer Politik der Volksemanzipation ... Was immer die Zukunft auch bringt, die tunesischen und ägyptischen Aufstände haben eine universelle Bedeutung. Sie zeigen neue Möglichkeiten auf, deren Wert international ist."
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Archiv: Monde

Point (Frankreich), 17.02.2011

In seinen Bloc-notes formuliert Bernard-Henri Levy Fragen zum Aufstand in Ägypten. Eine davon betrifft die Muslimbrüder, deren anhaltende Diskretion ihn wundert. Aber "nichts erlaubt zu behaupten, dass sie sich wirklich gewandelt haben so wie es uns die Islamexperten, die seit dreißig Jahren einen Irrtum an den anderen reihen, erklären: Denn was sagen die Führer der Muslimbrüder denn eigentlich? Was enthüllen sie uns jenseits ihrer taktischen Zurückhaltung, über ihre Ideologie oder ihr Gesellschaftsprojekt? Nehmen sie Abstand von Scharia und Hamas?"
Archiv: Point

La regle du jeu (Frankreich), 18.02.2011

Der französisch-tunesische Schriftsteller und Philosoph Mehdi Belhaj Kacem interpretiert den Aufstand in Tunesien als "erste situationistische Revolution" in der Geschichte. "Es handelt sich um eine Revolution, die in der Tradition der Situationisten oder Rancieres steht, nämlich eine Revolution, die direkt vom Volk ausgeht. Bei der leninistischen oder maoistischen 'Revolution' dagegen stellt sich eine Armee an die Spitze und übernimmt die Macht und ersetzt eine Diktatur durch eine andere, ohne den Umweg über 'Demokratie' zu nehmen. Und wie fast immer ist es der gute alte Hegel, der sich die Hände reibt: 'Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit'. Tunesien wird sich unauslöschlich in diese Geschichte einschreiben." Ein zweiter "situationistischer" Aspekt sei die Rolle der neuen Medien: "Wenn die offiziellen Medien eine Lüge erzählten, dauerte es eine halbe Stunde, bis sie von der Zivilgesellschaft Internet widerlegt wurde ... Kurz: Erstmals in der Geschichte sind es die Medien wie Fernsehen, Radio oder Druckpresse, die einem neuen Informationstyp nachrennen, der populär und demokratisch ist."
Stichwörter: Tunesien

Rue89 (Frankreich), 20.02.2011

In einem Gespräch erklärt der französische Politologe Olivier Roy, der schon 1992 sein Buch "Echec de l'Islam politique" vorlegte, dass der Islamismus als politische Lösung ausgedient habe. Heute setzt er seine Hoffnung auf die Jugend: "Es ist die Ankunft einer Generation, die in der Krise geboren wurde, die den Islamismus nie als Lösung all ihrer Probleme angesehen hat, weil er bereits Teil der politischen Landschaft war, als sie ihr politisches Bewusstsein entwickelt haben. Diese Generation ist nicht ideologisch." (Olivier Roy funkt derzeit auf allen Kanälen: In der Welt konnte man seine These auf Deutsch nachlesen, im New Statesman auf Englisch und im New Humanist spricht er im Interview über sein Buch "Heilige Einfalt".)

Ebenfalls zu lesen ist der riskante Telefonbericht eines anonymen Libyers, der das "Massaker unter Ausschluss der Öffentlichkeit" beschreibt, das Gaddafi derzeit in Tripoli veranstaltet.
Archiv: Rue89

Express (Frankreich), 20.02.2011

In einer Reportage beschreibt Amelie Amelhau die Generation Internet, die jetzt auch in Marokko per Facebook zu Demonstrationen für politische Reformen und gegen eine Beschränkung der Machtbefugnisse des Königs aufrief (mehr hier). Die bissige, rebellische und zunehmend freie marokkanische Bloggerszene schaffe einen neuen Freiheitsraum im Land. "Die Aneignung des Internets durch die Jugend hat den Zugang zur Kommunikation in einem Land ein wenig erleichtert, dessen Mediensphäre lange Zeit einer bestimmten Elite vorbehalten war. Inzwischen findet man online Islamisten, Linke, Doktoranden, Bachelor-Studenten, Städter, Landbewohner... Für Younes Kassimi, Organisator der Moroccan blog awards, bei denen jedes Jahr die besten privaten Websites prämiert werden, sind diese äußerst vielfältigen Profile die große Stärke des marokkanischen Netzes. 'Das Web gibt Menschen eine Stimme, die bisher keine hatten, und von denen die Eliten letztlich ziemlich wenig wussten.'"
Archiv: Express
Stichwörter: Aneignung, Marokko

New York Review of Books (USA), 10.03.2011

James Gleick hat eine Geschichte der Information geschrieben: "The Information: A History, a Theory, a Flood", die mit drei Schritten in der heutigen Informationsflut landet. Der Hauptgrund für diese Flut ist, so der Physiker Freeman Dyson in seiner Besprechung, dass man irgendwann erkannt hat, dass die Verbreitung von Informationen nichts mit deren Inhalt zu tun hat. Information ist ein abstraktes Konzept. Zu ihrer massenhaften Verbreitung braucht man nur einen Code. Das Ergebnis ist bekannt, zum Beispiel in der Astronomie: "Teleskope und Raumschiffe haben sich langsam entwickelt, bei Kameras und der optischen Datenverarbeitung ging es dagegen sehr schnell. Moderne Himmel-Überwachungsprojekte sammeln Daten aus riesigen Himmelsabschnitten und füllen Datenbanken mit genauen Informationen über Milliarden von Himmelskörpern. Astronomen ohne Zugang zu großen Instrumenten können Entdeckungen machen, einfach indem sie die Datenbanken durchforsten statt den Himmel zu beobachten. Große Datenbanken haben ähnliche Revolutionen in anderen Wissenschaften wie der Biochemie und Ökologie ausgelöst."

Weitere Artikel: Dan Chiasson hat sich prächtig unterhalten mit der Autobiografie von Keith Richards, einem Meister der kurzen Sätze. Zum Beispiel die Antwort auf Marlons Brandos Vorschlag, sich mit Anita Pallenberg zu einem Dreier zurückzuziehen: "Later, pal." Garry Kasparov ist sehr angetan von Frank Bradys Bobby-Fischer-Biografie. Joyce Carol Oates bespricht David O. Russells Boxerfilm "The Fighter". Andrew Butterfield schreibt über die (schon abgelaufene) Ausstellung "Man, Myth, and Sensual Pleasures: Jan Gossart's Renaissance" im Metropolitan Museum. Und Larry McMurtry stellt drei neue Bücher über Marilyn Monroe vor. Warum sie uns immer noch interessieren könnte? In einem der drei Bücher gibt es ein Foto von Marilyn mit Edith Sitwell: "Es ist die einzige Fotografie, die ich je gesehen habe, auf der Edith Sitwell attraktiv aussieht."

Eurozine (Österreich), 18.02.2011

Liest man Ghania Mouffoks Bericht aus Algerien, dann ist die Situation dort noch unübersichtlicher als in Ägypten. Kein gemeinsames Interesse scheint die verschiedenen Vertreter der Opposition zu einen. Der "March of Change" am 12. Februar splittete sich schnell, mit kräftiger Unterstützung der Polizei, in drei Züge auf: "Einer mit den Islamisten, die nach Verhandlungen mit der "Nationalen Koordination für Wandel und Demokratie" einverstanden waren, nur als Individuen, nicht als Partei aufzutreten. Ein anderer Zug besteht aus Demokraten und schließlich gibt es noch einen mit 'yobs' [Schläger, bzw. jugendliche Bouteflika-Anhänger). Die ist Algerien auf einen Blick: zerstört, zerrissen, mit seinen offenen Wunden und herzlichen Feindschaften."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Algerien

Polityka (Polen), 18.02.2011

Große Architekten können nur selten nach Polen gelockt werden, schreibt Piotr Sarzynski (hier auf Deutsch), der darüber aber nur halb traurig ist. Für die Stars ist Polen oft nicht wichtig genug, wirklich herausragende Bauten zu planen. Da kann man manchmal nur froh sein, wenn Entwürfe nicht ausgeführt werden: "Besonders erbärmlich hat sich unter diesem Gesichtspunkt Zaha Hadid präsentiert. Ihr Entwurf für das Museum für Polnische Geschichte erinnerte an ein zerlaufenes Ei, der Sitz der Sinfonia Varsovia war sowohl banal als auch etwas altbacken. Am interessantesten schien noch das Hochhaus Lilium, obwohl sein Erdgeschoss bereits enttäuschte. Und die Idee, das Zentrum der Hauptstadt mit vier Wolkenkratzern unterschiedlicher Höhe und Breite einzubauen, wirkte geradezu grotesk. Ich denke, für diesen Entwurf hätte sie als Seminararbeit im Fach Urbanistik keinen Schein erhalten, nicht einmal im ersten Studienjahr der Architektur."
Archiv: Polityka

Nepszabadsag (Ungarn), 19.02.2011

Der renommierte ungarische Historiker Laszlo Karsai hat sich (gemeinsam mit seinem Kollegen Krisztian Ungvary) auf eine Diskussion mit Holocaustleugnern des Nazi-Portals kuruc eingelassen. Gabor Czene fragt ihn, warum er das getan hat: "Das fragen mich meine Freunde und Kollegen auch. Doch wenn sich nur ein paar junge Neonazis Gedanken über das machen, was wir dort niedergeschrieben haben, war unsere Arbeit nicht umsonst. Wichtiger noch ist, dass die Beiträge auf der Webseite seit Monaten in voller Länge vorhanden sind und zeigen, dass wir auf diese Weise argumentieren, und sie auf eine andere Weise. Bitte, vergleicht es doch! Die Jugend von heute liest kaum noch Bücher oder Zeitungen. Was im Netz nicht zu finden ist, existiert für sie einfach nicht. Wir dürfen sie nicht alleine lassen, es führt zu nichts Gutem, wenn sie stets mit niveaulosem Müll konfrontiert werden. [...] Vielleicht war es ein Fehler, mich an diesem widerwärtigen Disput über den Holocaust zu beteiligen, aber aus den Rückmeldungen weiß ich, dass viele ihn gelesen haben. Ich bereue es nicht."
Archiv: Nepszabadsag

Tehelka (Indien), 21.02.2011

In einem exzellent geschriebenen und kenntnisreichen Text gibt Arul Mani seiner Enttäuschung über den Werdegang des größten aktuellen Bollywood-Komponisten A.R. Rahman Ausdruck. Wobei der Begriff "Bollywood" die Sache schon nicht recht trifft. Eigentlich kam Rahman aus der Filmindustrie Tamil Nadus, deren bis dato sehr klischeelastige Soundtracks er wirkungsvoll unterwanderte. Von Bollywood führte sein Weg dann in die große weite Globalkinowelt. Und irgendwo dazwischen gingen die subversiven Elemente, bedauert Mani, verloren: "Wenn man sich 'Slumdog Millionär' und '127 Stunden' betrachtet, dann muss man sich fragen, ob der Eintritt ins mittlere Alter oder eine neu erworbene Übervorsicht die zwei bestimmenden Fähigkeiten Rahmans beinträchtigt haben - seine Antizipation der Wünsche und Träume des Publikums und seine Gabe zur Subversion. Seine Zusammenarbeit mit MIA bei 'Slumdog Millionär' enttäuschte dabei auf ganzer Linie. Das freundlichste, was man darüber sagen kann, ist, dass sie klingen wie Senioren, die bei einem Altersheim-Ausflug den Preis für Schwung und gute Laune erhalten... Es ist freilich gut möglich, dass Rahman gerade dabei ist, ein neues, globales Publikum zu erfinden. Es ist dann aber genauso wahr, dass eine Reihe Leute wie ich nicht mehr Teil dieses Publikums sind. Wir leben nicht mehr länger auf einer Insel und er kann nicht mehr, wie er es früher war, unsere Brücke in andere Gegenden sein."
Archiv: Tehelka
Stichwörter: Bollywood, Filmindustrie

Elet es Irodalom (Ungarn), 18.02.2011

Im Jahr 2014 soll in der ungarischen Hauptstadt erstmals eine "Budapest Biennale" veranstaltet werden. Um der Sache zum Erfolg zu verhelfen, setzen die Organisatoren auf einen - noch unbekannten - in der internationalen Kunstszene anerkannten Chefkurator. Ein falscher Ansatz, findet der Medienwissenschaftler Peter György. Die Verantwortlichen sollten sich erst einmal Gedanken darüber machen, "worin das Spezifische dieser Biennale bestehen könnte. Kein ausländischer Superstar vermag beispielsweise die fehlende Strategie der Budapester Oper zu ersetzen. Wovon eine Budapest Biennale 2014, also in erschreckend naher Zukunft, handeln und für wen sie gedacht sein kann, welche ungarischen Künstler in Frage kommen und welches international gültige Konzept dem kulturellen Raum der Stadt angepasst werden kann, das können nur wir wissen, die hier leben, und dieses Wissen kann kein einzelner, teurer und noch so herausragender Chefkurator ersetzen."

Janos Szeky sprach mit dem slowenischen Politikwissenschaftler Anton Bebler über die historischen Wurzeln des serbischen Nationalismus und fragte ihn, ob mit der europäischen Integration Serbiens diese Neigung verschwinde - oder ob gerade dadurch eine neue Gefahr in der EU entstehe: "Die EU-Mitgliedschaft und die schmerzhaften historischen Erfahrungen einzelner Länder - sofern sie tatsächlich schmerzhaft sind, wie im Fall Ungarns oder Serbiens - setzen dem territorialen Expansionismus oder dem Revisionismus ein Ende. Doch der Nationalismus - und die Xenophobie - werden durch die Zugehörigkeit zur Europäischen Union nur ein wenig gedämpft, aber nicht gänzlich ausgelöscht. Frankreich und Ungarn sind ein gutes Beispiel dafür - aber auch andere Länder. Sarkozy und Orban haben etwas gemeinsam, und nicht nur, dass beide einen ungarischen Vater haben."

MicroMega (Italien), 19.02.2011

Der Opposition zu Berlusconi wird nicht erst in den vergangenen Wochen eine gewisse Hysterie nachgesagt, die berechtigte Kritik zu diskreditieren droht. Diesem Vorwurf muss sich auch Marco Alloni stellen, der den wankenden Cavaliere vom Tiber flugs mit dem gestürzten Pharao vom Nil vergleicht. Berlusconi und Mubarak haben einiges gemeinsam, schreibt Alloni, zum Beispiel das Ausschalten jeglicher Konkurrenz. "Neben der Monopolstellung und in enger Verbindung zu ihr findet sich das Vermögen. Sowohl für Mubarak als auch für Berlusconi stellt das Vermögen keine Erscheinung des täglichen Regierungsgeschäfts dar, sondern dient als Instrument, um in der Politik eine grundsätzliche Zustimmung zu generieren. Mubarak, der über ein Familienvemögen von rund 70 Milliarden Dollar verfügt, konnte sich den Gehorsam von Ministern und unteren Chargen einfach erkaufen. Berlusconi - der im Rahmen der Simonie denkt - hat genau das Gleiche getan und tut es immer noch, mit dem einzigen lachhaften Unterschied, dass er seine unaufhörliche diesbezügliche Einkaufstour als 'Geschenke machen' bezeichnet."
Archiv: MicroMega

Common Review (USA), 21.02.2011

In einer Rede zum Nelson-Mandela-Tag in Johannesburg im vorigen Sommer denkt der chilenisch-amerikanische Dramatiker und Menschenrechtsaktivist Ariel Dorfman über das schwierige Erbe der Despotie nach, über Erinnerung und Versöhnung: "Diejenigen von uns, die gegen die Ungerechtigkeit gekämpft haben, mussten lernen, dass es oft schwieriger ist, seinen Feinden zuzuhören und zu vergeben, als selbst Grausamkeiten zu erleiden; wir mussten lernen, dass es moralisch komplizierter sein kann, mit den Versuchungen und Schatten der Freiheit klarzukommen, als in Zeiten der Unterdrückung, die klar und eindeutig Richtig und Falsch unterscheidet, erhobenen Hauptes und starken Mutes zu bleiben."

Hussein Ibish bespricht sehr ausführlich Paul Bermans Buch "The Flight of the Intellectuals" und Gilbert Achcars Studie "The Arabs and the Holocaust". Beiden gesteht er zu, wichtige Punkte anzusprechen, lehnt sie am Ende aber gleichermaßen ab: "Beide Bücher habe eine verstörend defensive, tribalistische Qualität, die ihre stärkere Argumente ernsthaft untergräbt. Berman deutet die palästinensische Nationalbewegung fehl als eine islamistische und stellt sich, schlimmer noch, hinter Ayaan Hirsi Ali trotz ihrer offenkundigen anti-muslimischen Bigotterie. Achcar verteidigt zum Teil die arabische Holocaust-Leugnung als Reaktion der Unterdrückten und, schlimmer noch, ergeht sich in einer anti-zionistischen Polemik, die praktisch jeden konstruktiven Dialog mit den meisten Israelis verhindert."

Rafia Zakaria stellt Isobel Colemans Buch "Paradise Beneath Her Feet" vor, das Porträts von erfolgreichen oder engagierten Frauen in islamischen Ländern versammelt. Allerdings fragt sich Zakaria, was Coleman unter islamischem Feminismus versteht, wenn sie selbst Frauen darunter subsumiere, die keinen Wert auf rechtliche Gleichstellung legen.

HVG (Ungarn), 12.02.2011

Kürzlich kam der amerikanische Designer Karim Rashid nach Budapest, von Kopf bis Fuß in Rosa gekleidet. Bevor er die Stadt (mit einem rosafarbenen Rubik-Würfel) wieder verließ, fragte ihn Eszter Szablyar, ob es ihn ärgere, dass der von ihm entworfene Mülleimer namens "Garbino" vor fünf Jahren in die Sammlung des New Yorker Moma aufgenommen wurde - und damit nun automatisch zur Vergangenheit gehöre: "Ich revoltiere in der Tat stets gegen die Vergangenheit. Und vielleicht hebt sich ja der jeweilige Gegenstand tatsächlich ein wenig von der Gegenwart ab, wenn er ins Museum kommt. So gesehen ist das schon eine Ehre. Viel mehr ärgert mich aber, dass auch die Menschen selbst in einer Art Museum leben. Die Gewohnheit überschreibt jede rationale Änderung und Entwicklung. Ich verstehe nicht, weshalb der Mensch die Chance nicht wahrnimmt, die Gegenstände der sich verändernden Welt anzupassen. Weshalb hat sich über lange Jahrzehnte hinweg die traditionelle Form des Telefons oder die Inneneinrichtung von Flugzeugen nicht verändert, und warum erwarten wir von einem Rokoko-Möbel, dass es wie ein Möbel des 21. Jahrhunderts funktioniert? Weshalb diese ständige Nostalgie - anstatt in der Gegenwart zu leben und die Zukunft zu entwerfen?"
Archiv: HVG

New Yorker (USA), 28.02.2011

In Wendell Steavensons Brief aus Kairo steht nichts Neues, aber ein sehr schöner Stimmungsbericht ist es doch. Etwa wenn er vom Auftritt des Generals Hassan al-Roweny erzählt, der am 2. Februar, dem Tag, als die Pro-Mubarak-Leute die Demonstranten verprügelten, auf den Tahrir Platz marschierte, "umringt von Soldaten und Militärpolizei in dunkelroten Berets. Er kam zu uns rüber und begann auf Sherif [einen jungen Apotheker, der Erste Hilfe leistete] einzuschimpfen, während er uns brüsk mit den Händen wegwinkte. Er sagte, die Demonstranten sollten den Platz verlassen und dass all dies Chaos das Werk fremder Mächte sei, die Ägypten destablisieren wollten. Sherif spottete über diese Vorstellung. Da ging Roweny auf einen Verwundeten zu, riss ihm den Verband vom Kopf und rief: 'Seht doch, es ist nur eine Schramme!' Ich sah getrocknetes Blut am Haaransatz dieses Mannes. Roweny ging zu einem anderen Mann, der einen Bausch aus Baumwolle fest an den Kopf bandagiert hatte. Ein scharfer Ruck, aber die Bandage löste sich nicht, weil sie an getrocknetem Blut festklebte. Dann passierte etwas seltsames. Roweny umfing den Mann in einer würgenden Umarmung und küsste ihn mit Nachdruck auf die Stirn - als wäre der Mann ein widerspenstiger Sohn, den er liebte und über den er gleichzeitig verzweifelte."

Außerdem: James Wood bespricht Teju Coles Debütroman "Open City" und John Lahr sah das Musical "Spiderman".
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Teju Cole, Tahrir, James Wood